BRAIN MODELLING I physikalische Modelle über das Gehirn BRAIN MODELLING I physikalische Modelle für das Gehirn auf zellulärer Basis nach einer Vorlesung von W.Gruber im Jahr 2003/04 an der Universität WIEN, Institut für Experimentalphysik Einführung und Historisches 1.0 Sichtweisen und Methoden 1 1.1 Historischer Überblick 5 Biologische Neuronen 2.0 Aufbau der Neuronen 13 Elektrische Potentiale in biologischen Neuronen 3.0 Charakterisierung des Aktionspotentials 17 3.1 Entstehung des Ruhemembranpotentials 19 3.2 Elektrische Eigenschaften der Membran 26 3.3 Entstehung eines Aktionspotentials 30 3.4 Das Hodgkin-Huxley-Modell 33 Die chemische Übertragung zwischen zwei Neuronen 4.0 Die Synapse 41 Technische Neuronale Netzwerke 5.0 Formale Neuronen 47 5.1 Das Perzeptron 52 5.2 Mehrschichtnetzwerke 55 5.3 Bestimmung der Gewichte 58 Lernen auf zellulärer Basis 6.0 Arten von Gedächtnissen 67 6.1 Lernen - Veränderungen an Synapsen 70 Sehen und Erkennen 7.0 Das visuelle System 79 7.1 Ganglienzellen 82 7.2 Verschaltungen im Sehsystem 88 Informationsübertragung im Gehirn 8.0 Repräsentation im Gehirn 93 8.1 Synchronisation von biologischen Neuronen 101 8.2 Gestaltpsychologie 106 Geräuschlokalisation bei der Schleiereule 112 Das Geruchssystem 116 _____________________________________________________________________ Exkurs: Das Liebesleben der Glühwürmchen 99 Was ist Chaos? 121 _____________________________________________________________________ Anhang A: Back-Propagation in Pseudo-C 132 Anhang B: Verhalten von 2 "integrate and fire"-Oszillatoren 133 Anhang C: Lösungen 137 Einführung und Historisches "Die vielleicht letzte wissenschaftliche Grenze - die ultimative Herausforderung - besteht darin, die biologische Basis des Bewusstseins und der geistigen Vorgänge, durch die wir wahrnehmen, handeln, lernen und uns erinnern, zu verstehen." Eric Kandel Das menschliche Gehirn stellt sicher eines der komplexesten Systeme in der Natur dar. Es gibt verschiedene Ansätze, dieses System zu beschreiben. Die Übergänge zwischen den einzelnen Fachgebieten und Methoden sind kontinuierlich. Das Gebiet der Hirnforschung ist äußerst interdisziplinär und somit ist es notwendig, auf die jeweiligen Fachgebiete einzugehen und die einzelnen Fakten und Theorien aus verschiedenen Gebieten gegeneinander aufzuwiegen und zu überprüfen. 1.0 Sichtweisen und Methoden Wie kommt die Physik dazu sich mit dem Gehirn zu beschäftigen? Nun, zum einen ist die Physik eine der elementarsten Naturwissenschaften, die schon in vielen anderen Arbeitsbereichen interessante Themenbeiträge liefern konnte (Erwin Schrödinger; Was ist Leben?). Zum anderen ist das klassisch physikalische Gebiet der komplexen dynamischen Systeme (Chaos- und Systemtheorie) geradezu prädestiniert, Phänomene der Selbstorganisation des Gehirns zu beschreiben. Leider gibt es noch keine konsistente physikalische Theorie, die das Gehirn, Bewusstsein, Lernen und so weiter beschreibt. In das Gebiet der Neurowissenschaft fließen Ergebnisse aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen. Natürlich ist es notwendig, die jeweiligen Fachsprachen zu sprechen, um die Arbeiten der KollegInnen verstehen zu können. Dieses Skriptum sollte helfen, ein fundiertes Wissen aus den verschiedensten Bereichen aufzubauen. Dort wo es möglich ist, werden auch die jeweiligen physikalischen Modelle, beziehungsweise die Grenzen verdeutlicht. Die Physik konnte sehr viele interessante Gedanken zur Gehirnforschung beitragen. Der Physiker Gottfried Wilhelm Leibniz wollte Denken und Wissen überhaupt auf das Rechnen zurückführen, um dann alle wissenschaftlichen Probleme letztlich durch Rechenmaschinen lösen zu können. John von Neumann hat später auf die Analogie zwischen den binären Computern und der Signalübertragung im Nervensystem hingewiesen. Aufgrund der raschen Computerentwicklung in den letzten Jahrzehnten entstand ein neues Teilgebiet der Physik: die ___________________________________________________________________________________ Einführung und Überblick 2 computative Physik. Es wurden neue numerische Verfahren entwickelt und dadurch neue physikalische Phänomene (Chaos, neuronale Netzwerke, seltsame Attraktoren und so weiter) entdeckt beziehungsweise neue Lösungen gefunden. Viele dieser Experimente unterliegen dem Selbstorganisationsprinzip, wie etwa Bénard-Zellen oder Spingläser. Durch verschiedenste physikalische Methoden ist es möglich, Erklärungen zu liefern und Vorhersagen zu treffen. Nachdem Christoph von der Malsburg eine Theorie zur Informationsverarbeitung im Gehirn aufgestellt hat, die dem Selbstorganisationsprinzip zugrunde liegt, hat es viele interessante Ansätze gegeben, um diese Theorie zu beweisen beziehungsweise zu widerlegen. Erst 1984 ist es Wolf Singer gelungen, dieses Prinzip in medizinischen Studien zu beweisen. Durch verschiedenste Ansätze der physikalischen Beschreibungsweise versucht man dieses Modell zu verbessern, um mehr Erkenntnisse über das menschliche Verhalten zu gewinnen. Ein Ansatz besteht darin, einzelne Neuronen als "integrate-and-fire"-Oszillatoren zu betrachten. Durch eine sinnvolle Kopplung zwischen diesen Oszillatoren ist es möglich, viele Phänomene aus dem Bereich der Neurowissenschaft physikalisch zu beschreiben. Interessanterweise können die Ergebnisse der Neurophysik auch in anderen Gebieten, wie der Festkörperphysik oder Hydrodynamik, angewendet werden. Die heutige Neurowissenschaft entwickelte sich aus der klassischen Medizin und der Psychologie. Es ist wichtig zu wissen, welches Gebiet für welche Problemlösung nützlich ist. So ist einem Mediziner die Wirkung einer Behandlung wichtiger, als die exakte mathematische Formel, welche die Erkrankung beschreibt. Heute sind folgende Wissenschaften mit folgenden Problemen beschäftigt: Die Biologie beschäftigt sich unter anderem mit den einzelnen Zellen, deren Aufbau und der Evolution unterschiedlicher Strukturen des menschlichen Gehirns. Der Bereich der Informatik ist wichtig um verschiedenen Modelle auszutesten. Durch die Informatik sollte die Software "intelligenter" werden. Die Mathematiker stellen Verfahren zur Berechnung komplexer Probleme zur Verfügung. Ohne das Wirken von Henry Poincaré wäre es nicht möglich gewesen, die Selbstorganisation im Gehirn zu beschreiben. Die Medizin versucht organische Schäden zu heilen. Bei unmittelbaren Problemen, die spontan entstehen und eine nachweislich organische Ursache haben, können sie durch verschiedene Therapien helfen. Die Neurologie im speziellen beschäftigt sich unter anderem mit den chemischen Vorgängen im menschlichen Gehirn. Die beiden französischen Psychiater Jean Delay und Pierre Deniker deckten die antischizophrene Eigenschaft von Chlorpromazin auf, Julius Axelrod entdeckte, auf welchem Weg die meisten Botenstoffe im Gehirn inaktiviert werden. Heute versucht eine Vielzahl von Biochemikern, die chemischen Vorgänge im Gehirn zu verstehen und neue Medikamente zu entwickeln. Damit wird es zum Beispiel möglich, sinnvolle Therapien gegen die Abhängigkeit von Suchtmittel durchzuführen. Die Biochemiker beschäftigen sich aber auch immer mehr mit den biochemischen und genetischen Vorgängen in den Neuronen. Dies führte zu äußerst interessanten Erkenntnissen auf dem Gebiet des zellulären Lernens. Natürlich werden die Mediziner kräftig von den Pharmazeuten unterstützt. Die Pharmazie stellt verschiedene Medikamente bereit. Eine wesentliche Frage beschäftigt sich vor allem damit, wie bringt man das Medikament durch die Blut-Hirn-Schranke. Sie verhindert auf wirksame Weise, daß gefährliche Stoffe den Neuronen zu Nahe kommen. Diese Schranke wird von den Gliazellen gebildet, welche die einzelnen Neuronen umhüllen. Die Psychologie versucht bei persönlichen Problemen des Lebens mit der Theorie des menschlichen Verhaltens zu helfen. Viele Verhaltensweisen sind stark strukturiert und unterliegen einer eigenen Dynamik. Leider sind die Regeln des menschlichen Verhaltens noch nicht naturwissenschaftlich herleitbar. ___________________________________________________________________________________ 3 Brain Modelling Durch die Technik im Allgemeinen entstehen bessere Computer die leistungsfähigere Programme erlauben. Aber auch der Zusammenhang zwischen Technik und Biologie wird immer wichtiger. So seien hier die Neuroprothesen erwähnt, die teilweise schon ganz excelente Leistungen erbringen (Cochlea-Implantat). Die Physik, wie schon oben beschrieben versucht komplexe dynamische Systeme zu erklären und zu berechnen. Und gibt es ein komplexeres und dynamischeres System als das menschliche Gehirn? Natürlich können die einzelnen Gebiete nicht wirklich voneinander getrennt werden. Jedes Gebiet profitiert von den Ergebnissen anderer. Die Neurowissenschaften können aber nicht nur in verschiedene Teilbereiche untergliedert werden. Es existieren verschiedene Ebenen der Betrachtung: Körper Immunsystem ZNS PNS Systeme von Neuronen ∼10 cm Karten von Neuronen ∼1 cm Gruppen von Neuronen ∼1 mm Neuronen ∼100 µm Synapsen ∼1 µm Moleküle ∼1 Å Abbildung 1.1: Hierarchien im Nervensystem, die jeweiligen Bauelemente mit den Größenordnungen und die Verknüpfung des Zentralnervensystems mit anderen Systemen des Körpers. Die Pharmazeuten beschäftigen sich mit den Molekülen, die Biologen beschäftigen sich mit den Synapsen und für den Mediziner ist es wichtig, wie die Moleküle auf die Synapsen einen Einfluss nehmen. Dadurch, daß die Synapsen die elektrischen Eigenschaften der Membran des Neurons verändern, kommt es zu einer veränderten Reizweiterleitung. Diese Reizweiterleitung lässt sich sehr gut durch die Diffusionsgleichung (Hodgkin-Huxley) beschreiben. Wenn mehrere Neuronen - durch Synapsen verbunden sind - dann spricht man von einer Gruppe. Diese Gruppe (rund 1000-10.000 Neuronen) ist schon in der Lage einfache Probleme zu lösen. Auf dieser Ebene ist das Phänomen der Synchronisation von wesentlicher Bedeutung. Wenn mehrere Gruppen von Neuronen benachbart sind, spricht man von einer Karte. Eine Karte analysiert Muster einer Sinnes- oder Assoziationsmodalität. Diese Karten sind für die SinnesPhysiologie und Psychologie von zentraler Bedeutung. Sie entstehen in sensiblen Phasen der Entwicklung von den Individuen. Wenn mehrere Karten (Neuronen auf der Großhirnrinde) mit Kernen (modulierende Strukturen im Inneren des Gehirns) sich mit einer Aufgabe beschäftigen, so spricht man von einem System. Das motorische System umfasst verschiedene Strukturen: primär motorischer, prämotorischer und supplemäntär motorischer Cortex, die Basalganglien, Teile des Thalamus, und die Substantia nigra - ein modulierender ___________________________________________________________________________________ Einführung und Überblick 4 Kern. Alle Systeme gehören dem Zentralnervensystem (ZNS) an. Man sollte aber nicht vergessen, daß auch das Rückenmark zum Zentralnervensystem gehört. Ein Nerv des Zentralnervensystems, der durchtrennt wurde, wächst nicht mehr zusammen. Für Nerven des peripheren Nervensystems (PNS) gilt dies nicht. Im Bereich des peripheren Nervensystems findet in der Regel auch keine Reizverarbeitung statt. Das Nervensystem dient dazu, rasch Signale aus der Umwelt und dem Körper zu verarbeiten und in geeigneter Weise zu reagieren. Ein anderes informationsverarbeitendes System ist das Hormonsystem. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit ist etwas langsamer und die Zielorientierung nicht so präzise. Aber einzelne Hormone, die als Reaktion auf äußere Einflüsse ausgeschüttet werden, wirken wiederum auf das Gehirn zurück. So können Synapsen durch einzelne Hormone absterben und der Kreis schließt sich wieder. Abbildung 1.2: Eine menschliche aufgeschnittene Gehirnhälfte. Man kann sehr schön den Unterschied zwischen der Gehirnrinde und den Kernen erkennen. Meist sprechen Laien beim Gehirn nur von der Großhirnrinde. Aber die Großhirnrinde ist nur ein Teil. Unter der Rinde im Zentrum des Schädels befinden sich viele kleine anatomische Strukturen. Diese Strukturen werden als Kerne bezeichnet. Sie steuern den Informationsfluss, während die Rinde die Information verarbeitet und speichert. ___________________________________________________________________________________ 5 Brain Modelling 1.1 Historischer Überblick Die Medizin beschäftigte sich schon sehr lange mit dem Gehirn, um den Menschen Linderung von seinen Qualen zu bringen. So sind uns schon Symptome, Diagnosen und Prognosen über Kopfverletzungen aus dem alten Ägypten überliefert. Im Edwin Smith Surgical Papyrus aus dem 17. Jahrhundert vor Christus erschienen zum ersten Mal die alten ägyptischen Hieroglyphen für das Wort »Gehirn«. Im alten Griechenland versuchten die Philosophen religiöse Definitionen durch wissenschaftliche zu ersetzen: Anaximenes(585-525 v.Chr.):Die Seele besteht aus Luft. Heraklith(550-480 v.Chr.):Die Seele besteht aus Feuer. Abbildung 1.3: Ein Fragment des Etwas konkreter formulierte Empedokles (490-430 Edwin Smith Surgical Papyrus v.Chr.) seine Gedanken: das Herz ist Zentrum des Denkens, Fühlens und Handelns. Eine gegenteilige Vermutung äußerte Alkmaion von Kroton (500 v.Chr.), der das Gehirn als zentrales Denkorgan ansah. So wurden zwei Hypothesen geboren: die Herz- und Hirnhypothese. Aristoteles (384-322 v.Chr.), ein Anhänger der Herzhypothese, vermutete, daß das Gehirn zur Kühlung des Blutes dient. So versuchte Aristoteles einen Zusammenhang zwischen der Körpergröße und dem Gehirngewicht herzustellen. Tatsächlich gibt es diesen Zusammenhang - aber aus anderen Gründen (siehe Abb.1.4). Wenn ein Organismus komplex genug wird, benötigt er auch ein besseres Informationsverarbeitungssystem. Aber aus der Größe oder dem Gewicht des Gehirns lässt sich nur sehr wenig über die Funktionsfähigkeit beziehungsweise über die Komplexität aussagen. Zum Beispiel haben Frauen ein leicht geringeres Gewicht des Gehirns. Man stellte aber fest, dass die Zahl der Neuronen praktisch gleich sind - nur dass die Neuronen der Frauen eine Spur kleiner und damit auch leichter sind. Hirngewicht [g] Elephant Mensch 103 Blauwal Australopithecus Säuger 2 10 10 Strauß Primaten Alligator Kolibri Reptilien 1 Aal Maulwurf 10-1 -3 10 10-2 10-1 Körpergewicht 1 10 102 103 104 [kg] Abbildung 1.4: Die Relation zwischen Körpergewicht und Hirngewicht. In Griechenland glaubte man, daß bei epileptischen Anfällen Götter und Dämonen in den Körper einfahren. Deshalb betrachtete man diese Krankheit als heilig, denn nur wenige "Auserwählte" wurden von den Göttern besucht. Auch die Araber verehrten die Betroffenen von geistigen Erkrankungen, denn sie seien in der Gnade Gottes bevorzugt. ___________________________________________________________________________________ Einführung und Überblick 6 Der berühmte Gladiatorenarzt Galen (129-199 v.Chr.) konnte zeigen, daß die Nerven zum Gehirn und nicht zum Herzen führen. Er konnte zeigen, daß ein leichter Druck auf eine bestimmte Regionen des Gehirns dazu führt, daß Bewegungen reversibel unterbrochen werden. Hingegen ein Druck auf das Herz führt zwar zu massivem Schmerz, aber es gibt keinen Einfluss auf willentliches Verhalten. Nur noch in der Literatur und dergleichen ist das Herz, das Zentrum der Emotionen und des Fühlens und Denkens. Der Philosoph Rene Descartes (1596-1650) warf ein interessantes Problem auf: Der Körper ist materiell und hat eindeutig eine begrenzte räumliche Ausdehnung. Er reagiert reflexiv auf sensorische Reize aufgrund der Aktivität des Gehirns. Der Geist beziehungsweise die Seele wirkt auf den Körper und erzeugt so ein Verhalten. So stellen sich einige Fragen: Gibt es einen Geist, beziehungsweise eine Seele? Wie interagiert der Leib und die Seele miteinander? Descartes meinte der Geist sei unteilbar. Deswegen können auch die Gehirnfunktionen nicht unterteilt werden und die Analyse des Körpers kann nicht die Funktionalität des Geistes erklären. Abbildung 1.5: Reflex für eine Hitzereiz, der einerseits ein Zurückziehen des betroffenen Körperteils bewirkt und auch die Aufmerksamkeit durch die Augen steuert. Nach heutigen Erkenntnissen ergeben sich neue Aspekte. Unser Gehirn besteht aus zwei Hirnhälften, die größtenteils symmetrisch zueinander sind. Früher war es bei Epilepsiepatienten manchmal notwendig, die beiden Hirnhälften anatomisch voneinander zu trennen. Es zeigte sich, daß sich die beiden Hälften nach der Operation individuell entwickelten. Man kann durchaus von zwei Gehirnen in einem Körper sprechen. Hat der Mensch nun zwei Seelen? So ist für Descartes die Zirbeldrüse (Epiphyse) der Sitz der Seele, denn die Zirbeldrüse ist der einzige Bereich im Gehirn, der nicht bilateral vorhanden ist. Eine Schädigung der Epiphyse führt aber nicht zu offenkundigen Verhaltensänderungen. Heute vermutet man, daß sie für jahreszeitliche Rhythmen verantwortlich ist. Descartes beschäftigte sich aber auch mit "einfacheren" Problemen. So prägte er den Begriff des Reflexes (siehe Abb.1.5). In der aktuellen Forschung beschäftigt man sich mit dem körperlichen Anteil des Erlebens. Über das scheinbar "Geistige" ist es schwierig Aussagen zu treffen. Wäre das Geistige etwas immaterielles, wie könnte es dann auf materielles einen Einfluss haben. Manche Forscher setzen den Geist mit dem Gehirn und all den damit verbundenen Aktivitäten gleich. J.Locke (1632-1704) meinte, dass das Bewusstsein bei der Geburt eine leere Tafel (tabula rasa) sei, auf der unsere Wahrnehmungen im Leben ihre Spuren hinterlässt. Damit stellen sich einige interessante Fragen. Wie starke sind die Gene beziehungsweise die Umwelt an der Intelligenz und dem Bewusstsein beteiligt. Eine Frage, die bis heute äußerst kontroversiel diskutiert wird. Interessanterweise hat Locke auf die Entwicklung des Menschen insbesonders des Nervensystems angesprochen: der Mensch ist noch nicht voll entwickelt, wenn er auf die Welt kommt, sondern viele seiner Vorlieben, Ekelgefühle und auch die Sprache entstehen durch die Sozialisation. ___________________________________________________________________________________ 7 Brain Modelling Die Wissenschafter Leibniz, Pascal und Schickard versuchten eine Mechanisierung des Denkens herbeizuführen. Es ging darum intelligente Handlungen durch ein mechanisches System nachzubilden. Damals wurde das Rechnen mit Zahlen als eine intelligente Handlung angesehen (wer konnte damals schon rechnen?). So versuchte man des Rechnen mit Zahlen durch Maschinen zu bewerkstelligen. Heute bezeichnet man einen guten Schachspieler als intelligent (zumindest machte man dies solange er nicht von einem Computer geschlagen wurde). Der Versuch eine Rechenmaschine zu bauen führte zu der Einführung des Dualsystems. Wenn zwei Zahlen verknüpft werden sollen, dann müssen zuerst die einzelnen Ziffern verknüpft werden. Betrachten wir die Aufgabe: 15 + 28 = __. Als erstes müssen die Ziffern 5 und 8 zusammengezählt werden und dann die Ziffern 1 und 2, wobei auf den Übertrag nicht vergessen werden darf. Also ist es notwendig für alle Ziffern (1; 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9; 0) alle Elementaroperationen (Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division) zu definieren. Dies sind über einige hundert Rechenoperationen. Durch die Einführung des Dualsystems lässt sich der Rechenaufwand drastisch reduzieren. Die Zahlen, mit denen gearbeitet werden muss, werden in das Dualsystem umgewandelt und dort gibt es gibt nur mehr zwei Ziffern (0 und 1) und für die Addition ergeben sich 4 Rechenoperationen: 0+0= 0 0+1= 1 1+0= 1 1 + 1 = 10 Dies führt zu einer drastischen Vereinfachung der Rechnungen. Die ersten Maschinen konnten dann tatsächlich rechnen, wenngleich die Mechanik ziemlich klobig war. Dem Nachbau des Gehirns war man aber nur einem kleinen Schritt näher gekommen. Erst durch die Einführung der Elektronik war es möglich, leistungsfähigere Maschinen zu bauen, mit denen es sogar gelungen ist, einzelne Bereiche Abbildung 1.6: Eine Rechenmaschine gebaut von Blaise des Gehirns zu simulieren. Pascal, Frankreich, um 1650. Abbildung 1.7: Die Darstellung der 3 Ventrikel und die Zuordnungen für die verschiedenen Denkbereiche. Gregor Reisch, Prior der Kartause in Freiburg, vermutete daß die Seele in den 3 Gehirnkammern (Ventrikel) ansässig sei. So soll in der ersten Kammer der Sitz für den Gemeinsinn, die Phantasie und das Imaginationsvermögen sein. Die 2. Kammer ist für das Denken und Urteilen wichtig und die dritte Kammer für das Erinnern. Zwischen der Kammer 1 und der Kammer 2 befindet sich eine Schleuse. Dadurch können die unterschiedlichen "Seelenbereiche" Informationen austauschen. ___________________________________________________________________________________ Einführung und Überblick 8 Beeindruckt durch die Pneumatik, das war die damalige Spitzentechnologie, entstanden die Ballontheorien. Das Gehirn ist nichts anderes als ein großer Blasebalg und eine Flüssigkeit wird über die Neuronen in die Muskeln geblasen. So können Muskeln kontrahieren und erschlaffen. Diese Theorie war auch von Blutkreislauf motiviert, wo Blut durch den ganzen Körper strömt. Erst 1677 konnte Francis Glisson mit einem einfachen Experiment zeigen, daß die Ballontheorie falsch ist. Man braucht nur den Oberarm in Wasser eintauchen und die Veränderung des Wasserspiegels messen, wenn der Muskel erschlafft beziehungsweise angespannt ist. Wenn die Pneumatheorie richtig wäre, dann müsste sich der Wasserspiegel ändern - was er aber nicht tut. Auch der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) äußerte sich zum Thema der Sensorik: "Wahrnehmung sei kein passiver Empfang von Sinneseindrücken, sondern es handle sich dabei um einen aktiven Prozess, der in spezifischer Weise durch den menschlichen Wahrnehmungsapparat hergestellt und organisiert wird." Damit wird ein wesentlicher Aspekt der menschlichen Organisation der Sensorik charakterisiert. Durch das Aufmerksamkeitssystem werden die einlangenden Informationen gefiltert und gesteuert. Die Steuerung scheint durch wesentliche Bereiche der Formatio Reticularis durchgeführt zu werden. Während dieser ganzen Zeit wurden Personen mit einer Geisteserkrankung durch fahrende Chirurgen behandelt. Sie entfernten sogenannte "Narrensteine" aus dem Kopf des Betroffenen. Praktisch wurde aber nur die Kopfhaut eingeritzt und mit etwas schauspielerischem Geschick ein Stein hervorgeholt. Geholfen wurde nur dem Chirurgen, für den diese Operationen eine lukrative Einnahmequelle darstellten. All die bisher genannten Wissenschafter haben sich "nur" mit Teilsaspekten des menschlichen Gehirns beschäftigt. Wichtig ist aber eine umfassende Theorie des menschlichen Gehirns. Diese Theorie wurde von Franz J. Gall (1758-1828) und Johannes C. Spurzheim (1776-1832) in Wien geschaffen (siehe Abb.1.8). Beide konnten zeigen, daß das Gehirn aus lebenden Zellen besteht und daß manche Zellen des Gehirns in das Rückenmark projizieren. Beide stellten fest, daß Studenten mit gutem Gedächtnis große hervortretende Augen haben. Also, so die neue Idee - müsse sich das Gehirn hinter den Augen besonders gut entwickelt haben und drücke nun auf die Augen. Wenn also manche Gebiete besonders gut entwickelt sind, dann drücken sie auch auf die Schädeloberfläche und sorgen so für Erhöhungen und Vertiefungen des Schädelknochens. Damit war die Phrenologie geboren. Diese damalige Idee führt zu einigen interessanten Schlussfolgerungen. Eine der Wichtigsten war die Lokalisation von Denkleistungen und daß aus geistigen Denkleistungen biologische Korrelate folgen. Durch Vermessung des Schädelknochens glaubte man nun auf bestimmte "geistige" Denkprozesse rückschließen zu können. ___________________________________________________________________________________ 9 Brain Modelling Abbildung 1.8: Münze des Phrenologen F.J. Gall (links) und eine Darstellung der verschiedenen Areale des Schädelknochens, die mit Denkprozessen verbunden sind (rechts). Aber es gab einige Probleme mit dieser Theorie. Zum einen wurden nicht eindeutige Begriffe für die unterschiedlichen Denkleistungen verwendet. Glaube, Selbstliebe, Verehrung sind nur sehr schwer messbar und es gibt keine eindeutigen Definitionen dafür. Zum anderen wurde auch nicht überprüft, ob die Schädeloberfläche tatsächlich ein Abdruck der Innenseite sei. Den meisten Spott mussten die beiden aber durch die Annahme, daß es keinen Geist gäbe, sondern daß alles angeboren sei, hinnehmen. Heute wissen wir, daß sich die Phrenologie als falsch herausgestellt hat. Aber es war die erste in sich konsistente Theorie und die Annahme, daß Denken ein naturwissenschaftlicher Prozess sei und daß es besondere spezifische Gebiete des Gehirns gibt, war revolutionär. Dadurch, daß die gesamte Theorie massive Mängel aufwies und in Verruf geriet, hatten nachfolgenden Wissenschaftler die tatsächlich Lokalisationen im Gehirn (nicht auf der Schädeloberfläche) festgestellt hatten, beträchtliche Probleme. Pierre Flourens (1794-1867) versuchte die Phrenologie zu widerlegen. So entwickelte er die Läsionstechnik. Tauben wurde der Schädel geöffnet und ein kleines Stück des Gehirns entfernt. Danach beobachtete man die jeweiligen Verhaltensstörungen. So fand er ein Zentrum für die Atemtätigkeit und stellte fest, daß das Kleinhirn für die Bewegungskoordination verantwortlich ist. In den Untersuchungen fand man, daß nur rund 10% des Gehirns wichtig sind. Aber diese Aussage ist falsch. Man beobachtete die Tiere nicht in einer natürlichen Umgebung. Man konnte feststellen, ob die Tauben und Hühner in der Lage waren selbstständig zu fressen und ob sie mit den Flügeln schlagen konnten. Heute wissen wir, daß jeder Kubikmillimeter Gehirn wichtig sind. Aber manche Areale des Gehirns lassen sich nur durch ausgefeilte psychologische Tests austesten. So stellte Flourens trotz mangelhafter Tests folgende Dogmen auf: 1) Der Cortex ist nicht erregbar. 2) Der Cortex spielt keine Rolle bei der Erzeugung von Bewegung. 3) Einzelne Funktionen des Denkens und Handelns sind nicht lokalisiert. Ein besonderes Areal konnte Paul Broca (1824-1880) entdecken. Broca interessierte sich für die Sprechfähigkeit von Menschen. Er fand eine Gruppe von Patienten, die etwas gemeinsam hatten. Die Patienten hatten zwar ein gutes Wortverständnis und der Stimmapparat war in Ordnung, trotzdem konnten sie nicht sprechen. So nahm er Autopsien an dieser ___________________________________________________________________________________ Einführung und Überblick 10 Patientengruppe vor. Es zeigte sich, daß praktisch alle Patienten in einer speziellen Region der Großhirnrinde eine Läsion aufwiesen. Dieses Zentrum ist für die motorische Sprachsteuerung notwendig. Mit diesen Befunden wurde Broca in das Eck der Phrenologen gestellt. Aber spätere Studien bestätigten seine Befunde und das von ihm gefundene Areal wird ihm zu Ehren als Broca-Areal bezeichnet - es ist für die Fähigkeit zu sprechen sehr wichtig. Luigi Galvani (1737-1798) versuchte das Fluidum des Lebens zu ergründen. So entdeckte er, daß Froschschenkel durch Elektrizität kontrahiert werden können. Also könnte die Elektrizität für Verhaltensweisen wichtig sein. Gustav T. Fritsch (1838-1929) und Eduard Hitzig (18381907) griffen diesen Gedanken auf und veröffentlichten 1870 eine aufsehenserregende Arbeit mit dem Titel "Über die elektrische Erregbarkeit des Cerebrum". Damit war die Elektrophysiologie geboren. Es konnte gezeigt werden, daß elektrische Reizungen des Gehirn in unterschiedlichen Arealen zu unterschiedlichen Bewegungen und Zuckungen bestimmter Körperteile verursacht. Somit wurde die Lokalisationstheorie auch von einer anderen Seite her bestätigt. Damit wurden die 3 Dogmen von Flourens gestürzt. Trotzdem sprachen sich mehrere Wissenschafter gegen die Lokalisation aus. Zum Beispiel meinte Friedrich L. Goltz (1834-1902), daß es unterschiedliche Arten des Essens, des Gehens gäbe. Also kann es nicht ein Gebiet für unterschiedliche Verhaltensweisen geben. Hughlings und Jackson konnten zeigen, daß das Gehirn hierarchisch organisiert ist. Die Information gelangt über das Rückenmark zum Hirnstamm und dann weiter zur Großhirnrinde. Im Rückenmark findet ein einfaches Reiz-Reaktions Verhalten statt. Je höher die Verarbeitungsebene ist, umso komplexer werden die Verhaltensweisen. Camillo Golgi (1843-1926) entwickelte eine neue Färbungstechnik (KaliumBiochromat-Fixierung mit anschließender Silber-Imprägnierung), die nur wenige Nervenzellen in einem mikroskopischen Feld anfärbte und dadurch die zytologische Untersuchung von Neuronen wesentlich erleichterte. So fand man unglaublich verschlungene Strukturen, Faserzüge und Kerne. Der Beweis, daß Nervenzellen klar abgegrenzte Einheiten mit einem rezeptiven Ende (Dendriten), Abbildung 1.9: Camillo Golgi (links) und Santiago einem leitenden Teil (Axon) und einem Ramón y Cajal (rechts). übertragenden Ende (Synapse) sind, gelang Ramón y Cajal. Er zeigte, daß das Nervensystem kein durchgehendes Netzwerk ist, sondern aus einzelnen Nervenzellen Neuronen genannt - besteht. Ihm war bewusst, daß eine exakte Kenntnis der Gehirnstruktur für den Aufbau einer rationalen Psychologie von überragender Bedeutung ist. Beide bekamen 1906 den Nobelpreis. Mit den heutigen neuen bildgebenden Verfahren ist es möglich, eine gute Kartographie des menschlichen Gehirns durchzuführen. Mit physikalischen Meßmethoden (Computertomographie CT, Magnetspintomographie NMR, PositronenEmissions-Tomographie PET, Elektroencephalographie EEG) können nicht nur Verletzungen genau lokalisiert werden, sondern neuerdings ist es auch möglich, dem Gehirn unmittelbar beim Denken zuzusehen. Durch die Arbeiten von Golgi und Cajal entstand die Neuronenhypothese. Neuronen sind die elementarsten Einheiten. Sie können miteinander interagieren und dadurch entsteht die gesamte Bandbreite menschlichen Verhaltens. So stellen sich 3 Fragen: ___________________________________________________________________________________ 11 Brain Modelling 1) Wie werden Signale im Nervensystem weitergeleitet ? 2) Wie ist das Nervensystem aufgebaut ? 3) Wie sind die einzelnen Neuronen untereinander und mit der Muskulatur verbunden ? Charles S. Sherington (1857-1952) untersucht im Besonderen die Verbindung zwischen dem Neuron und dem Muskel. So fand er eine wesentliche Untereinheit des Neurons: die Synapse. Abbildung 1.10: A.L.Hodgkin (links) und A.F.Huxley (rechts). 1952 veröffentlichten A.L. Hodgkin und A.F. Huxley eine Arbeit, die die Reizweiterleitung im Neuron erklärt: "A quantative description of membrane curent and its application to conduction and excition in nerve." Mit dieser Differentialgleichung ist es möglich die elektrischen und chemischen Eigenschaften der Membran zu beschreiben. Dadurch konnte erklärt werden, wie manche Gifte im Körper wirkten. Für ihre Arbeiten wurden sie 1963 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Der Begriff Psychologie leitet sich aus dem Griechischen ab (psyché = Seele) und bedeutet die Lehre von seelisch-geistigen Erscheinungen. Die Aufgabe der wissenschaftlichen Psychologie ist es, Gesetzmäßigkeiten des Erlebens und Verhaltens zu erforschen. So wird zum Beispiel das Lernverhalten von Menschen analysiert. Die Psychologie besitzt zwar einen weniger naturwissenschaftlichen Zugang zu den Denkprozessen, aber es gibt sehr viele Modelle für verschiedene geistige Phänomene. 1902 prägte Wundt den Begriff der Biopsychologie. Er hatte große Problem damit sich durchzusetzen. Allerdings wurden große Problem in den letzen 20-30 Jahren gelöst und nun hat auch die Psychologie vermehrt Interesse an den Naturwissenschaften. Auch Sigmund Freud war ein Anhänger einer naturwissenschaftlichen Theorie des menschlichen Verhaltens. Er musste aber bald feststellen, daß die Naturwissenschaft noch nicht so weit ist, um die geistigen Phänomene erklären zu können. So schaffte er ein psychologisches Modell vom Verhalten. Er stellte verschiedene Postulate über das Seelenleben auf: 1) Das Seelenleben ist, ähnlich wie in der Physik determiniert, auch wenn die Ursachen nicht immer gleich erkennbar sind. 2) Große Bereiche des Denkens sind unbewusst und emotional gesteuert. 3) Konflikte werden in einem eigenem Bereich (dem Unbewussten) gespeichert. Es treten Widerstände bei der Bewusstwerdung auf, die aber im Traum herabgesetzt werden können. 4) Ursachen für Konflikte reichen bis in die Kindheit zurück. Abbildung 1.11: Ein Netzwerk, das unterschiedliches Verhalten beschreibt - eine Handschrift von S. Freud. ___________________________________________________________________________________ Einführung und Überblick 12 Die Kybernetik ist eine übergreifende Wissenschaftsdisziplin, die sich mit der formalen mathematischen Beschreibung und modellartigen Erklärung von dynamischen Systemen beschäftigt. Sie wurde von Norbert Wiener gegründet. Als besonderes Kennzeichen dieser Disziplin gilt das Prinzip der selbsttätigen Regelung und Steuerung durch Übertragung und Verarbeitung sowie Rückübertragung von Informationen in wenigstens einem Rückkopplungssystem. Norbert Wiener ging von Analogien zwischen organischen und technischen Systemen aus. So eignet sich die Kybernetik hervorragend zur mathematischen Modellierung von Gehirnprozessen und den damit verbundenen Verhaltensprozessen. Nicht die materiellen Eigenschaften stehen im Vordergrund, sondern die Möglichkeit des Verhaltens. Die Eigenschaften des Systems stehen im Vordergrund. Um das menschliche Gehirn und das damit verbundene Denken, Wahrnehmen und Lernen naturwissenschaftlich beschreiben zu können, bedarf es einer mathematisch-physikalischen Formulierung basierend auf medizinischen, physikalischen, biologischen und chemischen Grundlagen, um psychologische und psychiatrische Modelle zu überprüfen, zu ergänzen oder auch neu zu entwickeln. Wie man sieht gibt es verschiedene Möglichkeiten das Gehirn zu erforschen. Im ersten Teil dieses Skriptums beschäftigen wir uns mit den mikroskopischen lokalen Effekten. Es wird erläutert was ein Neuron ist, wie es funktioniert, wie man es nachbauen kann und so weiter. Diese Phänomene sind die Basis für das weitere Verstehen des Gehirns. Nur wenn man diesen Bereich wirklich verstanden hat, dann ist man in der Lage die makroskopischen globalen Phänomene zu verstehen. Alle makroskopischen Effekte können in der Regel direkt an Patienten beobachtet werden. Meist sind mehrere Subsysteme des Gehirns beteiligt, die das Betrachten noch verkomplizieren. Eine Trennung in diese beiden Bereiche ist natürlich willkürlich und die Übergänge sind fließend. ___________________________________________________________________________ Welche Wissenschaften beschäftigen sich mit dem Gehirn im weitesten Sinn ? Wie viele Ebenen der Betrachtungsweise des Gehirns gibt es, bzw. sind sinnvoll ? Welche Gebiete beschäftigen sich mit den einzelnen Ebenen ? Wann tauchte erstmals der Begriff "Gehirn" erstmals in der Geschichte auf ? Welche verschiedenen Hypothesen zur Aufgabe des Gehirns kennen sie ? Welche Vorteile bietet das Binärsystem gegenüber dem Dezimalsystem ? Wer schuf die erste umfassende Gehirntheorie und was besagt sie ? Wer konnte zeigen, daß Neuronen klar abgegrenzte Einheiten sind ? Wie heißt die Kontaktstelle zwischen den einzelnen Neuronen beziehungsweise zwischen einem Neuron und einem Muskel ? Wie lauten die Postulate von S. Freud ? Wie lauten die zwei wesentlichen Arbeitshypothesen in der Neurowissenschaft ? ___________________________________________________________________________________ 13 Brain Modelling Biologische Neuronen Neuronen stellen die elementarsten Einheiten des Gehirns dar. Nur wenn man wirklich die Funktion von ihnen verstanden hat, dann erst ist es möglich komplexe Phänomene des Denkens zu begreifen. 2.0 Aufbau von Neuronen Nervenzellen, auch Neuronen genannt, sind die wesentlichen informationsvermittelnden Bausteine des Gehirns. Diese Zellen sind nach denselben Grundsätzen aufgebaut wie die übrigen Zellen im ganzen Körper. Sie zeigen aber einige Besonderheiten wie die Zellform, die Art der Zellmembran und die Möglichkeiten, chemische wie elektrische Signale zu empfangen, zu modulieren und weiterzugeben. Der Empfang von solchen Signalen geschieht in der Regel durch Synapsen, die Modulation durch den Zellkörper, und die Weitergabe von Signalen wiederum durch Synapsen. Als zweite Besonderheit von Neuronen ist die fehlende Zellteilung zu erwähnen. Nervenzellen teilen sich nicht mehr nach der embryonalen Entwicklung, das heißt der bis zur Geburt entstandene Vorrat von Zellen muss ein Leben lang ausreichen. Abbildung 2.1: Die Abbildung zeigt ein Golgi-Präparat (1911) mit Pyramidenzellen (links) und Purkinjezellen (rechts). Nervenzellen kann man in drei wesentliche Teile aufgliedern: den Zellkörper, die Dendriten und die Nervenfaser oder auch Axon. Der Zellkörper (Perikaryon, Soma), kugelförmig oder auch pyramidenförmig, enthält den Zellkern und den biochemischen Apparat für die Synthese von Enzymen und anderen ___________________________________________________________________________________ Biologische Neuronen 14 zellnotwendigen Substanzen. Besonders wichtig ist die Synthese von Membranproteinen. Diese Proteine lassen sich in fünf Gruppen einteilen: Pumpenproteine sorgen unter Energieverbrauch dafür, daß Ionen und andere Moleküle die Membran entgegen einem Konzentrationsgefälle passieren können. Kanalproteine ermöglichen es Ionen und Moleküle, die für sie normalerweise undurchlässige Membran entsprechend einem Konzentrationsgefälle zu passieren. Rezeptormoleküle reagieren mit Molekülen, wie zum Beispiel mit Neurotransmitter oder Neuropeptiden, die dann das Verhalten der Zelle beeinflussen. Zellenzyme beschleunigen die chemischen Reaktionen der Zellmembran und Strukturproteine erhalten die Feinstruktur der Membran aufrecht. Die Wirkung und der Einfluss von einzelnen Proteinen kann übergreifend sein. Abbildung 2.2: Eine Pyramidenzelle mit verästelten Fortsätzen, die mit Tausenden von signalaufnehmenden Dornen übersät ist. Rechts sieht man eine erregende Synapsenverbindung (oben) und unten eine hemmende Synapsenverbindung. Die Dendriten sind röhrenförmige Fortsätze des Zellkörpers, die sich vielfach verästeln. Vom Feinbau her gesehen unterscheiden sich die Dendritenfortsätze eines Neurons nicht vom ___________________________________________________________________________________ 15 Brain Modelling Somabereich, außer daß ihnen das raue endoplasmatische Reticulum zur eigenen Proteinsynthese fehlt. Die Dendriten dienen der Vergrößerung der rezeptiven Oberfläche einer Nervenzelle und sind deshalb mit besonders vielen Synapsen übersät. Über diese Synapsen nimmt die Nervenzelle ankommende Signale auf und leitet sie über die Dendriten zum Zellkörper weiter. Dort werden die Signale summiert und bewertet. Manche Neuronen haben oft 20 bis 40 Hauptdendriten, die sich in feinere Zweige aufspalten. Auf diesen Dendriten sind kleine Ausbuchtungen - sogenannte Dornen. Diese Dornen sind Synapsen. An ihnen docken andere Neuronen an und es werden exzitatorische Signale über diese Dornen übermittelt. Durch die Weiterleitung über die Dendriten kommt es zu einer zusätzlichen Gewichtung von elektrischen Signalen. Sie werden abgeschwächt. Die Synapsen von den hemmenden Neuronen nehmen direkten Kontakt mit dem Zellkörper auf. Die Signale werden dabei praktisch nicht mehr abgeschwächt. Das Axon (Neurit oder Nervenfaser) ist wie ein Dendrit ein Ausläufer des Zellkörpers. Es dient zur Informationsweiterleitung zu anderen Neuronen. Die Übermittlung findet meistens über größere Distanzen statt. Üblicherweise ist das Axon bedeutend länger und dünner als die Dendriten. Das Neurit verzweigt sich erst dort, wo die Teiläste mit anderen Neuronen über Synapsen wieder in Verbindung treten. Diese Verästelungen werden Neuritenbaum, Seitenzweige oder Kollaterale genannt. Schwann-Zellen, eine Sonderform der Gliazellen, umgeben das Axon mit einer Myelinhülle. Jede Schwannzelle umhüllt der Länge nach jeweils rund einen Millimeter des Axons. So ist die Myelinhülle ungefähr alle ein bis zwei Millimeter von einem feinen Spalt, dem Ranvierischen Schnürring, unterbrochen. Nervenzellen unterscheiden sich natürlich auch in ihrer Funktion und lassen sich in drei Arten unterteilen: sensorische Neuronen, motorische Neuronen und Interneuronen. Sensorische (oder afferente) Neuronen übermitteln dem Nervensystem Information, die der Wahrnehmung, wie auch der motorischen Koordination dienen. Motorische Neuronen, oder auch Motoneuronen, übermitteln Signale an Muskeln und Drüsen. Interneuronen bilden die größte Menge an Neuronen im Nervensystem und sind nicht spezifisch sensorisch oder motorisch. Sie verarbeiten Informationen in lokalen Schaltkreisen oder vermitteln Signale über weite Entfernungen zwischen verschiedenen Gebieten. Die Pyramidenzellen, die zur Klasse der Interneuronen zählen, befinden sich in der Großhirnrinde und besitzen einen apikalen (an der Spitze gelegen, nach oben gerichteten) Hauptfortsatz des Zellkörpers, der sich in zahlreiche Dendriten verzweigt, und ein Axon. Weitere Dendriten entspringen dem Pyramidenmantel. Das Axon kann eine Länge von bis zu einem Meter erreichen. Sternzellen sind der zweitwichtigste Typ von Neuronen im Gehirn. Ihren Namen haben sie von der sternförmigen Struktur der Dendriten. Die Ausläufer der Dendriten und des Axons bleiben in der Regel in der näheren Umgebung des Zellkörpers. Man unterscheidet zwischen dorntragenden und dornlosen Sternzellen. Die dornlosen Zellen verwenden meist einen Neurotransmitter, der eine hemmende Wirkung auf die Pyramidenzellen hat. Purkinjezellen, wie sie häufig im Kleinhirn vorkommen, sind bipolar gebaute dendritische Neuronen. An ihrem spitzwärtigen Pol entspringt ein verzweigter Riesendendrit, an der Basis hat der Neurit seinen Ursprung. Sie bekommen von über 25 000 anderen Neuronen Signale, die sie dann weiter verarbeiten. ___________________________________________________________________________________ Biologische Neuronen 16 Die strukturelle Vielfalt der Nervenzellen trägt dazu bei, daß das Gehirn sowohl Informationen aufnehmen, filtern, sortieren, interpretieren, speichern, abrufen, nutzen und mitteilen als auch Gefühle erleben und Bewegungen kontrollieren kann. a) b) c) d) Abbildung 2.3: Beispiele für die Vielfalt der Neuronen: (a) An einer Stelle, dem Nucleus reticularis lateralis sind die Dendriten kurz und buschig und enden in signalaufnehmenden "Sammelstellen". (b) In der Nähe des Nucleus hypoglossi sind die Dendriten lang, leicht gekrümmt und relativ wenig verzweigt (c) An einer anderen Stelle, dem Nucleus reticularis gigantocellularis einer neugeborenen Katze, ziehen die Dendriten in alle Richtungen und sind dicht mit dendritischen Dornen besetzt. (d) Wenn die Katze fünf Monate alt ist, haben die Dendriten die meisten ihrer Dornen verloren. Die Zellen haben jetzt eine eindrucksvolle Größe. Abbildung 2.4: Eine dreidimensionale Darstellung eines Neurons, das sechsmal um etwa 10° um die vertikale Achse weitergedreht wurde. Um das Neuron dreidimensional zu sehen, führt man die Nasenspitze zu einer Nahtstelle zwischen zwei Bildern. Danach vergrößert man wieder - langsam - den Abstand und versucht dabei einen imaginären Punkt - weit entfernt - anzuvisieren (viel Glück - es funktioniert wirklich). ___________________________________________________________________________ Aus welchen funktionellen Einheiten besteht ein Neuron ? Welche Proteine wirken im Zellkörper ? Welche Aufgaben haben die Dendriten, die Synapsen ? Welche Arten von Neuronen gibt es ? ___________________________________________________________________________________ 17 Brain Modelling Elektrische Potentiale in biologischen Neuronen Die Neuronen können über elektro-chemische Effekte Signale weiterleiten. Dieser Vorgang ist ziemlich komplex. Die gesamte Informationsweiterleitung und Verarbeitung bedarf dem Wissen über das Entstehen von Aktionspotentialen und deren Weiterleitung. 3.0 Charakterisierung des Aktionspotentials U [mV] (a) t Aktionspotential Schwellwertspannung Ruhemembranpotential U [mV] (b) t Depolarisation (Anhebung des "Ruhe"-Membranpotentials) Hyperpolarisation (Erniedrigung des "Ruhe"-Membranpotentials) Abbildung 3.1: Das Aktionspotential, mit verschiedenen Begriffen. An der Membran eines Neurons (überall) herrscht eine Spannung zwischen dem inneren und äußeren Bereich, das sogenannte Ruhemembranpotential. Dies liegt zwischen -55 und -90 mV. Der Überträgerstoff aus der Synapse erzeugt eine Potentialänderung (≈ 0.04 - 1 mV) an der Membran des nachgeschalteten Neurons. Das Ruhemembranpotential kann erhöht (Depolarisation) oder erniedrigt (Hyperpolarisation) werden (siehe Abb. 3.1b). Die Ströme aus den Synapsen gelangen über den Dendritenbaum zum Axonhügel und werden dort nichtlinear addiert. Wenn eine gewisse Schwelle (liegt rund 10-20 mV höher als das Ruhemembranpotential) am Axonhügel überschritten wird, dann wird ein Aktionspotential ausgelöst (siehe Abb. 3.1a), über das Axon weitergeleitet und am Neuritenbaum des betreffenden Neuron schütten die Synapsen wiederum Überträgersubstanz an andere Neuronen aus. Die Stärke der Ausschüttung von Überträgersubstanz kann verändert werden. Wenn ein Neuron stark gereizt wird, dann feuert es öfters. Es werden mehrere Aktionspotentiale ausgelöst - dies führt zu einer höheren Transmitterausschüttung an den Synapsen. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 18 Im Nervensystem werden die Informationen durch elektrische Impulse, worauf wir noch näher eingehen werden, verarbeitet. Diese Impulse entstehen durch eine elektro-chemische Reizung der Zellmembran. Es können unterschiedliche Pulsfolgen (Aktivitätsmuster) auf eine Reizung entstehen, da die Struktur der Zellmembran variieren kann. Die Klassifizierung basiert auf drei generellen Variablen: (1) Die Charakteristik des individuellen Aktionspotentials (eines einzelnen Pulses) und das unmittelbar folgende elektrische Verhalten (Hyperpolarisation, Depolarisation usw.). (2) Das Antwortverhalten auf einen intrazellulären Spannungsimpuls in der Größe nahe dem Schwellwert. (3) Das wiederholte Antwortverhalten auf einen länger andauernden intrazellulären Reiz. Aufgrund einer unterschiedlichen Membranbeschaffenheit, beziehungsweise einem unterschiedlichen Metabolismus im Zellkern ergeben sich unterschiedliche Aktivitätsmuster bei der Reizung des Neurons: reguläres, schnelles und salvenartiges Aktivitätsmuster. Reguläre Aktivitätsmuster treten bei vielen Neuronen auf. Das Aktionspotential zeigt eine ausgeprägte Phase an Hyperpolarisation und Depolarisation nach dem Aktionspotential. Die Repolarisation findet langsam statt. Bei elektrischer Stimulation des Neurons beim Schwellwert kommt es zu einem Aktionspotential. Bei Neuronen, die ein schnelles Aktivitätsmuster zeigen, findet eine geringere Hyperpolarisation und Depolarisation unmittelbar nach dem Aktionspotential statt. Das Neuron feuert für einige hundert Millisekunden mit 500-600 Hertz bei einer starken Stimulation. Die temporären Eigenschaften des Inputs bleiben im Output sehr gut über einen großen Frequenzbereich erhalten. Neuronen mit salvenartigen Aktivitätsmustern gibt es relativ selten. Wird ein solches Neuron durch einen einzelnen Reiz stimuliert, dann antwortet es mit einer Salve von Aktionspotentialen, deren Amplituden abnehmen. Einzelne Aktionspotentiale zeigen eine markante Nach-Depolarisation, sind aber ähnlich den regulären Potentialen. Die Salven treten rhythmisch mit einer Frequenz von 5-15 Hertz auf. elektrisches Antwortverhalten Schwelle Reizspannung (∆U≈10 mV) t t t Abbildung 3.2: Darstellung eines regulären, eines schnellen und eines salvenartigen Aktivitätsmusters. ___________________________________________________________________________________ 19 Brain Modelling 3.1 Entstehung des Ruhemembranpotentials Die Membran besteht aus einer Doppelschicht von Phospholipiden. Sie trennt den intrazellulären vom extrazellulären Bereich (innen und außen). Die Membran ist von ionenspezifischen Kanälen durchsetzt. Das heißt, es können nur bestimmte Ionen durch diese Kanäle wandern. Im inneren und äußeren Bereich befinden sich gelöste Ionen: Na+, K+, Cl-. Die organischen Ionen A- (Aminosäuren) befinden sich nur im Inneren des Neurons. ionenspezifischer Kanal außen Doppellipidschicht innen Abbildung 3.3: Darstellung einer Membran mit einem Ionenkanal. Diese Ionen verteilen sich nun gemäß ihres Konzentrationsgradienten (bis dieser gleich Null wird) im intra- und extrazellulären Raum. Überall sollte die gleiche Konzentration vorherrschen. Des weiteren muss auch der elektrostatische Gradient ausgeglichen werden. Wasser Abbildung 3.4: Ein Wasserglas mit einer lösbaren Substanz. Links ist die Substanz noch nicht gelöst, während sie rechts gleichverteilt ist. Betrachten wir - als den einfachsten Fall - ein Glas Wasser und geben wir eine lösliche Substanz dazu. Durch verschiedenste thermodynamische Effekte verteilt sich diese Substanz die Konzentration ist überall gleich groß - der Konzentrationsgradient ist Null. Jedes System versucht einen Zustand möglichst geringer Energie einzunehmen. Wäre unsere lösliche Substanz elektrisch geladen, so würde sie sich genauso gleichverteilten - der elektrostatische Gradient der Ladungsdichte wäre in dem Behälter auch gleich Null. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 20 Abbildung 3.5: Ein Wasserglas mit einer semipermeablen Membran und zwei lösbaren Substanzen, wobei aber nur eine (schwarze Kreise) Substanz durch die Membran wandern kann. Teilen wir nun den Behälter durch eine semipermeable Membran und nehmen wir zwei lösliche elektrisch geladene Substanzen - K+-Ionen und die Aminosäuren A–. Zum Beispiel stellt die Gliazelle ein so einfaches System dar. Die Gliazellen umhüllen die Neuronen, versorgen sie mit Nährstoffen und sie stellen die Blut-Hirnschranke dar. Dieser Zelltyp verfügt nur über K+-Ionenkanäle. K+ kann durch die Membran diffundieren, während die Aminosäuren A– im Inneren der Zelle bleiben müssen - sie sind zu groß um durch die Ionenkanäle diffundieren zu können. Die Membran lässt nur eine Substanz, nämlich K+, durch. Durch das Konzentrationsgefälle wird das Kalium versuchen sich überall auszubreiten - es diffundiert durch die Ionenkanäle der Membran. Dabei bleiben die negativ geladenen Aminosäuren zurück - sie können den intrazellulären Bereich nicht verlassen. Es ergibt sich ein positiver Ladungsüberschuss auf der Außenseite - aufgrund der Kalium-Ionen - und ein negativer innerhalb der Zelle - aufgrund der negativ geladenen Aminosäuren. Der elektrostatische Gradient führt dazu, daß die Kalium-Ionen außerhalb der Zelle wieder zur Membran getrieben werden - das elektrische Ungleichgewicht soll ausgeglichen werden. Das System versucht den elektrischen Gradienten auszugleichen. Das K+ strömt also dem Konzentrationsgefälle folgend so lange nach außen, bis die elektrostatische Anziehung so groß ist, daß Rückwanderung und Auswanderung gleich sind. Dadurch wird der Ausstrom der Kalium-Ionen gestoppt. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen dem elektrischen Gradienten und dem Konzentrationsgradienten. + außen + + + + + Doppellipidschicht innen + + - + + - + - - + + + + - + Doppellipidschicht - - + + + außen + - + innen + + -- + - + - + + + + + - - + + + Abbildung 3.6: Aufgrund der unterschiedlichen Konzentrationen wandern die K+ nach außen und es bildet sich lokal eine Ladungsdifferenz beim Ionenkanal auf - einige Ionen wandern zurück. Betrachten wir die K+ Ionen: Da K+-Ionen im Zellinneren in höherer Konzentration als im extrazellulären Raum vorliegen, diffundieren sie entlang ihres Konzentrationsgefälles vom Zellinneren nach außen. An der Außenseite entsteht eine positive Ladung wegen des leichten Überschusses an positiven Ionen, die Innenseite wird negativer. Weil sich ungleichnamige Ladungen anziehen, sammeln sich die entsprechenden Ionen an den jeweiligen Seiten der Membran: Die Positiven außen, die Negativen innen. Die Diffusion der K+-Ionen hört auf, ___________________________________________________________________________________ 21 Brain Modelling wenn die elektrostatische Kraft und die Kraft aus dem Konzentrationsunterschied sich die Waage halten. Je mehr K+ ausströmt, desto größer wird die Ladungstrennung und damit auch die Potentialdifferenz. Die elektrische Kraft, die sich aufgrund dieses Potentials aufbaut, wirkt der Kraft aus dem Konzentrationsgradienten entgegen. Bei einem bestimmten Potential (Nernst-Potential) befindet sich der Konzentrationsgradient und der elektrostatische Gradient im Gleichgewicht: R ⋅ T K + außen ln z ⋅ F K + innen E k+ = 3.1 EK+ ist das K+ -Gleichgewichtspotential, R (=8.314 J.K-1.mol-1) die allgemeine Gaskonstante, T die absolute Temperatur in Kelvin, z die Wertigkeit von K+ (also z=1) und F (=9.648.104.C.mol-1 ) die Faraday-Konstante. RT/F beträgt bei 25°C rund 25 mV. K+außen gibt die Anzahl der Ionen im Extrazellulärraum und K+innen die Ionenkonzentration im Intrazellulärraum an. - Na+ + Cl Na - Cl K Na+ A - + A K+ K+ A - K+ K+ A - - + Cl - Na+ Cl - Cl Na - Na+ Cl - Na+ - Cl Na+ K+ - Cl ++++ ++++ ---- ---- A - K+ K+ A - K+ K+ A A - - Abbildung 3.7: Ein Ionenkanal und die jeweiligen Ionen im intra- und extra-zellulärem Raum. Durch die Wanderung von Ionen (links) kommt es zu einem lokalen elektrischen Potential (rechts) das den Ausstrom unterbindet. Für die Membran des Neurons ist der Sachverhalt noch etwas komplizierter. Wir haben nicht nur eine oder zwei sondern mehrere Ionensorten. Das K+-Ion versucht rauszuwandern, das Na+-Ion versucht reinzuwandern aufgrund des Konzentrationsgefälles (Abb.3.7 links). Beide Ionentypen werden aber aufgrund des elektrostatischen Gradienten daran gehindert. Wesentlich mehr Chlor befindet sich im Extrazellulärraum, da im Inneren die negativen Ionen überwiegen (A ). Das Chlor kann sich im wesentlichen relativ frei durch alle Ionenkanäle bewegen und so hat das Chlor kaum einen Einfluss auf das Ruhemembranpotential. Abbildung 3.8: Querschnitt durch einen Dendriten. An der Membran bauen sich lokale Wölkchen von geladenen Teilchen auf. Diese Verteilung wird aber durch die Thermodynamik gestört. So werden manche Ionen in den weiteren Extrazellulärraum getrieben. Damit ist das Gleichgewicht zwischen dem Konzentrationsgefälle und dem elektrischen Gradienten wieder gestört. Deshalb strömt wieder etwas Kalium in den Extrazellulärraum. Wenn sich die Ladungsverteilung auf der Membran etwas verändert, das heißt ein Signal von einer Synapse ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 22 wird über die Membran weitergeleitet, dann ändert sich kurzfristig die Ionenverteilung. Auf Dauer würden sich das Membranpotential abbauen. Aus diesem Grund gibt es ein Pumpensystem, daß Kalium in, und Natrium aus der Zelle pumpt. So kann das Gleichgewicht aufrecht erhalten werden. Die Natrium-Kalium Pumpen bringen rund 2 K+-Ionen nach innen und 3 Na+-Ionen nach außen pro ATP-Einheit. Dies ist ein aktiver Prozess, der Energie benötigt. Wenn kein ATP nachgeliefert wird, dann hören die Pumpen auf zu arbeiten. Trotzdem bleibt die Membran noch rund 2 Stunden depolarisiert. Die Ionenverteilung ergibt sich aufgrund des elektrostatischen Gradienten und des Konzentrationsgefälles. Wenn dieses Ungleichgewicht zu stark gestört wird, durch externe Signale, dann unterstützen die Ionenpumpen die Ionenungleichverteilung. Die passiven Einwärtsströme durch die Ionenkanäle werden durch die Auswärtsströme der Pumpe ausgeglichen. Damit entsteht ein Fließgleichgewicht. Die Ladungsverteilung muss überall gleich groß sein. Mehrere Prozesse versuchen dies zu verhindern: 1) Die Membran ist undurchlässig für Aminosäuren A-, weil diese zu groß für die Kanäle sind. 2) Die Membran ist semipermeabel für Na+ und K+. Normalerweise passiert K+ die Membran leichter als Na+. 3) Die Membran enthält ein Pumpensystem, das intrazelluläres Na+ mit extrazellulärem K+ austauscht. Für die unterschiedlichen Ionenarten ergeben sich folgende Werte: Ionenart K+ Na+ ClA- intrazellulär [mM] 400 50 32 385 extrazellulär [mM] 20 440 560 - Gleichgewichtspot. [mV] -75 mV +55 mV -60 mV - Das aus den unterschiedlichen Ionensorten entstehende Membranpotential lässt sich durch die Goldmanngleichung berechnen, Vm = + − + Cl außen R ⋅ T K + außen + Na außen ln + + − z⋅F K innen + Na innen + Cl innen 3.1a - wobei mit K+/Na+/Cl innen/außen die jeweiligen Ionenkonzentrationen gemeint sind. Die Goldmanngleichung ist eine Verallgemeinerung der Nernst-Gleichung. Diese Gleichung beschreibt die resultierende Membranspannung aufgrund unterschiedlicher Ionenverteilungen im thermodynamischen Gleichgewicht. Wenn sich auf der Membran die Ionenkonzentration verändert, dann gilt die Goldmanngleichung während der Veränderung nicht. Das Verhalten eines kleinen Stückchens der Membran eines Neurons (siehe Abb.3.9a-f) im unterschwelligen Spannungsbereich kann man zum Groβteil mit einer einfachen Schaltung aus Widerständen, Kondensatoren und Batterien beschreiben. Ein Ionenkanal lässt spezifisch Ionen durch. Diese Kanäle sind zum Beispiel auf Kalium spezialisiert. Das Maß für die Leichtigkeit für den Durchgang von Ionen durch die Ionenkanäle wird durch die elektrische Leitfähigkeit g beschrieben (siehe Abb. 3.9a). Diese Leitfähigkeit ist ein elektrisches Maß und umgekehrt proportional zum elektrischen Widerstand r. Aufgrund des Ohmschen Gesetzes gilt: g=1 / r. Die Leitfähigkeit ist zur Permeabilität verwandt - aber nicht ___________________________________________________________________________________ 23 Brain Modelling ident. Wenn die Permeabilität für eine Ionenart hoch ist, kann die Leitfähigkeit Null sein - wenn keine Ionen in der Lösung sein. Na+ außen Cl Na+ - Na+ Cl außen - Cl - gK =1/rK innen gK =1/rK innen K+ A A K+ A A UK K+ Abbildung 3.9a: Links ist ein Ionenkanal und das Ersatzschaltbild dafür - ein Widerstand - dargestellt. Durch die Ungleichverteilung der Ionen entsteht ein Nernstsches Potential für einen Kaliumkanal - ein Widerstand und eine Batterie. Durch das Konzentrationsgefälle und den elektrostatischen Gradienten ergibt sich eine Ladungstrennung, die durch das Nernstpotential beschrieben werden kann. Diese Ladungstrennung wird in der Elektronik durch eine Batterie UK dargestellt. Die Ionenbewegung in den einzelnen Kanälen ist unabhängig und für die einzelnen Ionen gibt es unabhängige spezialisierte Ionenkanäle. Die Ionenkanäle für die unterschiedlichen Ionen Kalium, Natrium und Chlor können durch verschiedene Widerstände, respektive Leitfähigkeiten gK, gNa und gCl, und das jeweilige Ladungsungleichgewicht durch die Batterien beschrieben werden (siehe Abb. 3.9b). Da das Nernst-Potential für die verschiedenen Ionensorten unterschiedlich ist, müssen auch unterschiedliche Batterien UK, UNa und UCl verwendet werden. Zu beachten ist die umgekehrte Stromrichtung für das Natrium - das Natrium strömt vom Extrazellulär- zum Intrazellulärraum im Gegensatz zum Kalium und Chlor. Na+ Cl Na+ - Na+ Cl außen Cl Na+ - Cl - Na+ Na+ Cl Cl - Cl - gK innen A K+ A K+ A A K+ K+ A A K+ A K+ A A gNa UK gCl UNa UCl K+ Abbildung 3.9b: Links ist die Membran mit den möglichen Ionenkanälen für K+, Na+, Cl- mit den Ionenbewegungen dargestellt. Rechts sind die dazugehörigen elektrischen Ersatzschaltbilder dargestellt. Die Ionen können sich auf der Oberfläche der Membran gut bewegen, dies gilt aber nur für ein kleines Stück der Membran. Aus diesem Grund können die einzelnen Strompfade der jeweiligen Ionensorten durch einen Leiter - ohne Widerstand - verbunden werden (siehe Abb. 3.9c). ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 24 Extrazellulärraum gK Extrazellulärraum gNa UK gCl UNa gK UCl gNa UK gCl UNa LNa UCl Intrazellulärraum LK ULNa ULK Intrazellulärraum Abbildung 3.9c: Durch den linken Ersatzschaltplan werden die 3 Ionenkanäle mit dem dazugehörigen NernstPotential dargestellt. Da es zu Leckströmen kommt, müssen diese durch Widerstande/Leitfähigkeiten und Spannungsquellen berücksichtigt werden, wie in der rechten Abbildung dargestellt. Leider sind die Ionenkanäle nicht perfekt. Das bedeutet, daß manche Ionenkanäle nicht besonders spezifisch arbeiten und auch Ionen durchlassen, die nicht für den jeweiligen Kanal bestimmt sind. Das bedeutet der jeweilige Ionenkanal leckt - man spricht dann von einer Leckleitfähigkeit LNa beziehungsweise LK. Diese beiden Leitfähigkeiten verursachen Ströme, die zu einer Ladungstrennung führt. Diese Ladungstrennung wird durch die Leckspannungen ULNa und ULK mit der jeweiligen Spannungsquelle beschrieben. Die Leitfähigkeiten und Spannungsquellen und sind nur der Vollständigkeit halber angeführt (siehe Abb. 3.9c). Praktisch kann man sie vernachlässigen. In dem Ersatzschaltplan können die beiden Leitfähigkeiten durch eine Leitfähigkeit LErsatz und eine Ersatzspannungsquelle ersetzt werden. Die neue Ersatzleitfähigkeit ist sicher kleiner als der kleinste der jeweiligen Einzelleitfähigkeit (LErsatz = LNa + LK ). Zwei kleine Größen LNa und LK werden noch kleiner. Für die Modellbildung ist es wichtig, möglichst viele Faktoren zu berücksichtigen - wegfallen lassen kann man die einzelnen Größen immer noch, wenn der Einfluss zu klein und unbedeutend ist. Extrazellulärraum außen INa Na+ Na+ Na+ K+ gK gNa gCl LNa LK K+ innen UK UNa UCl ULNa ULK IK Intrazellulärraum Abbildung 3.9d: Links ist eine Ionenpumpe dargestellt. Der dadurch entstehende Ionenstrom muß durch Stromgeneratoren im Ersatzschaltplan - rechts - berücksichtigt werden. Auch die Ionenpumpen müssen berücksichtigt werden. Sie sorgen für einen konstanten Ionenstrom, das heißt Natrium wird nach außen und Kalium nach innen befördert. Eine Ionenpumpe sorgt gleichzeitig für einen Natrium- und einen Kaliumstrom. Im Ersatzschaltbild müssen zwei Stromgeneratoren hinzugefügt werden (siehe Abb. 3.9d). Jeder der Stromgeneratoren ist für eine Ionensorte - Natrium und Kalium - zuständig. ___________________________________________________________________________________ 25 Brain Modelling Extrazellulärraum außen ++++++++++++ INa gNa gK innen gCl LNa Cm LLNa –––––––––––– UK UNa UCl LLK LK IK ULK ULNa Intrazellulärraum Abbildung 3.9e: Da die Membran aus einer Doppellipidschicht besteht, die praktisch keine Ladungsträger durchlässt - außer in den Ionenkanälen - wirkt die Membran auch als Kondensator (rechts). Damit muss nur mehr eine Größe berücksichtigt werden. Die Membran, bestehend aus einer Doppellipidschicht, ist für Ionen nicht durchlässig. Dadurch daß sich auf der Ober- und Unterseite der Membran Ionen unterschiedlicher Ladung befinden, und die Membran einen Isolator darstellt, kann ein kleines Stück der Membran als Kondensator Cm betrachtet werden. Ein typischer Wert für eine Membrankapazität eines Neurons beträgt rund 1µF/cm2. Bisher wurden im Ersatzschaltbild genau 3 unterschiedliche Ionenkanäle, eine Ionenpumpe und die Membrankapazität berücksichtigt. Um ein größeres Stück der Membran beschreiben zu können, muss die Anzahl der Ionenkanäle, der Ionenpumpen und die exakte Fläche der Membran berücksichtigt werden. Für die einzelnen Werte ergibt sich dann: . GK = κ gK, . GNa = ν gNa und . GCl = χ gCl wobei κ die Anzahl der Kalium-, ν die Anzahl der Natrium-, und χ die Anzahl der Chlorkanäle pro Flächenstück (im Moment in willkürlichen Einheiten) angeben wird. Der Stromzweig für die Chlorionen hat nur einen geringen Einfluss, genauso wie die Leckleitfähigkeiten, auf das Membranpotential. So kann man die Leckleitfähigkeiten LK, LNa und die Chlorleitfähigkeit zu einer Ersatzleitfähigkeit zusammenfassen: LErsatz = GCl + LK + LNa + LLK + LLNa Nach dem Theorem von Thévenin* kann jeder reale Stromgenerator in eine reale Spannungsquelle umgewandelt werden. Somit ergibt sich für das Nernstpotential für das Chlor UCl in Verbindung mit der Leckleitfähigkeit folgenden Strom: . ICl = GCl UCl Damit können die drei Stromgeneratoren IK , INa und ICl zu einem Ersatzstromgenerator IErsatz zusammengefasst werden: IErsatz = IK + INa + ICl + ILK + ILNa * Theorem von Thévenin: Jedes lineare Netzwerk von Impedanzen und Generatoren kann, wenn man es von zwei beliebigen Punkten des Netzwerkes aus betrachtet, durch eine ideale Spannungsquelle und eine ihr in Serie befindliche Impedanz ersetzt werden. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 26 Somit ergibt sich ein Ersatzschaltbild für einen kleinen Bereich der Membran (siehe Abb. 3.9f). Dieses Ersatzschaltbild beschreibt die elektrischen Eigenschaften einer Membran in hervorragender Weise. Man kann auch die unterschiedlichen biologischen Eigenheiten, wie zum Beispiel die unterschiedliche Anzahl der Ionenkanäle, mit den elektrischen Schaltkreisen leicht berücksichtigen. Extrazellulärraum Im IK INa GK UK IErsatz GNa GErsatz UNa ICm Cm UErsatz Intrazellulärraum Abbildung 3.9f: Ersatzschaltbild eines kleinen Stückchens der Membran. 3.2 Elektrische Eigenschaften der Membran Im Gegensatz zum Ruhemembranpotential ist das Membranpotential Vm ein allgemeinerer Begriff, der jede Art von Potential in jedem Augenblick an der Membran folgendermaßen definiert: Vm = Vinnen - Vaussen 3.2 wobei Vinnen das Potential im Inneren und Vaussen das Potential im Zelläußeren ist. Vaussen Vinnen Membran Abbildung 3.10: Ein “fast” ideales Neuron mit einer einfachen Messapparatur. Ändert sich das Gleichgewicht der Ionen im intra- und extrazellulären Raum durch das Anlegen einer Spannung - der elektrische Gradient wird verändert - so wird sich das Membranpotential ___________________________________________________________________________________ 27 Brain Modelling ändern. Es depolarisiert. Die Größe der Depolarisation, die als Reaktion auf die Strominjektion, gegeben durch ein Experiment oder chemische Einflüsse auf das Axon, entsteht, bestimmt den Eingangswiderstand R einer Zelle. Nach dem Ohmschen Gesetz ist die Größe der Depolarisation ∆U gegeben durch ∆U = ∆I ⋅ R 3.3 Wenn es bei zwei Neuronen zu identischen synaptischen Reizungen im elektrischen Sinne kommt, tritt bei der Zelle mit dem größeren Eingangswiderstand eine größere Änderung des Membranpotentials auf. Bei einer idealisierten kugelförmigen Nervenzelle ohne Ausläufer hängt der Eingangswiderstand sowohl von der Dichte der Ruhemembrankanäle als auch von der Größe des Neurons ab. Je größer ein Neuron ist, desto größer ist seine Membranoberfläche und desto geringer ist sein Eingangswiderstand, weil mehr Ruhemembrankanäle zur Ionenleitung vorhanden sind. Um die Widerstände von unterschiedlich großen Nervenzellen vergleichen zu können, sprechen Elektrophysiologen oft vom spezifischen Membranwiderstand Rm, also dem Widerstand einer Flächeneinheit der Membran, der in Ohm mal Quadratzentimeter [Ω⋅cm2] angeben wird. Um den Gesamteingangswiderstand Rin zu berechnen muß der spezifische Membranwiderstand durch die Membranoberfläche der Zelle dividiert werden und so erhalten wir für ein kugelförmiges (idealisiertes) Neuron: R in = Rm 4πa 2 3.4 wobei a der Radius des Neurons ist. Im realistischeren Fall eines Neurons mit ausgedehnten Dendriten und Axone hängt der Eingangswiderstand sowohl vom Membranwiderstand der Fortsätze als auch vom Widerstand des Cytoplasmas zwischen dem Zellkörper und seinen Ausläufern ab. Über den Eingangswiderstand kann der Einfluss eines externen Signals berechnet werden. Wenn die Potentialänderung durch ein Signal groß ist, dann ist bei einem großen Eingangswiderstand die resultierende Änderung des Membranpotentials auch groß. Ein unterschwelliges Spannungssignal an Dendriten und Axone nimmt mit zunehmender Entfernung von seinem Entstehungsort ab. Postsynaptische Potentiale, die an Dendriten entstehen, werden in Richtung Zellkörper und Axonhügel geleitet. Das Cytoplasma eines Dendriten setzt dem längsgerichteten Strom einen signifikanten Widerstand entgegen, weil es eine relativ geringe Querschnittsfläche hat. Je länger ein Dendrit ist, desto größer ist auch der Widerstand, weil sich die Querschnittswiderstände addieren. Will man darstellen, wie der Widerstand über die Gesamtlänge eines Dendriten kontinuierlich zunimmt, kann man sich den Dendriten als eine Reihe von identischen, mit Cytoplasma gefüllten Membranzylindern vorstellen. Jeder Zylinder hat seine eigene Membrankapazität und seinen cytoplasmatischen Längswiderstand. Die Membrankapazität entsteht dadurch, daß die Proteine, aus denen sich die Membran zusammensetzt, einen Isolator darstellen. In dieser Kapazität können elektrische Ladungen gespeichert werden. Der Axial- oder Längswiderstand des cytoplasmatischen Innenraums ra, pro Längeneinheit (1 cm) in Ω/cm angegeben, hängt sowohl vom spezifischen Widerstand ρ des Cytoplasmas angegeben in Ω⋅cm, als auch von der Querschnittsfläche des Dendriten mit dem Radius a ab: ra = ρ πa 2 3.5 Der Membranwiderstand rm hängt sowohl vom spezifischen Widerstand einer Flächeneinheit der Membran Rm als auch vom Umfang des Dendriten ab und wird pro Längeneinheit des Zylinders in Ω.cm angegeben. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 28 rm = Rm 2πa 3.6 Wie wir in Kapitel 3.1 gesehen haben, kann ein Stück der Membran elektrisch durch ein Ersatzschaltbild beschrieben werden kann. Für die passiven Eigenschaften sind die Spannungsquellen uninteressant. Die Spannungsquellen geben nur den Absolutwert an - für die passiven Eigenschaften ist dies aber nicht wesentlich. Somit kann ein Bereich der Membran nur mit 2 Widerstanden rm und ra und einem Kondensator cm beschrieben werden. Die einzelnen Leitfähigkeiten aus der Abbildung 3.9f werden zu einem Widerstand zusammengefasst und es ergibt sich daraus rm. Dieser Membranwiderstand kann makroskopisch oder auch mikroskopisch über die einzelnen Ionenkanäle bestimmt werden. Extrazellulärraum Extrazellulärraum rm Intrazellulärraum cm Intrazellulärraum Abbildung 3.11a: Unter bestimmten Umständen können die Spannungsquellen vernachläßigt werden und die Widerstände, respektive die Leitfähigkeiten, können zu einem Ersatwiderstand-Ersatzleitfähigkeit zusammengefaßt werden. Das Ersatzschaltbild aus Abbildung 3.11a kann nun über den axoplasmatischen Widerstand mit anderen Ersatzschaltbilder zusammengefügt werden. Damit können ganze Neuronenbereiche elektrisch beschrieben werden. Jeder Bereich besitzt charakteristische Membranwiderstände und Membrankapazitäten. Durch das korrekte Aneinanderfügen kann ein ganzes Neuron im unterschwelligen Bereich physikalisch beschrieben und erklärt werden. Im Prinzip handelt es sich bei dem Ersatzschaltbild um ein RC-Glied. Damit kann man schon eine ganz wichtige Eigenschaft erkennen. Wenn in ein Neuron Strom injiziert wird (es wird keine Schwelle ausgelöst), dann muss auch der Kondensator aufgeladen werden. Bei einem stufenförmigen Eingangssignal, ergibt sich ein exponentieller Anstieg. I [pA] Vm [mV] t t Abbildung 3.11b: Ein Stufensignal sorgt für einen exponentiellen Anstieg und Abfall des Membranpotentials. Der Anstieg des Membranpotentials bei einem Stromimpuls wird durch folgende Formel beschrieben: Vm ( t ) = I m rm (1 − e − t τ ) und τ = rm ⋅ c m ___________________________________________________________________________________ 29 Brain Modelling Eine andere wichtige Frage besteht darin, wie sich das Membranpotential entlang des Dendriten mit der Entfernung ändert, wenn man an einer Stelle Strom injiziert ? Sei vorausgesetzt, der kapazitive Strom ist Null und das Membranpotential hat ein konstantes Niveau erreicht, dann hängt die Potentialänderung durch eine Strominjizierung ausschließlich von den relativen Werten von rm und ra ab. rm cm rm cm rm ra ra cm rm ra cm rm ra cm rm ra cm ra -x x 0 Abbildung 3.11c: Die röhrenförmige Membran eines Dendriten in einzelne Segmente zerlegt mit dem dazugehörigen Ersatzschaltbild. In der oberen Röhre ist die strominjizierende Elektrode eingezeichnet. Der injizierte Strom fließt in den aufeinanderfolgenden Membranzylindern auf mehreren Wegen durch die Membran nach außen. Jeder dieser Strompfade besteht aus zwei Widerständen in Serie: Den Gesamtlängswiderstand rx und dem Membranwiderstand rm eines Membranzylinders. Weil sich Widerstände in Serie summieren, gilt rx = ra⋅x, wobei x die Entfernung in cm entlang des Dendriten vom Injektionsort ist (siehe Abb. 3.11c). Durch die Membran eines Zylinders in der Nähe der Injektionsstelle fließt mehr Strom als an entfernteren Orten, (weil Strom immer den Weg des geringsten Widerstands folgt) und der Gesamtlängswiderstand rx, mit zunehmender Entfernung vom Injektionsort zunimmt. Wegen ∆Um = ∆Im⋅rm wird die Änderung des Membranpotentials ∆Um(x), die der Strom durch die Membran erzeugt, kleiner, wenn man sich auf dem Dendriten von der Elektrodeneinstichstelle entfernt. Die Abnahme mit wachsender Entfernung erfolgt exponentiell und wird durch folgende Gleichung ausgedrückt: ∆U m (x ) = ∆U 0e − x λ 3.7 wobei λ die Längskonstante der Membran, x die Entfernung von der Strominjektionsstelle und ∆U0 die Änderung des Membranpotentials ist, die vom Strom am Ort der Elektrode (x=0) hervorgerufen wird. Die Längskonstante λ ist die Entfernung von der Strominjektionsstelle zu dem Ort auf dem Dendriten, an dem ∆Um auf 1/e oder auf 37% seines Ursprungswertes abgenommen hat. Sie wird folgendermaßen berechnet: λ= rm ra 3.8 Je besser die Isolierung der Membran ist - je größer rm ist - und je besser die Leitungseigenschaften des Dendriteninneren sind - je niedriger ra ist - desto größer ist die ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 30 Längskonstante des Dendriten. Weil rm in umgekehrtem Verhältnis zum Radius a steht, wogegen ra indirekt proportional zum Quadrat des Radius a ist, ist die Längskonstante proportional zur Quadratwurzel des Radius: λ= rm 1 R m πa 2 Rm ⋅ = ⋅ = (= const ) ⋅ a 1 ra 2πa ρ 2ρ 3.9 Deswegen haben Axone mit größerem Durchmesser eine größere Längskonstante als dünne Axone und das Signal wird besser weitergeleitet. Eine Myelinisierung führt ebenso zu einer besseren Signalweiterleitung. Dies hängt aber mit einem anderen Effekt zusammen. Die Schwannschen Zellen umhüllen das Axon beziehungsweise die Membran. Damit wird die Membrankapazität erniedrigt. Dies führt zu einer besseren Signalweiterleitung, als ein erhöhter Durchmesser. 3.3 Entstehung eines Aktionspotentials Es existieren nicht nur spannungsunabhängige Ionenkanäle. Es gibt auch spannungsabhängige Ionenkanäle. Diese Kanäle öffnen sich ab einer gewissen Spannung. Die Na+spannungsgesteuerten Kanäle arbeiten wesentlich schneller als die K+ -spannungsgesteuerten Kanäle. Bei der Signalweiterleitung im Axon werden Natrium- und Kalium-Kanäle primär durch die Membranspannung gesteuert. Diese Kanäle werden nach dem "Alles oder Nichts"Prinzip ein oder ausgeschaltet. Mg2+ Abbildung 3.12: Im linken Bereich sehen wir einen offenen Ionenkanal. Mitte links gibt es eine lokale Konformationsänderung. Mitte rechts gibt es eine Änderung der Struktur. Rechts ist ein ganz spezifischer Ionenkanal dargestellt. Ein Teilchen blockiert den Ionenkanal und nur durch einen speziellen Mechanismus kann dieses Teilchen den Ionenkanal öffnen (NMDA-Rezeptor). Durch die Patch-Clamp-Technik ist es möglich, die elektrischen Eigenschaften eines einzelnen Ionenkanals zu bestimmen. Mit dieser Methode konnten 3 verschiedenen Typen von Ionenkanälen identifiziert werden: spannungs-, transmitter- und mechanisch gesteuerte Kanäle. Die Signale, die den Kanal steuern, kontrollieren die Wahrscheinlichkeit mit der ein Kanal offen oder geschlossen ist. Es ist nicht so, daß ein Kanal die ganze Zeit ununterbrochen offen bleibt, wenn ein geeignetes Signal auf den Ionenkanal wirkt. Das Öffnen und Schließen erfolgt fast augenblicklich - nach einer gewissen Wahrscheinlichkeit. ___________________________________________________________________________________ 31 Brain Modelling I (Strom durch einen einzelnen Ionenkanal) Glaspipette geschlossen pA offen t [ms] 0 20 40 Zellmembran 60 Ionenkanal Abbildung 3.13: Der Strom durch einen einzelnen Ionenkanal kann mir der Patch-Clamp-Technik gemessen werden. An einer Mikropipette (1 µm Durchmesser), die mit der Membranoberfläche Kontakt hat, wird ein Unterdruck erzeugt. So wird der Ionenkanal elektrisch von der Umgebung separiert. Im Inneren der Pipette ist eine Salzlösung, die in etwa den elektrischen Eigenschaften der extrazellulären Flüssigkeit entspricht. Na+ und K+ Ionenkanäle Abbildung 3.14: Eine Membran mit unterschiedlichen Ionenkanälen. Betrachten wir die spannungsabhängigen Ionenkanäle. Wird die Membran lokal vorübergehend auf etwa -50 mV depolarisiert, dann ist der Schwellwert überschritten (siehe Abb.3.15) und es werden die schnellen spannungsgeMembranpotential (mV) steuerten Kanäle für Natrium-Ionen 50 geöffnet und diese Ionen können in die Aktionspotential Zelle einströmen. Aufgrund der so vergrößerten Membranpermeabilität für Na+ überschreitet der Na+ -Einstrom den 0 K+ -Ausstrom. Der resultierende NettoNatriumleitfähigkeit einstrom positiver Ladungen verursacht eine weitere Depolarisation und als Kaliumleitfähigkeit Ergebnis kommt es zu einer totalen -50 Depolarisation der Membran. Dieser positive Rückkopplungsmechanismus entwickelt sich explosionsartig. Das Potential bewegt sich in Richtung Abbildung 3.15: Die unterschiedlichen Potentialverläufe für die Na+- und K+-Kanäle. +55 mV. Danach schalten sich die Na+ -Kanäle langsam ab während die langsameren K+ -Kanäle immer aktiver werden. Dadurch werden die +55 mV Gleichgewichtspotential für das Natrium nicht erreicht. Nach einem gewissem Zeitpunkt kehrt das System wieder in den Ruhezustand zurück. Die Depolarisation der Membran, das Ungleichgewicht der Ladungsverteilung, ist nicht lokal begrenzt. Wenn es zu einer Depolarisation kommt, dann werden auch die benachbarten Membranareale davon beeinflusst. Meist wird ein Aktionspotential am Axonhügel ausgelöst. Von dort bewegt sich die Depolarisation in zwei Richtungen: entlang des Axons und entlang der Dendriten (siehe Abb. 3.16). Theoretisch könnte auch auf einem Dendritenbaum ein Aktionspotential entstehen, aber es gibt meistens zuwenig spannungsgesteuerte Ionenkanäle. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 32 U t U t U t Abbildung 3.16: Ein Potential wandert in beiden Richtungen, in Abhängigkeit des Entstehungsortes - die sapnnungsabhängigen Ionenkanäle öffnen und schließen sich. In der Realität sind natürlich viel mehr Ionenkanäle beteiligt und das Potential sieht etwas anders aus. Es können mehrere Ersatzschaltkreise (siehe Abb.3.17) miteinander gekoppelt werden. Damit ist es möglich die Ausbreitung eines Aktionspotentials beziehungsweise eine Strominjektion in den Dendriten zu beschreiben (Achtung: Die Membran ist überall gleich gebaut. Es existiert nur ein geringer Unterschied zwischen einer "Axon-" oder "Dendritenmembran" - die Anzahl der spannungsabhängigen Ionenkanäle). Abbildung 3.17: Ein Ersatzschaltbild für zwei benachbarte Membranbereiche. Wenn ein Membranbereich ausreichend depolarisiert wird, führt dies zu einer Depolarisation der benachbarten Bereiche. In Abbildung 3.17 werden nicht die unterschiedlichen Ionenkanalarten berücksichtigt. Auch die unterschiedlichen Gleichgewichtspotentiale von Natrium und Kalium werden nicht berücksichtigt. Diese Parameter wurden von Hodgkin und Huxley in einem Modell integriert. ___________________________________________________________________________________ 33 Brain Modelling 3.4 Das Hodgkin-Huxley Modell Das Hodgkin-Huxley Modell bringt die Membranstromdichte und die Membranspannung in einen Zusammenhang. Die spannungsabhängigen Ionenkanäle öffnen in Abhängigkeit vom Membranpotential und der Zeit. Wesentlich sind die spannungsabhängigen Ionenkanäle für Natrium und Kanäle. Durch ihr öffnen wird jeweils ein zusätzliches Nernstpotential aktiv. Damit kann wieder eine Ersatzschaltung für ein kleines Stück der Membran konstruiert werden. Zusätzlich müssen die Strompfade für die Ruhemembrankanäle und die Ionenpumpen berücksichtigt werden, genauso wie die Membrankapazität. Die Strompfade für die Ruhemembrankanäle und für die Ionenpumpen können zu einem Ersatzstrompfad zusammengefasst werden. Die Ruheleitfähigkeit GRuhe ist nicht von der Zeit oder dem aktuellen Membranpotential abhängig. Die J's sind Stromdichten [A/cm2], die V's sind Spannungen oder auch Potentiale [V]; Cm ist die Kapazität der Membran pro Flächeneinheit [F/cm2] und die G's bezeichnen die spezifischen Ionenleitfähigkeiten [S/cm2]. Extrazellulärraum Jm JK GK(Vm,t) VK JNa JRuhe GNa(Vm,t) VNa GRuhe JCm Cm VRuhe Intrazellulärraum Abbildung 3.18a: Ersatzschaltbild eines kleinen Stückchens der Membran, das spannungsabhängige Ionenkanäle berücksichtigt. Die Leitfähigkeiten der spannungsabhängigen Ionenkanäle sind von dem Membranpotential und der Zeit abhängig. Es gibt vier Zweige im Schaltplan (siehe Abb.3.9), aus denen sich der resultierende Gesamtstrom ergibt. Einer davon berücksichtigt die Kapazität der Membran, während die anderen drei die Ionenströme (spannungsabhängige Natrium- und Kaliumströme und die Leckströme, verursacht durch die spannungsunabhängigen Kanäle, aus denen auch das Ruhepotential resultiert) beschreiben. Der Natrium- und Kaliumzweig ist repräsentiert durch einen veränderlichen Widerstand in Serie mit einem Nernst-Gleichgewichtspotential (Batterie) für das jeweilige Ion. Wichtig in diesem Modell ist, daß die Natrium- und Kaliumleitfähigkeiten vom Membranpotential und der Zeit abhängen. Unter Anwendung der Kirchhoff'schen Regeln und dem Ersatzschaltbild ergibt sich: J m = J C + J ion 3.10 und die Stromdichten für die verschiedenen Ionen J ion = J K + J Na + J Ruhe 3.11 was geschrieben werden kann als: ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 34 J m = J C + J K + J Na + J Ruhe 3.12 Durch Anwendung des Ohm'schen Gesetzes (I=U/R=U⋅G) und (I= Q& , Q=C·U) erhalten wir: J m = Cm ∂Vm + G K (Vm , t ) ⋅ (Vm − VK ) + G Na (Vm , t ) ⋅ (Vm − VNa ) + G Ruhe ⋅ (Vm − VRuhe ) ∂t 3.13 VNa und VK stellen das Nernst'sche Gleichgewichtspotential für Natrium und Kalium dar, definiert durch VNa = ce RT log iNa F c Na und VK = ce RT log iK F cK 3.14 wobei R die molare Gaskonstante, T die absolute Temperatur und F die Faradaykonstante (F=9.6487⋅104 Cmol-1) darstellen. Die molaren Konzentrationen für intrazelluläre beziehungsweise extrazelluläre Natriumionen und Kaliumionen ist durch c iNa , c eNa , c iK und c eK gegeben. Für den Zusammenhang von Strom und Spannung entlang eines Zylinders, das heißt in Richtung z, ergibt sich mit a als Radius der Querschnittsfläche eines Axons und ra als axoplasmatischer Längswiderstand. Man kann zeigen, daß gilt: ∂ 2 Vm ∂z 2 = 2π ⋅ a ⋅ ra ⋅ J m 3.15 Unter Verwendung von 1.4 und 1.6 ergibt sich ∂Vm 1 ∂ 2 Vm = C + G K (Vm , t ) ⋅ (Vm − VK ) m 2πara ∂z 2 ∂t + G Na (Vm , t ) ⋅ ( Vm − VNa ) + G Ruhe (Vm − VRuhe ) 3.16 Diese Gleichung beschreibt die Ausbreitung des elektrischen Potentials entlang einer Axonmembran. Das Membranpotential, gegeben durch Gl. 3.16 kann nun berechnet werden, wenn die Funktionen GK(Vm,t) und GNa(Vm,t) bekannt sind. Um diese Leitfähigkeiten bestimmen zu können, muss das Membranpotential systematisch variiert werden, wobei man gleichzeitig die resultierenden Veränderungen der Na+- und K+Leitfähigkeiten misst. Das ist experimentell schwierig durchzuführen, weil das Membranpotential und das Öffnungsverhalten der Na+- und K+- Kanäle stark voneinander abhängen. Im Jahr 1949 entwickelte Cole eine Technik, die als Spannungsklemme (voltageclamp) bezeichnet wird. Mit Hilfe dieser Apparatur (siehe Abb.3.18) lassen sich die Leitfähigkeiten bestimmen. ___________________________________________________________________________________ 35 Brain Modelling Strommeßgerät Elektrode Spannungsklemme Strom Axon Elektrode Abbildung 3.18: Das Prinzip der Spannungsklemme mit dem Axon und den beiden Elektroden. Wenn das Membranpotential eines Axons "geklemmt" wird, dann öffnen oder schließen sich aufgrund der aufgezwungenen Potentialänderungen hin zwar immer noch die spannungsgesteuerten Ionenkanäle; die Spannungsklemme verhindert jedoch wirkungsvoll, daß die dabei entstehenden Ströme durch die Membran das vorgegebene Membranpotential beeinflussen und daß dadurch ein Aktionspotential ausgelöst wird. Auf diese Weise kann man die Veränderungen der Membranleitfähigkeit für einzelne Ionenarten bei verschiedenen Membranpotentialen messen. Die Apparatur besteht aus einer Stromquelle, die mit zwei Elektroden, jeweils für den intra- beziehungsweise extrazellulären Bereich, verbunden ist. Man kann das Membranpotential schnell auf einen vorbestimmtem Depolarisationswert springen lassen, indem man Spannung an der Membran anlegt. Damit die gemessene Strom-Spannungs-Beziehung der Membran auswertbar ist, muss das Membranpotential über der gesamten Membranoberfläche konstant sein. Man erhält dies dadurch, daß ein sehr gut leitender strominjizierender Draht den axoplasmatischen Widerstand kurzschließt, in dem er der Länge nach in das Axon geschoben wird - der Längswiderstand auf Null reduziert. Aufgrund der vorgegebenen Depolarisation öffnen sich die Na+- und K+-Kanäle - aber nur so stark wie gewünscht. Die so entstehenden Na+- und K+-Ströme würden normalerweise das Membranpotential verändern, aber die Spannungsklemme hält es auf dem vorgegebenen Wert fest. Wenn sich die Na+-Kanäle nach einem mäßig depolarisierenden Spannungssprung öffnen, entwickelt sich normalerweise ein Einwärtsstrom, weil Na+-Ionen, angetrieben von der elektrochemischen Potentialdifferenz, durch diese Kanäle in die Zelle fließen. Dieser Na+Einstrom depolarisiert die Membran, indem er die positive Ladung an der Membraninnenseite erhöht und die an der Außenseite erniedrigt. Die Spannungsklemme greift hier ein, indem sie gleichzeitig positive Ladungen aus der Zelle in die externe Lösung pumpt. Der VoltageClamp-Stromkreis erzeugt also einen gleich großen, aber entgegengerichteten Strom und steuert so automatisch jedem Strom durch die Membran entgegen, der zu einer Abweichung des Membranpotentials vom vorgegebenen Wert führen würde. Im Endergebnis findet keine Nettoänderung der Ladungsmenge über der Membran statt und damit auch keine signifikante Verschiebung des Membranpotentials. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 36 VSoll ARK+ - Badlösung RG Elektrode Axon Elektrode +A V - Strommeßgerät Vm Figur 3.19: Das Membranpotential wird durch den Spannungsverstärker (Av) gemessen, der mit einer intrazellulären Elektrode verbunden ist und dessen anderer Eingang wie die Badlösung geerdet ist. Das Membranpotential Vm wird auf einem Oszillographen angezeigt und zusätzlich dem Rückkopplungsverstärker ARK zugeführt. Dieser Verstärker hat zwei Eingänge - einen für das Membranpotential und einen für die Soll-Spannung VSoll. Die Sollspannung, die durch den Reizgenerator RG erzeugt wird, kann jede gewünschte Amplitude und Form haben. Der Rückkopplungsverstärker subtrahiert das Membranpotential von der Soll-Spannung. Ein der Differenz zwischen diesen beiden Signalen proportionaler Strom entsteht am Ausgang des Rückkopplungsverstärkers und wird durch einen dünnen durch das gesamte Axon verlaufenden Draht eingeleitet. Betrachten wir jetzt den kapazitiven Strom. Das Membranpotential Vm ist zu jeder Zeit proportional zur Ladung Qm des Membrankondensators. Wenn sich Vm nicht ändert, ist die Ladung Qm konstant und es fließt kein kapazitiver Strom. Wenn auf die Sollspannung ein Rechteckimpuls gelegt wird, fließt nur am Anfang und am Ende dieses Impulses ein kapazitiver Strom. Dieser Strom ist sehr kurzlebig und er unterscheidet sich deutlich vom ionischen Strom. Damit lässt sich der Ionenstrom isolieren und entsprechen analysieren. Vm [mV] Vm [mV] 0 -50 t -60 Jm t -60 Jm JC JC auswärts 0 einwärts JL JL t JC 0 t Abbildung 3.20: Messungen mit der Spannungsklemme am Riesenaxon des Tintenfisches. In der linken Darstellung wird die Schwelle für das Aktionspotential im Gegensatz zur rechten Darstellung nicht ausgelöst. Wenn man nun ein um zehn Millivolt depolarisierendes Potential (Sollspannung) anlegt, beobachtet man zuerst, daß ein sehr kurzer Auswärtsstrom den Membrankondensator augenblicklich mit der Strommenge entlädt, die für eine Depolarisation von 10 Millivolt notwendig ist. Diesem kapazitiven Strom JC folgt ein kleiner Ionenausstrom, der für die Dauer des Spannungssprungs anhält. Am Ende des Spannungssprungs beobachtet man einen kurzen, einwärts gerichteten kapazitiven, Strom und der gesamte Membranstrom kehrt zu Null zurück (siehe Abb. 3.20 links). Der ionische Gleichgewichtsstrom, den man während der Dauer der ___________________________________________________________________________________ 37 Brain Modelling Reizung messen kann, fließt durch die Ruhemembrankanäle und wird als Leckstrom JL bezeichnet. Diese Ruhemembrankanäle, die immer geöffnet bleiben, sind für den Aufbau des Ruhemembranpotentials verantwortlich. Wenn man eine größere depolarisierende Sollspannung anlegt, werden die Stromkurven komplizierter. Die Amplituden der kapazitiven Ströme und der Leckströme steigen an. Außerdem entstehen kurz nach dem Ende des kapazitiven Stroms und nach dem Beginn des Leckstroms ein Einwärtsstrom. Dieser erreicht innerhalb weniger Millisekunden sein Maximum, fällt dann wieder ab und wird durch einen Auswärtsstrom ersetzt. Dieser Auswärtsstrom erreicht ein Plateau, das für die Dauer des Spannungssprungs bestehen bleibt (siehe Abb.3.20 rechts). Diese Ergebnisse lassen sich am einfachsten so erklären, daß die depolarisierende Spannung nacheinander Kanäle für zwei unterschiedliche Ionen aktiviert: Einen Kanaltyp für den einwärts und einen Kanaltyp für den auswärts gerichteten Strom. Weil sich diese entgegengerichteten Ströme teilweise zeitlich überlappen, ist die schwierigste Aufgabe bei der Analyse solcher Voltage-Clamp-Experimente, die einzelnen Zeitverläufe getrennt voneinander zu bestimmen. Wenn man die K+-Kanäle mit TEA (Tetraethylammonium) in der Axonmembran blockiert, besteht der Membrangesamtstrom Jm aus dem kapazitiven Strom, dem Leckstrom und dem Natriumstrom (JC, JL, JNa). Die Leckleitfähigkeit ist konstant; sie variiert praktisch nicht mit dem Membranpotential oder mit der Zeit. Daher kann JL leicht bestimmt werden und vom Membrangesamtstrom abgezogen werden, wodurch JNa und JC übrigbleiben. Der Strom verursacht durch die Membrankapazitäten tritt nur kurz am Anfang und am Ende des Pulses auf, man kann ihn leicht erkennen und eliminieren. So bleibt der reine Natriumstrom JNa übrig. Um den Strom durch die spannungsgesteuerten Na+-Kanäle zu messen, injiziert man mehrere verschiedene Ladungsmengen und klemmt das Membranpotential dadurch auf verschiedene Werte. In ähnlicher Weise kann man den Kaliumstrom JK messen, wenn man die Na+-Kanäle durch TTX (Tetrodotoxin) blockiert. Jm [mA/cm2] Jm [mA/cm2] Kalium 0.4 Natrium 2.5 0 0 -0.4 0 5 10 Zeit [ms] 15 0 5 10 Zeit [ms] 15 20 Abbildung 3.21: Verschiedene Messungen von Kalium- und Natriumströmen unter Voltage-Clamp-Bedingungen. Das Ruhepotential wurde auf -70 mV eingestellt und für Kalium wurde das Potential von -60 bis +40 mV, für Natrium von -40 bis +80 mV mit Schritten von 10 mV variiert. Die Temperatur betrug zwischen 4-5 °C. Um die Leitfähigkeiten aus den Voltage-Clamp-Strömen zu berechnen, wird das Ersatzschaltbild herangezogen. Aus dem Ohmschen Gesetz kann man den Strom durch jede Klasse der spannungsgesteuerten Kanäle errechnen. J K (Vm , t ) = G K (Vm , t ) ⋅ (Vm − VK ) und J Na (Vm , t ) = G Na ( Vm , t ) ⋅ (Vm − VNa ) 3.18 Die Umformung und Auflösung nach G ergibt zwei Gleichungen, nach denen sich die Leitfähigkeiten berechnen lassen: ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 38 G K (Vm , t ) = J k (Vm , t ) J (V , t ) und G Na (Vm , t ) = Na m Vm − VK Vm − VNa 3.19 Um diese Gleichungen zu lösen, muss man Vm, VK, VNa, JK und JNa kennen. Die unabhängige Variable Vm wird durch das Experiment festgelegt. Die abhängigen Variablen JK und JNa können aus den Messungen der Voltage-Clamp-Experimente abgeleitet werden. Die verbleibenden Konstanten VK und VNa können bei bekannten Ionenkonzentrationen nach der Nernst-Gleichung berechnet werden. Hodgkin und Huxley haben die Kaliumleitfähigkeit durch folgende Gleichungen beschrieben: G K (Vm , t ) = G K n 4 (Vm , t) 3.20 dn = α n (1 − n ) − β n n dt 3.21 dabei ist G K der konstante maximale Leitwert und n ist spannungs- und zeitabhängig. Die Formulierung geht von der Annahme aus, daß die Fähigkeit der K+-Ionen, durch die Membran zu fließen, vom Zustand oder der Position von geladenen Molekülen in der Membran abhängt. Im Zustand α können die K+-Ionen passieren, während sie im Zustand β für K+ undurchlässig ist. Die Funktion n beschreibt dann den Anteil der Moleküle, die sich im Zustand α befinden, und 1-n ist der Anteil im Zustand β. Die Reaktionsgeschwindigkeit des Überganges vom Zustand α in den Zustand β wird mit βn bezeichnet und die des Übergangs von β → α mit αn. Die beiden Parameter αn und βn sind potential- aber nicht zeitabhängig. Beim Ruhepotential ist βn groß und αn klein. Bei der Depolarisation wächst αn potentialabhängig, und βn fällt, folglich steigt n und damit GK. Nach ausreichend langer Depolarisation ist αn größer als βn und das Gleichgewicht stellt sich so ein, dass die meisten Moleküle im Zustand α sind. Die Leitfähigkeit GK hat somit einen hohen Wert und behält ihn solange die Depolarisation andauert. Die Funktion n erhielt die vierte Potenz, weil nur so der verzögerte, aber dann steile Anstieg der Kaliumleitfähigkeit nachgebildet werden konnte. Die Natriumleitfähigkeit der Membran wird durch ein ähnliches Gleichungssystem beschrieben. Es muss aber der Komplikation Rechnung getragen werden, daß GNa nach einer Depolarisation der Membran nach rund einer Millisekunde wieder auf den Ruhewert abfällt. Kurz gesagt, das Natriumsystem wird nach einer Depolarisation deaktiviert. Der Anstieg der Na+-Leitfähigkeit wird durch die Variable m beschrieben, die sich ähnlich wie n bei der Natriumleitfähigkeit verhält, und zusätzlich wird die Variable h eingeführt, die die Inaktivierung beschreibt. G Na (Vm , t ) = G Na ⋅ m 3 (Vm , t) ⋅ h (Vm , t) 3.22 dm = α m (1 − m) − β m m dt 3.23 dh = α h (1 − h ) − β h h dt 3.24 Hier ist analog zum Kaliumsystem G Na der konstante maximale Natriumleitwert und m und h beschreiben zwei Mechanismen, die die Natriumleitfähigkeit regulieren, wobei die Reaktionsgeschwindigkeiten αm, βm, αh und βh nur potentialabhängig sind. Die Funktionen αm ___________________________________________________________________________________ 39 Brain Modelling und βm zeigen qualitativ dieselbe Potentialabhängigkeit wie αn und βn , das heißt sie beschreiben einen Prozess, der bei der Depolarisation die Membran für Na+-Ionen öffnet. Dagegen haben αh und βh eine spiegelbildlich verkehrte Potentialabhängigkeit, sind aber absolut kleiner als αm und βm. Bei Depolarisation nimmt deshalb h langsamer ab, als m zunimmt. Folglich steigt die Leitfähigkeit schnell an, inaktiviert aber nach kurzer Zeit die Membrandurchlässigkeit. Die numerischen Werte für αm, βm, αh und βh könne aus den Zeitverläufen von GNa bestimmt werden. Abbildung 3.22: Zeitverlauf für n, n4, m, m3, h und m3h während eines Depolarisierungspulses von -70 bis 0 mV für die Dauer von 3 ms. Die Funktionen n und m folgen dem (1-e-t/τ) Verlauf, im Gegensatz zu h, das den e-t/τ Verlauf nimmt. Hodgkin und Huxley bestimmten die Geschwindigkeitskonstanten in Abhängigkeit des Membranpotentials und passten die analytische Ausdrücke an: −0.01(Vm + 50) αn = e −0.1( Vm + 50) − 1 αm = −0.1(Vm + 35) e − 0.1(Vm + 35 ) −1 α h = 0.07e − ( Vm + 60) / 20 β n = 0.125 e -(Vm + 60)/80 3.25 β m = 4e − ( Vm + 60) / 18 3.26 βh = 1 e − 0.1( Vm + 30 ) +1 3.27 Das Hodgkin Huxley Modell umfasst die Gleichungen 3.16 und 3.20-3.27 mit folgenden numerischen Parametern: G Na = 120 mS/cm2 c eNa = 490 mmol/L 36 mS/cm2 c iNa = 50 mmol/L G L = 0.3 mS/cm2 c eK = 20 mmol/L VL = - 49 mV c iK = 400 mmol/L GK = Cm = 1 µF/cm2 Diese Daten gelten bei 6.3 °C. ___________________________________________________________________________________ Elektrische Potentiale 40 Unter Anwendung obiger Formeln ist es nun möglich, die Weiterleitung von Signalen nichtmyelinisierter Axone hervorragend zu beschreiben. ____________________________________________________________________________ Was versteht man unter Depolarisation und Hyperpolarisation ? Wie entsteht ein Ruhemembranpotential ? Welche Arten von Aktivitätsmuster gibt es und wie werden sie klassifiziert ? Erläutere die Effekte an einer semipermeablen Membran mit einer nicht elektrisch geladenen und einer elektrisch geladenen Substanz - beide sind lösbar ? Welche Ionen sind in der Membran eines Neurons für das Aktionspotential wichtig ? Wie lautet die Formel für das Nernst-Potential ? Wie kann man eine Membranoberfläche modellieren ? Von welchen physikalischen Parametern ist das Ionengleichgewicht zwischen dem intra- und extrazellulären Bereich abhängig ? Wie können Dendritenäste elektrisch beschrieben werden ? Wie ändert sich das Membranpotential auf eine Strominjektion ? Was gibt die Längskonstante an ? Was versteht man unter dem "Alles oder Nichts"-Prinzip ? Was kann die Patch-Clamp Technik ? Was ist das Prinzip der Spannungsklemme ? Erläutern sie kurz das Hodgkin-Huxley Modell. ___________________________________________________________________________________ 41 Brain Modelling Die chemische Übertragung zwischen zwei Neuronen Ein biologisches Neuron empfängt Informationen von anderen Nervenzellen über synaptische Verbindungsstellen und überträgt sie, zum Beispiel in der Großhirnrinde, an Tausende anderer Neuronen weiter. Die Synapse verstärkt oder schwächt ein Signal ab, das von einem Neuron zu einem anderen übertragen wird. Über die Synapsen wird die eigentliche Informationsverarbeitung gesteuert. 4.0 Die Synapse Die meisten Nervenzellen besitzen zwischen tausend und zehntausend Synapsen. Man unterscheidet drei verschiedene Synapsentypen: a) Effektorsynapsen regen mit den Kollateralen verschiedene Drüsen oder Muskelzellen an. b) Rezeptorsynapsen dienen der sensiblen Innervation. c) Interneuronale Synapsen stellen den Kontakt zwischen Nervenzellen auf unterschiedlichste Weise her. Dieser Typ ist am häufigsten in unserem Gehirn vorhanden. Die 1 bis 2 µm großen Synapsen sind vergleichbar mit kleinen Dornen (Endknöpfchen), die auf den Dendriten oder am Ende des Axons sitzen. Erreicht ein Nervensignal die Synapse am Axonende (=Neurit), dann wird eine Überträgersubstanz in den Spalt zwischen den einzelnen Synapsen ausgeschüttet, durchquert ihn und wird von den Rezeptoren der Synapse des Dendrits gebunden. Dadurch kommt es zu einer Änderung des elektrischen Zustandes der nachgeschalteten Nervenzelle. Es gibt zwei häufige morphologische Synapsentypen im Gehirn, Gray-Typ I und Gray-Typ II. Synapsen vom Typ I sind erregend (99% von ihnen arbeiten mit Glutamat), während Synapsen vom Typ II hemmend (oft GABAerg) sind. In der Gesamtzahl der synaptischen Stärke sind beide gleich häufig vertreten. ___________________________________________________________________________________ Die chemische Übertragung zwischen zwei Neuronen 42 Abbildung 4.1: Die zwei verschiedenen Synapsentypen. Links eine erregende und rechts eine hemmende Synapse. Die interneuralen Synapsen können wiederum unterteilt werden. Axosomatische Synapsen verbinden die Kollaterale mit einer Postsynapse, die direkt am Zellkörper einer nachgeschalteten Nervenzelle liegt. Axodendritische Synapsen münden mit den Axonendigungen an einem Dendriten, wo sie einen Dornfortsatz umgreifen können. Axoaxonale Synapsen stellen den Kontakt zwischen einer Präsynapse und dem Nachbarneurit her. Dendrodendritische Synapsen koppeln zwei unterschiedliche Dendriten. Die 1 bis 2 mm großen Synapsen sind vergleichbar mit kleinen Dornen (Endknöpfchen), die auf den Dendriten oder am Ende des Axon sitzen. Diese Dornen enthalten kleine Bläschen, auch synaptische Vesikel genannt, in denen eine Überträgersubstanz gespeichert ist. Erreicht ein Nervensignal die Synapse im Axonende, wird die Überträgersubstanz in den Spalt zwischen den einzelnen Synapsen ausgeschüttet, durchquert ihn und wird von den Rezeptoren der Synapse des Dendrits gebunden. Dadurch kommt es zu einer Änderung des chemischen beziehungsweise elektrischen Zustandes der nachgeschalteten Nervenzelle. Es gibt zwei häufige morphologische Synapsentypen im Gehirn: Gray-Typ I und Gray-Typ II. Synapsen vom Typ I sind oft glutamerg und, wie wir noch sehen werden, erregend, während Synapsen vom Typ II oft GABAerg und somit hemmend sind. Bei Synapsen vom Typ I ist der synaptische Spalt leicht erweitert auf 30 nm, und die präsynaptische aktive Zone hat eine Fläche von 1 - 2 µm2. Bei Synapsen vom Typ II hat der Spalt eine Breite von 20 nm. Somit ist die aktive Zone etwas kleiner. Die Synapse ist eine spezialisierte Struktur, die der Kommunikation zwischen zwei Neuronen beziehungsweise zwischen einem Neuron und einer Muskelzelle dient. Beide Zellen sind durch den sogenannten synaptischen Spalt voneinander getrennt (siehe Abb.4.2). Das präsynaptische Neuron schüttet einen Neurotransmitter aus, der an Rezeptoren auf dem postsynaptischen Neuron gebunden wird. Dadurch wird das nachgeschalten Neuron in den elektrischen Eigenschaften beeinflusst. Die chemische Signalübertragung lässt sich in zwei Schritte unterteilen: einen Transmitter-Schritt, bei dem die präsynaptische Zelle einen Botenstoff freisetzt, und einen Rezeptor-Schritt, bei dem der Transmitter an den Rezeptoren der postsynaptischen Zelle gebunden wird. Trifft ein ausreichend starkes elektrisches Signal auf die Präsynapse, dann werden spannungsgesteuerte Calciumkanäle geöffnet. Der Anstieg der Calcium-Ionen-Konzentration bewirkt eine Verschmelzung der synaptischen Bläschen (Vesikel) mit der Membran und der Neurotransmitter kann aus den Bläschen durch den synaptischen Spalt zu den Rezeptoren der Postsynapse diffundieren. Bei einem Aktionspotential werden rund 1-10 Vesikel mit der präsynaptischen Membran verschmolzen. Ein Vesikel enthält rund 2000 Moleküle (bezieht sich auf ACTH). Die Transmittermoleküle reagieren mit den Rezeptoren der postsynaptischen Membran. Diese Rezeptoren veranlassen daraufhin Ionenkanäle dazu, sich zu öffnen oder zu schließen was eine Änderung des Membranpotentials des nachgeschalteten Neurons zur Folge hat. An der ___________________________________________________________________________________ 43 Brain Modelling Postsynapse entsteht ein Potential, wenn ein Neurotransmittermolekül an einem Rezeptor bindet. Präsynapse Postsynapse Ca2+-Ionenkanal ausgeschütteter Neurotransmitter U [mV] 0.4 EPSP Vesikel Rezeptor gesteuerter Na+-Ionenkanal Vesikeldepot t [ms] IPSP Freisetzungsstellen Rezeptor Die Werte können stark variieren. synaptischer Spalt ~20 - 40 nm breit Abbildung 4.2: Links ist der Aufbau einer erregenden Synapse dargestellt. Rechts sind die Verläufe von einem EPSP und einem IPSP dargestellt. Es gibt zwei Hauptklassen von Rezeptoren. Die ionotropen Rezeptoren sind Teil des Ionenkanals und an ihnen dockt der Neurotransmitter an. Die Ionenkanäle, die sich daraufhin öffnen, bezeichnet man als transmittergesteuerte Ionenkanäle. Dieser Synapsentyp wirkt schnell und seine Wirkung hält nur einige Millisekunden an. Später stellte sich heraus, daß es Rezeptoren gibt, die nicht direkt mit Ionenkanälen verbunden sind. Die metabotropen Rezeptoren, wenn sie aktiviert wurden, rufen Veränderungen des Metabolismus innerhalb der Synapse hervor. Die Wirkung ist meistens von einer längeren Dauer. Wird ein metabotroper Rezeptor aktiviert, dann ändert sich im Inneren der Synapse die Konzentration eines sekundären Botenstoffes (second messenger). Diese Botenstoffe besitzen eine breite Wirkung und sie können im Inneren der Synapse viele Veränderungen hervorrufen. Es gibt für jeden metabotropen Rezeptortyp einen eigenen second Messenger. Der erste sekundäre Botenstoff, der entdeckt wurde, war das zyklische Adenosinmonophosphat (cAMP). Man unterscheidet zwei verschiedene Arten von postsynaptischen Potentialen. Zum einen führt eine Ausschüttung des Neurotransmitters verbunden mit dem Rezeptor zu einer Depolarisation der Membran des nachgeschalteten Neurons. Dabei werden die Natrium bzw. die Kaliumkanäle der Postmembran geöffnet. Dies führt zu einem Excitatorischen PostSynaptischen Potential (EPSP). Wird die Membran hyperpolarisiert, dann spricht man von einem Inhibitorischem PostSynaptischem Potential (IPSP) - es werden Cl--Ionenkanäle auf der Postmembran geöffnet. Die Signalzeitverzögerung zwischen dem Eintreffen des Aktionspotentials an der Präsynapse und dem postsynaptischen Potential beträgt mindestens 0.3 ms, normalerweise aber 1-5 ms. Es gibt einen speziellen Typ von Synapsen - die NMDA-Synapsen (eigentlich Rezeptoren). Die Signale werden genauso übertragen, wie oben beschrieben. Dies geschieht durch die gewöhnlichen Glutamatrezeptoren (AMPA - α-amino-3-hydroxy-5-methyl-4-isoxazolepropionate). Die Ionenkanäle steuern direkt das lokale synaptische Membranpotential. Die NMDA-Rezeptoren (N-methyl-D-aspartate), die genauso auf Glutamat ansprechen, müssen durch einen eigenen Mechanismus geöffnet werden (Tetanisierung). Sie steuern nur indirekt das Membranpotential. Wenn sie aktiviert werden, beginnt im Inneren der Synapse eine molekulare Kaskade (second messenger), die unter anderem einen Einfluss auf das Membranpotential hat. Eine Aktivierung von NMDA-Rezeptoren kann zu einer langanhaltenden Modifikation der Effizienz von glutamergen Synapsen führen. ___________________________________________________________________________________ Die chemische Übertragung zwischen zwei Neuronen 44 Bei der Signalübertragung an der Synapse können mehrere Schritte unterschieden werden: 1. Synthese: Der Neurotransmitter wird entweder im Zellkörper hergestellt oder Vorstufen des Neurotransmitter werden zur Synapse über das Axon transportiert und in der Synapse selbst hergestellt. 2. Speicherung: Der Neurotransmitter wird meist in Vesikel gespeichert, in denen er für die Ausschüttung zur Verfügung steht. 3. Ausschüttung: Beim Feuern des Neurons verschmelzen die Vesikeln mit der präsynaptischen Membran und der Neurotransmitter wird in den synaptischen Spalt abgegeben. 4. Rezeption: Der Neurotransmitter diffundiert durch den Spalt und bindet sich schwach an den Rezeptoren an der postsynaptischen Membran. Es kommt zu einer Depolarisation oder Hyperpolarisation des nachgeschalteten Neurons in Abhängigkeit des Rezeptors. 5. Inaktivierung: Bei manchen Synapsen wird der Neurotransmitter im synaptischen Spalt inaktiviert. 6. Wiederaufnahme: Bei anderen Synapsen wird der Neurotransmitter wieder in das präsynaptische Neuron aufgenommen. Es kann sowohl zur Inaktivierung als auch zur Wiederaufnahme kommen. 7. Abbau: Der freie Neurotransmitter innerhalb der Endigung kann abgebaut werden, um die Transmitterkonzentration im Neuron zu regulieren. Für einen Neurotransmitter müssen folgende Bedingungen erfüllt sein: 1. Er muss im Neuron synthetisiert werden. 2. Er muss in den präsynaptischen Endigungen vorhanden sein. 3. Exogen verabreicht, wird die selbe Wirkung erzielt. 4. Es ist ein spezifischer Mechanismus vorhanden, um den Transmitter abzubauen. Jedes Neuron empfängt ständig die synaptischen Signale andere Neuronen. Einige sind exzitatorisch, einige inhibitorisch, einige effektiver, andere weniger effektiv. Manche Synapsen liegen auf den Spitzen der apikalen Dendriten, einige auf dem Dendritenschaft andere auf den Dendritendornen. Die verschiedenen Inputs können einander verstärken oder auch auslöschen. Die Potentiale, die von einem einzelnen postsynaptischen Neuron erzeugt werden, sind klein und nicht in der Lage eine postsynaptische Zelle so stark zu depolarisieren, daβ die Schwelle für das Aktionspotential erreicht wird. Der Nettoeffekt der Inputs an jeder exzitatorischen oder inhibitorischen Synapse hängt daher von verschiedenen Faktoren ab: Vom Ort der Synapse, von ihrer Größe und Form, sowie von der Nähe und relativen Stärke anderer erregenden oder hemmenden Synapsen. Die Effektivität von chemischen Synapsen kann für kürzere oder auch längere Zeit verändert werden. Die Regulierbarkeit oder synaptische Plastizität wird von zwei Arten von Vorgängen gesteuert: 1) Vorgänge innerhalb des Neurons, wie Änderung des Membranpotentials oder das Abfeuern von Aktionspotentialen. ___________________________________________________________________________________ 45 Brain Modelling 2) Extrinsische Prozesse wie die synaptischen Eingänge von anderen Neuronen. Ob ein Neurotransmitter erregend oder hemmend wirkt, ist von den Rezeptoren der Postsynapse abhängig. Praktisch gesehen ist Glutamat meist bei erregenden (Erhöhung der Membranspannung) und GABA (γ-Aminobuttersäure) bei hemmenden (Erniedrigung der Membranspannung) Prozessen beteiligt. Wir unterscheiden zwischen Neurotransmitter, die praktisch nur der Signalweiterleitung dienen und Neurotransmitter, die verschiedene Prozesse im Neuron oder an der Synapse modulieren. * Für die Signalweiterleitung im Gehirn sind folgende Stoffe verantwortlich: Glutamat: meist erregend, dient der Informationsweitergabe, sehr häufig GABA: meist hemmend, 25-40% der Synapsen * Eine modulierende Wirkung besitzen folgende Substanzen : Acetylcholin: Steuerungsaufgaben im Vorderhirn, Hippocampus, Septum, wirkt meist erregend Catecholamine: Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin; Serotonin: modulierende Aufgaben, wirkt meist hemmend Modulierend im Vorderhirn, Cerebellum und Rückenmark, wirkt meist hemmend. *... hauptsächlich - aber es gibt immer wieder Ausnahmen. Die Neurotransmitter, die eine modulierende Wirkung besitzen, sind nur in einem geringen Anteil im Gehirn vorhanden (2-5%). Bisher wurden über 60 Substanzen, die als Signalüberträger funktionieren gefunden. Diese Substanzen unterteilt man in 3 Gruppen: kleine Moleküle, Peptide (Aminosäureketten) und Gase. Unter den kleinen Molekülen versteht man die „klassischen“ Neurotransmitter: Acetylcholin, Dopamin, Noradrenalin, Adrenalin, Serotonin, Histamin, γ-Aminobuttersäure (GABA), Glycin, Glutamat. Bei den Peptiden unterscheidet man über 10 Familien. Meistens kennt man die einzelnen Funktionen fast bis gar nicht. Die erste Aminosäurekette im Gehirn, das als Signalüberträger identifiziert wurde, war das Neuropeptid Y. Die Peptide werden im Zellkörper synthetisiert, während die Neurotransmitter in der Synapse produziert werden. Einige der wichtigsten Familien: Opioide: Enkephalin, Dymorphin Sektrete der Neurohypophyse: Vasopressin, Oxytocin Sektretine: gastrisches-inhibitorisches Peptid, Releasing-Faktoren für die Wachstumshormone Insulin-Familie: Insulin, Insulin- Faktoren für die Wachstumshormone Gastrin-Familie: Gastrin, Choleocystokinin Somatostatin-Familie: Polypeptide der Pankreas ___________________________________________________________________________________ Die chemische Übertragung zwischen zwei Neuronen 46 Bei den Gasen finden sich NO und CO als Signalübertragungssubstanzen. Es gibt keine Rezeptoren, das Gas diffundiert direkt durch die Zellmembran. Die modulierenden Neurotransmitter finden sich im gesamten Gehirn. Von einzelnen zentralen Schaltstationen (für jeden modulierenden Neurotransmitter gibt es in ein bis drei Kernen) ziehen Faserstränge in verschiedenste Gebiete des Gehirns und modulieren dort die Signalverarbeitung. Die Neurotransmitter Serotonin, Dopamin und Noradrenalin haben häufig bei wichtigen geistigen und neurologischen Fehlfunktionen eine wesentliche Bedeutung, wie sie zum Beispiel bei Depression, Schizophrenie, Alzheimer, Rauschgiftsucht und bei der Parkinson-Krankheit auftreten. So hat man 5 verschiedene Rezeptoren für Dopamin gefunden. Man glaubt das vor allem der Rezeptor D2 in Verbindung mit der Erkrankung der Schizophrenie in Verbindung steht. Abbildung 4.4: Die Prozesse im Inneren einer Synapse können durchaus kompliziert werden. Zum Teil können aber auch Neurotransmitter auf die regulativen Prozesse einen Einfluß haben. Überblick zwischen verschiedenen Signalen, die an Neuronen auftreten können, und den damit verbundenen Ionenkanälen: Ionenkanäle Signal Typ Mechanismus Signaleigenschaften Ruhepotential Leck- variiert in verschiedenen meist K+- und Cl-- überwiegend Kanäle einige Na+- kanäle (auch span- Zellen zwischen -45 nungsgesteuerte K+- und -90 [mV] Kanäle Kanäle) Aktionspotential separate Na+und K+-Kanäle Alles oder Nichts Prinzip spannungsgesteuerte Kanäle, Na+- und K+- Amplitude: ≈ 100 [mV] Kanäle werden nach- Dauer: 1-10 [ms] einander aktiviert sensorischer Reiz Rezeptorpotential unspezifischer Kationenkanal für Na+- und K+-Ionen graduiert, schnell, Dauer: mehrere Millisek. Amplitude: einige [mV] ___________________________________________________________________________________ 47 Brain Modelling ____________________________________________________________________________ Welche Arten von Synapsen gibt es ? Welche wesentlichen Bausteine (morphologisch, funktionell) einer Synapse gibt es ? Erläutere den Begriff PSP, EPSP und IPSP ? Welche Ionenkanäle auf der Präsynapse sind für das Auslösen eines PSP´s verantwortlich ? Was versteht man unter einem second-messenger Prozess ? Wodurch unterscheiden sich NMDA-Synapsen von anderen Synapsen ? Welche Schritte gibt es bei der Signalübertragung von Synapsen ? Welche Bedingungen müssen für einen Neurotransmitter erfüllt sein ? Welche informationsübertragende Neurotransmitter gibt es ? Wie wirken sie ? Was ist für die Wirkung (inhibitorisch/exzitatorisch) eines Neurotransmitters verantwortlich ? Welche modulatorischen Neurotransmitter (inhibitorisch/exzitatorisch) kennen sie ? Welche unterschiedlichen Potentiale gibt es - wodurch unterscheiden sie sich ? ___________________________________________________________________________________ Die chemische Übertragung zwischen zwei Neuronen 48 x1 x2 Σ y1 Technische neuronale Netzwerke Es gibt eine Vielzahl von unterschiedlichen Modellen, welche die Aktivitäten von Neuronen beschreiben. Hodgkin und Huxley waren die ersten, die mit Hilfe einer Differentialgleichung die elektrische Erregung in einem Neuron über den Natrium- und Kaliumhaushalt korrekt beschrieben haben. Dieses Modell war nur der Beginn einer langen Reihe von verschiedenen mathematischen Beschreibungsweisen. So ist das Bonhoeffer-Van der Pol als auch das FitzHugh-Nagumo Modell als Weiterentwicklung zu erwähnen. Dadurch ist es gelungen, die Wirkungsweise von Medikamenten und Nervengiften wesentlich besser zu verstehen. So ist es wichtig, nicht nur die chemischen Eigenschaften von Neuronen, sondern auch das mathematische Konstrukt zur Beschreibung der biochemischen Eigenheiten zu kennen. Wir wissen zwar, daß technische neuronale Netzwerke keine sinnvolle vollständige Beschreibung einer Gruppe von biologischen Neuronen ist, dennoch sind einige Aspekte für das Verstehen des Gehirns wichtig. Dieses Kapitel liefert eine kurze Einführung in die Modellbildung und physikalische Beschreibungsweise von einzelnen Neuronen. 5.0 Formale Neuronen Im Unterschied zur Biologie beziehungsweise Neurologie können auch andere Modelle benutzt werden, bei denen nicht alle Aspekte eines Neurons exakt beschrieben werden. Stattdessen wird ein Modell verwendet, daß eine sehr grobe Verallgemeinerung darstellt. Die sich ergebenden Netze sind somit keine Neuronen-Netze, sondern nur "neuronale" (neuronenähnliche) Netze. In Hinkunft werden alle neuronenähnliche Verarbeitungseinheiten, als formale oder technische Neuronen bezeichnet. Beschäftigen wir uns einmal mit der Kodierung der Information in technischen neuronalen Netzen und deren biologischer Begründung. Wie in Kapitel 3.0 dargelegt, muss eine elektrische Schwelle überschritten werden, damit es zur Auslösung eines Aktionspotentials kommt. Steigt die Reizstromstärke weiter an, so feuert das Neuron öfters. Obwohl das resultierende Axonsignal von Natur aus binär ist (feuern oder nicht feuern), lässt sich scheinbar diese binäre Information in eine nicht-binäre Form übertragen, wenn man die Feuerfrequenz eines Neurons betrachtet (siehe Abb.5.1 links). Wie wir sehen, ist die Feuerfrequenz in weiten Grenzen in guter Näherung stückweise linear bezogen auf den Logarithmus der Stärke des angelegten Reizes (siehe Abb.5.1 rechts). Bei hohen Reizstärken geht die Zellaktivität in eine Sättigung über, die durch eine ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 49 mindestens 1 ms lange Regenerationszeit nach einem Aktionspotential bestimmt wird. Damit ist die maximale Taktfrequenz der Neuronen auf einen relativ niedrigen Wert von 1 kHz beschränkt. U [mV] 0 Entladungsfrequenz [Hz] 20 Sättigung 15 Schw elle t 10 b1 b2 5 Entladungsfrequenz des Neurons 1 2 3 4 5 6 7 8 Reizstromintensität (log. Einheiten) t Abbildung 5.1: Links ist der Zusammenhang zwischen den Aktionspotentialen und der Entladungsfrequenz dargestellt - ein Neuron wird mit einer variablen Stromquelle gereizt. Rechts ist das Verhältnis von der Reizstromintensität zur Feuerfrequenz dargestellt. Das Grundmodell eines technischen Neurons stützt sich im wesentlichen auf die Vereinfachungen von McCulloch und Pitts, die ein Neuron als eine Art Addierer mit Schwellwert betrachteten. Die Synapsen eines Neurons nehmen Aktivierungen xi, vergleichbar den EPSP´s, mit bestimmten Stärken wi (Gewichtungen, synaptischen Stärken) von anderen Neuronen auf, summieren diese und lassen dann am Ausgang y des Neurons (entspricht in der Biologie dem Axonhügel) eine Aktivität entstehen, sofern die Summe vorher einen Schwellwert b überschritten hat. x1 w1 x2 w2 xi wi xn wn Synapse Eingabe Gewichtung Aktivität z Ausgabe y Schwellwert b Axonhügel Axon Summation Ausgabe Abbildung 5.2: Ein technisches (formales) Neuron mit xi als Eingangswert, multipliziert mit wi als Gewichtswerte, die summiert werden, mit dem Schwellenwert abgeglichen werden und schon haben wird die Ausgabe eines formalen Neuron. Mit der Formel x1w1 + x2w2 +...+ xiwi +...+ xnwn = z 5.0 wird die Aktivität z eines formalen Neurons berechnet, wobei es n Eingänge gibt. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 50 McCulloch und Pitts zeigten, daß mit diesen einfachen Elementen jeder finite logische Ausdruck berechnet werden kann. Fassen wir die Eingabeaktivitäten x1,...,xn zum v v Eingabevektor x =(x1, ... , xn)T und die Gewichte w1, ... , wn zum Gewichtsvektor w =(w1, ... , wn)T zusammen, so lässt sich die resultierende interne Aktivität z formal als Skalarprodukt beider Vektoren schreiben: r v v v z( x , w ) ≡ ∑ w j ⋅ x j = w T x 5.1 j Die biologische Aktivitätsfunktion "sammelt" die Ladungen der dendritischen Eingänge zu einem elektrischen Potential und wird deshalb auch als "Potentialfunktion" bezeichnet. Sehr oft muss die Aktivität erst eine Schwelle b (bias) überschreiten (entspricht b1 in Abb.5.1 rechts), bevor es zu einer Aktivität am Ausgang kommt. Dies lässt sich durch die Minderung der Aktivität um einen Schwellwert modellieren: r v v v z( x , w ) ≡ w T x − b 5.2 Den zusätzlichen Term b kann man in der Notation wieder zum Verschwinden bringen, indem v man eine Erweiterung der Vektoren um eine Zusatzkomponente x =(x1, ... , xn, 1)T und v w =(w1, ... , wn, -b)T vornimmt. Die Aktivität y am Neuronenausgang wird durch die Ausgabefunktion S(z), abhängig von der internen Aktivität z, beschrieben: y=S(z) 5.3 Der Wertebereich der verwendeten Variablen ist je nach Modellvariante und Anwendungsbereich unterschiedlich. Meist ist xi zwischen Null und Eins definiert, manchmal sind aber andere Normierungen notwendig und sinnvoll. Man kann folgende Klassifizierung für die Ausgabefunktionen treffen: Die Werte für den Input xi und dem Output y sind binär (aktiv oder nicht aktiv). Die Gewichte wi können aber reell sein. Eine positive Aktivität y ergibt sich erst nach dem Überschreiten einer Schwelle: Binäre Ausgabefunktion: y 1 0 SBIN(z) z Abbildung 5.3: Die binäre Ausgabefunktion. y =1 y = S BIN ( z) ≡ y = 0 z>0 z≤0 5.4 Anstelle vom Wert "y = 1" kann für spezielle Anwendungen auch eine beliebige andere Zahl verwendet werden. Begrenzt-lineare Ausgabefunktion: Wie in Abbildung 5.1 rechts ersichtlich, ist die Entladungsfrequenz in weiten Bereichen stückweise linear bezogen auf den Logarithmus der Stärke des angelegten Reizes (Reizstromstärke). Dieser Sachverhalt läßt sich durch eine begrenzt-lineare Ausgabefunktion modellieren. Damit ist es möglich die Frequenzmodulation zu berücksichtigen. ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 51 y Zmax SLIN(z) b1 0 z b2 Abbildung 5.4: Die begrenzt-lineare Ausgabefunktion. Aus Abbildung 5.1 rechts geht hervor, dass es zwei wichtige Werte für die Eingabeaktivität gibt: der untere Schwellwert b1, der überschritten werden muss, um die Membran zu depolarisieren, und den Wert b2, nach dessen Überschreitung es zu einer Sättigung kommt. So erfolgt die Ausgabe zwischen den zwei Schwellwerten und dem Sättigungswert ymax: y=0 y max (z − b1 ) y = S LIN (z) ≡ y = b 2 − b1 y = y max z < b1 b1 ≤ z ≤ b 2 b2 < z 5.5 Sigmoide Ausgabefunktion: y 1 0 SFermie(z) z Abbildung 5.5: Die Fermi-Funktion als Ausgabefunktion. Bei der analytischen Verwendung der Ausgabefunktion ist es manchmal nötig, auch die Ableitung der Funktion selbst zu kennen. Somit sollte diese Funktion glatt sein im Gegensatz zu den bisher besprochenen Ausgabefunktionen. Die als sigmoiden Funktionen bekannten Ausgabefunktionen sind dabei praktischer als obige Stufenfunktionen. Meist wird die Fermi-Funktion verwendet: y = S Fermi (z) ≡ 1 1 + e − kz 5.6 Im Unterschied zu biologischen Neuronen ist es aber bei formalen Neuronen möglich, völlig beliebige und für eine bestimmte Problemlösung günstige Neuronen neu zu definieren. v v Beispielsweise kann die Aktivität auch über den Abstand definiert sein: z ≡ x − w , sodass v S(z) dann eine Bewertungsfunktion der Eingabe x bezüglich des Abstandes vom Punkt v w darstellt. Formale Neuronen lassen sich sehr effektiv x2≙Körpergröße beim Problem der Mustererkennung verNeuron wenden. Mehrere ähnliche Muster sollen zu 1 einer Gruppe zugeordnet werden. Man alternative spricht dann von Musterklassen. Betrachten Neuronen wir dabei zwei Musterklassen "Übergewicht" und "Untergewicht". Jedes Muster hat (in diesem Beispiel) zwei Eigenschaften x1 (Körpergewicht) und x2 (Körpergröße), und jede Eigenschaft kann einen Wert x1≙Körpergewicht zwischen 0 und 1 annehmen. Somit lässt sich jedes Muster in einer Ebene als Punkt d 1 v mit x =(x1, x2) darstellen. Aufgabe einer Klassifizierung ist es, zwischen den beiden Klassen eine Trennungslinie zu finden, welche die beiden Mengen trennt. Für die x1 w1 Beurteilung eines neuen unbekannten y Σ Musters reicht es dann aus, die Lage x2 w2 bezüglich der Klassengrenze (diesseits oder jenseits der Geraden) zu bestimmen. b Abbildung 5.5: Der Eingangsraum (oben) wird durch ein Neuron (Gerade) geteilt. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 52 Betrachten wir ein formales Neuron: x1w1 + x2w2 + x3w3 = 0 5.7 Im Term x3w3 ist der Schwellwert versteckt, x3 = –b und w3 = 1: x1w1 + x2w2 – b = 0 5.8 Führen wir ein paar Umformungen durch: x2w2 = –x1w1 + b 5.9 w b x 2 = x 1 − 1 + w2 w2 5.10 und Durch Neubezeichnung der Terme (–w1/w2) = k und (b/w2) = d ergibt sich: x2 = x1 k + d 5.11 Diese Gleichung ist gerade die Geradengleichung: y = k x + d mit x2 = y und x1 = x. Das heißt ein Neuron trennt über eine Gerade die beiden Muster. Die Geradengleichung beschreibt die Menge aller Punkte, welche die Gleichung erfüllen. Was passiert, wenn Punkte, die oberhalb oder unterhalb der Gleichung liegen, eingesetzt werden. Der Term x1w1 + x2w2 + x3w3 wird jetzt nicht Null gesetzt, sondern das Ergebnis E berechnet: x1w1 + x2w2 + x3w3 = E x2≙Körpergröße Neuron 1.0 E>0 E<0 x1≙Körpergewicht 1.0 5.12 Das Ergebnis E entspricht dem Normalabstand des jeweiligen Punktes zur Geraden. Liegt ein Punkt, also eine Person mit geringem Körpergewicht und eher großer Körpergröße oberhalb der Geraden, dann gilt E > 0. Hat eine Person ein großes Körpergewicht und ist von kleiner Statur, so liegt der Punkt unterhalb der Geraden und es gilt E < 0. Abbildung 5.7: Der jeweilige Abstand des Musters von der Geraden - aufgespannt durch ein Neuron. Ein solchermaßen definiertes formales Neuron stellt also einen linearen Klassifikator dar. Jedes Muster wird in eine durch die Gewichte und den Schwellwert definierten Klasse eingeordnet. Bei zwei Eingängen kann man das Problem ganz leicht graphisch darstellen. Wenn ein technisches Neuron über mehrere Eingänge verfügt, dann trennt nicht eine Gerade, sondern eine Hyperebene den Raum. ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 53 5.1 Das Perzeptron Dieses Modell löste unter den damaligen Gehirnforschern großen Enthusiasmus aus. Endlich schien ein Modell vorhanden zu sein, das nicht nur bestimmte Reize lernen und wiedererkennen konnte, sondern auch von den ursprünglichen Eingabedaten leicht abweichende Reize richtig zuordnen konnte. Informationsfluss w1 w2 wn-1 Σ y wn Eingabeschicht vorverarbeitende Einheiten Ausgabeneuron Abbildung 5.8: Die Eingabeschicht wird von den vorverarbeitenden Einheiten “betrachtet”, diese vorverarbeitenden Einheiten untersuchen den kleinen Teilbereich, den sie sehen und schicken dann ein Signal an das Ausgabeneuron weiter. Ein Perzeptron besteht in der Regel aus einer endlichen gitterartigen Eingabeschicht, die in einzelne Zellen unterteilt ist. Zusätzlich gibt es eine Vielzahl vorverarbeitender Einheiten, die nur einen Teilausschnitt des Gitters beobachten können. Sie werden gewöhnlich als lokale Detektoren bezeichnet. Diese Detektoren sind nicht vergleichbar mit den formalen Neuronen aus dem vorigen Kapitel. Sie werden zwischen der Eingabeschicht und der Neuronenschicht eingefügt. Diese ersten Schritte der Bild-Vorverarbeitung werden oft als low-level oder early vision bezeichnet. Es findet auf dieser Ebene noch keine eigentliche Erkennung statt. Die Abbildung von der Eingabeschicht zur Vorverarbeitungsschicht wird mit ϕ bezeichnet. Diese vorverarbeitenden Einheiten schicken dann ihre Daten an die eigentliche Neuronenschicht. Dort wird dann eine Entscheidung über das "gesehene" Objekt getroffen. Jedes dieser vorverarbeitenden Einheiten untersucht eine bestimmte Teilmenge der Eingabeschicht und teilt das Ergebnis den Neuronen, kompetenteren Entscheidungsträgern mit. In diesem Fall beschränken wir uns nur auf ein Neuron in der Neuronenschicht. Jede vorverarbeitende Einheit führt einen Vergleich von intern gespeicherten Werten (Mustern) mit der zu beobachtenden Teilmenge durch. Sobald eines der gespeicherten Muster ident ist mit dem zu untersuchenden Bereich, dann sendet diese Einheiten ein Signal an ein formales Neuron. Sonst verhält es sich still. Das Neuron multipliziert jedes erhaltene Signal mit einer Zahl (Gewichtung) und bildet schließlich die Summe über alle so erhaltenen Zahlen. Wenn die Summe einen gewissen Schwellwert übersteigt, antwortet das finale Neuron mit 1, sonst mit 0 - aktiv oder nicht-aktiv. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 54 Indizien die für das Vorliegen einer Treppe sprechen : Abbildung 5.9: Eine Netzhaut mit den lokalen Einheiten, die ein 4×4 Feld untersuchen. Rechts sind die Indizien, die für ein Vorliegen einer Treppe sprechen. Betrachten wir in der Abbildung 5.9 eine Eingabeschicht und die dazugehörigen Indizien, die auf eine Treppe hinweisen. Wesentlich ist, dass die 4×4 Felder die beobachtet werden, in allen Richtungen überlappen. Wenn eine Treppe vorliegt, egal wie diese Treppe vorliegt (ob höher oder niedriger gelegen) dann werden alle lokale Einheiten ansprechen. Wenn nur ein kleiner Bereich nicht-treppenartig ist, die zwei Quadrate mit dem Schachbrettmuster, dann werden ein paar lokale Einheiten kein Signal weiterleiten. Eine wesentlich kompliziertere Aufgabe kann das nachfolgende Perzeptron lösen. Als Beispiel wird hier ein Perzeptron vorgestellt, das erkennen kann ob sich in seinem Blickfeld Rechtecke (Null inbegriffen) beliebiger Form und Größe befinden, oder ob sich Rechtecke an Seiten oder Kanten berühren. Es wird nur erkannt, ob Rechtecke vorliegen, aber nicht welche oder wie viele Rechtecke vorliegen. vorverarbeitende Einheit Indizien, die für das Vorliegen mehrerer getrennter Rechtecke sprechen: Indizien, die gegen das Vorliegen mehrerer getrennter Rechtecke sprechen: Abbildung 5.10: Eingabeschicht (links) und interne Muster (Gewichte) für die Vorverarbeitung (rechts). Für die Mustererkennung kann man entweder die Indizien die für beziehungsweise die Indizien die gegen das Vorliegen von Rechtecken sprechen in den vorverarbeitenden Einheiten abspeichern. Zu jedem 2×2-Quadrat im Eingabebereich wird eine Einheit positioniert. Weiteres werden dann die Muster, die für das Vorliegen von Rechtecken sprechen, in alle diese vorverarbeitenden Einheiten übertragen (intern gespeicherte Werte). Schließlich erhalten alle Gewichte des eigentlichen Neurons den Wert +1 und der Schwellwert wird auf d, die Anzahl aller vorverarbeitenden Einheiten gesetzt. Wenn also alle Einheiten einen positiven Vergleich zwischen den intern gespeicherten Repräsentationen und dem zu beobachtenden Bereich durchführen, schicken sie alle ein Signal zum beurteilenden Neuron, die daraus folgende Summe ist T und das Neuron setzt den internen Wert auf "1". Das Perzeptron hat erkannt, daß nur voneinander getrennte Rechtecke in der gitterartigen Eingabeschicht vorliegen. Stimmt mindestens ein zu beobachtender ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 55 Teilbereich nicht mit den internen Werten überein, dann bleibt mindestens eine Einheit stumm und die Schwelle T wird nicht erreicht. Folglich bleibt das Neuron im Zustand "0". Für eine 2×2 Teilmenge auf einer n×n Matrix gilt: Da es (n-1)2 lokale Einheiten gibt lautet der Schwellwert: T=(n-1)2-1 Wenn alle lokalen Einheiten ein Indiz entdeckt haben, daß für die Rechtecke spricht, dann wird als Summe (n-1)2 herauskommen; also (n-1)2 > T = (n-1)2 - 1. Wenn nur eine einzige lokale Einheit kein positives Signal weiterleitet, dann gilt: (n-1)2 -1 > T ⇒ falsche Aussage. / Also sind Nicht-Rechtecke vorhanden. Mit diesen Perzeptronen konnten tolle Dinge durchgeführt werde. Man glaubte, daß man das Rätsel Gehirn gelöst hatte. Ein Neuron wurde nach dem Vorbild der Natur nachgebildet und es konnte "scheinbar" komplizierte Strukturen erkennen. Doch dann kamen die Neurowissenschafter Papert und Minsky. Sie zeigten mit einem einfachen und eindrucksvollen Beweis, daß einfache Perzeptrone nicht in der Lage sind komplizierte Dinge zu erkennen. Betrachten wir ein Perzeptron, das erkennen soll, ob eine Figur zusammenhängend ist oder nicht (Abb. 5.11). Trennen wir die Eingabeschicht in drei Bereiche, den Linken L, den Mittleren A und den Rechten R. L A R L A Graphik A Graphik B Graphik C Graphik D R Abbildung 5.11: Die Eingabeschicht wird in drei lokale Bereiche unterteilt L - A - R und es werden dem Perzeptron 4 unterschiedliche Graphiken -zusammenhängende B/C und nicht-zusammenhängende A/D präsentiert. Indirekt angenommen, das Perzeptron erkennt die erste Graphik (A) als durchgehende Linie, dann wäre es schon gescheitert. Also muss der Schwellwert kleiner als 3 - da es drei Teilbereiche gibt - sein. Bei der zweiten Graphik (B) müssen alle drei Bereiche den Schwellwert erreichen. Praktisch ist aber nur der linke Bereich unterschiedlich zur Graphik A. Dasselbe gilt natürlich auch für Graphik C - nur ist diesmal der rechte Bereich unterschiedlich zur Graphik A - aber auch hier muss wieder der Schwellwert erreicht werden. Bekommt das Perzeptron die Graphik D vorgesetzt, dann kommen der linke Bereich von Graphik B und der rechte Bereich von Graphik C zum Tragen - daraus setzt sich die Graphik D zusammen. Damit würde der Schwellwert überschritten und auch Graphik D würde aus einer zusammenhängenden Figur bestehen, was falsch ist: Graphik A ⇒ L + A + R < 3 Graphik B ⇒ L´+ A + R = 3 Graphik C ⇒ L + A + R´= 3 Graphik D ⇒ L´+ A + R´< 3 (0.5+1.0+0.5 < 3) (1.5+1.0+0.5 = 3) (0.5+1.0+1.5 = 3) (1.5+1.0+1.5 = 4 < 3) WID. / ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 56 Damit wäre gezeigt, daß ein Perzeptron gewisse Muster nicht erkennen kann. Dies führte zu einer schlimmen Krise innerhalb der theoretischen Neurowissenschaften. Viele Wissenschafter suchten sich andere Arbeitsgebiete. Der Glaube an eine naturwissenschaftliche Erklärung des Gehirns war erschüttert. Aber versuchen Sie doch selbst einmal mit einem raschen Blick zu erkennen, welche der nachfolgenden Graphiken (Abb.5.12) zusammenhängend sind. Mit einem sehr kurzen Blick werden Sie es wahrscheinlich nicht schaffen. Erkennen ist ein sehr komplexes Verhalten dabei sind viele Neuronen beteiligt - nicht nur ein einziges, wie beim Perzeptron. Abbildung 5.12: Welcher dieser Graphiken wurde durchgehen gezeichnet, und welche nicht. Mit einem raschen Blick ist dies nur schwer zu erkennen. Wenn man aber mit den Augen den Linien entlangfährt, dann ist es kein großes Problem -aber Perzeptrone besitzen keine gerichtete Aufmerksamkeit. Erst einige Jahre später erkannte man, daß sich mit mehreren Neuronen praktisch alle mathematischen beziehungsweise formalisierbaren Probleme lösen lassen. Dafür gibt es auch einen Beweis. 5.2 Mehrschichtnetzwerke Mehrere Neuronen sind in der Lage unterschiedliche Teilprobleme zu lösen. Das bedeutet aber auch, daß die Teillösungen miteinander verknüpft werden müssen. x2 g3 x2 g1 g2 g1 x1 x1 Σ x1 x2 Σ x1 g1 y1 x2 Σ Σ g1 y1 g2 y2 g3 y2 Abbildung 5.13: Links im Bild teilt ein Neuron einen 2-dimensionalen Raum, während im rechten Bereich 3 Neuronen mit 2 Eingänge den Raum in mehrere Bereiche teilt. ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 57 Betrachten wir wieder eine Ebene mit 2 unterschiedlichen Eingängen - dies lässt sich zweidimensional schön darstellen - und die möglichen getrennten Teilgebiete (siehe Abb.5.13). Ein Neuron kann mit einer Geraden nur 2 Muster unterscheiden. Wenn mehrere Neuronen sich die Aufgabe teilen, dann können komplizierter und mehrere Muster unterschieden werden. Wenn wir ein Gebiet (Gewicht zu Größe) in drei Gruppen (Teilgebiete) unterteilen wollen, übergewichtig, normalgewichtig und untergewichtig, benötigen wir 2 Neuronen in der Hidden-Layer. Diese Neuronen x2≙Körpergröße unterteilen die Gesamtgruppe (siehe Abb.5.14). Dieses Problem Untergewicht 1.0 entspricht dem XOR-Problem. Ein XOR-Problem: Neuron trennt die Untergewichtigen von den anderen Mustern x1 x2 Ausgabe 0 0 ⇒ 0 und ein Neuron trennt die Über0 1 ⇒ 1 gewichtigen von den Anderen. 0 ⇒ 1 1 ⇒ 0 1 1 x1≙Körpergewicht Idealgewicht Übergewicht 1.0 Abbildung 5.14: Zwei Neuronen trennen ein Gebiet in 3 unterschiedliche Gebiete. Natürlich müssen die beiden Neuronen ihre Information über den jeweiligen Abstand zum jeweiligen Muster gemeinsam an ein anderes Neuron weitergeben. Dieses Neuron entscheidet dann über den Output. Diese Gruppierung von Neuronen wird als Netzwerk bezeichnet. Da die Informationsrichtung eindeutig vorgegeben ist, bezeichnet man diesen Typ als "feed-forward-Netzwerk" (siehe Abb.5.15). Das Netz besitzt 3 Schichten, allerdings ist die Bezeichnung der Schichten in der Literatur nicht immer eindeutig. g1 x1 1 w 1 b 11 1 w21 1 w12 1 g3 2 b 1 w x2 1.Schicht Eingabeschicht Eingabeschicht 1 w 22 12 g2 1 2 w 21 1 b 2 2.Schicht 1.Schicht Hidden-Layer 3.Schicht 2.Schicht Ausgabeschicht Abbildung 5.15: Ein 3-schichtiges feed-forward Netzwerk mit den Gewichts und Schwellwertbezeichnungen. Die 3 Neuronen trennen durch 3 Geraden g1, g2 und g3 die jeweiligen Gebiete. Wichtig ist, daß g1 und g2 das gleiche Gebiet trennen und durch ihre Ausgabe wird ein neues Gebiet aufgespannt, das durch die Gerade g3 getrennt wird, ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 58 Damit das Netzwerk obiges Problem (XOR beziehungsweise das Gewichtsproblem) lösen kann, müssen die Gewichte wi und Schwellwerte bi folgendermaßen gesetzt werden: w11 1 = w12 2 = w21 1 = w22 1 = 0.5 w12 1 = w11 2 = -0.5 b11 = b12 = b21 = 0.3 Rechnen wir ein gesamtes Netzwerk durch. Für die einzelnen Neuronen in der jeweiligen Schicht ergeben sich für vier verschiedene Inputs ( 0-0 / 0-1 / 1-0 / 1-1 ) folgende Werte: 1.Neuron - 2.Schicht: 1.0 0 0 y1 < 0 ⇒ 0 0 1 y1 > 0 ⇒ 1 g1 1 0 y1 < 0 ⇒ 0 1 1 y1 < 0 ⇒ 0 1.0 2.Neuron - 2.Schicht: 1.0 0 0 y2 > 0 ⇒ 1 g2 0 1 y2 > 0 ⇒ 1 1 0 y2 < 0 ⇒ 0 1 1 y2 > 0 ⇒ 1 1.0 1.0 1.Neuron - 3.Schicht: 0 0 ⇒ 0 1 y3 > 0 ⇒ 1 0 1 ⇒ 1 1 y3 < 0 ⇒ 0 g3 1 0 ⇒ 0 0 y3 < 0 ⇒ 0 1 1 ⇒ 0 1 y3 > 0 ⇒ 1 1.0 Durch entsprechende Algorithmen lassen sich auch in komplizierteren Fällen die Koeffizienten wki j und damit die Klassengrenzen berechnen. Mit der Anwendung von mehreren Neuronen auf ein Problem ist eine neue Idee geboren. Jedes Neuron der 2. Schicht (Hidden-Layer) - natürlich auch jedes Neuron der 3.Schicht beschäftigt sich mit einem kleinen Teilproblem. Es wird nicht das Muster als Ganzes (ein Symbol) betrachtet, sondern es werden kleine Strukturen betrachtet (Sub-Symbole). Abbildung 5.17: Auf der linken Seite ist eindeutig ein Elefant zu erkennen - ein eindeutiges Symbol, während auf der rechten Seite ein Fabelwesen zu erkennen ist - mit verschiedenen Subsymbolen - einem Rüssel, Stierhörner, Flügeln, einem Känguruhinterteil und so weiter. ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 59 Wodurch ist ein Elefant definiert? Ein Elefant ist durch einen Rüssel, große Schlappohren und vier große Beine definiert. Diese Sub-Symbole stellen in ihrer Gesamtheit ein Symbol dar: den Elefant. Wenn manche Sub-Symbole verändert werden (zum Beispiel die Füße), oder neue Sub-Symbole hinzugefügt werden, dann entsteht ein Phantasiewesen, das mit dem ursprünglichen Symbol nur mehr sehr wenig zu tun hat. Die Grundidee der sub-symbolischen Informationsverarbeitung ist das Auflösen der Symbole zur Beschreibung der Anwendungswelt in Mikrostrukturen auf der Basis primitiver Verarbeitungseinheiten. Dann können auch einfache Strukturen - wie zum Beispiel Neuronen - diese Gebilde verarbeiten. Damit stellt sich die Frage nach der Bestimmung der Gewichte. 5.3 Bestimmung der Gewichte Es gibt verschiedene Möglichkeiten die Gewichte der einzelnen Neuronen zu bestimmen. Das jeweilige Verfahren hängt sehr stark vom Problem ab. Es ergeben sich folgende Möglichkeiten: Raten (Trial and Error) gutes Raten (Sukzessive Approximation) Gradientenverfahren (Back-Propagation) genetische Algorithmen Hybride - Mischung aus verschiedensten Verfahren Wenn das Problem einfach ist, kann man mit raten durchaus erfolgreich sein. Leider sind die meisten Probleme aber nicht einfach. So versucht man die Lösung des Problems einzuschränken, wie bei der sukzessiven Approximation. Man soll eine Zahl, die zwischen 0 und 100 liegt raten. Dadurch, daß man weiß, das man zu hoch oder zu niedrig geraten hat, kennt man das Hoffnungsgebiet. Dieses Gebiet muss man immer nur halbieren und nach relativ wenigen Schritten kennt man die gesuchte Zahl. 0 13 25 50 100 19...gesuchte Zahl 0 100 0 50 0 25 13 25 19...gesuchte Zahl Abbildung 5.18: Eine Zahlengerade von 0 - 100. Es sind die unterschiedlichen Hoffnungsgebiete eingezeichnet: (0, 100), (0, 50), (0, 25), (13, 25) und die richtige Zahl wurde in wenigen Schritten erkannt. Dies ist ein Beispiel für gutes Raten - beziehungsweise für die sukzessive Approximation. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 60 Beim Gradientenverfahren sucht man das Optimum durch einen ähnlichen Ansatz. Dafür muss ein Zustandsraum definiert werden. Der Zustandsraum ist aufgespannt durch die Gewichte und den Output. Zu jedem Gewicht gibt es einen klar berechenbaren Output. Durch jeden einzelnen Gewichtswert und den dazugehörigen berechneten Output (Zustand) ist der Zustandsraum gegeben. Die tatsächliche Ausgabe wird mit der gewünschten Ausgabe verglichen. Wenn die tatsächliche Ausgabe des Netzwerkes sehr gut passt, dann ist der Wert in der Energielandschaft sehr hoch und wenn die berechnete Ausgabe sehr schlecht zur gewünschten Ausgabe passt, dann ist der Energiewert in der Landschaft gering. Leider kann man in der Regel nicht alle Gewichtsmöglichkeiten - aufgrund des Rechenaufwands durchrechnen. Also muss das Optimum gesucht werden. Zu Beginn setzt man die Gewichte auf einen zufälligen Wert, das heißt man steht in der Energielandschaft an irgendeinem Ort. Wir wissen, daß das gewünschte Ziel der höchste Berg in der Energielandschaft ist. Also muss man immer bergauf gehen - um zur Bergspitze zu gelangen. Wenn man die Landschaft überblicken kann ist es leicht zur Bergspitze zu kommen. Aber wir kennen die Energielandschaft nur theoretisch - im Prinzip herrscht Nebel und wir sehen nur die unmittelbare Umgebung. Also werden wir immer bergauf gehen - und hoffen daß wir an der Spitze angelangen. y Endwerte Energie x Startwerte Abbildung 5.19: Diese Energielandschaft wird von zwei Variablen, x und y aufgespannt: In Abhängigkeit vom Startwert findet das Gradientenverfahren unterschiedliche Lösungen (in diesem Fall, da es zwei unterschiedlich hohe Berge gibt). Die Abbildung 5.19 stellt eine starke Vereinfachung der Situation dar. Im Beispiel mit den Übergewichtigen, Normalgewichtigen und Untergewichtigen, gab es sechs Gewichte und drei Schwellwerte. Dieser 9-dimensionaler Raum kann leider nicht mehr sinnvoll gezeichnet werden. Am Anfang eines Lernalgorithmus steht eine geeignete Definition des Ziels, welches erreicht werden soll. Dies kann eine Minimierung des Fehlers, den das Netzwerk beim "Erlernen" der Marsch durch die Energielandschaft - macht, sein. Der Fehler entsteht als Differenz zwischen der tatsächlichen Ausgabe und der gewünschten Ausgabe (Lehrervorgabe). Um die Steigung in der unmittelbaren Position zu bestimmen, berechnet man den Gradienten. Der Gradienten [k = f ’(x*)] einer Funktion f(x) - die die Energielandschaft beschreibt - an der Stelle x* - das ist die aktuelle Position - gibt die Steigung k an. Die Steigung bestimmt, ob die Differenz zwischen gewünschtem und tatsächlichem Wert besser oder schlechter wird, wenn x* erhöht oder erniedrigt wird. Der Wert x* wird proportional zu Steigung erhöht oder erniedrigt (je nachdem welchen Wert k hat). Das heißt der aktuelle Fehler wird kleiner. In der neuen Position wird wiederum der Gradient bestimmt. Und so weiter... ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 61 f(x)≙Energielandschaft f(x) f(x) a) b) Steigung k c) x x* x x Abbildung 5.20: In der linken Abbildung (a) ist eine Funktion - die eine einfache Energielandschaft dargestellt gezeichnet. Am Punkt x* ist eine Gerade mit der Steigung k eingezeichnet. In der Mitte (b) wird das Gradientenverfahren mit einem zu großen Lernparameter angewandt, während bei (c) der Lernparameter zu klein gewählt wurde. Die Steigung gibt in Abbildung 5.20 an, ob man von der momentane Position x* nach rechts oder nach links gehen soll. Zusätzlich führt man einen Lernparameter γ ein. Der Lernparameter entspricht der Schrittweite. Ist die Schrittweite groß, dann wird die Position stark in Richtung des Gradienten - der Steigung - verändert. Bei einer geringen Schrittweite beziehungsweise einem kleinen Lernfaktor ist die Positionsänderung gering. Die Wahl des Lernparameters entscheidet über die Effektivität des Suchvorgangs. Ist der Lernfaktor γ zu groß kann das Optimum meist nicht erreicht werden (Abb. 5.20b). Der Algorithmus springt dann nur in der Nähe des Optimums hin und her. Ist der Lernfaktor γ zu klein, dann dauert es sehr lange bis das Optimum oder ein lokales Extremum erreicht wird (Abb. 5.20c). Aus diesem Grund wird der Lernfaktor mit der Zahl der Iterationen (Zahl der Durchläufe) verändert - zu Beginn ist der Lernfaktor groß und im Laufe der Zeit wird der Lernfaktor immer kleiner (λ ∝ 1/t). Beim Back-Propagation-Algorithmus verwendet man das Gradientenverfahren. Man berechnet die Ausgabe und die daraus resultierende Gewichtsveränderung: Eingabe 1.Schicht 2.Schicht x(1) y(1) = x(2) Ausgabe y(2) hidden units Ausgabeeinheiten δ(1) δ(2) Abbildung 5.21: Die berechnete Ausgabe y(2) wird mit der gewünschten Ausgabe L verglichen. x(1) ist der Eingabevektor der 1.-Schicht, y(2) ist der Ausgabevektor der 2.-Schicht. v Wie finden wir nun die optimalen Gewichte w *(1) ≡ (w1*(1),..., wm*(1)) für die erste Schicht und v w *(2) ≡ (w1*(2),..., wn*(2)) für die zweite Schicht ? Angenommen die zu minimierende Zielfunktion (tatsächliche Ausgabe-gewünschte Ausgabe) v 1 v v R ( w ) = ∑ x y( x ) − L( x ) 2 [ ]2 v v 5.13 v v habe ein Minimum bei w *(1) und bei w *(2) . Ausgehend von einem initialen w (1) und w ( 2) möglichst nahe beim Minimum wird nun versucht, sich schrittweise den optimalen ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 62 v v Parametern w *(1) und w *(2) zu nähern. Wir müssen die Schichten dazu einzeln betrachten. In der Regel analysiert man zuerst die Ausgabeschicht und dann die hidden layer. Dies ändert aber nichts an dem funktionalen Zusammenhang. Die Ableitungen nach den Gewichten können wir in einem Vektor zusammenfassen, der dann als Gradient der Zielfunktion bezeichnet wird. Der so definierte Vektor der Richtungsableitung zeigt in die Nähe des v Minimums der Funktion. Mit dieser Überlegung soll die Differenz von w (...) ( t − 1) beim (t-1)v ten Schritt zu w (...) ( t ) vom nächsten Schritt t proportional zum negativen Gradienten sein: v v v w (...) ( t ) = w (...) ( t − 1) − γ ( t ) ⋅ ∇ w R ( w (...) ( t − 1)) 5.14 Die Gradientenfunktion 5.14 für die Iteration des Gewichtes wij von Neuron j zu Neuron i mit der Zielfunktion R aus 5.13 ergibt: wij (t ) = wij (t − 1) + γ (t )∑ x ∂Rx ∂wij 5.15 Präsentieren wir hintereinander die einzelnen Trainingsmuster, so ist die Gewichtsänderung für die einzelnen Trainingsmuster x: ∆wij ( x) := wij (t ) − wij (t − 1) = −γ ∂Rx ∂R ∂z = −γ x i ∂wij ∂zi ∂wij 5.16 Mit der Notation ∂y i ∂S( z i ) =: S′(z i ) = ∂z i ∂z i ist mit δ i := − ∂Rx ∂R ∂y ∂R = − x i = − x S ′( zi ); ∂zi ∂yi ∂zi ∂yi 5.17 ∂zi ∂ = ∂wij ∂wij ∑ k wik xk =x j 5.18 die Gewichtsänderung ∆w ij ( x ) = γδ i x j 5.19 Diese Gewichtsänderung wird als Delta-Regel bezeichnet. Für die Neuronen der zweiten Schicht, deren Ausgabe wir beobachten können, gilt also ∂R x ∂ 1 = (yi − Li ) 2 = yi − Li ∂y i ∂y i 2 5.20 Mit L wird die gewünschte Ausgabe bezeichnet. Bezeichnet man zur Unterscheidung die Variablen der Neuronen der ersten Schicht (hidden-layer) mit dem Index (1) und die mit der zweiten Schicht (Ausgabeschicht) mit (2), so gilt für die Ausgabeschicht mit der Definition aus 5.18 folgendes: δ (k2) = −( y (k2) − L(k2) ) ⋅ S′(z (k2) ) 5.21 Für die anderen Schichten, beispielsweise für die erste Schicht (hidden-layer) gilt ein komplizierteres Delta, das folgendermaßen lautet: ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 63 δ i(1) = − (1) ∂R x ∂y i ∂y i(1) ∂z i(1) m = ( ∑ δ (k2) w 2ki )S′(z i(1) ) 5.22 k =1 Damit haben wir für beide Schichten die Delta-Regel bestimmt. Für die Gewichtsveränderung der Schicht(1) und Schicht(2) gilt dann: (1) (2) (1) (1) ∆w ij(1) ( x ) = − γ ⋅ ∑ δ (2) k ⋅ w ki ⋅ (1 − S Fermi ( z i )) ⋅ S Fermi ( z i ) ⋅ x j k 5.23 (2) (2) ∆w ij(2) ( x ) = − γ ⋅ ( y i(2) − L i ) ⋅ (1 − S Fermi ( z i(2) )) ⋅ S Fermi ( z i(2) ) ⋅ x (2) j = γ ⋅ δi ⋅ x j Der Algorithmus im Computercode (C) befindet sich im Anhang A. Mit diesem Algorithmus ist es möglich, daß unter Vorgabe eines Ziels (die zu lernenden Muster) die Gewichte selbständig gefunden werden können. Theoretisch sollte diese Rechenvorschrift alle Klassifizierungsprobleme lösen können. Wenn es nicht gelingt, das Optimum zu finden, dann startet man bei einer anderen Position nochmals - die Gewichte werden erneut zufällig gewählt. Es kann theoretisch passieren, daß sich der Algorithmus in der Energielandschaft verläuft und nur ein lokales Optimum findet. Das bedeutet, daß man am Großglockner ist, aber nicht zum Mount Everest gelangt. Die meisten Probleme sind aber gutartig und es ist unwahrscheinlich, daß das Gradientenverfahren versagt. Leider besitzt das Back-Propagation-Verfahren keine biologische Relevanz für das Gehirn. Es gibt zwar Synapsen, die ein chemisches Signal retrograd verarbeiten, aber es wird kein Fehler berechnet. Ein anderes Verfahren um die Gewichte korrekt einzustellen, ist der genetische Algorithmus. Dieser Algorithmus untersucht die Energielandschaft auf eine andere Art. Es wird für viele unterschiedliche Positionen die Energie berechnet. Manche Positionen (x beziehungsweise y sind relativ nahe am Optimum) stellen sich als gut heraus, manche Positionen sind eher schlecht (x beziehungsweise y sind eher weit vom Optimum entfernt, also zu groß oder zu klein). Die guten Positionen haben einige gute Gewichte - Werte, aber auch einige schlechte. Wenn die verschiedenen guten Positionen die unterschiedlichen Gewichte austauschen, dann besteht die Chance, daß sich eine optimale Position mit den besten Gewichten ergibt. Die einzelnen Gewichte ergeben die Positionen. Da die Energiewerte immer besser werden und Informationen ausgetauscht werden, bezeichnet man dieses Verfahren als genetischen Algorithmus - es orientiert sich an der Evolution und nur die am besten angepassten dürfen überleben, also nur die Positionen, die relativ gut sind. y Energie x Abbildung 5.22: Mit genetische Algorithmen werden gleichzeitig unterschiedliche Bereiche (dunkle Kreise) der Energielandschaft betrachtet. Die Bereiche, die gut sind, dürfen überleben und können sich vermehren. Dabei verringert sich meistens der Abstand zum globalen Maximum. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 64 Die Gewichte aller Neuronen werden als Gencode betrachtet - diese Gewichtskombinationen stellen die aktuellen Positionen dar. Das heißt: Gen1:=(w11, w12, w13,..., w1n) Gen2:=(w21, w22, w23,..., w2n) usw. Um die Gewichte zu durchmischen gibt es verschiedene Operationen: Überkreuzung: Zwei Tupel werden an einer Stelle auseinandergeschnitten und überkreuzt zusammengesetzt. (Crossing-over) Gen1=(w11 , w12 , w13 ,..., w1n ) Gen2=(w21 , w22 , w23 ,..., w2n ) Invertierung: Gen1=(w21 , w22 , w23 , w14 ,..., w1n ) Gen2=(w11 , w12 , w13 , w24 ,.., w2n ) Ein Tupel wird in der Reihenfolge der Gene invertiert. (Inversion) Genk=(wk1, wk2, wk3,..., wkn) Mutation: ⇒ ⇒ ⇒ Genk=(wk3, wk2, wk1,..., wkn) Einige Gene (Gewichte) werden zufällig geändert. Genk=(wk1, 0.134, wk3,..., wkn) ⇒ Genk=(wk1, 0.671, wk3,..., wkn) Durch eine optimale Kombination dieser drei Operationen kann relativ einfach das Optimum bestimmt werden. Wichtig ist eine große Anzahl von Positionen beziehungsweise von Individuen. Je mehr Startwerte es gibt, umso leichter kann die gesamte Energielandschaft durchsucht werden - aber das bedeutet auch einen massiv erhöhten Rechenaufwand. Die Menge aller Individuen wird als Population bezeichnet. Zuerst werden für alle Individuen die jeweiligen Energiewerte (gewünschte Ausgabe minus der tatsächlichen Ausgabe) berechnet. Das entspricht der Fitness des jeweiligen Individuums. Die Individuen, die gute Werte besitzen, dürfen sich "fortpflanzen", das heißt, die drei Operationen - Crossing over, Inversion und Mutation - werden auf diese Individuen angewandt. Somit werden die Gewichte ausgetauscht und möglicherweise besitzen die neuen Individuen bessere Werte als die Elterngeneration. Danach bestimmt man wieder die Fitness der Population und so weiter. Dieses Verfahren ist ziemlich rechenintensiv, es konnten aber schon beeindruckende Ergebnisse für interessante Probleme geliefert werden. Interessanterweise ist dieses Verfahren für das biologische Lernen relevant, nicht nur weil damit die Evolution nachgebildet werden kann. Während der Entwicklung des Nervensystems und Gehirns wird der genetische Algorithmus angewandt. Am Anfang sind in einem Gebiet alle Neuronen mit allen anderen Neuronen verbunden. Diese Bedingung ist vor allem in den höheren Großhirnrindenarealen erfüllt. In den Bereichen der primären sensorischen Arealen soll aber eine nachbarschaftserhaltende Beziehung hergestellt werden. Viele Synapsen werden in den sensiblen Phasen nicht aktiviert und sterben damit ab, manche werden stark beansprucht und dürfen weiterleben. Dies entspricht, grob verallgemeinernd, einem genetischem Algorithmus.. Bei manchen Tieren ist die synaptische Plastizität nicht gegeben. Zum Beispiel bei Regenwürmer oder Schnecken sind die Synapsen genetisch determiniert. Betrachten wir ein einfaches kleines Beispiel. Ein Tier reagiert auf unterschiedlicher Weise auf die verschiedensten Reize. Manche Reize müssen für das Tier belanglos sein, während andere Reize für das Überleben notwendig sind. ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 65 INPUT OUTPUT bewegt sich auf dem Boden groß weit gestreift entfernt fliehen verfolgen 1 # # # # 1 0 schüchtern 1 0 0 0 # 0 1 mögl.gefährlich 1 0 0 0 # 0 0 abwarten 1 0 0 0 0 0 1 Beute !!! 1...JA 0...NEIN #...belanglos Betrachten wir den ersten Fall unserer Reiz-Reaktionstabelle. Das Tier flieht immer wenn sich etwas bewegt - es verhält sich schüchtern. Das führt aber dazu, daß das Tier keine Nahrung jagen kann, da sich - wahrscheinlich - die Beute auch bewegen wird. Also eine schlechte Strategie. Es sollte jedes Objekt, das sich in der Luft bewegt, klein und in der Nähe ist verfolgt werden. Eine scheinbar gut Strategie. Aber das Streifenmuster hat in der Regel in der Natur eine Bedeutung. Ein gestreiftes Tier ist gefährlich und nicht zum Verspeisen gedacht. Also sollte man, wenn man nicht weiß ob das Tier gestreift ist oder nicht, es nicht verfolgen. Da es sich aber auch um eine potentielle Beute handeln kann, sollte man auch nicht unbedingt fliehen. Also abwarten und beobachten ob das Objekt gestreift ist. Damit ergibt sich die letzte Reiz-Reaktions-Bedingung - die für unser einfaches Modell sinnvoll ist. Diese Reiz-Reaktionsverknüpfung lässt sich natürlich in einem einfachen technischen neuronalen Netzwerk realisieren (siehe Abb. 5.23). Jeder unterschiedliche Input und jede Reaktion wird durch jeweils ein Neuron dargestellt. Manche unserer virtuellen Bewegung nah groß gestreift Tiere hatten vielleicht früher mehr EingabeEingangsreize (zum Beispiel reagierten schicht sie auf langsame beziehungsweise auf schnelle Bewegung) oder es gab auch Tiere, die weniger Eingangsreize verarbeiten konnten. Diese Tiere setzten Hiddenlayer 1 2 3 sich aber im Laufe der Evolution nicht durch, da manche Schlüsselreize nicht verarbeitet werden konnten. Mehr Reize würden aber auch nur einen scheinbaren Vorteil besitzen, da das Netzwerk mehr Zeit benötigt um die Reize zu verFLUCHT ANGRIFF arbeiten. Es konnten sich nur die am besten angepassten Tiere durchsetzen. Abbildung 5.23: Ein technisches Netzwerk, das die obige Tabelle umsetzt. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 66 Gewichtsebene des "Angriff"-Neurons 2 Gewichtsebene des "Flucht"Neurons 3 1 Abbildung 5.24: Die Neuronen der Hiddenlayer (siehe Abb.5.23) spannen den Eingaberaum für die 3.Schicht auf. Bei diesem einfachen Modell lässt sich die letzte Neuronenschicht noch darstellen. Die Neuronen der Hidden-Layer spannen einen Würfel auf und die Ebenen der Neuronen der letzten Schicht trennen die jeweiligen Gebiete. ___________________________________________________________________________ A) Konstruieren sie ein Netzwerk mit den korrekten Gewichten, mit folgendem ReizReaktionsmuster: Eingang 0 0 0 1 1 0 1 1 Ausgang ⇒ 1 ⇒ 0 ⇒ 0 ⇒ 1 B) Wieviele Gebiete - in einem 2-dimensionalen Raum - können 3 beziehungsweise 4 Geraden trennen. C) Konstruieren sie ein Perzeptron, das ein Schachbrettmuster erkennen kann. D) Entwickeln sie ein einfaches Reiz-Reaktionsmodell für folgende Verhaltensweisen: ► Auswahl von Nahrungsmittel im Supermarkt ► Auswahl des Fernsehprogramms ► Auswahl des Urlaubsziels und der Urlaubszeit Konstruieren sie eine Tabelle und ein Netzwerk, das sinnvolle Ergebnisse liefert. ___________________________________________________________________________ Was versteht man unter einem formalen Neuron ? Welche biologischen Gegebenheiten berücksichtigen formale Neuronen ? Welche Ausgabefunktionen gibt es ? Welche Aufgaben kann ein Neuron durchführen ? Was wird berechnet, wenn einem Neuron ein Muster präsentiert wird ? ___________________________________________________________________________________ Brain Modelling I 67 Was versteht man unter einem Perzeptron ? Was kann ein feed-forward-Netz, was ein Perzeptron nicht kann ? Was ist ein Zustandsraum ? Wie funktionert Back-Propagation ? Was unterscheidet Back-Propagation vom genetischen Algorithmus ? Erläutern sie die 3 wesentlichen Operationen beim genetischen Algorithmus ? Gibt es eine Anwendung des genetischen Algorithmus im Gehirn ? ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 68 Lernen auf zellulärer Basis Wie man bei den technischen neuronalen Netzwerken gesehen haben, sind die Gewichte wesentlich für das Reiz-Reaktionsmuster. Durch entsprechende Lernalgorithmen können diese Gewichte verändert werden. In der Biologie sind diese Gewichte in den Synapsen integriert. Bei jedem Aktionspotential das ausgelöst wird, entsteht an der Postsynapse ein Potential. Diese Potentiale können sich ändern - was gleichbedeutend einer Gewichtsveränderung an einem technischen Neuron ist. 6.0 Arten von Gedächtnissen Wir unterscheiden verschiedene Lernprozesse auf unterschiedlichen Ebenen des Gehirns. Die meisten Menschen glauben, daß Lernen nur bewusste Informationsverarbeitung ist. Natürlich ist das Lernen in der Schule auch ein Prozess, der bestimmte Reiz-Reaktionsketten verändert. Eine Veränderung einer Verhaltensweise ist ein Lernprozess ! Man muss sich darüber im klaren sein, daß es zwei wesentliche Arten von Gedächtnissen gibt: das explizite und das implizite Gedächtnis. Man gab Patienten mit einer anterograden Amnesie (die Patienten konnten im klassischen Sinne kognitiv nichts mehr lernen) eine simple Aufgabe. Die Aufgabe bestand darin, eine Figur, meist handelte es sich um einen Stern, innerhalb der Begrenzungslinien nachzuzeichnen (siehe Abb.6.1). Die Aufgabe wurde dadurch erschwert, daß man die Figur und die eigene Hand nur im Spiegel sieht. Bei den ersten Versuchen machten die Probanden natürlich Fehler, aber umso mehr sie übten, umso weniger Fehler wurden gemacht. Patienten mit einer anterograden Amnesie zeigten die selben Ergebnisse - auch sie lernten. Damit war gezeigt, daß es unterschiedliche Gedächtnisformen gibt. Man unterteilte die Gedächtnisformen in das implizite (prozedurales) und in das explizite (semantische) Gedächtnis. ___________________________________________________________________________________ 69 Brain Modelling Abbildung 6.1: In der linken Graphik ist der Stern mit dem Spiegel dargestellt. In der rechten Abbildung ist die Lernkurve beim Nachzeichnen - dem impliziten Gedächtnis - dargestellt. Beim impliziten Gedächtnis wird der Inhalt nicht bewusst verarbeitet. Es ist auch schwierig implizite Gedächtnisinhalte zu beschreiben, beziehungsweise diese Gedächtnisinhalte an andere Personen weiterzugeben. Die Inhalte dieser Gedächtnisform können nur durch ständige Übung verbessert werden. Viele motorische Bewegungsabläufe zum Beispiel aus dem Sport sind im impliziten Gedächtnis gespeichert. Oder auch die Muttersprache ist im Gehirn implizit verankert - oder sind sie in der Lage alle Regeln ihrer eigenen Muttersprache einer anderen Personen mitzuteilen ? Beim expliziten Gedächtnis können wir ganz bewusst auf einzelne Inhalte zugreifen. Unser Schulwissen oder unser konkretes Wissen über unsere Umwelt ist explizit gespeichert. Das heißt wir sind in der Lage anderen Personen in einfacher Weise dieses Wissen mitzuteilen. Oftmaliges Üben ist nicht unbedingt notwendig - wichtiger ist vielmehr daß man sich auf den zukünftigen Gedächtnisinhalt konzentrieren kann - was gleichbedeutend mit einem ausgewogenem Neurotransmitterniveau im Gehirn ist. Für die Einspeicherung ins Gehirn sind einige spezielle Strukturen (Hippocampus, temporaler Schläfenlappen) notwendig. Damit beschäftigen wir uns aber erst im zweiten Teil im Kapitel Gedächtnis. Reize können auf unterschiedliche Arten verknüpft werden. Zum einen kann etwas über die Eigenschaft eines Reizes gelernt werden, beziehungsweise können zwei Reize beziehungsweise ein Reiz und eine Handlung miteinander verknüpft werden. So stellt sich die Frage, welche Verhaltensweisen es gibt und wie diese Verhaltensweisen verändert werden können. Beim nicht-assoziativen Lernen wird ein Reiz bewertet. Wenn der Reiz in der Umwelt wichtig wird, dann kann die damit verknüpfte Reaktion sehr heftig ausfallen, und wenn der Reiz unwesentlich für das Überleben ist, dann soll es keine Reaktion darauf geben. Normalerweise gibt es eine eindeutige Reaktion mittlerer Stärke auf einen Reiz. Durch die Habituation (Abschwächung) kann die Reaktion abgeschwächt, durch die Sensitivierung (Verstärkung) kann die darauf folgende Reaktion verstärkt werden. Für viele Lebewesen ist es wichtig, die einzelnen Reize beurteilen zu können. Manchmal ändert sich im Laufe der Zeit die Beurteilung eines Reizes. Durch diese Lernform kann in geeigneter Weise auf eine veränderte Reiz-Situation, beziehungsweise auf eine veränderte Umwelt reagiert werden. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 70 Bei der Habituation wird die Reaktion auf einen harmlosen Reiz abgeschwächt, bis der Reiz vollständig ignoriert wird. Dies visuelle geschieht durch monotone Fixierung Wiederholung. Zum Beispiel kann man einem Säugling ein rotes HerzschlagPapier zeigen. Die Farbe "ROT" frequenz ist dem Säugling unbekannt - es könnte sich theoretisch um einen Atemgefährlichen Reiz handeln. Wenn frequenz man das rote Papier dem Säugling Abbildung 6.2: Ein Experiment zur Habituierung: Wenn drei noch einmal zeigt, dann wird die mal hintereinander ein Reiz gezeigt wird, dann verschwinden Beobachtungsdauer etwas kürzer die physiologischen Änderungen. Bei einem neuen Reiz treten sein, da es bisher keine negative sie wieder auf. Reaktion gegeben hat. Nach einigen Versuchen wird, der kleine Proband das rote Papier zwar wahrnehmen, ihm aber keine Bedeutung beimessen. Wenn man den Säugling mit einem blauen Papier konfrontiert, dann setzt die ursprüngliche Reaktion wieder voll ein - bis auch diese Farbe voll habituiert wurde. Dieses einfache Beispiel verdeutlicht sehr schön die Habituierung. Durch mehrmaliges Wiederholen wird etwas über die Qualität des Reizes gelernt. Auch wenn es trivial klingt, aber es wurde gelernt, daß das rote Papier keine Bedeutung für den Säugling hat. Bei der Sensitivierung handelt es sich um eine Zunahme der Reaktionsbereitschaft eines Tieres auf Reize, die nach schmerzhaften oder schädlichen Reizen auftreten. Mit Hilfe der Sensitivierung lernen Tiere und Menschen ihre Schutzreflexe in Vorbereitung auf Rückzug und Flucht zu schärfen. Das assoziative Lernen wurde von Iwan Pawlow und Edward Thorndike eingehend untersucht. Sie prägten den Begriff der Konditionierung. Man unterscheidet zwei Arten. Bei der klassischen Konditionierung werden 2 unabhängige Reize miteinander verknüpft. Bei der operanten Konditionierung wird ein Reiz und ein Verhalten verknüpft. Die berühmten Untersuchungen wurden an Hunden durchgeführt. Pawlow stellte fest, daß wenn der Pfleger, der normalerweise immer die Hunde fütterte, ohne Futter die Tiere betreute, erschien, bei den Hunden ein massiver Speichelfluss auftrat. Der ursprüngliche Reiz (unbedingte), der angeboren ist (Speichelfluss beim Fressen) wird in Verbindung mit einem neutralen (zu konditionierenden) Reiz in Verbindung gebracht (Pfleger mit Futter). Dieses Lernverhalten ist extrem langdauernd (bis auf Jahre hinaus). Bei der operanten Konditionierung wurden Mäuse in einen Käfig mit mehreren Hebeln eingesperrt. Wenn sie den richtigen Hebel drückten, dann bekamen die Mäuse eine kleine Belohnung. Wenn die Mäuse mehrmals auf den Hebel drückten lernten sie, daß diese spezielle Handlung mit der Belohnung verknüpft ist. Wichtig bei diesen Experimenten ist aber der einfache Aufbau. Wenn die auszuführende Handlung zu komplizierte wird, dann ist die Reiz-Reaktionskombination zu kompliziert. Bei einem dieser Experimente hat man einfach jede halbe Stunde eine Belohnung in den Käfig geworfen. Dies führte zu einer interessanten Erkenntnis. Die Tiere begannen die tollsten Kunststücke aufzuführen um eine Belohnung zu erhalten. Aber die Kunststücke hatten keinen Einfluss auf die Belohnung - was die Tiere nicht wussten. Wenn ein Tier im Kreis gelaufen ist und es kam eine Belohnung, dann verknüpfte es das Im-Kreis-Laufen mit der Belohnung. Wenn das Tier später eine Belohnung haben möchte, dann lief es im Kreis. Es gab aber keine Belohnung, also wird das Tier sich in eine Ecke verkriechen oder eine andere Handlung durchführen. Etwas später wird das Tier eine Belohnung bekommen - ohne Grund. Die Handlung, die das Tier gerade zu diesem Zeitpunkt setzt, wird nun mit der Belohnung verknüpft. Aber eine Wiederholung führt wieder nicht zu einer Belohnung. So wird das Tier versuchen, die vorherige Handlung - das ___________________________________________________________________________________ 71 Brain Modelling im-Kreis-Laufen und die aktuelle Handlung zu kombinieren. Nach einigen Durchläufen mit verschiedenen Handlungen führt dies zu extrem komplexen Handlungen, die absolut irrational sind. 6.1 Lernen - Veränderungen an den Synapsen Es wäre natürlich interessant diese Reiz-Reaktionsmuster und das biologische Korrelat beziehungsweise die Veränderung dieser Reaktionsmuster am Menschen zu untersuchen. Leider ist das menschliche Gehirn zu komplex und die Neuronen und Synapsen zu klein um genaue Untersuchungen anstellen zu können. Mantelrand Atemröhre Siphon Kieme Abbildung 6.3: Die Aplysia californica mit einem aufgeklappten Mantel (von unten). Also sollte man ein Tier, das eine kleine Menge an Neuronen und das wenige aber dennoch ausreichend komplexe Verhaltensweisen besitzt, untersuchen. Eric Kandel, der im Herbst 2000 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde, wählte die Aplysia californica (kalifornischer Seehase) für seine Studien (siehe Abb.6.3). Abbildung 6.4: Ein Ganglion der Aplysia mit einigen Bezeichnungen einzelner Neuronen Die Aplysia besitzt rund 20 000 Neuronen, die genetisch eindeutig miteinander verknüpft sind. Damit kann man jedes Neuron in den Ganglien (siehe Abb.6.4,: enthält ungefähr 2000 Neuronen) eindeutig identifizieren und bezeichnen. Das ist sehr wichtig, denn viele Experimente müssen wiederholt werden und wenn jedes Tier über die gleichen Verknüpfungen verfügt, können die Experimente auch an anderen Tieren durchgeführt werden. Zum Glück sind die Neuronen entsprechend groß und können unter dem Lichtmikroskop betrachtet werden. Da die Aplysia ein Kurzzeit- und ein Langzeitgedächtnis besitzt, ist es das optimale Tier um Reiz-Reaktionsmuster und auch deren Veränderungen zu untersuchen. Betrachten wir die einzelnen Lernvorgänge nun am Beispiel der Aplysia californica. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 72 So ist es notwendig zu klären, wie sich die Synapsen verändern können, denn trotz der unterschiedlichen Arten von Gedächtnissen läuft alles auf Synapsen beziehungsweise auf die Änderung der PSP´s - entsprechend den Gewichten in technischen neuronalen Netzwerken hinaus. Bei der Habituation wird die Reaktion auf einen harmlosen Reiz abgeschwächt, bis der Reiz vollständig ignoriert wird. Dies geschieht durch monotone Wiederholung. Wenn die Aplysia am Siphon gereizt wird (zum Beispiel durch ein leichtes streicheln), dann zieht die Aplysia ihre Kieme ein. Es wird der Kiemenrückziehreflex ausgelöst, um die Kieme vor einem möglichen schädlichen Reiz zu schützen. In der Abbildung 6.5 sehen wir den einfachen Aufbau des neuralen Verbindungsweges vom Siphon zur Kieme. Ein sensorisches Neuron empfängt die Signale aus dem Siphon und leitet es zum Motoneuron weiter, das seinerseits die Kieme zurückziehen lässt. Natürlich gibt es noch eine Menge Interneuronen, das heißt Neuronen, die weder einen direkten sensorischen Input bekommen, noch die direkt auf einen Muskel einen Einfluss ausüben. Natürlich wechselwirken auch diese Neuronen mit dem sensorischen und motorischen Neuron. Für unsere Überlegungen sind sie aber nicht wesentlich. Natürlich besitzt die Aplysia mehr als ein Motoneuron und mehr als ein sensorisches Neuron. In der Abbildung stellt das jeweilige Neuron eine kleine Gruppe von Neuronen dar. Abbildung 6.5: Die neurale Verschaltung des Kiemenrückziehreflexes. Reizt man den Siphon 10 mal jeweils mit rund 30 Sekunden Pause, dann verschwindet der Kiemenrückziehreflex für rund 2-3 Stunden. Welche Veränderungen gab es in den Neuronen beziehungsweise in den Synapsen ? Die Experimente zeigten, dass sich Präsynapse Postsynapse die Feuerfrequenz (Aktionspotentiale pro Sekunde) des Vesikel Motoneurons verringerte, die bei jeder Siphonberührung in den Rezeptoren mit den VesikelKiemenmotoneuronen ausgelöst Ionenkanälen depot wurden. Daraus folgt, daß entweder die Rezeptoren am Motoneuron (teilweise) inaktiviert wurden, oder Andockstellen daß die sensorischen Neuronen weniger Neurotransmitter U [mV] ausschütten. In aufwendigen Untersuchungen konnte gezeigt werden, daß die Empfindlichkeit ursprüngliches EPSP der Rezeptoren für Glutamat in der Postsynapse des Motoneurons während des ganzen Experiments gleich blieb. Des Rätsels Lösung t [ms] muss in der Präsynapse (zum habituiertes EPSP sensorischen Neuron gehörig) liegen. Durch elektronenmikrosAbbildung 6.6: Die Synapse zwischen dem sensorischen und dem motorischen Neuron ___________________________________________________________________________________ 73 Brain Modelling kopische Untersuchungen konnte man zeigen, daß sich die Zahl der aktiven Zonen (dort wo die Vesikel mit der Membran verschmelzen) noch die Größe derselbigen, während der Habituation nicht ändern. Auch die Gesamtzahl der Vesikel in der Synapse blieb gleich. Aber es wurde eine Abnahme der an die Membran angedockten Vesikel festgestellt (siehe Abb.6.6). Wenn weniger Vesikel an die Membran angedockt sind, dann kann auch weniger Neurotransmitter pro Aktionspotential freigesetzt werden. Leider ist es bis heute noch nicht möglich, diesen chemischen Prozess detailliert zu erklären. Man vermutet, daß spezielle Ca2+Ionenkanäle (des N-Typ) durch die Habituierung inaktiviert werden - dies erklärt aber leider nicht die geringe Anzahl an angedockten Vesikel. Die bisherigen Experimente haben sich nur auf kurzfristige Änderungen der Synapse (2-3 Stunden) bezogen. Die Aplysia besitzt aber auch ein Langzeitgedächtnis. Die Habituierung lässt sich über rund 3 Wochen erstrecken, daß heißt der Kiemenrückziehreflex wird für maximal 3 Wochen ausgeschaltet. Welche Mechanismen liegen der Langzeithabituation zugrunde ? Bei mehreren Reizungen über mehrere Tage lang verteilt, wird der Reflex bis zu 3 Wochen länger vermieden. Um diesen Effekt erklären zu können, müssen wir uns darüber im klaren werden, daß nicht zwei einzelne Neuronen (sensorisch und motorisch) und eine einzelne Synapse an der Habituation beteiligt ist. Im Prinzip aktivieren mehrere Synapsen des sensorischen Neurons mehrere motorische Neuronen. Wie sich zeigte, bilden sich bei einer Langzeithabituation einzelne Synapsen zurück. Habituierte Tiere wiesen 35% weniger Synapsen auf, als nicht-habituierte Tiere. Die Kontrolltiere verfügten über rund 1300 Synapsen an den beteiligten Strukturen, während die habituierten Tiere nur 840 Synapsen besaßen. Während ein sensorisches Neuron mit rund 30 Synapsen im Kontakt zum motorischen Neuron steht, sind die Kontakte beim einzelnen habituierten Neuron geringer. Es besitzt im Durchschnitt nur 20 synaptische Endigungen. Interessant ist der geringe Trainingsumfang (4 Trainingsdurchläufe mit je 10 Berührungsreizen verteilt über 4 Tage), der zu tiefgreifenden morphologischen Veränderungen führt. Die zurückgebildeten Verbindungen bildeten sich parallel zum Verhalten wieder zurück - das heißt die ursprüngliche Stärke wird wieder hergestellt. Es zeigte sich, daß nicht alle Synapsen bei der Aplysia adaptiv sind, das heißt es konnten bei manchen Neuronen beziehungsweise bei den synaptischen Verbindungen weder eine Kurzzeit- noch eine Langzeithabituation durchgeführt werden. Bei der Sensitivierung wird etwas über einen schädlichen Reiz gelernt. Es handelt sich um einen komplexeren Lernmechanismus, als es die Habituation darstellt. Zum Beispiel kann eine Sensitivierung die Habituierung sofort außer Kraft setzen. Dieser Effekt wird als Dishabituation bezeichnet. Bei der Aplysia soll der Kiemenrückziehreflex durch Sensitivierung deutlich gestärkt werden. Das Schwanzende der Aplysia wird durch einen elektrischen Schlag gereizt - das heißt die Aplysia wird mit einem (scheinbar) gefährlichen Reiz konfrontiert. Wenn danach der Siphon berührt wird, dann zieht die Aplysia ihre Kieme vollständig unter den Mantelrand ein. Nach diesem einmaligen scheinbaren gefährlichen Reiz ist die Habituation des Kiemenrückziehreflexes nur mehr sehr schwer möglich - erst nach einiger Zeit. Nun stellt sich die Frage wieso die Reizung einer anderen Region (Schwanzregion) einen Einfluss auf den Kiemenrückziehreflex (sensorisches und motorisches Neuron) hat. Betrachten wir den neuralen Schaltplan genauer. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 74 Abbildung 6.7: Die wesentlichen Strukturen, die bei der Sensitivierung notwendig sind. Jedes Neuron steht für eine kleine Gruppe von Neuronen. Man kann leicht, daß die Schwanzregion über Interneuronen mit den sensorischen und motorischen Neuronen verbunden ist (siehe Abb.6.7). Also gibt es eine indirekte Verbindung zwischen den verschiedenen Regionen. Warum aber hält die Sensitivierung für einige Minuten an. Der Mechanismus der präsynaptischen Bahnung kann dieses Phänomen erklären. Eine Synapse des Interneurons, das eine indirekte Verbindung zur Schwanzregion besitzt, sitzt auf der Präsynapse des Präsynapse des Interneurons aus der sensorischen Neurons. Wenn ein Schwanzregion Aktionspotential auf diese Synapse trifft, dann wird ein Neurotransmitter freigesetzt. "informationsmodulierender übertragender" Dieser modulierende NeurotransNeurotransmitter Neurotransmitter mitter wird von den metabotropen Rezeptoren der Präsynapse gebunden. In der Präsynapse führt dies zu einem erhöhten Anstieg von cyclischen AdenosinmonoErhöhung von cAMP phosphat (cAMP), das wiederum die camp-abhängige Proteinkinase Präsynapse des Postsynapse des aktiviert. Dies führt zu mehreren Siphonneurons Kiemenneurons Prozessen innerhalb der Synapse. Abbildung 6.8: Die informationsübertragenden Synapsen (PräDie Proteinkinase wirkt an synapse des Siphon und Postsynapse der Kieme) in Verbindung mit mehreren Stellen. Die der modulierenden Synapse. Kaliumkanäle werden geschlossen, was dazu führt, daß wenn ein Aktionspotential auf die Synapse trifft, der Ca2+ -Einstrom erhöht wird. Dadurch kann das Aktionspotential länger wirken und der Transmitterausstoß wird erhöht. Dies führt zu einer erhöhten Effektivität der Synapse, wenn das nächste Aktionspotential auf die Synapse trifft. Es gibt verschiedene modulatorische Neurotransmitter. Serotonin, Dopamin, Acetylcholin, Adrenalin und Noradrenalin können die Synapse modulieren. Sie dienen im Regelfall nicht der Signalübertragung. Durch den modulierenden Neurotransmitter werden über die Proteinkinasen auch mehr Ca2+Ionenkanäle gebildet. Damit kann sich die Sensitivierung über einen etwas längeren Zeitraum erstrecken. ___________________________________________________________________________________ 75 Brain Modelling Abbildung 6.9: Die Synapse im unmittelbaren Vergleich der physiologischen Veränderungen durch das Lernen. Auch die klassische Konditionierung kann bei der Aplysia beobachtet werden. Es werden zwei Reize miteinander verknüpft. Durch die klassische Konditionierung wird die Antwortbereitschaft eines Reflexes effektiver verstärkt als bei der Sensitivierung. Der ursprüngliche Reiz (unbedingte), der angeboren ist (Kiemenrückziehreflex) wird in Verbindung mit einem neutralen Reiz (elektrischer Schlag im Schwanzbereich) gebracht. Wenn das Tier mit beiden Reizen fast gleichzeitig konfrontiert wird, dann wird die Kieme sehr heftig eingezogen. Sie bleibt auch länger eingezogen (30-40 Sekunden), als bei der Sensitivierung (20 Sekunden). Bei der Sensitivierung ist der Lerneffekt nach rund 3 Tagen wieder verschwunden, während bei der Konditionierung das veränderte Verhalten rund 5-6 Tage feststellbar ist. Bei der klassischen Konditionierung und bei der Sensitivierung sind die gleichen neuralen Strukturen beteiligt (siehe Abb.6.7). Bei der Sensitivierung wird über die Reizung der Schwanzregion ein unangenehmer Reiz ausgelöst - beziehungsweise vorbereitet. Wenn dann etwas später der Siphon gereizt wird, dann erst setzt die volle Reaktion sehr heftig ein. Es wird nur ein Reiz-Reaktionsmuster gelernt - das ist aber davon abhängig, daß zuvor ein anderer Reiz - in diesem Beispiel an der Schwanzregion - ausgelöst wurde. Bei der Konditionierung werden die beiden Reize - elektrischer Schlag auf der Schwanzregion und Berührung der Siphonhaut - miteinander verknüpft mit einer Reaktion. Das heißt ein Reiz egal welcher - kann die Reaktion auslösen. Es zeigte sich, wie wichtig es ist, daß beide Reize fast gleichzeitig präsentiert werden. Wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist, dann kommt es zu einer einfachen Sensitivierung. Im Prinzip sind die selben neuralen Strukturen an der Konditionierung wie an der Sensitivierung beteiligt. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied. Damit es zu einem heftigen Lerneffekt kommt, reicht es nicht aus, daß die modulierenden Interneuronen die sensorischen Neuronen erregen, sondern die Erregung muss zum richtigen Zeitpunkt passieren. Dann und nur dann, wenn eine leichte Berührung des Siphons die Siphonneuronen zuerst erregt und der Schwanzschock die modulierenden Interneuronen aktiviert und dazu veranlasst, kurz darauf auf die sensorische Präsynapse einzuwirken, zeigt die sensorische Präsynapse eine höhere Neurotransmitterausschüttung als bei der Sensitivierung. Die Synapse ist von der Aktivität und dem modulierenden Neurotransmitter abhängig (Aktivitätsabhängigkeit). Eine Reihe von molekularen Ereignissen ist dafür verantwortlich. Wenn ein Aktionspotential auf die Präsynapse trifft, dann werden die calciumabhängigen Ionenkanäle geöffnet. Dieser Calciumeinstrom wirkt auch auf das Protein Calmodulin. Dieser Calcium-CalmodulinKomplex bindet an das Enzym Adenylatcyclase. Dieses Enzym ist dafür verantwortlich, daß cAMP vermehrt ausgeschüttet wird. Die Adenylatcyclase wird leichter aktiviert, wenn Serotonin anwesend ist, das durch den Schwanzschock ausgeschüttet wird. Dadurch wird mehr Neurotransmitter ausgeschüttet. Erst wenn das Molekül Adenylatcyclase durch ein ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 76 Aktionspotential vorbereitet wurde und wenn dann Serotonin aus dem modulierenden Interneuron freigesetzt wird, dann erst führt dies zu einer klassischen Konditionierung. Aufgrund der besseren Zeitabstimmung können die chemischen Mechanismen der modulierenden Interneuronen viel nachhaltiger wirken. Für die klassische Konditionierung müssen 2 elementare Regeln erfüllt sein: 1. zeitliche Nähe 2. Es muss eine hohe Wahrscheinlichkeitsbeziehung zwischen dem neutralen Reiz und dem unbedingten Reiz geben (Vorhersagbarkeit der Umwelt). Nicht in jedem Organismus kann jede beliebige Reizkombination konditioniert werden. Nicht jedes Neuon ist über eine geeignete Synapse verbunden. Wenn der Reiz sehr komplex ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit für eine synaptische Änderung nur sehr gering. Es gibt aber auch noch andere Möglichkeiten, die Effektivität der Synapse zu ändern. Donald O. Hebb sagte bereits 1949 voraus, daß es auf dem Niveau von Synapsen eine einfache Lernregel gibt: "Wenn die Aktivität eines präsynaptischen Neurons wiederholt mit der Entladung eines postsynaptischen Neurons verbunden ist, wenn also beide Neuronen gleichzeitig feuern, dann wird die Effizienz zwischen der Prä- und Postsynapse erhöht." w AB ( t ) − w AB ( t − 1) ≡ ∆w ∝ x A ⋅ x B ∆w ( t ) = γ ( t ) ⋅ x A ⋅ x B γ (t)...Lernrate Hebbsche Lernregel wobei wAB die Effizienz der Synapse zwischen den Neuronen A und B ist. Die Gewichtsveränderung ∆w ist proportional zur Aktivität x des Neurons A und B. Die zeitliche Veränderung der Effektivität der Synapse kann nochmals durch eine Lernrate γ moduliert werden. Dieser Lerneffekt gestaltet sich anders als die Habituierung, die Sensitivierung oder die Konditionierung. Bei der Habituierung sind nur zwei Neuronen beteiligt und die Effektivität wird verringert. Bei den beiden anderen Lernformen kann zwar die Effektivität gesteigert werden, aber es ist eine sogenannte modulierende Synapse über ein Interneuron involviert. Im Gegensatz dazu wird bei der Langzeitpotenzierung (LTP) nur Effektivität bei der Prä- und Postsynapse verändert, die Effektivität steigt, es wird aber keine modulatorische Synapse benötigt. Die LTP kann entweder durch gleichzeitiges Feuern des prä- und des postsynaptischen Neurons, als auch durch Aktivierung der Synapse mit hoher Frequenz ausgelöst werden. Wesentlich dabei ist aber, daß die postsynaptische Membran depolarisiert ist, während neue EPSP´s das Neuron erreichen. Auch hier gibt es eine nicht-assoziative und eine assoziative Form. Bei der nicht-assoziativen LTP spielt der Zustand der Postsynapse keine Rolle. Zuerst wird die Präsynapse tetanisch gereizt, das heißt eine Vielzahl von Aktionspotentiale gelangen in kurzer Zeit zur Präsynapse. Dadurch kommt es zu einem massiven Ca2+-Einstrom in der Präsynapse. Wie bei der Konditionierung bindet der Calmodulin-Ca2+-Komplex an das Enzym Adenylatcyclase (Typ I). Dadurch steigt der cAMP-Spiegel, die cAMP-Proteinkinase wird aktiviert und mehr Vesikel werden gebildet. Dieser Prozess unterscheidet sich von der Sensitivierung und Konditionierung nur dadurch, daß kein modulierender Neurotransmitter beteiligt ist. Aber durch einen modulierenden Neurotransmitter wird der Prozess noch verstärkt. Eine tetanische Reizung kommt im menschlichen Gehirn aber praktisch nicht vor. Normalerweise arbeiten die Neuronen im aktiven Zustand mit rund 20-90 Herz. Nur unter speziellen Umständen feuern ganz wenige Gruppen von Neuronen mit rund 300 Herz. ___________________________________________________________________________________ 77 Brain Modelling Die assoziative LTP wurde ein paar Jahre nach dem Postulat von Hebb im Hippocampus eine für das Lernen wichtige Region des Gehirns - beobachtet. Wenn einzelne exzitatorische Neuronen wiederholt aktiviert werden, dann steigt das jeweilige EPSP an. Diese exzitatorischen Synapsen arbeiten mit Glutamat als Transmitter, welcher von zwei verschiedenen Rezeptortypen - AMPA (α-Amino-3-hydro-5-methyl-4- isoazolpropionsäureRezeptor - wird auch als non-NMDA-Rezeptor bezeichnet) und NMDA (N-Methyl-DAspartat)-, die in den einzelnen Synapsen gleichzeitig vorhanden sind, erkannt wird. Eine übliche Voraussetzung für das Zustandekommen von LTP ist das gleichzeitige Feuern von mehreren innervierenden Fasern. Wenn zwei unterschiedliche erregende Signale - ein schwaches und ein starkes - im gleichen Bereich eines Dendriten einer Pyramidenzelle ankommen, wird der schwache Impuls nur dann verstärkt, wenn er in Assoziation mit dem starken Impuls eintrifft. LTP bedarf also einer simultanen Erregung von prä- und postsynaptischem Neuron. Bei der normalen synaptischen Signalübertragung dominieren die AMPA-Rezeptoren auf einer Postsynapse, da die Membrankanäle der NMDA-Rezeptoren durch Mg2+-Ionen blockiert werden. Die Blockade wird nur dann aufgehoben - das heißt die NMDA-Kanäle werden nur dann aktiviert - wenn die postsynaptische Zelle gleichzeitig von anderen starken Aktionspotentialen vieler präsynaptischer Neuronen depolarisiert wird. Diese multiple Depolarisation bewirkt, daß sich die positiv geladenen Mg2+-Ionen vom Eingang der NMDAKanäle lösen und damit den Einstrom von Na+-Ionen und besonders Ca2+-Ionen in die Zelle ermöglichen. Der Ca2+-Einstrom ist dann das Signal zur Induktion zur Langzeitpotenzierung. Für die Änderung der Membranleitfähigkeit durch NMDA-Rezeptoren gibt es zwei Bedingungen: Glutamat muss am Rezeptor gebunden und die Membran muss gleichzeitig depolarisiert sein. Zwischen diesen beiden Bedingungen dürfen maximal 100 Millisekunden an Zeit vergehen, damit es zu einer LTP kommt. Die entscheidende Depolarisierung wird normalerweise durch die Aktivierung zahlreicher AMPA-Rezeptoren aufgrund der Aktionspotentiale zahlreicher präsynaptischer Neuronen erzeugt. Dadurch kommt es zu einem vermehrten Ca2+-Einstrom durch die nun freien NMDARezeptoren. Dies initiiert eine anhaltende Verstärkung der synaptischen Signalübertragung, indem es zwei calciumabhängige Serin-Theonin-Proteinkinasen - die Ca2+/Calmodulin-Kinase und die Proteinkinase C - sowie eine Tyrosinkinase aktiviert. Die NMDA Rezeptoren können über zwei unterschiedliche Mechanismen aktiviert werden. Zum einen über einen starken Tetanus und zum anderen, wenn Glutamat aus der Präsynapse und ein Aktionspotential aus der Postsynapse zusammentreffen. Dadurch wird die Blockade der Mg2+-Ionen inaktiviert und es können mehr Ca2+-Ionen einströmen. Dadurch werden 3 verschiedenen Kinasen aktiviert: a) Calcium-Calmodulin-Proteinkinase II, b) Proteinkinase C, c) Tyrosinkinase. Nun stellt sich die Frage, wie eine Veränderung der Postsynapse - die Aktivierung der NMDA-Rezeptoren - sich auf eine Erhöhung der Neurotransmitterausschüttung auswirken kann, was auch festgestellt wurde. Man vermutete einen retrograden Messenger, der von der Postsynapse zur Präsynapse geleitet wird. Das NO-Molekül wurde später als der Botenstoff identifiziert. Eine Erhöhung des NO-Niveaus bei der Präsynapse führt zu einer vermehrten Transmitterausschüttung. Interessanterweise wirken die retrograden Messengers nicht nur auf eine Präsynapse, sondern die Wirkung ist diffus verteilt. Sie wirken auch auf benachbarte Synapsen. ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 78 Abbildung 6.10: Ein Dendritenast mit Dornen, die sich verändern können. Alle Lernvorgänge können auf die Veränderung von synaptischen Stärken zurückgeführt werden. Eine Veränderung der postsynaptischen Potentiale kann auch zu längerfristigen morphologischen Veränderungen führen. Während spezieller Entwicklungsphasen, gekennzeichnet durch den Hormonspiegel, können die Dornen größer beziehungsweise kleiner werden. Die Dornen sitzen auf den Dendriten, dort wo die exzitatorischen Synapsen Kontakt aufnehmen. Während einer Phase hoher Östrogenkonzentration steigt die Anzahl und Größe der jeweiligen Dornen (Abb.6.10 links) auf dem Dendritenast, im Gegensatz zu einer geringen Östrogenkonzentration (Abb. 6.10 rechts). Betrachten wir die unterschiedlichen Lernformen im Überblick: 1. Hebbsche Lernregel: „Wenn die Aktivität eines präsynaptischen Neurons wiederholt mit der Entladung eines postsynaptischen Neurons verbunden ist, wenn also beide Neuronen gleichzeitig feuern, dann wird die Effizienz zwischen der Prä- und der Postsynapse erhöht.“ Dies zeigt sich insbesonders bei der Langzeitpotenzierung: assoziative LTP (NMDA): nicht assoziative LTP: (durch tetanische Reizung) 2. Aktivitätsabhängige Bahnung: "Koinzidenz zwischen vorgeschaltetem und modulatorischem Neuron." modulierendes Neuron Aufgrund des zeitlichen Verhaltens und der Frage nach der Verstärkung beziehungsweise nach der Abschwächung gibt es unterschiedliche Lernformen: Habituierung nicht assoziatives Lernen: ∆t ungenau assoziatives Lernen: ∆t=0 Sensitivierung Konditionierung ___________________________________________________________________________________ 79 Brain Modelling ___________________________________________________________________________ Vergleiche den Aberglaube mit der Konditionierung. Was wird im impliziten und im expliziten Gedächtnis verarbeitet ? Welche Arten von nichtassoziativen Lernen kennen sie ? Finden sie Beispiele für die Sensitivierung und Habituation. Welche Arten von Konditionierungen gibt es und wie unterscheiden sie sich ? Wie erklärt sich die Habituation auf zellulärem Niveau ? Wie erklärt sich die Sensitivierung auf zellulärem Niveau ? Was versteht man unter der Hebb`schen Lernregel ? Was versteht man unter LTP ? Was sind die Unterschiede zwischen der assoziativen und der nicht-assoziativen LTP ? Wie können NMDA-Rezeptoren aktiviert werden ? Was versteht man unter einer aktivitätsabhängigen Bahnung ? ___________________________________________________________________________________ Technisch neuronale Netzwerke 80