management -ethik - Universität Bern

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EINE
PHILOSOPHISCHE
MANAGEMENT-ETHIK
EIN PROBLEMORIENTIERTER ANSATZ
AUF DER GRUNDLAGE DES KRITISCHEN RATIONALISMUS
INAUGURALDISSERTATION DER PHILOSOPHISCH-HISTORISCHEN FAKULTÄT DER UNIVERSITÄT BERN
ZUR ERLANGUNG DER DOKTORWÜRDE VORGELEGT VON
JOSEF H. NAEF
SCHENKON (LU)
BUCHBINDEREI SCHLAPFER, LUZERN, 2009
Von der Philosophisch-historischen Fakultät auf Antrag von
PD Dr. Martin Bondeli (Hauptgutachter) und Prof. Dr. Enno Rudolph (Zweitgutachter) angenommen.
Bern, den 9. Oktober 2009
2
Die Dekanin: Prof. Dr. Karénina Kollmar-Paulenz
Meinen Eltern
3
4
Vorwort
Mit der vorliegenden Dissertation beende ich – zumindest vorläufig – die vor neun Jahren
begonnene philosophische Ausbildung. Wenn man erst in der zweiten Lebenshälfte die Disziplin,
die einem näher steht als jede andere, studieren kann, dann braucht dies einen starken Willen,
klare Zielvorstellungen und eine gehörige Portion Mut – Letzteres wurde mir erst im Laufe der
Jahre so richtig bewusst –, aber vor allem die Unterstützung anderer Menschen.
Mein grosser Dank richtet sich an meinen Doktorvater Herrn PD Dr. Martin Bondeli. In
mehreren Gesprächen auf der Grossen Schanze durfte ich viele kritische Hinweise
entgegennehmen, die immer wieder eine veränderte Sichtweise und die Prüfung von alternativen
Theoriekonstruktionen ermöglichten. Erst durch diese ausserordentlich angenehme und
hervorragende Betreuung konnte meine Arbeit an Reife gewinnen. Ebenfalls einen grossen Dank
möchte ich meinem Zweitbegutachter Herrn Prof. Dr. Enno Rudolph aussprechen. Dass die
Freude an der Philosophie im Laufe des Studiums noch grösser und ich in meiner Einschätzung
über den gesellschaftlichen Wert der Philosophie bestärkt wurde, ist in allererster Linie sein
Verdienst. Darüber hinaus durfte ich in den vielen Seminaren immer wieder erfahren, wie
spannend die für unsere Gesellschaft so wichtigen philosophischen Diskussionen geführt werden
können. Schliesslich von unschätzbarem Wert ist die von meiner Ehefrau Irène erhaltene
Unterstützung durch all die Jahre hindurch. Obschon sie aus ihrem Bekanntenkreis manchmal
ein gewisses Unverständnis über meine neue berufliche Ausrichtung entgegennehmen musste,
zweifelte sie nie an der Richtigkeit des gefällten Entscheides. Und nur weil ich von unzähligen
Alltags-Aufgaben entlastet wurde, konnte ich mich überhaupt mit der nötigen Intensität meiner
Dissertation widmen. Irène gehört der allergrösste Dank!
Josef Naef
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Inhaltsverzeichnis
Vorwort
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Einleitung
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Teil 1: Einblick in die Disziplin der Wirtschaftsethik
15
1 Über das Verständnis von Wirtschaftsethik
2 Eine Analyse wirtschaftsethischer Ansätze
2.1 Der diskursethische Ansatz von Peter Ulrich
2.1.1 Über die sichtbaren Zeichen des Ökonomismus
2.1.2 Über die vermeintlichen Sachzwänge und die Gemeinwohlfiktion
2.1.3 Vernünftiges Wirtschaften mit Blick auf die Lebenswelt
2.1.3.1 Die teleologisch-ethische Fragestellung
2.1.3.2 Die deontologisch-ethische Fragestellung
2.1.3.2.1 Das Moralprinzip als verallgemeinerte moralische Gegenseitigkeit
2.1.3.2.2 Über die moralischen Rechte einer jeden Person
2.1.3.2.3 Die moralischen Rechte in einer Bürgergesellschaft
2.1.3.3 Wirtschaftsethische Topologie
2.1.3.3.1 Wirtschaftsbürgerethik
2.1.3.3.2 Ordnungsethik
2.1.3.3.3 Unternehmensethik
2.2 Der ordnungstheoretische Ansatz von Karl Homann
2.2.1 Die methodologische Grundlegung
2.2.1.1 Die Auseinandersetzung mit Habermas und Luhmann
2.2.1.2 Über das Verhältnis von Ethik und Ökonomik
2.2.1.3 Die Dilemmastruktur als erstes methodologisches Kernelement
2.2.1.4 Der homo oeconomicus als zweites methodologisches Kernelement
2.2.1.5 Vertragstheorie als drittes methodologisches Kernelement
2.2.2 Wirtschafts- und Unternehmensethik
2.2.2.1 Wirtschaftsethik als Ordnungsethik
2.2.2.2 Unternehmensethik als Handlungsethik
2.3 Der konstruktivistische Ansatz von Horst Steinmann und Albert Löhr
2.3.1 Über die Gründe des nicht-ethischen Verhaltens der Unternehmen
2.3.2 Theoretische Weichenstellungen
2.3.2.1 Wissenschaftstheorie des Konstruktivismus als Grundlegung
2.3.2.2 Die Betriebswirtschaftslehre als technisch-normative Wissenschaft
2.3.3 Unternehmensethik als angewandte Ethik
2.3.4 Über die Implementation der angewandten Ethik
2.4 Der governance-ethische Ansatz von Josef Wieland
2.5 Der intentionalistische Ansatz von Peter A. French
2.6 Der sozioökonomische Ansatz von Amitai Etzioni
2.7 Der pragmatische Ansatz von Richard T. De George
2.8 Der sozialethische Ansatz von Oswald von Nell-Breuning und Arthur Rich
2.9 Der neoaristotelische Ansatz von Peter Koslowski und Günther Bien
2.10 Der stakeholder-orientierte Ansatz von Elisabeth Göbel und Joseph W. Weiss
2.11 Der neokantische Ansatz von Norman E. Bowie und Paul J. Borowski
2.12 Der kontraktualistische Ansatz von Thomas Donaldson/Thomas W. Dunfee
2.13 Der Ansatz von Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship
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2.14 Wirtschaftsethische Ansätze lanciert durch Politik, Wirtschaft und NGO
2.15 Der Ansatz der angloamerikanischen Business Ethics
3 Klassifikationsversuch wirtschaftsethischer Ansätze
4 Das Desiderat im philosophisch-wirtschaftsethischen Diskurs
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Teil 2: Philosophische Ethik als Grundlage für den problemorientierten Ansatz
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5 Was ist Ethik?
6 Metaethische Kategorien
6.1 Kognitivismus versus Nonkognitivismus
6.2 Moralischer Realismus
6.3 Linear-deduktive, kohärentistische und reflexive Begründungsmuster
6.4 Universalismus versus Partikularismus
6.5 Prinzipienethik, Normenethik und Situationsethik
6.6 Teleologische versus deontologische Ethiken
7 Überlegungen zur Anthropologie
8 Überlegungen zur Motivation
9 Fünf Paradigmen normativer Ethiken
9.1 Das Paradigma des Utilitarismus
9.2 Das Paradigma der kantischen Deontologie
9.3 Das Paradigma des Kontraktualismus
9.4 Das individualrechtliche Paradigma des Libertarismus
9.5 Das tugendethische Paradigma
10 Das Orientierungswissen als ethisches Grundgerüst
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Teil 3: Angewandte Ethik – eine philosophische Management-Ethik als
problemorientierter Ansatz
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11 Über das begriffliche Verständnis von angewandter Ethik
12 Management als Bereich für angewandte Ethik
13 Philosophische Grundlegung
13.1 Karl R. Popper als Begründer des Kritischen Rationalismus
13.2 Hans Alberts Weiterentwicklung des Kritischen Rationalismus
13.3 Der Kritische Rationalismus als Metaethik
13.4 Der Kritische Rationalismus als philosophische Grundlegung
14 Die problemorientierte philosophische Management-Ethik
auf der Grundlage des Kritischen Rationalismus
14.1 Das Problem als Ausgangspunkt
14.1.1 Moralische Problemphänomene
14.1.1.1 Arbeitslosigkeit
14.1.1.2 Armut
14.1.1.3 Gesundheitsgefährdung
14.1.1.4 Umweltzerstörung
14.1.1.5 Politische Instabilität
14.1.1.6 Wirtschaftskriminalität
14.1.1.7 Anstrengungen der Neuroökonomie-Neuromarketing
14.1.1.8 Megafusionen
14.1.2 Soziologische Untersuchungen
14.1.2.1 Gesellschafts- bzw. Funktionssysteme
14.1.2.2 Organisationssysteme
14.1.2.3 Interaktionssysteme
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14.1.3 Ein vorläufiges Problemverständnis
14.1.4 Erkenntnistheoretische Untersuchungen
14.1.4.1 Erkenntnis als Konstruktionsprozess
14.1.4.2 Der Konstruktionsprozesses ist nicht sichtbar
14.1.4.3 Die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes ist ohne systematischen
Erkenntnisfortschritt
14.1.5 Akzentuierte Problemstellung als Aufgabe für das teleologische System
14.2 Das teleologische System als normativ-ethisches Element
14.2.1 Die metaethischen regulativen Ideen
14.2.2 Zur Legitimation der metaethischen regulativen Ideen
14.2.3 Die kritische Funktion des teleologischen Systems
14.3 Das deontologische System als normativ-ethisches Element
14.3.1 Corporate Social Responsibility
14.3.2 Zehn deontologische Prinzipien
14.3.2.1 Das erste ethische Prinzip
14.3.2.2 Das zweite ethische Prinzip
14.3.2.3 Das dritte ethische Prinzip
14.3.2.4 Das vierte ethische Prinzip
14.3.2.5 Das fünfte ethische Prinzip
14.3.2.6 Das sechste ethische Prinzip
14.3.2.7 Das siebte ethische Prinzip
14.3.2.8 Das achte ethische Prinzip
14.3.2.9 Das neunte ethische Prinzip
14.3.2.10 Das zehnte ethische Prinzip
14.4 Die kritische Methode als anthropologische Voraussetzung
14.4.1 Die kritische Methode gegen das anthropologische Erkenntnisproblem
14.4.2 Die Skizzierung der Institutionalisierung der kritischen Methode
14.4.2.1 Workshops und Coaching
14.4.2.2 Konstruktivistische Didaktik
14.4.2.3 Exemplarische Didaktik
14.4.2.4 Pragmatische Didaktik
14.4.2.5 Philosophische Didaktik
14.4.2.6 Die Entscheidung zur Annahme der kritischen Methode
14.4.3 Alle Menschen sind fähig zur kritischen Methode
14.5 Motivationale Wissensvermittlung
14.5.1 Work-Life-Balance seitens der Führungsleute
14.5.2 Stärkung der unternehmerischen Existenzfähigkeit
14.5.3 Schutz vor der Zerstörung des Wirtschaftssystems
14.5.4 Die Empfehlung an den Verwaltungsrat bzw. Aufsichtsrat
14.6 Über das Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomie
14.7 Schematische Darstellung
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211
Kritische Würdigung
213
Literaturverzeichnis
Werke
Lexika- und Handbücher
Zeitschriften und Zeitungen
Internet
219
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237
239
242
Abbildungsverzeichnis
248
9
10
Einleitung
Unternehmen tendieren dazu, Konsumenten, Mitarbeiter, Führungsleute und andere
Wirtschaftsakteure in erster Linie als Anreizsysteme aufzufassen, die durch raffinierte
Werbekampagnen, Bonuszahlungen und andere Incentives beinahe nach Belieben für die
unternehmerischen Interessen gesteuert werden können. Die Werbung wird in Bezug auf
moralische Aspekte zusehends fragwürdiger. Der TV-Werbespot für das Produkt actilife zeigt zum
Beispiel, dass sich die Konsumenten durch den Konsum von actilife vor Unfällen schützen
können, dafür jedoch andere Menschen in genau diese Unfälle verwickelt werden; Fahrzeuge
werden für ihren Beitrag gegen die ökologische Gefährdung gelobt, obschon nachweislich gerade
sie die Ökologie schädigen. Mittlerweile steht fest, dass die Zerstörung unserer natürlichen
Umwelt zu einem erheblichen Teil durch die Menschen bzw. durch das Wirtschaftssystem
verursacht ist, dennoch hat sich nicht viel an der Richtung des Denkens, Entscheidens und
Handelns seitens der Unternehmen geändert. So produzieren Unternehmen tagtäglich für die
grösseren Schweizer Städte und für beinahe jeden Bahnsteig eine Flut von Gratiszeitungen, die
nur wenige Stunden später mit viel Aufwand wieder entsorgt werden müssen – die
Gratisabendzeitung ist bereits im Druck –, während gleichzeitig das ökologische Gleichgewicht
durch die Abholzung der Regenwälder immer mehr gefährdet und dadurch möglicherweise die
ganze Menschheit in ihrer Existenz bedroht ist. Wenn eine gesetzliche Übertretung den
Unternehmensinteressen dient und die Gefahr einer möglichen Sanktion klein oder das
Sanktionsausmass unbedeutend ist, dann steht illegalem Handeln oft nichts im Wege; die weltweit
grassierende Korruption – ein Haupthindernis in der Armutsbekämpfung 1 – ist dabei bloss ein
Beispiel für kriminelles Verhalten seitens der Wirtschaftsakteure. Unternehmen überschwemmen
mit ihren, oft von der Konkurrenz kaum unterscheidbaren, Produkten und Dienstleistungen
übersättigte Märkte, mit der Konsequenz, dass der grosse Wettbewerbsdruck von den Menschen
in den Unternehmen immer mehr abverlangt. Unternehmen profitieren vom fehlgeleiteten
Wirtschaftshandeln, indem sich gerade dadurch Opportunitäten für Geschäftsideen eröffnen.
Anders gesagt: Die Unternehmen befriedigen mit ihren Produkten und Dienstleistungen
keineswegs nur „echte“ Bedürfnisse, sondern lösen zunehmend (betriebswirtschaftlich überaus
erfolgreich) Probleme, die überhaupt erst durch das depravierte Wirtschaftssystem entstehen –
Psycho- und Neuro-Pharmaka, Functional Food, Energy Drinks oder Luxusprodukte mit exorbitanten
Preisen können als Beispiele genannt werden. Unternehmensverantwortliche werden trotz
miserabler Managementleistung fürstlich bezahlt, während gleichzeitig Tausende von Menschen
wegen angeblich notwendigen Kosteneinsparungen entlassen werden. Nicht wenige
Unternehmensführer sind der Hybris verfallen und beanspruchen für sich ein Gehalt, das
beispielsweise das Vierhundertfache eines durchschnittlichen Salärs beträgt. Unter dem
Deckmantel der Globalisierung formieren sich multinationale Unternehmen zu Giganten,
wodurch sie den für die Konsumenten vorteilhaften Wettbewerbsdruck reduzieren und die für
die Menschen nachteilige Wirtschaftsmacht, zum Beispiel für die Anheizung und Ausnützung des
internationalen Standortwettbewerbs, steigern. Um die Menschen für spezifische
Wirtschaftsbereiche fit zu machen, greifen Unternehmen in das Bildungssystem ein und finanzieren
Lehrstühle an Fachhochschulen und Universitäten.
Diese unsystematische Aufzählung, die beinahe beliebig verlängert werden könnte, zeigt
in aller wünschenswerten Deutlichkeit die beträchtliche Gefahr, dass wichtige Errungenschaften,
zum Beispiel die Möglichkeit der individuellen Lebensgestaltung, die Verringerung des menschlichen Leidens
oder die Abschwächung der Armut, wieder zunichte gemacht werden. Und zwar durch
Unternehmen und Führungspersonen, die sich hinsichtlich der Aufrechterhaltung der sozialen
Ordnung sowie in Bezug auf gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte immer verwerflicher
1
Vgl. Ch. A. Weber-Berg: Mehrwert Ethik. Added Value in Wirtschaft und Management, Zürich 2007, S. 109
11
verhalten und Milton Friedmanns Diktum: „The social responsibility of business is to increase its
profits“ 2 bzw. „für die Aktionäre ihrer Gesellschaften so viel Gewinn wie möglich zu
erwirtschaften“ 3 ohne Wenn und Aber umsetzen.
Es ist zwar eine Tatsache, dass sich die Bedingungen der Unternehmen in beachtenswerter Weise
verändert haben. So bedeuten der stärkere Konkurrenzdruck, die gesättigten Märkte und der
enorme technische Fortschritt zweifellos eine grosse Herausforderung für jedes Unternehmen,
aber dennoch gibt es für das gravierende moralische Fehlverhalten vieler Managements keine
Entschuldigung. Es drängt sich die Frage auf: Wo bleibt die Ethik in der Wirtschaft? Nach Josef
Meran sind es in der Tat solche Phänomene, die zu einer Wiederentdeckung der philosophischen
Wirtschaftsethik geführt haben. 4 Durch die Social Choice Theory 5 gelang in den letzten dreissig
Jahren, vorab im angloamerikanischen Wirtschaftsbereich, die Reintegration der Philosophie in die
wirtschaftswissenschaftliche Grundlagendebatte. 6 Mit einem bemerkenswerten Ergebnis: Gemäss
einer Umfrage aus dem Jahre 1991 haben mehr als 90 Prozent der befragten amerikanischen
Unternehmen eine Business Ethics institutionalisiert, wobei diese Entwicklung dadurch befördert
wurde, dass politische Rahmenbedingungen strafmildernde Umstände bei illegalem Verhalten
vorsehen, wenn die Unternehmen ein Engagement im Bereich Business Ethics nachweisen
können. 7 Die angloamerikanischen Business Ethics-Programme sind mittlerweile in der Form von
Codes of Ethics, Ethics Hotline, Ethics Training, Ethics Audit usf. in den Unternehmen derart fest
verankert, dass einige Unternehmen allein in diesem Bereich mehrere Hundert Mitarbeiter
beschäftigen. 8 Mit Interesse, aber auch einiger Skepsis, werden die amerikanischen Business-EthicsAnstrengungen im europäischen Raum verfolgt. Um Praktiker und Theoretiker aus Philosophie,
Theologie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre zu einem fachübergreifenden Gedankenaustausch
zusammenzuführen, wurde im Jahre 1987 das European Business Ethics Network (EBEN)
gegründet. 9 Diesem folgte 1993 das Deutsche Netzwerk Wirtschaftsethik (DNWE), welches sich als
Mittler zwischen Praxis und Wissenschaft im deutschsprachigen Raum versteht. 10 Thomas
Beschorner attestiert dem deutschsprachigen Diskurs in Wirtschafts- und Unternehmensethik
einen beachtlichen Reifegrad mit einem breit gefächerten Spektrum an verschiedenen Ansätzen. 11
Während in den USA die Lösung praktischer Probleme im Vordergrund steht und die
Grundlagendiskussion eher vernachlässigt wird, besteht im deutschsprachigen Raum gerade die
gegensätzliche Tendenz. Nach Beschorner ist das auch der Grund, weshalb die Vertreter der
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12
M. Friedman: „The Social Responsibility of Business is to Increase Its Profits“, in: The New York Times
Magazine, Ausgabe: 13.09.1970, S. 32ff
M. Friedman: Kapitalismus und Freiheit, Übers. von P. C. Martin, 2. Auflage, München 2005, S. 165
Vgl. J. Meran, „Wirtschaftsethik. Über den Stand der Wiederentdeckung einer philosophischen Disziplin“, in:
Wirtschaft und Ethik, Hrsg. von H. Lenk und M. Maring, Stuttgart 1992, S. 45
Die Soical Choice Theory bzw. Theorie der kollektiven Entscheidungen setzt sich mit den Gruppenentscheidungen
durch Aggregation von individuellen Präferenzen auseinander. Das bedeutet, die Entscheidungen über das
Problem des gesellschaftlichen Zusammenlebens werden nicht von der Gesellschaft als Ganzem, sondern von
den einzelnen Individuen her aufgerollt. (Vgl. G. Kirsch: Neue Politische Ökonomie, 5. Auflage, Stuttgart 2004,
S. 19)
Vgl. J. Meran, „Wirtschaftsethik. Über den Stand der Wiederentdeckung einer philosophischen Disziplin“, in:
Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 48
Vgl. U. I. Meyer: Der philosophische Blick auf die Wirtschaft, Aachen 2002, S. 62
Vgl. B. Löhnert: „Die kulturellen Grundlagen amerikanischer Unternehmensethikprogramme. Eine
interkulturelle Analyse“, in: Unternehmensethik in der Praxis. Impulse aus den USA, Deutschland und der Schweiz, Hrsg.
von P. Ulrich und J. Wieland, Bern, Stuttgart und Wien 1998, S. 92f
Vgl. L. Van Liedekerke: „Welcome“, eben. European Business Ethics Network
[www.eben-net.org~, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. „Überblick zum DNWE“, Deutsches Netzwerk Wirtschaftsethik. Das Portal für Wirtschaftsethik im deutschsprachigen
Raum
[www.dnwe.de~, Aktualisiert: 22.11.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. T. Beschorner: Ökonomie als Handlungstheorie. Evolutorische Ökonomik, verstehende Soziologie und Überlegungen zu
einer neuen Unternehmensethik, Marburg 2002, S. 17
deutschsprachigen Wirtschaftsethik gegenüber Anfragen von Unternehmen eher ratlos sind. 12
Dies ist umso bedenklicher, als empirische Umfragen, durchgeführt bei deutschen und
schweizerischen Unternehmen, ein zwar langsam, aber immerhin kontinuierlich wachsendes
Interesse für Ethikmassnahmen belegen. 13
Die aktuelle Situation im Wirtschaftsgeschehen, insbesondere die Art und Weise, wie viele
Unternehmen durch Manager geführt werden, fordert den Verfasser dieser Arbeit als
ausgebildeter Philosoph, Betriebsökonom und sowohl erfahrener wie auch erfolgreicher
Unternehmer heraus, einen Beitrag gegen diese für die Gesellschaft im Grunde genommen
dramatische Entwicklung – die überhaupt nicht als die Folge eines natürlichen Prozesses oder
Laplace’schen Geistes 14 aufgefasst wird – zu leisten. Der angestrebte Beitrag zum
deutschsprachigen Wirtschaftsethik-Diskurs lässt sich dabei wie folgt formulieren:
Es soll aufgezeigt werden, wie Unternehmen mithilfe von konkreten philosophisch-ethischen Vorgaben
geführt werden können, so dass gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte geschützt bleiben.
Diesem Vorhaben liegen drei Prämissen zugrunde: Erstens: Die liberale, aber sozial gelenkte
Marktwirtschaft eignet sich für die existenzielle Versorgung der Menschen, für die Steigerung des
(materiellen) Wohlstandes sowie für die Pluralität von Lebensentwürfen besser als die
Alternativen in der Form des Sozialismus und Kommunismus. Mit den Worten von Amartya
Sen: „Generell gegen Märkte zu votieren wäre ungefähr so seltsam wie generell Gespräche zwischen
Leuten abzulehnen – obschon manche Gespräche offensichtlich Schaden anrichten und anderen
oder auch den Gesprächsteilnehmern selbst Probleme bereiten können.“ 15 Zweitens:
Gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte können selbst mit einer sozial gelenkten
Wirtschaftspolitik nicht ausreichend geschützt werden; Unternehmen sind deshalb gehalten, von
sich aus, also freiwillig, moralische Anliegen in ihrem Denken, Entscheiden und Handeln zu
berücksichtigen. Drittens: Die vielfach gehörte Ansicht, wonach Ethik bzw. Moral und Ökonomie
nicht zusammenpassen, ist grundlegend falsch.
Wie ist die Entwicklung der philosophisch-ethischen Vorgaben geplant? Die Arbeit wird in drei Teilen
durchgeführt: Im ersten Teil geht es darum, einen Einblick in die wirtschaftsethische Diskussion zu
erhalten, um die Erkenntnisse über den Forschungsstand der Wirtschaftsethik für die eigene
Arbeit – im Allgemeinen gesehen – fruchtbar verwenden zu können. Im Besonderen soll das
erarbeitete Wissen dazu benutzt werden, die Möglichkeit eines gezielten Beitrages zum
wirtschaftsethischen Diskurs zu sondieren, so dass eine spezifische Leistung bestimmt und eine
Forschungshypothese im Sinne eines roten Fadens für die weitere Arbeit formuliert werden
können. Um diese Ziele zu erreichen, wird zunächst nach einem heuristischen Verständnis von
Wirtschaftsethik gesucht, das dann mithilfe der Auseinandersetzung mit verschiedenen
wirtschaftsethischen Ansätzen vertieft und erweitert werden kann. Als wichtiges Ergebnis wird
sich dabei herausstellen, dass mit einem problemorientierten wirtschaftsethischen Ansatz ein Beitrag
zur Beseitigung des Desiderats im wirtschaftsethischen Diskurs geleistet werden kann. Im zweiten
12
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14
15
Vgl. a.a.O., S. 17f
Vgl. P. Ulrich et al: „’Ethikmassnahmen’ in der Unternehmenspraxis. Zum Stand der Wahrnehmung und
Institutionalisierung von Unternehmensethik in deutschen und schweizerischen Firmen – Ergebnisse einer
Befragung“, in: Unternehmensethik in der Praxis, a.a.O., S. 177
Nach Ernst Cassirer hat der französische Mathematiker und Astronom Pierre-Simon Laplace das Bild eines
allumfassenden Geistes gezeichnet, „der die vollständige Kenntnis eines bestimmten Weltzustandes in einem
gegebenen Augenblick besäße und für den damit zugleich die Welt als Ganzes, in jedem Einzelzug ihres
Daseins und Ablaufs, vollständig bestimmt wäre.“ (E. Cassirer: Determinismus und Indeterminismus in der modernen
Physik. Historische und Systematische Studien zum Kausalproblem, Bearb. von C. Rosenkranz, in: Gesammelte Schriften
Hamburger Ausgabe, Hrsg. von B. Recki, Bd. 19, Hamburg 2004, S. 9)
A. Sen: Ökonomie für den Menschen. Wege zu Gerechtigkeit und Solidarität in der Marktwirtschaft, Übers. von
Ch. Goldmann, München 2002, S. 17
13
Teil werden die über viele Jahrhunderte hinweg gewonnenen Grundlagen der Ethik als Disziplin der
praktischen Philosophie selektiv in den Blick genommen. Insbesondere geht es darum,
hinsichtlich wichtiger ethischer und metaethischer Begriffe sowie der in der Tradition
bedeutsamen ethischen Paradigmen ein Grundlagenwissen zu erarbeiten. Und zwar mit der Idee,
aus diesem Grundlagenwissen mehrere ethische Grundfragen im Sinne eines Ethik-Grundgerüstes
für die Entwicklung einer angewandten philosophischen Ethik ableiten zu können. Der dritte Teil –
es ist der Hauptteil der Arbeit – besteht aus der Aufgabe, die angewandte problemorientierte
philosophische Ethik zu entwickeln, und zwar unterstützt durch die gewonnenen Erkenntnisse aus
den ersten beiden Teilen. Nachdem Management als der für die angewandte problemorientierte
philosophische Ethik relevante Wirtschaftsbereich festgelegt ist, wird mit dem Kritischen
Rationalismus der geeignete philosophische Standpunkt bestimmt. In einem engen Zusammenhang
mit dieser Philosophie lassen sich dann moralische Problemfelder skizzieren, deren Lösung als die
Kernaufgabe der problemorientierten philosophischen Management-Ethik gesehen werden kann.
In diesem Sinne ist denn auch die Entwicklung der ethischen Regeln – als Lösung der skizzierten
moralischen Problemfelder – das Kernstück dieses dritten Teils. In Anlehnung an die im zweiten
Teil erarbeiteten Grundfragen und die im Rahmen der Problemanalyse durchgeführten
soziologischen und erkenntnistheoretischen Untersuchungen geht es im Weiteren darum, die
anthropologischen Voraussetzungen hinsichtlich der Anwendungsmöglichkeit der ethischen Regeln
sowie die Motivationsbedingungen in Bezug auf die Akzeptanz der problemorientierten
philosophischen Management-Ethik sicherzustellen. Abgeschlossen wird die hier vorliegende
Arbeit mit einer kritischen Würdigung, in der die formulierte Forschungshypothese nochmals in den
Vordergrund gerückt wird, und zwar mit der Absicht, die eigenen Vorgaben mit dem – der
eigenen Ansicht nach – erreichten Resultat zu vergleichen. Obschon im dritten Teil dieser Arbeit
sowohl die Anwendungsvoraussetzungen wie auch die Akzeptanzbedingungen erörtert werden, gehören
die theoretischen Überlegungen, wie die philosophische Ethik bei den Unternehmen konkret
eingeführt werden kann, nicht zur Aufgabe der Dissertation. Dies hängt vor allem damit
zusammen, dass diese Arbeiten nicht philosophischer Natur sind, sondern in erster Linie die
Gebiete der Betriebswirtschaftslehre und Betriebspsychologie betreffen.
Mit welchen Methoden wird das erläuterte Vorgehen durchgeführt? Da es sich um eine
philosophische Arbeit handelt, stehen die Methoden der Philosophie im Vordergrund. Das
heisst: Die Aufnahme von wirtschaftsethischen Positionen verdankt sich der hermeneutischen
Methode, während moralische Probleme phänomenologisch gewonnen werden – der Begriff
„phänomenologisch“ wird hier nicht im strengen Sinne der Phänomenologie als philosophische
Richtung verstanden. Die grösste Bedeutung kommt jedoch der sprachlogischen Methode zu. Das
bedeutet: Die Gedankengänge sind mithilfe der Logik stringent, kohärent und konsistent
aufzuzeichnen, so dass sie von der lesenden Person den Gedanken des Verfassers entsprechend
nachvollzogen werden können. Die Anwendung der philosophischen Methoden bedeutet im
Übrigen, dass empirische Daten nicht zum eigentlichen Forschungsteil der Arbeit gehören, obschon
sie den Anstoss für diese philosophische Arbeit gegeben haben und für die Überprüfung von
philosophischen Standpunkten äusserst wertvoll sind.
14
Teil 1:
Einblick in die Disziplin der Wirtschaftsethik
Im Hinblick auf die Entwicklung einer philosophischen Ethik – als wirtschaftsethische Theorie –
möchte der Verfasser dieser Arbeit in diesem ersten Teil die Statur der Disziplin der
Wirtschaftsethik herausarbeiten. Dabei wird allerdings nicht der Versuch unternommen, einen
umfassenden Stand der aktuellen wirtschaftsethischen Diskussion einzuholen. Bereits vor mehr
als zehn Jahren stellte Georges Enderle fest, dass ein vollständiger Überblick über den
wirtschaftsethischen Diskurs nicht mehr möglich ist: „It is undoubtedly fair to say that in the mid
1990s, nobody has a complete view of what is going on in the field of business ethics in North
America and Europe.“ 16 Die Bemühungen richten sich deshalb vor allem auf die Gewinnung
eines begrifflichen Verständnisses sowie eines Überblickes über die wichtigsten
wirtschaftsethischen Ansätze, damit diese Erkenntnisse für die eigene wirtschaftsethische Theorie
fruchtbar gemacht werden können. In diesem Sinne umfasst der erste Teil dieser Arbeit vier
Kapitel: Zunächst wird ein begriffliches Verständnis über Wirtschaftsethik erarbeitet, danach werden
verschiedene wirtschaftsethische Ansätze vorgestellt, so dass im dritten Kapitel, als Ergebnis dieser
Explikation, der Versuch einer Klassifikation der verschiedenen wirtschaftsethischen Ansätze
unternommen werden kann. Im vierten Kapitel geht es dann schliesslich darum, die Idee des
eigenen wirtschaftsethischen Ansatzes zu präzisieren und dazu die Forschungsthese vorzustellen.
1
Über das Verständnis von Wirtschaftsethik
16
G. Enderle: „Focus: A Comparison of Business Ethics in North America and Continental Europe“, in: Business
Ethics: A European Review, Bd. 5, Heft 1 (1996), S. 36
K. Homann: „Wirtschaftsethik“, in: Lexikon der Wirtschaftsethik, Hrsg. von G. Enderle et al., Freiburg i. B., Basel
und Wien 1993, S. 1287
Als Ökonomik werden die Wirtschaftswissenschaften (Volks- und Betriebswirtschaftslehre) bezeichnet. (Vgl.
K. Homann und A. Suchanek: Ökonomik: Eine Einführung, Tübingen 2000, S. 2ff). Sie ist im Grunde genommen
das Pendant zur Ethik. Während die Ökonomik als Reflexionsdisziplin die Ökonomie bzw. die Wirtschaft zu
ihrem Untersuchungsgegenstand hat, befasst sich die Ethik als Reflexionsdisziplin mit der Moral.
Vgl. J. Gerlach: „Das Zuordnungsverhältnis von Ethik und Ökonomik als Grundproblem der Wirtschaftsethik.
Die generelle Problematik der Zuordnung von Ethik und Ökonomik“, in: Handbuch der Wirtschaftsethik, Bd. 1:
Verhältnisbestimmung von Wirtschaft und Ethik, Hrsg. von W. Korff et al., Gütersloh 1999, S. 834f
Nach Karl Homann lässt sich die moderne Wirtschaftsethik „als Reflex des wachsenden
Verlangens verstehen, das wirtschaftliche Handeln wieder stärker an moralischen Idealen wie
Humanität, Solidarität und Verantwortung zu orientieren.“ 17 Es versteht sich von selbst, dass es
dabei verschiedene Auffassungen gibt, wie dies im Einzelnen geschehen soll, hingegen ist das
Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomie bzw. Ethik und Ökonomik 18 für jede wirtschaftsethische
Theorie von derart grundlegender Bedeutung, dass kein wirtschaftsethischer Standpunkt ohne
eine explizite oder implizite Zuordnung dieser beiden Gebiete denkbar ist. 19 Dies kommt
mitunter auch dadurch zum Ausdruck, dass jede Kritik eines wirtschaftsethischen Ansatzes
immer zugleich eine Kritik des von diesem Ansatz gewählten Zuordnungsverhältnisses impliziert.
Um einen Eindruck über mögliche Zuordnungsverhältnisse im Besonderen und ein Verständnis
für den Begriff „Wirtschaftsethik“ im Allgemeinen zu erhalten, werden im Folgenden einige
Auffassungen von Wirtschaftsethik vorgestellt – nicht beurteilt! -, ohne dabei auch nur im
Geringsten den Anspruch auf Vollständigkeit erheben zu wollen.
Georges Enderle hat vor zwei Jahrzehnten drei mögliche Varianten des Verhältnisses
zwischen der Ethik und den Wirtschaftswissenschaften bestimmt: Bei der ersten Variante nimmt
die Ethik gegenüber den Wirtschaftswissenschaften einen dominanten Status ein, bei der zweiten
beanspruchen die Wirtschaftswissenschaften den Primat gegenüber der Ethik und bei der dritten
Variante sehen sich beide Disziplinen als gleichwertig, anerkennen also den je eigenständigen
Status und bestimmen ein gegenseitiges Verhältnis, das im Extremfall keine Berührungspunkte
17
18
19
15
zulässt und im anderen Fall ein enges Zu- und Miteinander vorsieht. 20 Enderle betont, dass der
Primat der Ethik in der Theoriegeschichte eine Vielzahl von Vertretern gefunden hat, während
der Standpunkt, wonach der Ökonomik der Vorrang gehört, erst seit dem 20. Jahrhundert
eingenommen wird. 21 Nach Enderle sprechen vor allem zwei Gründe dafür, Ethik und
Wirtschaftswissenshaften als gleichwertig zu betrachten: 22 Erstens sei es nur dann möglich,
prinzipielle Konflikte zwischen ethischen und ökonomischen Aspekten ins Auge zu fassen,
zweitens würden die Vorzüge der jeweiligen Disziplinen für ein fruchtbares Miteinander erst durch
ein gleichwertiges Verhältnis zur Geltung gebracht werden können. Im Übrigen betont Enderle,
dass bei Ethik zwischen philosophischer und theologischer Ethik und bei den
Wirtschaftswissenschaften zwischen Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre zu
unterscheiden sei, die Hauptproblematik indessen im Spannungsfeld der philosophischen Ethik
und der Volkswirtschaftslehre liege. 23
Josef Meran versteht unter Wirtschaftsethik eine Disziplin, „die es sich zur Aufgabe macht,
zunächst zu klären, in welcher Weise sowohl das wirtschaftliche Denken und Handeln als auch
die institutionelle Ordnung der Wirtschaft einer moralischen Beurteilung unterliegen, sodann
diejenigen Prinzipien und Normen der Moral aufzustellen und zu rechtfertigen, denen das
wirtschaftliche Handeln und die Wirtschaftsordnung unterworfen werden sollen, schließlich in
moralrelevanten unternehmerischen und wirtschaftspolitischen Entscheidungssituationen
konkrete Handlungsempfehlungen auszusprechen.“ 24 Mit anderen Worten: Wirtschaftsethik
beschäftigt sich mit drei Aufgaben: Sie reflektiert erstens, inwieweit das Wirtschaftssystem
moralischen Gesichtspunkten unterliegt, zweitens bestimmt und begründet sie normativ-ethische
Prinzipien und Normen und drittens leistet sie Hilfestellung zur Anwendung der vorgegebenen
ethischen Regeln in Bezug auf konkrete Handlungssituationen. Meran weist darauf hin, dass das
seit Mitte des 19. Jahrhunderts angehäufte theologische Schrifttum zur Wirtschaftsethik immens
sei, während von einer eigentlichen Wiederentdeckung der philosophischen Wirtschaftsethik
gesprochen werden müsse. 25
Auch nach Peter Koslowski hat sich die Philosophie hinsichtlich des wirtschaftlichen
Geschehens merklich zurückgehalten; er fragt nicht nur nach der Wirtschaftsethik als Teil der
Philosophie, sondern darüber hinaus nach der Disziplin Wirtschaftsphilosophie: „Man muß die
Fragestellung erweitern zur Frage: ‚Wo bleibt eine Disziplin, die man Wirtschaftsphilosophie
nennen könnte und von der die Wirtschaftsethik ein Teil ist?‘ Es gibt ein Analogon: die
Rechtsphilosophie. Die Rechtsphilosophie wird von Rechtswissenschaftlern und von
Philosophen betrieben. Sie hat eine lange Tradition in beiden Fächern. Wenn man die großen
institutionellen Teilbereiche der bisherigen Sozialphilosophie, also Staat, Gesellschaft, Recht
betrachtet, springt ins Auge, daß die Wirtschaft und so etwas wie eine Wirtschaftsphilosophie in
der Philosophie des Sozialen heute weitgehend abwesend sind.“ 26 Diesen Ausführungen
entsprechend schlägt Koslowski vor, zwischen Wirtschaftsethik und Ethischer Ökonomie zu
unterscheiden. 27 Erstere sieht Koslowski als praktische Anwendungsdisziplin der Ethik: „Sie
wendet die Ansätze, Instrumente und Entscheidungshilfen der ethischen Theorie auf Sachfragen
der Wirtschafts- und Unternehmensentscheidung an.“ 28 Letztere schliesst Wirtschaftsethik mit
20
21
22
23
24
25
26
27
28
16
Vgl. G. Enderle: Wirtschaftsethik im Werden. Ansätze und Problembereich der Wirtschaftsethik, St. Gallen 1988, S. 19
Vgl. a.a.O., S. 21f
Vgl. a.a.O., S. 28f
Vgl. a.a.O., S. 29
J. Meran: „Wirtschaftsethik. Über den Stand der Wiederentdeckung einer philosophischen Disziplin“, in:
Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 46f
Vgl. a.a.O., S. 50f
P. Koslowski: „Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie? Warum die Philosophie die Ökonomie nicht nur den
Ökonomen überlassen kann“, in: Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie?, Hrsg. von P. Koslowski, Heidelberg
2001, S. 1f
Vgl. a.a.O., S. 14f
P. Koslowski: „Wirtschaftsethik - ein neues Paradigma der Wirtschaftswissenschaft und der Philosophie?“, in:
Neuere Entwicklungen in der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie, Hrsg. von P. Koslowski, Heidelberg 1992,
S. 10
ein, geht aber im Versuch, eine Synthese zwischen Ethik und Ökonomie herzustellen, über sie
hinaus. Und zwar dergestalt, dass ethische Theoriebestandteile Eingang finden in der
ökonomischen Theoriebildung, beispielsweise in den Überlegungen zum Preissystem, mit der
Idee, die positive Ökonomik an ihre eigene (ethische) Tradition zurückzubinden. 29 Nach
Koslowski ist Wirtschaftsethik bzw. Ethische Ökonomie kein Oxymoron, also kein „hölzernes
Eisen“, „sondern die Anerkennung der Unterschiedenheit und Zusammengehörigkeit der
stärksten und besten Antriebe im Menschen und der Entwurf von Regeln und Institutionen, die
von beiden Antrieben Gebrauch machen.“ 30
Wolfang Kersting teilt Koslowskis Auffassung einer ethisch-ganzheitlichen Ökonomie,
allerdings muss seiner Ansicht nach eine emanzipatorische Kontextualisierung sich darum
bemühen, „die Wirtschaftsethik auf Modernitätshöhe zu bringen“ 31 und darf keinen Rückzug in
vormoderne Traditionswelten antreten: „Es gibt kein gemeinsames Gutes, das nach
aristotelischer Manier heute die Individuen und die gesellschaftlichen Funktionssysteme in eine
umfassende Gesamtgesellschaft einbinden könnte; es gibt keine soziale Teleokratie, die
Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu einer Textur sinnhaften allgemeinen Lebens verweben
könnte.“ 32 Nach Kersting ist eine emanzipatorische Wirtschaftsethik denn auch mehr als nur eine
Nebenwirkungsethik, „sie ist Hauptwirkungsethik, die wirtschaftliches Handeln den
gesellschaftlichen Diskursen aussetzt. (…) Eine Wirtschaftsethik der kulturellen Modernisierung
hat keine sittliche Integration im Sinn, will die Ökonomie nicht ethisieren; sie will die Ökonomie
zur Vernunft bringen und setzt dabei auf Reflexion, Kritik und Öffentlichkeit und richtet sich
gegen jeden Versuch, den emanzipationsgerichteten, also Abhängigkeitsverhältnisse durch
Selbstverfügungsverhältnisse ersetzenden Prozeß der kulturellen Modernisierung durch die
Anrufung der alten Traditionsmächte zu hemmen.“ 33 Eine so zur Vernunft gebrachte Ökonomie
soll erkennen, dass ungehemmtes wirtschaftliches Handeln, welches sämtliche erkennbaren und
absehbaren Risiken und Gefahren unbeachtet lässt, eine Beleidigung der Vernunft ist,
Hinnahmebereitschaft, Gelassenheit und Leidensfähigkeit nicht als Tugenden entdeckt werden
müssen, nur weil sich das blinde Wirtschaftsgeschehen hinter den Kategorien Sachzwang,
Eigengesetzlichkeit oder Systemforderung verschanzen will.
Nach Olaf J. Schumann kann aufgrund des Desiderats theoriegeschichtlicher
Untersuchungen seitens der Wirtschaftsethik leicht der Eindruck aufkommen, dass die
Bemühungen um die Klärung des Verhältnisses zwischen Ethik und Ökonomie eine Erfindung der
1980er Jahre sind. 34 Nach Schumann war die Ökonomie nicht nur über einen Zeitraum von 2000
Jahren ein Teilgebiet der philosophischen Ethik, sondern auch nach Adam Smiths Werk Der
Wohlstand der Nationen ist sie die ethische Frage nicht losgeworden. 35 Letzteres zeigt sich nicht
zuletzt daran, dass ökonomische Theorien selbst dort von einer impliziten Ethik 36 durchzogen
sind, wo strenge wissenschaftliche Massstäbe angelegt werden. Schumann plädiert für ein
Ökonomieverständnis, das an den von Adam Smith unternommenen Versuch erinnert, die von
29
30
31
32
33
34
35
36
Vgl. a.a.O., S. 10
P. Koslowski: Prinzipien der Ethischen Ökonomie. Grundlegung der Wirtschaftsethik und der auf die Ökonomie bezogenen
Ethik, Tübingen 1988, S. 19
W. Kersting: „Probleme der Wirtschaftsethik“, in: Ökonomie und Moral. Beiträge zur Theorie ökonomischer
Rationalität, Hrsg. von K. R. Lohmann und B. P. Priddat, München 1997, S. 37
A.a.O., S. 37
A.a.O., S. 38
Vgl. O. J. Schumann: „Wirtschaftsethik und Politische Ökonomie in theoriegeschichtlicher Perspektive“, in:
Das Ethische in der Ökonomie. Festschrift für Hans G. Nutzinger, Hrsg. von T. Beschorner und T. Eger,
Marburg 2005, S. 109
Vgl. a.a.O., S. 109f
Der Ausdruck „implizite Ethik“ stammt von Karl-Heinz Brodbeck. Nach Brodbeck müssen
Wirtschaftswissenschaften aus einer inneren Notwendigkeit heraus die Form einer Ethik annehmen. Er plädiert
deshalb dafür, die implizite Ethik aufzugeben „und wirtschaftliche Fragen als ethische Probleme offen zu
diskutieren.“ (K.-H. Brodbeck: „Ökonomische Theorie als implizite Ethik. Erkenntniskritische Anmerkungen
zur ′reinen Wirtschaftswissenschaft′“, in: Wirtschaftsethik als kritische Sozialwissenschaft, Hrsg. von M. Breuer et al.,
Bern 2003, S. 194)
17
Aristoteles entwickelte Trias Ökonomie – Politik – Ethik zur Integration zu bringen. 37 Denn – so
Schumann – Ethik, Politik und Ökonomie hängen eng zusammen. „Sie gehen jedoch weder
wechselseitig ineinander auf, noch sind sie in einem hierarchischen Verhältnis angeordnet. Sie
stellen vielmehr gleichberechtigte, aber interdependente Systeme dar.“ 38 Schumann betont weiter,
dass diese Trias in einer ständigen Bewegung sei, die Schnittmengen heute jedoch kleiner
geworden seien und der Gedanke einer Politischen Ökonomie 39 als Integrationskraft allenfalls
weiterhelfen könne. 40 Im Weiteren weist Schumann darauf hin, dass die Wirtschaftsethik in den
Wirtschaftswissenschaften immer noch um Anerkennung kämpfen muss. 41 Seiner Ansicht nach
hängt dies damit zusammen, dass der wissenschaftstheoretische Status der Wirtschaftsethik noch
immer ungeklärt ist und die Frage nach wie vor im Raume steht, „ob Wirtschaftsethik überhaupt
als wissenschaftliche Subdisziplin der Wirtschaftswissenschaften anerkannt werden kann.“ 42 Um
dazu Anhaltspunkte zu finden, untersucht Schumann, inwieweit sich die Forschungsfelder der
Wirtschaftsethik mit dem Kritischen Rationalismus stützen lassen. Gleichzeitig will er auf
Missverständnisse hinsichtlich der Rezeption des Kritischen Rationalismus hinweisen und
deutlich machen, dass Karl Homann „das kritische Potenzial dieser Wissenschaftstheorie bei
weitem nicht ausnutzt und an Methoden und Prinzipien festhält, die im kritischen Rationalismus
selbst – zumindest in der Version von Albert – keine Zustimmung finden“ 43, und dass Peter
Ulrich, der im Kritischen Rationalismus kein akzeptables Modell sieht, „in vielen Punkten in
Übereinstimmung mit kritisch rationalen Auffassungen steht“ 44. Schumann – er sieht sich nicht
als Verfechter des Kritischen Rationalismus, sondern vertritt eher die Position des Radikalen
Konstruktivismus, die, so Schumann, zwar Gemeinsamkeiten mit dem Kritischen Rationalismus
aufweise, sich aber dennoch in wesentlichen Punkten unterscheide45 – kommt zum Ergebnis,
dass die Wissenschaftstheorie des Kritischen Rationalismus die Tür zur Behandlung normativethischer Probleme in der Ökonomie öffnet, und zwar dergestalt, dass die normativen
Grundlagen der Ökonomie herausgearbeitet und einer Kritik unterzogen werden können. 46 Im
Weiteren können ökonomische Begriffe, Prinzipien und Konzeptionen hinsichtlich ihrer
philosophischen und ethischen Dimension erschlossen und die implizite Wertdimension der
ökonomischen Theorie systematisch erfasst werden, und zwar mit Schumanns Idee, die
praktische Ökonomie im Sinne einer Politischen Ökonomie in die Trias Ethik – Politik –
Ökonomie einzubetten und eine Alternative zum neoklassischen Programm zu entwickeln. 47 Nach
Schumann ist Wirtschaftsethik im Sinne des Kritischen Rationalismus auch gegenüber der Praxis
nicht sprachlos: „Es wurde unter Bezug auf Albert gezeigt, dass es aus Sicht des kritischen
Rationalismus Brückenprinzipien gibt, die es der Wirtschaftsethik nicht nur erlauben, sondern
sogar nahe legen, Sozialkritik zu betreiben – das wurde mit den Begriffen Aufklärung und
Steuerung erläutert. In diesem Zusammenhang besteht ihre Aufgabe darin, ethisch-moralische
Problemfelder zu lokalisieren, eine kritische Diskussion darüber zu initiieren und sie vor allen in
einem interdisziplinären und methodisch offenen Diskurs zu führen.“ 48
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
18
Vgl. O. J. Schumann: „Wirtschaftsethik und Politische Ökonomie in theoriegeschichtlicher Perspektive“, in:
Das Ethische in der Ökonomie, a.a.O., S. 132
A.a.O., S. 132
Bezugnehmend auf Adam Smith geht es der Politischen Ökonomie darum, die Ökonomie als eigenständigen
Bereich zu etablieren, sie aber dennoch an die aristotelische Trias Ökonomie - Politik - Ethik anzubinden. (Vgl.
O. J. Schumann: „Wirtschaftsethik und Politische Ökonomie in theoriegeschichtlicher Perspektive“, in: Das
Ethische in der Ökonomie, a.a.O., S. 111f)
Vgl. a.a.O., S. 132f
Vgl. a.a.O., S. 109
O. J. Schumann: „Wirtschaftsethik und die Sphäre der Kritik. Eine wissenschaftstheoretische Betrachtung“, in:
Wirtschaftsethik als kritische Sozialwissenschaft, a.a.O., S. 64
A.a.O., S. 63
A.a.O., S. 63
Vgl. a.a.O., S. 64
Vgl. a.a.O., S. 83
Vgl. a.a.O., S. 83
A.a.O., S. 84
Nach Walther Ch. Zimmerli und Michael S. Aßländer stellt sich für Wirtschaftsethik das
gleiche Problem wie für jede andere angewandte Ethik, nämlich, „die formalen apriorisch
entwickelten Überlegungen der Ethik auf konkrete Anwendungssituationen zu beziehen.“ 49 Weil
der Anwendungsbereich jedoch eine dynamische Lebenswirklichkeit darstellt, muss der Gedanke,
„es werde eine – woher auch immer stammende – reine Ethik auf irgendeinen Bereich nur
appliziert, preisgegeben werden“ 50 – nach Zimmerli und Aßländer gilt es beispielsweise das
unternehmerische Gewinnstreben oder die Sicherung der Marktposition als Sachzwang zu
akzeptieren. 51 Dies führt nach Zimmerli und Aßländer zu schwerwiegenden
erkenntnistheoretischen Konsequenzen, denn damit „läßt sich auch die Trennung von
Letztbegründung der Prinzipien einerseits und praxisnaher Umsetzung zur Lösung konkreter
ethischer Einzelprobleme andererseits – wie sie etwa von der Transzendentalpragmatik
propagiert wird – nicht mehr halten.“ 52 Zimmerli und Aßländer sehen die Wirtschaftsethik vor
einer dreifachen Herausforderung: 53 Die erste besteht in der Wissensexplosion und
Technologisierung, worauf die philosophische Ethik mit einer Verschiebung von der
theoretischen zur praktischen Ausrichtung im Sinne einer problemorientierten Ethik zu reagieren hat,
die zweite Herausforderung ergibt sich aus den unterschiedlichen koexistierenden, nicht mehr auf
einen Konsens zurückführbaren Wertüberzeugungen, die eine Verschiebung ethischer Theorien
von einer monistischen zu einer pluralistischen Ausrichtung nahelegt, und die dritte Herausforderung
liegt schliesslich in der Erkenntnis, dass unser Dasein als Wirtschaftsakteure wissenschaftliche
Fragen in Bezug auf die Natur und den Menschen aufwirft, die es bedingen, die Erkenntnisse der
Sozial- und Naturwissenschaften stärker in die ethische Theoriebildung einzubeziehen. Um diese
Herausforderungen annehmen zu können, verfährt die Wirtschaftsethik – so Zimmerli und
Aßländer – „sowohl deskriptiv, indem sie die Grundlagen ökonomischer Theoriebildung
beschreibt und deren Aussagekraft hinterfragt, als auch normativ, indem sie Sollensansprüche
formuliert, denen ökonomisches Handeln genügen muß, und diese Normen begründet.“ 54
2
Eine Analyse wirtschaftsethischer Ansätze
Nach Zimmerli und Aßländer lassen sich die Ansätze der Wirtschaftsethik prinzipiell anhand
zweier Kriterien ordnen, nämlich nach einer systembezogenen und einer akteurbezogenen
Kategorisierung. 55 Mit dem systembezogenen Kriterium wird zwischen der Makroebene, der
Mesoebene sowie der Mikroebene unterschieden. Auf der Makroebene untersucht die
Wirtschaftsethik den Staat, das politische System, Wirtschaftssystem und die Gesamtgesellschaft – nach
Zimmerli und Aßländer bezeichnet der Begriff „Wirtschaftsethik“ im engeren Sinn diesen
Makrobereich 56. Auf der Mesoebene nimmt die Wirtschaftsethik moralische Probleme bei
Unternehmen, Organisationen und Kooperationen in den Blick – Zimmerli und Aßländer betonen, dass
sich hierfür der Begriff „Unternehmensethik“ etablieren konnte. 57 Und auf der Mikroebene
schliesslich versucht die wirtschaftsethische Disziplin, „Fragen des individuellen richtigen
Handelns innerhalb des ökonomischen Lebensbereichs zu beantworten.“ 58 Beim akteurbezogenen
Unterscheidungskriterium
steht
nicht
die
systematische
Einteilung
des
Untersuchungsgegenstandes im Vordergrund, sondern die Frage nach dem Handlungs- und
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre
theoretische Fundierung. Ein Handbuch, 2. Auflage, Hrsg. von J. Nida-Rümelin, Stuttgart 2005, S. 303
A.a.O., S. 303
Vgl. a.a.O., S. 304
A.a.O., S. 303
Vgl. a.a.O., S. 304
A.a.O., S. 305
Vgl. a.a.O., S. 322
Vgl. a.a.O., S. 322
Vgl. a.a.O., S. 322
A.a.O., S. 322
19
Verantwortungssubjekt. Dazu wird zwischen dem individualethischen und institutionenethischen
Paradigma unterschieden. 59 Während beim individualethischen Paradigma die moralische
Einstellung ausschliesslich die Sache der einzelnen Menschen ist, werden beim
institutionenethischen Paradigma Wirtschaftsordnung, Organisationen, Unternehmen, Managements usf.
als der Ort der Moral bestimmt. Schliesslich unterscheiden Zimmerli und Aßländer verschiedene
wirtschaftsethische Ansätze. Um hierüber einen Überblick zu erhalten, werden im Folgenden der
diskursethische, ordnungstheoretische, konstruktivistische, intentionalistische, sozialökonomische, pragmatische,
sozialethische, neoaristotelische, governance-ethische, stakeholder-orientierte, neokantische sowie der
kontraktualistische Ansatz vorgestellt. Bei den drei erstgenannten, im deutschsprachigen Raum
bedeutendsten Ansätzen 60, geschieht dies ausführlich, während die übrigen wirtschaftsethischen
Theorieansätze bloss hinsichtlich wichtiger Aspekte skizziert werden. Ergänzt werden diese
Konzepte durch die neusten wirtschaftsethischen Ideen: Corporate Social Responsibility bzw.
Corporate Citizenship, Global Compact, Social Accountability 8000, Global Reporting Initiative und Deutscher
Corporate Governance Kodex. Als Abschluss des zweiten Kapitels werden einige Aspekte der
angloamerikanischen Business Ethics vorgestellt, im Besonderen wird auf wichtige Unterschiede
zur europäischen bzw. deutschsprachigen Wirtschaftsethik hingewiesen.
2.1 Der diskursethische Ansatz von Peter Ulrich
„Man kann die Entwicklung der ökonomischen Theorie – von der Vorklassik und der liberalen
Klassik (Adam Smith) zur Neoklassik und zur reinen Ökonomie – als theoretische Spiegelung
dessen verstehen, was in der Gesellschaft seit über 200 Jahren tatsächlich tendenziell vorgeht,
nämlich eine fortschreitende, institutionell ‚entfesselte‘ und normativ ‚enthemmte‘ Ökonomisierung
aller Lebensbereiche, der ganzen Welt (‚Globalisierung‘, ‚Deregulierung‘) und sogar des Denkens
(ökonomischer Imperialismus).“ 61 Nach Peter Ulrich ist die Marktwirtschaft immer weniger in die
Grundsätze einer sozialen Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen eingebunden,
sondern vielmehr ist der gesellschaftliche Sozialzusammenhang zunehmend umgekehrt das
Abbild des freien Marktes bzw. des nur auf den eigenen Vorteil bedachten, machthungrigen homo
oeconomicus. 62 Als strukturelles Kernproblem wird dies durch die drohende oder bereits bestehende
Tyrannei des Arbeitsmarktes sichtbar. Im Rekurs auf Michael Walzer bezeichnet Ulrich mit dieser
Vokabel eine Situation, in der vom Erfolg bzw. Misserfolg im Wettbewerb um gute Arbeitsplätze
mehr oder weniger die gesamte Lebenslage einer Person abhängt. 63 Unsere als Moderne
bezeichnete Zeit, die einher geht mit einer Kolonialisierung der Lebenswelt 64 und in den
fortgeschrittenen Industriegesellschaften bereits eine Pathologisierung der Lebenswelt erreicht hat,
kann unter diesen Aspekten lediglich als Frühmoderne verstanden werden. 65 Die Kritik muss
beim zentralen Problem ansetzen: dem Ökonomismus als Grossideologie der Gegenwart. 66 Der
59
60
61
62
63
64
65
66
20
Vgl. a.a.O., S. 322
Vgl. J. C. Pech: Bedeutung der Wirtschaftsethik für die marktorientierte Unternehmensführung, Wiesbaden 2007, S. 62;
Vgl. J. Hütte: Unternehmensethik als Synthese aus Ethik und Ökonomik, München und Mering 2001, S. 101;
Vgl. C. Friske et al.: Einführung in die Unternehmensethik: Erste theoretische, normative und praktische Aspekte. Lehrbuch
für Studium und Praxis, München und Mehring 2005, S. 37
P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken. Ein Überblick über den St. Galler Ansatz der
Integrativen Wirtschaftsethik, Beiträge und Berichte des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen,
Bd. 96, St. Gallen 2002, S. 5
Vgl. a.a.O., S. 5
Vgl. P. Ulrich: „Arbeitspolitik für alle - eine Einführung aus wirtschaftsethischer Sicht“, in: Arbeitspolitik für alle.
Eine Debatte zur Zukunft der Arbeit, Hrsg. von P. Ulrich et al, Bern, Stuttgart und Wien 2000, S. 11
Die Begriffe Kolonialisierung der Lebenswelt bzw. Pathologisierung der Lebenswelt gehen zurück auf Jürgen Habermas
und bezeichnen die Übergriffe des ökonomischen Systems auf die Lebenswelt. (Vgl. J. Habermas: Theorie des
kommunikativen Handelns, Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, Frankfurt a. M. 1995, S. 229ff, S. 483ff)
Vgl. P. Ulrich: Transformation der ökonomischen Vernunft. Fortschrittsperspektiven der modernen Industriegesellschaft, Bern
und Stuttgart 1986, S. 85-87
Vgl. P. Ulrich: Zivilisierte Marktwirtschaft. Eine wirtschaftsethische Orientierung, Freiburg, Basel und Wien 2005, S. 35
Begriff „Ökonomismus“ bezeichnet eine ökonomische Rationalität, die ihre Postulate für die
Gestaltung des Wirtschaftslebens immanent, also nach der Logik des Wirtschaftsdenkens, wählt.
Im Folgenden werden zunächst die von Ulrich konstatierten sichtbaren Zeichen des
Ökonomismus aufgezeigt, danach wird Ulrichs Kritik an den vermeintlichen Sachzwängen und
an der Gemeinwohlfiktion dargestellt, bevor dann – im Hauptteil – Ulrichs Konzeption einer
Integrativen Wirtschaftsethik expliziert wird.
2.1.1 Über die sichtbaren Zeichen des Ökonomismus
Während der technische Fortschritt die grössten Triumphe feiert, zeigen sich immer
gravierendere soziale und ökologische Probleme wie Welthunger, Entwicklungsgefälle,
Weltunordnung, kriegerische Auseinandersetzung, atomare Selbstvernichtung, Umweltzerstörung
und Gefährdung der ganzheitlichen Lebensqualität. Fortschritt – aber wohin? Es zeigt sich, dass
in den wirtschaftlich fortgeschrittenen Ländern der Absatz des zuviel Produzierten oft das
eigentliche Problem ist. Dessen ungeachtet arbeiten viele Menschen heute mehr denn je zuvor,
nicht zuletzt aus Angst, nicht mehr mithalten zu können und vom Markt die „rote Karte“ gezeigt
zu bekommen. Ulrichs Fazit diesbezüglich lautet: „Von einer Kulturgesellschaft der befreiten
Zeit ist trotz des atemberaubenden Produktivitätsfortschritts und Wirtschaftswachstums seit
1930, also seit Keynes seine Prognose formulierte, wenig zu sehen.“ 67 Die den
Wirtschaftssubjekten noch gebliebene Freiheit ist der Wille, besser bzw. erfolgreicher zu sein als
die Konkurrenten. Je mehr der Markt mit seiner eigensinnigen Funktionslogik herrscht bzw.
dereguliert ist, desto weniger können die Individuen ihm entrinnen und einen eigenen
Lebensentwurf wählen. 68 Ulrich erwähnt, dass Max Weber dies kurz und bündig die herrenlose
Sklaverei genannt habe. 69 Die Arbeit hat ihren bereichernden Eigenwert der sozialen Integration,
aber auch im Aufzeigen der individuellen Nützlichkeit verloren; sie ist lediglich noch Mittel zum
Zweck der Produktion und letztlich des Konsums. Ulrich gibt weiter zu bedenken, dass das
Wirtschaftswachstum teilweise auf strukturbedingten, nicht authentischen Konsumbedürfnissen
basiere und deshalb das Versorgungsniveau keineswegs unbedingt verbessere. 70 Indem
beispielsweise beide Elternteile zum Haushalteinkommen beitragen müssen, fallen Kosten für ein
zweites Auto oder für den Aufenthalt und die Erziehung der Kinder an. Im Übrigen können
ohnehin nicht alle vom fortschreitenden Wirtschaftswachstum profitieren. Ulrich rekurriert auf
die von Ivan Illich im Werk Entschuldung der Gesellschaft beschriebene Modernisierung der Armut,
wonach besonders Menschen mit tieferen Einkommen komplexe Veränderungen in ihrer
Lebenssituation erleiden. 71 Nach Ulrich hängt dies, wie der Ökonom Fred Hirsch in seinem Werk
Die sozialen Grenzen des Wachstums aufgezeigt habe, unmittelbar mit der ökonomischen Logik
zusammen. 72 Güter, die nicht ohne Weiteres reproduziert werden können (positionale Güter),
beispielsweise Häuser oder Wohnungen mit Seesicht, können in der Folge des fortschreitenden
Wirtschaftswachstums von immer weniger Menschen erworben werden. Eine Situation, die,
ungeachtet des absoluten Einkommens und Wohlstandes, eine immer grössere Unzufriedenheit
vieler Menschen zu evozieren vermag. Die Durchökonomisierung der Lebenswelt zeigt sich aber
auch in den Städten. Die horrenden Mietpreise haben dazu geführt, dass viele kleinere
Gewerbebetriebe und gemütliche Restaurants – letztere Orte der öffentlichen und freien
Kommunikation – keine Daseinsberechtigung mehr haben. Selbst die Politik ist immer öfter
67
68
69
70
71
72
A.a.O., S. 68
Vgl. a.a.O., S. 38
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, 3. Auflage, Bern, Stuttgart und
Wien 2001, S. 141
Vgl. P. Ulrich: Transformation der ökonomischen Vernunft, a.a.O., S. 115f
Vgl. a.a.O., S. 118
Vgl. a.a.O., S. 118
21
durch die Eigensinnigkeit des Marktes instrumentalisiert. 73 Die drastischen Eingriffe des
ökonomischen Systems in die Lebenswelt stellen die Politik vor immer komplexere Probleme
und die Gemeinschaft vor immer höhere Kosten. Oft ist die Höhe des Wirtschaftswachstums für
die Wiederwahl der hochrangigen Politiker zur entscheidenden Frage über „Sein oder NichtSein“ geworden, so dass es nicht weiter erstaunen kann, wenn Politiker im höchsten Rang uns
zum Konsum mahnen. Mit anderen Worten: Das Wirtschaftswachstum wird höher eingestuft als
das lebensdienliche Verhalten der einzelnen Menschen. Wenn man nun davon ausgeht, dass
hochrangige Politiker (im eigenen Interesse) das Gemeinwohl ins Zentrum ihrer Bemühungen
stellen, dann fragt sich doch, weshalb der unpersönlichen Marktlogik der Primat eingeräumt wird.
2.1.2 Über die vermeintlichen Sachzwänge und die Gemeinwohlfiktion
Nach Ulrich beinhaltet eine unverkürzt definierte ökonomische Rationalität immer eine ethische
und eine technische Perspektive. 74 Von daher sei es auch leicht verständlich, wenn die Politische
Ökonomie – als klassische Lehre des Wirtschaftens von Aristoteles bis Adam Smith – als Teil der
Moralphilosophie aufgefasst worden sei. 75 Denn einerseits geht es um ethisch vernünftige bzw.
legitime Zwecke und Grundsätze des Wirtschaftens, andererseits gilt es, in Anbetracht knapper
Ressourcen und alternativer Nutzungsmöglichkeiten, diese festgelegten Zwecke mittels
Effizienzüberlegungen zu befriedigen. Ulrich bezieht sich auf die herausragenden
Untersuchungen von Max Weber im Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus,
wonach sich die moderne Marktwirtschaft erst durch einen tief greifenden religions- und
kulturgeschichtlichen Umbruch herausbilden konnte. 76 Mit Max Webers Worten: „Einer der
konstitutiven Bestandteile des modernen kapitalistischen Geistes, und nicht nur dieses, sondern
der modernen Kultur: die rationale Lebensführung auf Grundlage der Berufsidee, ist – das
sollten diese Darlegungen erweisen – geboren aus dem Geist der christlichen Askese.“ 77 In
der religiösen Fundierung, den materiellen Erfolg durch unermüdliche Arbeit als ein mögliches
Zeichen der Auserwählung zu deuten, hat somit die unpersönliche ökonomische Sachlogik ihren
legitimierenden und zugleich motivierenden normativen Grund gefunden. 78 Anders gesagt:
Durch die religiöse Verankerung wurde die Reflexion über den Sinn und die Legitimation des
wirtschaftlichen Handelns obsolet und gerade dadurch konnte sich der geistige Nährboden für
eine verselbständigte und von der Ethik befreite ökonomische Rationalität bilden. 79 Unterstützt
durch die Orientierung an den beschreibenden Naturwissenschaften wurde dadurch der Weg
einer vermeintlich wertfreien Ökonomik erstmals in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in
der Neoklassik 80, sichtbar. Nach Ulrich zeigen sich nun die Konsequenzen der „halbierten“
ökonomischen Vernunft im Ökonomismus bzw. in der Zwei-Welten-Konzeption, in der die „reine“
Ökonomik durch die Effizienz im instrumentellen Zweck-Mittel-Denken geleitet ist und
sachfremd der Ethik gegenübersteht. 81
73
74
75
76
77
78
79
80
81
22
Vgl. P. Ulrich und T. Maak: „Lebensdienliches Wirtschaften in einer Gesellschaft freier Bürger - Eine
Perspektive für das 21. Jahrhundert“, in: Die Wirtschaft in der Gesellschaft. Perspektiven an der Schwelle zum
3. Jahrtausend, Hrsg. von P. Ulrich und T. Maak, Bern, Stuttgart und Wien 2000, S. 15
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 106
Vgl. a.a.O., S. 106
Vgl. a.a.O., S. 133-136
M. Weber: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, 7. Auflage, Tübingen 1978, S. 202
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 136
Vgl. a.a.O., S. 136
Der Begriff Neoklassik steht für eine Familie von Theorien, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die
klassische, von Adam Smith begründete Nationalökonomie ablösten. Die auf vollkommenen Märkten,
vollständigen Informationen, homogenen Gütern und rationalen Wirtschaftssubjekten (homines oeconomici)
basierende Neoklassik ist die bis heute standardmässige Lehrbuchökonomie. (Vgl. Ch. Butterwegge et al.: Kritik
des Neoliberalismus, 2. Auflage, Wiesbaden 2008, S. 28)
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 106
Ulrich konstatiert, dass die Verteidigung des Ökonomismus durch zwei unterschiedliche
Argumentationsmuster erfolgt: 82 Während im ökonomischen Determinismus die Unmöglichkeit eines
wirtschaftsethischen Standpunktes mit bestehenden Sachzwängen begründet wird, ist nach dem
ökonomischen Reduktionismus Wirtschaftsethik schon gar nicht nötig, weil der Markt als solcher
moralisch ist und für das Gemeinwohl sorgt. Will man am freien menschlichen Willen allerdings
festhalten, dann zeigen sich Sachzwänge zuallererst als das Ergebnis von Denkzwängen. Nur wer
die Einkommens- und Gewinnmaximierung als fraglose Norm voraussetzt, sieht sich mit einem
Sachzwang in der Form des Zweck-Mittel-Denkens konfrontiert. Damit entpuppt sich das
Sachzwangargument als ein normatives Problem, „nämlich als der Konflikt verschiedener
normativer Geltungsansprüche.“ 83 In der Argumentation, dass ethische Bedürfnisse am besten
durch die ökonomische Rationalität befriedigt werden, zeigen sich nach Ulrich die
Nachwirkungen des tief verankerten, unbewussten religiösen Wirtschaftsethos, wonach die
Eigensinnigkeit des Marktes letztlich zum Vorteil aller diene: „Diese marktmetaphysische
Gemeinwohlfiktion, die in der Wirtschaftstheorie bis heute in immer wieder neuen Varianten ihr
Unwesen treibt, ermöglicht auch dann noch einen ökonomistischen Reflexionsstopp vor dem
ethischen Problem der Begründung der Zwecke und Grundsätze des Wirtschaftens, wenn die
Unhaltbarkeit des ökonomischen Determinismus (Sachzwangargument) eingesehen ist.“ 84 Ulrich
beschreibt drei Entwicklungsstufen dieser Gemeinwohlfiktion und betrachtet sie allesamt als
gescheitert: 85 Weder die metaphysisch-naturrechtlich unterbaute Klassik noch die utilitaristische Neoklassik
und schon gar nicht die auf dem theoretischen Konstrukt des Homo oeconomicus basierende „reine“
Ökonomik konnten eine in der Binnenlogik des Marktes eingebaute ethisch gehaltvolle
Gemeinwohlorientierung aufweisen. Dagegen formuliert Ulrich seine Vorstellungen einer
Integrativen Wirtschaftsethik in aller wünschenswerten Klarheit: „Es geht demgegenüber in einer
modernen Wirtschaftsethik darum, beharrlich den vernunftethisch gebotenen Primat der Ethik –
auch und insbesondere der politischen Ethik – vor der Logik des Marktes argumentativ stark zu
machen; im vollen Bewusstsein dafür, dass Vernunft immer nur die Macht des besseren
Arguments, nicht die realpolitische Macht hat.“ 86
2.1.3 Vernünftiges Wirtschaften mit Blick auf die Lebenswelt
Die Wirtschaftsethik ist als angewandte Ethik nach Ulrich aus zwei Gründen nicht geeignet:
Erstens ist die vermeintlich reine Ökonomik normativ bereits besetzt 87 und zweitens definiert
Letztere sich nicht mehr bereichsbezogen als Theorie des Wirtschaftens, sondern aspektbezogen
als allgemeine Theorie des menschlichen Verhaltens. 88 Von daher drängt sich für Ulrich eine
grundlagenkritische Wirtschaftsethik auf, die den impliziten normativen Gehalt der
wirkungsmächtigen und universalistisch auftretenden ökonomischen Rationalität erhellt: „Es
kommt darauf an, die ökonomische Rationalität überall dort, wo sie in normativer Absicht
geltend gemacht wird, ‚zur Vernunft‘ zu bringen.“ 89 Aber was ist diese (ganzheitliche) Vernunft?
82
83
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85
86
87
88
89
Vgl. a.a.O., S. 129f
A.a.O., S. 158
A.a.O., S. 167
Vgl. a.a.O., S. 201f
P. Ulrich: Zivilisierte Marktwirtschaft, a.a.O., S. 31
Ulrich schreibt, dass es in der Tat erstaunlich und erklärungsbedürftig sei, weshalb die moderne Ökonomik
gleichwohl an der normativen Begründung der Handlungsorientierung festgehalten habe, obschon sie doch als
Realwissenschaft empirische Zusammenhänge zu erklären versuche. (Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik,
a.a.O., S. 107). Die Frage, weshalb die „reine“ Ökonomie ihr normatives Element nicht losgeworden ist, gibt
Ulrich an anderer Stelle indessen gleich selbst, und zwar dahingehend, dass die Ökonomik notwendigerweise
von einer regulativen Idee, wie man vernünftigerweise handeln soll, geleitet sein müsse: „Reine Ökonomik ist
im Kern stets normative Ökonomik!“ (P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken,
a.a.O., S. 2)
Vgl. P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken, a.a.O., S. 1
A.a.O., S. 3
23
„Vernünftiges Wirtschaften aus ganzheitlicher, lebenspraktischer Sicht orientiert sich
dementsprechend – das scheint in der Natur der Sache zu liegen – an ihrer Lebensdienlichkeit. Was
aber ist lebensdienlich? An diesem Punkt kommt, ob uns das bewusst ist oder nicht, die Ethik ins
Spiel. Denn jede mögliche Antwort auf diese elementare Frage impliziert immer schon zwei
ethische Orientierungsideen: eine Idee vom guten Leben und eine Idee vom gerechten Zusammenleben
der Menschen.“ 90 Ulrich möchte seine Vorstellungen von einem vernünftigen und
lebensdienlichen Wirtschaften als „dritten Weg“ 91, jenseits von Links und Rechts im
herkömmlichen Sinne, verstanden wissen. In den weiteren Ausführungen geht es nun darum,
diese Gedanken in drei Teilen zu explizieren: Erstes wird die Idee des guten Lebens, die teleologischethische Fragestellung, erläutert und zweitens Ulrichs Antwort auf die deontologisch-ethische
Frage nach dem gerechten Zusammenleben vorgestellt. Drittens werden dann die verschiedenen Orte
der Moral mit ihren Besonderheiten expliziert.
2.1.3.1 Die teleologisch-ethische Fragestellung
„Sinn ist als eine fundamentale Kategorie des Menschseins zu begreifen.“ 92 Mit anderen Worten:
Unsere Möglichkeit, aber auch Notwendigkeit, intentionale Handlungen vollziehen zu können, ist
nur deshalb gegeben, weil die menschliche Sinnorientierung von apriorischem Charakter ist und
unserem Denken und Handeln schon immer vorausgeht. Was wir vom Leben erwarten bzw. was
wir mit unserem Leben anfangen wollen, hängt demnach von unseren teleologischen
Sinnstrukturen ab, in diesen wurzeln die wirklich starken Motive. 93 Da der individuelle
Lebensentwurf die Privatsache der einzelnen Menschen ist, darf eine moderne Wirtschaftsethik,
die sich als universalistische Vernunftethik versteht, nicht prätendieren, allgemeingültige
Aussagen zu einem „richtigen“ Lebensentwurf vorgeben zu können. 94 Allerdings gehört es zu
ihrer Aufgabe, über die grundlegende Sinnfrage des Wirtschaftens aufzuklären und zu
untersuchen, inwieweit die Menschen dem Gang eines guten Lebens auch wirklich zu folgen
vermögen.
Wenn wir vom Sinn oder Zweck einer Handlung sprechen, dann meinen wir den letzten,
nicht mehr instrumentellen Zweck, „den humanen Eigenwert des guten Lebens.“ 95 Die Frage,
welche Werte die Wirtschaft schaffen soll, betrifft also letztlich direkt oder indirekt ausnahmslos
das gute Leben: „Die Wirtschaft ist stets nur Mittel im Dienste höherer, buchstäblich vitaler
Zwecke.“ 96 In Anbetracht dessen, dass die Ökonomie mit einem unabweisbaren konstanten
anthropologischen Lebensbezug verbunden ist, können, mit Blick auf das gute Leben, zwei
Ebenen unterschieden werden: 97 die Ökonomie des Lebensnotwendigen und die Ökonomie der Lebensfülle.
Mit Blick auf die unzweifelhaften physischen und psychischen menschlichen Bedürfnisse,
beispielsweise Nahrung, Kleider, Schlaf, Sicherheit oder Gesundheit, liegt der grundlegende Sinn
der Ökonomie des Lebensnotwendigen in der Versorgung aller Menschen mit den
lebensnotwendigen Gütern. 98 Die Ökonomie der Lebensfülle hingegen ist getragen von der Idee,
nicht den Markt, sondern die Menschen für die wichtigen Dinge des Lebens frei zu machen. „Sie
90
91
92
93
94
95
96
97
98
24
P. Ulrich: Zivilisierte Marktwirtschaft, a.a.O., S. 27
Auf die Möglichkeit eines dritten Weges hat bereits Franz Oppenheimer im Jahre 1933 in seinem Aufsatz:
„Weder so - noch so. Der Dritte Weg“ hingewiesen. (Vgl. F. Oppenheimer: Gesammelte Schriften. Schriften zur
Demokratie und sozialen Marktwirtschaft, Bd. 2: Politische Schriften, Hrsg. von J. H. Schoeps et al., Berlin 1996).
Etwas später hat Alexander Rüstow, der Mitbegründer des Neoliberalismus - als Ordoliberalismus -, seine
ordoliberale Idee als dritten Weg bezeichnet. (Vgl. A. Rüstow: Die Religion der Marktwirtschaft, 2. Auflage,
Münster 2004, S. 43ff)
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 207
Vgl. a.a.O., S. 207
Vgl. a.a.O., S. 208
A.a.O., S. 207
A.a.O., S. 208
Vgl. a.a.O., S. 209
Vgl. a.a.O., S. 210
beruht auf der ganzheitlichen Lebenskunst des Genug-haben-Könnens.“ 99 Je grösser die
Möglichkeiten zur Bedürfnisbefriedigung werden, umso wichtiger erscheint die Selbstbegrenzung.
Diese verschafft den Menschen eine neue Lebensqualität; ihre Arbeit ist nun nicht mehr nur
Mittel der notwendigen Selbstversorgung, sondern sie kann sich als nützlicher Dienst in der
Gemeinschaft erweisen. Im Gegensatz zum Ökonomisten erfährt der Mensch als Selbstbegrenzer
Freiheit, Gelassenheit und eine tief greifende Persönlichkeitsentwicklung jenseits aller
ökonomischen Kategorien.
Damit steht fest, welche Aufgaben der Wirtschaft zugewiesen sind und in wessen
Diensten sie steht. Und wie sieht die Wirklichkeit aus? Nach Ulrich zeigt sich selbst in den hoch
entwickelten Industrienationen eine wachsende Armut. 100 Zwar besteht die formale Freiheit, sich
durch Arbeit selbst zu helfen; wie aber soll dies gelingen, wenn Jobs gar nicht mehr zur
Verfügung stehen? Aber auch Menschen, die die lebensnotwendigen Bedürfnisse befriedigen
konnten und aus diesem Grunde sich partiell von der Wirtschaft emanzipieren möchten, sehen
sich mit einem beinahe unüberwindbaren Hindernis konfrontiert. Ihr Lebensentwurf wird vom
Markt nicht nachgefragt, sie „gehören demnach von vornherein zu den Verlierern.“ 101 Entweder sie
steigen aus oder unterwerfen sich bedingungslos den Gesetzen des freien Marktes. Eine
lebensdienliche Wirtschaftsform bedarf somit bestimmter struktureller Voraussetzungen, die
ordnungspolitisch durchgesetzt werden müssen. 102 Dies wiederum kann aber nur gelingen, „wenn
die Mehrzahl der Menschen eine solche kultivierte Wirtschaftsform und die zugehörigen
Rahmenbedingungen wirklich wollen.“ 103 Ulrich fordert eine neue emanzipatorische Zeitpolitik, eine
neue emanzipatorische Arbeitspolitik sowie eine neue emanzipatorische Sozialpolitik. 104 Durch die
emanzipatorische Zeitpolitik soll die Lebensarbeitszeit allgemein verkürzt werden. Damit wir
selbst unsere Arbeit auf die Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebensphasen aufteilen können, soll
den Menschen eine weitgehende Zeitsouveränität eingeräumt werden. In Bezug auf die
Arbeitspolitik postuliert Ulrich eine Abkehr von der aktuell dominierenden, da diese sich in den
Dienst des Marktes stelle und bestenfalls darauf abziele, möglichst viele Menschen für den
Konkurrenzkampf auf dem Arbeitsmarkt wettbewerbsfähig zu machen. 105 In der
emanzipatorischen Arbeitspolitik sollen demgegenüber alle erforderlichen Rahmenbedingungen
geschaffen werden, „damit die Erwerbsarbeit im Leben aller Individuen einen sinnvollen Platz
einnehmen kann (Erwirtschaftung der nötigen Kaufkraft, Persönlichkeitsentfaltung,
Sozialintegration)“ 106. Die wichtigsten und fundamentalsten Forderungen stellt Ulrich in der
emanzipatorischen Sozialpolitik, die er allerdings von den beiden anderen Bereichen nicht streng
unterscheidet. Alle erwerbsfähigen Menschen sollen durch Gewährung von Arbeits- und
Einkommensrechten, Allgemeinbildung und realen Arbeitsangeboten präventiv für die
wirtschaftliche Selbstbehauptung befähigt und ermächtigt werden. 107 Es gibt zwar zu wenig
Erwerbsarbeit, was jedoch nicht gleichbedeutend mit einem Mangel an sinnvollen Tätigkeiten
verstanden werden sollte. Es gilt deshalb, die Arbeits- und Einkommensverteilung entsprechend
zu reorganisieren, „dass entweder jedermann oder aber speziell diejenigen, die eine nichterwerbswirtschaftliche Tätigkeitsform (‚Bürgerarbeit‘) bevorzugen, vom Zwang, ihre Existenz
durch Erwerbsarbeit zu sichern, in genügendem Umfang freigestellt werden, um diese sinnvolle,
aber nicht rentable und daher nicht ‚marktfähige‘ gesellschaftliche Arbeit zu leisten.“ 108 Die
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
A.a.O., S. 215
Vgl. a.a.O., S. 212
A.a.O., S. 227
Vgl. a.a.O., S. 209
A.a.O., S. 209
Vgl. a.a.O., S. 231f
Vgl. P. Ulrich: „Arbeitspolitik für alle - eine Einführung aus wirtschaftsethischer Sicht“, in: Arbeitspolitik für alle,
a.a.O., S. 14
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 231
Vgl. a.a.O., S. 213
P. Ulrich: „Arbeitspolitik für alle - eine Einführung aus wirtschaftsethischer Sicht“, in: Arbeitspolitik für alle,
a.a.O., S. 18
25
genannten Postulate sollen durch die liberale Leitidee, allgemeine Wirtschaftsbürgerrechte zu
schaffen, eine wirtschaftsethische Grundlage erhalten. 109
2.1.3.2 Die deontologisch-ethische Fragestellung
Wirtschaften ist ein sozialer Prozess, durch den die Menschen versuchen, ihre je eigene Sicht
eines guten Lebens zu verfolgen. Aber unter welchen Bedingungen dürfen sie dies tun, wann sind
die Handlungen legitim? Sowohl der arbeitsteilige Wertschöpfungsprozess wie auch die
interpersonelle Verteilung der aus diesem Prozess resultierenden Güter und Kosten stehen im
Brennpunkt gesellschaftlicher Konflikte. Solche können entweder durch die Macht des Stärkeren
oder aber durch ein Moralprinzip, das den Anspruch der Gerechtigkeit erhebt, entschieden
werden. 110 Wie auch immer der Begriff Gerechtigkeit definiert wird, nach Ulrich thematisiert er als
moralische Kategorie die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen bzw. sozialen
Verhältnisse in Bezug auf die moralischen Rechte aller Menschen. 111 Der Begriff Legitimität stellt
gemäss Ulrich eine Beziehung zwischen erhobenen Ansprüchen durch beispielsweise eine
beabsichtigte Handlung einerseits und den moralischen Rechten 112 aller betroffenen Personen
andererseits her. 113 Als legitim kann eine Handlung bzw. ein Anspruch dann bezeichnet werden,
wenn sämtliche erkennbaren Folgen die moralischen Rechte aller betroffenen Menschen nicht
verletzen. 114 Solche Handlungsfolgen können dann den Status verantwortbar bzw. zumutbar für sich
in Anspruch nehmen. Ulrich erwähnt, dass gerade für die Rechtfertigung des
privatwirtschaftlichen Erfolgs- und Gewinnstrebens die Legitimitätsbedingung konstitutiv sei,
denn die Frage, was in einer Gesellschaft als Privatangelegenheiten betrachtet werden könne,
bedürfe schon immer der öffentlichen Regelung und Rechtfertigung. 115 Für die Legitimität
privater Handlungsweisen und die Gerechtigkeit der sozialen Verhältnisse nennt Ulrich zwei
Voraussetzungen: 116 Erstens braucht es moralische Personen mit einem Gerechtigkeitssinn und guten
Willen, denn erst dann können die berechtigten Ansprüche anderer Menschen überhaupt
verstanden und die Gerechtigkeit zur Richtlinie des eigenen Handelns gemacht werden. Weil
jedoch die moralischen Individuen bald überfordert und zermürbt wären, wenn sie ihre eigene
moralische Gesinnung in ihrer Gesellschaft nicht verankert sehen könnten, setzt es zweitens eine
wohlgeordnete Gesellschaft 117 mit gerechten und öffentlich anerkannten Institutionen voraus. In dieser
wohlgeordneten Gesellschaft sind die positiven Gesetze durch die moralischen Rechte fundiert,
wobei Letztere in Ersteren aber nie restlos aufgehoben sein können bzw. Gesetzeserlasse sogar
gegen moralische Rechte verstossen können. 118 Nach Ulrich tragen die Wirtschaftssubjekte
grundsätzlich die moralische Verantwortung für eine wohlgeordnete Gesellschaft; sie tun dies,
indem sie ihr Handeln stets nach den Kriterien der Legitimität ausrichten. 119 Mit den folgenden
Ausführungen sollen nun die beiden Voraussetzungen (moralische Personen sowie wohlgeordnete
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
26
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 232
Vgl. a.a.O., S. 235
Vgl. a.a.O., S. 235
Der Ausdruck „moralische Rechte“ kann nach William K. Frankena als die Kehrseite der Theorie der
moralischen Pflichten aufgefasst werden. Das heisst: Wenn eine Person X gegenüber einer anderen Person Y
eine moralische Pflicht hat, dann besteht ein moralisches Recht seitens der Person Y gegenüber der Person X.
(Vgl. W. K. Frankena: Ethics, Second Edition, New Jersey 1973, S. 59)
Vgl. a.a.O., S. 235
Vgl. a.a.O., S. 235
Vgl. a.a.O., S. 236
Vgl. a.a.O., S. 236f
Ulrich bezieht sich mit dem Ausdruck „wohlgeordnete Gesellschaft“ auf den amerikanischen
Moralphilosophen John Rawls und dessen bedeutendes Werk zur gesellschaftlichen Gerechtigkeit. (Vgl. J.
Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Übers. von H. Vetter, Frankfurt a. M. 1979, S. 493f)
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 237
Vgl. a.a.O., S. 237
Gesellschaft) etwas näher erläutert werden. Zunächst wird allerdings Ulrichs Moralprinzip
expliziert.
2.1.3.2.1 Das Moralprinzip als verallgemeinerte moralische Gegenseitigkeit
Für Ulrich stellt sich die Aufgabe, ein nicht metaphysisches Moralprinzip zu begründen, dessen
universale Gültigkeit kulturübergreifend von jedermann nachvollzogen und argumentativ von
niemandem bestritten werden kann. 120 Der gesuchte vernunftethische Standpunkt der Moral lässt
sich in der Reflexion auf die allgemeine normative Logik der Zwischenmenschlichkeit gewinnen; auf
diese haben wir uns schon immer eingelassen, sie ist ein Teil der kulturinvarianten conditio
humana. 121 Ulrich schreibt, dass im Laufe unserer gelingenden Sozialisation der kulturell gebildete
gute Wille Teil unserer personalen Identität werde, und zwar bevor wir für gute Gründe, weshalb
wir in einer bestimmten Situation moralisch handeln sollen, überhaupt ansprechbar sind. 122
Unsere moralische Urteilsfähigkeit beruht auf diesem guten Willen, „d.h. auf dem Willen, einer
moralischen Gemeinschaft anzugehören, uns in die entsprechenden Verpflichtungen der
Zwischenmenschlichkeit einbinden zu lassen und so im Sinne der geltenden Moral dieser
Gemeinschaft ein guter Mensch zu sein.“ 123 Aus dieser Logik der Zwischenmenschlichkeit lassen
sich vier eng zusammenhängende, universale und rational nicht bestreitbare Grundbestimmungen
einsehen: 124 erstens das Prinzip der gleichen Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit aller
Menschen, zweitens die gleiche Fähigkeit aller Menschen, sich gedanklich in andere hinein
versetzen zu können, drittens die daraus resultierende Reziprozität legitimer moralischer
Ansprüche bzw. Rechte und viertens die moralische Reziprozität als rational verallgemeinertes
Universalisierungsprinzip. Damit konnte ein für alle Menschen vernünftig begründbarer
moralischer Standpunkt (moral point of view) elaboriert werden: „Mit dem Prinzip der
verallgemeinerten moralischen Gegenseitigkeit (Universalisierungsprinzip) ist das gesuchte,
grundlegende und universale Moralprinzip gefunden.“ 125 Es gilt nun, das phänomenologisch
gewonnene Moralprinzip anwendbar zu machen und dazu bedarf es einer ethischen Theorie, die
Ulrich in der von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas entwickelten Diskurstheorie denn auch
findet: „Die Diskursethik bietet die bisher elaborierteste Explikation des vernunftethischen
Standpunkts als der normativen Logik der Zwischenmenschlichkeit.“ 126 Anders gesagt: Die vier
Grundsätze, die in der Reflexion auf die normative Logik der Zwischenmenschlichkeit gewonnen
werden konnten, sind in der Diskurstheorie am besten abgebildet. „Das Universalisierungsprinzip
(die regulative Idee des universellen Rollentausches zur Klärung legitimer moralischer
«Ansprüche» ) kommt in der Diskursethik in der Weise zur Geltung, dass in der vorgestellten
unbegrenzten Argumentationsgemeinschaft aller mündigen Personen guten Willens normative
Geltungsansprüche gegenüber jedermann argumentativ begründbar und insofern konsensfähig sein
sollen.“ 127 Indem die Diskursethik die Folgenorientierung mit einbezieht und gleichzeitig die
Konsensfähigkeit zum Kriterium einer moralisch gültigen Norm erhebt, vermag sie sowohl die
teleologisch-ethische wie auch die deontologisch-ethische Perspektive miteinander zu
verknüpfen. Ulrich sieht zwischen einem realen Diskurs und einer gedanklichen
Selbstverständigung keinen prinzipiellen Unterschied. 128 Kann der reale Diskurs aus prinzipiellen
oder pragmatischen Gründen nicht vollzogen werden, tritt an seine Stelle der einsame, in
verantwortungsethischer Absicht geführte gedankliche Rollentausch.
120
121
122
123
124
125
126
127
128
Vgl. a.a.O., S. 44
Vgl. a.a.O., S. 44
Vgl. a.a.O., S. 26-28
A.a.O., S. 28
Vgl. a.a.O., S. 44-49
A.a.O., S. 48
A.a.O., S. 94
A.a.O., S. 80f
Vgl. a.a.O., S. 90
27
2.1.3.2.2 Über die moralischen Rechte einer jeden Person
Die moralischen Ansprüche einer Person sind nicht gleichbedeutend mit deren moralischen
Rechten; denn im Gegensatz zu Letzteren sind Erstere ungeprüft und deshalb noch nicht legitim.
Wird aber ein moralischer Anspruch als berechtigt bzw. legitim anerkannt, dann begründet dies
die Verpflichtung der Beachtung und Einhaltung durch alle anderen natürlichen und juristischen
Personen. 129 Aber was sind moralische Rechte? Ulrich bestimmt die universalen Menschenrechte
als die Grundrechte bzw. moralischen Rechte, deren Wahrung für jede Gerechtigkeitskonzeption
als Minimalbedingung unabdingbar ist. 130 Die Idee der allgemeinen Menschenrechte beruht genau
auf jenem vernunftethischen Standpunkt der Moral, der in der Reflexion auf die normative Logik
der Zwischenmenschlichkeit gewonnen und von dem das allgemeingültige Moralprinzip
entwickelt werden konnte. 131 „Der normative Kern der Idee universaler Menschenrechte selbst
ergibt sich unmittelbar aus dem elementaren humanistischen Sinn des Moralprinzips“ 132. Aber
welches ist die Instanz, die über moralische Rechte entscheiden kann? In der Moderne ist dies die
unbegrenzte Öffentlichkeit: „Es sind demnach alle moralischen Personen selbst, die sich
wechselseitig ihre gleichen Rechte als Mitglieder der moralischen Gemeinschaft zusprechen und
anerkennen, sei dies die universale Gemeinschaft aller Menschen überhaupt (Menschenrechte), oder
sei es die begrenzte Gemeinschaft der Mitglieder eines staatlich oder auch sub- bzw.
suprastaatlich verfassten «Gemeinwesens», die sich wechselseitig die gleichen moralischen Rechte
der Partizipation an der Res publica zusprechen (Bürgerrechte).“ 133 Somit steht fest, dass die
konkreten moralischen Rechte aus dem in der Diskursethik zur konkreten Anwendung
gelangenden Moralprinzip hervorgehen. Ulrich nennt drei Gruppen von Grundrechten, die
allgemein anerkannt und in den Menschenrechtskonventionen des 20. Jahrhunderts auch erfasst
seien: 134 Es sind erstens die Grundrechte der unantastbaren personalen Meinungs-, Glaubens- und
Handlungsfreiheit, zweitens die Grundrechte auf Mitsprache und Mitwirkung in der demokratischen
politischen Willensbildung und drittens die Grundrechte auf ein Mindestmass an Schutz vor existenzieller
Not und sozialer Benachteiligung. Bei der ersten Gruppe (unantastbare Persönlichkeitsrechte) weist
Ulrich auf zwei aktuelle Entwicklungstendenzen hin: 135 Es gilt die Persönlichkeitsrechte vermehrt
zu respektieren, und zwar einerseits hinsichtlich einer selbst bestimmten kulturellen Identität und
Gruppenzugehörigkeit in der multikulturellen Gesellschaft und andererseits in Bezug auf
ökologische Menschenrechte 136 wie den Zugang zu den lebensnotwendigen natürlichen
Ressourcen (Trinkwasser, unverseuchte Lebensmittel, saubere Luft usw.). Für jede
wohlgeordnete Gesellschaft besteht die Aufgabe, diese drei Gruppen universaler Grundrechte in
den entsprechenden Rechtskategorien wie Persönlichkeitsrechten, Staatsbürgerrechten und
Wirtschaftsbürgerrechten zu verankern, damit durch Sanktionsmöglichkeiten gerechten sozialen
Verhältnissen sowie der Legitimität privater Handlungsweisen Nachdruck verschafft bzw. eine
moralische Überforderung der Menschen verhindert werden kann.
2.1.3.2.3 Die moralischen Rechte in einer Bürgergesellschaft
Ulrich konstatiert: „Nicht der ‚freie‘ Markt, sondern starke allgemeine Bürgerrechte sind die
Grundlage realer Freiheit für alle, unabhängig von ihrer Kaufkraft und Wettbewerbsfähigkeit im
129
130
131
132
133
134
135
136
28
Vgl. a.a.O., S. 239
Vgl. a.a.O., S. 240
Vgl. a.a.O., S. 239
A.a.O., S. 243
A.a.O., S. 242
Vgl. a.a.O., S. 244
Vgl. a.a.O., S. 246
Im Jahre 1982 wurde von der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Weltcharta für die Natur
verabschiedet. Diese fordert einen schonungsvollen Umgang mit der Natur und Umwelt, damit das Leben
sowohl der gegenwärtigen wie auch der zukünftigen Generationen sichergestellt werden kann. (Vgl. A. Barthel:
Die Menschenrechte der dritten Generation, Aachen 1991, Dissertation Technische Hochschule Aachen, S. 107f)
Markt.“ 137 Noch sind längst nicht alle wichtigen Bürgerrechte erreicht, insbesondere gilt es, neue
Wirtschaftsbürgerrechte zu entwickeln, die die Menschen wirklich zur selbständigen
Lebensführung frei machen und vor der strukturellen Ohnmacht befreien. 138 Das liberale
Gedankengut soll weiterentwickelt werden, und zwar „in Richtung einer vollentwickelten civil
society, einer Bürgergesellschaft.“ 139 Ihre Grundmerkmale können in drei Leitideen zusammengefasst
werden: 140 Erstens sollen die Menschen einen umfassenden Bürgerstatus erhalten, damit sie ihren
eigenen Lebensentwurf wählen und diese Möglichkeit ebenso allen anderen Menschen einräumen
können. Auch soll der soziale Status unabhängig von sozialökonomischen Faktoren sein.
Zweitens soll die Gesellschaft aus einem Netzwerk egalitärer Bürgervereinigungen bestehen. Die Bürger
sollen nicht danach fragen, was der Staat für sie tun könne, sondern die Regelung der Art und
Weise des Zusammenlebens als ihre Angelegenheit betrachten. Drittens soll der Markt und der
Staat zivilisiert werden. Die Menschen sollen nicht nur negative Freiheiten 141 erhalten, sondern
über konkrete Handlungsoptionen verfügen. Die positive Freiheit darf nicht durch die Frage der
Caritas bzw. einer bevormundenden Fürsorge des Staates abhängen.
2.1.3.3 Wirtschaftsethische Topologie
In der Klärung der teleologisch-ethischen Sinnfrage bzw. der deontologisch-ethischen
Legitimationsfrage konnten die grundsätzlichen Voraussetzungen für lebensdienliches
Wirtschaften aufgezeigt werden. Es ist nun die eigentliche Aufgabe der Integrativen
Wirtschaftsethik, Orte zu bestimmen, die der Leitidee einer wohlgeordneten Gesellschaft zur
Durchsetzung verhelfen können. Ulrich ist gar der Ansicht, dass sich wirtschaftsethische
Positionen weniger durch ihre ethischen Konzeptionen unterscheiden, als durch divergierende
Vorstellungen über den richtigen Ort der Moral. 142 Als topologische Grundfrage der
Wirtschaftsethik bestimmt er das Verhältnis zwischen Individual- und Institutionenethik. 143
Erstere untersucht die Frage, welche moralische Verantwortung unmittelbar durch die
Wirtschaftssubjekte wahrzunehmen ist, Letztere hingegen legt die politischen bzw.
organisationsweiten ethischen Rahmenbedingungen fest, damit die einzelnen Wirtschaftssubjekte
mittels Anreizen für moralisches Handeln motiviert werden. Dabei kommt es Ulrich vor allem
auf die wechselseitige Unterstützung an; denn wirtschaftsethische Konzepte, die die
Wirtschaftssubjekte entweder von der Moral restlos entlasten oder aber ihnen die alleinige
137
138
139
140
141
142
143
P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken, a.a.O., S. 15
Vgl. a.a.O., S. 15
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 260
Vgl. a.a.O., S. 261-264
Nach Jean-Claude Wolf geschieht es selten, dass – wie bei Isaiah Berlin – verschiedene Freiheitskonzepte
distinkt unterschieden und nicht auf einen einzigen Freiheitsbegriff zurückgeführt werden. (Vgl. J.-C. Wolf:
Freiheit – Analyse und Bewertung, Wien 1995, S. 13f) Für Isaiah Berlin haben die negative und die positive Freiheit
eine zentrale Bedeutung, und zwar sowohl in der vergangenen wie auch in der zukünftigen
Menschengeschichte. Bei der negativen Freiheit geht es um die Frage: „››In welchem Bereich muß (oder soll)
man das Subjekt – einen Menschen oder eine Gruppe von Menschen – sein und tun lassen, wozu es imstande
ist, ohne daß sich andere Menschen einmischen?‹‹“ (I. Berlin: Freiheit. Vier Versuche, Übers. von R. Kaiser,
Frankfurt a. M. 2006, S. 201) Und die positive Freiheit versucht eine Antwort auf die Frage zu geben: „››Von
was oder von wem geht die Kontrolle oder die Einmischung aus, die jemanden dazu bringen kann, dieses zu tun
oder zu sein und nicht jenes andere?‹‹“ (I. Berlin: Freiheit, a.a.O., S. 201) Während die positive Bedeutung sich
aus dem Wunsch des Individuums ableitet, sein eigener Herr zu sein, ist der Mensch nach der negativen
Bedeutung dann frei, wenn er von anderen Menschen nicht daran gehindert wird, seine Ziele zu erreichen.
Nach Wolf ist Berlins Analyse zum Freiheitsbegriff unbefriedigend, und zwar deshalb, weil sie zunächst
begriffsanalytisch eingeführt, dann aber anschliessend mit zahlreichen anderen Unterscheidungen verknüpft
wird. Insbesondere ist nach Wolf Berlins Plädoyer für den negativen Freiheitsbegriff so parteiisch, „daß damit
seine ursprüngliche Unterscheidung zweier legitimer Begriffe untergraben wird.“ (J.-C. Wolf: Freiheit – Analyse
und Bewertung, a.a.O., S. 71)
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 285
Vgl. a.a.O., S. 285
29
moralische Selbstbegrenzung auferlegen, sind alle beide unzureichend. 144 Es kommt also auf die
Balance zwischen einer Individualethik und den „positivierten“ ethischen Grundsätzen an.
Ulrichs Vorstellungen des Zusammenspiels zwischen Wirtschaftsbürgerethik, Ordnungsethik
sowie Unternehmensethik soll in den nächsten Ausführungen dargelegt werden.
2.1.3.3.1 Wirtschaftsbürgerethik
Eine Wirtschaftsbürgerethik, die nicht die Befolgung von Partikulärinteressen, sondern die
Gleichheit aller Bürger fordert, die Wirtschaft in den Dienste der Menschen stellt und die
gemeinsame Bestimmung der Res publica vorsieht, kann nicht durch den Liberalismus fundiert
werden. 145 In Anlehnung an den Republikanismus einerseits und an die von John Rawls
entwickelten Gedanken vom Ideal eines guten Bürgers nach der Idee des politischen Liberalismus
anderseits will sich Ulrich sowohl vom Neoliberalismus wie auch vom Kommunitarismus durch
seine Konzeption eines republikanischen Liberalismus abgrenzen. 146 Woraus besteht der Kern dieser
Synthese? „Der republikanische Liberalismus erkennt die Essenz einer freiheitlichen Gesellschaft
in der Verbindung gleicher unantastbarer Bürgerrechte aller mit dem republikanisch-ethischen
Tugendmoment des Bürgersinns.“ 147 Dabei ist für Ulrich die wechselseitige Beziehung der
eigentliche Kern: „Diese notwendige dialektische Wechselwirkung zwischen der minimalen, aber
unverzichtbaren Bürgertugend einerseits (Individualethik) und einer freiheitlichen und gerechten
Verfassung andererseits (Institutionenethik) als ethisch-politische Orientierungsidee geklärt zu
haben und sie konzeptionell durchzuhalten, ist die eigentliche Pointe des republikanischen
Liberalismus.“ 148 Im republikanischen Liberalismus hat die Begründung und Gewährleistung der
grösstmöglichen gleichen Bürgerrechte, aber auch die Auferlegung von allgemeinen
Bürgerpflichten, den Vorrang vor allen privaten Interessen. 149 Die minimalen Tugendzumutungen
an moderne Wirtschaftsbürger lassen sich an zwei Orten der Moral feststellen: 150 Erstens im
republikanisch orientierten politischen Prozess und zweitens im wirtschaftsbürgerlichen Berufs- und Privatleben.
Diese zwei Orte werden in den weiteren Ausführungen näher erläutert. Zunächst scheint es
allerdings sinnvoll, die Kernelemente des eigentlichen Willensbildungsprozesses aufzuzeigen.
•
Eine deliberative Politik als Konzept des politischen Prozesses
Die
in
der
Diskursethik
festgelegte
regulative
Idee
einer
idealen
Kommunikationsgemeinschaft von freien, mündigen und gleichberechtigten Staatsbürgern ist
die oberste Instanz der republikanischen Politik, „in der die aktiv anteilnehmenden,
staatsbürgerliche Mitverantwortung tragenden Bürger die öffentlichen Angelegenheiten ihres
gerechten Zusammenlebens argumentativ debattieren und regeln.“ 151 Dieses herrschaftsfreie
Publikum ist der Ort der Moral sowohl in Bezug auf die Rechtfertigung des öffentlich
relevanten Handelns als auch hinsichtlich der Selbstaufklärung freier Bürger. Das
Gesellschaftsverständnis ist nicht als Marktzusammenhang, sondern zuallererst als
wohlgeordneter Rechts- und Solidaritätszusammenhang aufzufassen. 152 Die deliberative
144
Vgl. P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken, a.a.O., S. 16
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 290
Vgl. a.a.O., S. 295
P. Ulrich: Republikanischer Liberalismus und Corporate Citizenship. Von der ökonomischen Gemeinwohlfiktion zur
republikanisch-ethischen Selbstbindung wirtschaftlicher Akteure, Beiträge und Berichte des Instituts für Wirtschaftsethik
der Universität St. Gallen, Bd. 88, St. Gallen 2000, S. 13
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 302
Vgl. a.a.O., S. 303
Vgl. a.a.O., S. 292
A.a.O., S. 305
Vgl. P. Ulrich: Republikanischer Liberalismus und Corporate Citizenship, a.a.O., S. 13
145
146
147
148
149
150
151
152
30
Konzeption ist durch vier Leitgedanken getragen: 153 Nach der argumentativen Präferenzerklärung
sollen erstens die politischen Einstellungen den Bürgern nicht exogen vorgegeben, sondern
im öffentlichen Beratungsprozess endogen erzeugt werden. Zweitens dürfen in einer
deliberativen Verfahrenslegitimation die Entscheidungen nicht sprachlos zustande kommen,
sondern müssen das diskursive Ergebnis des öffentlichen Willensbildungsprozesses
markieren. Weil die deliberative Demokratie in der Frage nach dem guten Leben nicht von
einer allgemeinen inhaltlichen Wertorientierung ausgehen kann, braucht es drittens eine
konsensbasierte Dissensregelung. Der vierte Leitgedanke ist die öffentliche Konstitution des Privaten.
Das heisst: Es gibt solange keine Privatsphäre, als die Öffentlichkeit diese nicht als solche für
legitim erklärt hat.
•
Über die republikanische Bürgertugend für eine deliberative Politik
Grundsätzlich bleibt die inhaltliche Festlegung von individualethischen Verbindlichkeiten
dem öffentlichen Diskurs vorbehalten. Gerade aber das Konzept der deliberativen Politik
impliziert vier Gesichtspunkte, die gleichsam als formale Minimalansprüche an die
republikanische Staatsbürgertugend betrachtet werden müssen: 154 Als erste Voraussetzung gilt
eine grundsätzliche Reflexionsbereitschaft und Offenheit gegenüber den eigenen Präferenzen
und Einstellungen. Zweitens braucht es den guten Willen für die grundlegende
Verständnisbereitschaft zwecks unparteilicher, fairer Grundsätze und Verfahrensregeln im
deliberativen Prozess. Drittens ist die dauerhafte wechselseitige Respektierung von
eingeschränkter Uneinigkeit für die Kompromissbereitschaft im Dissensbereich unerlässlich. Der
vierte Gesichtspunkt bezeichnet die Legitimationsbereitschaft, das heisst die Bereitschaft, sich der
Legitimität des eigenen privaten Handelns vorbehaltlos zu vergewissern und auf eine
apriorische Privatsphäre zu verzichten. 155 Für eine gerechte, freiheitliche Verfassung bedarf es
zwar eines bestimmten Masses an Gemeinsinn, allerdings darf der gute Wille zum
verantwortlichen Handeln auch nicht überfordert, sondern muss durch institutionelle
Grundlagen konstitutiv unterstützt werden. 156 Solche sind etwa die rechtsstaatliche
Neutralisierung von wirtschaftlicher Macht im Deliberationsprozess, die staatsbürgerliche
Bildung auf allen Schulstufen, die Schaffung von geeigneten Foren und Arenen für das
öffentliche Bürgergespräch sowie die rechtstaatliche Ausstattung der Bürger mit
Wirtschaftsbürgerrechten. 157 Durch Letztere werden die Menschen überhaupt erst in die Lage
versetzt, als real freie, gleichberechtigte und sachkundige Bürger an öffentlichen Debatten
teilnehmen zu können.
•
Über die wirtschaftsbürgerliche Selbstbindung im Berufs- und Privatleben
„Der Wirtschaftsbürger ist im Ganzen kein «Privatbürger», wie wir oben gesehen haben –
aber er hat selbstverständlich Anrecht auf ein Privatleben, das nicht im Scheinwerferlicht der
kritischen Öffentlichkeit steht, soweit es den allgemeinen Legitimitätsbedingungen genügt.“ 158
Der Wirtschaftsbürger hat also vorbehaltlos, im Rahmen des deliberativen Prozesses, seine
Ziele, Zwecke und Präferenzen auf deren Legitimität hin abzuklären. Dadurch resultiert als
unmittelbare Konsequenz die moralische Pflicht zum Verzicht auf private
Eigennutzenmaximierung. 159 Für den Wirtschaftsbürger als Organisationsbürger,
reflektierenden Konsumenten und kritischen Kapitalanleger nennt Ulrich einige ethische
153
154
155
156
157
158
159
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 313-315
Vgl. a.a.O., S. 316
Vgl. a.a.O., S. 316
Vgl. P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken, a.a.O., S. 16
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik a.a.O., S. 319
A.a.O., S. 320
Vgl. a.a.O., S. 321
31
Grundsätze: 160 Vom Organisationsbürger bzw. vom Wirtschaftsbürger im Dienste einer
Organisation wird beispielsweise eine kritische Loyalität und Zivilcourage erwartet; denn
nicht immer verträgt sich die Rolle im Unternehmen mit der republikanischen
Mitverantwortung für das Gemeinwohl. Als Konsument entzieht sich der republikanische
Wirtschaftsbürger der endlosen ökonomistischen Bedürfnisspirale und befriedigt seine
Bedürfnisse mit Blick auf ein gutes Leben. Der republikanisch gesinnte Konsument reflektiert
seine Bedürfnisse aber auch hinsichtlich deren Legitimität in sozialer und ökologischer
Hinsicht und stellt sich der Verallgemeinerungsfrage. Der Wirtschaftsbürger als
Kapitalanleger verhält sich nicht als Spekulant, vielmehr wird er sein Renditestreben selbst
begrenzen und darauf achten, nur in solche Werte zu investieren, die ethischen Grundsätzen
zu genügen vermögen. Aber weshalb sollen Menschen ihre unabweisbar auch vorhandenen
eigennützigen Neigungen dem Moralprinzip eines gerechten Zusammenlebens unterordnen?
Nach Ulrich hat die Motivation viel mit der Selbstachtung bzw. mit der angemessenen
Beachtung der Würde der eigenen Person zu tun. Ulrich bezieht sich auf Adam Smith und
erwähnt, dass die Selbstachtung auf dem moralischen Selbstverständnis einer integren Person
beruhe, die sich mithilfe eines gedanklichen Rollentausches161 als der moralischen
Gemeinschaft würdig und zugehörig erkenne. Dabei ist der Wunsch, die Sympathie anderer
Menschen zu geniessen, gar nicht so klein und deshalb auch gar kein so schwaches Motiv. 162
2.1.3.3.2 Ordnungsethik
„In einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft ist es die vorrangige und vornehmste
Aufgabe der Ordnungspolitik, den latent eigensinnigen Marktprozess in lebensdienliche und faire
Spielregeln einer wohlgeordneten civil society einzubinden und ihn so zu «zivilisieren».“ 163 Aber
worin besteht dann die Aufgabe der Ethik? „Die entsprechenden Orientierungsprobleme zu
klären ist Aufgabe der Ordnungsethik. Diese leistet die kritisch-normative Grundlagenreflexion im
Hinblick auf ethisch-vernünftig begründete Ordnungspolitik.“ 164 In Anlehnung an Wilhelm
Röpke und Alexander Rüstow versteht Ulrich die Ordnungspolitik als Vitalpolitik im Sinne des
Ordoliberalismus165. „Mit dem ordoliberalen Primat der Vitalpolitik vor der Wettbewerbspolitik ist die
neoliberale Ideologie, der gemäss ‚mehr Markt‘ im Prinzip immer gut sei, ethisch-politisch
durchbrochen: Wo die Effizienz des Marktes mit ‚vitalen‘ Gesichtspunkten des guten Lebens und
gerechten Zusammenlebens in Konflikt gerät, sind die Marktkräfte mittels einer ihnen
‚widergelagerten Gesellschaftspolitik‘ in Schranken zu weisen.“ 166 Der systematische Ort des
ordnungsethischen Diskurses ist kein anderer als die bereits vorgestellte deliberative Politik in der
unbegrenzten öffentlichen Kommunikationsgemeinschaft. „Mit anderen Worten: republikanischer
Wirtschaftsbürgersinn ist unverzichtbar, wenn die Rahmenordnung des Marktes je zum Ort der
Moral(-durchsetzung) werden soll. Der wahre «Ort» der Moral sind und bleiben eben diese
160
161
162
163
164
165
166
32
Vgl. a.a.O., S. 324-332
Adam Smith hat - ähnlich zu Immanuel Kant - auf die grosse Bedeutung des Gedankenexperiments bzw. des
Rollentausches und damit auf den Vernunftstandpunkt der Moral aufmerksam gemacht. (Vgl. A. Smith: Theorie
der ethischen Gefühle, Übers. von W. Eckstein, Hamburg 2004, S. 167)
Vgl. P. Ulrich: Zivilisierte Marktwirtschaft, a.a.O., S. 104
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 335
A.a.O., S. 333
Der Ordoliberalismus kann als die deutsche Variante des Neoliberalismus bezeichnet werden. Der sich am
mittelalterlichen Ordo-Gedanken orientierende Ordoliberalismus befasst sich seit den 30er Jahren mit der
Frage, unter welchen Rahmenbedingungen die Wirtschaft zu gestalten sei. Da die Marktwirtschaft nicht mehr
als natürliche Ordnung betrachtet wird, verlangt der Ordoliberalismus Markteinschränkungen, das heisst einen
starken Staat, der den Wettbewerb als Aufgabe im Sinne einer „staatlichen Veranstaltung“ auffasst. (Vgl. G.
Kolb: Geschichte der Volkswirtschaftslehre. Dogmenhistorische Positionen des ökonomischen Denkens, München 2004,
S. 166f)
P. Ulrich: Zivilisierte Marktwirtschaft, a.a.O., S. 174
republikanisch gesinnten Wirtschafts- und Staatsbürger.“ 167 Obschon die Bestimmung, was in
einer Gesellschaft als ethisch-ökonomische Vernunft betrachtet werden soll, letztlich durch die
deliberative Politik
hervorgeht, sieht Ulrich mindestens drei Arten von vitalpolitisch
konstitutiven Normierungsaufgaben: 168 Es müssen erstens die subjektiven Rechte aller
Wirtschaftsbürger im Marktprozess sichergestellt werden. Eigentums-, Unternehmer-,
Arbeitnehmer-, Konsumenten-, Miet- und anderen subjektiven oder persönlichkeitsbezogenen
Rechten kommt für die Rahmenordnung des Marktes konstitutive Bedeutung zu. Zweitens gilt es
Rechnungsnormen für wirkungsvolle vitalpolitische Anreize zu schaffen. Damit kann sichergestellt
werden, dass die durch den Wirtschaftsprozess anfallenden Kosten nicht durch Dritte bezahlt,
sondern nach dem Verursacherprinzip in die Kalküle der Wirtschaftssubjekte internalisiert
werden müssen. Drittens geht es darum, Randnormen zu entwickeln, die dem Markt nach
humanitären, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten Grenzwerte setzen. Anders gesagt: Mit
den Randnormen sollen Lebenssphären geschaffen werden, die vor der Ökonomisierung
geschützt sind, wo der Wettbewerb also explizit nicht herrschen soll. Als solche Randnormen
können die Arbeits- und Ladenöffnungszeiten, die Höhe von Mindesteinkommen, ökologische
Emissions- und Immissionsgrenzwerte, Zulassungsnormen für Leistungsanbieter in spezifischen
Märkten, Qualitätsvoraussetzungen für bestimmte Produkte usw. aufgefasst werden. Welchen
Einfluss hat die Globalisierung auf die Gestaltung einer Vitalpolitik? Für Ulrich besteht kein
Zweifel, dass der internationale Wettbewerb um Standorte und politische Rahmenbedingungen
nur eine Bedeutung haben können, nämlich eine unheilvolle vitalpolitische Abwärtsspirale: „Die
vitalpolitische Einbindung des Marktes in einem Staat ist unter den Umständen der Globalisierung
folglich nicht mehr möglich.“ 169 Um den ordnungsethischen Ansatz durchhalten zu können,
müssen die offenen Märkte mit den vitalpolitischen Räumen deckungsgleich sein. Da eine globale
Vitalpolitik in absehbarer Zeit wohl kaum als realistisch eingeschätzt werden darf, muss in der
Form von ordnungspolitisch beherrschbaren multinationalen Grossregionen wie EU, ASEAN
oder NAFTA eine Zwischenebene geschaffen werden. 170 Dabei wird es jedoch wichtig sein, den
Einzelstaaten kein Vetorecht einzuräumen, ansonsten die vitalpolitischen Bemühungen sogleich
wieder unterminiert werden können. 171 Hinsichtlich der Normierungsaufgaben gelten die gleichen
Aspekte und Bedingungen wie für die nationalstaatliche Ordnungspolitik. Das wichtigste aber ist
die Voraussetzung von solidarischen Weltbürgern, die gemeinsam, im Sinne einer moralischen
Instanz, als kritische Weltöffentlichkeit wirken.
2.1.3.3.3 Unternehmensethik
„Integrative Unternehmensethik versteht sich als permanenter Prozess der vorbehaltlosen kritischen
Reflexion und Gestaltung tragfähiger normativer Bedingungen der Möglichkeit lebensdienlichen unternehmerischen
Wirtschaftens.“ 172 Dabei nimmt die Bedeutung von Unternehmensethik in dem Masse zu, wie sich
Unternehmen der rechtsstaatlichen Ordnungspolitik zu entziehen vermögen. 173 Nach Ulrich
entscheidet sich die Möglichkeit und Ausgestaltung einer Unternehmensethik am Verhältnis
zwischen den ethischen Ansprüchen an die Unternehmung und dem betriebswirtschaftlichen
Gewinnprinzip. 174 Die diesbezüglich vielleicht wichtigste Botschaft für eine ideologiefreie und
rationale Unternehmensethik sieht Ulrich darin, dass die Gewinnmaximierung grundsätzlich
167
168
169
170
171
172
173
174
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 367
Vgl. a.a.O., S. 370-376
A.a.O., S. 387
Vgl. a.a.O., S. 389
Vgl. a.a.O., S. 389
A.a.O., S. 428
Vgl. P. Ulrich: Ethische Vernunft und ökonomische Rationalität zusammendenken, a.a.O., S. 19
Vgl. P. Ulrich: Unternehmensethik und "Gewinnprinzip". Versuch der Klärung eines unerledigten wirtschaftsethischen
Grundproblems, Beiträge und Berichte des Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen, Bd. 70,
St. Gallen 1995, S. V
33
keine legitime unternehmerische Handlungsorientierung sein kann: „Es gibt letztlich nur ein
Prinzip: das (vernunftethisch begriffene) Moralprinzip, in dessen Lichte überhaupt erst mit
konfligierenden spezifischen Wertgesichtspunkten vernünftig umgegangen werden kann – auch
mit jenen der Markt- und Erfolgslogik.“ 175 Auch das oft genannte Sachzwangargument hat keine
Gültigkeit; denn ein solches stellt sich erst dann ein, wenn man die Gewinnmaximierung als
Prinzip auffasst. Folglich eröffnet sich der Handlungsspielraum eines Unternehmers mehr im
Kopf als durch den Markt. 176 Als allgemeine Grundnorm der integralen Unternehmensethik
nennt Ulrich die Geschäftsintegrität, die dann ihren Härtetest erfährt, wenn ein aussichtsreicher
unternehmerischer Erfolg nicht auf einem ethisch tragfähigen Fundament basiert und deshalb auf
diesen verzichtet werden soll. 177 Die Unternehmensethik ist zweistufig konzipiert: 178 Als erste
Stufe fungiert die Geschäftsethik; diese sorgt für die normativen Vorgaben einer integren
Geschäftspolitik. Die zweite Stufe betrifft die republikanisch-politische Mitverantwortung auf
Unternehmens- und Verbandsebene. Das dritte Element, das die beiden Stufen in gewisser Weise
umfasst und als die eingeschriebene bzw. verankerte Unternehmensethik betrachtet werden kann,
ist das Ethikprogramm im Unternehmen.
•
Die Geschäftsethik
Die durch das Unternehmen geschaffenen Werte sollen im Hinblick auf die
Lebensdienlichkeit sinnvoll sein. Diese Werte erfüllen ihren Dienst entweder auf der Ebene
der menschlichen Lebensgrundlagen oder aber leisten einen erwünschten Beitrag darüber
hinaus, nämlich hinsichtlich der durch die Menschen selbst zu begrenzenden Lebensfülle. 179
Nun ist von den wirtschaftlichen Leistungen und Aktivitäten eines Unternehmens eine
Vielzahl von Bezugsgruppen in ihrem Leben und ihren Existenzbedingungen betroffen,
sodass „vor allem grössere Unternehmen längst zu quasi-öffentlichen Institutionen geworden“ 180
sind. Es bleibt zwar Aufgabe der Unternehmensleitung, eine sinnvolle
Wertschöpfungskonzeption vorzuschlagen, doch zur Sicherung ihrer Legitimität und
Wahrung der Geschäftsintegrität braucht es den vorbehaltlosen diskursethischen
deliberativen Prozess. 181 „Mit anderen Worten: Die unbegrenzte Öffentlichkeit aller mündiger Bürger
ist auch in der Unternehmensethik der systematische ‚Ort‘ der Moral. Unternehmensethik lässt sich also
nicht in eine ‚Privatmoral‘ der Unternehmensleitung einschliessen.“ 182 In der diskursethischen
Fassung des Moralprinzips kann die Frage nach den Stakeholdern leicht beantwortet werden:
„Stakeholder ist, wer gegenüber dem Unternehmen Ansprüche hat, die als legitim
ausgewiesen sind.“ 183 Damit ist auch angedeutet, dass Ansprüche nicht nur als wirtschaftlich
kausale Zusammenhänge zu verstehen sind, sondern ebenso vom Gedanken der Solidarität
mit hilfsbedürftigen Menschen getragen sein können. 184 Es ist leicht nachvollziehbar, dass es
nicht die geschäftsstrategische Klugheit ist, die zur Wahrung der Geschäftsintegrität mahnt
und motiviert, sondern der gute Wille des republikanisch gesinnten Wirtschaftsbürgers.
Ulrich gibt allerdings zu bedenken, dass einem konsequenten erfolgsstrategischen und
gewinnorientierten Handel so lange nichts im Wege stehe, als die Legitimitätsbedingung
diskursethisch verantwortet werden könne. 185
175
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 415
Vgl. P. Ulrich: Wofür sind Unternehmen verantwortlich?, Beiträge und Berichte des Instituts für Wirtschaftsethik der
Universität St. Gallen, Bd. 80, St. Gallen 1998, S. 17
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 428f
Vgl. a.a.O., S. 429
Vgl. a.a.O., S. 430
A.a.O., S. 438
Vgl. a.a.O., S. 439
P. Ulrich: Republikanischer Liberalismus und Corporate Citizenship, a.a.O., S. 15
P. Ulrich: Wofür sind Unternehmen verantwortlich?, a.a.O., S. 13
Vgl. a.a.O., S. 13
Vgl. P. Ulrich: Unternehmensethik und "Gewinnprinzip", a.a.O., S. 9
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
34
•
Die Republikanisch-politische Mitverantwortung
Genauso wie es zum republikanischen Bürgerethos gehört, für die gute Ordnung der Res
publica Mitverantwortung zu übernehmen, verlangt die republikanisch-politische
Mitverantwortung ein aktives Engagement in der kollektiven Selbstbindung an ethische
Grundsätze auf Verbands- und Branchenebene. 186 Durch Vereinbarungen von ethischen
Branchenstandards und wirksamen gesetzlichen Bestimmungen lässt sich das Problem des
moral free-riding (Trittbrettfahrers) zwar nicht restlos beseitigen, immerhin aber wirkungsvoll
eindämmen. Auch fordert Ulrich die Unterstützung von lebensdienlichen
ordnungspolitischen Reformen selbst dann, wenn diese für das eigene Unternehmen oder die
eigene Branche mit Nachteilen verbunden sind.187
•
Das Ethikprogramm im Unternehmen
Damit die genannten ethischen Grundsätze in jedem Bereich und auf jeder hierarchischen
Stufe zu einem Selbstverständnis werden, müssen entsprechende strukturelle und
unternehmenskulturelle Voraussetzungen geschaffen werden. Analog zur Ordnungsethik sind
solche Normierungen als institutionelle „Rückenstützen“ zu betrachten. „Es gilt
Anreizstrukturen durchgängig so zu gestalten, dass ethisch verantwortungsvolles Handeln
belohnt und rücksichtsloses, allein an persönlichen Bereicherungs- oder Karrierezielen
orientiertes Verhalten demotiviert wird statt umgekehrt.“ 188 Ebenso ist es wichtig, dass keine
Ambiguitäten oder Unklarheiten in Bezug auf Wertmassstäbe im Handeln bestehen. Genauer
gesagt: Nie sollen den Mitarbeitern nur einseitig Leistungs- und Erfolgsziele ohne ethische
Prämissen und Randbedingungen vorgegeben werden. 189 Ulrich weist darauf hin, dass die
Bemühungen zu einer Integritäts- und Verantwortungskultur selbst wieder vor der
Gesamtheit aller Organisationsbürger zu verantworten und zur Disposition zu stellen sind. 190
Dabei ist von eminenter Bedeutung, dass diskursethisch weder unerwünschte
Handlungsoptionen
einseitig
autoritativ
geschlossen
noch
ethisch-kritische
Kommunikationsfreiräume einseitig offen gehalten werden. „Auf die Balance zwischen
(diskurs-) öffnenden und (options-) schliessenden «Ethikmassnahmen» kommt es also
entscheidend an.“ 191 Gemäss Ulrich hat sich in der Praxis noch kein konzeptioneller Standard
für ein Ethikprogramm etabliert. Im Rahmen der republikanischen Unternehmensethik
würde ein solches idealerweise folgende Bausteine umfassen: 192
•
•
•
•
•
•
Sinngebende unternehmerische Wertschöpfungsaufgabe
Bindende Geschäftsgrundsätze
Gewährleistete Stakeholderrechte
Diskursive Infrastruktur
Ethische Kompetenzbildung
Ethisch konsistente Führungssysteme
Es besteht für Ulrich kein Zweifel, dass dieser Weg anspruchsvoll und als Lernprozess
aufzufassen ist. 193 Die Antwort auf die Frage, ob es sich lohnt, diesen Weg zu gehen, hängt nach
Ulrich letztlich davon ab, welche Vorstellungen die Menschen von den Unternehmen haben, in
186
187
188
189
190
191
192
193
Vgl. P. Ulrich: Republikanischer Liberalismus und Corporate Citizenship, a.a.O., S. 18
Vgl. a.a.O., S. 18
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 457
Vgl. a.a.O., S. 458
Vgl. a.a.O., S. 459
A.a.O., S. 461
Vgl. a.a.O., S. 461f
Vgl. a.a.O., S. 462
35
denen sie arbeiten möchten. 194 „Der skizzierte Weg ist der richtige, wenn sich eine Firma
konsequent als ein guter Corporate Citizen verstehen und profilieren will, d.h. als ein «guter
Bürger», der sich durch seine integre und wahrhaft «wertschaffende» Geschäftstätigkeit seinen
wirtschaftlichen Erfolg und sein öffentliches Ansehen am Ende verdient hat.“ 195
2.2 Der ordnungstheoretische Ansatz von Karl Homann
Die westliche Welt wird trotz ihres welthistorischen Sieges über den Sozialismus nicht froh. Es
scheint eher so, dass die ungelösten Probleme der Gegenwart wie Hunger und Armut in der
Dritten und auch schon in der Zweiten Welt, Bevölkerungsexplosion, Armutsmigration,
fortgesetzte Umweltzerstörung, neue Kriege, Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit oder organisierte
Kriminalität unser Bewusstsein überhaupt erst dadurch deutlich erreichen konnten. Für Karl
Homann sind diese ungelösten Probleme der Ausdruck und die aktuelle gesellschaftspolitische
Auseinandersetzung die Folge eines ungeklärten Problems: „Welche Rolle kann Normativität,
können moralische Ideale
von Humanität und Solidarität unter Bedingungen der
Eigengesetzlichkeit von Subsystemen und der positiven Einzelwissenschaften als zugehöriger
Reflexionsform überhaupt noch spielen?“ 196 Nach Homann et al. sind die einzelnen
gesellschaftlichen Subsysteme zwar in der Lage, ihre Probleme mit sehr hoher Selektivität zu
bearbeiten – was denn auch in einer vielfach gesteigerten Leistungsfähigkeit zum Ausdruck
kommt -, für Ganzheitssemantiken, wie sie der Philosophie und Religion eigen sind, sind sie
hingegen kaum mehr ansprechbar. 197 Dies hat für die Lösung von gesellschaftlichen Problemen
gravierende Konsequenzen, Homann und seine Mitstreiter sehen hier gar die eigentliche Crux der
Moderne. 198 Wenn moralische Ideen für die soziale Ordnung als unentbehrlich aufgefasst werden,
die grosse Schwierigkeit indessen darin gesehen wird, wie sie in der modernen Gesellschaft zur
Geltung gebracht werden können, dann rückt unweigerlich die Frage der Implementation in den
Vordergrund. Für Homann et al. steht deshalb fest: „Es geht also vorrangig um das andere
zentrale Problem der Ethik, um die Implementation.“ 199 Diese Fokussierung hat für das Verständnis
von Ethik grundlegende Konsequenzen: Weil die Implementationsfrage in der ausdifferenzierten
Gesellschaft nicht mehr durch die Ethik selbst beantwortet werden kann, bedarf es der
Zusammenarbeit mit einer empirischen Wissenschaft. Als Partner bestimmt Homann die
Ökonomik, „liefert sie doch Erkenntnisse für die Ethik, von denen sich die philosophische Ethik,
gefangen in ihrem auf vormoderne Bedingungen zugeschnittenen Paradigma, nicht träumen
ließ.“ 200 Allerdings erfordert diese Wahl sowohl eine Neubewertung des individuellen
Vorteilsstrebens als auch eine grundlegende Revision des Verhältnisses zwischen Moral und
Ökonomie bzw. Ethik und Ökonomik. Mit Rekurs auf Adam Smith weist Homann darauf hin,
dass seine Theoriestrategie keineswegs neu ist, sondern vor mehr als zweihundert Jahren durch
den Moralphilosophen Smith erkannt worden sei. 201 Homanns theoretischem Ansatz, sich nicht
mit moralischen Appellen zu begnügen, sondern aufzeigen zu wollen, wie in der modernen
Gesellschaft moralische Intentionen zur Anwendung gelangen können, steht – dem entsprechend
194
195
196
197
198
199
200
201
36
Vgl. a.a.O., S. 462
A.a.O., S. 462
K. Homann: Vorteile und Anreize. Zur Grundlegung einer Ethik für die Zukunft, Hrsg. von Ch. Lütge,
Tübingen 2002, S. 139
Vgl. K. und R. Homann: „Glaube und Moderne: Ganzheit und Denken in Verfassungen“, in: Welt-Heuristik des
Glaubens, Hrsg. von K. Homann und I. Riedel-Spangenberger, Gütersloh 1997, S. 112
Vgl. a.a.O., S. 112
K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, Göttingen 1992, S. 16
K. Homann: Anreize und Moral. Gesellschaftstheorie - Ethik - Anwendungen, Hrsg. von Chr. Lütge, Münster 2003,
S. 195
Vgl. K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 177
– die Theorie von Adam Smith Pate. 202 Im Folgenden geht es darum, den methodologischen
Standpunkt von Homann et al. vorzustellen.
2.2.1 Die methodologische Grundlegung
In Anlehnung an Kants berühmtes epistemologisches Diktum: „Gedanken ohne Inhalt sind leer,
Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ 203 formulieren Homann et al.: „Ganzheitliche Sozialund Denkstrukturen ohne Inkulturation in die völlig anders geschnittenen Strukturen der
Moderne sind »leer«, moderne Sozial- und Denkstrukturen ohne Ganzheitsorientierung aber sind
»blind«.“ 204 Das heisst: Die ausdifferenzierten Systeme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft,
Sport usw. verstehen wegen ihrer starken Fokussierung die die gesamte Wirklichkeit umfassenden
Begriffe der Philosophie nicht mehr, sie sind aber gerade deshalb in ihrem Streben letztlich
orientierungslos. Um den Gewinn zu steigern, entlassen Unternehmen nicht selten relativ
bedenkenlos viele Mitarbeiter, obwohl in Bezug auf die soziale Ordnung oder eigene Reputation
dadurch viele neue Probleme entstehen; Sportler nehmen Dopingpräparate zu sich, obschon
hinlänglich bekannt ist, dass sie dadurch ihr Leben gefährden. Das bedeutet: Obschon die
unerwünschten Folgen bekannt sind, können sie nicht durch die Logik der Systeme bearbeitet
werden. Es ist von daher eine Ethikkonzeption zu fordern, die einerseits zu normativen
Vorgaben fähig ist, andererseits über ein Instrumentarium verfügt, um deren
Implementationsfähigkeit sorgfältig prüfen zu können. Eine systematische Integration ist nach
Homann et al. dann geglückt, wenn aus normativen Intentionen, die im Rahmen von positiven
Analysen zu prüfen sind, im Sinne eines praktischen Syllogismus Gestaltungsmöglichkeiten
abgeleitet werden können. 205 Bei der Darlegung des methodologischen Standpunktes von
Homann wird zunächst auf der Basis der beiden divergierenden Theorien von Jürgen Habermas
und Niklas Luhmann eine soziologische Ausgangslage skizziert, die als Grundlage für das
Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomik verwendet werden kann. Danach werden die
methodologischen Kernelemente Dilemmastrukturen, homo oeconomicus sowie Vertragstheorie
vorgestellt.
2.2.1.1 Die Auseinandersetzung mit Habermas und Luhmann
Nach Homann et al. sucht Habermas seit seinen Anfängen nach einer positiven Theorie, um
regulative Ideen wie Freiheit, Emanzipation, Solidarität und Demokratie zur Geltung bringen zu
können. 206 Um die Pathologien der Moderne zu erfassen, unterscheidet Habermas zwischen
System und Lebenswelt, wobei Letztere von den Systemimperativen geschützt werden muss. Dazu
Habermas: „Es geht darum, Lebensbereiche, die funktional notwendig auf eine soziale
Integration über Werte, Normen und Verständigungsprozesse angewiesen sind, davor zu
bewahren, den Systemimperativen der eigendynamisch wachsenden Subsystemen Wirtschaft und
Verwaltung zu verfallen und über das Steuerungsmedium Recht auf ein Prinzip der
Vergesellschaftung umgestellt zu werden, das für sie dysfunktional ist.“ 207 Dieses Paradigma
verbietet somit, Systemleistungen zur Befolgung normativer Ziele fruchtbar zu machen. Mit
202
203
204
205
206
207
Vgl. K. Homann und I. Pies: „Replik. Wie ist Wirtschaftsethik als Wissenschaft möglich? Zur Theoriestrategie
einer modernen Wirtschaftsethik“, in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur, Jg. 5, Heft 1
(1994), S. 106
I. Kant: Kritik der reinen Vernunft, Hrsg. von R. Schmidt, Hamburg 1956, A 51/B 75
K. und R. Homann: „Glaube und Moderne: Ganzheit und Denken in Verfassungen“, in: Welt-Heuristik des
Glaubens, a.a.O., S. 124
Vgl. K. Homann und I. Pies: „Wirtschaftsethik in der Moderne: Zur ökonomischen Theorie der Moral“, in:
Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für Erwägungskultur, Jg. 5, Heft 1 (1994), S. 4
Vgl. a.a.O., S. 4
J. Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2: Zur Kritik der funktionalistischen Vernunft, a.a.O., S. 547
37
anderen Worten: Weil die Normen den Zweck haben, das Handeln einzuschränken, muss ihre
Gestaltung methodisch unabhängig vom Handeln konzipiert werden, was schliesslich zu einer
strikten Trennung zwischen der Geltung moralischer Normen und deren Implementation führt.
Homann et al. sehen bei dieser Theorieanlage die Gefahr einer realitätsfremden Normensetzung:
„Die Frage, wie sich Menschen verhalten sollen, wird bei ihm [Habermas, JN] unabhängig davon
beantwortet, wie sie sich tatsächlich verhalten und warum sie dies tun.“ 208 Nach Homann et al. vermag
Habermas mit seiner Theoriestrategie zwar bestimmte Entwicklungen der Moderne als
Kolonialisierung der Lebenswelt zu beschreiben, man handelt mit ihr jedoch Probleme ein, sobald
man zugesteht, dass beträchtliche Fortschritte gerade durch Systemleistungen erreicht wurden. 209
Die Dichotomie zwischen Lebenswelt und System bzw. kommunikativem und strategischem
Handeln verliert nämlich dann ihre analytische Trennschärfe für normative Zwecke und lässt
keine einhellige Bewertung mehr zu. Darüber hinaus besteht nach Homann die Gefahr, dass sich
die theoretische Schwäche auch an anderer Stelle zeigt: Eine Theorie, die zwecks Befolgung
moralischer Normen an die Vernunft und den guten Willen appelliert, kann leicht zu einer
moralischen Überforderung 210 führen und dadurch einen demoralisierenden Effekt haben, und
zwar dann, wenn von den Menschen etwas abverlangt wird, das für sie unmittelbar nachteilig
ist. 211
In der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, der die Gesellschaft als ein
System ausdifferenzierter Subsysteme auffasst, die zur Umwelt zwar offen, operativ aber
geschlossen sind und nur nach ihrem je eigenen Code funktionieren, kann Homann eine klarere
Konzeption erkennen als bei Habermas. 212 Denn – im Gegensatz zur Theorie von Habermas –
erkennt diese, dass die einzelnen gesellschaftlichen Subsysteme nicht mehr durch Moral in ein
gesellschaftliches Gesamtsystem eingebunden werden können und von daher moralische Appelle
in Subsystemen wirkungslos bleiben bzw. lediglich als ein unverständliches Rauschen
wahrgenommen werden 213. Homann et al. sehen in Luhmanns Theorie allerdings auch
Schwächen, und zwar im normativen Bereich: „Statt einer systematischen Integration positiver
und normativer Analyse verfügt sein sozialwissenschaftlicher Ansatz über keine ausgeprägte
normative Stoßrichtung und ist stattdessen weitgehend auf die Analyse bloßer Faktizität
reduziert, deren Orientierung dann willkürlich zu werden droht.“ 214 Nach Homann et al. schlägt
das Desiderat im normativen Bereich auf die positive Theorie durch und manifestiert sich in zwei
verkürzten Auffassungen von Moral und Ökonomie bzw. Ethik und Ökonomik. 215 Luhmanns
Pointen gegen ethische Donquichotterie sind nämlich nur dann berechtigt, wenn man Moral als
Steuerungsinstanz der Gesellschaft mit dem personalen System verknüpft bzw. wenn man Moral
als eine Kommunikationsart auffasst, die Hinweise auf Achtung und Missachtung mitführt 216. Mit
208
209
210
211
212
213
214
215
216
38
K. Homann und I. Pies: „Wirtschaftsethik in der Moderne“, in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für
Erwägungskultur, Jg. 5, Heft 1 (1994), S. 4
Vgl. a.a.O., S. 4
Wenn eine ethische Theorie sich am faktischen Verhalten der Menschen orientieren soll, dann impliziert dies
tendenziell die Verneinung der Möglichkeit, dass Menschen in der Lage sind, sich anders zu verhalten, als sie es
de facto tun. Ethische Forderungen, die Veränderungen im Handeln postulieren (beispielsweise auf den
eigenen Vorteil zugunsten des Kollektivs zu verzichten), müssen dann konsequenterweise als Überforderung
abgewehrt werden. Habermas theoretischer Konzeption muss zugutegehalten werden, dass sie gerade zwischen
deskriptiver und normativer Theorie zu unterscheiden vermag, was bei Homanns methodologischem
Standpunkt in problematischer Weise verwischt wird.
Vgl. K. Homann: „Wirtschaftsethik. Die Funktion der Moral in der modernen Wirtschaft“, in: Wirtschaftsethik
und Theorie der Gesellschaft, Hrsg. von J. Wieland, Frankfurt a. M. 1993, S. 33
Vgl. K. Homann und I. Pies: „Wirtschaftsethik in der Moderne“, in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für
Erwägungskultur, Jg. 5, Heft 1 (1994), S. 5
Vgl. N. Luhmann: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?,
3. Auflage, Opladen 1990, S. 65
K. Homann und I. Pies: „Wirtschaftsethik in der Moderne“, in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für
Erwägungskultur, Jg. 5, Heft 1 (1994), S. 6
Vgl. a.a.O., S. 6
Vgl. N. Luhmann: Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral, Rede anläßlich der Verleihung des HegelPreises 1989, Frankfurt a. M. 1990, S. 18
anderen Worten: Die Durchsetzung von ethischen Anliegen ist nur dann wenig aussichtsreich,
wenn sie in der Form von Interaktionen bzw. moralischen Appellen versucht wird. Nach
Homann et al. werden aber gerade dadurch die Leistungen von Adam Smith unterboten, der die
Einsicht hatte, dass in der modernen Gesellschaft moralische Intentionen nicht unmittelbar
durch die Handlungen der einzelnen Menschen, sondern lediglich indirekt über geeignete
Strukturen realisiert werden können. 217 Natürlich bedeutet die Trennung von Handlungsmotiv
und -Ergebnis einen Paradigmawechsel; allerdings – so Homann et al. – ist kaum einzusehen,
weshalb Moral so eng gefasst werden muss und nicht auf Systemleistungen bezogen werden
kann. 218 Eng verbunden mit Luhmanns Auffassung von Moral zeigt sich nach Homann et al. eine
weitere Schwäche in dessen Theorie: „Die Definition des Subsystems ‚Wirtschaft‘ bei Luhmann
durch das Medium ‚Geld‘ bzw. den Code ‚Zahlung/Nicht-Zahlung‘ entspricht nicht dem
modernen Verständnis von Ökonomik, hinter deren Standards Luhmann zurückbleibt.“ 219
Wissenschaftler, Politiker, Sportler oder Wirtschaftsakteure handeln in Situationen grundsätzlich
in derselben Weise rational. Mit dem binären Code können zwar „Nutzen“ und „Kosten“
bestimmt werden, nicht aber das basale rationale Verhalten. 220 Anders gesagt: Die durchdringende
Kraft der Systemlogik mit den verschiedenen binären Codes (z.B. „Zahlung/Nicht-Zahlung“)
impliziert, dass Menschen grundsätzlich so handeln, wie es für die eigenen Interessen von Vorteil
ist. Demnach ist das nicht explizit herausgehobene Fundament der Systemtheorie der
eigeninteressierte Mensch. Und dadurch zeigt sich nun für Homann et al. eine Möglichkeit, die
Eigenlogik der Subsysteme für systemfremde Zwecke nutzbar zu machen, und zwar auch
hinsichtlich der Moral, denn immerhin „bietet diese Perspektive die Aussicht, moralische
Anliegen durch eine entsprechende Gestaltung der institutionellen Arrangements so zu
übersetzen, dass sie in den jeweiligen Subsystemen in der Form situativer Handlungsanreize wirksam
werden können.“ 221
Homann et al. resümieren, dass sowohl Jürgen Habermas wie auch Niklas Luhmann die
systematische Integration einer positiven und normativen Theorie nicht gelungen ist. 222 Trotzdem
setzen beide Theorien Standards, die eine moderne Wirtschaftsethik nicht unterschreiten sollte.
Während Habermas die Notwendigkeit normativer Inputs zeigt, ohne die die positive Forschung
orientierungslos bleiben muss, kann von Luhmann übernommen werden, dass es keine
Direttissima vom vernünftigen Sollen zur Realisierung von moralischen Ideen gibt. Nur indem
„Können angemessen berücksichtigt wird, kann eine durch positive Wissenschaft informierte
Ethik als Heuristik die Implementation moralischer Ideen anleiten.“ 223
2.2.1.2 Über das Verhältnis von Ethik und Ökonomik
Homann konstatiert ein konzeptionelles Grundproblem in der Wirtschaftsethik; dieses besteht
darin, dass die empirisch feststellbare Diskrepanz zwischen Moral und Wirtschaft als Paradigma
für die Theoriebildung verwendet wird. 224 Dadurch entsteht ein unversöhnlicher Dualismus
zwischen Ethik und Ökonomik bzw. Moral und Ökonomie, der folgenreich in den
Begriffspaaren Menschengerechtes vs. Sachgerechtes, Altruismus vs. Egoismus oder
Gemeinwohl vs. Eigennutz zum Ausdruck kommt. In den meisten Konzeptionen dominiert
dann die Ethik über die Ökonomik bzw. moralischen Forderungen wird gegenüber den
217
218
219
220
221
222
223
224
K. Homann und I. Pies: „Wirtschaftsethik in der Moderne“, in: Ethik und Sozialwissenschaften. Streitforum für
Erwägungskultur, Jg. 5, Heft 1 (1994), S. 6
Vgl. a.a.O., S. 6
A.a.O., S. 6
Vgl. a.a.O., S. 6
A.a.O., S. 6
Vgl. a.a.O., S. 7
A.a.O., S. 7
Vgl. K. Homann: „Ethik von Ökonomik. Zur Theoriestrategie der Wirtschaftsethik“, in: Wirtschaftsethische
Perspektiven I. Theorie, Ordnungsfragen, Internationale Institutionen, Hrsg. von K. Homann, Berlin 1994, S. 10
39
ökonomischen Anliegen der Primat eingeräumt. Mit Verweis auf Adam Smith, insbesondere auf
dessen Werk Der Wohlstand der Nationen, will Homann dieser Dichotomie entgegentreten und die
Identität der aus einer ursprünglichen Einheit abgeleiteten Moral und Ökonomie unter
veränderten gesellschaftlichen Bedingungen wieder herstellen: Der Wohlstand der Nationen bzw. The
Wealth of Nations ist nicht als Ergänzung zum früheren Werk Theorie der ethischen Gefühle bzw. Theory
of Moral Sentiments aufzufassen 225, sondern als dessen Einlösung unter den neuen gesellschaftlichen
und wirtschaftlichen Bedingungen. 226 Mit anderen Worten: Moralische Gefühle, ethische Ideale
und Werte büssten ihre gesellschaftliche Steuerungsfunktion ein, weil sie unter Bedingungen
gerieten, aus denen unmittelbare Handlungsanleitungen nicht mehr abgeleitet werden konnten.
Adam Smith reagierte auf diese Probleme: Er stellt für die Moderne eine andere Diagnose als es
die Philosophie im Allgemeinen tat und verabreichte ihr dem entsprechend auch eine andere
Therapie: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir
zum Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden
uns nicht an ihre Menschen- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen
Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ 227 Das Besondere bei Smith besteht aber
darin, „dass er als Ökonom, zu dem er jetzt mutiert, Moralphilosoph bleibt, dass er lediglich die
Moralphilosophie von ihrem neben der Begründung zweiten zentralen Thema, der
Implementierung des Sollens, aufzieht.“ 228 Damit ergibt sich für die Ökonomik folgende
Aufgabe: „Ökonomik ist systematisch die Fortsetzung der Ethik mit anderen, mit besseren Mitteln, mit
Mitteln, die präzise auf die Frage der Implementation von Normen unter Bedingungen moderner
Gesellschaften zugeschnitten sind.“ 229
Mit Bezug auf die klassische Tradition der praktischen Philosophie, die seit den Griechen
bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Begründung und Implementation systematisch zusammen
behandelte, weist Homann darauf hin, dass die Ökonomik so eine genuin philosophische Arbeit
erfülle, und zwar mit einem hoch elaborierten Instrumentarium, an das die philosophische Ethik
nicht heranreiche. 230 Aber welche Aufgabe bleibt so für die philosophische Ethik übrig? Wird sie
nicht dadurch zur historischen Reminiszenz degradiert, die bestenfalls noch im Rahmen der
Kulturwissenschaft Beachtung findet? Homann möchte die in der mehr als
zweieinhalbtausendjährigen Geschichte der abendländischen Ethik so hoch reflektierten und
elaborierten Ideen wie Menschenwürde, Solidarität, Freiheit oder Gerechtigkeit keinesfalls
verschenken, vielmehr betrachtet er diese als regulative Ideen, die der Ökonomik die Richtung
anzeigen und für deren Orientierung sorgen: „Ethik wird so zur Heuristik der Ökonomik: Das ist die
These.“ 231 Mit anderen Worten: Weil die philosophische Ethik es nicht mehr vermag, mit
direkten Handlungsanleitungen die soziale Ordnung sicherzustellen, soll sie Suchanweisungen
liefern, damit die Ökonomik konkrete Ziele und Problemlösungen erarbeiten kann, die dann
unter den konkreten gesellschaftlichen Handlungsbedingungen zur Geltung gebracht werden
225
226
227
228
229
230
231
40
Die unterschiedlichen Positionen von Peter Ulrich und Karl Homann zeigen sich exemplarisch anhand des für
die Wirtschaftsethik als entscheidend beurteilten Werkes von Adam Smith. Während nach Homann Der
Wohlstand der Nationen die neuen gesellschaftlichen Bedingungen aufnimmt und in diesem Kontext das Werk
Theorie der ethischen Gefühle ersetzt, besteht für Peter Ulrich kein Zweifel, „dass sich Smiths liberale Politische
Ökonomie letztlich nur von seiner Moralphilosophie her erschliessen lässt.“ (P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik,
a.a.O., Anm. S. 132). Sowohl für Michael Stefan Aßländer (vgl. M. S. Aßländer: „Adam Smith:
Moralphilosophie und Ökonomie in kritischer Absicht“, in: Wirtschaftsethik als kritische Sozialwissenschaft, Hrsg
von M. Breuer et al., Bern 2003, S. 34) als auch für Robert Sugden (vgl. R. Sugden: „Jenseits von Sympathie
und Empathie. Adam Smiths Begriff des Mitgefühls“, in: Internationale Zeitschrift für Philosophie, Jg. 13, Heft 1
(2005), S. 89f) entbehrt Homanns Standpunkt jeglicher Grundlage; die unterschiedlichen Menschenbilder in
den beiden Werken hängen damit zusammen, dass sowohl das egoistische Eigeninteresse wie auch das menschliche
Mitgefühl natürliche Anlagen sind, die untrennbar zum menschlichen Seelenhaushalt gehören.
Vgl. K. Homann: „Ethik von Ökonomik“, in: Wirtschaftsethische Perspektiven I, a.a.O., S. 13
A. Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, Übers. von
H. C. Recktenwald, 11. Auflage, München 2005, S. 17
K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 247
A.a.O., S. 250
Vgl. a.a.O., S. 250
A.a.O., S. 260
können. Sowohl Ethik wie auch Ökonomik können dadurch ihre je eigene Komplexität
verarbeiten und werden nicht in der einen oder anderen Richtung aufeinander reduziert. Im
Modus einer fruchtbaren Korrelation bleiben sie trotzdem als Einheit erhalten. Die Philosophie
einerseits kann so ihren enormen geschichtlichen Fundus präsent halten und ihre hoch
entwickelten Ideen vortragen, ohne allzu sehr auf Sachzwänge Rücksicht nehmen zu müssen. Die
Ökonomik andererseits kann in dem ihr zugestandenen Raum die erhaltenen heuristischen
Anweisungen unter den durch sie erforschten Bedingungen umsetzen. Somit befassen sich Ethik
als Heuristik und Ökonomik als Implementation zwar mit dem gleichen Gegenstand, aber in
unterschiedlichen Diskursen. Daraus leitet Homann seinen Standpunkt ab, „Ethik und
Ökonomik als zwei Diskurse ein und derselben Problematik menschlicher Interaktionen aufzufassen, als
zwei Diskurse also, die jeweils verschieden ansetzen, verschiedene Methoden und verschiedene
Klassen von Argumenten benutzen, die jedoch im Prinzip, d.h. vom Gegenstandsbereich her, als
deckungsgleich angenommen werden müssen.“ 232 Während die Ethik moralische Forderungen als
unbedingt einstuft, gelten diese ökonomisch gesprochen als Investitionen, die nur dann
beschlossen werden, wenn Aussicht auf return on invest besteht. Damit zeigt sich sogleich, dass die
Übersetzung keineswegs immer eins zu eins gelingt und manche moralische Anliegen durch den
ökonomischen Diskurs erst später oder überhaupt nicht aufgenommen werden. Nichtsdestotrotz
müssen die beiden Diskurse strikte getrennt werden; Lücken im ökonomischen Diskurs dürfen
keinesfalls durch ethische Versatzstücke gefüllt werden 233, denn gerade dadurch würde die Frage
der Implementation wieder aufgegeben.
Homanns Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomik lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Die Ökonomik hilft der Ethik, ihre normativen Intentionen weit über die Reichweite
solidarischer Gefühle und weit über die unmittelbaren Kontrollmöglichkeiten des Einzelnen
hinaus in anonymen Gesellschaften zur Geltung zu bringen. Dabei steht für die Ethik bzw.
Philosophie viel auf dem Spiel: „Philosophie bleibt so – und wohl nur so – an die moderne
Gesellschaft und ihre Wissensformen anschlußfähig.“ 234
2.2.1.3 Die Dilemmastruktur als erstes methodologisches Kernelement
Die moderne Gesellschaft ist durch die Struktur des Wettbewerbs mit dem antagonistischen
Element der Konkurrenz gekennzeichnet. Gleichgültig ob die Unternehmen Produkte oder
Dienstleistungen verkaufen möchten bzw. private Personen sich um eine Arbeitsstelle bemühen
oder eine Wohnung zu mieten versuchen, beinahe immer besteht die Gefahr, dass die
Bemühungen wegen der vielen anderen Unternehmen bzw. privaten Personen, die gleiche oder
ähnliche Interessen bekunden, erfolglos bleiben. Wenn wir bestehen wollen, dann bleibt uns
nichts anderes übrig, als innerhalb der gesetzlichen Bestimmungen jede Möglichkeit zu nutzen,
um besser zu sein als unsere Kontrahenten. Besteht unter diesen Bedingungen überhaupt Raum
für Moral? Nach Homann ist der Wettbewerb das beste bisher bekannte Mittel für die Solidarität
aller, und zwar deshalb, weil er – im Gegensatz zum Teilen – kein Nullsummenspiel ist. 235 Durch
die unterschiedlichen Interessen der Wettbewerber und Konsumenten können sowohl Erstere
wie auch Letztere gewinnen: Die Unternehmen versuchen Gewinne zu erzielen, und die
Konsumenten erhalten gerade dadurch für ihr Geld gute Produkte und Dienstleistungen. In
diesem Sinne ist der Wettbewerb eine soziale Veranstaltung mit ethischer
Richtigkeitsvermutung 236 – sofern die für eine soziale Ordnung unabdingbaren Regeln
232
233
234
235
236
K. Homann: „Ethik von Ökonomik“, in: Wirtschaftsethische Perspektiven, a.a.O., S. 16
Vgl. a.a.O., S. 17
K. Homann: „Wirtschaftsethik: Wo bleibt die Philosophie?“, in: Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie?, a.a.O.,
S. 216
Vgl. K. Homann: „Grundlagen einer Ethik für die Globalisierung“, in: Zwischen Profit und Moral - Für eine
menschliche Wirtschaft, Hrsg. von H. v. Pierer et al., München und Wien 2003, S. 42
Vgl. K. Homann: Moral in den Funktionszusammenhängen der modernen Wirtschaft. Zwei Beiträge zur Wirtschaftsethik
unter Wettbewerbsbedingungen, Stuttgart 1993, S. 19
41
institutionalisiert sind: „Moderne Ökonomik vertritt nachhaltig die These, daß ungeregelter,
naturwüchsiger Wettbewerb für die Menschen verheerende Ergebnisse mit sich bringt.“ 237
Nach Homann lassen sich alle Probleme der modernen Ethik aus Kants Diktum der
„ungeselligen Geselligkeit“ entwickeln: 238 Der Mensch ist zwar auf die Gemeinschaft mit anderen
angewiesen, und doch bedroht er diese zugleich mit seiner Eigensinnigkeit. Diese kantische
Formel ist durch die moderne Ökonomik bzw. ökonomisch fundierte Spieltheorie im Rahmen
des Theorems Gefangenendilemma 239 bzw. Dilemmastrukturen bedeutend weiterentwickelt und
präzisiert worden. 240 Mit dem Konzept der Dilemmastrukturen, in concreto mit der vertrackten
Situation 241 des Gefangenendilemmas, können menschliche Interaktionen analysiert und eine für
sämtliche Interaktionen gültige Erkenntnis abgeleitet werden: „Es liegen – so das Schema – immer
zugleich gemeinsame und konfligierende Interessen der Akteure vor, in der Sprache Kants eben jene
‚ungesellige Geselligkeit‘ des Menschen.“ 242 Mit anderen Worten: Es besteht ein gemeinsames
Interesse an der vorteilbringenden Kooperation, uneins sind sich die Akteure hingegen in der
Frage, wie der Kooperationsgewinn aufgeteilt werden soll. In einem Einstellungsgespräch zum
Beispiel besteht an einem möglichen Arbeitsverhältnis ein beidseitiges Kooperationsinteresse,
strittig sind jedoch Gehalt, Fähigkeit, Arbeitszeit, Position und andere Anstellungsbedingungen.
Das Gefangenendilemma fördert nun in Bezug auf den konfligierenden Aspekt eine
folgenschwere Erkenntnis zutage: „Individuelle Rationalität führt bei dieser Problemstruktur zu
kollektiver Irrationalität bzw. in die soziale Falle.“ 243 Anders gesagt: Die Dilemmata sind derart
strukturiert, dass eigeninteressierte Akteure die Defektion als die dominante Strategie wählen, mit
der schädlichen Konsequenz, dass ein aus der Sicht aller Parteien bestmögliches Ergebnis
systematisch unterschritten wird. Für Homann besteht nun kein Zweifel, dass sämtliche grossen
Probleme in der Welt auf diese Asymmetrie zurückzuführen sind. Das heisst: „Kern des
Problems ist immer, dass aus dem gemeinsamen Ziel ‚Kooperieren‘ systematisch gerade nicht ein individuelles
Handeln im Sinne dieses Ziels folgt, sondern genau das Gegenteil: Weil jeder Einzelne befürchten muss,
dass sein ‚Kooperieren‘, also sein Handeln im Sinne des gemeinsamen Ziels, von anderen, die
237
238
239
240
241
242
243
42
A.a.O., S. 35
Vgl. K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 94
Das Gefangenendilemma beschreibt als Zwei-Personen-Spiel ein soziales Dilemma. Das Paradoxon besteht darin,
dass individuell rationale Entscheidungen zu kollektiv schlechteren Ergebnissen führen können. Nach Holler
und Illing beschreiben R. D. Luce und H. Raiffa das Gefangenendilemma bzw. Prisoner’s dilemma wie folgt:
„Zwei Verdächtige werden in Einzelhaft genommen. Der Staatsanwalt ist sich sicher, daß sie beide eines
schweren Verbrechens schuldig sind, doch verfügt er über keine ausreichenden Beweise, um sie vor Gericht zu
überführen. Er weist jeden Verdächtigen darauf hin, daß er zwei Möglichkeiten hat: das Verbrechen zu
gestehen oder aber nicht zu gestehen. Wenn beide nicht gestehen, dann, so erklärt der Staatsanwalt, wird er sie
wegen ein paar minderer Delikte wie illegalem Waffenbesitz anklagen, und sie werden eine geringe Strafe
bekommen. Wenn beide gestehen, werden sie zusammen angeklagt, aber er wird nicht die Höchststrafe
beantragen. Macht einer ein Geständnis, der andere jedoch nicht, so wird der Geständige nach kurzer Zeit
freigelassen, während der andere die Höchststrafe erhält.“ (M. J. Holler und G. Illing: Einführung in die
Spieltheorie, 6. Auflage, Berlin, Heidelberg und New York 2006, S. 2)
Vgl. K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 94
Für die beiden Gefangenen wäre es - zusammen betrachtet - am vorteilhaftesten, wenn sie schwiegen. Das
Schweigen trägt allerdings die grosse Gefahr, dass es durch das Geständnis des anderen Häftlings, der dank der
Kronzeugenregelung dadurch freikommt, ausgebeutet wird. Die Variante Schweigen bewirkt somit im
Kooperationsfall für beide Häftlinge eine geringe Gefängnisstrafe, im Defektionsfall hingegen für einen der
Häftlinge die Höchststrafe. Die Variante „Reden“ hat entweder die Freilassung (wenn nur einer defektiert) oder
wenigstens eine Reduktion der Höchststrafe (wenn beide reden bzw. defektieren) als Konsequenz. Dadurch,
dass das individuelle Ergebnis wesentlich beeinflusst wird durch die Interaktion des Anderen, kommt die
Interdependenz deutlich zum Ausdruck. Unter der Annahme, dass sich die Häftlinge allein für das begangene
Verbrechen zusammengetan haben, sich also weder nahe stehen noch sonst gut kennen, muss davon
ausgegangen werden, dass der Normalfall nicht die Kooperation, sondern die Defektion ist; denn diese allein
verhindert die Ausbeutung durch den Anderen.
K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 95
A.a.O., S. 96
‚defektieren‘, ausgebeutet wird, greift er zu dem einzig wirksamen Gegenmittel der präventiven
Gegendefektion – ohne wirksame Verhaltensbindung des/der anderen kann er gar nicht anders.“ 244
Dilemmastrukturen bzw. asymmetrische Interaktionsstrukturen sind allgegenwärtig; jede
gelungene Interaktion kann als die Überwindung einer zumindest latent vorhandenen
Dilemmastruktur verstanden werden. Während das konfligierende Element beim Kauf einer
Tafel Schokolade unmerklich bleibt, bedarf der Tausch einer Eigentumswohnung – als gelungene
Interaktion – bereits einiger Anstrengung durch die involvierten Akteure. Homann weist darauf
hin, dass in diesem Sinne Staats- und Unternehmensverfassungen, aber auch die Moral und
andere Konventionen letztlich als die Resultate von gelungenen Interaktionen zu betrachtet sind:
„Ihr Sinn besteht darin, die Überwindung von Dilemmastrukturen auf nachgelagerten Ebenen zu
ermöglichen, indem sie die Handlungsmöglichkeiten der Akteure beschränken und die
Verlässlichkeit
wechselseitiger
Verhaltenserwartungen
herstellen.“ 245
Nun
sind
Dilemmastrukturen keineswegs nur schädlich, vielmehr sind sie normativ ambivalent und in der
Marktwirtschaft durchaus erwünscht, denn die „moderne Welt zieht ihr Entwicklungspotential
aus genau diesen Dilemmasituationen, die im Wettbewerb etabliert und aufrechterhalten
werden.“ 246 Fatal wirken sie sich dagegen auf öffentliche Güter aus, „angefangen bei der sozialen
Ordnung über die Moral bis zur sauberen Umwelt.“ 247 Hier besteht die Gefahr der Ausbeutung
nach dem Motto: der Ehrliche bzw. Kooperationswillige ist der Dumme. Homann macht darauf
aufmerksam, dass die Überwindung unerwünschter asymmetrischer Interaktionsstrukturen die
Mitwirkung ausnahmslos aller Akteure bedarf; denn ein einzelner Defektierer kann alle anderen
zur Gegendefektion zwingen und dadurch ein gesamthaft gesehen unerwünschtes Ergebnis
herbeiführen. 248 Wenn beispielsweise eine Unternehmung, die eine Auftragsanfrage für eine
Warenlieferung in ein Kriegsgebiet erhalten hat, davon ausgehen muss, dass der Auftrag ohnehin
ausgeführt wird, entweder durch sie selbst oder durch einen Konkurrenten, dann wird diese
Unternehmung den Auftrag annehmen und nicht bereit sein, freiwillig Marktanteile an einen
Konkurrenten abzugeben. Die fehlende verlässliche Regel zwingt also die Firma – sofern sie
nicht Marktanteile verlieren und Arbeitsplätze riskieren will – zu einem moralisch fragwürdigen
Handeln.
Homanns Fazit lautet: „An der grundlegenden Logik von Dilemmastrukturen in allen
Interaktionen kommt keine Ethik – und keine Pädagogik – vorbei. Will man Dilemmastrukturen
aus ethischen Erwägungen überwinden, muss man eine wirksame Verhaltensbindung der Akteure
zu Wege bringen. (…) Individuelle moralische Vorleistungen laden zur Ausbeutung geradezu
ein.“ 249
2.2.1.4 Der homo oeconomicus als zweites methodologisches Kernelement
Homann rezipiert Karl R. Poppers wissenschaftstheoretische Überlegungen, wonach alle
Theoriebildung weder durch eine Ontologie der Gegenstandsbereiche noch durch eine
lebensweltliche Phänomenologie, sondern durch Problemstrukturen bestimmt sei. 250 Für
Homann bedeutet dies: Weder die Wirtschaft als Gegenstandsbereich noch die
phänomenologisch erkennbare Kolonialisierung der Lebenswelt, sondern die analysierte Problematik
der asymmetrischen Interaktionsstrukturen bestimmen die Forschungsperspektive. Folgerichtig
muss für das hier zur Diskussion stehende Paradigma von folgender Grundfrage ausgegangen
werden: „Nach welchen Regeln wollen Menschen, die immer gemeinsame und konfligierende Interessen zugleich
244
245
246
247
248
249
250
A.a.O., S. 97
A.a.O., S. 114
K. Homann: „Ethik von Ökonomik“, in: Wirtschaftsethische Perspektiven I, a.a.O., S. 23
K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 115
Vgl. a.a.O., S. 115
A.a.O., S. 99
Vgl. a.a.O., S. 116
43
haben, miteinander umgehen?“ 251 Nun stellt sich allerdings zunächst die Frage, welches theoretische
Verhaltensmodell dieser Dilemmastruktur überhaupt zugrunde liegt. Dazu Homann: „Unterstellt
werden ‚rationale‘ i.S. von eigeninteressierte Akteure, also homines oeconomici.“ 252 Homann hält
die Kritik am homo oeconomicus, wonach es sich bei dieser Vorstellung um ein empirisch verkürztes
und normativ gefährliches Menschenbild handle, als nicht überzeugend und der Sache nicht
angemessen. 253 Den homo oeconomicus gibt es zwar nicht, es handelt sich vielmehr „um ein
präempirisches Schema, das die empirische Forschung vor dem richtungslosen Stochern im
Nebel bewahren und ihr statt dessen eine Anweisung geben soll, wo sie was gezielt suchen soll.“ 254
Das bedeutet: Nicht die Vorstellung des homo oeconomicus muss empirisch überprüft werden,
sondern die Ergebnisse, die aufgrund der Leistungsfähigkeit dieses Analyseinstruments gewonnen
werden können. In Ansehung der Problemlage (Dilemmastrukturen) will Homann in der
Funktion und Bedeutung des theoretischen Konstrukts homo oeconomicus eine Revision
vornehmen: Das Modell beansprucht nicht eine Realitätsnähe hinsichtlich der psychologischen
Ausstattung des Menschen, sondern es „bezieht sich vielmehr auf die ‚Situation‘, in der die Menschen
agieren, und die von dieser ‚Situation‘ ausgehenden Handlungsanreize.“ 255 Das Konstrukt homo oeconomicus ist
demnach Teil einer Situationstheorie – und nicht einer Verhaltenstheorie.
Für diese Neufassung des homo oeconomicus rekurriert Homann auf Poppers
methodologisches Element Logik der Situation, dessen Quintessenz er darin sieht, dass es eine gute
methodologische Praxis ist bzw. mehr gelernt werden kann, wenn bei unerwarteten empirischen
Befunden nicht das Rationalitätsprinzip verantwortlich gemacht wird, sondern der Rest der
Theorie – hier die Bedingungen der Situation. 256 Den gleichen Standpunkt vertritt der
amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Gary S. Becker. Der Rückgriff auf eine
Veränderung der Präferenzen ist bei ihm methodologisch verboten, die Ursache überraschender
Ergebnisse muss in nicht ausreichend analysierten Restriktionen gesucht werden. 257 Das als
gegeben vorausgesetzte Präferenzsystem wird vage mit der „menschlichen Natur“ bzw. mit der
allmählichen Selektion von Merkmalen mit besseren Überlebenswerten erklärt. 258 Welche
Bedeutung hat der Begriff „Rationalität“ bei diesem Forschungsstandpunkt? Dazu Homann:
„Rationalität heisst im ökonomischen Handlungsmodell, dass Menschen den Anreizen folgen, die
von der jeweiligen Situation ausgehen.“ 259 Und zwar folgen die Menschen den Anreizen deshalb,
weil sie diese für sich selbst als vorteilhaft bzw. nützlich einschätzen. 260 Nach Becker gilt dies für
sämtliches Verhalten, das heisst, selbst altruistisches Handeln ist als Ausdruck der
Nutzenmaximierung zu werten. 261 Anders gesagt: Was Menschen auch immer tun, sie tun es
wegen ihrem Vorteil. 262 Bezogen auf ein stabiles Präferenzsystem können somit Einkommen,
Vermögen und andere materielle Anreize ebenso als Vorteil wahrgenommen werden, wie etwa
Musse, altruistische Handlungen, Gesundheit und andere nicht auf einen materiellen Inhalt
reduzierbare Phänomene. Denn nicht-egoistische Handlungen dienen letztlich ebenso den
Eigeninteressen, und zwar unabhängig davon, ob dies den Menschen bewusst ist oder nicht. Es
ist leicht nachvollziehbar, dass sich eine so verstandene Ökonomik nicht durch den
Gegenstandsbereich Wirtschaft, sondern durch ihre hochselektive Problemstellung bzw. durch die
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
44
A.a.O., S. 167
A.a.O., S. 95
Vgl. a.a.O., S. 70ff
A.a.O., S. 77
A.a.O., S. 114
Vgl. a.a.O., S. 76
Vgl. G. S. Becker: The Economic Approach to Human Behavior, Chicago 1976, S. 5
Vgl. A.a.O., S. 294
K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 187
Vgl. a.a.O., S. 101
Vgl. G. S. Becker: The Economic Approach to Human Behavior, a.a.O., S. 284
Wenn jedes Handeln als nutzenmaximierendes Verhalten - im Grunde genommen tautologisch - erklärt wird,
(der Akteur wählt die beste Handlung bzw. die beste Handlung ist jene, die vom Akteur gewählt wird), dann
stellt sich allerdings die Frage, wie gehaltvoll diese Erklärungen dann noch sind. Oder anders gefragt: Wie
können allgemeingültige Anreize mit einer tautologischen Formel überhaupt noch geschaffen werden?
ökonomische Methode 263 definieren lässt. Das neue Paradigma der modernen Ökonomik
bedeutet nun, „dass Ökonomen durchgängig nach dem folgenden Schema arbeiten: Akteure
maximieren den Erwartungsnutzen unter Nebenbedingungen. Es zwingt den Theoretiker, die
Erklärung in der ‚Logik der Situation‘ bzw. in den (Änderungen der) Restriktionen zu suchen –
und nicht in der Psychologie, nicht in den (Änderungen der) Präferenzen, auch nicht in einer
Abweichung von der starken Verhaltensannahme, der Maximierungsannahme nämlich, des homo
oeconomicus, und schliesslich auch nicht in moralischem Versagen, was bei manchen
Wirtschaftsethikern begegnet.“ 264
Diese Forschungsperspektive hat nun für die Konzeption einer ethischen Theorie die
folgende grundlegende Konsequenz: Aus methodologischer Sicht kann nicht in die Logik der
Handlungen eingegriffen werden, vielmehr gilt es, die Handlungsbedingungen so zu gestalten,
dass Anreize mit Blick auf moralische Ideale und Ziele resultieren. Dazu Homann in aller
wünschenswerten Klarheit: „Moralische Leitideen setzen sich gesellschaftlich in den Bedingungen
des Handelns durch, nicht in den – entsprechend geläuterten – Motiven oder Handlungsorientierungen.
Bedingungswandel statt Gesinnungswandel lautet inversionstheoretisch die Devise.“ 265 Noch
prägnanter: „Moral tritt also auf in Form von Anreizen, sie wird realisiert im Windschatten von
Anreizen, nicht ohne sie und schon gar nicht gegen sie.“ 266 Bei diesem Standpunkt vermag die
Dichotomie zwischen Egoismus und Altruismus die moralische Handlung nicht von der
unmoralischen zu unterscheiden, die Demarkationslinie verläuft vielmehr entlang der Frage, ob
unerwünschte Dilemmastrukturen überwunden werden können bzw. ob durch das individuelle
Nutzenstreben eine gegenseitige Besserstellung erreicht werden kann. Und genau hier erlangt die
Ökonomik mit der ökonomischen Methode bzw. mit dem homo oeconomicus als unübertroffenes
und unverzichtbares Analyseinstrument 267 ihre grosse Bedeutung. Sie forscht mithilfe der
Annahme einer stabilen menschlichen Präferenzstruktur nach einem lückenlosen positiven
Erklärungszusammenhang des menschlichen Handelns: „Normativität bildet so (lediglich) den
Input in einen vielstufigen Prozeß, der in positiver Analyse erforscht und gemäß diesen positiven
Erkenntnissen politisch implementiert wird. Normativität wird positiv abgearbeitet.“ 268 In diesem Sinne
leistet die (positive) Ökonomik einen eminent wichtigen Beitrag zur (politischen) Implementation
von moralischen Normen; denn als „Kriterium für die Etablierung von Normen kommen nur die
tatsächlichen Wünsche, Interessen, also eine bestimmte Form von ‚Faktizität‘, in Frage, eine empirische
Faktizität also.“ 269
Zusammenfassend kann festgehalten werden: Die Verfolgung des Eigeninteresses ist
nicht als böser Urtrieb des Menschen, der domestiziert werden müsste, zu verstehen. Im
Gegenteil, eine Anreizethik vermag, unter der Voraussetzung einer geeigneten Rahmenordnung,
wohl als einzige, die schwerwiegenden Probleme der modernen Gesellschaft wirksam anzugehen:
„Sie ist in der Lage, die ‚ungesellige Geselligkeit‘ Kants wesentlich präziser zu fassen und mit
konkreteren institutionellen Lösungsmöglichkeiten zu diskutieren, als dies die normativen und
anthropologischen Kategorien Kants konnten.“ 270
263
264
265
266
267
268
269
270
Gary S. Becker untersuchte mittels der ökonomischen Methode Gebiete wie Eheschliessungen, Scheidungen,
Kriminalität, Drogenkonsum oder das Verhalten von Politiker. Dabei zeigt sich als Quintessenz, dass sich das
menschliche Verhalten nicht durch das Entscheidungsgebiet verändert: „Rather, all human behavior can be
viewed as involving participants who maximize their utility from a stable set of preferences and accumulate an
optimal amount of information and other inputs in a variety of markets.“ (G. S. Becker: The Economic Approach
to Human Behavior, a.a.O., S. 14)
K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 76f
A.a.O., S. 199
A.a.O., S. 151
Vgl. a.a.O., S. 82
K. Homann: „Ethik von Ökonomik“, in: Wirtschaftsethische Perspektiven I, a.a.O., S. 24
K. Homann: Anreize und Moral, a.a.O., S. 187
K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 103
45
2.2.1.5 Vertragstheorie als drittes methodologisches Kernelement
Wenn ethischen Anliegen nicht im Handlungs-, sondern nur im Ordnungsbereich Rechnung
getragen werden kann, dann ist es die Aufgabe der Politik, mithilfe von Institutionen 271
Dilemmastrukturen zu etablieren bzw. zu beseitigen, so dass sich für jeden Einzelnen vorteilhafte
Resultate ergeben. 272 Das heisst, moralische Intentionen müssen in Recht überführt werden: „Die
Transformation von Motiven in (Rechts-)Regeln ist die Bedingung für die Universalisierung der
Moral, also kein Verfall, sondern die Chance ihrer Ausdehnung auf anonyme Kontexte.“ 273
Hierbei stellt sich allerdings die Frage, wie im politischen Verfahren die Legitimität der zu
etablierenden Normen und Regeln sichergestellt werden kann. Nach Homann ist die soziale
Ordnung in der modernen Gesellschaft mehr denn je nur dadurch gewährleistet, dass die
Menschen – unabhängig von ihren religiösen und ideologischen Überzeugungen – selbst und
gemeinsam die Regeln festlegen, wie sie miteinander umgehen wollen: „Dies ist der normative
Ausgangspunkt der modernen Demokratie.“ 274 Mit Bezug auf Immanuel Kant und vor allem auf den
Nobelpreisträger James M. Buchanan 275 interpretiert Homann Demokratie nach dem
vertragstheoretischen Modell. Das heisst, nach Homann erlaubt die moderne Vertragstheorie,
„den traditionellen Gedanken der Verbindlichkeit von Normen für das Handeln mit jener der
Aufklärung zu verdankenden Einsicht in die Kontingenz aller Normensysteme zusammendenken und
so etwas wie eine kontingente Verbindlichkeit auszudifferenzieren.“ 276 Das Zusammenspiel von
Kontingenz und Verbindlichkeit gelingt durch die theoretische Unterscheidung zwischen der
Handlungs- und der Regeletablierungsebene. Während für Erstere normative Vorgaben als
Explanans verbindlich festgelegt werden können, sind Normen und Regeln auf der
Regeletablierungsebene kontingent bzw. werden selbst zu Explananda. Um der Kritik gegen die
totalitären Vertragstheorien von Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau wirksam begegnen
zu können, muss nach Homann die Zweistufigkeit der modernen Vertragstheorie hervorgehoben
werden. 277 Das vertragstheoretische Demokratieverständnis soll demnach verhindern, dass sich
die Menschen einer – so Wolfgang Kersting – „unkontrollierten, ungeteilten, weder
gesetzesstaatlich noch verfassungsstaatlich gebundenen Macht“ 278 ausliefern müssen. Die in
Abgrenzung zum Utilitarismus entwickelte moderne Vertragstheorie versteht den Staat nicht
mehr aus einem ursprünglichen Vertrag heraus, vielmehr basiert alles kollektive Handeln auf dem
Paradigma des Vertrages. Daraus resultiert nach Homann gegenüber anderen
Demokratievorstellungen der entscheidende Vorteil, dass als Entscheidungsregel nur die
Einstimmigkeit, der Konsens, in Betracht gezogen werden kann. 279 Fehlt auch nur eine Stimme,
dann ist der Vertag ungültig bzw. dann gelten die Regeln für die nicht zustimmende Person nicht.
Neben der Norm des Konsenses gibt es in der neueren Vertragstheorie einen zweiten
Grundgedanken, nämlich jenen der unaufhebbaren Bedingung der universalen Knappheit:
271
272
273
274
275
276
277
278
279
46
Nach Homann et al. sind Institutionen Regelsysteme, in denen bestimmte Verhaltensweisen verbindlich
vorgegeben sind. Ihr Sinn besteht darin, Verlässlichkeit in der wechselseitigen Verhaltenserwartung
herzustellen, damit Kooperationen kostengünstig und problemlos zum Vorteil aller möglich werden. (Vgl. K.
Homann und A. Suchanek: Ökonomik, a.a.O., S. 21)
Vgl. K. Homann: Vorteile und Anreize, a.a.O., S. 100
K. Homann: Moral in den Funktionszusammenhängen der modernen Wirtschaft, a.a.O., S. 18
K. Homann: Anreize und Moral, a.a.O., S. 88
Der Ökonom Buchanan entwickelte mithilfe der ökonomischen Methode eine Theorie der Verfassung und des
Staates. Nach dieser impliziert die gesellschaftliche Ordnung als solche einen Gesellschaftsvertrag, wobei
zwischen einem konstitutionellen und postkonstitutionellen Vertrag unterschieden wird. Nach Buchanan
besteht die Gefahr, dass wir aufgrund nicht mehr adäquater Institutionen immer mehr in eine Lage geraten, die
mit dem Gefangenendilemma der modernen Spieltheorie illustriert werden kann. Der Gesellschaftsvertrag
bedarf deshalb einer gründlichen Neufassung, vielleicht gar einer echten Revolution. (Vgl. J. M. Buchanan: The
Limits of Liberty. Between Anarchy and Leviathan, Chicago und London 1975, S. IXf)
K. Homann: Anreize und Moral, a.a.O., S. 59f
Vgl. a.a.O., S. 60f
W. Kersting: Die Politische Philosophie des Gesellschaftsvertrags, Darmstadt 1994, S. 101
Vgl. K. Homann: Anreize und Moral, a.a.O., S. 33
„Knapp sind – in dieser Rangfolge – Zeit, Wissen, materielle und immaterielle Güter.“ 280 Nach
Homann lassen sich diese beiden Grundgedanken als Prämissen – Konsens als Major, Knappheit
als Minor – in einem Syllogismus abbilden. 281 Die Conclusio kann dann als das konkrete
Legitimationsverfahren bzw. Organisationsprinzip interpretiert werden, wobei der entscheidende
Punkt in der Evidenz liegt, dass zwischen der Norm des Konsenses und dem Organisationsprinzip die
Randbedingung als ein Dazwischenliegendes mitberücksichtigt werden muss.
Homann et al. verstehen den Konsens also nicht als eine empirische Norm, sondern als
regulative Idee bzw. normative Heuristik. 282 Um diese regulative Idee nachzubilden bzw. zu simulieren,
dienen ein theoretisches sowie ein politisch-praktisches Verfahren: Ersteres geht auf den
Kategorischen Imperativ von Kant zurück, wonach mithilfe eines Gedankenexperiments die
Universalisierbarkeit einer vorgeschlagenen Regel – bei Kant ist es die Maxime – geprüft werden
kann. 283 Ein derart simulierter Konsens kann zwar keinerlei empirische Faktizität für sich in
Anspruch nehmen, gleichwohl kommt ihm als Heuristik für die Prüfung, ob Regeln als
zustimmungsfähig betrachtet werden können, eine wichtige Aufgabe zu. Das politisch-praktische
Verfahren sieht vor, per Konsens festzulegen, spätere verbindliche Entscheidungen unterhalb des
Konsenses zu treffen, allerdings wird den Menschen „ein ursprüngliches Vetorecht gegenüber
allen kollektiven Entscheidungen zugesprochen.“ 284 Durch die Beibehaltung des individuellen
Vetorechts 285 kann die Konsensidee bei allen späteren Regelentscheidungen simuliert bzw.
angenommen werden. Auch bewirkt das Festhalten am Vetorecht eine besonders sorgfältige
Gestaltung der Institutionen, denn vom Vetorecht wird nur dann kein Gebrauch gemacht, wenn
die Gesetze von allen Menschen als vorteilhaft eingeschätzt werden. Von einem Konsens für den
(empirischen) Nicht-Konsens kann nach Homann et al. deshalb ausgegangen werden, weil das
Abgehen vom strikten Konsens wegen der prohibitiv hohen Kosten (z.B. Zeit, Geld, Fähigkeit
oder Wissen) für alle vorteilhaft ausfällt. 286 Als Ergebnis zeigt sich letztlich ein hoch
differenziertes und leistungsfähiges System unterschiedlichster Regeln, wie wir es in den
modernen Demokratien vorfinden. Es beginnt mit den Menschen- und Grundrechten, die wegen
ihrer überaus grossen Bedeutung ein individuelles Vetorecht gegen kollektive Entscheidungen
ohne Abstriche vorsehen, es folgen Verfassung, private Verfügungsrechte usw.: „Dieses
Institutionensystem stellt als ganzes, als aufeinander abgestimmtes und sich vielfältig ergänzendes
und stützendes Regelsystem, die Simulation der regulativen Idee des Konsenses dar. Nicht die
Entscheidung der ‚Mehrheit‘, die immer als Kennzeichen der ‚Demokratie‘ ausgegeben wird,
bildet den Konsens ab, denn die Mehrheit kann die Minderheit ausbeuten, entrechten,
unterdrücken, sondern das gesamte System der Institutionen.“ 287 De facto ergibt sich nach diesem
Konsensverständnis ein Plazet für den Status quo. In der Tat ist nach Homann et al. ein impliziter
Konsens in den bestehenden Gesellschaften gar nicht so abwegig: „Wenn Sie lieber etwas
anderes tun wollten und es Ihnen möglich wäre, das auch zu tun, warum tun Sie es dann nicht?
Und wenn man als Beobachter meint, es wäre doch viel besser, wenn Sie nach anderen Regeln
handelten, als Sie es tun, muss man sich die Frage gefallen lassen, mit welchem Recht man meint,
hier etwas besser wissen zu wollen als die Handelnden selbst. Denkt man genauer darüber nach,
so wird man finden, dass die Idee des Konsenses, wie sie jetzt interpretiert wird, in der Tat
verlangt, den Status quo ernst zu nehmen.“ 288 Die Forderung, den Status quo ernst zu nehmen, wirft
280
281
282
283
284
285
286
287
288
A.a.O., S. 35
Vgl. a.a.O., S. 35f
Vgl. K. Homann und A. Suchanek: Ökonomik, a.a.O., S. 166f
Vgl. a.a.O., S. 167
A.a.O., S. 166
In Bezug auf die Beibehaltung des Vetorechts folgt Homann nicht Buchanan. Wenn ein Kollektiv ermächtigt
ist, unterhalb der Einstimmigkeit Institutionen festzusetzen, dann ist bei Buchanan die Reklamierung einer
Verletzung von Persönlichkeitsrechten inkonsequent und in sich widersprüchlich. (Vgl. J. M. Buchanan: The
Limits of Liberty, a.a.O., S. 43)
Vgl. K. Homann und A. Suchanek: Ökonomik, a.a.O., S. 168
A.a.O., S 168
A.a.O., S. 174
47
allerdings – gerade in wirtschaftsethischer Hinsicht – mehr Fragen auf, als sie zu beantworten
vermag. 289
Wer gestaltet und etabliert die für die Kooperationsgewinne so wichtigen Institutionen?
Die Bürger! Diese Antwort ist für Homann unbefriedigend; es braucht einen Agenten, dem diese
Aufgabe übertragen werden kann: „Der Staat ist eine Organisation, die sich die Bürger zulegen, um
Kooperationsgewinne zu realisieren. Zu diesem institutionellen Arrangement gehört, dass
Einzelne – Agenten, Regierende, Politiker, Bürokraten usw. – mit der Aufgabe des Managements
von Institutionen betraut werden.“ 290 Die Handlungsfelder dieser Agenten sind vielfältig: die
Sicherung des Friedens und des Wettbewerbs gehören ebenso dazu wie die Bildung von
Humankapital oder etwa die Errichtung von Versicherungssystemen. Kommt der Staat der ihm
zugedachten Aufgabe auch wirklich nach? Anders gefragt: Wer soll denn die Wächter (die
staatlichen Agenten) überwachen? Das Theoriekonzept, das sich mit dieser Frage seit den 1950er
Jahren professionell auseinandersetzt, wird als Public Choice-Theory bzw. Neue Politische Ökonomie
bezeichnet. 291 Nach diesem Ansatz gilt der Merksatz: Akteure maximieren ihren (breit gefassten) Nutzen
unter Nebenbedingungen für Politiker ebenso wie für Wirtschaftsaftsakteure. Verhaltensänderungen
gelingen folglich auch bei ihnen nur durch Änderungen der Anreize bzw. Restriktionen und nicht
mithilfe von moralischen Appellen. 292 Mit Verweis auf Schumpeter 293 konstatieren Homann et al.,
dass der wirksamste Anreiz bzw. Kontrollmechanismus der politische Wettbewerb ist. 294
Obschon keineswegs vollkommen zwingt er die Politiker, sich im Sinne des Gemeinwohls zu
verhalten bzw. sich wenigstens nicht allzu weit davon zu entfernen. Das bedeutet: Es ist für die
Politiker letztlich nützlich – für die Wiederwahl, ihr Ansehen oder für ihren Einfluss -, wenn sie
die positive Analyse der aggregierten Folgen alternativer Regeln und Normen berücksichtigen
und den Bürgern institutionelle Arrangements unterbreiten, die das Gedankenexperiment des
hypothetischen Konsenses erfolgreich bestehen konnten. Denn erst dadurch gelingt ein Beitrag
zur sozialen Ordnung – und zur Wiederwahl.
Als Zusammenfassung kann Homanns drittes methodologisches Kernelement wie folgt
festgehalten werden: Die Legitimation der rechtlichen Institutionen ist durch die modernen
Demokratien gewährleistet. Diese, als zweistufige Vertragstheorien ausgelegt, simulieren sowohl
einen theoretischen wie auch einen praktischen Konsens und sind deshalb als Herrschaft aller und
nicht als Herrschaft der Mehrheit aufzufassen.
2.2.2 Wirtschafts- und Unternehmensethik
Homann et al. weisen darauf hin, dass eine wirtschaftsethische Konzeption wesentlich vom
Verständnis der Ökonomik abhängt. Wird Letztere auf den Gegenstand Wirtschaft begrenzt, dann
resultiert eine Ethik für den Bereich Wirtschaft, definiert man dagegen Ökonomik durch eine
bestimmte Fragestellung, die auf alle Gegenstände bezogen werden kann, dann wird
289
290
291
292
293
294
48
Homann verwendet einen vertragstheoretischen Ansatz als methodologisches Element und leitet aus diesem
einen quasi-empirischen Konsens für die bestehenden Gesellschaften ab. Abgesehen von der Problematik, wonach
nicht mehr streng zwischen empirischen Daten und dem methodologischen Standpunkt unterschieden wird, entbehrt
diese Auffassung nicht eines gewissen Zynismus. Denn oft zeigen sich die Änderungsmöglichkeiten bloss in
formaler Hinsicht, realiter gesehen sind Änderungen dagegen für die Individuen häufig aussichtlos, so dass eine
rationale Beurteilung hinsichtlich möglicher Vor- und Nachteile schon gar nicht erst möglich ist.
K. Homann und A. Suchanek: Ökonomik, a.a.O., S. 179
Vgl. a.a.O., S. 187
Vgl. K. Homann: „Ethik von Ökonomik“, in: Wirtschaftsethische Perspektiven I, a.a.O., S. 24
Joseph A. Schumpeter war ein bedeutender österreichischer Nationalökonom. Sein Demokratieverständnis war
untrennbar mit dem Wettbewerbsgedanken verbunden: „Und wir definieren: die demokratische Methode ist
diejenige Ordnung der Institutionen zur Erreichung politischer Entscheidungen, bei welcher einzelne die
Entscheidungsbefugnis vermittels eines Konkurrenzkampfes um die Stimmen des Volkes erwerben.“ (J. A.
Schumpeter: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, 8. Auflage, Tübingen und Basel 2005, S. 427f)
Vgl. K. Homann und A. Suchanek: Ökonomik, a.a.O., S. 193
„Wirtschaftsethik bestimmt als allgemeine Ethik mit ökonomischer Methode.“ 295 Anders gesagt: Weil
Homanns ethische Theorie als Antwort auf die allgegenwärtigen Dilemmastrukturen entwickelt
wurde, vermag sie Lösungen sowohl für das Wirtschaftssystem wie auch für jedes andere
gesellschaftliche Subsystem anzubieten. Da für diese Arbeit jedoch in erster Linie
wirtschaftsethische Aspekte interessieren, sollen in den weiteren Ausführungen die mithilfe von
Homanns allgemeiner Ethik entwickelten Standpunkte bezüglich des Wirtschaftssystems
vorgestellt werden.
2.2.2.1 Wirtschaftsethik als Ordnungsethik
„Wirtschaftsethik befaßt sich mit der Frage, welche moralischen Normen und Ideale unter den
Bedingungen der modernen Wirtschaft und Gesellschaft zur Geltung gebracht werden (sollen).
Wirtschaftsethik ist damit als Versuch zu begreifen, die ursprüngliche Einheit von Ethik und
Ökonomik unter den Bedingungen der Ausdifferenzierung der Gesellschaft und der analogen
Ausdifferenzierung der Wissenschaften deutlich zu machen, ohne in eine vormoderne
Konfundierung von Ethik und Ökonomik zurückzufallen.“ 296 Nach Homanns
wirtschaftsethischer Konzeption, die von der philosophischen Ethik moralische Ideale und Ideen
als Heuristik aufnimmt, werden moralische Normen und Regeln nur dann in der Gesellschaft
einen Eintrag finden, wenn sie mit soviel Anreizen ausgestattet sind, dass jeder Einzelne in der
Annahme der Regeln und Normen für sich einen Vorteil zu erkennen vermag: „Kern und Grund
aller Moral ist und bleibt das individuelle Vorteilsstreben, das individuelle Streben nach Glück, Erfüllung,
Konsum und Genuss.“ 297 Aber wie kann individuelles Vorteilstreben die Moral befördern, wenn
Letztere doch moralischen Idealen wie Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und soziale Ordnung
verpflichtet ist? Die Antwort lautet: „Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die
Rahmenordnung.“ 298 Mit anderen Worten: Unter den Bedingungen der modernen Marktwirtschaft,
die zum Wohle der Konsumenten durch erwünschte Dilemmastrukturen 299 im Wettbewerb
gekennzeichnet ist, darf von den Akteuren nicht gleichzeitig erwartet werden, dass sie sich auch
noch moralisch verhalten und sich dadurch der Gefahr der Ausbeutung durch Mitbewerber
aussetzen. Verlangt wird vielmehr eine zweistufige wirtschaftsethische Konzeption, die zwischen
Handlungsbedingungen und Handlungen unterscheidet. Das bedeutet: Dem Anspruch
moralischer Forderungen wird nicht durch die Handlungen bzw. Spielzüge Genüge getan,
sondern durch die Gestaltung von geeigneten Spielregeln bzw. einer moralischen
Institutionenordnung. Der Markt bzw. Wettbewerb hat sich somit den Interessen der
Gesellschaft unterzuordnen, „er basiert systematisch auf einer normativ vermittelten Ordnung, die sich die
Gesellschaft in einem genuin politischen Einigungsprozess gibt.“ 300 Das heisst: Im Rahmen des
demokratischen Verfahrens einigen sich die Bürger zum Vorteil aller, mit geeigneten Regeln und
Normen erwünschte Dilemmastrukturen im Wettbewerb zu etablieren (z.B. die Privatisierung
von öffentlichen Unternehmen) sowie unerwünschte Dilemmastrukturen – vor allem im Bereich
der öffentlichen Güter (z.B. Moral, Umweltschutz) – zu überwinden. Man kann sich
beispielsweise vorstellen, dass die Menschen darin übereinstimmen, die Differenz zwischen den
höchsten und tiefsten Einkommen in den Organisationen in die Steuerrechnung mit
beträchtlichem Gewicht mit einzubeziehen, damit die Aktionäre ein substanzielles Interesse
bekommen, diese hohen Saläre nicht mehr zu dulden.
295
296
297
298
299
300
K. Homann und Ch. Lütge: Einführung in die Wirtschaftsethik, Münster 2004, S. 19
K. Homann: „Einleitung: Ethik und Ökonomik“, in: Aktuelle Probleme der Wirtschaftsethik, Hrsg. von
K. Homann, Berlin 1992, S. 7f
K. Homann: Anreize und Moral, a.a.O., S. 83
K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 35
Dilemmastrukturen im Wettbewerb sorgen dafür, dass sich die Unternehmen in der Form von besseren
Produkten bzw. tieferen Preisen gegenseitig bekämpfen. Mit anderen Worten: Hier ist das rationale
Eigeninteresse, das zum Defektieren anleitet, für das Wohl der Gesellschaft (Konsumenten) sehr erwünscht.
K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 48
49
Normen und Regeln sind in Homanns ethischer Konzeption grundsätzlich als kontingent
aufzufassen. Das bedeutet: Nur unter der Bedingung bzw. Aussicht, dass die Implementation der
zur Diskussion stehenden Normen und Regeln unerwünschte Dilemmastrukturen zu überwinden
vermag und die Sanktionsfähigkeit durch institutionelle bzw. gesetzliche Arrangements
sichergestellt werden kann, erhalten sie im Rahmen der Interaktionstheorie verbindlichen
Charakter. 301 Diese Verbindlichkeit einer demokratisch zustande gekommenen und hinsichtlich
der sozialen Ordnung geeigneten Rahmenordnung schafft zugleich die Legitimation des
unternehmerischen Handelns, und zwar dahingehend, dass die Gewinnmaximierung 302 geboten ist:
„Ihrer moralischen Pflicht, der Solidarität aller zu dienen, können Unternehmen unter
Bedingungen des – ethisch legitimierten, von einer geeigneten Rahmenordnung gesteuerten –
Wettbewerbs nur entlang der ökonomischen Handlungslogik (‚Gewinnmaximierung‘) dienen und
nicht gegen sie.“ 303
Nach Homann et al. bewirkt die Marktwirtschaft in kleinen, beinahe unsichtbaren
Schritten – langfristig gesehen – eine ungeheure Wohlstandssteigerung der Menschen. 304 Anders
die Nachteile; sie sind plötzlich da und betreffen sehr selektiv bestimmte Personengruppen oder
geografische Regionen: „Es hat keinen Zweck, diese Nachteile der Marktwirtschaft
herunterzuspielen.
Strukturwandel
bedeutet
Eliminierung
bisheriger
Produkte,
Produktionsverfahren und ganzer Berufs- und Industriezweige.“ 305 Die Vorteile der
Marktwirtschaft haben also ihren Preis, auch sind die permanenten Veränderungsprozesse nicht
als „Betriebsunfall“ anzusehen, sondern vielmehr als Bedingung für die weitere Wohlstands- und
Freiheitsvermehrung. Die soziale Marktwirtschaft zeichnet sich nun gerade dadurch aus, dass sie
hierzu eine Lösung anbietet und solche Veränderungen sozialpolitisch abfangen kann. Homann
et al. erheben drei Forderungen an die Sozialpolitik: 306 Erstens dürfen die Nachteile nicht immer
die gleichen Gruppen oder Regionen betreffen, zweitens sollen die notwendigen Massnahmen
nicht nach dem Motto des barmherzigen Samariters verstanden werden: „Wir legen größten Wert
darauf, daß dies vielmehr einen Anspruch der Betroffenen gegenüber der Allgemeinheit darstellt,
weil sie – ökonomisch gesprochen – eine Leistung für die Allgemeinheit erbringen.“ 307 Homann
et al. weisen darauf hin, dass aus demokratietheoretischer Sicht diese soziale Versicherung als die
Bedingung für das Einverständnis zur Marktwirtschaft und Wettbewerb verstanden werden
müsse. 308 Als dritten Grundgedanken fordern Homann et al., dass durch die für viele Menschen
leidvollen inhärenten Bereinigungsprozesse der Marktwirtschaft kein Einzelner aus der
Gesellschaft exkludiert werden darf. 309
Trotz ihrer Vorzüge sind nach Homann et al. die Marktwirtschaften, so wie sie sich
gegenwärtig im Westen präsentieren, nicht in der Lage, die grossen Probleme der Welt zu
bewältigen. 310 Die Gründe sind politischer Natur: „Es fehlt in den Marktwirtschaften des Westens
an Mechanismen, kollektive Selbstbindungen zu etablieren und durchzusetzen, obwohl sie – das
ist die Paradoxie aller Dilemmastrukturen – für alle Gruppen vorteilhaft wären. Es liegen schwere
301
302
303
304
305
306
307
308
309
310
50
Vgl. a.a.O., S. 46
Zwar ist es logisch konsequent, wenn Homann unter geeigneten bzw. ethischen Rahmenbedingungen die
Gewinnmaximierung propagiert. Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass er diese aus methodologischen
Gründen auch braucht; denn eine anreizorientierte Etablierung von Normen und Regeln vermag ohne einen
Fluchtpunkt bestenfalls zufällig Dilemmastrukturen zu überwinden. Dazu Guy Kirsch: „Sollen positive
Deskriptionen oder normative Präskriptionen des menschlichen Entscheidungsverhaltens nicht in der
Leerformelhaftigkeit verharren, so ist es unumgänglich, dass operational feststeht, im Hinblick auf was das
Entscheidungskalkül durchgeführt wird.“ (G. Kirsch: Neue Politische Ökonomie, a.a.O., S. 47)
K. Homann: Gewinnmaximierung und Kooperation - Eine ordnungsethische Reflexion, Kieler Arbeitspapiere Nr. 691 des
Instituts für Weltwirtschaft an der Universität Kiel, Kiel 1995, S. 42
Vgl. K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 57
A.a.O., S. 57
Vgl. a.a.O., S. 58
A.a.O., S. 58
Vgl. a.a.O., S. 58
Vgl. a.a.O., S. 59
Vgl. a.a.O., S. 68
Strukturprobleme des politischen Prozesses vor.“ 311 So geraten die westlichen Regierungen immer
mehr in die Fänge von organisierten Interessengruppen 312, die es verstehen, für sie günstige,
hinsichtlich der Allgemeinheit aber schädliche Regelungen durchzusetzen. Diese Entwicklung
wird zusätzlich dadurch unterstützt, dass hochrangige Politiker primär an ihrer Wiederwahl
interessiert sind und von daher zu ihrem eigenen Vorteil mit bedeutenden organisierten
Wählergruppen einen Pakt eingehen. Durch Protektionismus und eine verfehlte
Subventionspolitik – als sichtbare Zeichen dieses Dilemmas – werden jedoch notwendige
Strukturanpassungen unterbunden, und zwar nicht selten zum Nachteil der Dritten Welt, die
dadurch mit ihren eigenen Produkten nicht konkurrenzfähig ist. Die Ordnungsethik kann hierzu
keine Patentrezepte anbieten, sie kann aber theoretisch aufzeigen, dass die Lösung der kollektiven
Probleme grundlegender institutioneller Reformen bedarf. 313 Dazu ist nicht zuletzt ein tragfähiges
wissenschaftliches Fundament, aber auch die Einsicht der Bürger in grundlegende
Funktionszusammenhänge moderner Gesellschaften vonnöten. 314
Nach Homann vermag die Ökonomik zwar wissenschaftlich fundiert aufzuzeigen, wie
genuin moralischen Anliegen in der modernen Gesellschaft Nachdruck verschafft werden
könnte, nur nimmt die Politik wenig Kenntnis davon. Es besteht somit kaum Aussicht, dass in
absehbarer Zeit realiter von einer moralischen Rahmenordnung ausgegangen werden kann.
Allerdings eröffnet gerade dies den Raum für eine eigenständige Unternehmensethik: „Die aus
systematischen Gründen immer lückenhafte und aus pragmatischen Gründen zunehmend
defizitär werdende Rahmenordnung stellt für uns den systematischen Ansatzpunkt für eine
eigenständige, innovative Unternehmensethik dar“ 315.
2.2.2.2 Unternehmensethik als Handlungsethik
Unter den Bedingungen des Wettbewerbs muss eine wirtschaftsethische Theorie zweistufig, als
Ordnungs- und als Handlungsethik, ausfallen. 316 Erstere beschäftigt sich mit der normativen
Gestaltung von ethischen Rahmenbedingungen und Letztere versucht als Unternehmensethik
unter den gegebenen Bedingungen normative Handlungsempfehlungen auszusprechen.
Angenommen die Bedingungen wären derart, dass moralische Ideale und Ideen nahezu
vollkommen in der Rahmenordnung inkorporiert sind, dann „leitet die Unternehmensethik als
allgemeine Norm ab, daß sich die Unternehmen systemkonform verhalten sollen.“ 317 Mit anderen
Worten: Im Rahmen einer durch die Ordnungsethik ausreichend gestalteten Rahmenordnung
leisten die Unternehmen ihren Beitrag zum moralischen Projekt (indirekt) dadurch, dass sie sich
an diese Rahmenordnung halten und die Gewinne maximieren. Nun zeigt es sich, dass eine
Rahmenordnung immer ethische Desiderate aufweist, sei es wegen der politischen Depravation,
des zeitlich bedingten Hiatus zwischen der Feststellung des Problems und dessen Lösung oder
311
312
313
314
315
316
317
A.a.O., S. 72
Homann bezieht sich auf Mancur Olson, der mit der ökonomischen Methode die Logik des kollektiven
Gruppenverhaltens analysierte. In diesen Untersuchungen konnte Olson aufzeigen, dass die bislang gültige
Annahme, wonach das gemeinsame Interesse an Kollektivgütern gleichsam das individuelle Handeln der
Gruppenmitglieder bestimme, nur für kleinere, privilegierte Gruppen gültig ist. Obschon grosse Gruppen sehr
wohl gemeinsame Interessen haben, sind sie kaum in der Lage, Kollektivgüter bereitzustellen. Der Grund liegt
in den fehlenden Anreizen: Der Einzelne kann seinen möglichen Beitrag zum Kollektivgut kaum wahrnehmen,
zudem wird er vom potenziellen Kollektivgut auch dann profitieren, wenn er seinen Beitrag nicht leistet. Das
hat für grosse, unorganisierte Gruppen wie Konsumenten, Nichtraucher, Steuerzahler usw. gravierende
Konsequenzen; sie bezahlen den Preis der Vorteile, die privilegierte Gruppen für sich ausgehandelt haben: „But
the large unorganized groups not only provide evidence for the basic argument of this study: they also suffer if
it is true.“ (M. Olson: The Logic of Collective Action. Public Goods and the Theory of Groups, London 1971, S. 167)
Vgl. K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 90
Vgl. a.a.O., S. 90
A.a.O., S. 53
Vgl. K. Homann und Ch. Lütge: Einführung in die Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 82
K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 124f
51
wegen möglicher Fehleinschätzungen in Bezug auf die Wirksamkeit der politisch implementierten
Institutionen. Als theoretischen Ansatz für die Unternehmensethik bestimmen Homann et al.
deshalb grundsätzlich die Unvollständigkeit der Verträge, wobei nebst der Rahmenordnung auch
Arbeits-, Dienstleistungs-, Kooperations- und andere für das Unternehmen relevante Verträge
mit eingeschlossen sind. 318 Unvollständig sind die Verträge in dem Sinne, dass grundsätzlich
sowohl Leistungen und Gegenleistungen nicht exakt bestimmt sind, wie auch die Erfüllung nicht
objektiv festgestellt werden kann und von daher nicht justiziabel, sondern nur moralisch
einklagbar ist. 319 Es ist evident, dass in einer globalisierten Wirtschaft, wo unterschiedliche
Rechtssysteme, Gesellschaftsverträge und Religionen aufeinander treffen, unvollständige Verträge
nicht etwa ab-, sondern vielmehr rapide zunehmen. Auch wäre die Ansicht falsch, wonach
unvollständige Verträge partout als ein zu beseitigendes Desiderat aufzufassen sind; denn erstens
senkt die Unvollständigkeit die Kosten der Vertragsausarbeitung und zweitens erhöht sie die
unternehmerische Flexibilität und Produktivität. Aber – und das ist hier das Entscheidende –
diese Unvollständigkeit muss durch die Unternehmen systematisch gemanagt werden, und hierin
liegt denn auch die Aufgabe der Unternehmensethik: „Eigenständiges ‚moralisches‘ Verhalten
von Unternehmen bzw. Akteuren ist dort sinnvoll zu fordern, wo die systematische
Unvollständigkeit von Verträgen kompensiert werden muss.“ 320 Das Adjektiv moralisch ist deshalb
in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt, weil die Motive ökonomischer Natur sind:
„Handlungen von Unternehmen, die prima facie als ‚moralisch‘ erscheinen, dienen dazu, unvollständige Verträge
zu vollziehen, und sie haben deswegen einen ökonomischen Sinn.“ 321 Mit anderen Worten: Die
unvollständigen Verträge evozieren bezüglich potenzieller Interaktionen Unsicherheiten und
verursachen dadurch Transaktionskosten, welche jedoch mithilfe einer ökonomisch
instrumentalisierten Moral reduziert werden können. In Bezug auf die defizitäre
Rahmenordnung, den klassischen Fall eines unvollständigen Vertrages, haben Unternehmen im
Grunde genommen zwei Strategien: 322 Die Unternehmen können erstens mittels einer
Wettbewerbsstrategie versuchen, moralische Anliegen – eigene oder von der Gesellschaft
aufgedrängte – so umzusetzen, dass Wettbewerbsvorteile entstehen und moralische und
betriebswirtschaftliche Ziele sich dadurch ideal ergänzen. Wenn die vorteilhafte
Wettbewerbsstrategie nicht aussichtsreich ist, können Unternehmen zweitens eine politische
Strategie wählen, damit moralisches Verhalten ausbeutungsresistent gemacht werden kann.
Formell ist dies durch ein politisches Engagement und durch gesetzliche Erlasse oder mithilfe
einer zielgerichteten aktiven Mitarbeit auf Verbandsebene möglich. Informell können
Unternehmen mit der Strategie Tit-for-Tat 323 das Verhalten nicht kooperationswilliger
Unternehmen hinsichtlich moralischer Forderungen beeinflussen. Bei den weiteren
unvollständigen Verträgen, insbesondere bei Arbeitsverträgen, dienen „weiche“ Faktoren wie
Fairness, Integrität, Gerechtigkeit oder Vertrauen als unentbehrliches Steuerungsinstrument, um
die Mitarbeiter an die Interessen des Unternehmens zu binden: „Moral i. w. S. übernimmt
Steuerungsfunktionen, ohne Moral in diesem Sinn könnten Unternehmen in turbulenten Umwelten
(des internationalen Wettbewerbs) kaum auf Dauer erfolgreich sein.“ 324 Im Weiteren kann nach
Homann et al. die aus der zweistufigen wirtschaftsethischen Konzeption hervorgehende
Unterscheidung von Spielregeln und Spielzügen auch auf die Binnensicht des Unternehmens
318
319
320
321
322
323
324
52
Vgl. K. Homann und Ch. Lütge: Einführung in die Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 86
Vgl. a.a.O., S. 86
A.a.O., S. 87
K. Homann: Gewinnmaximierung und Kooperation - Eine ordnungsethische Reflexion, a.a.O., S. 18
Vgl. a.a.O., S. 20f
Tit-for-Tat wurde als erfolgreiche Strategie im bereits vorgestellten Gefangenendilemma bekannt. Die
freundliche, auf Kooperation hinausgehende Strategie besagt: „wie du mir, so ich dir!“ Ein Unternehmen
versucht demnach im ersten Zug kooperativ zu handeln und beobachtet dann die weiteren Handlungen seiner
Konkurrenten. Nützen diese die angebotene Kooperation aus, dann bestraft das kooperationswillige
Unternehmen seine Mitbewerber dadurch, dass es mit „gleicher Münze“ zurückzahlt, und zwar solange, bis die
Kooperation realisiert ist. (Vgl. M. J. Holler und G. Illing: Einführung in die Spieltheorie, a.a.O., S. 21)
K. Homann: Gewinnmaximierung und Kooperation - Eine ordnungsethische Reflexion, a.a.O., S. 23
übertragen werden, womit sich die Möglichkeit ergibt, moralisch Erwünschtes vom
Unerwünschten durch die Etablierung von unternehmenseigenen Regeln und Normen zu
trennen. 325 In kleinen, durch face-to-face-Beziehungen charakterisierten Teams kann gar die
traditionelle Individualethik mit ihrer effizienten sozialen Kontrolle, die sich am Modell Ethik
gegenüber dem Nächsten orientiert, durchaus sinnvoll sein. 326
Homanns Unternehmensethik sieht durchaus vor, dass sich Unternehmen für moralische
Anliegen einsetzen. Nicht gefordert wird von ihnen dagegen, dass moralische Intentionen gegen
die ökonomische Vernunft durchgesetzt werden, denn dadurch würde die Gefahr entstehen, dass
der Unternehmer betriebswirtschaftlich hart bestraft wird. 327 Mit anderen Worten: Moral ist
gefordert, wenn sie direkt betriebswirtschaftliche Vorteile zu generieren vermag, geduldet aber
nur dann, wenn sie durch kollektive Bindungen oder gesetzliche Erlasse durch Mitbewerber nicht
ausgebeutet werden kann. Konsequent empfiehlt Homann et al. den Unternehmen einen
Marktaustritt bzw. den Verzicht auf die Herstellung von moralisch fragwürdigen Produkten bzw.
Dienstleistungen nur dann, wenn sowohl die betriebswirtschaftlichen als auch die ethischen
Forderungen nicht erfüllt werden können. 328
2.3 Der konstruktivistische Ansatz von Horst Steinmann und Albert Löhr
Die schamlosen ethischen Verfehlungen unzähliger Unternehmen, die bedenkenlose Ausbeutung
unserer Rohstoffquellen, die zunehmende Zerstörung unserer natürlichen Grundlagen, aber auch
vieles andere mehr, führten dazu, dass eine moralische Stellungnahme seitens der Öffentlichkeit
unvermeidlich herausgefordert wurde. Nach Horst Steinmann und Albert Löhr sollte von der
deutschen Betriebswirtschaftslehre gerade diese aufgekommene offene und weitreichende
Diskussion als Anlass für einen kritischen Neuanfang genommen werden, bei dem man „sich
endlich um eine sinnvolle Verknüpfung mit der ‚praktischen Philosophie‘ bemüht.“ 329 Dass das
Vorhaben, die deutsche Betriebswirtschaftslehre – trotz gescheiterter Versuche – wieder an ihre
ethischen Grundlagen zurückzuführen, keineswegs aussichtslos sein muss, zeigen die USamerikanische und europäische Entwicklung. 330 Mit der Absicht, die Betriebswirtschaftslehre als
normative Handlungswissenschaft zu begreifen, will Steinmann an die Denktradition und
wissenschaftliche Praxis der Betriebswirtschaftslehre anschliessen und zugleich einen deutlichen
Unterschied zur Wissenschaftsauffassung des Kritischen Rationalismus markieren. 331 Mit der
Abgrenzung vom Kritischen Rationalismus stellt sich allerdings die Frage: Welches (andere)
methodologische Fundament soll dann der normativ verstandenen Betriebswirtschaftslehre
zugrunde gelegt werden? Eine geeignete Grundlage finden Steinmann et al. in dem von Wilhelm
Kamlah und Paul Lorenzen in den sechziger Jahren begründeten Konstruktivismus. Das bedeutet:
Mit der vor allem von Friedrich Kambartel, Kuno Lorenz und Jürgen Mittelstrass weiter
entwickelten sprachkritischen Wissenschaftstheorie soll die Vermittlung zwischen der praktischen
Philosophie bzw. Ethik einerseits und der Betriebswirtschaftslehre andererseits gelingen. Ein
Resultat dieser Vermittlungsbemühungen interessiert für diese Arbeit ganz besonders, nämlich
die von Steinmann et al. entwickelte Theorie einer Unternehmensethik. Im Folgenden soll
deshalb die auf der Basis des Konstruktivismus elaborierte Unternehmensethik, einschliesslich
deren theoretische Grundlagen, vorgestellt werden: Dazu werden im ersten Teil die von
Steinmann et al. erkannten Ursachen der aktuellen ethischen Wirtschafts- und
325
326
327
328
329
330
331
Vgl. K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 120
Vgl. a.a.O., S. 120
Vgl. a.a.O., S. 146
Vgl. a.a.O., S. 148
H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, 2. Auflage, Stuttgart 1994, S. 3
Vgl. a.a.O., S. 2
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft. Zur Bedeutung der Konstruktiven Wissenschaftstheorie für die
Betriebswirtschaftslehre, Hrsg. von H. Steinmann, Wiesbaden 1978, S. 73
53
Unternehmensprobleme aufgezeigt; in einem zweiten Schritt sollen dann die theoretischen
Weichenstellungen dargelegt werden, bevor es im dritten und vierten Teil darum geht, die
eigentliche unternehmensethische Theorie, samt deren Möglichkeiten zur Implementation, zu
explizieren.
2.3.1 Über die Gründe des nicht-ethischen Verhaltens der Unternehmen
Steinmann und Löhr konsentieren nicht mit der häufig vorgetragenen Meinung, wonach im
harten Geschäftsleben der Systemcharakter keinen Raum für ethische Überlegungen zulasse. Viel
richtiger sei die Erkenntnis, dass jede Marktwirtschaft nur auf der Grundlage gemeinsamer
Moralvorstellungen wie Vertragstreue, Zahlungsmoral, Respekt für den Marktpartner usw.
überhaupt funktionsfähig ist. 332 Das Argument der Systemzwänge muss deshalb umgedeutet
werden, und zwar so, dass der Wettbewerb Unternehmen tendenziell dazu verleitet, durch die
Herabsenkung der praktizierten Moralstandards sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. 333 Dies
führt dann dazu, dass Mitbewerber aus Wettbewerbsgründen ebenfalls langsam auf den
vorgebahnten Weg des niedrigeren Moralstandards einschwenken müssen 334 und die
Marktwirtschaft, falls sich die Unternehmen nicht auf ethische Anliegen zurückbesinnen,
sukzessive ihre Funktion nicht mehr erfüllen kann.
Nebst diesem allgemeinen, alle Unternehmen einschliessenden Erklärungsgrund gibt es
spezifische Gründe für unethisches Verhalten, die in einem direkten Zusammenhang mit der
Organisationsstruktur, Organisationskultur und der Führung des Unternehmens stehen.
Hinsichtlich der Organisationsstruktur identifizieren Steinmann et al. – mit Bezug auf James A.
Waters 335 – drei ethische Barrieren: 336 Erstens ist die hochgradige Arbeitsteilung, bei der die
Konsequenzen des eigenen Handelns nur noch in beschränktem Masse erkennbar sind, ein
gravierendes Hemmnis für ethische Reflexionen und verantwortungsvolles Handeln. Eine zweite
wichtige Organisationsbarriere wird in der Diffusion der Entscheidungskompetenzen konstatiert; denn
bei hierarchisch abgestuften Entscheidungsstrukturen besteht die grosse Gefahr, dass sich die
Mitarbeiter der tieferen Entscheidungsstufen mit Rahmenbedingungen konfrontiert sehen, die
kaum noch Raum für moralisches Handeln offen lassen. Als drittes und wichtigstes Hindernis
wird die klassische Befehlshierarchie genannt. Steinmann et al. weisen darauf hin, dass die
Befehlsgläubigkeit keineswegs als pathologischer Zug einiger weniger Menschen aufgefasst
werden könne, sondern vielmehr zum Charakter des Durchschnittsbürgers gehöre. 337
Befehlshierarchien ist somit inhärent, dass sie die Motivation der Untergebenen, nicht-ethische
Praktiken zu thematisieren, weitgehend unterminieren.
Anders verhält es sich bei den Barrieren in Bezug auf die Organisationskultur. Jene
wirken sich nicht direkt, zum Beispiel durch die Stellenbeschreibung, auf die Mitarbeiter aus,
sondern erzeugen auf einem höheren Abstraktionsniveau bestimmte Erwartungen beim
konkreten Handeln. Steinmann et al. konstatieren – wiederum auf Waters beziehend – vier
kulturelle Barrieren: 338 Erstens sind strenge Verhaltenserwartungen, die in zugewiesenen Rollen zum
Ausdruck gelangen, für ethische Reflexionen bzw. moralisches Handeln schädlich. Diese
Schranke kommt besonders bei der Eingliederung, also beim organisatorischen
332
333
334
335
336
337
338
54
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 27
Vgl. a.a.O., S. 28
Vgl. a.a.O., S. 28
James A. Waters, früher ausserordentlicher Professor für Managementpolitik an der Universität York, Ontario
(Kanada), hat in seinen Untersuchungen über Preisabsprachen in der amerikanischen Elektroindustrie drei
Barrieren in Bezug auf die Organisationsstruktur und vier Barrieren im Zusammenhang mit der
Unternehmenskultur identifiziert. (Vgl. J. A. Waters: “Catch 20.5: Corporate Morality as an Organizational
Phenomenon“, in: Organizational Dynamics, Vol. 6 (1977/78), Spring 1978, S. 3-19)
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 32-39
Vgl. a.a.O., S. 37f
Vgl. a.a.O., S. 40-44
Sozialisationsprozess, zum Ausdruck; denn hier konnten die neuen Mitarbeiter noch keine
Distanz zu den instruierten Normen und Regeln aufbauen. Eine zweite Schranke wird in der
hohen Gruppenkohäsion gesehen. Diese verhindert eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung
sowohl mit anderen Teams in der Unternehmung als auch mit Menschen ausserhalb der
Organisation. Drittens bedeuten unklare Prioritäten eine wichtige Barriere für ethische Anliegen.
Es ist ein Leichtes, in jedem E-Mail die Führungspersonen darauf hinzuweisen, den Code of
Conduct339 strikte einzuhalten, viel schwieriger ist dagegen, den Inhalt des E-Mails ökonomisch
und ethisch zugleich umzusetzen. Als eine vierte Barriere kann die zurückhaltende
Öffentlichkeitsarbeit der Unternehmen konstatiert werden. Kritische und ethisch relevante
Informationen werden sowohl nach innen wie auch nach aussen nur widerwillig weitergegeben;
eine kritische Auseinandersetzung und Beurteilung bestimmter Tatbestände möchte man schon
gar nicht aufkommen lassen.
Gründe für unethisches Verhalten können im Weiteren beim Führungsverhalten der
Manager geortet werden. Nach empirischen Untersuchungen muss das ethische VorbildVerhalten der Manager eher negativ beurteilt werden. 340 Die prekäre Situation wird noch dadurch
verschärft, dass die Erosion ethischer Standards im Führungshandeln nicht etwa ab-, sondern der
Tendenz nach zunimmt. 341 Besonders jüngere Führungsleute zeigen bei den Untersuchungen ein
ausgeprägt opportunistisches Verhalten. Winken Karrierechancen bzw. monetäre Erfolge, dann
haben ethische Aspekte ganz nach dem Motto: Es schenkt einem keiner etwas, jeder ist sich selbst der
Nächste kaum eine Bedeutung. Dies führt zur unerfreulichen Entwicklung, dass die ohnehin
zunehmende Ich-Zentrierung durch solch ausgeprägtes Streben nach Erfolg, materiellen Gütern
und Genuss noch weiter verstärkt wird. 342 Auch wenn durchaus positive Signale (insbesondere
von weiblichen Führungspersonen) aufgenommen werden können, zeigen die empirischen
Befunde insgesamt ein doch eher pessimistisches Gesamtbild über die moralische Qualifikation
der Manager: „Eingelagert in die Hauptströmung einer opportunistischen Grundorientierung
findet sich zwar hin und wieder ein gewisses Bewusstsein für die ethische Konfliktträchtigkeit des
eigenen Handelns; dieses vermag sich jedoch im harten Führungsalltag offenbar regelmäßig kaum
durchzusetzen.“ 343
2.3.2 Theoretische Weichenstellungen
Das Verständnis einer Betriebswirtschaftslehre, die sich nicht auf die empirische Untersuchung,
wie ökonomische Zwecke am effizientesten erreicht werden können, beschränkt, sondern
darüber hinaus als normative Disziplin auch über die zu befolgenden Zwecke Aussagen macht,
muss zuallererst aufzeigen, wie dieses hoch gesteckte Ziel mit dem Postulat der
Wissenschaftlichkeit in Einklang gebracht werden kann. Zu klären ist also das
wissenschaftstheoretische Fundament und Wahrheitsverständnis dieser dual verstandenen
Betriebswirtschaftslehre.
339
340
341
342
343
Der Ausdruck „Code of Conduct“, auch „Code of Ethics“ genannt, bezeichnet die meist schriftlich abgefassten
Werte, Normen und Regeln, an die sich eine Organisation selbst bindet, um ethischen Anliegen, die nicht durch
das Gesetz geregelt sind, zur Geltung zu bringen. In der angloamerikanischen Business Ethics ist es eines der
wichtigsten Instrumente. (Vgl. A. Crane und D. Matten: Business Ethics. A European Perspective. Managing Corporate
Citizenship and Sustainability in the Age of Globalization, New York 2004, S. 444)
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 46
Vgl. a.a.O., S. 46f
Vgl. a.a.O., S. 50
A.a.O., S. 52
55
2.3.2.1 Wissenschaftstheorie des Konstruktivismus als Grundlegung
Der Erlanger Konstruktivismus, auch Methodischer Konstruktivismus genannt, ist als methodenkritische
Wissenschaftstheorie bekannt geworden, die „die Begründung a l l e r Wissenschaften zum Ziel
hat“ 344. Nach den Vertretern dieser Wissenschaftstheorie ist es um die wissenschaftlichen
Disziplinen gar nicht gut bestellt: „Die Disziplinlosigkeit des monologischen Drauflosschreibens
und Aneinandervorbeiredens in fast allen Bereichen nicht allein der Philosophie und der
Wissenschaft, sondern auch der Literatur, der Kunstkritik, der Politik ist erschreckend, obwohl
gerade dies von den Betroffenen meist gar nicht bemerkt wird, weil es Maßstäbe und Regeln des
disziplinierten Dialogs nicht gibt.“ 345 Die Methode des Konstruktivismus legt den
Wissenschaftlern nahe, ihre impliziten, das heisst nicht reflektierten, Annahmen in künstlicher
Unwissenheit, also ohne Voraussetzungen, aufzuarbeiten und ihre wissenschaftlichen
Sprachgepflogenheiten sprachkritisch zu rekonstruieren. Das bedeutet, „daß wir an keiner Stelle
eines Gedankengangs, der uns als Argument für Behauptungen einerseits, für Aufforderungen
oder Normen andererseits dienen soll, ein Wort gebrauchen, von dessen gemeinsamer
Verwendung wir uns nicht überzeugt haben, und daß wir jede von uns aufgestellte Behauptung,
Aufforderung oder Norm schrittweise begründen, so daß überall dort, wo eine – nach unserem
eigenen Verständnis – neue geistige Leistung (eine Verständnis- oder Erkenntnisleistung) zur
Fortführung des jeweiligen Gedankenganges benötigt wird, diese Leistung in einem eigenen
Schritt ausdrücklich gefordert wird. Durch diese Forderungen ist das Programm der
konstruktiven Methode formuliert.“ 346
Die Reflexion und Analyse der fachwissenschaftlichen Sprachen, aber auch der partiell zu
rekonstruierenden Umgangssprache 347, ist zwar eine notwendige Tätigkeit, gleichwohl nur der
erste Schritt. Mit der Aufnahme der politischen Wissenschaften zum Gegenstand der
Wissenschaftstheorie 348 will der Methodische Konstruktivismus – in Abgrenzung zur analytischen
Wissenschaftstheorie – die Frage nach den Aufgaben der Wissenschaften wieder aufnehmen. 349
In diesem Sinne verstehen die Konstruktivisten das aus Logik, Ethik und Wissenschaftstheorie
zusammengesetzte philosophische Programm als Proto- und nicht als Metawissenschaft. 350 Sie
betrachten es als eine Missdeutung von Wissenschaft, „wenn alle normativen Überlegungen, die
zu den ersten wissenschaftlichen Festlegungen führen, ausgeschlossen werden sollen, und eine
irrige Meinung, wenn es für unmöglich erklärt wird, methodisch über die Aufstellung von
Normen zu reden.“ 351 Nach Lorenzen beginnt sich die Einsicht langsam durchzusetzen, wonach
alle Wissenschaften bzw. Theorien nur aufgrund teilweise bereits gelungener Praxis sinnvoll sind
und letztlich alle Theorien die bereits begonnene Praxis unterstützen. 352 Eindrucksvoll gelingt die
Verbesserung der Praxis den technischen Wissenschaften, allen voran den Naturwissenschaften;
sie stellen mit ihren Theorien geeignete Mittel zur effizienten Erreichung vorgegebener Zwecke
bereit. Aber für die Beratung der Zwecke selbst – als oberste, nicht mehr als Mittel dienende
Zwecke werden die unterschiedlichen Lebensformen gesehen 353 – können die technischen
Disziplinen keinen Beitrag leisten, dazu braucht es nicht-technische Wissenschaften. Aufgrund
344
345
346
347
348
349
350
351
352
353
56
P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, Mannheim, Wien und Zürich 1987, S. 16
W. Kamlah und P. Lorenzen: Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens, 2. Auflage, Mannheim, Wien
und Zürich 1990, S. 11
P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 11
Vgl. P. Lorenzen: „Philosophische Fundierungsprobleme einer Wirtschafts- und Unternehmensethik“, in:
Unternehmensethik, Hrsg. von H. Steinmann und A. Löhr, 2. Auflage, Stuttgart 1991, S. 42
Lorenzen will den aufgekommenen Begriff „Wissenschaftstheorie“ so verwenden, dass dieser das um eine
Teleologie erweiterte Wissenschaftsprogramm bezeichnet. Der Begriff „Methodologie“ sollte dagegen für ein
wissenschaftstheoretisches Programm stehen, das nach geeigneten Wegen und Mitteln für Ziele forscht, die
selbst nicht normativ-kritisch reflektiert werden. (Vgl. P. Lorenzen: „Konstruktive Wissenschaftstheorie und
Praxis“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 14)
Vgl. P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 9
Vgl. P. Lorenzen: Konstruktive Wissenschaftstheorie, Frankfurt a. M. 1974, S. 126
P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 14
Vgl. a.a.O., S. 18
Vgl. a.a.O., S. 18
der bestehenden politischen Praxis der Gesetzgebung, die nach Lorenzen seit der Aufklärung
unverträgliche Lebensformen zu überwinden versucht, zeigt sich für die politischen
Wissenschaften eine vorwissenschaftliche Praxis ebenso wie bei den technischen Disziplinen. 354
Mithilfe der kritischen Rekonstruktion der Sprache, die nichts anderes als die Konstruktion einer
kritischen Genese eines Systems von Kulturnormen ist 355, können deshalb Ziel und Aufgabe der
politischen Wissenschaften begründet werden: „Die Argumentationspraxis der Politiker ist für
dieses ‚ethische‘ Ziel [unverträgliche Lebensformen zu überwinden, JN] durch politische
Wissenschaften als theoretische Instrumente zu stützen. Nur theoriegestütztes Argumentieren
kann zu freiem (d.h. nicht erzwungenem) Konsens über die normative Ordnung unseres
Zusammenlebens führen.“ 356 Mit anderen Worten: Nach der konstruktiven Wissenschaftstheorie
sollen politische Wissenschaften die politische Praxis befähigen, das ihr immer schon zugrunde
liegende ethische Ziel zu erreichen, nämlich Konflikte über unverträgliche Zwecke bzw.
Lebensformen durch den freien Konsens zu beseitigen. Die grundsätzliche Fähigkeit, auf einen
Konsens hinzuarbeiten, besitzen wir, und zwar kraft unserer Vernunft: „Per definitionem ist
derjenige ‚vernünftig‘, dessen Bildung nicht Subjektivität, sondern gerade Überwindung der
Subjektivität hervorgebracht hat.“ 357 Das Vernunftprinzip, mit dessen Hilfe die Subjektivität
transzendiert werden kann, nennen die Konstruktivisten das Prinzip der Transsubjektivität. 358
Die konstruktive Wissenschaftstheorie vertritt die Konsensus-Wahrheitstheorie. 359 Das
heisst, die Wahrheit ergibt sich durch die interpersonale Verifizierung bzw. Homologie 360. Mit
diesem Wahrheitsbegriff, der nach Bodo Abel von der Wahrheitsfeststellung nicht unterschieden
werden kann361, ist die Voraussetzung geschaffen, sowohl über Normen wie auch über
Sachverhalte rational entscheiden zu können. Dadurch gelingt es einer nach dem Prinzip der
Transsubjektivität eingeübten Argumentationspraxis, – in nicht dezisionistischer Manier – die
„Basis aller weiteren Differenzierungen bis zu den Fachwissenschaften hin“ 362 zu legen. So auch
für die Ethik als Wissenschaft, die wie andere Disziplinen nur deshalb begründet werden kann,
weil deren Grundanliegen bereits vorwissenschaftliche politische Praxis ist bzw. weil die Lösung
von Konflikten unverträglicher Zwecke die vorwissenschaftliche politische Praxis überhaupt erst
konstituierte: „Und eine Ethik (das ist hier die vorgetragene These) läßt sich als eine begründete
Wissenschaft auf der Basis der politischen Praxis nur dann aufbauen, wenn aus der
posttraditionalen Not dieser Praxis das Denken um des Friedens willen – zunächst in
vorwissenschaftlicher Weise – schon begonnen hat.“ 363
Das Friedensziel selbst kann allerdings so wenig wie die Effizienz für die technischen
Wissenschaften begründet werden, vielmehr gilt: „das praktische Ziel des Friedens begründet
ethisch-politische Wissenschaften.“ 364 Hans Albert, nebst Karl R. Popper der einflussreichste
Vertreter des Kritischen Rationalismus im deutschsprachigen Raum, kontert die Angriffe des
Konstruktivismus mit dem Hinweis, dass Lorenzen trotz Einsicht in den Abbruch der
354
355
356
357
358
359
360
361
362
363
364
Vgl. a.a.O., S. 18
Vgl. P. Lorenzen: Konstruktive Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 130
P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 18
A.a.O., S. 25
Vgl. P. Lorenzen: „Konstruktive Wissenschaftstheorie und Praxis“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative
Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 25
Vgl. W. Kamlah und P. Lorenzen: „Wahrheit und Wirklichkeit. »Wahr« und »falsch« (die interpersonale
Verifizierung)“, in: Wahrheitstheorien. Eine Auswahl aus den Diskussionen über Wahrheit im 20. Jahrhundert, Hrsg. von
G. Skirbekk, 6. Auflage, Frankfurt a. M. 1992, S. 487
Nach Kamlah wurde die Übereinstimmung zwischen dem Sprecher und den Gesprächspartnern in der
Sokratischen Dialogik „Homologie“ genannt. (Vgl. W. Kamlah und P. Lorenzen: „Wahrheit und Wirklichkeit“,
in: Wahrheitstheorien, a.a.O., S. 487)
Vgl. B. Abel: Grundlagen der Erklärung menschlichen Handelns. Zur Kontroverse zwischen Konstruktivisten und Kritischen
Rationalisten, Tübingen 1983, S. 22
P. Lorenzen: „Konstruktive Wissenschaftstheorie und Praxis“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative
Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 25
P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 239
P. Lorenzen: „Philosophische Fundierungsprobleme einer Wirtschafts- und Unternehmensethik“, in:
Unternehmensethik, a.a.O., S. 58
57
Normenrechtfertigung an der Idee eines gesicherten Anfangs festhalte. 365 Der Vorwurf einer
dogmatischen Position wird von Lorenzen mit dem Hinweis abgewehrt, dass die methodische
Rekonstruktion des Redens und Handelns gerade auch deshalb angestrengt werde, um dieses
Vorverständnis kritisch zu überprüfen und nötigenfalls auch verändern zu können. 366 Zudem
seien die faktischen Normen der Gegenwart lediglich das Material der ethisch-politischen
Wissenschaften, deren Aufgabe darin bestehe, „in transsubjektiver Weise Normen vor anderen
auszuzeichnen, so daß Vorschläge zur Änderung von Normen formuliert werden können.“ 367
Diese Aussagen können allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass die Revidierbarkeit,
zumindest hinsichtlich des ethischen Ziels (Konsenssicherung), nicht vorbehaltlos gewährleistet
ist. 368
2.3.2.2 Die Betriebswirtschaftslehre als technisch-normative Wissenschaft
Aus den Prinzipien des Konstruktivismus leitet Steinmann drei Aufforderungen an die
Betriebswirtschaftslehre ab: 369 Diese soll sich erstens als Kulturwissenschaft begreifen, die das
ökonomische Handeln der Menschen in den Unternehmen untersucht; zweitens soll sie sich als
normativ-kritische Wissenschaft sehen, die auch Aussagen über die Zwecke des ökonomischen
Handelns macht; drittens soll die Betriebswirtschaftslehre, im Sinne einer praxisorientierten
Wissenschaft, mittels Gestaltungsempfehlungen mithelfen, Probleme aus der Lebenspraxis 370 zu
lösen. In der Folge sollen diese drei Aufgaben näher erörtert werden.
Die Entscheidung, die Betriebswirtschaftslehre als Kultur- und nicht als
Naturwissenschaft aufzufassen, geht einher mit der begrifflichen Unterscheidung zwischen
Handeln und Verhalten der Menschen. Während Ersteres auf ein intentionales, absichtgeleitetes
Tun im Sinne eines Kulturphänomens verweist, wird Verhalten als natürliche, beispielsweise
physiologische oder emotionale, Reaktion begriffen. Weil der Mensch mehr ist als nur ein
technisch-effizienter Raubaffe 371, bedarf es eines anderen (idealistischen) Menschenbildes, das
zum Ausdruck bringt, dass der Mensch in allererster Linie fähig ist, Kultur zu schöpfen und
immer erst in diesem Vollzug seine Grenzen zu erkennen vermag. Die Betriebswirtschaftslehre
als der Kulturwissenschaft zugehörig zu begreifen, wäre nach Steinmann ohnehin wenig
umstritten, wenn nicht wegen der Rezeption des Kritischen Rationalismus das traditionelle
Selbstverständnis zugunsten einer verhaltenswissenschaftlichen Orientierung in Gefahr geraten
365
366
367
368
369
370
371
58
Vgl. H. Albert: Traktat über kritische Vernunft, 5. Auflage, Tübingen 1991, S. 249
Vgl. P. Lorenzen: Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie, a.a.O., S. 20
P. Lorenzen: „Konstruktive Wissenschaftstheorie und Praxis“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative
Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 27
Wie fundamental das ethische Konsensziel eingebettet ist, zeigt die Aussage von Paul Lorenzen: „Ich kann hier
nur trocken versichern, daß in der konstruktiven Wissenschaftstheorie eine - insbesondere für den Zweck der
Einigung über Zwecke geeignete - Syntax logisch-elementarer Sätze ausgearbeitet worden ist, dann eine
Einführung der logischen Partikeln (Junktoren und Quantoren) bis hin zu den Modalitäten, die im Deutschen
wildwüchsig als ‚notwendig und möglich‘ bzw. ‚geboten und erlaubt‘ bekannt sind.“ (P. Lorenzen:
„Konstruktive Wissenschaftstheorie und Praxis“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft,
a.a.O., S. 24f). Wenn nun aber das ethische Ziel in die allen anderen Wissenschaften zugrunde gelegte Logik
bzw. Wissenschaftssprache eingelassen ist, dann ist dieses ethische Ziel als apodiktisch ausgezeichnet. Denn
eine wissenschaftliche Kritik hinsichtlich dieses ethischen Ziels wäre gleichbedeutend mit einem performativen
Widerspruch.
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 73
„Unter ‚Lebenspraxis‘ ist dabei genauer das über Normen und Zwecke vermittelte (sprachliche und
nichtsprachliche) Handeln von Personen oder Gruppen zur Befriedigung von Bedürfnissen in (historisch
entstandenen) konkreten gesellschaftlichen Situationen zu verstehen.“ (H. Steinmann: „Die
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative
Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 95)
Vgl. P. Lorenzen: „Philosophische Fundierungsprobleme einer Wirtschafts- und Unternehmensethik“, in:
Unternehmensethik, a.a.O., S. 48
wäre. 372 Damit die Betriebswirtschaftslehre wieder auf den rechten Weg geführt werden kann, soll
nicht weiter nach ontischen Realitäten, sondern nach vorteilhaften Lösungen für die Praxis
gesucht werden 373. Mit anderen Worten: Allgemeine Erklärungen sind mithilfe praktischer
Erfahrungen zu gewinnen und sollen nicht auf logisch abgeleitete und empirisch überprüfte Sätze
reduziert werden. Um aus praktischen Erfahrungen allgemeine Aussagen elaborieren zu können,
bedarf es allerdings eines methodischen Verstehens. Dieses besteht darin, Handlungen auf
vermutete Zwecke hin zu deuten und die antizipierten Argumentationen mit den tatsächlich
verfolgten Zwecken zu vergleichen. 374 Aus bewährten Handlungszwecken können dann
allgemeine Aussagen abgeleitet werden, so dass gesagt werden kann, dass in bestimmten
Situationen auf eine bestimmte Art und Weise gehandelt wird. „Allerdings ist dabei immer zu
bedenken, daß eine solche Prognose nur auf die Tendenz zur Ausführung einer Handlung
hindeutet; denn (erfreulicherweise) haben Menschen (als handelnde) die Möglichkeit, ihre
Zwecke zu ändern.“ 375
Die zweite vom Konstruktivismus an die Betriebswirtschaftslehre herangetragene
Forderung, sich nämlich als normativ-kritische Wissenschaft zu verstehen, impliziert deren
Unabhängigkeit von der Volkswirtschaftslehre. Konkreter gesagt: Die konstruktive
Betriebswirtschaftslehre ist nicht derart in die Volkswirtschaftslehre eingebettet, dass sie von der
Pflicht zur normativen Diskussion der verfolgten Ziele entlastet wäre. Es ist evident, dass dieses
Verständnis unvereinbar ist mit dem Postulat der Werturteilsfreiheit 376, nach dem sich die
betriebswirtschaftliche Disziplin im Grunde genommen „hypothetisch jedem denkbaren Interesse
zuwenden“ 377 könnte. Der konstruktiven Betriebswirtschaftslehre geht es vielmehr gerade darum,
nicht nur hinsichtlich der Bewältigung des (technischen) Problems der Güterknappheit einen
Beitrag zu liefern, sondern – noch vorher – will sie in Bezug auf die (normative) Frage, mit
welchen Leistungen die Lebenspraxis realiter verbessert werden kann bzw. welche Ziele fundiert
begründet werden können, Hilfestellungen abgeben. 378 Aber wie gelingt eine begründete 379
normative Basis? Keinesfalls darf die bestehende Wirtschafts- und Unternehmensverfassung
unbesehen als diese ausgezeichnete normative Grundlage angenommen werden; denn ob gerade
sie unsere Lebenspraxis tatsächlich verbessert, muss sich erst noch erweisen. Dazu soll in einem
ersten Schritt, mithilfe einer methodisch geleiteten faktischen Genese (Kulturdeutung), Klarheit
über den Grund der aktuell vorliegenden Normen und Ziele erzielt werden. 380 In einem zweiten
Schritt soll dann, im Rahmen einer normativ-kritischen Genese (Kulturkritik) und mittels des
Transsubjektivitätsprinzips, überprüft werden, ob die faktische Geltung auch einem freien
Konsens standhält. 381 Würde sich die bestehende Wirtschafts- und Unternehmensverfassung als
nicht gerechtfertigt herausstellen, dann müssten Vorschläge zu deren Verbesserung ausgearbeitet
372
373
374
375
376
377
378
379
380
381
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 75
Vgl. G. Rusch: „Konturen konstruktivistischer Ökonomik“, in: Konstruktivistische Ökonomik, Hrsg. von
G. Rusch, Marburg 2006, S. 8
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 79f
A.a.O., S. 83
Friedrich Kambartel betrachtet den Werturteilsstreit als erledigt; denn sowohl für die Begründung von Normen
wie auch für Tatsachenbehauptungen lässt sich nichts Besseres finden als die Übereinstimmung der am Diskurs
beteiligten Personen. (Vgl. F. Kambartel: „Ist rationale Ökonomie als empirisch-quantitative Wissenschaft
möglich?“, in: Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 61)
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 85
Vgl. a.a.O., S. 90
Nach dem Konstruktivismus bzw. konstruktiven Betriebswirtschaftslehre verweist der Begriff „Begründung“
nicht auf ein Begründungspostulat im Sinne einer Letztbegründung: „Eine Theorie heißt begründet, wenn sie
ohne Lücken und Zirkel ist und sich Probleme des Anfangs pragmatisch lösen lassen.“ (W. Braun: Konstruktive
Betriebswirtschaftslehre. Eine wissenschaftstheoretische Einführung, Wiesbaden 1985, S. 7)
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 91
Vgl. a.a.O., S. 91
59
werden, die dann mittels Kulturreform umzusetzen wären. 382 Die Meinung, die Aufgaben der
Betriebswirtschaftslehre historisch verfassen zu können, ist nach Steinmann gleichermassen
irrtümlich wie die Auffassung, „hier und heute die institutionellen Voraussetzungen für einen
‚rationalen Dialog‘ (oder eine ideale Kommunikationsgemeinschaft im Sinne von Apel und
Habermas) herzustellen.“ 383 Mit der dritten vom Konstruktivismus abgeleiteten Aufforderung,
Empfehlungen für das praktische Handeln abzugeben, „erhalten die beiden anderen erst
Richtung und Sinn.“ 384 Mit anderen Worten: Erst wenn geklärt ist, welche Zwecke erstens die
Menschen als sinnvoll erachten und befolgen und zweitens die angestrebten Ziele solide begründet
vorliegen, ist der Weg offen für eine wissenschaftliche Praxis, die sich in den Dienst stellt, unsere
immer schon bestehende Lebenspraxis zu befördern. Für die Betriebswirtschaftslehre ergibt sich
somit die Aufgabe, Lösungen für Probleme anzubieten, „die sich in der Lebenspraxis im Rahmen
menschlichen Handelns zur Bedürfnisbefriedigung gerechtfertigt stellen“ 385. Denn gerade die
Lebenspraxis zeigt, dass längst nicht alle praktischen Handlungen, sei es wegen
Mangelsituationen, gegenseitiger Störung bzw. Behinderung oder falsch verstandener
Kommunikation, hinsichtlich der Zweckverfolgung erfolgreich sind.
Aus diesen Überlegungen heraus lässt sich nun für die Betriebswirtschaftslehre folgende
ganzheitliche Aufgabe bestimmen: „Betriebswirtschaftslehre stellt als Wissenschaft
Entscheidungshilfen für die betriebswirtschaftliche Praxis zur Verfügung; ihr Ausgangspunkt sind
betriebswirtschaftliche Probleme der Praxis, die aus Konflikt- und Mangelsituationen resultieren,
Ziel ihrer theoretischen Bemühungen ist es, einen Beitrag zu leisten zur vernünftigen Bewältigung
dieser Probleme in Form von Gestaltungsempfehlungen für das praktische Handeln.“ 386 Mit
anderen Worten: Die Verfolgung unterschiedlicher Lebensformen, aber auch der Mangel an
sowohl natürlichen wie auch künstlichen Erzeugnissen, führen zu Konflikten zwischen den
Menschen und zur Faktizität, dass nicht alle ihre angestrebten Zwecke gleichermassen erfolgreich
zu erreichen vermögen. Indem die Betriebswirtschaftslehre mit ihren wissenschaftlichen
Erkenntnissen die Unternehmen befähigt, durch das Anbieten von Gütern, Dienstleistungen,
Arbeitsplätzen, Führungsaufgaben usf. einen gesellschaftlichen Beitrag für das erfolgreiche
Anvisieren unterschiedlicher Zwecke zu leisten, zeigt sich die Konfliktlösung bzw.
Friedenssicherung als ihre grundlegende (ethische) Aufgabe. Die konstruktive
Betriebswirtschaftslehre kann in diesem Sinne als Politik mit anderen Mitteln aufgefasst werden.
2.3.3 Unternehmensethik als angewandte Ethik
Das Verständnis von Betriebswirtschaftslehre als einer technisch-normativen Wissenschaft hat
Auswirkungen auf die Empfehlungen zur Unternehmensführung. Dadurch, dass das einzelne
Unternehmen sich nicht ohne Weiteres auf das Gewinnstreben konzentrieren kann, sondern
ebenso aufgefordert ist, den in der Betriebswirtschaftslehre eingelassenen Gedanken der
Konfliktlösung aufzunehmen, zeigt sich für die Unternehmensleitung eine doppelte Aufgabe:
„Die Unternehmensführung nimmt in modernen Gesellschaften eine duale Rolle wahr. Sie leistet
einen (indirekten) Beitrag zum gesellschaftlichen Frieden und zur Weiterentwicklung der
Gesellschaft, indem sie Güter und Dienstleistungen auf dezentralen Märkten zur Verfügung
stellt.“ 387 Nach Steinmann und Löhr soll eine unternehmensethische Theorie das Unternehmen in
dieser Doppelrolle unterstützen und deshalb im Kern so konzipiert sein, dass zwischen den
unternehmerischen bzw. marktwirtschaftlichen Leistungen einerseits und dem übergeordneten
382
383
384
385
386
387
60
Vgl. a.a.O., S. 91
A.a.O., S. 91
A.a.O., S. 92
A.a.O., S. 92
A.a.O., S. 97
G. Bentele et al.: „Dialogorientierte Unternehmenskommunikation. Ein Handlungsprogramm für die
Kommunikationspraxis“, in: Dialogorientierte Unternehmenskommunikation. Grundlagen - Praxiserfahrungen Perspektiven, Hrsg. von G. Bentele et al., Berlin 1996, S. 451
(ethischen) Ziel der Friedenssicherung andererseits vermittelt werden kann388, und zwar mittels
Dialog: „Unternehmensethik soll dialogisch verstanden werden, nicht monologisch und auch nicht
dogmatisch.“ 389 Damit ist nichts Anderes gemeint, als dass dieser unternehmensethischen
Konzeption – trotz Unterschiede in den Fundierungsproblemen 390 – das Moralprinzip der
Diskursethik zugrunde liegt: „Die politisch begründete Ethik führt in den Anwendungen (hier
auf die Unternehmensethik) zu genau denselben Forderungen an das Argumentieren, wie die
»Diskursethik« der Frankfurter Schule von Habermas und Apel.“ 391 Das heisst, ethisch relevante
Normen werden nach dem Prinzip der gleichberechtigten, dialogischen und auf einen Konsens
hinzielenden Verständigung erarbeitet.
Die nachhaltig gesicherte Teilnahme an der Marktwirtschaft verlangt von den
Unternehmen eine sorgfältige Beachtung der Liquidität und Rentabilität. Mit anderen Worten:
Unternehmen müssen Gewinne erwirtschaften. Nach Steinmann und Löhr ist das Gewinnprinzip
durch die bestehende Wirtschaftsordnung, wegen deren hohen Effizienz in der Lösung des
Koordinationsproblems und des daraus resultierenden Beitrages für die Friedenssicherung,
rechtlich abgesichert und wirtschaftsethisch legitimiert. 392 Damit zeigt sich ein deutlicher
Gegensatz zu Peter Ulrich, der die herrschende Marktwirtschaft als Grossideologie der
Gegenwart begreift und deshalb fordert, dass die einzelnen Gewinnstrategien der Unternehmen,
zwecks Sicherung einer legitimen Wertschöpfung, „in einem unernehmenspolitischen
Deliberationsprozess mit allen «Stakeholdern» vorbehaltlos zur Disposition zu stellen und
gegenüber allen Betroffenen zu begründen“ 393 sind. Für Steinmann et al. besteht allerdings kein
Zweifel, dass die kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht verhindern kann, dass im Rahmen des
konkreten Gewinnstrebens seitens der einzelnen Unternehmen nicht gleichwohl Konflikte
entstehen. Weil der Verweis auf die wirtschaftsethisch legitimierte Wirtschaftsordnung dann aber
inkonsistent wäre (die angewandten Regeln haben ja offensichtlich die von der
Wirtschaftsordnung erwartete friedensstiftende Wirkung nicht erfüllt), bedarf es einer subsidiären
Legitimation. 394 Mit anderen Worten: Anders als in der Theorie von Karl Homann, in der aus der
ethischen Richtigkeitsvermutung der Rahmenordnung gewinnmaximierendes Handeln abgeleitet
wird (vgl. S. 41), kann nach Steinmann et al. dem Gewinnprinzip die Richtigkeitsvermutung nur
im Allgemeinen, aber nicht im Besonderen unterstellt werden: „Deshalb ist jede
unternehmerische Tätigkeit im Einzelfall noch einmal daraufhin zu befragen, ob sie tatsächlich
konsensfähig ist.“ 395 Es gilt also, die einzelnen Situationen des unternehmerischen
388
389
390
391
392
393
394
395
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 95
H. Steinmann und A. Löhr: „Einleitung: Grundfragen und Problembestände einer Unternehmensethik“, in:
Unternehmensethik, a.a.O., S. 13
Horst Steinmann und Andreas Georg Scherer monieren am universellen Geltungsanspruch der Diskurstheorie
die Annahme einer universellen geschichtlichen Sprachgemeinschaft: „Es scheint so, als hätten die
Transzendentalpragmatik und auch Habermas bei ihrer Konzentration auf die formalen Aspekte des Argumentierens
übersehen, daß mit der Formulierung sogenannter »formaler« Grundsätze zugleich auch eine bestimmte
praktische inhaltliche Lebenserfahrung artikuliert wird. Andernfalls ließe sich nämlich gar nicht verstehen, was es
heißt, »zwanglos«, »unvoreingenommen«, »mit gleicher Chance« etc. zu argumentieren.“ (H. Steinmann und A.
G. Scherer: „Interkulturelles Management zwischen Universalismus und Relativismus. Kritische Anfragen der
Betriebswirtschaftslehre an die Philosophie“, in: Zwischen Universalismus und Relativismus. Philosophische
Grundlagenprobleme des interkulturellen Managements, Hrsg. von H. Steinmann und A. G. Scherer,
Frankfurt a. M. 1998, S. 55). Der Methodische Konstruktivismus möchte diesen Problemfall nicht
ausklammern und nicht erst dort beginnen, wo eine universelle Kultur des Argumentierens bereits etabliert
werden konnte. Anstatt mit allgemeinen Prinzipien und Begriffen zu arbeiten, „scheint es erforderlich, an den
konkreten Problemen selbst anzusetzen und zu versuchen, von hier aus transsubjektiv orientierte Lösungen zu
erarbeiten.“ (H. Steinmann und A. G. Scherer: „Interkulturelles Management zwischen Universalismus und
Relativismus“, in: Zwischen Universalismus und Relativismus, a.a.O., S. 73)
P. Lorenzen: „Philosophische Fundierungsprobleme einer Wirtschafts- und Unternehmensethik“, in:
Unternehmensethik, a.a.O., S. 64
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 105
P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 439
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 105
A.a.O., S. 107
61
Gewinnstrebens in ein Verhältnis zur Ethik zu bringen: „Unternehmensethik fordert eine
situationsgerechte Anwendung des Gewinnprinzips. Die Unternehmensethik zielt auf solche
Situationen ab, in denen die Orientierung des unternehmerischen Handelns am Gewinnprinzip
im Hinblick auf den gesellschaftlichen Frieden problemträchtig ist.“ 396 Dass das einzelne konkrete
Gewinnstreben konsequent dem ethischen Ziel der Friedenssicherung unterzuordnen ist, zeigen
Steinmann und Löhr mit ihrer Forderung, wonach durchaus – als letzte Konsequenz, wenn keine
konsensfähige Strategie erarbeitet werden konnte – die Stilllegung einer Organisation
unternehmensethisch gefordert werden kann. 397 Mit dem Postulat, das Gewinnstreben der
jeweiligen Situation anzupassen, also mögliche Gewinnchancen bewusst auszulassen, stellt sich
die wichtige Frage nach dem Spielraum, den die Unternehmen vorfinden und nutzen können,
ohne sogleich das Unternehmen in der Existenz gefährden zu müssen. Nach Steinmann et al.
sind solche Spielräume faktisch denn auch gegeben und in der Praxis kaum bestritten. 398 Wie
gross sie jeweils sind, hängt allerdings nicht nur von der Organisation selbst ab, sondern ebenso
von der Wirtschaftsordnung und der Wettbewerbsintensität der betreffenden Branche.
Die situationsgerechte Anwendung des Gewinnprinzips lässt sich mit zwei
unternehmensethischen Forderungen präzisieren: Erstens sollen Unternehmen die von der
Wirtschaftsordnung vorgesehene Freiheit verantwortungsvoll nutzen, indem sie konsensfähige
Strategien erarbeiten. 399 Mit anderen Worten: Die Unternehmen sind gefordert, eine
konsensfähige Strategie mit konkreten Sachzielen und damit verbundenen operativen
Managementprozessen so zu erarbeiten, dass die Interessen der Betroffenen berücksichtigt und
mögliche Konflikte im Vorneherein verhindert werden können. Mit der konsensfähigen
Unternehmensstrategie wollen Steinmann et al. im Weiteren an die originäre Funktion
(Konfliktbewältigung) der Unternehmen erinnern und ebenso auf die tiefe Einsicht hinweisen,
dass nicht das Gewinnstreben an sich ethisch fragwürdig ist, sondern die Art und Weise, wie es
befolgt wird. 400 Die zweite unternehmensethische Forderung im Zusammenhang mit der
Handhabung des Gewinnprinzips betrifft nicht die Unternehmensstrategie, sondern die gesamten
operativen Managementprozesse: „Die Unternehmensethik ist überall dort als ein kritisches
Regulativ gefordert, wo die Effizienzorientierung der Managementfunktionen bei der
Strategierealisierung zu Konflikten führt.“ 401 Nach Steinmann et al. können die Unternehmen
gerade durch situationsgerechte und dezentrale Konfliktlösungen, die weder in der strategischen
Konzeption erkannt noch durch gesetzliche Bestimmungen verhindert werden können, einen
weitreichenden Beitrag zum Gemeinwohl leisten. 402 Nicht zum Gegenstand der
Unternehmensethik gehören hingegen all jene unternehmerischen Aktivitäten, die sowohl
ethische wie auch ökonomische Anliegen befördern; denn hier besteht kein Konflikt, sondern
Harmonie zwischen Nachfragern und Anbietern. 403 Anders gesagt: Weil mit der harmonischen
Bedürfnisbefriedigung das Unternehmen genau das leistet, was ihm von der
Betriebswirtschaftslehre als genuine Aufgabe vorgegeben ist, besteht in dieser Situation auch kein
Handlungsbedarf für die Unternehmensethik. Hingegen als Etikettenschwindel sind all jene
moralischen Normen zu verurteilen, die bewusst für das Gewinnstreben zur Geltung gebracht
werden. 404
Steinmann et al. erteilen einer unternehmensethischen Konzeption, die – nach der Idee
von Homann – vorsieht, ethische Anliegen nur dann aufzunehmen, wenn sie nicht gegen die
396
397
398
399
400
401
402
403
404
62
A.a.O., S. 107
Vgl. a.a.O. S. 107
Vgl. H. Steinmann und G. Schreyögg: Management. Grundlagen der Unternehmensführung. Konzepte - Funktionen Fallstudien, 6. Auflage, Wiesbaden 2005, S. 118
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 110
Vgl. a.a.O., S. 111f
A.a.O., S. 112f
Vgl. G. Bentele et al. „Dialogorientierte Unternehmenskommunikation. Ein Handlungsprogramm für die
Kommunikationspraxis“, in: Dialogorientierte Unternehmenskommunikation, a.a.O., S. 457f
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 109
Vgl. a.a.O., S. 110
ökonomische Vernunft verstossen, eine klare Absage. Ebenso wenig sollte eine
Unternehmensethik als (temporäre) „Lückenbüsserin“ verstanden werden, die primär
beabsichtigt, fehlende Normen justiziabel zu machen; vielmehr ist es gerade ihre Aufgabe, im
Sinne der Selbstverpflichtung, solche Konflikte zu lösen, die im Rahmen der ohnehin immer
ungenügenden Rechtsordnung entstanden sind.
Genauerhin ist die Unternehmensethik eine Verfahrenslehre für dialogische Prozesse, die in solchen
Situationen handlungsleitend sein soll, in denen die Steuerung der konkreten Unternehmensaktivitäten
nach den Regeln des Gewinnprinzips und im Rahmen des geltenden Rechts zu konfliktträchtigen
Auswirkungen mit den internen und externen Bezugsgruppen der Unternehmung führt. Ergebnis dieser
lebenspraktischen Verständigungsprozesse sollen begründete materiale und prozessuale Normen sein, die
das Unternehmen zur friedlichen Konfliktregelung im Sinne einer Selbstverpflichtung in Kraft setzt. 405
2.3.4 Über die Implementation der angewandten Ethik
Wie gelingt es, ethische Anliegen in einer Unternehmung zur Geltung zu bringen? Horst
Steinmann und Thomas Olbrich weisen darauf hin, dass in den letzten Jahren eine deutliche
Akzentverschiebung, weg von den Begründungsproblemen, hin zu Fragen der Implementation,
stattgefunden hat. 406 Bei Letzteren sind in der Theorie vor allem die beiden Ansätze Compliance
und Integrity, die auf unterschiedliche Art und Weise versuchen, ethische Anliegen zur Geltung zu
bringen, bekannt. 407 Das Ziel des Integrity-Modells besteht darin, die Mitarbeiter zu selbst
verantwortlichem Handeln auszubilden. Der Compliance-Ansatz hingegen orientiert sich
tendenziell am Menschenbild des homo oeconomicus und verweist auf die von Anwälten
niedergeschriebenen Regeln und Vorschriften, samt deren Sanktionsmöglichkeiten bei
Verfehlungen. Obschon die beiden Ansätze in der Praxis nicht trennscharf durchgehalten werden
können – auch der Integrity-Ansatz benötigt festgelegte Normen und Regeln 408 -, so kann doch
hervorgehoben werden, dass der Compliance-Ansatz primär auf der extrinsischen und das
Integrity-Modell auf der intrinsischen Motivation aufbaut. Weil Compliance-Ansätze der
Tendenz nach die intrinsische Motivation zerstören, zudem die Gefahr besteht, dass die
notwendigen Kontrollen immer mehr Normen und Regeln nach sich ziehen, vertreten Steinmann
et al. dezidiert die Ansicht, dass es „wesentlich auf die intrinsische Motivation der Mitarbeiter
ankommt, d.h. auf ein Handeln, das unabhängig von externen Stimuli um seiner selbst Willen
vollzogen wird.“ 409 Das bedeutet: Eine nachhaltige und wirkungsvolle Unternehmensethik bedarf
der Einsicht in deren Gründe und ist in diesem Sinne als eine Selbstverpflichtung aufzufassen:
„Da die Orientierungskraft einer ethischen Norm aus nichts weiter als der Einsicht in die
Triftigkeit ihrer Begründung erwächst, muß Unternehmensethik auf Selbstverpflichtung abzielen.“ 410
Die auf dem Integrity-Ansatz basierenden Implementations-Empfehlungen von Steinmann et al.
sind weder auf bestimmte Konfliktfelder (z.B. Umweltproblematik oder Humanisierung der
Arbeitswelt) noch auf spezifische Funktionsbereiche wie Marketing- oder Forschungsethik
ausgerichtet, sondern vielmehr beziehen sie sich auf die sachübergreifende
405
406
407
408
409
410
A.a.O., S. 106
Vgl. H. Steinmann und T. Olbrich: „Ethik-Management: Integrierte Steuerung ethischer und ökonomischer
Prozesse“, in: Umwelt und Wirtschaftsethik, Hrsg. von H. Steinmann und G. R. Wagner, Stuttgart 1998, S. 173
Vgl. a.a.O., S. 177
Vgl. U. Thielemann: „Compliance und Integrity – Zwei Seiten ethisch integrierter Unternehmenssteuerung.
Lektionen aus dem Compliance-Management einer Großbank“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik
(zfwu), Jg. 6, Heft 1 (2005), S. 31ff
H. Steinmann und T. Olbrich: „Ethik-Management: Integrierte Steuerung ethischer und ökonomischer
Prozesse“, in: Umwelt und Wirtschaftsethik, a.a.O., S. 187
H. Steinmann und A. Löhr: „Die Diskussion um eine Unternehmensethik in der Bundesrepublik Deutschland“,
in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 246
63
Unternehmensführung mit den klassischen Managementfunktionen. 411 Dazu bestimmen die
Autoren drei verschiedene Implementations-Zugänge: 412 Erstens wird die Organisation als Ganzes
für ethische Anliegen in den Blick genommen, zweitens wird das Augenmerk auf die ethische
Sensibilisierung des Personals gerichtet, und drittens muss die Einhaltung von ethischen
Richtlinien im Führungshandeln sichergestellt werden. Im Folgenden werden diese drei
Implementationsfelder expliziert.
Jede Unternehmung braucht Verhaltens- und Handlungsstrukturen, um überhaupt
verlässliches Handeln sicherstellen zu können. Trotzdem ist es für eine Unternehmensethik
unabdingbar, gerade diese Strukturen einer ethischen Reflexion zugänglich zu machen. Die
unternehmensethische Zielsetzung organisatorischer Massnahmen ist deshalb „die
Entschränkung statt der Schließung von Strukturen, um so die ethische Wachsamkeit von
Mitarbeitern nicht zu behindern, ihre Bereitschaft zur Thematisierung ethisch sensibler Probleme
zu stützen und Kommunikationsbarrieren abzubauen.“ 413 Nach Steinmann et al. können für
dieses Vorhaben drei verschiedene Ansatzpunkte gewählt werden: 414 Erstens besteht die
Möglichkeit, innerhalb der Unternehmung spezielle Strukturen mit ethischem Auftrag zu
etablieren. Dies ist allerdings mit dem Nachteil verbunden, dass die Konzentration der ethischen
Verantwortung auf wenige Stellen reduziert ist und die grosse Mehrheit dem Postulat der
Effizienz verbunden bleibt. Zweitens können externe, unabhängige ethische Strukturen aufgebaut
werden, die dem internen Druck und den Machtstrukturen nicht ausgesetzt sind. Gegen diesen
Ansatz kann vorgebracht werden, dass eine Ethikkommission als „eine relativ unverbindliche
Entlastungsübung für die Unternehmung verstanden werden kann.“ 415 Der dritte und
tiefgreifendste Ansatz besteht in der Veränderung der Gesamtorganisation, das heisst der
Organisationsstruktur und Organisationskultur. Dabei wird das Schwergewicht auf die
Zerstörung der argumentationsfeindlichen Rahmenbedingungen gelegt, die im Zuge der
tayloristischen Organisationsstrukturen nicht selten unbewusst entstanden sind. Während die
traditionelle Organisation auf die schnelle Lösung – besser Zudeckung – der Probleme
vorgebahnt ist, macht eine ethische Organisationsstruktur gerade umgekehrt auf latente Probleme
aufmerksam und betrachtet diese nicht vorschnell als gelöst. Um die ethische Wachsamkeit und
die Übernahme von Verantwortung durch alle Mitarbeiter zu fördern, müssen im Weiteren
rigide Hierarchiestrukturen abgeschafft werden. 416 Als eine ganz besondere Herausforderung für
die praktische Umsetzung theoretischer Gestaltungsempfehlungen erweisen sich starke
Unternehmenskulturen. Wegen des tiefen normativen Orientierungscharakters und der hoch
selektiven Wahrnehmung seitens der Mitarbeiter bedarf es für die nachhaltige Veränderung
sowohl der Mitarbeit aller Beteiligten wie auch die uneingeschränkte Unterstützung des TopManagements. 417
Hinsichtlich der ethischen Entwicklung des Personals ist nach Steinmann und Löhr der
Organisationsbürger das Ziel der Personalentwicklung: „Es geht um die Ausbildung des
ethischen Reflektionspotentials und der argumentativen Kompetenz aller Beschäftigten.“ 418
Damit die ethische Selbstverpflichtung nicht marginal bleibt und bloss durch wenige
wahrgenommen wird, müssen den Mitarbeitern mehr Entscheidungskompetenzen zugewiesen
und die Ausdifferenzierung zwischen disponierenden und ausführenden Tätigkeiten rückgängig
gemacht werden. Auch gehört der Vorbildfunktion von Führungspersonen grössere Beachtung
geschenkt. Um aufzuzeigen, dass eine solche ethische Entwicklungskonzeption nicht
unrealistisch ist, verweisen Steinmann et al. auf die ausgearbeiteten Untersuchungen von Piaget,
Kohlberg und Habermas: „Die dort vertretene These einer stufenförmigen Entwicklung
411
412
413
414
415
416
417
418
64
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 146
Vgl. a.a.O., S. 146-205
A.a.O., S. 147
Vgl. a.a.O., S. 148-157
A.a.O., S. 154
Vgl. a.a.O., S. 157
Vgl. a.a.O., S. 161
A.a.O., S. 163
moralischer Urteilskraft trifft sich mit unserer Zielvorstellung einer moralischen Entwicklung: sie
sieht in der Herstellung der Dialogfähigkeit ebenfalls die höchste Stufe der Entwicklung
moralischer Urteilskraft.“ 419 Mit Bezug auf das von Kohlberg entwickelte Stufenschema können
Massnahmen zwecks Förderung der moralischen Entwicklung in der Aus- und Weiterbildung
getroffen werden. Dass ethische Bildung keineswegs hoffnungslos ist, belegen Studien, die
signifikante Einstellungsänderungen bei Studenten, die in den USA an Business-Ethics-Kursen
teilgenommen haben, nachweisen können. 420 Allerdings muss dem (skeptisch) hinzugefügt
werden, dass die Nachhaltigkeit ethischer Bildung nur dann gegeben ist, wenn die
Anschlussfähigkeit in den Unternehmen gewährleistet werden kann. 421 Hinsichtlich der
Ausbildung sollte im Weiteren beachtet werden, dass der Ethik-Unterricht nicht isoliert, sondern
vielmehr integrativ, also im Rahmen von anderen Veranstaltungen gelehrt wird. Um im
Unternehmen die dialogische, auf Konsens und nicht auf Kompromiss zielende, Verständigung
zu fördern, beziehen sich Steinmann und Löhr auf das GRID-Konzept. Nach Blake et al. handelt
es sich hierbei um ein Programm für die Unternehmensentwicklung: „GRID-OE ist ein
systematisches Programm zur Unternehmensentwicklung. Es eröffnet unbegrenzte
Möglichkeiten zur Spitzenleistung. Energie wird frei für die kreative und effektive Lösung von
anstehenden Problemen, welche das Unternehmen schon seit Jahren plagen.“ 422 Nach diesem
Programm muss sich ein erfolgreiches Unternehmen ständig sowohl an äussere wie auch an
innere Veränderungen anpassen. Dies gelingt ihm nur dann, wenn ein extensives Feedback und
die konstruktive Kritik aller Mitarbeiter sichergestellt sind. Um schwerwiegende Probleme lösen
zu können, bedarf es die Zerstörung des herkömmlichen Denkens sowie die Veränderung der
bestehenden Unternehmenskulturen. Im Weiteren liegen nach Steinmann und Löhr die Vorteile
dieses Instruments darin, dass es auf einen situationsunabhängigen Führungsstil abzielt und das
Führungshandeln nicht auf die Aufgabenorientierung reduziert, sondern die Entwicklung der
sozial-moralischen Kompetenz der Mitarbeiter als gleichwertig einstuft. 423 Damit sollen
beispielsweise
die
freie
Meinungsäusserung
am
Arbeitsplatz,
symmetrische
Kommunikationsprozesse, aber auch Partizipation an kooperativen Entscheidungen, gefördert
werden.
Ethisches Führungsverhalten gehört zu den notwendigen Voraussetzungen, um
überhaupt ethische Forderungen erfolgreich zur Geltung bringen zu können. Das heisst: „Eine
Führungsethik wird zum notwendigen Bestandteil der Unternehmensethik.“ 424 Nach Steinmann
und Löhr haben Führungspersonen traditionell eine zweifache, neu aber eine dreifache
Funktion: 425 Erstens ist es ihre Aufgabe, mit den Mitarbeitern auf vorgegebene Ziele
hinzuarbeiten (Lokomotivfunktion), zweitens haben sie auf den langfristigen Zusammenhalt der
Gruppen zu achten (Kohäsionsfunktion) und drittens übernehmen sie neuerdings die Aufgabe,
Mitarbeiter für kritische Überlegungen und Äusserungen zu motivieren (Spielmacherfunktion).
Diese dritte Funktion ist für die Unternehmensethik von besonderer Bedeutung, denn hier geht
es gerade darum, Mitarbeiter für ethische Bedrohungen so zu sensibilisieren, dass
situationsgerecht die Dominanz des Effizienzdenkens zugunsten einer ethischen Orientierung
fallengelassen wird. Dass der argumentative Kommunikationsstil diese skizzierte
Führungsaufgabe erleichtert bzw. dieser Stil von den Mitarbeitern als besonders einflussreich
wahrgenommen wird, ist leicht nachvollziehbar; wichtiger scheint hingegen der Hinweis, dass ein
zu sehr ausgeprägter argumentativer Führungsstil sich eher kontraproduktiv auswirkt und deshalb
der emotionale Aspekt im Führungsverhalten keinesfalls unterschätzt werden sollte. 426
419
420
421
422
423
424
425
426
A.a.O., S. 165f
Vgl. a.a.O., S. 175
Vgl. a.a.O., S. 170
R. R. Blake et al.: Unternehmensentwicklung mit GRID. Der Weg zur effektiven Organisation, Übersetzung: B. Sabel,
Frankfurt a. M. 1993, S. 174
Vgl. H. Steinmann und A. Löhr: Grundlagen der Unternehmensethik, a.a.O., S. 179f
A.a.O., S. 199
Vgl. a.a.O., S. 200
Vgl. a.a.O., S. 203ff
65
2.4 Der governance-ethische Ansatz von Josef Wieland
Josef Wieland geht – wie Karl Homann – von Niklas Luhmanns Theorie der funktional
ausdifferenzierten Gesellschaft aus. 427 Anders als bei Homann hat diese Ausgangslage jedoch
entscheidende theoretische Konsequenzen, und zwar dahingehend, dass Wieland Luhmanns
skeptische Haltung in Bezug auf Wirtschaftsethik – nach Luhmann tritt Wirtschaftsethik in der
Form eines Geheimnisses auf, weil es sie nämlich gar nicht gibt 428 – übernimmt und den
Standpunkt vertritt, dass „der Vorrang der ethischen Entscheidungslogik vor der ökonomischen
nur beschworen, aber nicht eingelöst werden kann.“ 429 Wielands Auffassung, dass die Möglichkeit
der Anwendung ethischer Prinzipien und Normen durch Begründung „sich in funktional
differenzierten Gesellschaften endgültig als irrig erwiesen hat“ 430, schlägt sich nieder in einer
deskriptiven Wirtschaftsethik, und zwar im Sinne eines Instrumentes, moralische Anliegen zu
realisieren. Dazu Wieland: „In der Konsequenz nutzt die Ethik der Governance keinen
normativen, sondern einen kontextualen, also deskriptiven Ethikbegriff, der
institutionenökonomisch in eine Theorie lokaler Gerechtigkeit überführt wird.“ 431 Wieland geht
es also weder um die Begründung von ethischen Normen noch um die Frage nach der
Motivation für ethisches Handeln 432, sondern ausschliesslich darum, wie ethische Anliegen im
Kontext des Wirtschaftsgeschehens implementiert werden können433 – sofern dies für die
Unternehmen dann auch Sinn macht! Mit Wielands Worten: „Wirtschafts- und
Unternehmensethik sind ökonomisch und unternehmenspolitisch gesehen Instrumente zur
Implementierung, Steuerung und Kontrolle impliziter Verträge, die auf die Senkung von
Transaktionskosten formaler Verträge zielen.“ 434 Wieland definiert seine Governanceethik im
Rahmen von vier Punkten: 435 Erstens bilden die moralischen Ressourcen und die
Handlungsbeschränkungen der organisatorischen Regeln und Werte den Gegenstandsbereich der
Governanceethik. Im Sinne von Luhmann orientiert sich Wieland nicht am Handlungsbegriff,
sondern an kommunizierten formalen und informalen Regeln und Werten
(Governancestrukturen). Zweitens untersucht die Governanceethik analytisch die globalen,
lokalen, formalen und informalen Strukturen eines Unternehmens, die das moralische Handeln
der individuellen und kollektiven Akteure in einem Unternehmen konstituieren und steuern.
Drittens vergleicht Governanceethik differente Governancestrukturen „zur Steuerung distinkter
wirtschaftlicher Transaktionen unter dem Gesichtspunkt, ob und welche moralischen und
unmoralischen Regeln, Werte und Anreize sie avisieren und damit entsprechendes Handeln
ökonomisch prämieren.“ 436 Viertens schlägt die Unternehmensethik als Governanceethik die
Entwicklung und Implementierung von ethischen Systemen (zum Beispiel Ethik-ManagementSystem oder Edit-Audit-System) vor, die den Wirkungsgrad der Anreizsensivität für die
ökonomischen Transaktionen zu steigern vermögen. Wieland wirtschaftsethische Theorie
zusammengefasst: „Die Governanceethik des Unternehmens ist die Lehre von der komparativen
Analyse der moralsensitiven Gestaltung und Kommunikation der Governancestrukturen
spezifischer wirtschaftlicher Transaktionen mittels Kooperationen.“ 437 Wieland ist sich bewusst,
dass seine Governanceethik auf philosophische und metaphysische Überlegungen zur
427
428
429
430
431
432
433
434
435
436
437
66
Vgl. J. Wieland: „Eine Theorie der Governanceethik“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu),
Jg. 2, Heft 1 (2001), S. 24
Vgl. N. Luhmann: „Wirtschaftsethik - als Ethik?“, in: Wirtschaftsethik und Theorie der Gesellschaft, a.a.O., S. 134
J. Wieland: Die Ethik der Governance, 5. Auflage, Marburg 2007, S. 89
A.a.O., S. 91
J. Wieland: „Eine Theorie der Governanceethik“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu), Jg. 2,
Heft 1 (2001), S. 24
Vgl. J. Wieland: Die Ethik der Governance, a.a.O., S. 92f
Vgl. J. Wieland: „Eine Theorie der Governanceethik“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu),
Jg. 2, Heft 1 (2001), S. 11
J. Wieland: „Die Ethik der Wirtschaft als Problem lokaler und konstitutioneller Gerechtigkeit“, in:
Wirtschaftsethik und Theorie der Gesellschaft, a.a.O., S. 13
Vgl. J. Wieland: Die Ethik der Governance, a.a.O., S. 73ff
A.a.O., S. 74
A.a.O., S. 75
Wirtschafts- und Unternehmensethik frustrierend wirken könnte 438 und mehr Fragen aufwirft als
beantwortet 439. Auch gesteht Wieland, dass „die Governanceethik ihren rigiden
Anwendungsbezug gegenwärtig noch mit einer massiven philosophischen Defizienz ihrer
Theoriearchitektur“ 440 bezahlt.
2.5 Der intentionalistische Ansatz von Peter A. French
Peter A. French erhofft sich, die Grundlage einer Theorie zu liefern, die es erlaubt,
Korporationen als Mitglieder der moralischen Gemeinschaft zu behandeln, und zwar
gleichgestellt mit natürlichen Personen; kurz: „Korporationen können vollwertige moralische
Personen sein und haben alle Privilegien, Rechte und Pflichten, die moralische Personen
normalerweise haben.“ 441 Nach French werden natürliche Personen durch ein standardisiertes
Vorgehen wie beispielsweise den Anstellungsvertrag, den Kauf von Aktien oder die Wahl in ein
Amt Mitglied eines Konglomerats. 442 Um jedoch Konglomerate bzw. Korporationen von
natürlichen Personen als moralische Personen auffassen zu können, müssen ihnen eigene
Handlungsintentionen nachgewiesen werden können, die sich von den Intentionen der
natürlichen Personen in diesen Korporationen unterscheiden. French sieht mindestens drei
signifikante charakterliche Merkmale von Korporationen: 443 Erstens haben diese interne
Entscheidungsstrukturen, die den Kurs der gemeinsamen Aktivitäten steuern. Zweitens ist die
Durchsetzung der Standards, wie Mitglieder von Korporationen sich verhalten und geführt werden
sollen, viel strikter als in anderen Gemeinschaften; und drittens verändert die Übernahme von
Führungsrollen die Identität der Führungspersonen, nicht aber jene der Korporation, in der
Führungsrollen übernommen werden. Damit steht für French fest: Korporative Ereignisse sind
in einer Art und Weise beschreibbar, die bestimmte Sätze wahr machen, „daß einige der Dinge,
die eine Korporation tut, von der Korporation selbst intendiert waren.“ 444 Mit anderen Worten:
Obschon Korporationspersonen innerhalb von funktionierenden Organisations- und
Verantwortungsstrukturen – French spricht von Corporation’s Internal Decision Structure (CID) 445 –
natürliche Personen bleiben, zeigt sich dennoch „eine Unterordnung und Synthese der Absichten
und Handlungen der verschiedenen natürlichen Personen hin zu einer korporativen
Entscheidung.“ 446 Korporative Intentionen sind also keineswegs immer auf menschliche
Intentionen reduzierbar, vielmehr gilt, „daß eine funktionierende CID-Struktur Handlungen von
natürlichen Personen einbegreift“ 447 und „Korporationen als solche für das, was sie tun,
verantwortlich zu machen sind, um als metaphysische Person in der Eigenschaft als moralische
Person behandelt zu werden.“ 448
438
439
440
441
442
443
444
445
446
447
448
Vgl. J. Wieland: „Eine Theorie der Governanceethik“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu),
Jg. 2, Heft 1 (2001), S. 11
Vgl. J. Wieland: Die Ethik der Governance, a.a.O., S. 125
J. Wieland: „Eine Theorie der Governanceethik“, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu), Jg. 2,
Heft 1 (2001), S. 25
P. A. French: „Die Korporation als moralische Person“, in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 317
Vgl. P. A. French: „Types of Collectivities“, in: Individual and Collective Responsibility, Hrsg. Von P. A. French,
2. Ausgabe, Rochester 1998, S. 45
Vgl. a.a.O., S. 45
P. A. French: „Die Korporation als moralische Person“, in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 321
Vgl. a.a.O., S. 321
A.a.O., S. 323
A.a.O., S. 323
A.a.O., S. 327
67
2.6 Der sozioökonomische Ansatz von Amitai Etzioni
Der sozialökonomische Ansatz von Amitai Etzioni stellt die Frage nach dem Handlungsantrieb
des menschlichen Verhaltens ins Zentrum. 449 Der wesentliche Kritikpunkt ist dabei das
theoretische Konstrukt des homo oeconomicus bzw. die Annahme der Ökonomie, alles menschliche
Verhalten sei auf Eigennutz zurückzuführen und selbst altruistische Handlungen seien lediglich
eine andere Form der Verfolgung des Eigeninteresses. Nach Etzioni möchte die Sozialökonomie
diesen Denkansatz „im Sinne einer deontischen Ethik zurechtrücken, für die es neben dem
Eigennutz auch moralische und soziale Wirkkräfte gibt. Diese Ethik legt Argumente und
empirisches Material dafür vor, daß die Menschen nicht ausschließlich vom Eigennutz
angetrieben werden, sondern wesentlich auch von moralischen Gesichtspunkten.“ 450 Auch wenn
Etzioni zwischen dem für die Menschen Angenehmen und moralischen Verpflichtungen nicht
notwendigerweise einen Gegensatz sieht, so konstatiert er doch ein konfligierendes Verhältnis in
sehr vielen Fällen, das aber gerade durch utilitaristische Theorien aufgehoben wird.451 Nach
Etzioni lassen sich moralische Verpflichtungen von Gefühlen des Angenehmen dadurch
unterscheiden, dass Erstere durch verinnerlichte Werte konstituiert werden: „Die Menschen
betrachten Werte als ihr Eigenes und nicht als äußere Bedingungen, denen sie sich lediglich
anpassen.“ 452 Dabei wird der Prozess der Verinnerlichung im Sinne von Kohlberg als Teil der
Sozialisierung begriffen. Diesen die menschliche Motivation nicht auf den Eigennutz
reduzierenden Prozess der Sozialisierung gilt es nach Etzioni mithilfe eines kommunitaristischen
Programmes umzusetzen: „Wir brauchen ein System sozialer Tugenden, einige grundlegende und
feststehende Werte, die wir als Gemeinschaft billigen und durchsetzen. Will Amerika in dieser
Welt wachsender Konkurrenz seinen Vorsprung halten, dürfen wir nicht betrunken oder high zur
Arbeit erscheinen, müssen wir während der Arbeitszeit von Drogen und Alkohol die Finger
lassen und für eine anständige Bezahlung anständige Arbeit leisten. Wir müssen klarstellen, daß
diskriminierende Äusserungen oder gar Gewalt gegenüber Angehörigen anderer ethnischer
Gruppen oder Rassen nicht toleriert werden. Und wir müssen – trotz unterschiedlicher
Meinungen über das insgesamt nötige Maß an Umweltschutz (etwa über die Rechte des
Fleckenkauzes) allen unsere Mißbilligung zeigen, dir ihr Altöl in die Kanalisation leeren, ihren
Müll partout nicht sortieren oder ihren Wagen waschen und ihren Rasen sprengen, obwohl die
städtischen Wasservorräte gegen null gehen. Zugleich werden wir über andere, heute fragwürdig
gewordene Werte weiterdiskutieren und auch die herrschende Meinung zu ändern suchen, ja
rebellieren, wenn wir meinen, durch irgendwelche moralischen Forderungen oder durch den
Chor unserer Mitbürger bei diesem Unterfangen zu weit getrieben zu werden.“ 453 Der von
Etzioni als dritter Weg bezeichnete Standpunkt führt nicht zu einem unbegrenzt freien Markt,
vielmehr gilt es zur Kenntnis zu nehmen, dass der Markt „immer schon im Rahmen eines
sozialen Kontextes funktioniert, zu dem ein System sozialer Werte, Gesetze und
Ordnungsmechanismen gehören. Es ist Aufgabe der Regierung, diese Strukturen nicht zu
beseitigen, sondern sie vielmehr den sich wandelnden Bedingungen, insbesondere der Epoche
des Cyberspace, anzupassen.“ 454
449
450
451
452
453
454
68
Vgl. W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 336
A. Etzioni: „Über den Eigennutz hinaus“, in: Wirtschaftsethik und Theorie der Gesellschaft, a.a.O., S. 109
Vgl. a.a.O., S. 110f
A.a.O., S. 114
A. Etzioni: Die Entdeckung des Gemeinwesens. Ansprüche, Verantwortlichkeit und das Programm des Kommunitarismus,
Übers. von W. F. Müller, Stuttgart 1995, S. 29
A. Etzioni: Der dritte Weg zu einer guten Gesellschaft. Auf der Suche nach der neuen Mitte, Hrsg. von H. U. Nübel und
J. Hunke, Hamburg 2001, S. 66
2.7 Der pragmatische Ansatz von Richard T. De George
Nach Walther Ch. Zimmerli und Michael S. Aßländer liegt der Schwerpunkt beim pragmatischen
Ansatz in der Hochschulbildung und in der Berufspraxis. 455 Insgesamt sind es fünf Punkte, die
diesen Ansatz auszeichnen: 456 Es sollen erstens Fälle von unmoralischem Verhalten in der
Wirtschaft aufgespürt und analysiert werden, damit die Studierenden Gelegenheit bekommen,
sich bereits in der Ausbildung mit ethischen Problemen auseinanderzusetzen. Zweitens sollen
gängige Geschäftspraktiken, bei denen berechtigte moralische Einwände bestehen, nach
alternativen Verfahrensmöglichkeiten untersucht werden. Drittens soll Klarheit über ethische
Vorgaben für die Wirtschaft, beispielsweise in der Frage nach dem gerechten Lohn oder der
Begründung des Diskriminierungsverbotes von Randgruppen, gewonnen und ethische
Präsuppositionen aufgedeckt werden. Viertens gilt es metaethische Fragen wie zum Beispiel die
moralische Verantwortlichkeit einer Unternehmung zu klären, und fünftens sollen aktuelle
Einzelprobleme des ökonomischen Handelns analysiert werden, so zum Beispiel die Frage, ob
multinationale Unternehmen gegenüber den Entwicklungsländern eine Verpflichtung haben.
Nach Richard T. De George ist in den Vereinigten Staaten die einfache Arbeit getan, nämlich die
Aufzeichnung der moralischen Probleme, allerdings hat sich die Sache damit nicht erledigt, und
zwar deshalb, weil in breiten Wirtschaftskreisen noch nicht erkannt worden ist, dass sich das
Mandat der Wirtschaft verändert hat: „The original American mandate to business has changed,
as times and conditions have changed. The change in the mandate has been gradual, and it has
not been sufficiently articulated. Many business still do not realize there is a new mandate and
struggle to maintain their old ways of doing things. They see increasing legislative controls on
business not as part of a changing mandate but as a personal affront and attack by antibusiness
factions and minorities.“ 457 Aber worin besteht das neue Wirtschaftsmandat? Nach De George
müssen sich Unternehmen fortan mit Umweltschutz, Konsumentenschutz, Minimallöhnen, Kinderarbeit,
Arbeitsplatzsicherheit, Wohlbefinden der Menschen usw. auseinandersetzen, und zwar unabhängig vom
politischen System, das dieses neue Wirtschaftsmandat noch weitgehend unbeachtet lässt. 458 Ob
die Unternehmen das neue Wirtschaftsmandat aufgenommen haben, zeigt sich nicht in erster
Linie in der Kommunikationspolitik, sondern im unternehmerischen Handeln, wobei bei kleinen
Unternehmen, wo die Geschäftsführung identisch ist mit den Eigentumsverhältnissen, die
moralische Integrität viel eher gewährleistet ist als bei grossen und komplex strukturierten
Organisationen. Bei Letzteren kann die moralische Redlichkeit nur dann erwartet werden, wenn
explizit diesbezüglich Massnahmen ergriffen werden und die Unternehmensverantwortlichen sich
dezidiert zu ethischen Anliegen bekennen: „A company of any size or complexity is unlikely to
act with integrity automatically or reflexively unless some force within it, especially it leaders,
commits the company to so acting and articulate and inculcates that commitment.“ 459
2.8 Der sozialethische Ansatz von Oswald von Nell-Breuning und Arthur Rich
Zimmerli und Aßländer betonen, dass der sozialethische Ansatz vordringlich aus der
katholischen Soziallehre kommt und Oswald von Nell-Breuning ihr herausragendster Vertreter
ist. 460 Nach Zimmerli und Aßländer ist sein Werk durch die Bemühungen gekennzeichnet, „einen
Ausgleich zwischen individueller Freiheit und sozialer Verantwortung des Menschen zu
schaffen.“ 461 Diese Bemühungen hängen mit dem Standpunkt von Oswald von Nell-Breuning
zusammen, wonach die gesellschaftliche Wirklichkeit weder eine individualistische noch eine
455
456
457
458
459
460
461
Vgl. W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 338
Vgl. R. T. De George: „The Status of Business Ethics: Past and Future“, in: Unternehmensethik, a.a.O., S. 497f
R. T. De George: Business Ethics, 5. Ausgabe, Upper Saddle River 1999, S. 606
Vgl. a.a.O., S. 607
R. T. De George: Competing with Integrity in International Business, New York 1993, S. 188
Vgl. W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 341
A.a.O., S. 341
69
kollektivistische Ausprägung hat, sondern vielmehr aus einer dyadischen Struktur besteht: „Bei
der Gesellschaft kommen wir mit Vorgehen von zwei Seiten aus: einerseits von den einzelnen,
den Individuen, andererseits vom gesellschaftlichen Ganzen, dem Kollektiv. Nur eine solche
‚Zweiseitigkeitslehre‘ kann der gesellschaftlichen Wirklichkeit gerecht werden. Diese Realistik
muß sie erkaufen durch Verzicht auf die großartige Konsequenz der Einseitigkeitslehren; diesen
Preis wollen manche nicht zahlen.“ 462 In dieser Gesellschaftstheorie, die an Georg Simmels
Theorie der Vergesellschaftung erinnert 463, nimmt der Begriff „Gemeinwohl“ einen zentralen Platz
ein. 464 Um die Bedeutung dieses Begriffes zu bestimmen, fragt von Nell-Breuning nicht danach,
was ihn an der Wirtschaft interessiert, sondern was diese als solche eigentlich ist. Er kommt zu
folgendem Ergebnis: „Das spezifisch Wirtschaftliche, deutlich vom Technologischen Verschiedene,
findet sich weder in der Produktion noch in der Distribution noch in der Konsumption, sondern
ausschließlich in den Wahlhandlungen der Haushalte, gleichviel ob der Kleinhaushalt der einzelnen
oder die Familien oder der Großhaushalt der Anstalten und öffentlichen Gemeinwesen
Gemeinde, Staat, inter- und supranationale Institutionen. Worum es geht, ist immer das Gleiche:
der ständige, d. h. auf die Dauer gesicherte Einklang von Bedarf und Deckung auf der
höchstmöglichen Stufe, wobei das ‚höchstmöglich‘ nicht quantitativ, sondern qualitativ, nicht als
Maximum, sondern als kulturelles Optimum verstanden sein will.“ 465 Die Forderung, keine
höchstmögliche Quantität, sondern ein beglückendes Gemeinschaftsleben anzustreben, eröffnet
die Möglichkeit für die Forderung nach einer weltweiten Solidarität als sittlich-rechtliche Pflicht466,
die in der Entwicklungshilfe ihren bedeutsamsten Anwendungsfall sieht 467. Im Weiteren ist es für
Oswald von Nell-Breuning von grosser Wichtigkeit, dass Arbeit eine andere Wertung bekommt.
Weil deren Sinn letztlich kein anderer ist, als uns selbst und unsere Mitmenschen „zu all dem zu
verhelfen, was wir an materiellen und immateriellen Gütern und Dienstleistungen benötigen, um
ein menschenwürdiges, sinnerfülltes Leben zu führen“ 468, können wir „durch unsere Arbeit nicht
nur mehr Mensch, sondern auch bessere Mitmenschen, bessere Mitchristen werden.“ 469 Das
bedeutet: Die Menschen haben ein Recht auf Arbeit 470, und wir müssen uns deshalb fragen:
„Wieviel Arbeit brauchen wir? Wieviel Arbeit braucht der einzelne, wieviel Arbeit braucht die
Menschheit, einmal um den Lebensunterhalt zu beschaffen, zum anderen um dem Leben einen
sinnvollen Gehalt zu geben?“ 471
Arthur Rich bestimmt einen fundamentalen, humanen, sozialen und ökologischen Zweck der
Wirtschaft. 472 Der fundamentale Zweck besteht darin, dem Menschen „sein fundamentales
Grundbedürfnis zu befriedigen, nämlich zu leben, materiell sicherer zu leben, sich zu mehren und
als Individuum wie als Gesellschaft zu entwickeln.“ 473 Und der humane Zweck der Wirtschaft soll
den Menschen Raum geben zur Entfaltung ihrer Bestimmung, „gottebenbildliche Person zu sein,
nicht ein menschlich verkrüppelter Roboter.“ 474 Anders gesagt: „Der Mensch soll durch die
Wirtschaft nicht nur leben, er soll in ihr auch menschlich leben können, das heißt so, daß er im
Arbeits- bzw. Erwerbsprozeß den Status einer mitgestaltenden, mitbestimmenden und insofern
auch mitverantwortlichen Person einnehmen kann, statt nur Arbeitskraft zu sein, die nach den
462
463
464
465
466
467
468
469
470
471
472
473
474
70
O. von Nell-Breuning: Der Mensch in der heutigen Wirtschaftswelt, München 1975, S. 10
Vgl. G. Simmel: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Hrsg. von O. Rammstedt,
Frankfurt a. M. 1992, S. 23ff
Vgl. O. von Nell-Breuning: Der Mensch in der heutigen Wirtschaftswelt, a.a.O., S. 11
A.a.O., S. 15
Vgl. O. von Nell-Breuning: Worauf es mir ankommt. Zur sozialen Verantwortung, Freiburg i. B. 1983, S. 42
Vgl. a.a.O., S. 46
O. von Nell-Breuning: Den Kapitalismus umbiegen. Schriften zu Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft. Ein Lesebuch, Hrsg.
von F. Hengsbach et al., Düsseldorf 1990, S. 310
A.a.O., S. 310
Vgl. a.a.O., S. 309
A.a.O., S. 311
Vgl. A. Rich: Wirtschaftsethik, Bd. 2: Marktwirtschaft, Planwirtschaft, Weltwirtschaft aus sozialethischer Sicht,
Gütersloh 1990, S. 21-35
A.a.O., S. 22
A.a.O., S. 26
Erfordernissen ökonomischer Effizienz eingesetzt, genutzt und entsprechend bezahlt wird.“ 475
Der soziale Zweck der Wirtschaft soll die Verteilungsgerechtigkeit des zu erwirtschaftenden und des
erwirtschafteten Sozialprodukts sicherstellen 476, während der ökologische Zweck der Wirtschaft zur
Rücksichtnahme auf die Natur mahnt, „von der wir ebenso abhängen wie sie von uns“ 477. Nach
Rich hängen die wirtschaftsethischen Hauptprobleme eng mit drei Grundfragen der
Wirtschaftsordnung zusammen; sie lauten: „››Was soll hergestellt werden und in welcher Menge?
Wie soll produziert werden? Für wen soll produziert werden?‹‹“ 478 Um diese wirtschaftsethischen
Hauptprobleme zu lösen, formuliert Arthur Rich mehrere Maximen, die erste lautet: „Die
Marktwirtschaft als ökonomischer Koordinationsmechanismus ist kein ››natürliches‹‹, sondern ein
von Menschen gesetztes System, für dessen anthropologischen und sozialen wie ökologischen
Auswirkungen in all ihren möglichen Ordnungsgestalten wir selbst die Verantwortung zu tragen
haben.“ 479 Das bedeutet, das Marktsystem, das den fundamentalen, humanen, sozialen und ökologischen
Zweck der Wirtschaft nicht aus den Augen verliert, bedarf der Regulierung. Mit Arthur Richs
Worten: „Sofern die Marktwirtschaft mit ihren Mechanismen auf den Ausgleich zwischen den
Eigeninteressen der verschiedenen Wirtschaftssubjekte zum Nutzen des gesellschaftlichen Wohls
hintendiert, steht eine derartige Regulierung nicht im Widerspruch zu deren Wesen. Sie
unterstützt und ergänzt sie vielmehr, indem sie der Maximierung oder Verabsolutierung der
Eigeninteressen institutionelle Grenzen setzt und so der Bildung von Marktmacht mit ihren
privaten,
marktfeindlichen
Interventionsmöglichkeiten
im
Wettbewerbsgeschehen
entgegenwirkt.“ 480
2.9 Der neoaristotelische Ansatz von Peter Koslowski und Günther Bien
Nach Peter Koslowski gibt es für den homo oeconomicus nur zwei Grenzen, nämlich die Grenze
seines Budgets bzw. seiner Ressourcen sowie die Schwelle, an der ein weiterer Konsum sich in
einen Nichtnutzen verwandelt. 481 Aber wirtschaftliches Handeln muss sich – wie jeder andere
Bereich des menschlichen Handelns – nach dem guten und moralisch richtigen Leben richten,
das heisst: „Es gibt keinen Grund, warum die ethische Idee des richtigen Lebens und der
Vollgestalt des Menschen nur außerhalb des Bereichs der Wirtschaft gelten und in der Wirtschaft
auf bloß formelle, ökonomische Rationalität und Vernunft eingeschränkt werden sollte.“ 482
Koslowski rekurriert auf die aristotelische praktische Philosophie und will aufzeigen, dass
Ökonomie, Ethik und Politik sich zueinander komplementär verhalten und deshalb „ökonomische,
ethische und politische Theorie zu einer Synthese gebracht werden müssen.“ 483 Dazu
unterscheidet er zwischen der Ethischen Ökonomie und der Politischen Ökonomie. 484 Letztere versucht
das staatliche Rahmenwerk der Marktwirtschaft und die rechtlichen und staatlichen
Voraussetzungen für die Marktwirtschaft zu verstehen, während es zur Aufgabe der Ethischen
Ökonomie gehört, das Marktgeschehen mit Blick auf moralische Anliegen und kulturelle Aspekte
und Sitten zu regulieren. Koslowski erkennt zwar die Vorteile der Ausdifferenzierung von
Disziplinen, sieht aber vor allem die Gefahr, „daß Synergien, die bereits schon einmal realisiert
waren, durch die Trennung in Disziplinen wieder verloren gehen, weil die ausdifferenzierten
475
476
477
478
479
480
481
482
483
484
A.a.O., S. 27
Vgl. a.a.O., S. 31
A.a.O., S. 35
A.a.O., S. 132
A.a.O., S. 338
A.a.O., S. 339
Vgl. P. Koslowski: „Der homo oeconomicus und die Wirtschaftsethik“, in: Neuere Entwicklungen in der
Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie, a.a.O., S. 77
A.a.O., S. 75
P. Koslowski: „Wirtschaftsethik - ein neues Paradigma der Wirtschaftswissenschaft und der Philosophie?“, in:
Neuere Entwicklungen in der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie, a.a.O., S. 12
Vgl. a.a.O., S. 11
71
Disziplinen sich gar nicht mehr daran erinnern, daß es sehr fruchtbare Synergien zwischen ihnen
bereits einmal gegeben hat.“ 485 In diesem Sinne erweitern die Ethische Ökonomie und die
Politische Ökonomie „die ökonomische Theorie der Marktwirtschaft zu einer umfassenden
Theorie der sozialen Marktwirtschaft, in welcher ethische und politische bzw. sozialpolitische
Rahmenbedingungen zur Darstellung gebracht werden.“ 486 Koslowski ist zuversichtlich, „daß das
Zeitalter des homo oeconomicus und der modernen Ausdifferenzierung der Wirtschaft aus der
Gesamtkultur einer Gesellschaft zu Ende geht und wir auf einen postmodernen Typus von
Wirtschaft zugehen, der Wirtschaft selbst als Kultur begreift.“ 487 Damit in der postmodernen
Wirtschaft nebst der ökonomischen auch die moralische, ästhetische und ökologische Rationalität zur
Entfaltung gebracht werden kann, kommt der Handlungsbewertung eine zentrale Bedeutung zu.
Für das Bewertungskriterium schlägt Koslowski das probalistische Prinzip der Handlung mit
Nebenwirkungen vor. Nach diesem Prinzip ist eine Handlung dann gut, wenn erstens „der Zweck
gut und aufrichtig ist, d.h. der Handelnde nicht die schlechte Wirkung tendiert“ 488, wenn zweitens
„der Handlungstypus an sich gut und erlaubt ist“ 489, wenn drittens „die schlechten
Nebenwirkungen ebenso unmittelbar vom Handelnden bewirkt werden wie die gute Wirkung,
d.h. sie nicht als Mittel zur guten Wirkung intendiert werden“ 490 und wenn viertens „ein
hinreichend schwerwiegender Grund (ratio proportionate gravis) vorliegt, die Handlung
durchzuführen bzw. der Handelnde nicht durch andere Verpflichtungen gehalten ist, ganz auf sie
zu verzichten.“ 491
Die Aktualität von Aristoteles sieht Günther Bien in Aristoteles′ Theorie der
menschlichen Praxis und Daseinsorientierung. 492 Die von Aristoteles her gesehen entscheidende
ökonomische Diskussion ist also eine Lebensformdiskussion, in der sich die Frage nach dem
Verhältnis von materiellem Reichtum als Zweck und Mittel für eine sinnvolle Lebensführung
stellt. Mit den Worten von Bien: „Welche Art von Leben und Lebensform sollen wir wollen –
einen bios politikos oder einen bios chrematistikos, ein Leben in freier Selbstbestimmung mit dem
Zweck einer Realisierung humaner Glücksbedingungen oder eine auf die Produktion und
Vermehrung von Gütern allein um ihrer selbst willen abzielende Arbeitsexistenz?“ 493 Eine
mögliche aristotelische Antwort bleibt uns Günther Bien leider schuldig.
2.10 Der stakeholder-orientierte Ansatz von Elisabeth Göbel und Joseph W. Weiss
Walther Ch. Zimmerli und Michael S. Aßländer weisen darauf hin, dass Unternehmen auf die
Verständigung mit ihren Interessengruppen bzw. Stakeholdern angewiesen sind, wenn sie –
langfristig gesehen – erfolgreich sein wollen. 494 Nach Matthias Karmasin und Michael Litschka ist
das Konzept des Stakeholder-Managements eine gute Möglichkeit, „die dialogische
Verantwortung von Unternehmen, eben als öffentlich exponierte Institutionen, wahrzunehmen,
ohne die Unternehmensstrategie aus den Augen zu verlieren.“ 495 Die Frage, welche
485
486
487
488
489
490
491
492
493
494
495
72
P. Koslowski: „Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie?“, in: Wirtschaftsethik - Wo ist die Philosophie?, a.a.O.,
S. 15f
P. Koslowski: „Wirtschaftsethik - ein neues Paradigma der Wirtschaftswissenschaft und der Philosophie?“, in:
Neuere Entwicklungen in der Wirtschaftsethik und Wirtschaftsphilosophie, a.a.O., S. 11
P. Koslowski: „Der homo oeconomicus und die Wirtschaftsethik“, in: Neuere Entwicklungen in der Wirtschaftsethik
und Wirtschaftsphilosophie, a.a.O., S. 78
P. Koslowski: „Nebenwirkungen (Externalitäten) als Problem der Wirtschaftsethik und Ökonomik,“, in:
Wirtschaftswissenschaft und Ethik, Hrsg. von H. Hesse, Berlin 1988, S. 274
A.a.O., S. 274
A.a.O., S. 274
A.a.O., S. 274
Vgl. G. Bien: „Die aktuelle Bedeutung der ökonomischen Theorie des Aristoteles“, in: Sozialphilosophische
Grundlagen ökonomischen Handelns, Hrsg. von B. Biervert et al., 2. Auflage, Frankfurt a. M. 1992, S. 60
A.a.O., S. 61
Vgl. W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 347
M. Karmasin und M. Litschka: Wirtschaftsethik – Theorien, Strategien, Trends, Münster und Wien 2008, S. 143
Interessengruppen sich zu den Stakeholdern zählen dürfen, ist allerdings keineswegs geklärt. 496 In
Anlehnung an Peter Ulrich schlägt Elisabeth Göbel vor, nur jene Personen oder Gruppen als
Stakeholder zu akzeptieren, die die eigenen Interessen argumentativ begründen und bei denen die
Legitimität der Anliegen wenigstens ansatzweise erkennbar ist. 497 Um die Interessen zwischen den
Stakeholdern und den Unternehmen zu harmonisieren, ist es grundlegend, die Idee der
Profitmaximierung durch ethische Werte wie Gerechtigkeit, Fairness, Solidarität und
Mitspracherecht zu beschränken. Nach Göbel führen aber gerade ökonomische Konfliktfälle,
also wenn die Berücksichtigung moralischer Interessen betriebswirtschaftliche Einbussen
bewirken, zu den grössten Spannungen zwischen den legitimen Stakeholderanliegen. 498 Was
beispielsweise Umweltverbände als richtig und wichtig einschätzen, betrachten Aktionäre in
vielen Fällen als unvereinbar mit ihren eigenen Interessen. Nach Eric D. Beinhocker sollte
trotzdem nicht zwischen Shareholder und Stakeholder unterschieden werden. 499 Denn seiner Ansicht
nach wissen die Aktionäre ziemlich genau, dass sie ihre eigenen Interessen nur unter der
Berücksichtigung wichtiger Stakeholderanliegen, zum Beispiel der Kunden- und
Mitarbeiterbedürfnisse, wahrnehmen können, während auf der anderen Seite diese Stakeholder
über genügend grosse Kenntnisse verfügen, dass Kapitalgeber nicht ohne Rendite mittel- und
langfristig in das Unternehmen investieren. Das heisst also, die Shareholder-Value-Maximierung
umfasst die Interessen der Stakeholder, das eigentliche Problem sieht Beinhocker hingegen darin,
dass die Operationalisierung des Shareholder-Value durch die Managements dahingehend
verlaufen ist, „dass sie sich nur noch für die kurzfristige Aktienkursentwicklung und die
Quartalsergebnisse interessierten.“ 500 Nach Beinhocker ist sowohl evolutionstheoretisch wie auch
aus der praktischen Perspektive gesehen die Zahlung einer Rendite eine Randbedingung, aber
kein Ziel. 501 Für Joseph W. Weiss ist der Stakeholderansatz die Antwort auf die zunehmend
grössere Schwierigkeit, das moderne Unternehmen und dessen Einfluss auf die Umwelt,
Wirtschaft und Gesellschaft verstehen zu können. 502 Weiss definiert den Stakeholder-orientierten
Ansatz wie folgt: „The stakeholder approach provides a framework that enables users to map and,
ideally, manage the corporation’s relationship (present and potential) with groups to reach ‘winwin’ collaborative outcomes. Here, ‘win-win’ means making moral decisions that benefit all
constituencies within the constraints of justice, fairness, and economic interests.“ 503 Weiss fügt
dem allerdings hinzu, dass es auch ökonomische Transaktionen gibt, die einem Nullsummenspiel
gleichen, es also Gewinner und Verlierer gibt und die angestrebten Win-Win-Situationen demnach
keineswegs immer erreicht werden können. 504 Im Weiteren möchte Weiss den Stakeholderansatz
nicht als eine Reparaturethik auffassen, sondern als ein Planungsinstrument sowohl für grosse
Unternehmen wie auch für einzelne Unternehmensabteilungen sehen, mit dem allgemein
gewünschte Situationen im Vorneherein ausgelotet werden können. 505 Der stakeholder-orientierte
Ansatz als ein Planungsinstrument der Unternehmensführung ist nach Zimmerli und Aßländer
gegenüber ethischen Überlegungen inhaltlicher Art neutral und von daher für unterschiedlichste
ethische Ansätze offen. 506 Er ist in diesem Sinne vor allem ein „analytisches Gerüst, das es
erlaubt, die spezifischen Interessen der einzelnen Betroffenen zu identifizieren.“ 507 Die Frage, ob
496
497
498
499
500
501
502
503
504
505
506
507
Vgl. E. Göbel: „Stakeholder-Management: Ein Beitrag zum ethischen Management“, in: Ethisches Management.
Grundlagen eines wert(e)orientierten Führungskräfte-Kodex, Hrsg. von A. Brink und V. A. Tiberius, Bern 2005, S. 95f
Vgl. a.a.O., S. 96
Vgl. E. Göbel: Unternehmensethik. Grundlagen und praktische Umsetzung, Stuttgart 2006, S. 147
Vgl. E. D. Beinhocker: Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt, Übers. von N. Bertheau,
Landsberg am Lech 2007, S. 430
A.a.O., S. 432
Vgl. a.a.O., S. 431
Vgl. J. W. Weiss: Business Ethics. A Stakeholder and Issues Management Approach, 3. Ausgabe, Mason und
Ohio 2003, S. 29
A.a.O., S. 33
Vgl. a.a.O., S. 33
Vgl. a.a.O., S. 33
Vgl. W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 348
A.a.O., S. 348
73
der stakeholder-orientierte Ansatz überhaupt ein wirtschaftsethischer Ansatz ist oder ob es sich
nicht eher um ein strategisches Führungsinstrument, letztlich im Interesse der Aktionäre, handelt,
scheint angesichts dieser Ausführungen nicht unberechtigt. Wenn man auf den Beitrag von Frank
Figge abstellt und den Stakeholderwert mit der Frage verbindet: „Welcher Wert entsteht durch
die Stakeholderbeziehung für das Unternehmen?“ 508, dann muss diese Frage wohl mit „Ja“
beantwortet werden. Für Elisabeth Göbel hängt die grosse Bedenklichkeit gegenüber der
Harmonisierung von Gewinn und Moral mit dem Erbe der kantischen Ethik zusammen. 509 Sie
nimmt den Standpunkt ein, dass eine Vermittlung zwischen ökonomischen und moralischen
Interessen nicht unmoralisch sei, es jedoch auf die Priorität des Guten gegenüber dem Profitablen
ankomme. 510
2.11 Der neokantische Ansatz von Norman E. Bowie und Paul J. Borowski
Das Konzept von Norman E. Bowie basiert auf einem strikt kantischen Ansatz. Das heisst:
Unmoralisches Verhalten ist gegen die Vernunft gerichtet, basiert auf nicht verallgemeinerbaren
Maximen und gelingt ohnehin nur so lange, wie die anderen ihre moralischen Überzeugungen
trotzdem aufrechterhalten. 511 Bowie benützt die erste Formulierung des Kategorischen Imperativs 512
„to show, that whenever someone, including someone in business, agrees to follow the rules for
cooperative behavior and then violates those rules for personal gain, such a violation is morally
wrong. A maxim that permitted universal violation of the rules is self-defeating. A universally
violated rule is note a rule.“ 513 In Anlehnung an die zweite Formulierung des Kategorischen
Imperativs – „Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen
jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ 514 – fordert Bowie im Weiteren, dass die
Menschen nie bloss als Mittel zum Zweck, sondern immer zugleich als Selbstzweck zu behandeln
sind. 515 Für Bowie folgen daraus vier Konsequenzen: Obschon die Produktionsfaktoren in der
Ökonomie substituierbar sind, ist erstens aus der moralischen Perspektive gesehen Arbeit und
Kapital nicht äquivalent: „Human employees have a dignity that machines and capital do not
have.“ 516 Zweitens ist es moralisch falsch, Menschen den freien Willen zu nehmen, sie also zu
nötigen, zu täuschen oder zu betrügen. 517 Bowie wirft die interessante Frage auf, ob sehr hohe
Saläre die Freiheit der Menschen einschränken und das Prinzip der Menschwürde verletzen,
macht aber sogleich deutlich, dass die Sache komplizierter sei, als sie auf den ersten Blick scheine.
Wenn die Anstellungsverträge auf vollständigen Informationen basieren und freiwillig zustande
kommen, dann verstossen selbst exorbitante Saläre nicht gegen die menschliche Freiheit. 518 Weil
die Verhinderung von Zwang und Täuschung nicht hinreichend sind für respektvolle
Mitarbeiterbeziehungen, verbindet Bowie drittens den Kategorischen Imperativ mit einer
sinnvollen Beschäftigung der Mitarbeiter. Eine sinnvolle Beschäftigung muss frei angenommen sein,
erlaubt die Hochhaltung von Autonomie, fördert den Gebrauch der Vernunft, garantiert ein gesichertes
Einkommen, leistet einen Beitrag zur moralischen Entwicklung der Mitarbeiter und schreibt keinen
bestimmten Lebensentwurf vor. 519 Weil die Menschen ohne Beschäftigung nicht glücklich leben
508
509
510
511
512
513
514
515
516
517
518
519
74
F. Figge: „Stakeholder und Shareholder Value“, in: Ethik im Management. Ethik und Erfolg verbünden sich, Hrsg.
von H. Ruh und K. M. Leisinger, Zürich 2004, S. 258
Vgl. E. Göbel: „Stakeholder-Management“, in: Ethisches Management, a.a.O., S. 116
Vgl. a.a.O., S. 117
Vgl. N. E. Bowie: Business Ethics. A Kantian Perspective, Malden und Oxford 1999, S. 14
Vgl. I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Hrsg. von T. Valentiner, Stuttgart 1984, S. 68 [S. 421]
N. E. Bowie: Business Ethics, a.a.O., S. 17f
I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 79 [S. 428/429]
Vgl. N. E. Bowie: Business Ethics, a.a.O., S. 43
A.a.O., S. 43
Vgl. a.a.O., S. 48f
Vgl. a.a.O., S. 49
Vgl. N. E. Bowie: „A Kantian Theory of Meaningful Work“, in: Journal of Business Ethics, Bd. 17, Heft 9-10
(1998), S. 1083
können, verdient viertens die Arbeit einen Eigenwert und darf nicht bloss als Mittel für die
Generierung von Einkommen betrachtet werden. 520 Nach Bowie haben sich nun nicht nur die
Individuen, sondern ebenso die Unternehmen dem Kategorischen Imperativ zu unterwerfen. Er
verwendet die dritte Formulierung, um die Frage zu beantworten: „But how should such a firm
be organized and by what rules and principles? In other words, what would the business firm as a
Kantian moral community look like?“ 521 Bowie beantwortet diese Frage mit folgenden sieben
Prinzipien: 522 Erstens berücksichtigt das Unternehmen alle Interessen der betroffenen
Stakeholders in allen unternehmerischen Entscheidungen. Zweitens sollen die Betroffenen an der
Festlegung der Unternehmensstrategie beteiligt werden. Drittens darf bei dieser Mitsprache nicht
einzelnen Stakeholdern, zum Beispiel den Aktionären, der Vorzug gegeben werden. Viertens
dürfen in Fällen von Konflikten zwischen verschiedenen Stakeholdergruppen Entscheidungen
nicht aufgrund der Stärke der jeweiligen Stakeholdergruppe getroffen werden. Fünftes darf die
Unternehmensstrategie keine Ziele beinhalten, die gegen den Kategorischen Imperativ und gegen
die Menschenwürde verstossen. Sechstens hat jedes gewinnorientierte Unternehmen eine Pflicht
zur Wohltätigkeit. Siebtens gilt es entsprechende Regeln aufzustellen, damit die erwähnten
ethischen Prinzipien im Sinne von gerechten Beziehungen unter den Stakeholdergruppen im
Unternehmen umgesetzt werden können. Letzteres impliziert, dass die Unternehmen auch aus
der ethischen Perspektive durchaus in den Stand gesetzt sind, unberechtigten bzw. dem
Kategorischen Imperativ widersprechenden Interessen von einzelnen Stakeholdern eine Absage
zu erteilen. 523 Aber wie gelingt es Bowie, mit Kants Ethik die Wirtschaftsakteure für moralische
Anliegen zu motivieren? Grundsätzlich sieht Norman E. Bowie zwischen moralischem Handeln
und dem Streben nach Profit keinen Widerspruch, vielmehr übersieht diese Frage „the fact that
for most managers making a profit is a moral obligation rather than a prudential one.“ 524 Bowie
fordert in diesem Sinne eine etwas pragmatischere Interpretation von Kants Vernunftethik:
„Ironically, it is often the public that is more Kantian than Kant with respect to the purity of
motivation.“ 525
Für Paul J. Borowski liefert Kants Kategorischer Imperativ wichtige Hinweise für die
Beziehung zwischen dem Management und den Mitarbeitern, vor allem aber trifft Kant – so
Borowski – mit seinem Moralprinzip den Kern der Sache, nämlich: „in order for business to be
morally acceptable, all parties must be treated with mutual respect because we as people deserve
it.“ 526 Die gegenseitig respektvolle Behandlung ist nach Borowski umso wichtiger, als in unserer
Zeit praktisch sämtliche Aspekte des Lebens durch eine ungeheure technologische Entwicklung
geprägt sind, welche die Tendenz mit sich führen, einander nur noch als programmierte BusinessInstrumente zu sehen. 527 Damit Menschen jedoch nicht als Computer oder Roboter behandelt
werden, muss im Management, aber auch in der Kirche oder in der Universität, stets in den Blick
genommen werden, dass hinter sämtlichen Handlungen und Beziehungen letztlich Menschen
stehen, die kraft ihrer Vernunft imstande sind, ihren eigenen Lebensentwurf zu wählen und zu
gestalten. Aber lässt sich dies in der Geschäftswelt angesichts der Tatsache, dass in allererster
Linie der Gewinn und nicht die Menschen im Zentrum stehen, überhaupt realisieren? Dazu Paul
J. Borowski: „Finally, there is nothing in a ‘moral correct’ relationship between managers and
employees that goes against the company’s desire to make a profit – on the contrary, such a
peaceable relationship can help to meet this desire.“ 528
520
521
522
523
524
525
526
527
528
Vgl. N. E. Bowie: Business Ethics, a.a.O., S. 67f
A.a.O., S. 87
Vgl. a.a.O., S. 90f
Vgl. N. E. Bowie und T. W. Dunfee: „Confronting Morality in Markets“, in: Journal of Business Ethics, Bd. 38,
Heft 4 (2002), S. 388
N. E. Bowie: Business Ethics, a.a.O., S. 142
A.a.O., S. 146
P. J. Borowski: „Manager-Employee Relationships: Guided by Kant’s Categorical Imperative or by Dilbert’s
Business Principle“, in: Journal of Business Ethics, Bd. 17, Heft 15 (1998), S. 1627
Vgl. a.a.O., S. 1627
A.a.O., S. 1631
75
2.12 Der kontraktualistische Ansatz von Thomas Donaldson/Thomas W. Dunfee
Dunfee und Donaldson gehen davon aus, dass in den Vereinigten Staaten und in den meisten
anderen entwickelten Staaten Gesellschaftsverträge, die allem ökonomischen Handeln zugrunde
liegen, existieren, und zwar empirisch gesehen. 529 Ausgehend von dieser Annahme entwickeln die
Autoren eine die menschliche Autonomie ins Zentrum stellende kontraktualistische Theorie der
Wirtschafts- und Unternehmensethik, die Integrative Social Contracts Theory (ISCT) 530. In diesem
Gesellschaftsvertrag unterscheiden Donaldson und Dunfee zwei Vertragsebenen, den macrosocial
contract und den microsocial contract. 531 Während Ersterer die hypothetischen Übereinkünfte der
Mitglieder zum Gegenstand nimmt, zum Beispiel die beiden Gerechtigkeitsgrundsätze von John
Rawls oder die Annahme der Bürger, dass die Regierung ihre Rechte respektiert und schützt, geht
es beim microsocial contract um die tatsächlichen Übereinkünfte innerhalb der Gesellschaft, und
zwar ausgedrückt durch das unternehmerische Handeln. Dadurch, dass ISCT die im
unternehmerischen Handeln zum Ausdruck gebrachten Normen und Werte – als Ergänzung zum
hypothetischen Gesellschaftsvertrag – einbezieht, wollen sich die Autoren gegenüber den
tradierten kontraktualistischen Theorien in positiver Weise abgrenzen. 532 Donaldson und Dunfee
nennen vier Regeln, die das Verhältnis der beiden Ebenen zueinander bestimmen: 533 Erstens
verfügen lokale Wirtschaftsgemeinschaften, beispielsweise Unternehmen, Organisationen oder
Institute, über freien Raum, um ethische Regeln für ihre Mitglieder etablieren zu können. Zweitens
basiert das Zustandekommen der ethischen Regeln auf einem Konsens, und zwar verbunden mit
dem Recht der Mitglieder dieser lokalen Wirtschaftsgemeinschaften, aus der Gemeinschaft
austreten zu können. Damit diese ethischen Regeln eine Verpflichtung zu konstituieren
vermögen, müssen sie drittens mit sogenannten Supernormen verträglich sein. Bei Letzteren
handelt es sich nicht um theoretisch abgeleitete Regeln, sondern um faktische, weltweite
Anerkennung geniessende Kernprinzipien wie sie beispielsweise in der Menschenrechtscharta
formuliert sind. Im Falle von Konflikten zwischen verschiedenen Normen auf der mikrosozialen
Ebene haben viertens jene ethischen Regeln Vorrang, die im Einklang stehen mit dem
Makrovertrag. Mithilfe dieser vier Grundregeln lassen sich ökonomische Institutionen beinahe
beliebig mit ethischen Regeln ausgestalten, solange sie nicht gegen den macrosocial contract und
gegen sogenannte hypernorms verstossen. Mit anderen Worten: Die kontraktualistische Theorie
von Donaldson und Dunfee liefert die Grundlage für die Etablierung eines Normengerüstes, das
die kulturellen und religiösen Besonderheiten von Gesellschaften zu berücksichtigen vermag,
ohne deswegen die weltweit gültigen ethischen Standards zu vernachlässigen. In diesem Sinne
betonen die Autoren denn auch die Pluralität ihres Ansatzes, der – so Donaldson und Dunfee –
bei der kantischen oder utilitaristischen Ethik nicht gegeben sei 534, weisen hingegen einen
möglichen Vorwurf des Relativismus entschieden zurück. 535
2.13 Der Ansatz von Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship
Für Bernhard Ungericht et al. macht es Sinn, das Konzept von Corporate Social Responsibility (CSR)
als einen politischen Diskurs zu betrachten, der „eine grundlegende Änderung bislang gültiger
Machtarrangements zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft“ 536 markiert. Das heisst:
529
530
531
532
533
534
535
536
76
Vgl. T. W. Dunfee und T. Donaldson: „Contractarian Business Ethics: Current Status and Next Steps“, in:
Business Ethics Quarterly, Bd. 5, Heft 2 (1995), S. 181
Vgl. T. Donaldson und T. Dunfee: Ties that Bind. A Social Contracts Approach to Business Ethics, Boston 1999, S. 19
Vgl. a.a.O., S. 19
Vgl. a.a.O., S. 20
Vgl. a.a.O., S. 41-46
Vgl. T. W. Dunfee und T. Donaldson: „Contractarian Business Ethics: Current Status and Next Steps“, in:
Business Ethics Quarterly, Bd. 5, Heft 2 (1995), S. 176
Vgl. T. Donaldson und T. Dunfee: Ties that Bind, a.a.O., S. 22ff
Vgl. B. Ungericht et al.: Corporate Social Responsibility oder gesellschaftliche Unternehmensverantwortung? Kritische
Reflexionen, empirische Befunde und politische Empfehlungen, Berlin und Wien 2008, S. 69
„Zivilgesellschaftliche Organisationen fordern verpflichtende Regeln, um einen Schutz für die
Schwächeren zu garantieren und argumentieren, dass damit auch Unternehmen unterstützt
werden, welche in ihrer Unternehmenspolitik neben den ökonomischen auch sozialen und
ökologischen Kriterien folgen.“ 537 Thomas Beschorner und Matthias Schmitt geben zu bedenken,
dass für Managementkonzepte dann gute Möglichkeiten für deren Übernahme in die Praxis
bestehen, wenn sie begrifflich anschlussfähig sind und – vor allem – mit Anglizismen verpackt
werden. 538 Nach den Autoren verhält es sich mit Corporate Social Responsibility und Corporate
Citizenship (CC) nicht anders: „Von Unternehmensethik wollte die Praxis lange nichts wissen. Der
Begriff erscheint sperrig, im hinteren Teil des Wortes moralisierend. CSR und CC hingegen,
darauf weisen verschiedene Faktoren eindeutig hin, erhalten in zunehmendem Maße Einzug in
die unternehmerische Praxis.“ 539 Aber was bedeuten CSR und CC inhaltlich gesehen? Wie
unterscheiden sie sich von anderen wirtschaftsethischen Ansätzen? Beschorner und Schmitt
betonen, dass die englischen Termini zwar zum Erfolg von Konzepten beitragen, mit dem Preis
allerdings, dass von einem wahren Begriffs-Wirrwarr gesprochen werden muss. 540 Diese Einsicht
wird von anderen Autoren wie Anna Glombitza 541, Karin Fuchs-Gamböck 542 oder Ulf Schrader
bestätigt. Letzterer weist darauf hin, dass im deutschsprachigen Raum Corporate Sozial Responsibility
dem Konzept Corporate Citizenship manchmal übergeordnet sei, die Begriffe jedoch häufig
synonym verwendet würden und darüber hinaus – so Schrader – viele Autoren davon ausgingen,
dass Corporate Citizenship zunehmend das Konzept von Corporate Social Responsibility, das auch unter
den Namen von Corporate Sustainability oder Sustainable Management auftaucht, verdränge. 543 Auch
im Handbuch Corporate Citizenship. Corporate Social Responsibility für Manager erfolgt keine strenge
Trennung zwischen CSR und CC, dem Untertitel nach wird vielmehr die Übernahme von
Verantwortung darin gesehen, dass Unternehmen sich wie gute Bürger verhalten. Die Autoren
André Habisch, Martin Wildner und Franz Wenzel betonen, dass sich Corporate Citizenship bzw.
Social Corporate Responsibility vom Mäzenatentum unterscheide und durch vier wesentliche
Merkmale charakterisiert sei: 544 Erstens übernehmen Unternehmen Projekte zur Lösung oder
Linderung relevanter gesellschaftlicher Probleme, zweitens geschieht dies gemeinsam mit externen
Partnern, zum Beispiel mit Bildungs-, Kultur- oder Sozialeinrichtungen, drittens werden dazu nicht
nur Finanzmittel, sondern zugleich weitere betriebliche Ressourcen wie Mitarbeiterengagement,
Informationen, Netzwerke usf. auf unterschiedlichste Weise bereit gestellt und viertens geht es bei
diesen Projekten darum, nebst dem gesellschaftlichen Nutzen auch einen wesentlichen Nutzen
für das Unternehmen zu erzielen. Ulf Schrader unterscheidet hinsichtlich Corporate Citizenship
zwei Grundformen von unternehmerischen Aktivitäten, nämlich Corporate Giving und Corporate
Volunteering. 545 Mit Corporate Giving werden Spenden- und Sponsoraktivitäten von Unternehmen
bezeichnet 546, während Corporate Volunteering „alle Formen des bürgerschaftlichen Engagements
von Mitarbeitern, die von einem Unternehmen gefördert oder gefordert werden“ 547, umfasst.
Dies können beispielsweise die Einrichtung einer innerbetrieblichen Informationsstelle für bürgerliches
Engagement, die Überlassung des Arbeitsplatzes für ehrenamtliche Tätigkeiten, Freistellungen der
537
538
539
540
541
542
543
544
545
546
547
A.a.O., S. 70
Vgl. T. Beschorner und M. Schmitt: „Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship - zur
Einführung“, in: Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship, Hrsg. von M. Schmidt und T. Beschorner,
2. Auflage, München und Mering 2008, S. 9
A.a.O., a.a.O., S. 9
Vgl. A.a.O., S. 10
Vgl. A. Glombitza: Corporate Social Responsibility in der Unternehmenskommunikation, Berlin und München 2005,
S. 25
Vgl. K. Fuchs-Gamböck: Corporate Social Responsibility im Mittelstand. Wie Ihr Unternehmen durch gesellschaftliches
Engagement gewinnt, Heidelberg, München, Landsberg und Berlin 2006, S. 12
Vgl. U. Schrader: Corporate Citizenship. Die Unternehmung als guter Bürger?, Berlin 2003, S. 64f
Vgl. A. Habisch et al.: „Corporate Citizenship (CC) als Bestandteil der Unternehmensstrategie“, in: Handbuch
Corporate Citizenship, Hrsg. von A. Habisch et al., Heidelberg 2008, S. 8
Vgl. U. Schrader: Corporate Citizenship, a.a.O., S. 41
Vgl. a.a.O., S. 41
A.a.O., S. 45
77
Arbeitnehmer für bürgerschaftliches Engagement usw. sein. Daniel Dietzfelbinger betrachtet
Corporate Citizenship als ein Dachleitbild, „das sich auf unterschiedliche Säulen stützt. Neben der für
ein Unternehmen grundlegenden Säule der ökonomischen Ausrichtung stehen die Säulen der
Sozial- und Umweltverantwortung, Stichworte, die aus der Diskussion und Nachhaltigkeit
bekannt sind und die im Corporate Citizen-Konzept ihre Konkretion auf Unternehmensebene
erfahren.“ 548
Angesichts der Tatsache, dass unmoralisches Handeln seitens der Unternehmen
ökonomisch durchaus erfolgreich sein kann – nach Guido Palazzo gibt es eine Parallelwelt: „Und
in dieser Parallelwelt sind die Bösen erfolgreich und die Guten erfolglos.“ 549 – ist die Gefahr
beträchtlich, dass Unternehmen CSR bzw. CC-Konzepte als blosse Marketinginstrumente
einsetzen bzw. missbrauchen. Das bestätigen Jean-Pascal Gond, Guido Palazzo und Kunal Basu,
die vom Ausmass, wie „CSR for Profit“ sowohl in der Praxis wie auch in der
Hochschullandschaft in jüngster Zeit missbraucht wird, überrascht sind. 550 Die Autoren
vergleichen den instrumentellen CSR-Ansatz mit den Methoden der Mafia und kommen zum
Schluss, dass Letztere in mehrfacher Hinsicht als einen wahren CSR-Champion aufgefasst
werden kann 551. Dass den Ansätzen von Corporate Citizenship bzw. Corporate Social Responsibility, die
als Bestandteil der Unternehmensstrategie festgelegt werden und dadurch kaum Möglichkeiten
haben, gerade diese aus ethischer Sicht kritisch zu hinterfragen, nicht selten auch von der
Marktseite her gewisse Grenzen gesetzt sind, zeigt Andreas Deckmann anhand des
Geschäftsmodells einer Billigfluglinie (LCC). Deckmann stellt fest, „dass das Geschäftsmodell
der LCC im Prinzip keine Spielräume für die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung im
Sinne eines lebensdienlichen, zukunftsorientierten Strebens lässt. Die Deutung gesellschaftlicher
Verantwortung durch die Billigflieger beschränkt sich bisher einzig auf die Umsetzung der
ordnungspolitischen Rahmenvorgaben. (…) Da das Geschäftsmodell der Billigflieger und auch
das aktuelle Nachfrageverhalten der Verbraucher offenbar keinen geeigneten Platz für
unternehmensethische Überlegungen bieten, wird der Impuls zur Wahrnehmung
gesellschaftlicher Verantwortung im Marktsegment der LCC kaum aus den Unternehmen selbst
kommen.“ 552 Es ist Deckmann zuzustimmen, dass unter diesem Aspekt die Diskussion um CSR
bzw. CC ins Leere zu laufen droht – ausser man ist bereit, CSR neu auszurichten, nämlich als
Consumer Social Responsibility. 553
2.14 Wirtschaftsethische Ansätze lanciert durch Politik, Wirtschaft und NGO
Mittlerweile konnten sich einige wirtschaftsethische Ansätze etablieren, die vor allem durch die
Politik, Wirtschaft und Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) lanciert wurden. Allen voran ist
der vom ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan im Jahre 1999 anlässlich des
Weltwirtschaftsgipfels in Davos ins Leben gerufene Global Compact zu nennen. 554 Nach Christoph
A. Weber-Berg ist diese Idee „vor dem Hintergrund der Tatsache zu verstehen, dass im Kontext
der Globalisierung die Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft nicht mehr einfach als
Aufgabe der Staaten angesehen werden kann.“ 555 Der Global Compact umfasst zehn Prinzipen
548
549
550
551
552
553
554
555
78
D. Dietzfelbinger: Aller Anfang ist leicht. Unternehmens- und Wirtschaftsethik für die Praxis, 4. Auflage,
München 2004, S. 170
G. Palazzo: „Gutes Gewissen schlechtes Geschäft. Warum sich Wirtschaftsethik nicht unbedingt lohnt?“,
changeX, Berlin 2006, S. 2
[www.changeX.de~, Veröffentlicht: 21.02.2006, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. J.-P. Gond et al.: „Reconsidering Instrumental Corporate Social Responsibility through the Mafia
Metaphor“, in: Business Ethics Quarterly, Bd. 19, Heft 1 (2009), S. 66
Vgl. a.a.O., S. 68
A. Deckmann: „Zur Verantwortung von Billigfliegern, oder CSR: Aus Corporate Social Responsibility wird
Consumer Social Responsibility“, in: Corporate Social Responsibility und Corporate Citizenship, a.a.O., S. 83f
Vgl. a.a.O., S. 85
Vgl. P.-M. Hildebrandt: „Global Compact“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 13, Heft 2 (2005), S. 56
Ch. A. Weber-Berg: Mehrwert Ethik, a.a.O., S. 108
mit den Kategorien Menschenrecht, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung. 556 Die
Teilnahme ist dabei denkbar einfach. Mit einem Brief an den UN-Sekretär kann ein
Unternehmen seinen Willen bekräftigen, bestimmte soziale und ökologische Mindeststandards
einzuhalten und jährlich über diese Bemühungen Bericht zu erstatten. 557 Weitere Anforderungen
an die Grösse, Rechtsform oder Branche eines Unternehmens bestehen nicht. Im Jahre 2005
hatten sich weltweit mehr als 2000 Unternehmen für den CG entschieden. 558
Die amerikanische NGO Social Accountability International (SAI) hat die Norm Social
Accountability 8000 (SA 8000) entwickelt. 559 Der im Jahre 1997 entwickelte Standard, der die
bereits vorhandenen Management-Systeme ISO 9000 und 14000 ergänzt, bezieht sich auf die
Einhaltung von Menschenrechten bei Arbeitsbedingungen sowie beim Umgang mit Mitarbeitern. 560
Dazu gehören das Verbot von Disziplinierungs- und Diskriminierungsmassnahmen, das Verbot
von Kinder- und Zwangsarbeit, die Einhaltung von Mindeststandards bei den
Arbeitsbedingungen, das Recht der Mitarbeiter auf Vereinigungsfreiheit, die Festlegung einer
maximalen Wochenarbeitszeit, die Zahlung eines Mindestlohnes sowie die Verpflichtung des
Managements zu diesem Standard. 561 Der SA 8000, dessen Einhaltung im Gegensatz zum Global
Compact regelmässig geprüft wird, konnte sich mittlerweile weltweit in vielen Bereichen,
insbesondere in der Bekleidungs- und Textilindustrie, etablieren. Im Jahre 2005 haben sich
insgesamt 750 Organisationen in 47 Ländern und 54 Industriebereichen für dieses
wirtschaftsethische Konzept entschieden. 562 Etwa zwei Drittel der zertifizierten Betriebe befinden
sich in den Ländern Italien, China, Indien und Brasilien. 563
Die Global Reporting Initiative (GRI) besteht aus einem breiten Netzwerk von
Stakeholdern und mehreren Hundert Experten, die in einem partizipativen konsensorientierten
Verfahren Richtlinien für die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten seitens der Organisationen
entwickeln. 564 Eine erste Version wurde im Jahre 2000 veröffentlicht, im 2002 wurde diese
verbessert und im Jahre 2006 folgte die heute gültige dritte Version. 565 Ralph Thurm, leitender
Geschäftsführer der GRI, betont, dass mittlerweile 900 Organisationen in nahezu 60 Ländern
den GRI als Standard für die Nachhaltigkeitsberichterstattung verwenden. 566 Ein wesentlicher
Bestandteil der Guidelines sind Kennzahlen der Organisationen zu ökonomischen, sozialen und
ökologischen Anstrengungen. 567 Für jede Kennzahl ist mittlerweile ein fachspezifisches Protokoll
entwickelt worden, das durch die Organisationen kurz und prägnant (ca. 1 Seite) ausgefüllt
werden muss.
Mit dem Deutschen Corporate Governance Kodex sollen die in Deutschland geltenden Regeln
für Unternehmensführung den nationalen und internationalen Investoren transparent gemacht
werden. Ziel ist es, „dass Vertrauen in die Unternehmensführung deutscher Gesellschaften zu
stärken, um insbesondere internationale und nationale Kapitalanleger zu gewinnen.“ 568 Der
Kodex umfasst vor allem die internationalen
Kritikpunkte an der deutschen
Unternehmensverfassung, nämlich erstens die mangelhafte Ausrichtung auf die
Aktionärsinteressen, zweitens die duale Unternehmensverfassung mit Vorstand und Aufsichtsrat,
drittens die mangelnde Transparenz deutscher Unternehmensführung, viertens die mangelnde
Unabhängigkeit deutscher Aufsichtsräte und fünftens die eingeschränkte Unabhängigkeit der
556
557
558
559
560
561
562
563
564
565
566
567
568
Vgl. P.-M. Hildebrandt: „Global Compact“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 13, Heft 2 (2005), S. 56
Vgl. W. Ch. Zimmerli und M. S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 374
Vgl. P.-M. Hildebrandt: „Global Compact“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 13, Heft 2 (2005), S. 56
Vgl. N. Lin-Hi: „SA 8000“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 13, Heft 4 (2005), S. 57
Vgl. a.a.O., S. 57
Vgl. a.a.O., S. 57
Vgl. a.a.O., S. 57
Vgl. a.a.O., S. 57
Vgl. R. Thurm: „GRI. Dritte Generation der GRI Sustainability Reporting Guidelines (G3) werden im Oktober
2006 veröffentlicht“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 14, Heft 3 (2006), S. 48
Vgl. a.a.O., S. 48
Vgl. a.a.O., S. 48
Vgl. a.a.O., S. 50f
A. Brink: „Deutscher Corporate Governance Kodex“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 15, Heft 1 (2007), S. 57
79
Abschlussprüfer. 569 Der 14 Seiten umfassende Kodex fällt unter das sogenannte soft law, das
heisst, er befasst sich zunächst mit den gegebenen gesetzlichen Regelungen, liefert jedoch darüber
hinaus Soll- und Kann-Empfehlungen. Alexander Brink betont, dass mit der Grösse des
Unternehmens die Bedeutung dieser Richtlinien zunimmt und kein einziges im DAX kotiertes
Unternehmen alle Kodex-Empfehlungen ablehne, fünf Unternehmen hingegen sämtliche 82
Empfehlungen angenommen hätten. 570 Nach Brink lassen sich vier Angriffsflächen gegen diesen
Kodex anbringen: 571 Erstens ist er einseitig auf die Aktionäre ausgerichtet und nimmt die übrigen
Stakeholder – trotz Erwähnung in der Präambel – kaum in den Blick, zweitens behandelt er keine
ethischen Themen wie beispielsweise Korruption oder Menschenrechte, drittens nimmt der
Corporate Governance Kodex allein das Unternehmen, nicht aber die Führungspersonen in die Pflicht
und viertens gilt der Kodex nur für Aktiengesellschaften, nicht aber für andere
Organisationsformen.
Mit dem Global Compact, SA 8000, GRI sowie dem Deutschen Corporate Governance Kodex
sind zweifellos nicht alle durch Politik, Wirtschaft und NGO lancierten wirtschaftsethischen
Ansätze vorgestellt worden, wohl darf aber gesagt werden, dass sie zu den bedeutendsten
Konzepten gehören, für welche sich Unternehmen freiwillig entscheiden können. Der
gemeinsame Nenner dieser Ansätze besteht zum einen darin, dass sie in erster Linie an
multinationale Unternehmen gerichtet sind und andererseits die Akzeptanz sich nicht einer
genuin ethischen Grundhaltung verdankt. Was Paula-Marie Hildebrandt hinsichtlich des Global
Compact sagt, gilt wohl für alle übrigen gleichgelagerten Konzepte ebenso: „Für Firmen wird es
geschäftspolitisch immer sinnvoller, universelle Prinzipien und Werte als wesentliche Bestandteile
in ihre unternehmerischen Strategien und ihr Handeln einzubinden. Kundschaft, Mitarbeitende,
Medien und Investoren fordern dies zunehmend ein.“ 572
2.15 Der Ansatz der angloamerikanischen Business Ethics
Bei den vorgestellten wirtschaftsethischen Ansätzen ist nicht zwischen angloamerikanischen
einerseits und europäischen bzw. deutschsprachigen Ansätzen andererseits unterschieden
worden. Nach Andrew Crane und Dirk Matten sind die Unterschiede jedoch so beträchtlich, dass
ein Transfer der angloamerikanischen Business Ethics in den europäischen Kontext nur bedingt
gelingen kann. 573 Im Folgenden sollen einige Hinweise zur Geschichte der angloamerikanischen
Business Ethics, zu den Forschungstendenzen und schliesslich zu den wesentlichen Unterschieden zur
europäischen bzw. deutschsprachigen Wirtschaftsethik vorgebracht werden.
Die Entwicklung der Disziplin „Business Ethics“ begann in den Vereinigten Staaten
bereits in den 1970er Jahren, ausgelöst durch Skandale, die vermehrt dazu führten, dass soziale
Forderungen an die Wirtschaft gestellt wurden. Nach Richard T. De George kamen diese
wirtschaftsethischen Aktivitäten auf drei Ebenen zum Ausdruck, nämlich auf der Ebene des
ökonomischen Systems, der Organisation und der Individuen, ohne allerdings dabei zu überzeugen:
„Vieles, was dargestellt und veröffentlicht wurde, war polemisch, ideologisch, wertlos und
gehaltlos.“ 574 Nichtsdestotrotz – so De George – konnten sich am Ende der Dekade einige
zentrale Punkte herauskristallisieren, die dann auch als Basis für die Entwicklung eines
systematischen Ansatzes verwendet werden konnten. 575 Beispielsweise wurde die metaethische
Frage, ob Korporationen moralisch verantwortlich gemacht werden können bzw. welchen
Einfluss die Einnahme von Führungsrollen auf das moralische Verhalten von Individuen hat,
aufgenommen und einer systematischen Bearbeitung zugeführt. Im Weiteren erfuhren die
569
570
571
572
573
574
575
80
Vgl. a.a.O., S. 57
Vgl. a.a.O., S. 58
Vgl. a.a.O., S. 59
P.-M. Hildebrandt: „Global Compact“, in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 13, Heft 2 (2005), S. 56f
Vgl. A. Crane und D. Matten: Business Ethics, a.a.O., S. 26f
R. T. De George: „Unternehmensethik aus amerikanischer Sicht“, in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 306
Vgl. a.a.O., S. 306
Stakeholder-Analyse sowie der korporative Ungehorsam, allen voran Whistle-blowing 576, eine
systematische Beleuchtung. Um 1985 etablierte sich Business Ethics als akademische Disziplin und
– das ist vielleicht das Bedeutsamste – im ganzen Land wurden über 500 Kurse an Colleges,
Universitäten und Wirtschaftsfakultäten angeboten, die dann auch von über 40‘000
Wirtschaftsethik-Studierenden genutzt wurden. 577 Dadurch entstand ein Markt mit einer grossen
Zahl von Lehrbüchern und Fallsammlungen, der auch für die Unternehmen von grosser
Bedeutung wurde.
Die angloamerikanische Business Ethics ist interdisziplinär, und zwar vor allem deshalb,
weil sie einen bedeutenden deskriptiven Teil beinhaltet. Ökonomen, Soziologen oder
Psychologen liefern beispielsweise Theorien über sozio-demografische Faktoren in Bezug auf die
ethische Sensibilität oder über den Zusammenhang zwischen psychografischen Variablen und
moralischem Verhalten578, während es den Philosophen und Theologen vorbehalten ist, eine
normative Theorie mit ethischen Regeln zu entwickeln. Als Forschungsschwerpunkte können die
im Rahmen des pragmatischen Ansatzes vorgestellten fünf Punkte genannt werden (vgl. S. 69),
nämlich erstens die Aufzeichnung von Fällen unmoralischen Verhaltens, zweitens die Untersuchung
der Wirtschafts- und Geschäftspraktiken, drittens die Klärung der normativen Vorgaben, viertens
die Beantwortung metaethischer Fragestellungen und fünftens die Lösung von komplexen
Problemstellungen. Nach De George sollte sich Business Ethics in drei verschiedenen Punkten
weiterentwickeln: 579 Erstens gilt es, die positive Seite ethischer Anliegen ins Zentrum zu stellen,
beispielsweise mit der Frage: „Gibt es eine Korrelation zwischen ethischem Handeln und
Gewinn? Wird langfristiges Denken durch Ethik verstärkt, und zahlt es sich am Ende nicht
besser aus als kurzfristiges Denken?“ 580 Zweitens sollte sich Business Ethics das Ziel setzen, dass das
Aufwerfen ethischer Fragen seitens der Unternehmen anerkannt wird, so dass entsprechende
Institutionen geschaffen werden. Es lässt sich nämlich zeigen, „daß es von Vorteil ist, ein
Ethikkomitee bei einem Vorstand bzw. Verwaltungsrat einer Korporation zu haben.“ 581 Drittens
reicht es immer weniger, sich auf die amerikanischen Gegebenheiten zu beschränken, vielmehr
müssen internationale Probleme wie Umweltgefährdung oder die Auswirkungen der
Hochtechnologie in die Überlegungen mit einbezogen werden. De George kritisiert in diesem
Sinne die auf den nordamerikanischen Wirtschaftsraum beschränkte Business Ethics: „Wir hätten
fragen können und sollten fragen, ob es tatsächlich generell in allen Ländern anerkannte ethische
Normen gibt, von denen sich internationale Wirtschaft und ökonomische Transaktionen leiten
lassen sollten.“ 582 – Mittlerweile hat Georges Enderle mit mehreren Autoren einen ersten Schritt
in eine International Business Ethics geleistet. Sie analysieren das ökonomische System, untersuchen die
Rollen von Kulturen und Werten für wirtschaftsethische Anliegen und stellen die Frage, inwieweit
die Weltreligionen für International Business Ethics fruchtbar gemacht werden können. 583 Dabei
bestimmen sie die Organisationen als die Träger der Hauptverantwortung für die Durchsetzung
wirtschaftsethischer Anliegen. 584
576
577
578
579
580
581
582
583
584
Mit Whistle-blowing ist gemeint, dass Mitarbeiter das eigene Unternehmen wegen illegalen oder moralisch
fragwürdigen Praktiken „verpfeifen“. Es wird zwischen einem internen und einem externen sowie einem offenen
und einem anonymen Whistle-Blowing unterschieden, wobei es immer darum geht, einen Weg zu finden, wie
Änderungen im Unternehmen herbeigeführt werden können. Björn Salg weist darauf hin, dass
Unternehmenskulturen, die eine konstruktive Kritik zulassen bzw. fördern, ein adäquates Mittel sind, sowohl
das Unternehmen wie auch die Mitarbeiter vor Whistle-Blowing zu schützen. (Vgl. B. Salg: „Whistle-Blowing“,
in: Forum Wirtschaftsethik, Jg. 16, Heft 2 (2008), S. 53f)
Vgl. R. T. De George: „Unternehmensethik aus amerikanischer Sicht“, in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 307
Vgl. S. Grabner-Kräuter: „US-Amerikanische Business Ethics-Forschung - the story so far“, in: Wirtschafts- und
Unternehmensethik. Rückblick - Ausblick - Perspektiven, München und Mering 2005, S. 144f
Vgl. R. T. De George: „Unternehmensethik aus amerikanischer Sicht“, in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 312ff
A.a.O., S. 312
A.a.O., S. 313
A.a.O., S. 314
Vgl. G. Enderle: “An Introduction to International Business Ethics“, in: International Business Ethics. Challenges
and Approaches, Hrsg. von G. Enderle, Notre Dame 1999, S. 3-7
Vgl. a.a.O., S. 6f
81
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben wohl die am meisten entwickelte Literatur
zur Wirtschaftsethik. 585 Nach Sonja Grabner-Kräuter sind es drei wirtschaftsethische Ansätze, die
in der angloamerikanischen Business Ethics dominieren, nämlich der stakeholder, der aristotelische
sowie der vertragstheoretische Ansatz. 586 Dabei geht es nach Sonja Grabner-Kräuter und Bettina
Palazzo vor allem um die Frage, „wie Ethik praktisch in den Alltag der Wirtschaft
‚hineingebracht‘ werden kann“ 587 bzw. wie Theorien zu Tools umgewandelt werden können 588,
während sich die europäische, insbesondere die deutschsprachige Wirtschaftsethik, vor allem mit
der Normenfindung und Normenbegründung auseinandersetzt. Georges Enderle vergleicht die
Disziplin zwischen Nordamerika und Kontinentaleuropa und stellt unter anderem fest, dass in
Nordamerika – im Gegensatz zu Kontinentaleuropa – Business Ethics in den Ausbildungsstätten
als Teil des Curriculums breit akzeptiert ist, in den Unternehmen Codes of Conduct, EthikBeauftragte und Ethik-Trainingsprogramme weit verbreitet sind und ganz grundsätzlich die
praktische Orientierung sehr viel stärker im Vordergrund steht. 589 Die Autoren Andrew Crane
und Dirk Matten versuchen mithilfe von fünf miteinander zusammenhängenden Schlüsselfragen die
Differenzen zwischen der angloamerikanischen und der europäischen Wirtschaftsethik
aufzuzeigen. 590 Die erste Schlüsselfrage lautet: Wer ist verantwortlich für ethisches Benehmen in der
Wirtschaftstätigkeit? Nach Crane und Matten wird diese Frage in den Vereinigten Staaten
vorwiegend mit dem Individuum und im europäischen Raum mit dem Kollektiv, allen voran mit
dem Staat, beantwortet. 591 Wer ist der Hauptakteur im Kontext von Wirtschaftsethik? Für die
Beantwortung der zweiten Schlüsselfrage stellen die Autoren das Unternehmen (bei den
Vereinigten Staaten) bzw. die Regierung, Gewerkschaften und Branchenverbänden (in Europa) ins
Zentrum. 592 Diese Unterscheidung liefert zugleich die Antwort für die dritte Schlüsselfrage,
nämlich: Welches sind die Instrumente für wirtschaftsethisches Verhalten? Während in den Vereinigten
Staaten die Unternehmen sich selbst ethischen Normen unterwerfen, den Codes of Conduct, werden
in Europa ethische Anliegen im Rahmen der Wirtschaftsgesetzgebung ausgehandelt. 593 Als weitere
Schlüsselfrage sehen Crane und Matten die Frage nach den Schlüsselproblemen in Wirtschaftsethik.
Wiederum in einem engen Zusammenhang mit den zuvor gegebenen Antworten ist in der
angloamerikanischen Wirtschaftsethik mangelnde Führung bzw. nicht-ethisches Verhalten seitens der
Führungsleute bzw. Mitarbeiter das Kernproblem, während in der europäischen Wirtschaftsethik
eine ungenügende Wirtschaftsordnung bzw. nicht-ethische Unternehmenskulturen als die Hauptprobleme
betrachtet werden. 594 Die fünfte und letzte Schlüsselfrage lautet: Wer ist der dominante Stakeholder?
Nach Crane und Matten ist dies in den Vereinigten Staaten der Shareholder, während im
europäischen Kontext mehrere Stakeholder in die wirtschaftsethischen Überlegungen mit
einbezogen werden. 595 Zwar sind die Unterschiede zwischen der angloamerikanischen Business
Ethics und der europäischen Wirtschaftsethik immer noch bedeutsam, hingegen gilt es nach
Andrew Crane und Dirk Matten die klare Tendenz der zunehmenden Angleichung der
ökonomischen Systeme, insbesondere die Abnahme der nationalstaatlichen Einflussnahme in das
Wirtschaftsgeschehen, zur Kenntnis zu nehmen. „Globalization has resulted in a rapid and
585
586
587
588
589
590
591
592
593
594
595
82
Vgl. R. T. De George: „Unternehmensethik aus amerikanischer Sicht“, in: Wirtschaft und Ethik, a.a.O., S. 316
Vgl. S. Grabner-Kräuter: „US-Amerikanische Business Ethics-Forschung - the story so far“, in: Wirtschafts- und
Unternehmensethik. Rückblick - Ausblick - Perspektiven, a.a.O., S. 154
A.a.O., S. 143
Vgl. B. Palazzo: „The Story so far - revisited: Die kulturellen Hintergründe der Business Ethics“, in: Wirtschaftsund Unternehmensethik. Rückblick - Ausblick - Perspektiven, a.a.O., S. 184
Vgl. G. Enderle: „Focus: A Comparison of Business Ethics in North America and Continental Europe“, in:
Business Ethics: A European Review, Bd. 5, Heft 1 (1996), S. 37
Vgl. A. Crane und D. Matten: Business Ethics, a.a.O., S. 28
Vgl. a.a.O., S. 27f
Vgl. a.a.O., S. 28
Vgl. a.a.O., S. 28f
Vgl. a.a.O., S. 28f
Vgl. a.a.O., S. 28f
comprehensive move towards deregulation of business activities which increasingly puts business
in contexts similar to the American version of capitalism.“ 596
3
Klassifikationsversuch wirtschaftsethischer Ansätze
596
A.a.O., S. 30
Matthias Karmasin und Michael Litschka unterscheiden gar zwischen deskriptiven, normativen und metatheoretischen
Positionen, wobei mit Letzteren metaethische Theorien gemeint sind. (Vgl. M. Karmasin und M. Litschka:
Wirtschaftsethik – Theorien, Strategien, Trends, a.a.O., S. 26)
Vgl. K. Wiegerling: „Grundbegriffe und Felder der angewandten Ethik“, in: Corporate Social Responsibility und
Corporate Citizenship, a.a.O., S. 21
Die Darstellung der verschiedenen wirtschaftsethischen Ansätze liefert ausreichend
Anhaltspunkte für eine zwar grobe, aber dennoch hilfreiche Klassifikation. Die Tatsache, dass bei
einzelnen Theorien nicht immer klar herausgeschält werden konnte, ob es sich um eine normative
oder deskriptive Theorie handelt, gibt gerade den Anstoss für diese grundsätzliche
Unterscheidung 597. Zu den vorgestellten normativen Theorien lässt sich sagen, dass diese
mehrheitlich der Philosophie zugeordnet werden können. Das heisst, die Gründe, weshalb
Wirtschaftsakteure, Unternehmen oder Wirtschaftsordnungen ethischen Anliegen Rechnung
tragen sollen, stützen sich auf eine Philosophie, auf deren Grundlage moralische Anliegen
moniert und ethische Ideen bzw. ethische Theorien, beispielsweise der Utilitarismus oder die
Diskursethik, elaboriert werden können. Mit den vorgestellten sozialethischen Theorien von
Oswald von Nell-Breuning und Arthur Rich bietet sich die Theologie als eine zweite Möglichkeit
für die Klassifikation von normativen wirtschaftsethischen Theorien an. Als wichtiges
Unterscheidungsmerkmal zur Philosophie kann dabei die aus einem religiösen Kontext bezogene
Begründungsleistung genannt werden. Bei den neueren Ideen wie Corporate Social Responsibility,
Corporate Citizenship, Global Compact, SA 8000 usw. kommt mehr oder weniger deutlich zum
Ausdruck, dass diese Ansätze am ehesten durch die Betriebswirtschaftslehre eine Begründung finden
können. Dies zeigt sich daran, dass die Aufnahme ethischer Anliegen weder einem
philosophischen Werte- noch einem religiösen Glaubenssystem geschuldet ist, sondern der
ökonomischen Vernunft. Letztere anerkennt, dass das betriebswirtschaftliche Erfolgsstreben
durch die Integration ethischer Regeln verbessert bzw. sichergestellt werden kann. Als vierte
Klassifikationsmöglichkeit kann schliesslich die Volkswirtschaftslehre genannt werden. Zu Recht
betonen Wirtschaftsethiker wie Ulrich, Schumann oder Brodbeck den normativen Gehalt der
Volkswirtschaftstheorien, und zwar unabhängig davon, ob es sich um den klassischen Liberalismus,
Sozialismus, Ordoliberalismus oder Neoliberalismus handelt. Mit Philosophie, Theologie, Betriebs- und
Volkswirtschaftslehre zeigen sich somit vier Begründungsinstanzen, die letztlich nichts weiter als das
für die Wirtschaftsethik basale Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomie bzw. Ethik und
Ökonomik zum Ausdruck bringen.
Was lässt sich über die Unterschiede dieser vier Klassifikationsmöglichkeiten als
Begründungsinstanzen für wirtschaftsethische Ansätze sagen? Die philosophische und
theologische Ethik fordern den Einbezug ethischer Anliegen der Ethik wegen, das heisst im
Hinblick auf das gute Leben und friedliche Zusammenleben 598. Dabei kann die Frage nach dem Inhalt
des guten Lebens bzw. des friedlichen Zusammenlebens – vor allem bei der philosophischen
Ethik – durchaus kritisch reflektiert und im Rahmen eines wissenschaftlichen Diskurses
weiterentwickelt werden. Anders bei den sich gegenüber der Philosophie verselbständigten
ökonomischen Wissenschaften. Wenn beispielsweise die Betriebswirtschaftslehre ethische Anliegen in
ihr theoretisches Programm aufnimmt, dann geschieht dies nicht genuin der Ethik wegen,
sondern zum Schutz der eigenen Normativität, die nach Erich Gutenberg, dem Begründer der
modernen deutschen Betriebswirtschaftslehre, den betriebswirtschaftlichen Grundsatz: „auf das
in den Unternehmen investierte Kapital unter Abwägung aller Risiken auf die Dauer eine
597
598
83
möglichst hohe Rendite zu erzielen“ 599 zum Inhalt hat. Und wenn die Volkswirtschaftslehre in ihrer
derzeitigen Verfassung überhaupt noch theoretische Grundlagen für die Verhinderung von
Arbeitslosigkeit und Armut bereitstellt oder Massnahmen zur Eindämmung der ökologischen
Gefährdung vorschlägt, dann erfolgt dies allein zur Aufrechterhaltung ihres Credos: „Die freie
Marktwirtschaft ist die beste aller Welten, ist der direkte Weg zum materiellen Paradies auf
Erden.“ 600 Kurzum: Wenn die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre allenfalls ethische Anliegen
aufnehmen, dann tun sie dies bloss im Sinne eines Instrumentes für die Erhaltung der eigenen (höheren)
Normativität.
Es stellt sich sodann die wichtige Frage nach dem qualitativen Unterschied dieser beiden
verschiedenen Arten der Berücksichtigung ethischer Anliegen. Es können zwei wichtige
Unterscheidungsmerkmale genannt werden: Ein Instrument kann erstens jederzeit durch ein anderes,
möglicherweise geeigneteres, ersetzt werden. Sollte die Betriebswirtschaftslehre beispielsweise zur
Erkenntnis kommen, dass mit materiellen Anreizen ökonomisch bessere Leistungen als mit
ethischem Führungsverhalten möglich sind, dann wird sie Ersterem den Vorzug geben. Oder
wenn das Bruttosozialprodukt bzw. das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen mit
neoliberalen Ideen gesteigert werden kann, dann hat die Volkswirtschaftslehre keinen Anlass, am
Neoliberalismus zu zweifeln, obschon dieses Durchschnittseinkommen so gut wie gar nichts über
die einzelnen Einkommensverhältnisse und damit über eine gerechte Verteilung aussagt. In
einem engen Zusammenhang mit dem ersten qualitativen Unterschied zeigt sich zweitens: Die
Normativität auf der höheren Ebene seitens der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre bleibt weitgehend
unangetastet. Mit der Aufnahme ethischer Anliegen besteht sogar die Gefahr, dass die
Wirtschaftswissenschaften – hinter dem Deckmantel „Ethik“ – eine nicht unerhebliche Stärkung
ihrer mit der Ethik zunehmend unvereinbaren Normativität erfahren. Mit den von der
Betriebswirtschaftslehre aufgenommenen Ansätzen Corporate Social Responsibility bzw. Corporate
Citizenship verstehen es beispielsweise vor allem grössere Unternehmen ausgezeichnet, in
strategischer Manier Leistungen im Wohltätigkeitsbereich zu vollbringen, um „hinter den
Kulissen“ möglichst ungehindert und ohne ethische Reflexion das eigentliche Business zu
betreiben. Und hinsichtlich der Volkswirtschaftslehre verweist Hans Diefenbacher zu Recht auf
fragwürdige, kaum mehr hinterfragte Wohlfahrtskriterien, die dazu geführt haben, „dass gerade in
den so genannten Entwicklungsländern oft eine Wirtschaftspolitik explizit zur Steigerung des
Bruttosozialprodukts pro Kopf betrieben wurde und wird.“ 601
Diese Ausführungen zeigen, dass in erster Linie eine theologisch-wirtschaftsethische sowie eine
philosophisch-wirtschaftsethische Theorie die Kraft haben – zumindest der theoretischen Konzeption
nach -, die weitgehend implizite Normativität der Ökonomik und der mit ihr eng verbundenen
Ökonomie zu korrigieren. Und damit wird die Richtigkeit der zu Beginn getroffenen
Entscheidung, mithilfe von philosophisch-ethischen Vorgaben aufzeigen zu wollen, wie
Unternehmen im Einklang mit gesellschaftlich tief verankerten moralischen Werten geführt
werden sollen, bestätigt.
599
600
601
84
E. Gutenberg: „Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft“, in: Geschichte der Betriebswirtschaftslehre. Kommentierte
Meilensteine und Originaltexte, 2. Auflage, Wiesbaden 2002, S. 13
Vgl. B. Senf: Die blinden Flecken der Ökonomie. Wirtschaftstheorien in der Krise. Ein Aufklärungsbuch, 4. Auflage,
München 2007, S. 55
Vgl. H. Diefenbacher: Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit. Zum Verhältnis von Ethik und Ökonomie, Darmstadt 2001,
S. 118
Normative
Wirtschaftsethik
Theologie
Volkswirtschaftslehre
Betriebswirtschaftslehre
Wirtschaftssystem
Wirtschaftssystem
Wirtschaftssystem
Wirtschaftssystem
Unternehmen
Unternehmen
Unternehmen
Unternehmen
Individuum
Individuum
Individuum
Individuum
Abb. Nr. 1:
4
Philosophie
Vier Begründungsinstanzen normativer Wirtschaftsethik
Das Desiderat im philosophisch-wirtschaftsethischen Diskurs
Für den Autor dieser Arbeit besteht kein Zweifel, dass die vorgestellten philosophischwirtschaftsethischen Ansätze ihre besonderen Stärken aufweisen und einen wichtigen Beitrag zum
wirtschaftsethischen Diskurs leisten. In Bezug auf die drei ausführlich vorgestellten und im
deutschsprachigen Raum bedeutendsten Wirtschaftsethiken kann gesagt werden, dass Peter
Ulrichs Ansatz durch die solide diskursethische Grundlegung besticht, während die Stärken von
Karl Homanns Theorie in erster Linie im Versuch liegen, ethische Anliegen zu implementieren,
und Horst Steinmann für sich in Anspruch nehmen darf, ein überzeugendes Kriterium für die
Vermittlung zwischen Ethik und Ökonomie elaboriert zu haben. Es gehört zur
wissenschaftlichen Tätigkeit, dass – zumindest aus der Fremdperspektive – nicht in erster Linie
die Stärken der Theorien interessieren, sondern deren Schwächen. Und da fallen vor allem zwei
Aspekte auf: Erstens finden die philosophisch-wirtschaftsethischen Theorien wenig Zuspruch
seitens der Wirtschaftsakteure – manche Wirtschaftsethiker, beispielsweise Daniel
Dietzfelbinger602, betonen zwar regelmässig die grosse Nachfrage nach Wirtschaftsethik, ohne
allerdings genauer zu erläutern, wie diese Nachfrage zum Ausdruck gelangt. Die mangelnde
Akzeptanz zeigt sich nicht nur durch die mannigfaltigen moralischen Probleme, sondern
selbstkritische Wirtschaftsethiker wie Horst Steinmann geben ihre Fehleinschätzung
unumwunden zu: „Als wir vor nunmehr fast 20 Jahren unseren ersten Aufsatz zur
Unternehmensethik veröffentlichten, schlossen wir mit einer recht optimistischen Perspektive:
Die Unternehmensethik könne in Zukunft zu einem wichtigen Aufgabenbereich in der
betriebswirtschaftlichen Praxis und damit auch eine Herausforderung für die
betriebswirtschaftliche Theorie werden. Diese optimistische Prognose hat sich so nicht bestätigt.
Ich denke, man muss heute, jedenfalls für den deutschsprachigen Raum konstatieren, dass die
Wirtschafts- und Unternehmensethik in der Praxis wohl doch (noch) eine eher marginale Rolle
spielt; dies trotz mancher gegenteiliger Bekundungen, die man hin und wieder von
602
Vgl. D. Dietzfelbinger: Praxisleitfaden Unternehmensethik. Kennzahlen, Instrumente, Handlungsempfehlungen,
Wiesbaden 2008, S. 34ff
85
Führungskräften der Wirtschaft hört oder liest, die aber meistens über den Charakter von
Lippenbekenntnissen nicht hinausgehen.“ 603
Als zweite Schwäche kann moniert werden, dass weder Ulrich noch Homann noch
Steinmann präzise Angaben bezüglich des moralischen Desinteresses der Wirtschaftsakteure machen
können. Sowohl Ulrich wie auch Steinmann beziehen sich auf Kohlbergs moralpsychologische
Untersuchungen. Während sich Steinmann weder mit der Ursache des moralischen Desinteresses
noch mit den Schwierigkeiten der Kohlbergforschung vertieft auseinandersetzt, gibt Ulrich
immerhin zu bedenken, dass die für den vernunftethischen Standpunkt so wichtige sechste Stufe
nur von wenigen Menschen (weniger als 5 Prozent) erreicht wird 604. Nach Ulrich befinden wir
uns denn auch in einer epochalen Adoleszenzkrise der Menschheit 605, und zwar im Sinne einer Analogie
der menschlichen Phylogenese zur von Kohlberg erforschten Ontogenese des Gerechtigkeitsdenkens 606.
Erstaunlich ist, dass Ulrich auch in seiner neusten Ausgabe der Integrativen Wirtschaftsethik den
Standpunkt vertritt, dass die Theorie von Kohlberg hinsichtlich des für die Integrative
Wirtschaftsethik relevanten Kerns aller Kritik standgehalten habe und sowohl konzeptionell wie
auch empirisch als weitgehend bestätigt aufgefasst werden könne – Ulrich bezieht sich dabei auf
Aussagen des Moralpädagogen Fritz Oser aus dem Jahre 1988. 607 Denn gerade die empirische
Bestätigung ist nicht gegeben, wie Charles Levine und Alexandra Hewer in aller Klarheit
festhalten: „Wir schwächen unsere Aussagen über eine Stufe 6 des Gerechtigkeitsdenkens ab. Wir behaupten
nicht länger, daß es uns gelungen sei, empirisch das Wesen einer 6. und höchsten Stufe des
moralischen Urteilens zu beschreiben. Derzeit läßt sich über Vorhandensein und Wesen einer
solchen Stufe lediglich theoretisch und philosophisch spekulieren; weitere empirische Daten
müssen erhoben werden.“ 608 Mit anderen Worten: Die Erklärung des moralischen Desinteresses
seitens vieler Wirtschaftsakteure mithilfe der menschlichen Adoleszenzkrise ist nicht nur wegen
des zeitlichen Aspekts unbefriedigend, sondern auch höchst zweifelhaft hinsichtlich ihres
Gehalts. Und Homann schliesslich wählt den homo oeconomicus als theoretisches
Analyseinstrument, mit der Konsequenz, dass nur die Rahmenordnung als Ort der Moral
bestimmt werden kann. Nun muss Homann aber gerade eine zunehmende Inadäquatheit der
Rahmenordnung konzedieren: „Die Politiker werden heute ihrer originären Gestaltungsaufgabe
der Bereitstellung eines funktionierenden Ordnungsrahmens für die Wirtschaft immer weniger
gerecht.“ 609 Das bedeutet: Auch die Politiker sind homines oeconomici und schauen nur für ihre
eigenen Interessen. Was Letzteres allerdings im Konkreten bedeutet, lässt sich mit dem
mittlerweile in die Nähe einer Leerformel gerückten theoretischen Konstrukt nicht mehr ohne
Weiteres aufzeigen. Mit anderen Worten: Homanns Erklärung, weshalb Politiker als homines
oeconomici an der Aufnahme von ethischen Anliegen nicht interessiert sind, ist etwa
gleichbedeutend mit: weil es für sie keinen Nutzen abwirft.
Mit der Entwicklung einer philosophisch-wirtschaftsethischen Theorie werden nun zwei
Verbesserungen angestrebt: Erstens sollen die Chancen für die Annahme und Durchsetzung der
wirtschaftsethischen Theorie bei den adressierten Wirtschaftsakteuren erhöht werden, wobei dies
im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit bloss theoretisch aufgezeigt werden kann. Zweitens sollen
präzisere Erkenntnisse hinsichtlich des moralischen Desinteresses seitens vieler
Wirtschaftsakteure vorgelegt werden. Um diese beiden Vorgaben zu realisieren, wird ein
wirtschaftsethischer Ansatz gewählt, der konkreten moralischen Problemen eine methodologische
Bedeutung in der Entwicklung der wirtschaftsethischen Theorie einräumt. Das heisst: Moralische
Problemphänomene bilden den methodologischen Ausgangspunkt für die Entwicklung der
603
604
605
606
607
608
609
86
H. Steinmann: „Zur Situation der Unternehmensethik heute“, in: Was bewegt die St. Galler Wirtschaftsethik? 14
Einschätzungen „von aussen“, Hrsg. von P. Ulrich und M. Breuer, St. Gallen 2004, S. 33
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik. Grundlagen einer lebensdienlichen Ökonomie, 4. Auflage, Bern 2008, S. 56
Vgl. a.a.O., S. 57
Vgl. L. Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, Hrsg. von W. Althof, Frankfurt a. M. 1995, S. 219
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, (2008), a.a.O., S. 52
L. Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, a.a.O., S. 223
K. Homann und F. Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik, a.a.O., S. 115
wirtschaftsethischen Theorie. Und zwar deshalb, weil durch die methodologische Auszeichnung
konkreter moralischer Probleme Raum für eine Problemanalyse mit sozialwissenschaftlichen und
erkenntnistheoretischen Untersuchungen entsteht, mit deren Hilfe ein moralischer Problemkern, der
eine gewisse Betroffenheit bei den adressierten Wirtschaftsakteuren auslöst, sowie konkrete
ethische Regeln – nicht Moralprinzipien, die „auf einer sehr abstrakten Ebene angesiedelt sind
und mit idealen Voraussetzungen arbeiten“ 610 – im Sinne von Lösungsmöglichkeiten bestimmt
werden können. Im Weiteren ergibt sich mit sozialwissenschaftlichen und
erkenntnistheoretischen Untersuchungen die Möglichkeit, sowohl die Voraussetzungen der
Anwendung der philosophisch-ethischen Vorgaben wie auch die Akzeptanzbedingungen der
philosophisch-wirtschaftsethischen Theorie zu klären, aber auch zu erfüllen. Und im Übrigen
darf aufgrund der sozialwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Überlegungen erwartet
werden, tiefere Erkenntnisse zum schwerwiegenden moralischen Desinteresse seitens vieler
Wirtschaftsakteure erarbeiten zu können.
Mit einer problemorientierten philosophischen-wirtschaftsethischen Theorie wird zugleich
ein Beitrag zur Beseitigung eines Desiderats im philosophisch-wirtschaftsethischen Diskurs
geleistet. Weder Ulrich noch Homann, und auch nicht Steinmann, gehen in ihren
wirtschaftsethischen Theorien von empirischen moralischen Problemstellungen aus. Zwar werden
moralische Probleme durchaus thematisiert, aber für die eigentliche Theoriebildung sind sie mit
ihrem bloss beiläufigen Charakter ohne methodologische Bedeutung. Im Weiteren gehen die drei
bekannten Wirtschaftsethiker von ausdifferenzierten Gesellschaftssystemen aus, ohne jedoch
diesbezügliche Implikationen im Hinblick auf wirtschaftsethische Theorien sorgfältig zu
analysieren. So haben weder Ulrich noch Steinmann Überlegungen angestellt, inwiefern ihre an die
Vernunft gerichteten Appelle, fragwürdiges Handeln mithilfe eines auf Konsens ausgerichteten
dialogischen Verfahrens zu legitimieren, mit einem ausdifferenzierten Wirtschaftssystem in
Einklang gebracht werden können. Und nicht weniger wichtig ist die Tatsache, dass im
Zusammenhang mit dem Standpunkt einer durch soziale Systeme ausdifferenzierten Gesellschaft
keine erkenntnistheoretischen Untersuchungen angestellt wurden, mit denen moralische
Problemphänomene hinsichtlich ihrer (erkenntnistheoretischen) Genese hätten untersucht
werden können. Homann hat sich zwar mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann
auseinandergesetzt, ohne jedoch die dieser soziologischen Theorie zugrunde gelegte
Erkenntnistheorie zu beachten. Stattdessen hat er das zu dieser Gesellschaftstheorie inkonsistente
theoretische Konstrukt des homo oeconomicus verwendet, mit dem Ergebnis, dass seine
Problemstellung – allgegenwärtige Dilemmastrukturen – bloss theoretischer Natur ist, das heisst,
untrennbar an dieses methodologische Element geknüpft bleibt. Es darf deshalb zu Recht gesagt
werden, dass in der philosophisch-wirtschaftsethischen Diskussion ein problemorientierter Ansatz,
der konkrete moralische Probleme nicht bloss beiläufig konstatiert, sondern im Rahmen einer
Problemanalyse sozialwissenschaftlich und erkenntnistheoretisch analysiert, so dass ein moralischer
Problemkern ausgezeichnet und methodologisch nutzbar gemacht werden kann, bislang fehlt. Die
Entwicklung des problemorientierten philosophisch-wirtschaftsethischen Ansatzes – als Beitrag zur
Beseitigung eines Desiderats im philosophisch-wirtschaftsethischen Diskurs – ist in diesem Sinne
von folgender Forschungshypothese geleitet:
Ein problemorientierter philosophisch-wirtschaftsethischer Ansatz schafft Raum für eine Problemanalyse,
in deren Zentrum sich sozialwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Untersuchungen aufdrängen.
Mit diesen eröffnet sich dann erstens die Möglichkeit, einen moralischen Problemkern auszuzeichnen,
konkrete ethische Regeln zu entwickeln sowie die Anwendungsvoraussetzungen dieser ethischen Regeln,
aber auch die Akzeptanzbedingungen der philosophischen Ethik sowohl zu klären wie auch zu erfüllen,
so dass sich die Chancen für die Annahme und Durchsetzung der philosophisch-wirtschaftsethischen
Theorie erhöhen. Zweitens ergibt sich durch die sozialwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen
Untersuchungen zugleich die Möglichkeit, eine präzisere Erkenntnis hinsichtlich des moralischen
Desinteresses vieler Wirtschaftsakteure zu gewinnen.
610
C. Friske et al.: Einführung in die Unternehmensethik, a.a.O., S. 51
87
88
Teil 2:
Philosophische Ethik als Grundlage für den
problemorientierten Ansatz
Die Ausarbeitung einer problemorientierten philosophisch-wirtschaftsethischen Theorie erfordert
Kenntnisse des über einen langen Zeitraum hinweg erarbeiteten Wissens seitens der Ethik als
Disziplin der praktischen Philosophie. Zwar kann es durchaus sein, „daß für verschiedene
Bereiche menschlicher Praxis unterschiedliche normative Kriterien angemessen sind“ 611, dies
bedeutet jedoch keineswegs, dass die erarbeiteten Grundlagen der Ethik für die Ethikkonzeption
eines spezifischen Bereichs nicht dennoch von grosser Wichtigkeit sind. Zu Recht weist Marcus
Düwell denn auch darauf hin, dass angewandte Ethik von zahlreichen theoretischen
Voraussetzungen abhängt. 612 Wenn beispielsweise der theoretische Standpunkt vertreten wird,
dass moralische Überzeugungen nichts weiter als subjektive Meinungen zum Ausdruck bringen
oder – um ein anderes Beispiel zu nehmen – es nur auf die Konsequenzen von Handlungen
ankommt, dann hat dies zweifellos einschneidende Auswirkungen auf die zu entwickelnde
ethische Theorie. Bei den folgenden Ausführungen wird nun nicht das Ziel verfolgt, den
umfassenden Ethik-Forschungstand aufnehmen oder einzelne Positionen kritisieren zu wollen.
Vielmehr geht es darum, zentrale Aspekte der Ethik als Disziplin der praktischen Philosophie zu
erfassen, damit ein Orientierungswissen im Sinne eines ethischen Grundgerüsts erarbeitet werden
kann, mit dessen Hilfe die Entwicklung einer problemorientierten philosophischwirtschaftsethischen Theorie dann auch gelingt. Die Generierung dieses Orientierungswissens
erfolgt in vier Schritten: Es wird erstens ein begriffliches Verständnis von Ethik erarbeitet, zweitens
werden verschiedene metaethische Kategorien expliziert, drittens Überlegungen zur Motivation und
viertens zur philosophischen Anthropologie angestellt. Im fünften Kapitel werden fünf Paradigmen
normativer Ethiken vorgestellt, bevor die erarbeiteten Grundlagen zum Abschluss in einem Schema
zusammengefasst werden.
5
Was ist Ethik?
„Den Ausgangspunkt der Ethik bilden moralische Überzeugungen. Moralische Überzeugungen
beziehen sich darauf, was gut ist, welche Handlung moralisch unzulässig ist, welche Verteilung als
gerecht gelten kann etc. Die ethische Theorie versucht, allgemeine Kriterien für gut, richtig,
gerecht etc. zu entwickeln, die im Einklang sind mit einzelnen unaufgebbar erscheinenden
moralischen Überzeugungen und andererseits Orientierung in den Fällen bieten können, in denen
unsere moralischen Auffassungen unsicher oder sogar widersprüchlich sind.“ 613 Diese von Julian
Nida-Rümelin vorgelegte Begriffserläuterung stellt klar, dass Ethik die Moral, Letztere verstanden
als die in einer Gesellschaft verankerten moralischen Überzeugungen und Handlungen, zu ihrem
Untersuchungsgegenstand nimmt und dass eine ethische Theorie diese moralischen Überzeugungen
und Handlungen nicht bloss präzise beschreibt, sondern bewertend in einen systematischen
Zusammenhang bringt, wobei der Anschluss an moralisch tief verankerte Normen nicht
aufgegeben werden darf. Weil letztlich auch moralische Überzeugungen auf mehr oder weniger
rationalen Überlegungen und Alltagstheorien basieren, ist nach Marcus Düwell, Christoph
Hübenthal und Micha H. Werner – sie sind die Herausgeber des Werkes Handbuch Ethik – bloss
eine graduelle und nicht eine strukturelle Trennung zwischen Ethik und Moral möglich: „Es gibt
611
612
613
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 63
Vgl. M. Düwell: „Angewandte oder Bereichsspezifische Ethik“, in: Handbuch Ethik, Hrsg. von M. Düwell et al.,
2. Auflage, Stuttgart und Weimar 2006, S. 244
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 3
89
also fließende Grenzen zwischen moralischer Alltagskommunikation und ethischem
Argumentieren, wobei Letzteres sich nur durch strengere Argumentationsstandards von
Ersterem unterscheidet sowie durch den Versuch, die im moralischen Alltagsdiskurs
stillschweigend vorausgesetzten lebensweltlichen Alltagsgewissheiten zu rekonstruieren und
explizit zu machen.“ 614 Gar keinen Unterschied zwischen Ethik und Moral macht Peter Singer; er
weist explizit darauf hin, dass er die Begriffe „Ethik“ und „Moral“ synonym verwende. 615 Nach
Düwell et al. neigen wieder andere Ethiker dazu, für die Auseinandersetzung mit der Frage nach
einem guten, glücklichen und gelingenden Leben (Eudaimonia) den Begriff „Ethik“ zu verwenden,
während die philosophische Reflexion auf Probleme des moralisch Richtigen bzw. Gerechten mit
dem Begriff „Moralphilosophie“ bezeichnet wird. 616 Im Folgenden werden Ethik und
Moralphilosophie synonym gebraucht, zudem wird am allgemeinen Verständnis von Ethik „als
philosophische Reflexion auf Moral“ 617 und Moral als „die Gesamtheit der Überzeugungen vom
normativ Richtigen und vom evaluativ Guten sowie der diesen Überzeugungen korrespondieren
Handlungen“ 618 festgehalten, wobei bei der Explikation der verschiedenen Positionen der von
den Autoren jeweils gewählte Begriff übernommen wird.
Ethik als die von Aristoteles eingeführte Bezeichnung einer philosophischen Disziplin,
die sich mit den faktischen moralischen Urteilen, Überzeugungen und Handlungen in einer
Gesellschaft wissenschaftlich beschäftigt, kann dies auf verschiedene Weise tun. Wenn es darum
geht, die geltenden Moralvorstellungen möglichst exakt zu erfassen und zu beschreiben, dann
spricht man von deskriptiven Ethiken bzw. von der deskriptiven Ethik, die mit anderen Disziplinen
wie Moralpsychologie, Moralsoziologie, Kulturgeschichte der Moral sowie mit der
Ethikgeschichte verschwistert ist. 619 Wenn die methodische Reflexion auf die Moral nicht
empirisch-deskriptiv oder historisch erfolgt, sondern auf die Bewertung, Kritik, Begründung und
Systematisierung bestehender moralischer Normen und Prinzipien ausgerichtet ist, dann ist die
Rede von normativen Ethiken bzw. von der normativen Ethik, häufig aber auch einfach von ethischen
Theorien bzw. von Ethik. 620 Im Rahmen der normativen Ethik wird eine etwa gleiche
Gebrauchsweise der moralischen Ausdrücke wie „gut“, „richtig“, „gerecht“ usf. vorausgesetzt,
was nach Nida-Rümelin angesichts der Tatsache, dass diese zentralen Begriffe derart tief in
unserem moralischen Verständnis verankert sind und in so vielen Situationen erfolgreich erprobt
wurden, auch durchaus zu Recht geschieht. 621 Selbstverständlich impliziert dies jedoch nicht, dass
wir alle die gleichen Sachverhalte als gut oder falsch einschätzen oder gar ein Konsens
hinsichtlich eines obersten Moralprinzips besteht. Wenn nun die in der normativen Ethik nicht
weiter hinterfragten logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen des Sprechens und
des Argumentierens in den Blick genommen werden, dann handelt es sich um den Bereich der
Metaethik. 622 Dieser jungen, eng mit der analytischen Philosophie verbundenen Disziplin, die sich
nebst der Analyse der moralischen Begriffe und Strukturen mit epistemologischen, ontologischen
sowie begründungstheoretischen Fragen beschäftigt, ist es als eine Art von Wissenschaftstheorie der
Ethik gelungen, einen wertvollen Beitrag für einen systematischen Überblick der verschiedenen
normativ-ethischen Theorien – in der Folge manchmal vereinfacht „ethische Theorien“ oder
auch „Ethiken“ genannt – zu leisten. 623 Zu diesem Zweck werden die metaethischen Kategorien
im Folgenden denn auch vorgestellt.
614
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623
90
M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 3
Vgl. P. Singer: Praktische Ethik, Übers. von O. Bischoff et al., 2. Auflage, Stuttgart 1994, S. 15
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 2
A.a.O., S. 2
A.a.O., S. 2
Vgl. a.a.O., S. 2
Vgl. a.a.O., S. 2
Vgl. J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in:
Angewandte Ethik, a.a.O., S. 3
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 2f
Vgl. a.a.O., S. 11
6
Metaethische Kategorien
„Ihrem Selbstverständnis nach beschäftigt sich die Metaethik mit moralischen und normativethischen Äusserungen, ohne normativ dazu Stellung zu nehmen, also ohne zu versuchen, diese
Äusserungen zu kritisieren oder zu begründen. Sie ist insofern bemüht, gegenüber den
verschiedenen Varianten normativer Ethik Neutralität zu wahren.“ 624 Diese Neutralität sollte
allerdings nicht so verstanden werden, dass metaethische Theorien – wie deskriptive Ethiken –
gänzlich auf wertende Stellungnahmen verzichten. Vielmehr geht es der Metaethik darum, erstens
die Pluralität des normativ-ethischen Diskurses nicht ohne zwingenden Grund zu restringieren
und zweitens eigene Prämissen, die in Verdacht stehen, normativ gehaltvoll zu sein, der
Möglichkeit nach offen zu legen. 625 Während in der normativen Ethik nicht nur die Frage nach
den richtigen und falschen moralischen Überzeugungen und Handlungen umstritten ist, sondern
bereits Uneinigkeit darüber herrscht, was moralische Überzeugungen von anderen unterscheiden,
ist es gerade die Aufgabe der Metaethik, in dieser Frage Stellung zu nehmen. 626 Das heisst: Es ist
nicht das Ziel der Metaethik, Kriterien für moralisch richtiges Handeln zu begründen – das ist
allein der normativen Ethik vorbehalten -, sondern vielmehr soll sie zur epistemisch ungewissen
Frage, was den Bereich des Moralischen überhaupt kennzeichnet, (normativ) Stellung nehmen.
Hinsichtlich der Klärung dieser eminent wichtigen Fragestellung, die im Übrigen nicht nur für die
normative, sondern ebenso für die deskriptive Ethik von grosser Relevanz ist, lassen sich in der
Metaethik vier systematische Teilbereiche unterscheiden, die zwar miteinander zusammenhängen,
aber dennoch nicht aufeinander reduziert werden können: 627 Im sprachphilosophischen Teilbereich
befassen sich die Metaethiker mit der Bedeutung sprachlicher Äusserungen, im Bereich der
Philosophie des Geistes mit der Analyse von moralischen Überzeugungen und Gefühlen, während es
im ontologischen Bereich um die Frage nach der Existenz moralischer Tatsachen geht, wozu im
epistemologischen Bereich nach den entsprechenden Begründungen geforscht wird. Im Folgenden
werden wichtige Kategorien der Metaethik, vor allem in Bezug auf die drei zuletzt genannten
Bereiche, vorgestellt.
6.1 Kognitivismus versus Nonkognitivismus
Die Unterscheidung zwischen kognitivistischen und nonkognitivistischen Theorien gehört zu den
allgemeinsten in der Metaethik. 628 Sie ergibt sich aus der Frage, ob normative Aussagen als
moralische Urteile bzw. Sätze aufzufassen sind, die erstens das Bestehen von moralischen
Sachverhalten behaupten und entweder mit wahr – dann eine Tatsache – oder falsch beantwortet
werden 629 oder zweitens mit aus der Vernunft gewonnenen Moralprinzipien übereinstimmen, so
dass sie als gültig bzw. ungültig – bei Nicht-Übereinstimmung – ausgezeichnet werden können.
Nach Uwe Czaniera galt bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts die Kognitivismusdebatte als
entschieden, und zwar zugunsten des Nonkognitivismus. 630 Seit der Kritik an der
wissenschaftstheoretischen Position des Logischen Empirismus – der Nonkognitivismus lehnte sich
bis zu dieser Zeit eng an die zentralen Thesen dieses Standpunktes – kann allerdings ein
Wiederaufleben des Kognitivismus auch in der analytischen Philosophie festgestellt werden. 631
Nach dem Nonkognitivismus, der nicht gleichzusetzen ist mit dem ethischen Skeptizismus632, haben
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A.a.O., S. 11
Vgl. a.a.O., S. 11
Vgl. a.a.O., S. 11
Vgl. N. Scarano: „Metaethik - ein systematischer Überblick“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 27
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 11
Vgl. F. von Kutschera: Grundlagen der Ethik, 2. Auflage, Berlin und New York 1999, S. 50f
Vgl. U. Czaniera: Gibt es moralisches Wissen? Die Kognitivismusdebatte in der analytischen Moralphilosophie,
Paderborn 2000, S. 15
Vgl. a.a.O., S. 15
Der ethische Skeptizismus - als Variante des ethischen Objektivismus - geht im Gegensatz zum Nonkognitivismus
davon aus, dass moralische Urteile wahr oder falsch sind. Er ist allerdings skeptisch, ob wir mit hinreichender
91
normative Sätze bzw. moralische Urteile nicht den Charakter von Behauptungen, sondern bloss
von Befehlen, Empfehlungen oder Wünschen. In der radikalen Ausprägung bringen moralische
Urteile nichts weiter als menschliche Gefühle bzw. Einstellungen zum Ausdruck, die dann
allenfalls geeignet sind, die Handlungsweisen anderer appellativ zu beeinflussen. Die
bekanntesten Vertreter dieser als Emotivismus bezeichneten nonkognitivistischen Variante sind
Alfred J. Ayer und Charles S. Stevenson. Eine in den Konsequenzen weniger radikale
nonkognitivistische Variante markiert der universelle Präskriptivismus von Richard M. Hare. Hare
stimmt mit den Emotivisten darin überein, dass moralische Urteile letztlich nicht wahrheitsfähig
sind, er verwirft aber den Gedanken, wonach solche Urteile eine bloss emotive Bedeutung hätten.
Vielmehr hält Hare am rationalen Charakter der Moral fest, und zwar dadurch, dass er die
Sprache der Moral als eine vorschreibende, das heisst imperative Sprache auffasst 633, die die
Möglichkeit bietet, moralische Urteile auf deren Konsistenz und Universalisierung hin zu prüfen.
Denn wenn in einer Situation moralische Urteile gesprochen werden, dann gilt dies in einer
vergleichbaren Situation ausnahmslos auch für die Person, welche dieses moralische Urteil fällt,
andernfalls wird sie selbst kritisierbar. Damit gelingt es Hare in seiner metaethischen Theorie,
trotz nonkognitivistischer Auffassung, normative Konsequenzen, die weder den ethischen
Egoismus 634 noch andere Formen des Partikularismus zulassen, herauszuarbeiten. Zwar vermag der
universelle Präskriptivismus zwischen gültigen und ungültigen moralischen Urteilen zu
unterscheiden, allerdings nur relativ zur eigenen Theorie, das heisst hinsichtlich der Konsistenz
der verschiedenen präskriptiven Urteile.
Die Vertreter des Kognitivismus auf der anderen Seite stellen sich auf den Standpunkt, dass
zumindest ein Teil der moralischen Urteile als solche gültig oder ungültig sind, „dass, anders gesagt,
moralische Urteile ungültig sein können, auch ohne logisch-semantisch inkonsistent zu sein.“ 635
Im Streit zwischen den Kognitivisten und Nonkognitivisten geht es aber letztlich um die Frage
nach der Möglichkeit und Reichweite der Begründung moralischer Urteile. 636 Beim Kognitivismus
lässt sich dabei zwischen einer starken und einer schwachen Variante unterscheiden. Während
Letztere bloss den Anspruch erhebt, dass ethische Aussagen begründungsfähig sind 637 bzw.
„moralische Urteile einer rationalen Kritik unterzogen werden können und daß es
dementsprechend auch die Möglichkeit gibt, sie gegen solche Kritik zu verteidigen“ 638 können
nach der starken kognitivistischen Variante wahre bzw. gültige moralische Urteile durch adäquate
Begründungen sehr wohl ausgezeichnet werden. Nun sind Begründungsleistungen – ob explizit
gemacht oder nicht – untrennbar mit erkenntnistheoretischen Überlegungen verbunden. Dem
entsprechend unterscheidet Otfried Höffe als epistemologische Binnendifferenzierung
kognitivistischer Theorien zwischen Naturalismus – häufig auch ethischer Naturalismus genannt –
und Intuitionismus. 639 Nach Ersterem erweisen sich moralische Urteile bei näherer Analyse als
gleichbedeutend mit gewissen empirischen Prädikaten. 640 Mit anderen Worten: Wenn etwas als
633
634
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636
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638
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640
92
Sicherheit die Wahrheit moralischer Erkenntnis zu erkennen vermögen. (Vgl. F. von Kutschera: Grundlagen der
Ethik, a.a.O., S. 53)
Vgl. R. M. Hare: Die Sprache der Moral, Übers. von P. von Morstein, 2. Auflage, Frankfurt a. M. 1997, S. 19
Mit dem ethischen Egoismus wird eine verallgemeinerte Verhaltensorientierung bezeichnet, die ethisches
Verhalten aus Selbstinteresse zum Prinzip erhebt. In der stärkeren Form verpflichtet der ethische Egoismus zur
universalen Maximierung des eigenen Nutzens, während in der schwächeren Form diese bloss erlaubt ist. Die
Auffassung des ethischen Egoisten ist allenfalls für Teilbereiche wie das im Rahmen der Wirtschaftsordnung
funktionierende Marktsystem plausibel, nicht aber für eine allgemeine Moraltheorie; denn ohne altruistische
Elemente verliert eine ethische Theorie im Grunde genommen ihr Proprium. In der Literatur wird der ethische
Egoismus unterschieden vom psychologischen Egoismus. Nach dessen Theorie ist jegliches menschliches Handeln
(also auch altruistisches) - bewusst oder unbewusst - letztlich von eigennützigen Motiven bestimmt. (Vgl.
D. Birnbacher: „Utilitarismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 95f)
M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 12
Vgl. M. Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik, Darmstadt 2003, S. 40
Vgl. a.a.O., S. 40
N. Scarano: Moralische Überzeugungen. Grundlinien einer antirealistischen Theorie der Moral, Paderborn 2001, S. 27f
Vgl. O. Höffe: „Metaethik“, in: Lexikon der Ethik, Hrsg. von O. Höffe et al., München 1997, S. 197
Vgl. a.a.O., S. 197
moralisch gut erkannt wird, dann ist dies gleichbedeutend mit empirischen Aussagen, dass etwas
beispielsweise nützlich oder lustvoll ist. Moralische Urteile lassen sich denn auch aus wahren Sätzen
über den Menschen ableiten und Ethik wird zur Angelegenheit der empirischen
Wissenschaften. 641 Das Standardargument gegen den in verschiedenen Formen auftauchenden
epistemologischen Bezug zur Natur ist der von David Hume entdeckte logische Sein-SollenFehlschluss, der später vom englischen Philosophen George E. Moore als semantischer
naturalistischer Fehlschluss 642 enger gefasst wurde. 643 Für Richard M. Hare, der die Gedanken von G.
E. Moore im Wesentlichen stützt und auf die Funktion „Empfehlung“ von Wertewörtern
hinweist, ist es wichtig, diese logisch unzulässige Konklusion zu verstehen, sonst werden
naturalistische Fehlschlüsse – wie die Versuche, den Kreis zu quadrieren oder die Induktion zu
rechtfertigen – ständig wiederkehren. 644 Damit die Gefahr eines logisch unzulässigen Sein-SollenSchlusses verhindert werden kann, muss – so Hare – einerseits sichergestellt werden, dass kein
Wertbegriff wie „gut“ mit beschreibenden Eigenschaften, zum Beispiel „männlich“, gleichgesetzt
wird, andererseits gilt es aber auch zu beachten, dass beschreibende Tatsachen keine leicht
übersehbaren normativen Begriffe wie „natürlich“, „normal“ oder „zufriedenstellend“
beinhalten. 645
Wie der Naturalismus geht auch der Intuitionismus von einer objektiven Erkennbarkeit
moralischer Tatsachen aus. Er begreift diese allerdings nicht als natürliche und empirisch
überprüfbare moralische Sachverhalte, sondern als unmittelbar (intuitiv) einsehbare moralische
Grundwahrheiten. 646 Moore wendet sich zwar gegen eine reduktive Verwendung des Begriffes
„gut“, ist aber dennoch davon überzeugt, dass es basale moralische Überzeugungen gibt, zu
denen die Menschen einen direkten epistemologischen Zugang haben. Thomas Schmidt betont,
dass die Position des Intuitionismus bereits früher, also vor Moore, von bekannten Philosophen
wie Joseph Butler, Richard Price oder Henry Sidgwick eingenommen wurde, das Spektrum der
Auffassungen über den Inhalt des moralischen Wissens sowie der Beschreibungen des
menschlichen Intuitionsvermögens hingegen gross sei. 647 Es ist leicht nachvollziehbar, dass mit
dieser moralepistemologischen Position die grundsätzliche Schwierigkeit verbunden ist, mit
welchen Kriterien die Richtigkeit von Intuitionen beurteilt werden kann.
Die Autoren Düwell, Hübenthal und Werner sehen – nebst dem Naturalismus und
Intuitionismus – in konstruktivistischen Ansätzen eine dritte moralepistemologische
Grundposition. 648 Nach diesem Standpunkt sind moralische Tatsachen nicht unabhängig von den
Urteilen über diese Tatsachen bzw. sind moralische Wahrheiten immer mit den Personen
verbunden, die über diese Wahrheiten befinden. 649 So nimmt die Diskursethik – als Beispiel
genommen – für sich in Anspruch, „in sich gültige Normen im Bereich der Moral und des Rechts“ 650
641
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643
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648
649
650
Vgl. a.a.O., S. 197
G. E. Moore ist einer der bedeutendsten Kritiker des ethischen Naturalismus. Nach ihm können naturale
Begriffe wie „angenehm“ zwar mit gut beschrieben werden, damit wird aber „angenehm“ nicht identisch mit
„gut“ und auch „gut“ nicht mit „angenehm“. Denn es bleibt die offene Frage, ob denn die natürliche Eigenschaft,
die mit gut bezeichnet wurde, auch tatsächlich gut ist. Als Beispiel wählt Moore eine Orange, die wir zwar als
gelb bezeichnen, deswegen ja aber nicht etwa meinen, sie könne nichts anderes als gelb sein bzw. gelb müsse
immer mit einer Orange gleichgesetzt werden. Der Fehlschluss zeigt sich bei Moore also sprachanalytisch; von
einem naturalistic fallacy spricht er im Übrigen allein deshalb, weil naturale Begriffe wie „angenehm“ so oft
unzulässig mit „gut“ als einem Begriff sui generis vermischt werden. (Vgl. G. E. Moore: Principia Ethica, Revised
Edition, Cambridge University Great Britain 1993, S. 65f)
Vgl. O. Höffe: „Metaethik“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 197
Vgl. R. M. Hare: Die Sprache der Moral, a.a.O., S. 123f
Vgl. a.a.O., S. 124
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 13
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 50
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 13
Vgl. a.a.O., S. 13
M. Bondeli: „Konsequentialistisch geläuterte Diskursethik: Die diskursethische Legitimation des Rechts“, in:
Das Recht im Spannungsfeld utilitaristischer und deontologischer Ethik, Vorträge der Tagung der Schweizer Sektion der
internationalen Vereinigung für Rechts- und Sozialphilosophie (SVRSP) vom 15. und 16. November 2002 in
Luzern, Hrsg. von P. Mastronardi, Wiesbaden 2004, S. 145
93
durch eine allgemeine Zustimmung der Diskursgemeinschaft auszeichnen zu können. Allerdings
können nach Habermas normative Sätze nicht in gleicher Weise wie deskriptive Sätze wahr oder
falsch sein, sondern vielmehr muss von einer schwächeren Annahme, das heisst von einem
wahrheitsanalogen Geltungsanspruch im Sinne einer normativen Richtigkeit ausgegangen werden. 651
Letztere entscheidet sich bei Habermas mithilfe des von ihm gefassten Moralprinzips, das
zwischen gültigen (einem allgemeinen Willen entsprechenden) und ungültigen (nicht konsensfähigen)
moralischen Urteilen zu unterscheiden vermag. 652 Konstruktivistische Ansätze müssen „nicht
zwangsläufig in einen ethischen Relativismus münden, dem zufolge moralische Auffassungen nur
relative Gültigkeit – bezogen auf das jeweilige Moralprinzip oder die jeweilige moralische
Gemeinschaft – zukommt.“ 653 Wenn aufgezeigt werden kann, dass kognitive, pragmatische,
soziale oder sprachliche Strukturen als Bedingungen der Möglichkeit gültiger moralischer Urteile
aufgefasst werden können, dann kann dem Konstruktivismus durchaus eine universalistische
Wendung gegeben werden. 654 Nach Düwell et al. lassen sich die ethischen Theorien in der Zeit
nach Kant vermutlich am ehesten als konstruktivistische Ansätze begreifen. 655
6.2 Moralischer Realismus
Nach Otfried Höffe geht es der neueren Metaethik weniger um den epistemologischen
Gegensatz von Kognitivismus und Nonkognitivismus als um die ontologische Unterscheidung
zwischen Realismus und Antirealismus und deren Konsequenzen für die Philosophie des Geistes,
die Handlungstheorie und Semantik. 656 Nach Thomas Schmidt gehen moralische Realisten noch
einen Schritt weiter als die Kognitivisten, und zwar dadurch, dass sie die semantische These,
wonach moralische Urteile entweder wahr oder falsch bzw. gültig oder ungültig sein können, mit
einer metaphysischen These über die Existenz und die Natur moralischer Tatsachen verbinden. 657
Das bedeutet, dass es nach dem moralischen Realismus – dessen Theorien manchmal auch
objektivistisch genannt werden 658 – moralische Tatsachen gibt, die unabhängig von unseren
moralischen Urteilen existieren. 659 Die Frage nach der Wahrheit eines moralischen Urteils „ist
demnach allein vom Bestehen des durch das Urteil ausgedrückten Sachverhalts abhängig.“ 660 Die
Antirealisten dagegen bestreiten die Existenz genuin moralischer Tatsachen und vertreten dann
als Nonkognitivisten entweder einen ethischen Relativismus 661 oder versuchen auf andere Weise, die
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661
94
Vgl. J. Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Frankfurt a. M. 1983, S. 66
Vgl. a.a.O., S. 73
M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 13
Vgl. a.a.O., S. 13
Vgl. a.a.O., S. 14
Vgl. O. Höffe: „Metaethik“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 198
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 49
Vgl. F. von Kutschera: Grundlagen der Ethik, a.a.O., S. 213
Vgl. O. Höffe: „Metaethik“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 198
A.a.O., S. 198
Der ethische Relativismus vertritt die These, „dass nichts einfach moralisch gut oder moralisch richtig ist, sondern
dass alles nur für eine Person, eine Gesellschaft, eine moralische Tradition, eine Epoche oder einen Ethos
moralisch gut oder moralisch richtig ist.“ (K. P. Rippe: „Relativismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 498).
Rippe betont, dass der ethische Relativismus nach Bernard Williams die typische Häresie der Ethnologen sei
und in den letzten Jahrzehnten auch tatsächlich nur wenige Moralphilosophen - allerdings so einflussreiche wie
Gilbert Harmann, Alasdair McIntyre und Richard Rorty - diese Position vertreten hätten. (Vgl. K. P. Rippe:
„Relativismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 498). Beim ethischen Relativismus wird zwischen dem
deskriptiven bzw. empirischen, dem normativen und dem metaethischen Relativismus unterschieden. Der
deskriptive Relativismus hebt die Unterschiede ohne normative Stellungnahme hervor, der normative Relativismus
vertritt nonkognitivistisch die Gleichwertigkeit der Unterschiede und der metaethische Relativismus schliesslich
stellt die methodologische Behauptung auf, dass es keine Methode gibt, welche die Gültigkeit des Moralsystems
einer Kultur gegenüber einer anderen nachweisen zu können. (Vgl. O. Höffe: „Relativismus“, in: Lexikon der
Ethik, a.a.O., S. 248)
Geltung moralischer Urteile zu erklären. 662 Aber was lässt sich denn überhaupt unter moralischen
Tatsachen verstehen? Weil die Bestimmung moralischer Tatsachen über die ontologische bzw.
metaphysische Annahme, dass moralische Tatsachen grundsätzlich existieren, hinausgeht und
bereits eine kognitive Leistung abverlangt, kann in der Beantwortung der zuvor gestellten Frage
nicht mehr streng zwischen Kognitivismus und Realismus unterschieden werden. Diese Ansicht
wird bestätigt durch den Standpunkt von Peter Schaber, der den moralischen Realismus explizit
als die Gegenposition zum Nonkognitivismus bestimmt. 663 Die weiteren Ausführungen sind denn
auch als Ergänzungen zu den zwei bereits vorgestellten moralepistemologischen Positionen des
Naturalismus und Intuitionismus zu verstehen.
Diesen letzten Bemerkungen entsprechend unterscheidet der moralische Realismus
zwischen der Position des naturalistischen und des nicht-naturalistischen Realismus. Nach der
naturalistischen Variante sind moralische Tatsachen entweder identisch mit natürlichen
Tatsachen oder aber durch diese in einem zu spezifizierenden Sinne konstituiert. 664 Während es
bei der ersten Variante – wie im Unterkapitel über das Begriffspaar Kognitivismus bzw.
Nonkognitivismus bereits kurz angesprochen – keinen Bedeutungsunterschied zwischen
beispielsweise glückbringenden und guten Eigenschaften gibt, supervenieren bei der zweiten
Variante moralische Eigenschaften mit deskriptiven bzw. natürlichen Tatsachen oder
Eigenschaften. Mit anderen Worten: Nach der zweiten Variante besteht ein untrennbares
Korrelat zwischen natürlichen und moralischen Eigenschaften, ohne dass diese aufeinander
reduziert werden könnten. Nach Peter Schaber ist allerdings unklar, ob es sich beim
Supervenienzverhältnis um ein Verhältnis verschiedener realer Eigenschaften handelt oder ob es
um die Zuordnung von moralischen Bewertungen zu bestimmten natürlichen Eigenschaften
geht. 665 Einen wichtigen Hinweis im Zusammenhang mit der Supervenienz-Debatte, in der
zwischen einer schwachen und einer starken Form unterschieden wird, liefert Nico Scarano mit
der Bemerkung, dass ethische Grundprinzipien ihren Zweck zwangsläufig verfehlen müssten,
wenn sie nicht von deskriptiven Ausdrücken Gebrauch machen würden; denn eine der
„Hauptaufgaben jeder Ethik liegt nämlich darin, die Anwendungskriterien für ihre normativen
Grundbegriffe zu bestimmen.“ 666 Mit anderen Worten: Um moralische Forderungen wie Schutz
der Freiheit zur Geltung bringen zu können, sind empirisch-deskriptive Sollens-Anweisungen
unerlässlich. In Bezug auf naturalistische Positionen drängt sich nun allerdings die Frage auf, ob
denn Moores Argument des naturalistischen Fehlschlusses bzw. der offenen Frage seine Wirksamkeit
eingebüsst hat. Nach Thomas Schmidt ist die Schlagkraft dieses Arguments in der Tat
zunehmend zweifelhaft, unter anderem steht seiner Meinung nach mittlerweile fest, „dass die
These, moralische Tatsachen seien mit nicht-moralischen Tatsachen identisch, keineswegs auf
eine Synonymiebehauptung hinauslaufen muss.“ 667 Nach Schaber geht Moore von der Annahme
aus, dass es sich bei der Definition von „gut“ um eine rein analytische Aussage handelt, dabei
kann der ethische Naturalist diese Aussage jedoch als synthetisch und – trotzdem – als notwendig
wahr bestimmen. 668 Auch der von Hare gegenüber den Naturalisten erhobene Einwand, dass mit
der Gleichsetzung des Begriffes „gut“ mit natürlichen Eigenschaften der empfehlende Charakter
von „gut“ verloren gehe, weist Schaber zurück, und zwar mit der Begründung, „daß der
empfehlende Charakter nicht das ist, was alle Verwendungen von ‚gut’ verbindet.“ 669 Damit zeigt
sich allerdings, dass die Zurückweisung von Moores Argument mit einem hohen Preis bezahlt
wird, nämlich mit der Zurücknahme der Normativität in moralischen Urteilen. John Leslie
Mackie sieht gerade darin ein schwerwiegendes Problem: „Doch das, was er [der gewöhnliche
Mensch, JN] auszusagen wünscht, ist nicht rein beschreibender, rein theoretischer Art, sondern
662
663
664
665
666
667
668
669
Vgl. O. Höffe: „Metaethik“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 198
Vgl. J.-C. Wolf und P. Schaber: Analytische Moralphilosophie, Freiburg und München 1998, S. 130
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 53
Vgl. P. Schaber: Moralischer Realismus, Freiburg und München 1997, S. 107
N. Scarano: Moralische Überzeugungen, a.a.O., S. 66
T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 53
Vgl. P. Schaber: Moralischer Realismus, a.a.O., S. 92
A.a.O., S. 97
95
etwas, das zum Handeln bzw. zum Unterlassen aufruft, und etwas, was unbedingt gilt und nicht
abhängig ist von irgendwelchen Wünschen, Vorlieben, Absicht oder Entscheidungen, seien es
nun seine eigenen oder die anderer.“ 670 Mit anderen Worten: Dadurch, dass moralische
Eigenschaften auf natürliche, deskriptive Eigenschaften reduziert werden bzw. der in der Moral
und Ethik so bedeutungsvolle Begriff „gut“ nicht unbedingt eine Handlungsempfehlung
impliziert, verlieren moralische Eigenschaften ihr normatives (gebieterisches) Element. In diesem
Sinne weist Thomas Schmidt darauf hin, „dass eine Naturalisierung des Moralischen ein Projekt
ist, das gleichsam den Witz der Moral verfehlt und daher von vorneherein zum Scheitern
verurteilt ist.“ 671
Die Auffassung, die nicht-naturalistische Realisten wie etwa John McDowell oder Thomas
Nagel über die Moral haben, unterscheidet sich radikal von den naturalistischen Realisten. Nach
Thomas Schmidt betonen sie „die Diskontinuitäten zwischen der Moral und dem
Zuständigkeitsbereich der Wissenschaften. Sie halten entsprechend wenig von Versuchen, die
Moral den Wissenschaften möglichst weitgehend anzugleichen. Vielmehr sehen sie das
Moralische als einen spezifischen Bereich, dessen Besonderheiten es theoretisch Rechnung zu
tragen gilt.“ 672 Dem entsprechend unterscheidet die nicht-naturalistische Position zwischen
moralischen und nicht-moralischen (natürlichen bzw. deskriptiven) Eigenschaften, ohne jedoch –
wie G. E. Moore – die Existenz eines autonomen objektiven moralischen Bereichs behaupten zu
wollen. 673 Die epistemologisch nicht gerade einfach zu verstehende Position erfährt ihre
Rechtfertigung mit dem Blick auf das Verhältnis zwischen den modernen Naturwissenschaften
und unserer Alltagssprache, der deutlich macht, „dass wir eine ganze Reihe von Tatsachen und
Eigenschaften als objektiv und respektabel anzusehen geneigt sind, von deren Existenz in
unseren besten verfügbaren naturwissenschaftlichen Theorien keine Rede ist.“ 674 Dabei handelt es
sich insbesondere um Eigenschaften von Gegenständen, die die philosophische Tradition
„sekundäre Qualitäten“ und die analytische Philosophie Qualia 675 nennt. Als Beispiel können
Farben oder Gerüche genannt werden, die trotz ihres Status als Eigenschaften objektiver
Gegenstände erst durch entsprechende Wahrnehmungsfähigkeiten verständlich gemacht werden
können. Mit Bezug auf nicht-naturalistische Konzeptionen bedeutet dies, dass moralische Werte
zwar objektiv sind, aber zugleich subjektiv, „und zwar in ungefähr der gleichen Form wie bei
einer Eigenschaft, die einem Gegenstand durch eine Erfahrung der Röte zugeschrieben wird.“ 676
Nach McDowell zeigt sich zwischen der moralischen und nicht-moralischen subjektiven
Erkenntnisleistung allerdings doch eine Unähnlichkeit: Während die „Farbeinstellung“ lediglich
bewirkt, dass Farben erfahren werden können, vermag eine evaluative Einstellung in der Form einer
Tugend dafür zu sorgen, dass moralische Werte nicht nur in ihrer Beschaffenheit, sondern auch in
der Relevanz ihrer Anwendung wahrgenommen werden. 677 Weniger auf die sinnlich-intuitiven
Erkenntnisfähigkeiten als auf das rationale Denkvermögen vertraut Thomas Nagel. Nach ihm
sind Subjektivität und Objektivität zwei Pole, die im Verhältnis zueinander in den unterschiedlichen
Erscheinungen graduell verschieden sind. 678 Das Streben nach Objektivität erfordert ein
Transzendieren des Selbst, wobei es um das geht, „was an sich existiert oder an sich wertvoll ist,
und nicht für irgend jemanden.“ 679 Allerdings – so Nagel – besteht die Wirklichkeit nicht nur aus
der objektiven Wirklichkeit, denn gerade im Streben nach Objektivität zeigt sich, dass
670
671
672
673
674
675
676
677
678
679
96
J. L. Mackie: Ethik. Die Erfindung des moralisch Richtigen und Falschen, Übers. von R. Ginters, Stuttgart 1981, S. 37
T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 56
A.a.O., S. 56
Vgl. a.a.O., S. 56
A.a.O., S. 56
Vgl. A. Beckermann: Analytische Einführung in die Philosophie des Geistes, 2. Auflage, Berlin und New York 2001,
S. 168f
J. McDowell: Wert und Wirklichkeit. Aufsätze zur Moralphilosophie, Übers. von J. Schulte, Frankfurt a. M. 2002,
S. 221
Vgl. a.a.O., S. 221
Vgl. T. Nagel: Über das Leben, die Seele und den Tod, Übers. von K.-E. Prankel und R. Stoecker, Königstein 1984,
S. 226
A.a.O., S. 228
wahrnehmungsfähige Wesen die Welt nicht an sich zu erkennen vermögen und das objektive Bild
der Welt, was immer es auch zeigt, etwas auslassen muss. 680
Es ist unschwer festzustellen, dass nicht-naturalistische Theorien zwecks Wahrnehmung
objektiver moralischer Werte auf die Erkenntnisquelle des Intuitionismus Bezug nehmen. Thomas
Schmidt betont in diesem Zusammenhang, dass diese Konzeptionen deswegen aber nicht als
Rückschritt in die Probleme des klassischen Intuitionismus, der ein über unsere fünf Sinne
hinausgehendes moralisches Erkenntnisvermögen vorsah, gewertet werden sollten. 681 Vielmehr
gilt, dass der Nicht-Naturalismus gewichtige Vorteile für sich in Anspruch nehmen kann: Er ist
mit unserem vortheoretischen Alltagsverständnis weitgehend im Einklang, zudem muss der
Umstand, dass naturwissenschaftliche Erklärungen ohne die Annahme der Existenz moralischer
Tatsachen auskommen, nicht länger als ein Problem beurteilt werden. Diesem Vorteil steht
allerdings die keineswegs einfache Frage gegenüber, in welchem Verhältnis zwischen Welt und
Person das moralisch Wertvolle erfahren werden kann, ohne auf der einen Seite zum Lager der
naturalistischen und auf der anderen Seite zu den nonkognitivistischen Theorien gezählt zu
werden.
6.3 Linear-deduktive, kohärentistische und reflexive Begründungsmuster
Die moralepistemologische Unterscheidung zwischen Naturalismus, Intuitionismus und
Konstruktivismus verdankt sich der moralontologischen Frage nach der Existenz oder zumindest
Wahrheit bzw. Gültigkeit moralischer Tataschen; denn ohne die bewusste oder unbewusste
Einnahme eines erkenntnistheoretischen Standpunktes lässt sich diese Frage nicht beantworten.
Die Differenzierung zwischen linear-deduktiven, kohärentistischen und reflexiven Begründungsmustern
bezieht sich dagegen auf die rechtfertigungstheoretische Frage nach der Struktur ethischer
Begründungen. 682 Anders gesagt: Mit den drei verschiedenen Begründungsmustern wird
aufgezeigt, auf welche Art und Weise moralisch wahre bzw. gültige Urteile ausgezeichnet werden
können. Die Kraft und Reichweite von moralischen Urteilen kann dabei durchaus vom
verwendeten Begründungstyp abhängen.
Das linear-deduktive Begründungsmuster ist durch eine eindeutige Begründungsrichtung
und durch die damit zusammenhängende, als Münchhausen-Trilemma bekannte, Problematik
gekennzeichnet, wonach die Begründungskette, falls sie nicht an einem bestimmten Punkt
abgebrochen wird, entweder in einen infiniten Regress oder in einen logischen Zirkel mündet. 683
Nach diesem Begründungsmuster können auf konkrete Handlungssituationen bezogene
moralische Urteile von moralischen Normen bzw. höheren ethischen Prinzipien abgeleitet
werden. Dies erfordert zwar logisches Denkvermögen, ansonsten sind Begründungen dieser Art
eher unproblematisch. Die Schwäche dieses Begründungstyps liegt jedoch darin, dass mit jeder
Bezugnahme auf eine höhere Regel – sei dies eine Norm oder ein Prinzip – diese in das
Spannungsfeld der Rechtfertigung gelangt. 684 Ethische Theorien mit einer linear-deduktiven
Rechtfertigungsstruktur sind denn auch darauf angewiesen, dass das oberste Prinzip (zum
Beispiel die Glücksmaximierung) den Menschen so weit plausibel erscheint, dass es keiner
weiteren Rechtfertigung bedarf. Dieser Begründungstyp kann aus logischen Gründen das
Postulat einer Letztbegründung nicht beanspruchen.
Anders als beim linear-deduktiven Begründungsmuster besteht bei der kohärentistischen
Begründungsvariante zwischen moralischen Urteilen und dem Moralprinzip keine logische
Beziehung. 685 Das impliziert, dass moralische Urteile als Beleg für die Gültigkeit des
680
681
682
683
684
685
Vgl. a.a.O., S. 231
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 57
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 14
Vgl. a.a.O., S. 14
Vgl. a.a.O., S. 14
Vgl. a.a.O., S. 14
97
Moralprinzips gewertet werden können. 686 Mit anderen Worten: Die Begründungsleistung kann
demnach darin bestehen, dass „neue“ moralische Aussagen das Moralprinzip bzw. bestehende
moralische Urteile stützen und dadurch zu einem kohärenten komplexen Netzwerk moralischer
Urteile beitragen. Das wohl prominenteste Beispiel einer kohärentistischen Rechtfertigung liefert
John Rawls mit seinem Überlegungs-Gleichgewicht, mit dessen Hilfe die gewählten
Gerechtigkeitsgrundsätze mit unseren wohlüberlegten Gerechtigkeitsvorstellungen geprüft und
die Abweichungen durch beidseitige Anpassung harmonisiert werden. 687 Düwell et al. weisen
darauf hin, dass kohärentistische Begründungen in der Regel auf einem rekonstruktivistischen
Selbstverständnis der normativen Ethik basieren. 688 Das heisst, ethische Theorien mit diesem
Begründungsmuster zielen „auf eine – möglichst konsistente und einfache – Rekonstruktion des
gegebenen Systems moralischer Überzeugungen und seiner kognitiven Grundstrukturen“ 689.
Damit zeigt sich aber auch eine mögliche Schwäche dieser Rechtfertigungsstruktur, es fragt sich
nämlich, ob mit kohärentistischen Begründungen allein die genuine Aufgabe der normativen
Ethik erfüllt werden kann. 690 Die Vermutung liegt nahe, dass durch eine konsistente und
kohärente Systematisierung deskriptiv gewonnener moralischer Überzeugungen und Urteile kaum
hinreichend Gründe für die Verbindlichkeit moralischer Forderungen erzeugt werden können.
Dem Einwand, dass die Verbindlichkeit von Theorien mit einem kohärentistischen
Begründungstyp von Voraussetzungen abhängig ist, die nicht von allen geteilt werden, kann im
Übrigen wohl nur schwerlich begegnet werden.
Reflexive Begründungen versuchen nachzuweisen, dass das zu Begründende nicht
konsistent bestritten werden kann. 691 Konkreter gesagt: Reflexive Begründungsmuster weisen auf
die Unhintergehbarkeit des zu Begründenden hin, indem sie dieses als Bedingung der Möglichkeit
von etwas, das wir als Moralsubjekte unbedingt in Anspruch nehmen müssen, auszeichnen.
Geeignete Kandidaten dazu sind etwa Rationalität oder Sprachstrukturen. Als prominente ethische
Theorie bedient sich die Diskursethik dieser Rechtfertigungsstruktur. Im Gegensatz zum lineardeduktiven oder kohärentistischen Begründungsmuster kann mit der reflexiven Rechtfertigung
bzw. transzendentalen Reflexion am Projekt einer sogenannten Letztbegründung festgehalten
werden. Karl-Otto Apel – als bekanntestes Beispiel für eine absolute Begründung – sieht die
moralische Grundnorm in der Sprachlogik verankert, von der selbst das Münchhausen-Trilemma
notwendig Gebrauch machen muss: „Im Apriori der Argumentation liegt der Anspruch, nicht nur
alle »Behauptungen« der Wissenschaft, sondern darüber hinaus alle menschlichen Ansprüche (auch
die impliziten Ansprüche von Menschen an Menschen, die in Handlungen und Institutionen
enthalten sind) zu rechtfertigen. Wer argumentiert, der anerkennt implizit alle möglichen Ansprüche
aller Mitglieder der Kommunikationsgemeinschaft, die durch vernünftige Argumente
gerechtfertigt werden können (sonst würde der Anspruch der Argumentation sich selbst
thematisch beschränken), und er verpflichtet sich zugleich, alle eigenen Ansprüche an Andere
durch Argumente zu rechtfertigen.“ 692 Mit anderen Worten: Allein aus der apodiktischen
Sprachlogik im Argumentieren ergibt sich für die Menschen, dass sie ihr gesamtes Handeln
grundsätzlich gegenüber allen anderen Menschen rechtfertigen müssen. Dass reflexive
Begründungen keineswegs unbedingt an das Postulat einer Letztbegründung geknüpft sein
müssen, zeigt Jürgen Habermas mit dem Hinweis, dass die Alternativlosigkeit der
sprachlogischen Regeln für die Argumentationspraxis zwar bewiesen, damit jedoch keine
Begründung geleistet ist. 693 Dem entsprechend ist Habermas für die Begründung seiner
686
687
688
689
690
691
692
693
98
Vgl. a.a.O., S. 14
Vgl. J. Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, a.a.O., S. 37f
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 14
A.a.O., S. 14
Vgl. a.a.O., S. 14
Vgl. a.a.O., S. 14
K.-O. Apel: Transformation der Philosophie, Bd. 2: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft, 6. Auflage,
Frankfurt a. M. 1999, S. 424f
Vgl. J. Habermas: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 105
Diskursethik nicht bereit, die Position einer Letztbegründung einzunehmen. 694 Noch einen
Schritt weiter geht Bernard Williams, wenn er sagt, dass es durchaus nicht klar sei, „was eine
Begründung des ethischen Lebens bewirken könnte oder warum wir überhaupt so etwas
benötigen.“ 695 Mit anderen Worten: Selbst wenn die Möglichkeit einer Letztbegründung bestehen
würde, der praktische Nutzen wäre wohl nicht allzu gross; denn wenn „ein Amoralist ethische
Erwägungen in Zweifel zieht und behauptet, es gäbe keinen vernünftigen Grund, den
Anforderungen der Moral Folge zu leisten, was können wir ihm dann sagen?“ 696
Düwell, Hübenthal und Werner weisen darauf hin, dass grundsätzlich die Möglichkeit der
Kombination dieser drei Begründungstypen bestehe, wobei die reflexive Rechtfertigung als dritter
Begründungstyp in der Diskussion umstritten sei und die Verfechter des kohärentistischen
Begründungsmusters noch am ehesten ihren Ansatz als selbstgenügsam sähen. 697 Dass eine
Kombination verschiedener Rechtfertigungstypen sinnvoll sein kann, hat sicher auch damit zu
tun, dass zwischen verschiedenen Begründungsebenen698 unterschieden werden kann. Im
Zusammenhang mit den Ausführungen von Düwell, Hübenthal und Werner lässt sich eine
dreistufige Begründungsstruktur skizzieren, die zwischen theorieimmanenter, moralontologischer und
moralepistemologischer Begründung unterscheidet. Auf der Ebene der theorieimmanenten Begründung
geht es um die Begründung erstens von konkreten Handlungssituationen mit Blick auf von der
ethischen Theorie vorgegebenen Regeln oder zweitens von ethischen Regeln, die ihrerseits in
einem Hierarchie-Verhältnis zu anderen Regeln der theoretischen Konzeption stehen. Hier zeigt
sich sowohl das kohärentistische als auch das linear-deduktive Muster als sinnvoll, wobei bei
Letzterem an das Urteilsvermögen hinsichtlich der Subsumption höhere Anforderungen gestellt
werden. Auf der zweiten Begründungsebene, der moralontologischen, stellt sich die Frage, wie die
obersten ethischen Regeln einer Theorie, zum Beispiel „the greatest happiness or greatest felicity” 699
von Jeremy Bentham, der oberste Wertrang des Angenehmen bzw. Unangenehmen 700 bei Max Scheler
oder der Universalisierungsgrundsatz 701 von Jürgen Habermas begründet werden können.
Begründungen hierzu können etwa so lauten: Es zeigt sich, dass alle Menschen (empirisch
gesehen) nach Glück bzw. Glückseligkeit streben 702, ein Apriorismus des Emotionalen 703 besteht oder
die Bestreitung der sprachlogischen Präsuppositionen die Bedeutung eines performativen
Widerspruchs704 hat 705. Damit wird deutlich, dass die Begründungsleistung auf der
moralontologischen Ebene in einem entweder kohärentistischen – die naturalistische Position
694
695
696
697
698
699
700
701
702
703
704
705
Vgl. a.a.O., S. 93
B. Williams: Ethik und die Grenzen der Philosophie, Hamburg 1999, S. 41
A.a.O., S. 39
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 14
Wolfgang Kuhlmann unterscheidet zwischen drei Begründungsebenen: Erstens die Ebene der Einzelhandlungen,
zweitens diejenige der mehr oder weniger generellen Normen und schliesslich die Ebene des Moralprinzips. Nach
Kuhlmann haben die Kognitivisten die Auffassung, dass auf den beiden ersten Ebenen Begründungsleistungen
wegen der Möglichkeit eines Bezugs auf eine höhere Norm sinnvoll und möglich sind. In Bezug auf die
Begründungsmöglichkeit des Moralprinzips wird hingegen eingewendet, dass dieses durch das vortheoretisches
Alltagswissen ausreichend konstituiert sei. Im Übrigen müsse das Moralprinzip ohnehin, analog zum
Wahrheitsbegriff in der theoretischen Philosophie, als der letzte Standard für das moralisch Richtige in der
praktischen Philosophie aufgefasst werden. Nach Kuhlmann beschränken sich denn auch viele Autoren darauf,
das Moralprinzip als Inhalt des vortheoretischen moralischen Bewusstseins zu explizieren bzw. zu
rekonstruieren. (Vgl. W. Kuhlmann: „Begründung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 323)
J. Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789), Hrsg. von J. H. Burns und
H. L. A. Hart, London 1970, S. 11
Vgl. M. Scheler: „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1913/16)“, in: Ethik, Hrsg. von
P. Welsen, Freiburg und München 1999, S. 174
Vgl. J. Habermas: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 76, 103
Vgl. J. Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789), a.a.O., S. 11
Vgl. M. Scheler: „Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik (1913/16)“, in: Ethik, a.a.O.,
S. 171
Der performative Widerspruch besagt, dass die Bestreitung eines Sachverhalts nur mit den Mitteln möglich ist, die
gerade aber bestritten werden. (Vgl. J. Habermas: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 90)
Vgl. J. Habermas: Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 100
99
bedient sich vorwiegend dieses Begründungstyps 706 – oder aber linear-deduktiven
Zusammenhang mit einer Erkenntnisleistung steht. Bei der dritten und obersten
Begründungsebene, der moralepistemologischen, stellt sich nun die Frage nach dem
erkenntnistheoretischen Fundament dieser Erkenntnisleistung. Das heisst, auf dieser Ebene
kommen die moralepistemologischen Standpunkte des Naturalismus, Intuitionismus oder des
Konstruktivismus in den Blick, wobei die Entscheidung für einen dieser drei Standpunkte
metaphysischer Natur ist und eine Argumentation noch am ehesten kohärentistisch erfolgen kann.
6.4 Universalismus versus Partikularismus
Nach einem Grossteil der zeitgenössischen Moralansätze haben die ethischen Grundsätze die
Standards der Universalität und Unparteilichkeit zu erfüllen. 707 Die Grundsätze gelten folglich dann
als begründet, wenn davon ausgegangen werden kann, dass alle Menschen ihr Einverständnis
abgeben, dass diese sowohl für sie selbst wie auch für alle anderen gleichermassen gültig sind.
Dies impliziert: moralische Urteile prätendieren stets Gültigkeit nicht nur für alle Personen,
sondern ebenso für alle qualitativ übereinstimmenden Kontexte. 708 Nach Düwell et al. kann aus
der Sicht des Universalismus leicht nachgewiesen werden, „dass in Argumentationen per se der
Universalismus sozusagen strukturell eingebaut ist und dass somit der Versuch, sich dem Postulat
der Universalisierbarkeit moralischer Begründungen völlig zu entziehen, nur durch den völligen
Verzicht auf verständliches Argumentieren gelingen könnte.“ 709 Zu Recht sagen die Autoren
jedoch zugleich, dass damit die Debatte zwischen Universalismus und Partikularismus keineswegs
obsolet wird; denn die universalistische Sprachstruktur ändert ja nichts an der Tatsache, dass die
konkrete Wirklichkeit moralischer Handlungssituationen, einschliesslich der diese prägenden
sinnlichen Erfahrungen und subjektiven Empfindungen, niemals vollständig in allen Eigenheiten
begrifflich erfasst werden kann. 710 In diesem Zusammenhang erfolgt denn auch die Kritik aus der
Sicht des Partikularismus. Verfechter wie David McNaughton sind der Ansicht, „dass wir jede
einzelne moralische Entscheidung individuell beurteilen müssen; wir können uns nicht auf
allgemeine Regeln berufen, damit diese die Entscheidung für uns treffen. Moralischer
Partikularismus ist der Ansicht, dass moralische Prinzipien bestenfalls nutzlos und
schlimmstenfalls im Wege sind, wenn man herausfinden will, was die richtige Handlung ist.“ 711
Auch aus der Reihe der feministischen Philosophie plädieren verschiedene Philosophinnen für eine
situationsbezogene Ethik, wobei die einen den Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit ganz
aufgeben, während andere eine Synthese zwischen Universalität und Partikularismus anstreben. 712
Seyla Benhabib als Beispiel genommen moniert am Universalismus, dass durch den Standpunkt
der Verallgemeinerung jedes einzelne Individuum als rationales Wesen betrachtet und von der
Individualität und von der konkreten Identität des Anderen abstrahiert werde. 713 Sie plädiert für
einen Standpunkt, wonach „jedes einzelne rationale Wesen als ein Individuum mit einer
konkreten Geschichte, Identität und affektiv-emotionalen Verfassung zu betrachten“ 714 ist.
Ähnliche Überlegungen werden auch von den Vertretern des Kommunitarismus 715 geäussert. So
706
707
708
709
710
711
712
713
714
715
100
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 54
Vgl. H. Pauer-Studer: „Ethik und Geschlechterdifferenz“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 105
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 15
A.a.O., S. 15
Vgl. a.a.O., S. 15
D. McNaughton: Moralisches Sehen. Eine Einführung in die Ethik, Übers. von L. Schewe, Frankfurt a. M. 2003,
S. 223
Vgl. H. Pauer-Studer: „Ethik und Geschlechterdifferenz“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 105
Vgl. S. Benhabib: „Der verallgemeinerte und der konkrete Andere. Ansätze zu einer feministischen
Moraltheorie“, in: Denkverhältnisse Feminismus und Kritik, Hrsg. von E. List und H. Studer, Frankfurt a. M. 1989,
S. 468
A.a.O., S. 468
Unter Kommunitarismus wird eine politische und soziale Philosophie aufgefasst, die sich gegen liberalistische
Positionen wendet und sich im Anschluss an John Rawls Werk Theorie der Gerechtigkeit formiert hat. Vor allem
schlägt Michael Walzer eine zwischen Universalismus und Partikularismus vermittelnde Position
vor. Sein Universalismus-Verständnis gilt nicht einem allumfassenden Gesetz, das nur eine
Gerechtigkeit, ein richtiges Verständnis des guten Lebens, der guten Gesellschaft oder der guten
Regierungsform zulässt. 716 Denn Gebote wie Liebe, Loyalität, Treue, Freundschaft, Hingabe usf.
lassen sich zwar universal vorschreiben, nur bleiben sie mangels inhaltlicher Erfahrung
notwenderweise abstrakt und müssen deshalb – so Walzer – innerhalb der Grenzen von „wir und
sie“ ihre inhaltlich spezifische normative Ausprägung erfahren. 717 Nach Bernward Gesang kann
im Grunde genommen zwischen zwei verschiedenen Formen des Partikularismus unterschieden
werden: „Einerseits die vollständige Zurückweisung jeglicher Prinzipien in der Ethik (‚methodischer
Partikularismus‘), andererseits der Appell zu flexiblem und situationsbewußtem moralischen Urteilen.“ 718 In
Anbetracht der Tatsache, dass sich eine Theorie wesentlich von der Anwendung bzw. Praxis
dadurch unterscheidet, dass sie Letztere transzendiert, lässt sich nach dem radikalen bzw.
methodischen Partikularismus streng genommen gar keine ethische Theorie entwickeln. Anders
bei der moderateren Spielart, die für Situationsethiken und für das Wechselspiel von Urteilskraft
und moralischen Prinzipien Raum offen lässt. Als eine die moralischen Prinzipien zulassende
Situationsethik können kasuistische Konzeptionen genannt werden, die für jede qualitativ
identische Situation eine eigene Handlungsregel vorschreiben und – nach Albert R. Jonsen und
Stephen Toulmin – wegen des Verschwindens eines Konsenses über ethische Grundwerte seit
1960 ein Revival erleben 719. Nach Gesang könnte man denn auch „die Kasuistik als eine immer
noch mit Prinzipien operierende Variante eines abgeschwächten Partikularismus bezeichnen“ 720.
6.5 Prinzipienethik, Normenethik und Situationsethik
Im Rahmen der Entwicklung ethischer Theorien werden allgemeine bzw. universale Regeln des
moralisch richtigen Verhaltens formuliert, wobei nach Konrad Ott unter Handlungsregeln
Institutionen, Maximen, Normen und Prinzipien subsumiert werden können 721. Institutionen sind
komplexe, auf einen bestimmten Sachverhalt zugeschnittene Regelwerke (zum Beispiel die
Verkehrsordnung), während Maximen als subjektive Handlungsgrundsätze wie: so wie du mir, ich
dir!, aufzufassen sind. 722 Normen hingegen sind mehr oder weniger stark generalisierte
Handlungsanweisungen bzw. Vorschriften, die als Gründe für die Urteile der eigenen, aber auch
fremden Handlungen zu Hilfe genommen werden, wobei in solchen allgemeinen Normen, zum
Beispiel: man sollte nicht lügen!, allgemeine Situationstypen mitgedacht sind, so dass die Beziehung
zwischen konkreter Handlungssituation und allgemeiner Norm der praktischen Urteilskraft
bedarf. 723 Und Prinzipien schliesslich sind nach Ott entweder oberste inhaltliche Normen wie
Ehrfurcht vor dem Leben oder dann formale Gesichtspunkte wie der Kategorische Imperativ, durch die
die Gültigkeit einzelner Normen beurteilt werden kann. 724
716
717
718
719
720
721
722
723
724
wird der rationale, individualistische und von allen geschichtlichen Bezügen abstrahierte Begriff der Person
moniert. An den Kommunitarismus anknüpfende ethische Theorien entwickeln nicht abstrakte Prinzipien,
sondern orientieren sich an der Tugendethik von Aristoteles. (Vgl. B. Schmitz: „Kommunitarismus“, in: Metzler
Philosophie Lexikon. Begriffe und Definitionen, 2. Auflage, Hrsg. von P. Prechtl und F.P. Burkard, Stuttgart und
Weimar 1999, S. 291)
Vgl. M. Walzer: Lokale Kritik - globale Standards. Zwei Formen moralischer Auseinandersetzung, Übers. von
Ch. Goldmann, Hamburg 1996, S. 140
Vgl. a.a.O., S. 167
B. Gesang: Kritik des Partikularismus. Über partikularistische Einwände gegen den Universalismus und den Generalismus in
der Ethik, Paderborn 2000, S. 205
Vgl. A. R. Jonsen und S. Toulmin: The Abuse of Casuistry. A History of Moral Reasoning, Berkeley, Los Angeles und
London 1988, S. 304
B. Gesang: Kritik des Partikularismus, a.a.O., S. 219
Vgl. K. Ott: „Prinzip / Maxime / Norm / Regel“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 474
Vgl. a.a.O., S. 474
Vgl. a.a.O., S. 474
Vgl. a.a.O., S. 475
101
Abhängig von der theoretischen Implementation von Institutionen, Maximen, Normen
und Prinzipien lassen sich ethische Theorien in der Frage nach der Generalität oder Spezifität der
Handlungsregeln unterscheiden. Die verschiedenen ethischen Konzeptionen orientieren sich
denn auch einerseits am Pol der Prinzipienethik und andererseits am Pol der Situationsethik. 725
Unter Prinzipienethiken subsumieren Düwell et al. Theorien, für die „in letzter Instanz nur eine
einzige Präskription massgeblich ist, die dann üblicherweise als Moralprinzip bezeichnet wird.“ 726
Bei diesen ethischen Theorien ist das gesamte Verhalten der Moralsubjekte auf dieses eine
Moralprinzip hin ausgelegt, wobei in Bezug auf konkrete Handlungen zwischen direkter und
indirekter Anwendung des Moralprinzips unterschieden werden kann. Von einer direkten
Anwendung ist dann die Rede, wenn die konkrete Handlungssituation direkt auf ein inhaltlich
gefasstes Moralprinzip, zum Beispiel die Glücksmaximierung, bezogen wird und von einer
indirekten, wenn konkrete Handlungssituationen unter spezifischere Regeln subsumiert werden,
die durch ihr Verhältnis zum obersten Moralprinzip ihre Gültigkeit erfahren. Düwell et al. weisen
darauf hin, dass die meisten Prinzipienethiken diese indirekte Anwendung vorsehen und – dem
entsprechend – das Moralprinzip durch eine Reihe von Regelungen begrenzter Reichweite
präziser konkretisieren. 727 Am anderen Ende des Spektrums, bei den Situationsethiken, liegt das
theoretische Hauptgewicht auf der gleichen Behandlung von qualitativ identischen
Handlungssituationen, und zwar durch die Vorgabe detaillierter und spezifischer Normen. 728 Die
Probleme solcher kasuistischer Theorien liegen allerdings auf der Hand; denn es fragt sich, wie eine
praktisch endlose Zahl konkreter Normen in einer Theorie abgebildet werden kann, aber auch,
wie es den Moralsubjekten gelingt, eine derart grosse Zahl spezifischer Handlungsnormen zu
lernen und im konkreten Falle adäquat anzuwenden. Im Übrigen besteht bei kasuistischen
Ethiksystemen die Gefahr, dass sie „eine scheinbare Sicherheit vorgaukeln, die dann nicht mehr
gegeben ist, wenn sich die Verhältnisse ändern.“ 729 Zwischen den Prinzipienethiken und den
Situationsethiken stehen ethische Theorien, „die als Maßstab der Handlungsorientierung eine
begrenzte Zahl generellerer Präskriptionen vorschlagen.“ 730 Diese Ethiken – man könnte sie als
Normenethiken bezeichnen -, können die Form von tugendethischen Konzepten, von allgemeinen
Grundregeln wie des Dekalogs oder von Prinzipienethiken mittlerer Reichweite annehmen. Letztere sind
allerdings mit dem Problem verbunden, dass mangels eines obersten Moralprinzips Konflikte
zwischen den einzelnen Prinzipien entstehen können. Diesbezügliche Lösungsmöglichkeiten
können dann so aussehen, dass einige, aber nicht alle, Präskriptionen unbedingt befolgt werden
müssen oder aber moralischen Vorschriften lediglich der Charakter von Prima-facie-Pflichten
auferlegt wird.
6.6 Teleologische versus deontologische Ethiken
Mit dem Aufkommen einer mechanistisch-szientistischen Weltauffassung zu Beginn der
europäischen Neuzeit wurde die Seinsordnung nicht mehr auf ein allgemeines Ziel hin
ausgerichtet aufgefasst, sondern bloss noch als geschlossener Funktionszusammenhang
verstanden. 731 Dies hatte zur Folge, dass sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzte, wonach
die Natur an sich keine Zwecke kennt, sondern die Menschen diese selbst setzen und – mithilfe
der Natur – verwirklichen müssen. Diese Zäsur hatte immense ethische Implikationen. Zwar
waren die Menschen fortan von der Bürde befreit, dem in ihnen präformierten Ziel zu folgen,
hingegen war die Frage nach dem guten Leben und friedlichen Zusammenleben nun allein ihnen
übertragen. Mit der Zwecksetzung durch die Menschen entstand fortan ein folgenreicher
725
726
727
728
729
730
731
102
Vgl. M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 15f
A.a.O., S. 15
Vgl. a.a.O., S. 16
Vgl. a.a.O., S. 16
U. Hemel: Wert und Werte. Ethik für Manager – Ein Leitfaden für die Praxis, 2. Auflage, München 2007, S. 49
M. Düwell et al: „Ethik: Begriff - Geschichte - Theorie - Applikation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 16
Vgl. Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 64
Pluralismus und Antagonismus und es stellte sich die entscheidende Frage: „Wie (...) lässt sich
angesichts der konfliktuösen Vielfalt in den Vorstellungen vom Guten noch ein gedeihliches
Miteinander gewährleisten?“ 732 Nach Christoph Hübenthal ist mit dieser Frage die moderne
Aufgabenstellung einer ethischen Theorie ziemlich präzise beschrieben. 733 Für eine universale
normativ-ethische Theorie zeigten sich zwei Wege vielversprechend: Erstens konnte auf die
menschliche Freiheit und ihr entsprechende Handlungen Bezug genommen werden, und zweitens
bestand die Möglichkeit, das Gute nach empirischen Gesichtspunkten zu ermitteln. Den ersten
Weg wählte Immanuel Kant mit seiner auf die menschliche Freiheit rekurrierenden Pflichtethik,
während Jeremy Bentham mit seiner Theorie des Utilitarismus das Ziel des grösstmöglichen
menschlichen Glücks zum obersten Prinzip erhob. Eng mit diesen herausragenden
Konzeptionen hängt die Unterscheidung zwischen deontologischen und teleologischen normativen
Ethiken zusammen, welche sich mittlerweile als das prominenteste Klassifikationsschema
ethischer Theorien zu etablieren vermochte 734. Teleologische Theorien erheben die Forderung,
dass Handlungen ein Ziel anstreben, welches in einem umfassenden Sinne gut ist, „sei es, weil
sich die positive Einschätzung in der subjektiven Perspektive als relativ stabil erweist, sei es, weil
die Gutheit des Zieles objektiv festzustehen scheint.“ 735 Die moralische Forderung besteht also
darin, Handlungen hinsichtlich eines umfassenden Ziels, unabhängig davon, ob dieses aus
Eigenschaften, Werten, Gütern, mentalen Zuständen oder bestimmten Weltzuständen besteht, zu
verwirklichen. Nach Christoph Hübenthal wird in der gegenwärtigen Ethik-Diskussion der
Begriff „teleologisch“ allerdings nicht in dieser weiten Bedeutung verwendet, sondern nur auf
Theorien angewandt, „die eine Trennung zwischen moralischer Richtigkeit und außermoralischer
Gutheit vornehmen und das moralisch Richtige ausschliesslich dadurch bestimmen, dass es das
außermoralisch Gute auf bestmögliche Weise fördert.“ 736 Diese enge, die richtige Handlung als
Funktion des Guten verstandene Bedeutungsauffassung wäre auch gar nicht problematisch, wenn
der Begriff der deontologischen Ethiken in seiner prominentesten Bestimmung – durch William K.
Frankena – nicht genau an dieser Unterscheidung festgemacht worden wäre: „Deontological
theories deny what teleological theories affirm. They deny that the right, the obligatory, and the
morally good are wholly, whether directly or indirectly, a function of what is nonmorally good or
of what promotes the greatest balance of good over evil for self, one’s society, or the world as a
whole.“ 737 Damit zeigt sich, dass Theorien, die das moralisch Richtige als Funktion eines
höchsten Guten bestreiten, definitorisch als deontologische Ethiken aufzufassen sind. Diese,
vom Utilitarismus ausgehende Abgrenzung hat nun die Konsequenz, dass onto-teleologische
Ethiken 738, die gute Handlungen als das den Menschen inhärente Ziel bzw. Gute auffassen und
deshalb wenig in das funktionale „Gut-Richtig-Schema“ passen, per definitionem unter
deontologische Ethikansätze fallen, obschon es sich bei ihnen zweifellos um teleologische Ethiken
handelt, „denn ein bestimmtes, genau definierbares Gut wird zur zentralen Zielgröße erhoben
und dient als normativer Orientierungspunkt für alle praktischen Vollzüge des Menschen.“ 739 Es
zeigt sich somit, dass die bisweilen mehr oder weniger unbedachte Verwendung der
definitorischen Opposition von Teleologie und Deontologie kaum geeignet ist, historische und
zeitgenössische Theorien adäquat einzuordnen.
732
733
734
735
736
737
738
739
A.a.O., S. 65
Vgl. A.a.O., S. 65
Vgl. M. Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik, a.a.O., S. 127
Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 61
A.a.O., S. 61
W. K. Frankena: Ethics, a.a.O., S. 15
Unter ontologischer Teleologie „kann man die Lehre verstehen, wonach jedem natürlichen Gegenstand das Streben
innewohnt, ein in seiner Natur oder in seinem Wesen angelegtes Ziel zu erreichen. Das wesenseigene Ziel wird
dadurch verwirklicht, dass der Gegenstand seine spezifischen Anlagen vervollkommnet und so eine natürliche
Endgestalt ausbildet.“ (Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 62).
Die ontologische Teleologie erhält dadurch eine ethische Bedeutung, dass den Menschen Freiheitsgrade
zugesprochen werden, mit der Konsequenz, dass die Bestimmung bzw. Vollendung sowohl erreicht wie auch
verfehlt und die natürliche Zielbestimmung deshalb als ethische Forderung erhoben werden kann.
Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 63
103
7
Überlegungen zur Anthropologie
740
Vgl. H. Albert: Kritischer Rationalismus. Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens, Tübingen 2000, S. 57
Vgl. W. Schüßler: „Einleitung“, in: Philosophische Anthropologie, Hrsg. von W. Schüssler, Freiburg und
München 2000, S. 9
J.-P. Wils: Die große Erschöpfung. Kulturethische Probleme vor der Jahrtausendwende, Paderborn, München Wien und
Zürich 1994, S. 95
Vgl. a.a.O., S. 96
Vgl. Aristoteles: Über die Seele, Bd. 6, Übers. von W. Theiler, Bearb. von H. Seidl, in: Aristoteles. Philosophische
Schriften in sechs Bänden, Darmstadt 1995, 414a
Aristoteles: Politik, Bd. 4, Übers. von E. Rolfes, in: Aristoteles. Philosophische Schriften in sechs Bänden, Darmstadt
1995, 1253a 31
Vgl. J.-P. Wils: Die große Erschöpfung, a.a.O., S. 98
I. Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, Hrsg. von W. Becker, Stuttgart 1983, S. 29
I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 116 [S. 455]
J.-P. Wils: „Anthropologie“ in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 308
Nach Hans Albert steht die Frage: Was sollen wir tun? in einer fundamentalen Beziehung zur
Frage: Was können wir tun?, und zwar dadurch, dass Sollen Können impliziert bzw. aus dem NichtKönnen das Nicht-Sollen folgt. 740 Aber was ist denn das Können der Menschen? Die philosophische
Anthropologie, die sich im Gegensatz zu den anthropologischen Einzelwissenschaften wie etwa
Medizin, Neurophysiologie, Soziologie oder Psychologie mit der Ganzheit und Einheit des
Menschen auseinandersetzt 741, hat eine sonderbare Rolle inne. Zum einen soll sie den Menschen
in seiner Totalität, so wie er ist, beschreiben und zum anderen soll sie gerade darin aufzeigen, wozu
der Mensch fähig ist, das heisst, was er aus sich selbst machen kann. Anders gesagt: Die
philosophische Anthropologie – in der Folge abgekürzt Anthropologie genannt – soll nicht nur die
empirisch feststellbaren Handlungen beschreiben, sondern ebenso, welche Handlungen für den
Menschen als ein zur Freiheit fähiges Wesen grundsätzlich möglich sind. Damit erhält sie die
Aufgabe zugewiesen, zwischen der Biologie und der Ethik bzw. zwischen Empirie und Normativität
zu vermitteln. Nach Jean-Pierre Wils unternimmt sie in diesem Sinne den Versuch, „den latenten
Empiriemangel ethischer Theorien auszugleichen und die Distanz zu normativen
Schlußfolgerungen bei den empirischen Wissenschaften zu verringern. Anthropologie macht die
Empirie normfähig und die Ethik empiriefähig.“ 742 Wils weist darauf hin, dass bereits bei Aristoteles
Theoriestücke vorliegen, die als eine anthropologische Zwischenstufe zu Ethiken genannt werden
können. 743 Die Seele als Vollendungs-Prinzip von Leben, Wahrnehmen und Denken 744 sorgt nicht
nur für die biologische Limitierung, sondern ebenso für die reflexive Entgrenzung, wodurch sich
überhaupt erst ein für die Ethik unentbehrlicher anthropologischer Zwischenraum von Akt und
Potenz eröffnet, der letztlich über einen guten oder aber schlechten Menschen entscheidet: „Denn
wie der Mensch in seiner Vollendung das vornehmste Geschöpf ist, so ist er auch, des Gesetzes
und Rechtes ledig, das schlechteste von allen.“ 745 Auch bei Immanuel Kant zeigt sich ein
ähnliches Fundierungsverhältnis. Im Werk Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, das als der
Grundstein für die philosophische Disziplin „Anthropologie“ gilt746, unterscheidet Kant zwischen der
physiologischen und der pragmatischen Menschenkenntnis; Erstere geht auf das, „was die N a t u r aus
dem Menschen macht, die pragmatische auf das, was er als frei handelndes Wesen aus sich selber
macht, oder machen kann oder soll.“ 747 Das Spannungsverhältnis zwischen Empirie und
Normativität gipfelt bei Kant darin, dass die Festlegung des Kategorischen Imperativs nur dank
der Idee der Freiheit, „deren objektive Realität an sich zweifelhaft ist“ 748 möglich wurde.
Für Jean-Pierre Wils besteht kein Zweifel, dass selbst eine streng formal angelegte
Fundierung einer Ethik ein naturales Gerüst benötigt, denn: „Ethik darf nicht natural unwahrscheinlich
werden. Deshalb sind empirische und ethische Kommentare zum Menschen nicht strikt zu
trennen.“ 749 Das bedeutet: sowohl die Anthropologie wie auch die Ethik müssen zu ihrem Recht
kommen, mit der allerdings nicht unwichtigen Konsequenz, dass anthropologische Auffassungen
so etwas wie eine Vorentscheidung für eine ethische Theorie bedeuten können. So wäre
beispielsweise der Kategorische Imperativ ohne die Idee der Freiheit ebenso grundlos wie die
Ethik des Utilitarismus ohne den anthropologischen Standpunkt, dass alle Menschen nach Glück
741
742
743
744
745
746
747
748
749
104
streben. Die Anthropologie als der Ort der empirisch-normativen Verdichtung 750 zu sehen, ist für die
Ethik aber auch darin folgenreich, dass Letztere sich – zumindest indirekt – mit den
Erkenntnissen der Einzelwissenschaften konfrontiert sieht. Und zwar deshalb, weil die zwischen
der Metaphysik und den anthropologischen Einzelwissenschaften eingebettete Anthropologie die
laufenden Forschungsergebnisse Letzterer berücksichtigt und der Ethik als normative
Randbedingungen bereitstellt. Die Aufnahme solcher einzelwissenschaftlichen Erkenntnisse –
Odo Marquard spricht von Symbioseappetit seitens der Anthropologie 751 – wird wohl nicht
abnehmen, sondern wegen der noch nicht abgeschlossenen Emanzipation der Anthropologie
von der Metaphysik im Gegenteil noch grösser werden. Mit der Konsequenz, dass die
Anthropologie pluralisiert und in der Gestalt einer philosophisch-medizinischen, philosophischbiologischen, philosophisch-soziologischen oder philosophisch-psychologischen Anthropologie eine
bereichsspezifische Signatur erhält. 752 Inwieweit diese Ausdifferenzierung für das Spannungsfeld
zwischen ethischem Können und ethischem Sollen fruchtbar gemacht werden kann, muss sich erst noch
zeigen. Von zweifellos grosser Bedeutung ist indessen die Feststellung, dass im zunehmenden
Masse das Bedürfnis nach einer anthropologischen Flankierung normativer Aussagen empfunden
wird 753.
8
Überlegungen zur Motivation
750
Vgl. J.-P. Wils: Die große Erschöpfung, a.a.O., S. 97
Vgl. O. Marquard: „Anthropologie“, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Hrsg. von J. Ritter et al., Bd. 1:
A - C, Basel 1971 (Lizenzausgabe Darmstadt), S. 366
Vgl. J.-P. Wils: „Anthropologie“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 309f
Vgl. A.a.O., S. 310
Vgl. K. Bayertz: „Einleitung: Warum moralisch sein?“, in: Warum moralisch sein?, Paderborn 2002, S. 11
A.a.O., S. 11
Vgl. H. A. Prichard: „Beruht die Moralphilosophie auf einem Irrtum?“, in: Warum moralisch sein?, a.a.O., S. 51
Vgl. Platon: ΠΟΛΙΤΕΙΑ - Der Staat, Bd. 4, Bearb. von D. Kurz, Übers. von F. Schleiermacher, in: Platon. Werke
in acht Bänden. Griechisch und Deutsch, Hrsg. von G. Eigler, 2. Auflage, Darmstadt 2001, 343c, 344c
Vgl. R. M. Hare: „Warum es klug ist, moralisch zu sein“, in: Warum moralisch sein?, a.a.O., S. 146
Obschon zweifelsfrei feststeht, dass die Menschen zu moralischen Leistungen fähig sind, ist
deshalb noch keineswegs sichergestellt, dass in konkreten moralischen Handlungssituationen
dann auch der Fähigkeit entsprechend gehandelt wird. Diese Diskrepanz zwischen ethischem
Können und ethischem Wollen wird häufig mit der Frage: Warum moralisch sein? auf den Punkt
gebracht. Kurt Bayertz weist allerdings darauf hin, dass in dieser Debatte nicht immer
hinreichend klar unterschieden werde, wonach es hier um die Geltung der Moral bzw. um die
Gründe der Verbindlichkeit der Moral gehe und nicht um die Klärung des moralisch Richtigen. 754 Mit
anderen Worten: Es steht nicht zur Debatte, „welche Arten von Handlungen die Moral
vorschreibt oder verbietet; sondern warum man sich an derlei Vorschriften halten soll. Es geht
um die Beantwortung der Frage: ‚Warum soll ich moralisch sein?
‛“ 755 Harold Arthur Prichard
betont, dass mit dieser Fragestellung ein gewisser Widerwille gegenüber der moralischen
Handlung sowie der Glaube, dass dieser mithilfe einer geeigneten Antwort überwunden werden
kann, verbunden ist. 756 Diesen Widerwillen zum moralischen Handeln brachte bereits der Grieche
Thrasymachos zum Ausdruck, indem er Sokrates in aller Deutlichkeit vorhielt, dass der Gerechte
gegenüber dem Ungerechten überall schlechter gestellt sei und sich das Ungerechte als das für die
Menschen Vorteilhafte und Zuträgliche zeige. 757 Aus Thrasymachos Worten kommt klar zum
Ausdruck, dass der Widerwille zum moralischen Verhalten darin gründet, dass Letzteres
keineswegs zwingend mit den Interessen des Handelnden übereinstimmt. Mit dem Standpunkt,
wonach Eigeninteresse und moralische Gesichtspunkte keineswegs immer koinzidieren, ist auch
Richard M. Hare einverstanden; seiner Meinung nach ist überhaupt nur schwer zu begreifen, dass
jemand mal anderer Meinung sein konnte. 758 Auch für John Leslie Mackie steht fest, dass
egoistische Klugheitsgründe und moralische Gesichtspunkte nicht in allen Fällen
751
752
753
754
755
756
757
758
105
zusammenfallen. 759 Nach Mackie ist der Sinn der Moral im engeren Sinne gerade darin zu sehen,
„daß es für das Wohlergehen der Menschen im allgemeinen notwendig ist, daß sie sich in einem
gewissen Umfang in einer Art und Weise verhalten, von der sie nicht zu sehen vermögen, daß sie
sich im egoistischen Sinn rechtfertigen läßt, und für die eine solche Rechtfertigung auch
manchmal tatsächlich unmöglich ist. Die Funktion der Moral besteht eben darin, die üblen
Folgen bloßer Klugheitserwägungen einzugrenzen.“ 760 In Anbetracht der Problematik, dass zwar
jeder Mensch ein starkes Interesse daran hat, nicht belogen, betrogen, gedemütigt, benachteiligt
oder verletzt zu werden, selbst aber nicht unbedingt dem moralischen Verhalten zugeneigt sein
muss, fallen nach Prichard die Antworten, weshalb trotzdem alle Menschen sich moralisch
verhalten sollten, in zwei Kategorien: „Entweder sie besagen, daß wir das und das tun sollten, weil
es, wie sich zeigt, wenn wir die Tatsachen voll erfassen, zu unserem Besten sein wird, d. h. wie ich
lieber sagen würde, weil es wirklich zu unserem Vorteil oder besser noch zu unserem Glück sein
wird; oder sie besagen, daß wir das und das tun sollten, weil etwas, das bei der Handlung oder
durch sie realisiert wird, gut ist.“ 761 Mit anderen Worten: Die Gründe, weshalb wir uns moralisch
verhalten sollten, liegen entweder letztlich doch im eigenen Interesse oder aber darin, dass das
Befolgen bestimmter Handlungen – unabhängig von unseren Interessen – an sich gut ist.
Hinsichtlich der Frage nach der Motivation für moralisches Verhalten scheinen Erstere bloss die
richtige Erkenntnis vorauszusetzen, während die vom Selbstinteresse unabhängigen Gründe wohl
als die nur schwer überwindbare Hürde aufgefasst werden muss. Nach Peter Stemmer kann
moralisches Verhalten, ohne dass die offensichtlichen allgemeinen Interessen der Menschen
berücksichtigt werden, überhaupt nicht erwartet werden. 762
Die zentrale Debatte in Bezug auf die Motive zur Moral wird in der philosophischen
Literatur, insbesondere in der analytischen Metaethik, unter den Begriffen Internalismus und
Externalismus geführt. 763 Thomas E. Wren betont, dass diese beiden Begriffe für verschiedene
Sichtweisen, wie moralische Motivation konzipiert werden kann, stehen und es in diesem Streit um
die Frage geht, „ob in die moralische Erkenntnis selbst bereits eine motivationale Komponente
eingebaut ist (»built-in«) oder nicht.“ 764 Nicht von moralischer Erkenntnis, sondern von moralischer
Überzeugung spricht Nico Scarano: „Die internalistische These lautet genauer formuliert: Eine
moralische Überzeugung zu haben ist notwendig mit einem Motiv zum entsprechenden Handeln
verbunden.“ 765 Aber was sind moralische Überzeugungen? „Wenn eine Person einen Satz äußert
wie ‚Seine Versprechen zu halten ist moralisch gut‘ oder ‚Seine Versprechen zu halten ist
moralisch geboten‘ und wir keinerlei Anhaltspunkte dafür haben, daß sie nicht meint, was sie
sagt, dann schreiben wir ihr auch eine entsprechende moralische Überzeugung zu.“ 766 Nach dem
Internalismus besteht also zwischen der Existenz moralischer Überzeugungen und der Existenz
von Motiven für moralisches Handeln ein notwendiger Zusammenhang, ohne deswegen
allerdings einen Handlungs-Automatismus postulieren zu wollen. Dazu Scarano: „Dass
moralische Gründe und Motive »notwendig verbunden« sind, heißt nicht automatisch, dass dem
Motiv entsprechend gehandelt wird.“ 767 Um den notwendigen Zusammenhang zu vertreten,
stehen grundsätzlich zwei Wege offen: Während beim ersten Weg Überzeugung und Motiv
(sogenannte Pro-Einstellung) als identisch betrachtet werden, versucht die zweite Position zwischen
Überzeugung und Motiv zu unterscheiden, aber dennoch am Postulat des notwendigen
759
760
761
762
763
764
765
766
767
106
Vgl. J. L. Mackie: Ethik, a.a.O., S. 244
A.a.O., S. 244
H. A. Prichard: „Beruht die Moralphilosophie auf einem Irrtum?“, in: Warum moralisch sein?, a.a.O., S. 50
Vgl. P. Stemmer: „Moral, künstliche Gründe und moralische Motivation“, in: Moralische Motivation. Kant und die
Alternativen, Hrsg. von H. F. Klemme et al., Hamburg 2006, S. 330
Vgl. N. Scarano: „Motivation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 450
T. E. Wren: „Moralpsychologie und Metaethik: Ein Arbeitsbündnis“, in: Zur Bestimmung der Moral. Philosophische
und sozialwissenschaftliche Beiträge zur Moralforschung, Hrsg. von W. Edelstein und G. Nunner-Winkler,
Frankfurt a. M. 1986, S. 41
N. Scarano: „Motivation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 451
N. Scarano: Moralische Überzeugungen, a.a.O., S. 101
N. Scarano: „Motivation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 451
Zusammenhangs festzuhalten. 768 Der prominenteste Vertreter dieser zweiten Position ist
zweifellos Immanuel Kant. Vernunft und Moral kommen nach einigen, zwar nicht ganz
einfachen Überlegungen auf das Schönste zur Deckung, weil aber die reine Vernunft von den
sinnlichen Interessen und Neigungen abgekoppelt ist, fehlt ein wichtiges motivationales Element,
das Kant denn auch im moralischen Gefühl verortet. Dass diese Konzeption als internalistische
Theorie gilt, begründet Scarano mit dem Status der Apriorität des moralischen Gefühls, der den
Begriff der Notwendigkeit mit sich führt. 769
Die Gegenposition des Internalismus, der Externalismus, bestreitet nun diesen
notwendigen Zusammenhang. Das heisst, er bestimmt die Verbindung zwischen moralischen
Überzeugungen und moralischen Motiven als kontingent, so dass es nach diesem metaethischen
Standpunkt möglich ist, „dass jemand, der davon überzeugt ist, eine bestimmte Handlung aus
moralischen Gründen ausführen zu müssen, dennoch kein Motiv hat, entsprechend zu handeln.
Mehr noch: Nach Ansicht des Externalismus muss immer ein »externes« Motiv hinzukommen,
andernfalls würde es niemals zur Ausführung einer moralischen Handlung kommen.“ 770 Als
solche externe Motive können zum Beispiel die Abwehr einer „äusseren“ Sanktion, zum Beispiel
die gesellschaftliche Verachtung, oder die Verhinderung einer „inneren“ Bestrafung durch
Schuld- oder Schamgefühle genannt werden. Selbst sogenannte altruistische Motive wie
Emotionen, Mitleid oder Sympathie können von der externalisitischen Position in Anspruch
genommen werden. Aber immer gilt, „dass diese Motive nicht notwendig mit den moralischen
Überzeugungen der handelnden Personen verbunden sind.“ 771 Scarano weist darauf hin, dass
genau hier das Problem des Externalismus liege: „Denn wenn eine Person erstens der festen
moralischen Überzeugung ist, dass bestimmte Handlungen getan werden müssen, und sie zweitens
sich in einer Situation befindet, in der sie eine solche Handlung tun kann, und drittens keine
anderen Gründe aus ihrer Sicht dagegen sprechen, diese Handlung auszuführen, sie aber dennoch
die Handlung unterlässt, dann halten wir die Person entweder für irrational – das heißt in diesem
Fall für willensschwach beziehungsweise unbeherrscht – oder wir würden nicht glauben, dass sie
tatsächlich die unterstellte moralische Überzeugung hat.“ 772 Dazu ist allerdings zu bemerken, dass
der begriffliche Zusammenhang zwischen einer moralischen Überzeugung und eines dieser
Überzeugung gemässen Handlungsmotivs keineswegs ausschliesst, dass die Menschen
gelegentlich halt doch irrational handeln, wissensschwach und unbeherrscht sind.
Im Zusammenhang mit der metaethischen Debatte um die internalistische bzw.
externalistische Position zeigt sich, dass die eingangs gestellte Frage: Warum moralisch sein? je nach
Standpunkt eine andere Bedeutung bekommt. Nach dem Internalismus steht im Zentrum, wie
die moralischen Normen und Prinzipen gerechtfertigt werden können; denn wenn die Menschen
von diesen erst mal überzeugt sind, dann haben sie auch das Motiv, diesen Überzeugungen
entsprechend zu handeln. Ob eine ethische Theorie die moralischen Akteure zu motivieren
vermag, hängt demnach von der Überzeugungskraft ihrer Begründungsleistung ab. Thomas
Schmidt weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nicht-naturalistische Realisten im
Allgemeinen diese internalistische Position vertreten. 773 Anders verhält es sich bei der
externalistischen Position. Hier fragt sich, welche extrinsischen Motive die Menschen dazu
bewegen können, moralischen bzw. ethischen Normen gemäss zu handeln. Eine ethische Theorie
auf diesem Standpunkt kann sich also nicht mit einer sorgfältigen Begründung ihrer Normen und
Prinzipien begnügen. Sie muss zusätzlich die Interessen der moralischen Subjekte
berücksichtigen, kann dafür aber hoffen, die moralische Überzeugung – die möglicherweise mehr
auf die anderen Moralsubjekte als auf sich selbst gerichtet ist – für moralisches Handeln
hinreichend steigern zu können. Eine ethische Konzeption, die auf den externalistischen
768
769
770
771
772
773
Vgl. a.a.O., S. 452
Vgl. a.a.O., S. 452
A.a.O., S. 451
A.a.O., S. 451
A.a.O., S. 451
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 58
107
Standpunkt setzt, kann damit der Konkurrenz moralischer Motive durch nicht-moralische – ein
Faktum, das angesichts des fehlenden Handlungs-Automatismus auch der Internalismus
einräumen muss 774 – zumindest entgegenwirken. Schmidt betont, dass die externalistiche Position
typischerweise von den naturalistischen Realisten eingenommen wird. 775 Dies ist auch leicht
nachvollziehbar; denn um dem Damoklesschwert des naturalistischen Fehlschlusses zu entgehen,
muss die Normativität in den moralischen Tatsachen zurückgenommen werden, mit der
Konsequenz, dass im gleichen Masse das wohl in jeder moralischen Überzeugung enthaltene
motivationale Element verloren geht.
9
Fünf Paradigmen normativer Ethiken
Im Verlaufe der nun zweieinhalb Jahrtausend alten Geschichte der Ethik ist eine Vielzahl von
Theorien und Kriterien entwickelt worden, die im Gegensatz zu anderen wissenschaftlichen, aber
auch philosophischen Disziplinen erstaunlicherweise kaum an Aktualität eingebüsst haben. Die
Zahl der verschiedenen Ethiken und vor allem der verschiedenen Ausprägungen einzelner
Theorieströmungen ist mittlerweile so gross, dass ein Überblick und eine adäquate Klassifizierung
nur mit zum Teil schwerwiegenden Vorbehalten möglich sind. Gleichwohl kann erwartet werden,
dass ein solcher Versuch eine grobe Orientierung abgeben und im Hinblick auf die Entwicklung
einer ethischen Theorie wertvolle Informationen zutage fördern kann. Michael Quante bietet eine
solche Klassifizierung an, und zwar dergestalt, dass er zwischen teleologischen, deontologischen und
tugendethischen Ethik-Haupttypen unterscheidet. 776 Diese Dreiteilung wurde dadurch möglich, dass
Quante den Definitionsvorschlag von Frankena verwarf und sowohl für teleologische wie auch
für deontologische Ethiken eine engere Begriffsbestimmung wählte. Ein anderes
Unterscheidungskriterium, nämlich die Ausgestaltung des höchsten Gebotes bzw. des Moralprinzips,
wählt Otfried Höffe. 777 Dies ermöglicht ihm die Unterscheidung zwischen dem Utilitarismus, der
theologischen, egoistischen und der deontologischen Ethik. 778 Nochmals eine andere Unterscheidung
schlägt Julian Nida-Rümelin mit den Ethik-Paradigmen: Utilitarismus, kantische Deontologie,
Kontraktualismus, Libertarismus sowie Tugendethik vor. 779 Da dieses Klassifizierungsschema explizit
im Hinblick auf die Darstellung von verschiedenen angewandten Bereichsethiken gewählt wurde,
darf angenommen werden, dass diese Einteilung für die vorliegende Arbeit gut geeignet ist. Im
Folgenden werden deshalb die wichtigsten allgemeinen Elemente dieser verschiedenen Paradigmen
expliziert, wobei auch hier der Vorbehalt ausdrücklich angebracht werden muss, dass mit der
Vorstellung der fünf Paradigmen nicht mal im Ansatz eine vollständige Darstellung der
verschiedenen Einzelpositionen innerhalb der Paradigmen möglich ist und es auch nicht die
Absicht sein kann, einzelne Standpunkte einer sorgfältigen Kritik zu unterziehen. Vielmehr soll
lediglich auf offensichtliche Vor- und Nachteile der einzelnen Theorieparadigmen hingewiesen
werden.
9.1 Das Paradigma des Utilitarismus
Was wird von den Menschen in den meisten Fällen für gut gehalten? Die Antwort von Jeremy
Bentham: „Nature has placed mankind under the governance of two sovereign masters, pain and
pleasure.“ 780 Alles was Menschen tun, läuft letztlich darauf hinaus, Lust bzw. Glück zu vermehren
774
775
776
777
778
779
780
108
Vgl. N. Scarano: „Motivation“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 451
Vgl. T. Schmidt: „Realismus / Intuitionismus / Naturalismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 55
Vgl. M. Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik, a.a.O., S. 126-130
Vgl. O. Höffe: „Normative Ethik“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 220
Vgl. a.a.O., S. 220
Vgl. J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in:
Angewandte Ethik, a.a.O., S. 7-37
J. Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789), a.a.O., S. 11
und Schmerz zu vermeiden. Dieses gemeinsame Merkmal aller Zwecksetzungen lässt sich für
eine moderne empirische Ethik dahingehend verwenden, dass jede Handlung danach beurteilt wird,
„welchen Nutzen sie im Sinne des hedonistisch verstandenen Guten jeweils hat.“ 781 Dies bedeutet:
Es sind die Konsequenzen einer Handlung, die entscheiden, ob die Handlung moralisch richtig oder
falsch ist. Weil die Frage nach der moralisch richtigen Handlung aber vor der effektiven
Handlung zu beantworten ist, stehen nicht die tatsächlichen Handlungs-Konsequenzen zur
Debatte, sondern die mutmasslichen, „wie sie sich für einen wohl informierten und vernünftig
denkenden Beobachter zum Zeitpunkt der Handlung als mehr oder weniger wahrscheinlich
darstellen.“ 782 Die Bestimmung, dass die wahrscheinlichen Konsequenzen einer Handlung den
Nutzen für die moralische Beurteilung – mit Blick auf das höchste Gute (Glück) – abgeben, kann
als der eigentliche Kern des klassischen Utilitarismus aufgefasst werden. Prägnant wird dieses
utilitaristische Proprium durch John Stuart Mill ausgedrückt, der den von David Hume
skizzierten und von Bentham begründeten Utilitarismus weiterentwickelte: „Die Auffassung, für
die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt,
dass Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben,
Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von
Glück zu bewirken.“ 783 Der Hinweis auf das grösste Glück macht deutlich, dass es dem
Utilitarismus nicht bloss um das individuelle Wohlbefinden des Handelnden geht, sondern um
den Nutzen dieser Handlung für die gesamte Gemeinschaft. Aber wie geschieht die Berechnung
des Gesamtnutzens? Nach Bentham muss für die moralische Beurteilung einer Handlung die
mutmassliche Quantität der subjektiven Wohlbefindens-Bilanz eines jeden von der Handlung
betroffenen Menschen aggregiert werden, denn das Wohlergehen einer Gemeinschaft als fictitious
body 784 ist nach Jeremy Bentham nichts anderes als „the sum of the interests of the several
members who compose it.“ 785 Mill hingegen bestimmt das zu maximierende Glück nicht rein
hedonistisch, sondern berücksichtigt bei der Kalkulation neben der Quantität auch die Qualität
der Lustempfindung. 786
Der Utilitarismus ist mittlerweile die am weitesten ausgearbeitete und seit etwa 100 Jahren
international am meisten diskutierte Variante einer konsequentialistischen bzw. teleologischkonsequentialistischen Ethik, wobei er längt nicht mehr als monolithische Theorie gesehen werden
kann, sondern bloss noch als eine „weit verzweigte >Familie< verwandter Ansätze mit einem
gemeinsamen Kern.“ 787 An diesem Unternehmen sind oder waren Philosophen wie Henry
Sidgwick – er gilt als der dritte wichtige Vertreter des klassischen Utilitarismus -, Richard M. Hare,
John C. Harsanyi oder Rainer Trapp nebst vielen anderen beteiligt. Henry Sidgwick fragt – noch
mehr als Mill – nach den Konsequenzen der utilitaristischen Ethikvorstellungen für die
Alltagsmoral; obschon jene im Grossen und Ganzen mit dem Common Sense koinzidieren,
überfordert das utilitaristische Prinzip seiner Meinung nach den gesunden Menschenverstand. 788
Eine Lösung sieht Sidgwick in der Aufhebung des Gegensatzes von Intuitionismus und Utilitarismus
und legt damit den Grundstein für die bis heute übliche Unterscheidung zwischen
Regelutilitarismus und Handlungsutilitarismus. Bei Ersterem wird ein deontologisches Element in die
Theorie aufgenommen, mit der Konsequenz, dass die einzelnen Handlungen nicht mehr mit
Blick auf das Primärprinzip (Glücksmaximierung) zu beurteilen sind, sondern nach konkreten,
lehr- und lernbaren Handlungsregeln vollzogen werden, wobei Letztere auf das Primärprinzip
bezogen bleiben. Nach Dieter Birnbacher hat die Unterscheidung zwischen Primär- und
Sekundärprinzipen ihre gründlichste Ausarbeitung in Richard M. Hares „Zwei-Ebenen-Theorie“
781
782
783
784
785
786
787
788
Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 66
D. Birnbacher: „Utilitarismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 95
J. S. Mill: Utilitarianism. Der Utilitarismus, Übers. und Hrsg. von D. Birnbacher, Stuttgart 2006, S. 23
Vgl. J. Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1789), a.a.O., S. 12
A.a.O., S. 12
Vgl. J. S. Mill: Utilitarianism. Der Utilitarismus, a.a.O., S. 27
D. Birnbacher: „Utilitarismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 95
Vgl. H. Sidgwick: The Methods of Ethics, 7. Ausgabe, Indianapolis 1981, S. 87; S. 499
109
erfahren. 789 Hare unterscheidet zwischen der kritischen und der intuitiven Ebene des moralischen
Denkens, wobei er diese zwei Ebenen nicht als rivalisierend, sondern als komplementär
auffasst. 790 Aber in welchem Verhältnis stehen diese beiden Ebenen zueinander, wann sollen wir
kritisch wie Erzengel und wann intuitiv wie Proleten denken? „Es hängt davon ab, wie sehr ein jeder
von uns, sei es in einer konkreten Situation oder generell, dem einen oder anderen dieser zwei
Charakter ähnlich ist.“ 791 Weil die Möglichkeit für intuitives Denken voraussetzt, dass die intuitiv
zu befolgenden Normen zuerst kritisch erarbeitet und dann auf dem Wege der Erziehung den
Menschen „eingepflanzt“ werden müssen, zudem nur das kritische Denken sich auf sich selbst
stützen kann, gebührt diesem epistemologisch der Vorzug. 792 Etwas vereinfacht lässt sich sagen,
dass Hare zwischen einer Normen-Entwicklungsebene und einer Normen-Anwendungsebene
unterscheidet, wobei Erstere die Fähigkeiten des Philosophen verlangt, der seinerseits von der
Theorie des Utilitarismus im Grunde genommen nicht weiter als durch das gegebene
Primärprinzip unterstützt wird. Es besteht kein Zweifel, dass Hare mit dieser theoretischen
Weiterentwicklung die Bedürfnisse des Alltags sehr viel besser aufnimmt, um den Preis allerdings,
dass mit dem deontologischen Theorieelement, das weder die Konsequenzen noch den Nutzen einer
Handlung unmittelbar berücksichtigt, wichtige utilitaristische Prinzipien – nach Höffe sind es
insgesamt deren vier793 – so sehr aufweicht, dass diese Variante des Utilitarismus gar als ethischer
Zwitter bezeichnet werden kann 794.
In Bezug auf das Prinzip des grösstmöglichen Glücks besteht die Möglichkeit, das
subjektive Wohlergehen nicht im Sinne einer Lust-/Leid-Bilanz zu bestimmen, sondern nach dem
Mass der individuellen Präferenzerfüllung. Das bedeutet: „In je höherem Ausmass die
Präferenzen einer Person erfüllt sind, desto größer ihr Wohlergehen.“ 795 Allerdings sind die
Probleme des sogenannten Präferenzutilitarismus mannigfaltig. Nach Nida-Rümelin ist es
beispielsweise offensichtlich, dass „zahlreiche Präferenzen von Personen nicht auf eine
Verbesserung ihres eigenen Wohlergehens gerichtet sind.“ 796 Diesen Einwand erachtet John C.
Harsanyi, der im Präferenzutilitarismus die einzige utilitaristische Ethik sieht, die mit der
menschlichen Selbstbestimmung nicht im Widerspruch steht, als problematisch. 797 Nach ihm
hängt diese Position mit der (falschen) Vorstellung zusammen, dass Menschen Präferenzen
nachgingen, die gar nicht im Einklang mit ihren tiefen (wahren) Präferenzen stünden. Harsanyi
schlägt eine Unterscheidung zwischen den manifest preferences und true preferences vor, wobei Erstere
durch falsche empirische Annahmen, unsorgfältige Überlegungen oder durch eine hinsichtlich
der Rationalität ungünstige emotionale Verfassung durchaus eingeschränkt sein können. 798 Für
die Nutzenbeurteilung einer Handlung dürfen die erkennbaren Präferenzen des Individuums
gleichwohl nicht leichtfertig missachtet werden, sondern vielmehr gilt es, aufgrund dieser – als
final criterion – herauszufinden, „what his real interests are and what is really good for him.“ 799 Die
Frage allerdings, wie zwischen den sichtbaren und den wahren bzw. guten Präferenzen
unterschieden werden kann, ohne auf einen naturalistischen Standpunkt im Sinne der
Lustvermehrung bzw. Leidverminderung zurückzufallen, kann indessen in einer weitgehend
anonymen Gesellschaft wohl nicht ohne Weiteres beantwortet werden.
789
790
791
792
793
794
795
796
797
798
799
110
Vgl. D. Birnbacher: „Utilitarismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 99
Vgl. R. M. Hare: Moralisches Denken: seine Ebenen, seine Methode, sein Witz, Übers. von Ch. Fehige und G. Meggle,
Frankfurt a. M. 1992, S. 91
A.a.O., S. 92
Vgl. a.a.O., S. 92f
Vgl. O. Höffe: „Utilitarismus“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 312f
Vgl. D. Birnbacher: „Utilitarismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 100
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 10
A.a.O., S. 10
Vgl. J. C. Harsanyi: „Morality and the theory of rational behaviour“, in: Utilitarianism and beyond, Hrsg. von
A. Sen und B. Williams, New York 1982, S. 55
Vgl. a.a.O., S. 55
A.a.O., S. 56
Andere Bestrebungen, das utilitaristische Paradigma weiterzuentwickeln, gehen dahin, die
einfache Aggregation subjektiver Wohlbefinden aufzugeben, und zwar mit der Idee,
Gerechtigkeitskriterien einzubeziehen. 800 Damit soll die schwerwiegende Problematik, dass nach
dem klassischen Utilitarismus die Grundrechte von Minderheiten beinahe beliebig zugunsten der
Mehrheit angetastet werden dürfen, beseitigt werden. So berücksichtigt Rainer Trapp in seinem
Gerechtigkeitsutilitarismus nicht nur die subjektiven Interessen bzw. Präferenzen, sondern zusätzlich
die Angemessenheit des Verdienstes sowie die Gerechtigkeit der Verteilung. 801 Während beim
Verdienstparameter geprüft wird, ob der durch die Präferenzerfüllung resultierende Nutzengewinn
im Nutzenvergleich mit anderen auch wirklich verdient ist 802, wird mit dem Verteilungsparameter
das Ausgangsnutzenniveau beachtet, mit dem Ziel, bestehende Ungleichheiten nicht
festzuschreiben, sondern auszugleichen 803. Die Kritik an Trapps nicht-klassischem Utilitarismus ist
erwartungsgemäss nicht ausgeblieben. Nach Bernward Gesang kann diese Theorie die
Erwartungen nach einem allgemeinen Entscheidungsprinzip nur sehr begrenzt erfüllen, so dass
die Mehrzahl der Konflikte ungelöst bleibt. 804 Nach Julian Nida-Rümelin stellt sich grundsätzlich
die Frage, ob die Trappsche Theorie überhaupt noch als utilitaristische Variante bezeichnet
werden kann, denn immerhin bricht diese Theorie mit dem zentralsten Element des
Utilitarismus, nämlich mit „der teleologischen Bestimmung des Verhältnisses des Guten und des
Rechten.“ 805 Dessen ungeachtet kritisiert Nida-Rümelin Trapps nach wie vor
konsequentialistische Konzeption, welche zwar sympathische Züge aufweise und nicht
verteilungsblind sei, aber dennoch eine interpersonell invariante Wertfunktion maximiere und
deshalb den Konflikt mit der conditio humana nicht abwehren könne. 806
Angesichts der teilweise doch sehr unterschiedlichen Utilitarismus-Varianten scheint eine
allgemeine Utilitarismus-Würdigung kaum angemessen. Nach Otfried Höffe lässt sich immerhin
sagen, dass die Stärke des Utilitarismus darin liegt, dass er rationale Elemente, das heisst das
Prinzip der Nützlichkeit, mit empirisch überprüfbaren Folgen von Handlungen verbindet und
abgeleitete sittliche Pflichten weitgehend mit den moralischen Überzeugungen übereinstimmen. 807
Eines der grössten Probleme, und zwar nach Wolfgang R. Köhler für jede Form von
Utilitarismus, zeigt sich im Verhältnis zwischen Nützlichkeit und der sowohl austeilenden wie
auch ausgleichenden Gerechtigkeit. 808 Für Ernst Tugendhat ist der Utilitarismus denn auch die
Ideologie des Kapitalismus, „denn er erlaubt es, das Wachstum der Ökonomie als solches ohne
Rücksicht auf Verteilungsfragen moralisch zu rechtfertigen.“ 809 Dieses schwerwiegende Desiderat
besteht deshalb, weil „der Konsequentialismus den Wert von Handlungen immer als
konsequentiell ansieht (oder, allgemeiner gesagt, als abgeleitet) und nicht als intrinsisch.“ 810 Mit
anderen Worten: Handlungen nach der Theorie des Utilitarismus haben an sich keinen
moralischen Wert, sondern immer nur in Bezug auf ein zu maximierendes Gut. Bentham mag
darin, dass alle Menschen nach Lust und Glück streben, zwar richtig liegen, deswegen besteht
allerdings weder die Notwendigkeit, dieses Faktum als oberste Zielsetzung festzulegen, noch ist
einzusehen, weshalb das Glück maximierende Handlungen notwendigerweise das beste
800
801
802
803
804
805
806
807
808
809
810
Vgl. J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in:
Angewandte Ethik, a.a.O., S. 12f
Vgl. R. W. Trapp: »Nicht-klassischer Utilitarismus«. Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 1988, S. 311
Vgl. a.a.O., S. 304f
Vgl. a.a.O., S. 355
Vgl. B. Gesang: „Gerechtigkeitsutilitarismus“, in: Gerechtigkeitsutilitarismus, Hrsg. von B. Gesang, Paderborn,
München, Wien und Zürich 1998, S. 27
J. Nida-Rümelin: „Gerechtigkeitsutilitarismus und Konsequentialismuskritik“, in: Gerechtigkeitsutilitarismus,
a.a.O., S. 79f
Vgl. a.a.O., S. 80
Vgl. O. Höffe: „Utilitarismus“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 313
Vgl. B. Williams: Kritik des Utilitarismus. A Critique Of Utilitarianism, Hrsg. und Übers. von W. R. Köhler,
Frankfurt a. M. 1979, S. 27
E. Tugendhat: Vorlesungen über Ethik, Frankfurt a. M. 1993, S. 327
B. Williams: Kritik des Utilitarismus, a.a.O., S. 46
111
Handlungsmotiv abgeben und das Glück einer grossen Zahl die Nachteile weniger Menschen zu
kompensieren vermag.
9.2 Das Paradigma der kantischen Deontologie
Für die Entwicklung einer universalen normativen Ethik, deren Zweck nicht von der Natur,
sondern von den Menschen gesetzt ist, zeigt sich nebst der empirischen Variante des
Utilitarismus die Möglichkeit, auf die Freiheit der Menschen und folglich auf freie Handlungen
abzustellen. Nach Immanuel Kant ist ethisches Verhalten grundsätzlich an die Fähigkeit zur
Freiheit geknüpft, die er denn auch jedem vernünftigen Wesen konzediert 811. Der nachdenkende
Menschenverstand muss kraft seiner Vernunft einsehen, dass wir die Dinge – dazu gehören auch
wir selbst – nicht an sich erkennen können, sondern nur so, wie sie uns erscheinen. 812 Aber gerade
diese Erkenntnis zeigt uns zwei verschiedene Beobachtungs-Standpunkte: Während wir in der
Perspektive der Sinnenwelt an die Naturgesetze gebunden sind, wird durch den Standpunkt der
intelligiblen Welt die Kausalitätskette der Sinnenwelt unterbrochen bzw. werden wir von der
empirischen Heteronomie befreit. Mit einem Beispiel erklärt: Aus der Perspektive der Sinnenwelt
werden wir uns satt essen, sobald wir Hunger verspüren, hingegen aus dem Standpunkt der
intelligiblen Welt können wir uns fragen, ob satt essen angesichts der vielen Menschen, die sehr
viel mehr Hunger haben als wir, die richtige Handlung ist. Diese Unabhängigkeit von den
Naturgesetzen kann der Mensch nun niemals anders denken als unter der Idee der Freiheit, die
zugleich mit dem Begriff der Autonomie untrennbar verbunden ist und „mit diesem aber das
allgemeine Prinzip der Sittlichkeit, welches in der Idee allen Handlungen v e r n ü n f t i g e r Wesen
ebenso zum Grunde liegt, als Naturgesetz allen Erscheinungen.“ 813 Mit anderen Worten: Als
vernünftige, nicht durch Neigungen und Triebe geführte Wesen erkennen wir, dass nicht nur die
Naturgesetze der Sinnenwelt – denen wir ausgeliefert sind -, sondern ebenso die Idee der Freiheit
durch die Gesetze der Vernunft konstituiert sind und deshalb der Idee der Freiheit selbst ein
Gesetz inhärent sein muss, dem wir unterworfen sind. Würden wir allein der intelligiblen Welt
angehören, dann bestünde hinsichtlich der Befolgung dieses allgemeinen Prinzips der Sittlichkeit
– das ist der Kategorische Imperativ – auch gar kein Anlass zur Sorge. Das ist der Grund, weshalb
Kant sagen kann: „Das moralische Sollen ist also eigenes notwendiges Wollen als Gliedes einer
intelligiblen Welt, und er wird nur so fern von ihm als Sollen gedacht, als er sich zugleich wie ein
Glied der Sinnenwelt betrachtet.“ 814
Aber wie kommt es, dass Kant, der einige Naturgesetze, aber auch die Freiheit des
Menschen teleologisch auffasst, als „der vielleicht bedeutendste Vertreter deontologischer Ethik“ 815
gesehen wird? In der Tat zeigt sich bei Kant eine sonderbare Verschränkung zwischen Teleologie
und Deontologie. Der Mensch als der letzte Zweck der Natur und somit Zweck an sich selbst ist ein
„teleologisches Wesen“, das, als Noumenon betrachtet, seine Zwecke unabhängig von der
Kausalität der Sinnenwelt festzulegen vermag. 816 Und gerade dadurch vermag der freie Mensch
den ihm von der Natur übertragenen Endzweck, nämlich die Hervorbringung von Kultur als
höchstes Gut 817, zu erkennen. Allerdings nicht eine Kultur der Geschicklichkeit und zunehmenden
Ungleichheit, sondern eine Verfassung, die allen Menschen gleiche Möglichkeiten für individuelle
Handlungen und Zwecksetzungen gewährleistet. 818 Das bedeutet: Die anzustrebende Kultur als
höchstes Gut wird nicht durch von diesem höchsten Gut unabhängigen moralisch richtigen
811
812
813
814
815
816
817
818
112
Vgl. I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 105f [S. 448/449]
Vgl. a.a.O., S. 109f [S. 450/451]
A.a.O., S. 112 [S. 452/453]
A.a.O., S. 115 [S. 454/455]
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 21
Vgl. I. Kant: Kritik der Urteilskraft, Hrsg. von H. F. Klemme, Hamburg 2001, B 398
Vgl. a.a.O., B 398
Vgl. a.a.O., B 392-393
Handlungen herbeigeführt, sondern besteht gerade aus moralischen Handlungen. Kants
Vernunftteleologie 819 betrifft somit direkt die Handlungen; diese sind – wenn sie frei sind, das heisst,
wenn sie dem allgemeinen Sittengesetz: „handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde“ 820 folgen – an sich gut. In der von Immanuel Kant
herausragend elaborierten Konzeption sollen individuelle Handlungsziele demnach nur dann
angestrebt werden, wenn die dazu geeigneten Handlungen subjektiven Grundsätzen folgen, die
den Test auf Universalisierung in einem Prüfverfahren bestehen konnten.
Auch im Alltag haben Universalisierungstests eine gewisse Bedeutung, so kann der wohl
bekannteste unter ihnen, die Goldene Regel: „Tue niemanden etwas an, von dem du nicht willst,
daß es dir geschehe. Das ist die Summe des Gesetzes.“ 821, bis zu der Zeit von Herodot – in
fertiger Formulierung – zurückverfolgt werden822. Wenn die Summe der Gesetze in so knapper
Form gefasst wird, dann verschärft sich jedoch das Problem einer adäquaten Formulierung. Nach
Nida-Rümelin sind denn auch sowohl die Goldene Regel wie auch der Kategorische Imperativ
„als umfassende handlungsethische Kriterien unzureichend.“ 823 Dadurch, dass die strikte
Anwendung von Kants Kategorischem Imperativ in bestimmten Situationen zu katastrophalen
und für das moralische Verständnis nicht mehr nachvollziehbaren Folgen führen kann, erweist
sich dieses allgemeine Gesetz als zu eng. Für Nida-Rümelin steht deshalb fest: „Kriterien, die qua
Universalisierbarkeit bestimmte Kooperationsnormen sicherstellen, müssen im Falle
katastrophaler Konsequenzen Abweichungen erlauben.“ 824 Der Kategorische Imperativ ist nach
Nida-Rümelin aber nicht nur zu eng, sondern auch zu weit; so scheitert eine Ethik der
Rücksichtslosigkeit nicht notwendigerweise am allgemeinen Gesetz, denn als Stärkerer kann ich – so
Nida-Rümelin – die Maxime: „Wenn ich die Macht dazu habe, setze ich meinen Willen durch“ 825
als allgemeines Gesetz durchaus wollen. Dem ist allerdings beizufügen, dass nach kantischer
Auffassung nicht von einem allgemeinen Gesetz gesprochen werden kann, wenn für bestimmte
Menschen Nachteile, die letztlich jeden Menschen irgendwann treffen könnten, offensichtlich
sind. Trotz der zweifellos vorhandenen Mängel in Kants Ethik muss auf deren unbestreitbare
Stärken hingewiesen werden. Eine solche besteht unter anderem darin, die praktische Vernunft
nicht bloss als Instrument der individuellen (sinnlichen) Präferenzen zu sehen, sondern als
mächtige Instanz, die durch ihre Überlegenheit gegenüber den sinnlichen Neigungen und Triebe
überhaupt erst die Möglichkeit zur menschlichen Freiheit schafft. Ein weiterer herauszuhebender
Vorteil kann aber auch darin gesehen werden, dass Kants Ethik nicht ein zu maximierendes Ziel
in den Blick nimmt, sondern vielmehr das harmonische Bestehen verschiedener subjektiver
Handlungsmaximen und Lebensentwürfe. Gerade Letzteres wird durch die auf kantischen
Wurzeln aufbauenden Diskursethiken von Karl-Otto Apel und Jürgen Habermas nochmals
deutlich gestärkt; der Universalisierungstest wird hier nicht mithilfe des einsamen Rollentauschs
vollzogen, sondern durch den freien Diskurs innerhalb der Kommunikationsgemeinschaft.
9.3 Das Paradigma des Kontraktualismus
Der Gesellschaftsvertrag ist die wichtigste Legitimation einer zwangsbefugten
Gesellschaftsordnung und in diesem Sinne die Grundfigur politischer Gerechtigkeit. 826 Theorien, die
sich mit der Ausarbeitung von Gesellschaftsverträgen befassen, heissen Vertragstheorien, als
819
820
821
822
823
824
825
826
Vgl. Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 65
I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 68 [S. 421]
A. Dihle: Die Goldene Regel. Eine Einführung in die Geschichte der antiken und frühchristlichen Vulgärethik,
Göttingen 1962, S. 8
Vgl. a.a.O., S. 96
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 22
A.a.O., S. 22
A.a.O., S. 22
Vgl. O. Höffe: „Gesellschaftsvertrag“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., 102
113
Sammelbegriff oft Kontraktualismus genannt. 827 Die systematische Entwicklung solcher
Konzeptionen kann, wie der Utilitarismus und Kants deontologische Ethik, als Antwort auf die
mit dem Beginn der Neuzeit aufkommende Überzeugung, dass sich gesellschaftliche
Rechtfertigungsbedürfnisse nicht mehr mit einem Rekurs auf den Willen Gottes oder eine
objektive natürliche Weltordnung befriedigen lassen, gesehen werden. 828 Das heisst: Wie beim
Utilitarismus bzw. der kantischen Ethik rückt auch beim Kontraktualismus der Mensch in den
Mittelpunkt. Mit Wolfgang Kerstings Worten: „Protagonist dieses neuzeittypischen
rechtfertigungstheoretischen Subjektivismus ist das autonome, aus allen vorgegebenen Natur-,
Kosmos- und Schöpfungsordnungen herausgefallene, allein auf sich gestellte Individuum.“ 829 Das
bedeutet im Weiteren: gesellschaftliche und politische Einrichtungen lassen sich nur noch dann
rechtfertigen, wenn sie in ihren Funktionen mit den Interessen und Glücksvorstellungen der
durch den Wegfall der normativen Wertordnung gleichwertig gewordenen Individuen
übereinstimmen. Dabei setzt der Kontraktualismus als Prämisse voraus, dass es ein allen
Menschen gemeinsames Interesse, bestimmte Regeln zu befolgen, überhaupt gibt. 830 Aber wie
kann denn die Übereinstimmung einer allgemeinen Interessenlage erreicht werden?
Vertragstheorien gehen davon aus, dass das Individuum sich in seiner Freiheit nur auf solche
Gesetze einschränken lässt, „auf die es sich mit allen anderen im Rahmen fairer Verfahren und
Diskurse und auf der Grundlage gleichberechtigter Teilnahme – gleichsam vertraglich – geeinigt
hätte.“ 831 Der Konjunktiv signalisiert: Vertragstheorien sind nicht tatsächliche, sondern
hypothetische Verträge, also moral-, sozial- und staatsphilosophische Gedankenexperimente, die
relativ zu einer Ausgangssituation – das ist der sogenannte Naturzustand – die Zweckdienlichkeit
des Vertrages für die Menschen feststellen. Otfried Höffe weist denn auch darauf hin, dass der
Gesellschaftsvertrag, der die Grundform eines Rechtsgeschäftes mit wechselseitigen Pflichten
und Rechten aufweist, sich als Metapher sowohl für die Legitimation wie auch für die normativkritische Beurteilung einer öffentlichen Rechtsmacht und der mit ihr verknüpften
Gehorsamsverpflichtung eignet. 832 Als eine weitere wichtige Funktion dieser auf einem
generalisierten reziproken Egoismus basierenden Gedankenexperimente kann die Identifizierung von
allgemein anerkennungsfähigen, die Freiheit beschränkenden Normen gesehen werden. 833
Obschon im Denken der Sophisten und auch beim Epikureismus Motive für
Gesellschaftsverträge ausgemacht werden können, wurde erst in der Neuzeit, mit Thomas
Hobbes, der Gesellschaftsvertrag in den Rang eines theoretischen Legitimationskonzeptes
erhoben. 834 Die von Hobbes stringent entwickelten Konzepte und Argumentationsformen sind
nicht nur der Massstab für das gesamte neuzeitliche politikphilosophische Denken, sondern
haben selbst in der zeitgenössischen Philosophie des Liberalismus an Aktualität wieder
gewonnen. Neben Hobbes gelten John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant und John
Rawls als herausragende Vertragstheoretiker, deren Konzepte in der Folge denn auch in der
gebotenen Kürze vorgestellt werden. Um die Rechte des Staates und die Pflichten der Bürger
bestimmen zu können, muss nach Hobbes der Staat „zwar nicht aufgelöst, aber doch gleichsam
als aufgelöst betrachtet werden; d. h. es muß richtig erkannt werden, wie die menschliche Natur
geartet ist, wieweit sie zur Bildung des Staates geeignet ist oder nicht, und wie die Menschen sich
zusammentun müssen, wenn sie eine Einheit werden wollen.“ 835 Und was findet Hobbes in
seinem analytisch geführten Gedankenexperiment über die Natur des Menschen? Wenig
827
828
829
830
831
832
833
834
835
114
Vgl. a.a.O., S. 102
Vgl. W. Kersting: „Kontraktualismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 163
A.a.O., S. 163
Vgl. J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in:
Angewandte Ethik, a.a.O., S. 25
W. Kersting: „Kontraktualismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 164
Vgl. O. Höffe: „Gesellschaftsvertrag“, in: Lexikon der Ethik, a.a.O., S. 102f
Vgl. W. Kersting: „Kontraktualismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 168
Vgl. a.a.O., S. 168
T. Hobbes: Vom Menschen - Vom Bürger. (Elemente der Philosophie II/III), Hrsg. von Günter Gawlick,
Hamburg 1959, S. 67f
Erfreuliches: die Natur hat die Menschen so wenig zum zoon politikon gemacht, „daß alle
Menschen ihr ganzes Leben hindurch beständig und unausgesetzt eine Macht nach der anderen
sich verschaffen bemüht sind; nicht darum, weil sie nach einer immer größeren Macht als der,
welche sie schon besitzen, streben oder sich mit einer mäßigen nicht begnügen können, sondern
weil sie ihre gegenwärtige Macht und die Mittel, glücklich zu leben, zu verlieren fürchten, wenn
sie sie nicht vermehren.“ 836 Der Wunsch nach Reichtum, Ehre, Herrschaft und Macht führt nun
aber im Naturzustand, wo alle das Recht auf alles haben, Gewalt und List die wichtigsten
„Tugenden“ sind 837 und sowohl die körperlichen wie auch die geistigen Kräfte untereinander so
gleichmässig verteilt sind, dass selbst der Schwächste mit List den Stärksten töten kann 838, zum
Krieg aller gegen alle. Es gibt aber auch Hoffnung; denn es gehört ebenfalls zur Natur des
Menschen, dass er einen Weg findet, der ihn vom Naturzustand, wo das Recht auf alles – das
Recht auf andere Menschen ist darin eingeschlossen – identisch mit dem Recht auf nichts ist,
hinausführt. Da ist einerseits die Leidenschaft, das heisst die Frucht vor dem gewaltsamen Tod,
aber vor allem die natürliche Vernunft, die uns einige zum Frieden führende Grundsätze bzw.
natürliche Gesetze liefert. 839 Nun sind die natürlichen Gesetze – es sind insgesamt deren
neunzehn840 – jedoch bloss Vernunftgesetze und vermögen Frieden und Freiheit unter den
Menschen nicht hinreichend sicherzustellen. Es braucht mehr, nämlich eine höchste Gewalt:
„Ein eigentliches Gesetz hängt allein von dem ab, der im Besitz der höchsten Gewalt ist; er gebe
es mündlich oder schriftlich, wenn nur die, welche ihm gehorchen sollen, wissen, daß er es
gegeben hat.“ 841 Die Selbsterhaltung zu sichern, ein bequemeres Leben zu führen und aus dem
elenden Zustand des Krieges aller gegen alle herauszutreten sind also die vernünftigen Gründe,
weshalb die Menschen bereit sind, sich zu unterwerfen, und zwar in einer kaum zu überbietenden
Radikalität: „Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen, diesem Menschen oder dieser
Gesellschaft unter der Bedingung, daß du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr
abtrittst.“ 842 Mit einem Mehrheitsbeschluss entsteht das institutionelle Arrangement des grossen
Leviathan, der nicht etwa für eine bestimmte Zeit im Auftrag der Menschen handelt, sondern
fortan die bürgerliche Gesellschaft verkörpert. Mit anderen Worten: Was auch immer der oder die
Herrscher befehlen, es ist der rechtmässige unwiderrufliche Befehl eines jeden einzelnen Menschen, und zwar
ganz unabhängig, ob der Einzelne seine Stimme zur Errichtung dieser düsteren und
ungeheuerlichen Gewalt abgegeben hat.
Eine bedeutende Alternative zu Thomas Hobbes liefert John Locke. Nach dem
englischen Philosophen ist die Annahme, dass Menschen dem Hobbeschen Vertrag jemals
zustimmen würden, gleichbedeutend mit „die Menschen für so töricht halten, daß sie zwar zu
verhüten suchen, was ihnen Marder oder Füchse antun können, aber glücklich sind, ja es für
Sicherheit halten, von Löwen verschlungen zu werden.“ 843 Locke bestimmt keinen
anthropologischen, sondern einen anthropologieneutralen Naturzustand mit unveräusserlichen
apriorischen Rechten. 844 Das heisst: Im Naturzustand sind alle Menschen zwar frei und gleich, aber
dennoch gilt nicht das Recht von allen auf alles, sondern vielmehr besteht ein natürliches Gesetz,
„daß niemand einem anderen, da alle gleich und unabhängig sind, an seinem Leben, seiner
Gesundheit, seiner Freiheit oder seinem Besitz Schaden zufügen soll.“ 845 Konflikte im
Naturzustand sind demnach Rechtskonflikte, „in denen sich die Verwirklichungsschwierigkeiten
836
837
838
839
840
841
842
843
844
845
T. Hobbes: Leviathan. Erster und zweiter Teil, Übers. von J. P. Mayer, Stuttgart 1970, S. 90f
Vgl. a.a.O., S. 117
Vgl. a.a.O., S. 112f
Vgl. a.a.O., S. 118
Vgl. a.a.O., S. 140
A.a.O., S. 142
A.a.O., S. 155
J. Locke: Über die Regierung. The Second Treatise of Government, Hrsg. von P. C. Mayer-Tasch, Übers. von D. Tidow,
Stuttgart 2003, S. 71
Vgl. W. Kersting: Die Politische Philosophie des Gesellschaftsvertrags, a.a.O., S. 110
J. Locke: Über die Regierung, a.a.O., S. 6
115
der unveräußerlichen Grundrechte in einem institutionell ungefestigten Zustand spiegeln.“ 846
Lockes theoretische Konzeption sieht den Staat, im Gegensatz zu Hobbes Rechtspositivismus,
im Wesentlichen als die organisierte Grundrechtspflege bzw. als das zweckmässige
Zusammenspiel der Institutionen Legislative, Jurisdiktion und Exekutive. Mit anderen Worten: Die
Menschen geben ihre Rechte nicht etwa ab, sondern bestimmen vielmehr geeignete Institutionen,
damit ihre unveräusserlichen natürlichen Rechte wie Freiheit oder Eigentum im Sinne eines
Treuhandgeschäfts gesichert sind. In Lockes Gesellschaftsvertrag, der die Herrschaft zwar
legitimiert, aber zugleich begrenzt, zeigen sich unverkennbar die Grundzüge des bürgerlichen
Liberalismus. Dass die Gedanken von John Locke keineswegs an Aktualität eingebüsst haben,
zeigt das von Robert Nozick herausgegebene Werk Anarchy State Utopia, in dem er eine
radikalisierte Variante des Lockeschen Kontraktualismus vorstellt. Nach Nozick ist der
Minimalstaat – er unterscheidet diesen vom Ultraminimalstaat 847 – der „weitestgehende Staat, der
sich rechtfertigen läßt.“ 848 Dieser, die Rechte der Menschen nicht verletzende Minimalstaat ist
nach Ansicht von Nozick auf wenige Funktionen wie Schutz gegen Gewalt, Diebstahl, Betrug
und Durchsetzung von Verträgen beschränkt. 849
Eine schärfere Kritik an Hobbes Theorie erlaubt sich Jean-Jacques Rousseau. Nach ihm
hätte Hobbes erkennen müssen, dass der Naturzustand „derjenige Zustand ist, in dem die Sorge
um unsere Erhaltung der Erhaltung anderer am wenigsten abträglich ist, jener Zustand folglich
für den Frieden am geeignetsten und für das Menschengeschlecht am angemessensten war.“ 850
Aber – so Rousseau: „Er sagt genau das Gegenteil, weil er in die Sorge um die Erhaltung beim
wilden Menschen unangebrachterweise das Bedürfnis hineingenommen hat, eine Vielzahl von
Leidenschaften zu befriedigen, die das Werk der Gesellschaft sind und die die Gesetze notwendig
gemacht haben.“ 851 Hobbes hat nach Rousseau aber noch ein anderes menschliches Prinzip nicht
gesehen, das die allein auf den eigenen Vorteil bedachte Eigenliebe (amour propre) zu mildern
vermag, nämlich den angeborenen Widerwillen, Menschen leiden zu sehen: „Ich spreche vom
Mitleid – einer Disposition, die für so schwache und so vielen Übeln ausgesetzte Wesen, wie wir
es sind, angemessen ist; eine dem Menschen um so universellere und um so nützlichere Tugend,
als sie bei ihm dem Gebrauch jeder Reflexion vorausgeht, und eine so natürliche, daß selbst die
Tiere manchmal wahrnehmbare Zeichen davon geben.“ 852 Aber mit welchem Vertrag kann die
Selbstbestimmung der Menschen vor der Depravierung durch die Gesellschaft geschützt werden?
Rousseaus contract social ist zwar deutlich verschieden von Hobbes Leviathan, aber dennoch
zeigen sich Parallelen. Wie bei Hobbes verkörpert auch bei Rousseau jeder einzelne Bürger den
Staat, allerdings nicht in der Gestalt eines zwar sterbenden, aber dennoch allmächtigen Gottes,
sondern in der Form eines radikaldemokratischen Gemeinwillens. Die volonté générale als allumfassende
zwingende Kraft ist mit der Aufgabe versehen, „jedes Teil auf die für das Ganze vorteilhafte Art zu
bewegen und auszurichten.“ 853 Das bedeutet: Es kommt nicht auf das an, was der einzelne
Mensch als Vorteil betrachtet, sondern ausschliesslich auf den immer richtigen Gemeinwillen.
Der einzelne Bürger stimmt sämtlichen Gesetzen zu, „selbst jenen, die man gegen seinen Willen
verabschiedet, und sogar solchen, die ihn bestrafen, wenn er es wagt, eines davon zu
verletzen.“ 854 Dadurch, dass die Menschen immerhin als Kollektiv über die eigene Zukunft selbst
entscheiden können, vermeidet Rousseau eine absolutistische Herrschaft, weil aber der
846
847
848
849
850
851
852
853
854
116
W. Kersting: „Kontraktualismus“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 170
Vgl. R. Nozick: Anarchie Staat Utopia, Übers. von H. Vetter, München 2006, S. 159
A.a.O., S. 201
Vgl. a.a.O., S. 13
J.-J. Rousseau: Diskurs über die Ungleichheit. Discours sur l’inégalité, 5. Auflage, Paderborn, München, Wien und
Zürich 2001, S. 137f
A.a.O., S. 139
A.a.O., S. 143
J.-J. Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts, Übers. und Hrsg. von H. Brockard und
Stuttgart 2003, S. 32
A.a.O., S. 116
Gesellschaftsvertrag als Entäusserungsvertrag konzipiert ist 855, kann kein normativ-kritisches
Potential über die Selbsterhaltung der Vertragsschliessenden hinaus – Letzteres ist der Zweck des
Vertrages 856 – entwickelt werden, auf das sich die Menschen zwecks Wahrung individueller
unveräusserlicher Rechte berufen könnten. In diesem Aspekt unterbietet Jean-Jacques Rousseau
die theoretische Konzeption von John Locke.
Ein Bruch mit der Tradition des Kontraktualismus zeigt sich bei Immanuel Kant. Die
Notwendigkeit des Staates ergibt sich nicht aus pragmatischen Nützlichkeitsüberlegungen,
sondern aus einer vernunftrechtlichen Notwendigkeit. Nicht die Erfahrung der Bösartigkeit der
Menschen fordert also die Errichtung eines gesetzlichen Zustandes, sondern es liegt a priori in
der Vernunftidee, dass Menschen – selbst wenn diese als gutartig vorgestellt werden – im nichtrechtlichen Zustand nie vor Gewalttätigkeit voreinander sicher sein können. 857 Der kantische
Vertrag ist demnach nicht die Geschichtsurkunde des Staates, sondern ein Vertrag sui generis,
nämlich die Urkunde der Vernunft, und zwar im Sinne einer Richtschnur für das Ideal der
geschichtlichen Gesetzgebung, Regierung und öffentlichen Gerechtigkeit. Aber welchen Kerninhalt hat
dieser Vernunft-Kontrakt? Es ist die Wahrung der Freiheit als des einzigen angeborenen bzw.
ursprünglichen Rechts. 858 Und dies gelingt dadurch, dass die wilde, gesetzeslose Freiheit
zugunsten einer gesetzlichen und damit rechtmässigen Freiheit aufgegeben wird. Eine jede
Handlung ist dann recht, „die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit
jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann.“ 859 Damit zeigt
sich der Vernunftvertrag als das staatsrechtliche Universalisierungsprinzip, mit dem die Bürger
für die Prüfung des Gerechtigkeitsgrades der über sie ausgeübten Herrschaft ein allgemeingültiges
Kriterium in die Hand bekommen. Und für den (empirischen) Gesetzgeber ist der staatsrechtlich
gefasste „Kategorische Imperativ“ so etwas wie ein Probierstein: „Der Probierstein alles dessen,
was über ein Volk als Gesetz beschlossen werden kann, liegt in der Frage: ob ein Volk sich selbst
wohl ein solches Gesetz auferlegen könnte?“ 860 Es wird von der Gesetzgebung also verlangt,
mithilfe eines Gedankenexperiments die Demokratie zu simulieren, damit sie nur solche Gesetze
erlässt, denen das Volk von sich aus zustimmen könnte. Kant hat allerdings noch in anderer
Weise den Kontraktualismus fundamental beeinflusst. Dank seiner philosophischen
Gründlichkeit und Genialität hat er gesehen, dass der Naturzustand keine staatlichen Grenzen
kennt und eine Vertragstheorie von daher nicht auf ein bestimmtes Territorium begrenzt sein
kann, sondern kosmopolitisch die gesamte Welt umfassen muss. Die Friedenssicherung qua
Vertrag kann demnach nicht bloss die Bürger eines einzelnen Staates im Blick haben, sondern
muss ebenso das Verhältnis unter den verschiedenen Staaten klären. Dabei zeigt sich die
republikanische Staatsverfassung als „die einzige, welche aus der Idee des ursprünglichen Vertrages
hervorgeht, auf der alle rechtlichen Gesetzgebung eines Volkes gegründet sein muß“ 861. Und als
nicht-despotische Regierungsform, die zwischen Legislative und Exekutive zu unterscheiden
vermag, hat sie auch beste Aussichten auf den ewigen Frieden.
John Rawls will mit seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairness die Gesellschaftstheorien von
Locke, Rousseau und Kant verallgemeinern, das heisst auf eine höhere Abstraktionsebene
bringen 862 und zugleich eine Alternative zum utilitaristischen Denken entwickeln863. Die auf
kantischen Wurzeln entworfene Theorie basiert auf einer konstruktivistischen Auffassung. 864 Das
855
856
857
858
859
860
861
862
863
864
Vgl. S. 25, 33
Vgl. S. 37
Vgl. I. Kant: Die Metaphysik der Sitten, Hrsg. von H. Ebeling, Stuttgart 1990, S. 168, [311-312]
Vgl. a.a.O., S. 76, [237-238]
A.a.O., S. 67, [230-231]
I. Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, in: Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, Hrsg.
von E. Bahr, Stuttgart 1996, S. 14
I. Kant: Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf, Hrsg. von R. Malter, Stuttgart 2003, S. 11
Vgl. J. Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, a.a.O., S. 27
Vgl. a.a.O., S. 40
Vgl. J. Rawls: Die Idee des politischen Liberalismus. Aufsätze 1978 - 1989, Hrsg. von W. Hinsch,
Frankfurt a. M. 1994, S. 147
117
bedeutet: die Frage, welche Tatsachen in einer Gesellschaft mit der Gerechtigkeit
übereinstimmen, hängt nicht von wahrheitstheoretischen Annahmen ab, sondern allein von den
konstruierten obersten Gerechtigkeitsgrundsätzen. 865 Um diese Konstruktion zu leisten, fragt
Rawls nach den Gerechtigkeitsgrundsätzen, „die freie und vernünftige Menschen in ihrem
eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der
Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden.“ 866 Aber wie gelingt die Erkenntnis einer
anfänglichen Situation der Gleichheit? Im Gedankenexperiment entwirft Rawls als
hypothetischen und nicht-historischen Naturzustand einen Schleier des Nichtwissens, mit dem
sowohl die Kenntnisse um die soziale Stellung (beispielsweise Einkommen und Vermögen) als
auch um die natürlichen Gaben wie Intelligenz oder körperliche Kraft unterbunden sind, mit der
Absicht, „daß dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen
Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird.“ 867 Weil nun alle in der gleichen Lage sind und
niemand Grundsätze ausdenken kann, die ihn in der eigenen Situation bevorzugen würden, „sind
die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung.“ 868
Dabei nimmt Rawls als anthropologische Voraussetzung an, dass die Menschen auch wirklich
einen Gerechtigkeitssinn haben und ihre individuellen Ziele im Sinne einer Zweck-MittelRelation vernünftig verfolgen. Und welchen Gerechtigkeitsgrundsätzen würden die Menschen
hinter dem Schleier des Nichtwissens nun zustimmen? Der erste Grundsatz lautet: „Jedermann
hat gleiches Recht auf das umfangreiche Gesamtsystem gleicher Grundfreiheiten, das für alle
möglich ist.“ 869 Nach dem zweiten Grundsatz müssen soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten
den am wenigsten Begünstigten den grösstmöglichen Vorteil bringen, und sie müssen mit
Ämtern und Positionen verbunden sein, die aufgrund fairer Chancengleichheit allen offen
stehen. 870
Rawls entwickelte die in einer lexikalischen Ordnung stehenden Gerechtigkeitsgrundsätze
für einen bestimmten Bereich, nämlich für politische, gesellschaftliche und ökonomische
Institutionen. „Genauer: Gerechtigkeit als Fairneß wurde konzipiert im Hinblick auf die, wie ich es
nannte, Grundstruktur eines modernen demokratischen Verfassungsstaates.“ 871 Unter
Grundstruktur versteht Rawls „die Art und Weise, in der die wichtigsten gesellschaftlichen
Institutionen sich zu einem System zusammenfügen, und in der durch sie grundlegende Rechte
und Pflichten zugewiesen und die Erträge sozialer Kooperation verteilt werden. So gehören die
politische Verfassung, die gesetzlich anerkannten Formen des Eigentums, die
Wirtschaftsordnung und die Struktur der Familie zur Grundstruktur.“ 872 Mit den als Idealform
gedachten Gerechtigkeitsgrundsätzen im Hintergrund soll demnach die Grundstruktur so
gestaltet werden, dass soziale und ökonomische Ungleichheiten ausgeglichen bzw. reguliert
werden – das kann auch die Beschränkung der Akkumulation von Eigentum bedeuten -, ohne
jedoch Zufälligkeiten aus dem sozialen Leben ausschliessen zu wollen. 873 Darüber hinaus fasst
Rawls seine Gerechtigkeitstheorie – deren Annahme zu einer wohlgeordneten Gesellschaft führt –
als liberal auf, und zwar in dem Sinne, dass sie gegenüber widerstreitenden und hinsichtlich des
Guten unvereinbaren Auffassungen tolerant ist. 874 Das Gebot der Toleranz ist aber auch ein
Erfordernis im Hinblick auf die theoretische Konsistenz; denn eine Gerechtigkeitstheorie, die
einen Pluralismus von Theorien und Weltanschauungen ja gerade ermöglicht, darf sich nicht als
umfassende Lehre verstehen, sondern muss vielmehr versuchen, mit dem Gedanken eines
übergreifenden Konsenses als zweite Stufe – die Gerechtigkeitsgrundsätze sind die erste Stufe –
865
866
867
868
869
870
871
872
873
874
118
Vgl. a.a.O., S. 148
J. Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, a.a.O., S. 28
A.a.O., S. 29
A.a.O., S. 29
A.a.O., S. 336
Vgl. a.a.O., S. 336
J. Rawls: Die Idee des politischen Liberalismus, a.a.O., S. 257
A.a.O., S. 45
Vgl. a.a.O., S. 72f
Vgl. a.a.O., S. 283-287
Einheit und Stabilität in einer pluralistischen Gesellschaft herbeizuführen. Den Gedanken,
mithilfe der Gerechtigkeitsgrundsätze widerstreitenden Lehren Grenzen zu setzen und die von
der Theorie selbst in Anspruch genommenen Ideen des Guten an die Grenzen der eigenen
Konzeption zu binden (Vorrang des Rechten vor dem Guten) 875 sowie mit dem übergreifenden
Konsens eine gesellschaftliche Einheit zu sichern, nennt Rawls politischen Liberalismus 876. Das
Vorhaben des politischen Liberalismus ist dann auf gutem Weg, wenn erstens die Bürger als freie
und moralische Personen den vernünftigen Gerechtigkeitsgrundsätzen zustimmen und zweitens
die unvernünftigen umfassenden Lehren nicht genug Verbreitung finden, um die Gerechtigkeit
als Fairness gefährden zu können. 877 John Rawls′ Theorie der Gerechtigkeit berücksichtigt – im
Gegensatz zu Rousseau – die bürgerlichen Freiheiten ebenso wie die politischen und leistet mit
ihrem soliden, aber dennoch änderbaren Fundament eine herausragende Legitimation des
Sozialstaats, und zwar unter den Bedingungen einer pluralistischen Gesellschaft.
Der Kontraktualismus ist sehr wohl in der Lage, gedankenexperimentelle Verfahren für
die rechtfertigungstheoretische Prüfung, ob eine Verfassung oder Normenordnung gerecht ist
bzw. „ob sich Menschen unter bestimmten Anfangsbedingungen auf dieses Prinzip, diese
Verfassung, diese Normenordnung einigen würden“ 878, bereitzustellen. In Bezug auf die
Generierung von Normen und Verpflichtungen zeigen sich beim kontraktualistischen Paradigma
hingegen oft schwerwiegende Probleme. Für das von rationalen Interessen der Individuen
ausgehende ethische Paradigma macht es keinen Sinn, die eigenen Handlungsspielräume
zugunsten von Menschen einzuschränken, mit denen man gar nicht kooperieren möchte –
insbesondere gilt dies für Theorien, die keinen Schleier des Nichtwissens vorsehen. Zudem verleitet
der unterstellte Rationalitätsbegriff – falls ihm kein Gerechtigkeitssinn zur Seite gestellt wird – zur
Ausnützung vertraglicher Regeln, indem man von solchen zwar profitiert, sie selber aber nicht
einhält. Mit anderen Worten: Der Kontraktualismus eignet sich zwar als Legitimation von
gesetzlichen sanktionsfähigen Institutionen, weniger aber als eigenständige normative Ethik.
Ernst Tugendhat bezeichnet den Kontraktualismus denn auch in diesem Sinne als „QuasiMoral“. 879 Es ist zwar eine zu Recht bestehende Minimalposition, die jedoch nicht sehr weit
reicht und – darüber hinaus – auch kein Konzept des Guten hat. „Man kann geradezu sagen, daß
sie die »Moral« desjenigen ist, der keinen moralischen Sinn hat.“ 880
9.4 Das individualrechtliche Paradigma des Libertarismus
Nach Julian Nida-Rümelin gibt es einen breiten moralischen Konsens hinsichtlich eines
Kernbestandes individueller Rechte, der keineswegs auf die westlichen Industriestaaten
beschränkt ist. 881 In Anbetracht dessen, dass in der Frage nach geeigneten moralischen Prinzipien
weiterhin ein kaum überbrückbarer Dissens besteht, kann es denn auch kaum erstaunen, dass ein
Teil der zeitgenössischen normativen Ethiken die Zuschreibung dieses Kernbestandes, der in der
UN-Menschenrechtskonvention und mittlerweile in vielen nationalstaatlichen Verfassungen
niedergeschrieben ist, selbst zur fundamentalen Kategorie erhebt und eine darüber
hinausgehende Ableitung für überflüssig, ja irreführend hält. 882 Diese individualrechtlichen
Theorien haben gegenüber den anderen Paradigmen den Vorzug, dass sie mit der intuitiven
lebensweltlichen Moral in einer engen Beziehung stehen und sich deshalb eine gewisse
gesellschaftliche Akzeptanz erhoffen können. Dadurch, dass persönliche, soziale, wirtschaftliche,
875
876
877
878
879
880
881
882
Vgl. a.a.O., S. 364ff
Vgl. a.a.O., S. 356
Vgl. a.a.O., S. 355
W. Kersting: Die Politische Philosophie des Gesellschaftsvertrags, a.a.O., S. 352
Vgl. E. Tugendhat: Vorlesungen über Ethik, a.a.O., S. 76
A.a.O., S. 77
Vgl. J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in:
Angewandte Ethik, a.a.O., S. 29
Vgl. a.a.O., S. 29
119
kulturelle und juristische Menschenrechte nicht auf ein einziges fundamentales Recht oder auf eine
andere normative Kategorie reduziert werden, kann im Weiteren eine höhere normative
Komplexität bearbeitet werden. Mit Blick auf die Schwächen dieses Paradigmas fällt dagegen auf,
dass dieses weniger für die Herausarbeitung einer eigenständigen normativen Ethik, als für die
Legitimationsbasis der positiven Rechtsetzung geeignet ist. In dieser Hinsicht besteht denn auch
eine gewisse Ähnlichkeit mit dem kontraktualistischen Paradigma. Ernst Tugendhat weist auf
eine weitere Schwäche des libertären Paradigmas hin; er moniert, dass die Menschenrechte primär
als Abwehrrechte bzw. als negative Rechte gegenüber den Eingriffen des Staates und nur sehr
zögerlich als allgemeine Schutzrechte bzw. positive Rechte verstanden werden. 883 Dass es Rechte gibt,
denen der Staat allein dadurch nachkommt, dass er sich nicht einmischt, ist nach Tugendhat
jedoch eine Fiktion; denn selbst in diesem Minimalstaat müsste der Staat zum Schutz der
gegenseitigen menschlichen Bedrohung etwas tun, nämlich im Mindesten entsprechende
Gerichte vorsehen. 884 Und wenn dies erst einmal zugestanden ist, dann ist – so Tugendhat weiter
– auch nicht einzusehen, „wieso der Staat nicht darüber hinaus auf Grund der Anerkennung
derselben Rechte, erneut aushilfsweise, dazu verpflichtet sein soll, denjenigen, die er nicht
schützen konnte, auch positiv zu helfen.“ 885 In diesem Sinne sollte die Pflicht zum Schutz der
körperlichen Unversehrtheit nicht nur in Bezug auf die Verletzung durch andere Bürger
verstanden werden, sondern ebenso andere Gefahren wie beispielsweise Ereignisse durch
Naturkatastrophen berücksichtigen. 886 Dass es der positiven Rechte, mit der Idee von Hilfe zur
Selbsthilfe, auch wirklich bedarf, zeigt sich nach Tugendhat in aller Deutlichkeit am Beispiel des
Kleinkindes, für das positive Rechte von primärer Bedeutung sind. 887 Aber weshalb ist der Blick
in erster Linie auf die negativen Rechte gerichtet? Nach Tugendhat hängt dies mit der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung zusammen: „Man kann hier vielleicht sagen, daß die
marktorientierte, kapitalistische Ökonomie es nahelegt, von der für die Ideologie des
Kapitalismus maßgebenden Fiktion auszugehen, daß die Gesellschaft nur aus erwachsenen und
arbeitsfähigen Männern besteht, die im Normalfall alle für sich selbst sorgen können, und
Hilfsbedürftigkeit ein Randphänomen ist; wer mittellos ist, ist normalerweise selbst schuld.“ 888
Der Grund für den Vorzug der negativen Rechte hat aber auch damit zu tun, dass in der
Menschen- und Grundrechtsdebatte ein rechtlicher bzw. ein negativer Freiheitsbegriff verwendet
wird, nach dem eine Person in dem Masse frei ist, „in dem ihr Handlungsalternativen nicht
versperrt sind.“ 889 Nach Tugendhat geht dieser Freiheitsbegriff fälschlicherweise von der
Annahme aus, dass die Menschen im Naturzustand frei wären und es deshalb die zentrale
Aufgabe des Staates sei, die Freiheit als Grundrecht zu schützen, und zwar indem die Menschen
voneinander ferngehalten werden. 890
Tugendhat liegt wohl richtig, wenn er sagt: „Die Gewinnung von minimalen positiven
Freiheitsspielräumen, in denen alle Menschen befähigt werden, sich selbst um ihr Wohl zu
kümmern, soweit sie dazu in der Lage sind, erscheint aus moralischer Perspektive als ein ebenso
grundlegendes Recht wie das auf körperliche Unversehrtheit und gewisse negative
Freiheitsrechte.“ 891 Die Frage indessen, in welchem Umfang Hilfe zur Selbsthilfe geleistet werden
soll, ist alles andere als trivial. Denn zum einen ist die durch die Individuen verlangte Hilfe
keineswegs von allgemeiner Natur, und zum anderen kann die Aussicht auf Hilfe durch den Staat
die Einschätzung der eigenen Möglichkeiten zur Selbsthilfe und dadurch die eigenen
Anstrengungen durchaus beeinflussen.
883
884
885
886
887
888
889
890
891
120
Vgl. E. Tugendhat: Vorlesungen über Ethik, a.a.O., S. 351f
Vgl. a.a.O., S. 352f
A.a.O., S. 353
Vgl. a.a.O., S. 353
Vgl. a.a.O., S. 355
A.a.O., S. 356
R. Alexy: Theorie der Grundrechte, Frankfurt a. M. 1994, S. 198
Vgl. E. Tugendhat: Vorlesungen über Ethik, a.a.O., S. 357f
A.a.O., S. 360
9.5 Das tugendethische Paradigma
Die Ethik als philosophische Disziplin hat in der Tugendethik ihren Anfang genommen. So
sondert Sokrates in Platons Politeia, in Analogie zu den drei verschiedenen Ständen im Staat, drei
disparate, bei den Menschen in unterschiedlicher Ausprägung vorhandene Seelenteile aus. 892
Mithilfe einer adäquaten Erziehung können aus den Naturgaben des Vernünftigen, Begehrenden und
des Eifrigen 893 die Grundtugenden der Weisheit, Besonnenheit und Tapferkeit894 gewonnen und der
vollkommene Staat erhalten werden. Und erst im vollkommenen Staat bzw. im harmonischen
Gleichgewicht des Staates zeigt sich die vierte Grundtugend, die Gerechtigkeit, und zwar im Sinne
von: Jedem das Seine. 895 Auch bei Aristoteles liegen die Wurzeln der Tugenden in der Seele; durch
die Trennung zwischen einem vernünftigen und unvernünftigen Seelenteil gelingt die Dichotomie
zwischen Verstandestugenden (Weisheit, Auffassungsgabe und Einsicht) sowie ethischen Tugenden
(Grosszügigkeit und Besonnenheit). 896 Während Erstere durch Belehrung, das heisst durch die
Erfahrung in der Zeit entstehen und wachsen, bedürfen die ethischen Tugenden der Gewöhnung
in der Polis. 897 Obschon die verschiedenen antiken Tugendethiken unterschiedliche Akzente
setzen, stimmen doch alle darin überein, „dass es zunächst eine bestimmte Weise menschlichen
Handelns, menschlicher Aktivität und menschlicher Praxis ist, die als telos des Menschen zu gelten
hat.“ 898 Aber da sich das im Menschen auf ein Ziel hin angelegte Naturhafte nicht ohne Weiteres
ausbildet, die Menschen über Freiheitsräume verfügen und deshalb die in einem kosmologischen
Verständnis verankerte Entelecheia 899 sowohl erreichen wie auch verfehlen können, ist es die
Aufgabe der Tugendethik, den Vervollkommnungsprozess sicherzustellen. Aus der Sicht der
Ethik gilt deshalb die Forderung: „Der Mensch soll so handeln und leben, wie es seiner
Wesensnatur entspricht, und seine artspezifischen Anlagen auf bestmögliche Weise
vervollkommnen.“ 900 Damit hängen das gute Leben und die menschliche onto-teleologische
Vervollkommnung untrennbar zusammenhängen, und es zeigt sich, dass die Tugenden mehr als
nur ein mögliches Mittel zum Zweck sind: „Die Tugenden sind nicht Hilfsmittel richtiger
Entscheidung, wie es für die neuzeitlichen Handlungstypen typisch ist, vielmehr wird die Frage
nach der angemessenen Handlung unter Rekurs auf die leitenden Tugenden bzw. Dispositionen,
Einstellungen, Charaktermerkmale bestimmt.“ 901 Mit anderen Worten: Das Gute liegt in den
Tugenden und die Handlungen sind dann moralisch richtig, wenn sie durch tugendhaftes
Verhalten hervorgebracht werden. Indem das ethische Sollen ontologisch begründet ist, zeigt sich
nicht nur ein harmonisches, sondern sogar ein notwendiges Schliessen von der deskriptiven auf
die normative Ethik bzw. vom Sein auf das Sollen.
Nach Michael Quante kann im ethischen Diskurs seit den letzten zwanzig Jahren eine
Renaissance der Tugendethik beobachtet werden. 902 Ein Grund hierfür mag darin liegen, dass
tugendethische Konzeptionen nicht von einer einzigartigen Biographie der Individuen ausgehen
und das gute Leben nicht in der individuellen Selbstverwirklichung sehen, sondern vielmehr in
der sozialen Dimension, welches zunehmend an Bedeutung zu verlieren scheint. Ein weiterer
Grund für die Wiederbelebung tugendethischer Konzeptionen kann aber auch darin liegen, dass
die Gewöhnung des Charakters nicht nur das Motivationsproblem weitgehend beseitigt, sondern
892
893
894
895
896
897
898
899
900
901
902
Vgl. Platon: ΠΟΛΙΤΕΙΑ - Der Staat, a.a.O., 435a
Vgl. a.a.O., 441a
Vgl. a.a.O., 442b-d
Vgl. a.a.O., 432a-434c
Vgl. Aristoteles: Die Nikomachische Ethik, Hrsg. von R. Nickel, Übers. von O. Gigon, Düsseldorf und
Zürich 2001, Erstes Buch 1103a
Vgl. a.a.O., Zweites Buch 1103b
Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 63
Entelecheia ist ein von Aristoteles geschaffenes Kunstwort, das den Verwirklichungsprozess des im Menschen
selbst angelegten Ziels (Telos) bezeichnet. (Vgl. M.-T. Liske: „entelecheia“, in: Wörterbuch der antiken Philosophie,
Hrsg. von Ch. Horn und Ch. Rapp, München 2002, S. 135)
Ch. Hübenthal: „Teleologische Ansätze. Einleitung“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 63
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 31
Vgl. M. Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik, a.a.O., S. 138
121
ebenso ein wirksames Mittel ist gegen die mit der moralischen Beurteilung einzelner Handlungen
verbundene menschliche Überforderung. Eine solche kann dazu führen, dass die Moral an
Einfluss verliert und die Sprache der Moral zunehmend verwahrlost. Letzteres ist die These des
prominenten Tugendethikers Alasdair MacIntyre, wobei MacIntyre den Grund der moralischen
Sprach-Verwahrlosung darin sieht, dass viele unserer Begriffe und Verhaltensweisen
emotivistisch fundiert sind, und wir wie selbstverständlich die Wahrheit des Emotivismus
voraussetzen. 903 Was meint MacIntyre damit? Weil nach der nonkognitivistischen Theorie des
Emotivismus moralische Urteile nichts weiter als der Ausdruck individueller emotionaler
Einstellungen bedeuten und Sollensforderungen von daher bloss als zweckgerichtete
Beeinflussungen aufzufassen sind, wird jede echte Unterscheidung zwischen manipulativen und
nicht-manipulativen sozialen Beziehungen verwischt 904. Mit anderen Worten: Kants Diktum,
Menschen nie nur als Mittel zum Zweck zu gebrauchen, sondern immer zugleich als Zweck an sich,
hat im Emotivismus mangels eines objektiven Bezugpunktes gar keine Anwendung. Dass es aber
überhaupt so weit kommen konnte, hängt nach MacIntyre eindeutig mit dem seiner Meinung
nach gescheiterten Vorhaben der Aufklärung zusammen, die den Menschen von Hierarchie und
Teleologie befreit und ihn zugleich mit moralischer Autorität ausgestattet hat. 905 Aber nicht nur
das: Mit dem Projekt der Aufklärung geht zugleich eine fatale Geschichtsvergessenheit und
Ignoranz der Tatsache einher, dass die Sprache und das Erscheinungsbild der Moral im Übergang
zur funktional differenzierten Gesellschaft in erheblichem Umfange aufgebrochen und teilweise
zerstört wurde. Für MacIntyre kommen die gravierenden Folgen unserer
Geschichtsvergessenheit, in deren Folge der Begriff über die menschliche Natur zusehends an
normativem Inhalt verloren hat, nirgends deutlicher und bedrohlicher zum Ausdruck, als in der
Frage der Gerechtigkeit. 906 Angesichts des Umstandes, dass im Mainstream der
moralphilosophischen Debatte nichts weiter als getreu die Meinungsverschiedenheiten des
aktuellen Zeitgeschehens abgebildet werden, muss zur Kenntnis genommen werden, „daß unsere
Gesellschaft nicht darauf hoffen kann, moralische Übereinstimmung zu erreichen.“ 907 Längst
stehen nicht mehr die Interessen der Gemeinschaft im Zentrum der Überlegungen, sondern jene
der egoistischen Individuen.
Nun sieht MacIntyre im Werk Nikomachische Ethik von Aristoteles „die brillanteste
Sammlung von Vortragsnotizen, die je geschrieben wurde“ 908. In Anlehnung an den grossen
Griechen, aber auch an Thomas von Aquin, versucht MacIntyre die Moralphilosophie aus ihrer
misslichen Lage zu befreien und stellt die rhetorische Frage: „ist es rational zu rechtfertigen, jedes
menschliche Leben als Einheit zu begreifen, so daß wir versuchen können, jedes Leben als im
Besitze seines Gutes zu spezifizieren, und wir die Funktion der Tugenden dahingehend verstehen
können, daß sie den einzelnen in die Lage versetzen, aus seinem Leben eher eine Art von Einheit
als eine andere zu machen?“ 909 Tugenden haben demnach nicht wie bei Philippa Foot bloss die
Aufgabe, als Korrektive bestimmten Versuchungen entgegenwirken und spezifische
Motivationsdefizite auszugleichen 910, sondern müssen als die Tätigkeiten gesehen werden, die das
dem Leben inhärente Gute zum Ausdruck bringen und eudaimonía bewirken können 911. Dies
bedeutet: MacIntyre versteht die Tugenden von Aristoteles nicht in der oft interpretierten
Zweck-Mittel-Denkkategorie, wo die Mittel mehr oder weniger beliebig ausgetauscht werden
können, sondern als untrennbar verbunden mit dem für den Menschen Gute: „Wir können das
903
904
905
906
907
908
909
910
911
122
Vgl. A. MacIntyre: Der Verlust der Tugend. Zur moralischen Krise der Gegenwart, Übers. von W. Rhiel,
Frankfurt a. M. 2006, S. 40
Vgl. a.a.O., S. 41
Vgl. a.a.O., S. 89
Vgl. a.a.O., S. 325
A.a.O., S. 336
A.a.O., S. 199
A.a.O., S. 271
Vgl. P. Foot: Die Wirklichkeit des Guten. Moralphilosophische Aufsätze, Hrsg. von U. Wolf und A. Leist, Übers. von
A. Leist et al., Frankfurt a. M. 1997, S. 116f
Vgl. A. MacIntyre: Der Verlust der Tugend, a.a.O., S. 200f
für den Menschen Gute also ohne Bezug auf die Tugenden nicht adäquat charakterisieren. Und
in einem aristotelischen Rahmen ergibt daher der Hinweis keinen Sinn, daß es vielleicht Mittel
gibt, das für den Menschen Gute auch ohne die Ausübung der Tugenden zu erreichen.“ 912 Aber
was ist das gute Leben im heutigen modernen Zeitalter? „Das gute Leben für den Menschen ist
das Leben, das in der Suche nach dem guten Leben für den Menschen verbracht wird, und die
für die Suche notwendigen Tugenden sind jene, die uns in die Lage versetzen, worin darüber
hinaus und worin sonst noch das gute Leben für den Menschen besteht.“ 913 Mit anderen Worten:
Das gute Leben besteht in der Suche nach sich selbst und gerade die dafür geeigneten Tugenden
sind es, welche die für das moralische Verhalten notwendigen charakterlichen Eigenschaften
hervorbringen.
Ernst Tugendhat moniert zu Recht, dass es MacIntyre in seiner neu gefassten
Tugendethik versäumt hat, aufzuzeigen, wie die bestehenden und von ihm kritisierten
Differenzen in der Moderne durch seine ethische Konzeption aufgelöst werden können. 914 Im
Weiteren zeigt sich auch bei MacIntyre die mit den Tugendethiken grundsätzlich verbundene
Schwierigkeit, den Menschen als allgemeines Wesen zu fassen und die Idee eines guten Lebens
metaphysisch zu begründen. 915 Die Tugendethik mag möglicherweise für überschaubare und
stabile Gesellschaftsverhältnisse eine adäquate Lösung sein, für multikulturelle, komplexe,
vielfältige und sich dauernd verändernde Lebensformen scheint sie indessen keine genug hohe
Komplexität verarbeiten zu können.
10 Das Orientierungswissen als ethisches Grundgerüst
Ethische Überlegungen sind untrennbar verbunden mit moralischen Überzeugungen und
fragwürdigem menschlichem Verhalten hinsichtlich eben dieser moralischen Überzeugungen,
und zwar mit Blick auf ein gutes menschliches Leben sowie ein friedliches menschliches Zusammenleben.
Wenn ethische Überlegungen zu einer normativ-ethischen Theorie systematisiert werden sollten,
dann bedingt dies die Beantwortung verschiedener Grundfragen. Erst dann nämlich wird es
gelingen, eine ethische Theorie zu entwickeln, die den anerkannten Massstäben seitens der Ethik
als Disziplin der praktischen Philosophie zu genügen vermag und die hinsichtlich sowohl ihres
Gehaltes wie auch ihrer Qualität beurteilt und mit anderen ethischen Konzepten verglichen
werden kann. Vom erarbeiteten Orientierungswissen im Sinne eines ethischen Grundgerüsts
können folgende vier ethische Grundfragen abgeleitet werden:
1.
2.
3.
4.
Warum sollen wir überhaupt ethisch handeln?
Welche ethischen Regeln sollen Geltung haben?
Weshalb sollen gerade diese ethischen Regeln Geltung haben?
Sind die anthropologischen Bedingungen für die Anwendung der festgelegten ethischen Regeln
überhaupt gegeben?
Die Überlegungen zur Motivation haben zur ersten ethischen Grundfrage geführt. Dabei kann
wohl ohne Übertreibung gesagt werden, dass von der Antwort auf diese Frage der
Akzeptanzerfolg einer normativ-ethischen Theorie weitgehend abhängt. Im Weiteren haben die
verschiedenen ethischen Paradigmata die grosse Vielfalt möglicher ethischen Regeln und Prinzipien
aufgezeigt, wodurch sich die zweite ethische Grundfrage geradezu aufgedrängt hat. Die dritte
ethische Grundfrage konnte im Zusammenhang mit der Begründungsproblematik entwickelt werden;
denn diese hat in aller Klarheit gezeigt, dass die Frage: Warum sollen wir überhaupt ethisch handeln?
keineswegs identisch ist mit der Begründung ethischer Regeln, die als verschiedene Alternativen
912
913
914
915
A.a.O., S. 201
A.a.O., S. 293
Vgl. E. Tugendhat: Vorlesungen über Ethik, a.a.O., S. 212
Vgl. M. Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik, a.a.O., S. 140
123
zueinander in Konkurrenz stehen. Von nicht geringerem Wert ist schliesslich die vierte ethische
Grundfrage, die als das Ergebnis der Auseinandersetzung mit der philosophischen Anthropologie
aufgefasst werden kann.
Während das gewonnene Orientierungswissen bei der Gestaltung der normativ-ethischen
Theorie punktuell einfliessen wird, sind die vier ethischen Grundfragen von methodischer Bedeutung.
Das heisst: Die Ausgestaltung des problemorientierten philosophisch-wirtschaftsethischen
Ansatzes orientiert sich an diesen vier Grundfragen, und zwar mit der Idee, dadurch im Rahmen
des wirtschaftsethischen Diskurses die ethische Konzeption kritisch beurteilen und mit anderen
Theorien vergleichen zu können.
Abb. Nr. 2:
124
Schema eines ethischen Grundgerüsts für die Entwicklung einer normativ-ethischen Theorie
Teil 3:
Angewandte Ethik – eine philosophische
Management-Ethik als problemorientierter
Ansatz
Im dritten Teil ist die Aufgabe gestellt, aufgrund des in den beiden ersten Teilen dieser Arbeit
erworbenen Wissens einen problemorientierten philosophisch-wirtschaftsethischen Ansatz zu entwickeln,
und zwar als angewandte Ethik. Dieses Vorhaben wird im Rahmen von vier verschiedenen
Kapiteln angegangen: Zunächst geht es darum, den Ausdruck „angewandte Ethik“ zu erläutern,
danach wird im zweiten Kapitel der Bereich für angewandte Ethik festgelegt, während im dritten
Kapitel die philosophische Grundlage expliziert und im vierten, dem wichtigsten Kapitel dieses dritten
Teils, der problemorientierte philosophisch-wirtschaftsethische Ansatz ausgearbeitet wird.
11 Über das begriffliche Verständnis von angewandter Ethik
Der Begriff „angewandte Ethik“ wird nicht einheitlich verwendet. Nach Urs Thurnherr lässt sich
der philosophische Terminus nur in Anlehnung an den Begriff „allgemeine Ethik“ und an den
Gesamtkontext der Ethik-Disziplin definieren. 916 Angewandte Ethik ist dann – nebst den
verschiedenen Normenkatalogen für verschiedene Bereiche – „die systematische Anwendung
normativ-ethischer Prinzipien auf Handlungsräume, Berufsfelder und Sachgebiete“ 917 und
unterscheidet sich von der allgemeinen Ethik, die nach Thurnherr treffender als ethische
Grundlagenwissenschaft bezeichnet würde 918, in erster Linie durch den empirischen Bezug. Hierzu ist
allerdings zu bemerken, dass die Anwendungsdimension nicht von der allgemeinen, das heisst
nicht auf einzelne Handlungsbereiche eingeschränkten Ethik gesondert werden kann, sondern
vielmehr das eigentliche Ziel einer jeden ethischen Reflexion ist „und nicht ein Appendix oder
ein verzichtbarer Zusatzschritt, der gleichsam nachträglich auch noch stattfindet, nachdem sich in
der theoretischen Reflexion bereits alles Wichtige ereignet hat.“ 919 Nach Marcus Düwell ist
angewandte Ethik als wissenschaftliches Tätigkeitsfeld denn auch „nicht allein als eine technische
Anwendung von ethischen Theorien auf beliebige Handlungsbereiche zu verstehen. Vielmehr
handelt es sich um ein komplexes Beziehungsgefüge zwischen theoretischen Reflexionen auf
Grundbegriffe und -prinzipien der Moral auf der einen und praktischen Orientierungsfragen auf der
anderen Seite.“ 920 Dabei ist es für Düwell kaum strittig, die Erkenntnisse der empirischen
Einzelwissenschaften ebenso einzubeziehen, wie die Abschätzung der Technikfolgen. 921 Der
Grund, weshalb sich die ethische Diskussion seit den 1960er Jahren zunehmend auf spezifische
Bereiche wie Medizin, Biologie, Ökologie, Wirtschaft usf. ausdehnt, könnte nach Julian NidaRümelin darin liegen, dass sich die empirischen und normativen Phänomene als zu komplex
erweisen, „als daß sie durch ein einziges Prinzip und eine einzige systematische Begrifflichkeit
erfaßbar sind.“ 922 Nida-Rümelin betont denn auch, dass die Anerkennung der Komplexität nicht
mit Theoriefeindlichkeit verwechselt werden sollte, vielmehr hängt dies damit zusammen, „daß
die ethische Theorie, um adäquat zu sein, unterschiedliche Anwendungsbereiche normativen
Urteils zu unterscheiden und für diese Anwendungsbereiche je spezifische Begrifflichkeiten und
916
917
918
919
920
921
922
Vgl. U. Thurnherr: „Angewandte Ethik“, in: Philosophische Disziplinen. Ein Handbuch, Hrsg. von A. Pieper,
Leipzig 1998, S. 92
A.a.O., S. 96
Vgl. a.a.O., S. 96
M. Düwell: „Angewandte oder Bereichsspezifische Ethik“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 243
A.a.O., S. 243
Vgl. a.a.O., S. 243
J. Nida-Rümelin: „Theoretische und angewandte Ethik: Paradigmen, Begründungen, Bereiche“, in: Angewandte
Ethik, a.a.O., S. 62
125
Kriterien zu entwickeln hat.“ 923 In Anlehnung an das Begriffsverständnis von Düwell und NidaRümelin wird angewandte Ethik wie folgt präzisiert: Ausgelöst durch den Rückgriff auf das in einer
Gesellschaft übereinstimmende moralische Verständnis nimmt es die angewandte Ethik zu ihrer Aufgabe, mithilfe
der Grundlagenarbeit seitens der Ethik als Disziplin der praktischen Philosophie sowie der verschiedenen
empirischen Einzelwissenschaften eigenständige ethische Theorien für spezifische Bereiche menschlicher Praxis zu
entwerfen. Obschon Düwell und Nida-Rümelin hinsichtlich des inhaltlichen Verständnisses von
angewandter Ethik weitgehend übereinstimmen, präferieren sie dennoch unterschiedliche
Begriffe. Während Letzterer an der Stelle von angewandter Ethik eher von Bereichsethiken
sprechen möchte 924, vertritt Düwell die Ansicht, dass gerade der Ausdruck „angewandte Ethik“
die beiden Dimensionen der Anwendung sowie der Reflexion auf die Grundbegriffe der Moral
deutlich zum Ausdruck bringe und deshalb „als Sammelbezeichnung für die verschiedenen
›Bereichsspezifischen Ethiken‹ der geeignete Terminus“ 925 sei. Für diese Arbeit wird Düwells
Ansicht übernommen, und zwar deshalb, weil dadurch, nebst seinem plausiblen Argument,
zwischen der wissenschaftlichen Tätigkeit und deren bereichsspezifischen Ergebnissen eine Trennung
möglich ist.
12 Management als Bereich für angewandte Ethik
Bei der Frage, welcher Bereich ethischen Reflexionen unterzogen werden soll, gilt es nach
Marcus Düwell zu beachten, dass die Ethik es mit der Beurteilung von menschlichem Handeln zu
tun hat und eine Entscheidung diesbezüglich dann sinnvoll ist, wenn sie „von prägnanten
Handlungsbereichen des Menschen ausgeht.“ 926 Als ein solcher prägnanter Handlungsbereich wird nun
Management aufgefasst. Aber was heisst Management? Dazu der im deutschsprachigen Raum
bekannte Managementtheoretiker Fredmund Malik: „Management ist das wichtigste Organ einer
funktionierenden Gesellschaft. Management ist die Schlüsselfunktion in jeder Gesellschaft, jedem
Gemeinwesen, jeder Organisation. Kein soziales System kann ohne Management entstehen und
bestehen.“ 927 Diesem weiten Begriffsverständnis entsprechend sieht Malik die Anwendungsfelder;
er spricht von Management der eigenen Person, des Chefs, der Aussenwelt-Elemente (Kunden,
Lieferanten, Geldgeber usf.), Management von Kollegen und Mitarbeitern. 928 Der Begründer der St.
Galler Systemorientierten Managementlehre und des St. Galler Management-Modells, Hans Ulrich, versteht
Management als jene Funktion, „die darauf gerichtet ist, einer gesellschaftlichen Institution die
Eigenschaften zu verleihen, die ihre Lebensfähigkeit ausmachen.“ 929 Als personenbezogene Aufgabe
des Managements hält Ulrich fest, „dass Lenken, Gestalten und Entwickeln die Teilfunktionen des
Managements darstellen, die sich in erster Linie durch eine unterschiedliche zeitliche und
inhaltliche Reichweite der damit beabsichtigten Wirkungen unterscheiden.“ 930 Maliks und Ulrichs
Begriffserläuterungen implizieren das, worauf in Gablers Wirtschaftslexikon, aber auch in Bruno
Staffelbachs Management-Ethik, explizit hingewiesen wird, nämlich: „Management kann
institutionell wie funktionell verstanden werden.“ 931 In der institutionellen Betrachtungsweise sind
alle Personen zusammengefasst, die mit Führungsaufgaben betraut sind 932 bzw. in einem
Unternehmen leitende Aufgaben erfüllen, „und zwar vom president (Generaldirektor) bis zum
923
924
925
926
927
928
929
930
931
932
126
A.a.O., S. 62
Vgl. a.a.O., S. 63
M. Düwell: „Angewandte oder Bereichsspezifische Ethik“, in: Handbuch Ethik, a.a.O., S. 244
A.a.O., S. 247
F. Malik: Management. Das A und O des Handwerks, Bd. 1, Frankfurt a. M. 2005, S. 43
Vgl. a.a.O., S. 80
H. Ulrich: Systemorientiertes Management. Das Werk von Hans Ulrich. Studienausgabe, Hrsg. von der Stiftung zur
Förderung der systemorientieren Managementlehre, St. Gallen, Schweiz, Bern, Stuttgart und Wien 2001, S. 65
A.a.O., S. 74
B. Staffelbach: Management-Ethik. Ansätze und Konzepte aus betriebswirtschaftlicher Sicht, Bern, Stuttgart und
Wien 1994, S. 110
Vgl. a.a.O., S. 110
foreman (Meister)“ 933, während mit der funktionalen Perspektive „alle Aufgaben, die die Leitung
eines Unternehmens in allen ihren Bereichen mit sich bringt“ 934 bezeichnet werden. Gar eine
dritte Verwendung sieht Daniel Dietzfelbinger vor, nämlich Management als Konzeption: „Hier geht
es um die theoretische wie praktische Ausgestaltung der Aufgaben, die sich aus einer
Leitungsaufgabe ergeben.“ 935 Im Folgenden wird – im Sinne von Maliks, Schwantags,
Staffelbachs und Ulrichs Begriffsverständnis – Management sowohl als Institution wie auch als
Funktion verstanden, wobei Personen, die mit der Managementfunktion betraut sind, als Manager,
Führungsleute, Führungspersonen oder Personen des Managements bezeichnet werden. Wenn gelegentlich
der Begriff „Top-Management“ gebraucht wird, dann werden damit die Mitglieder der
Geschäftsleitung bezeichnet, während mit dem Ausdruck „Unternehmensverantwortliche“ der
Verwaltungsrat bzw. Aufsichtsrat gemeint sind. Obschon die Managementfunktion keineswegs
einzig aus der Führung von Mitarbeitern besteht, wird dennoch die personale Führungsverantwortung
zum Kriterium in der Frage nach der Managementzugehörigkeit genommen.
Die zu entwickelnde problemorientierte philosophische Management-Ethik nimmt demnach die
Führungspersonen bzw. die Managementaufgaben zu ihrem Gegenstand, und zwar
ausschliesslich von gewinnorientierten Unternehmen. Angesichts der Tatsache, dass sich immer mehr
Menschen nach dem lebenspraktischen Sinn unseres Wirtschaftssystems fragen, darf wohl mit
gutem Grund dieser mit dem Wirtschaftssystem aufs engste verbundene Handlungsbereich als
eine gute Wahl für ethische Reflexionen bzw. für die Konzeption einer wirtschaftsethischen
Theorie behauptet werden. Mit der Einschränkung auf gewinnorientierte Unternehmen soll im
Weiteren sichergestellt werden, dass ethischen Regeln gezielt auf konkrete Anwendungsfelder
bezogen werden können und nicht wegen der fehlenden Unterscheidung zwischen Profit- und
Nonprofit-Organisation zu viel an Substanz verlieren. Im Übrigen wird die zu entwickelnde
philosophische Ethik als Institutionenethik und nicht als Individualethik entwickelt. Der Grund,
weshalb die ethische Konzeption nicht an das Individuum adressiert, sondern an die alle
Führungsleute umfassende Institution „Management“ gerichtet wird, hängt mit der Erfahrung
zusammen, „daß Individuen dazu neigen, im Interesse des Unternehmens zu entscheiden, auch
wenn dies im Einzelfall gegen die eigenen moralischen Vorstellungen verstößt“ 936. Im Übrigen
gelingt mit dieser Entscheidung die Abgrenzung zu einer Führungsethik, die – als Individualethik –
in erster Linie das personenbezogene Führungsverhalten ethisch reflektiert und von daher einen doch
sehr eingeschränkten Managementbereich fokussiert.
13 Philosophische Grundlegung
Eine philosophische Management-Ethik bedarf eines philosophischen Standpunktes als
Grundlegung. Angesichts des selbst gewählten problemorientierten Ansatzes, mit dem – im Hinblick
auf die Lösung eines moralischen Problemkerns – sozialwissenschaftliche und
erkenntnistheoretische Untersuchungen durchzuführen sind, stellt sich nun die Frage, mit
welcher philosophischen Grundlegung dies wohl am ehesten gelingt. Im Folgenden wird der von
Karl R. Popper begründete und im deutschsprachigen Raum von Hans Albert weiterentwickelte
Kritische Rationalismus als Philosophie, Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie, Methodologie und
Sozialphilosophie vorgestellt, wobei sich dabei zeigen wird, dass diese Philosophie den gestellten
Anforderungen in herausragender Weise gerecht wird. Die Explikation der philosophischen
Grundlegung ist in vier Unterkapitel gegliedert: Im ersten Unterkapitel werden die Leistungen von
Popper und im zweiten die Weiterentwicklung von Albert aufgezeigt. Im dritten Unterkapitel wird
eine Verbindung zwischen den metaethischen Kategorien aus dem zweiten Teil dieser Arbeit und
933
934
935
936
K. Schwantag: „Management“, in: Gablers Wirtschaftslexikon, Bd. L - Z, Hrsg. von R. und H. Sellien, 10. Auflage,
Wiesbaden 1975, S. 202
A.a.O., S. 203
D. Dietzfelbinger: Aller Anfang ist leicht, a.a.O., S. 130
W. Ch. Zimmerli und M S. Aßländer: „Wirtschaftsethik“, in: Angewandte Ethik, a.a.O., S. 326
127
dem Kritischen Rationalismus hergestellt, und zwar mit dem Ziel, metaethische Entscheidungen
auf der Basis des Kritischen Rationalismus zu treffen. Im letzten Unterkapitel werden die Gründe,
die letztlich zur definitiven Entscheidung dieser philosophischen Position geführt haben,
zusammengefasst.
13.1 Karl R. Popper als Begründer des Kritischen Rationalismus
Der Kritische Rationalismus wurde von Karl R. Popper im Rahmen seiner philosophischen
Tätigkeit zur Erkenntnistheorie, Wissenschaftstheorie und Sozialphilosophie begründet. Popper führt die
Bezeichnung im zweiten Band des Werkes Die offene Gesellschaft und ihre Feinde ein, um die eigene
Position von einem umfassenden bzw. übertriebenen Rationalismus abzugrenzen. 937 Letztere ist
durch die Einstellung gekennzeichnet, dass eine Idee, eine Annahme oder eine Theorie nicht
akzeptiert wird, „die sich nicht durch Argumente oder durch die Erfahrung verteidigen läßt.“ 938
Nach Popper enthält dieses Prinzip jedoch einen Widerspruch; denn weder durch logische
Argumente, die ihrerseits von Annahmen ausgehen, die selbst wieder der Argumentation
bedürfen, noch durch die Erfahrung lässt sich dieses Prinzip stützen und müsste –
konsequenterweise – durch sich selbst verworfen werden. 939 Diese Position trotzdem zu
vertreten, bedeutet deshalb die unkritische Einnahme einer irrationalen Position, sei es wegen eines
Entschlusses, Glaubens oder unbewussten Verhaltens. Angesichts des Umstandes, dass der
umfassende Rationalismus wegen seines basalen irrationalen Elementes aus logischen Gründen zu
verwerfen, ein umfassender Irrationalismus dagegen logisch haltbar ist, stellt sich gar die Frage,
ob auf einen radikalen Irrationalismus eingeschwenkt werden soll. Nach Popper ist unsere Wahl
offen: „Es steht uns frei, eine Form des Irrationalismus zu wählen, sogar eine radikale oder
umfassende Form. Aber es steht uns in gleicher Weise frei, eine kritische Form des Rationalismus
zu wählen, eine Form, die offen ihre Grenzen zugibt, die zugibt, daß sie auf einer irrationalen
Entscheidung beruht (und die in diesem Ausmaß auch eine gewisse Priorität des Irrationalismus
anerkennt).“ 940 Diese einleitenden Bemerkungen deuten darauf hin, dass Popper den Kritischen
Rationalismus nicht als eine wissenschaftliche Theorie, sondern vielmehr als eine bestimmte
philosophische Einstellung auffasst, deren Proprium das Zugeständnis der Wissensbegrenzung ist. Der
kritische Rationalist ist denn auch „einfach ein Mensch, dem mehr daran liegt zu lernen, als recht
zu behalten; der bereit ist, von anderen zu lernen, nicht etwa dadurch, daß er die fremde Meinung
einfach annimmt, sondern dadurch, daß er gerne seine Ideen von anderen kritisieren lässt und
gerne die Ideen anderer kritisiert. Der Nachdruck liegt hier auf der Idee der Kritik oder genauer
der kritischen Diskussion.“ 941
Poppers philosophischer Einstellung liegt die erkenntnistheoretische Auffassung des
Fallibilismus zum Grunde, wonach weder die Vernunft noch die Sinneswahrnehmung noch sonst
anderen Quellen als Erkenntnis-Autoritäten akzeptiert werden können. 942 Das bedeutet: Bei jedem
Wissen, aber auch bei jedem Handeln besteht grundsätzlich immer die Möglichkeit des Irrtums;
es wird uns also nie gelingen, wahre Erkenntnisse zu gewinnen, die unabhängig von unserem
Denken sind. Aber weshalb diese erkenntnistheoretische Skepsis? In Bezug auf die
Sinneswahrnehmungen zeigen sich in zweifacher Hinsicht Schwierigkeiten: Erstens vermag selbst
eine sehr grosse Zahl empirischer Beobachtungen die Wahrheit einer Theorie nicht zu bestätigen
– Popper teilt die von David Hume vorgebrachte Problematik eines unendlichen Regresses beim
937
938
939
940
941
942
128
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, Hrsg.
von H. Kiesewetter, 8. Auflage, Tübingen 2003, S. 269
A.a.O., S. 269
Vgl. a.a.O., S. 269
A.a.O., S. 271
K. R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen. Über Erkenntnis, Geschichte und Politik, 2. Auflage, München 2005, S. 160
Vgl. K. R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt, Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, 13. Auflage,
München 2004, S. 57
Induktionsprinzip 943 -, und zweitens ist die Welt zwar real, das heisst, sie existiert auch ausserhalb
unseres Denkens, aber es „gibt eine Wirklichkeit hinter der Welt, wie sie uns erscheint,
möglicherweise eine vielschichtige Wirklichkeit, von der die Erscheinungen die äußersten
Schichten sind.“ 944 Die logische Unmöglichkeit, von einzelnen Beobachtungen auf allgemeine
Aussagen zu schliessen, und – noch weitaus mehr – die Einnahme der metaphysischen Position
des kritischen Realismus945 mit dessen regulativer Idee der Wahrheit und Forderung nach ständiger
Verbesserung haben gravierende Konsequenzen für die Wissenschaftstheorie; es bedeutet, „daß wir
alle Gesetze oder Theorien als Hypothesen oder Vermutungen betrachten müssen.“ 946
Nach Popper sind es nicht Beobachtungen, sondern Probleme – ein solches entsteht durch
die Störung einer angeborenen oder entdeckten bzw. erlernten Erwartung 947 –, mit denen die
Wissenschaft und das Wachstum der Erkenntnis beginnen. 948 Und bei den Bemühungen,
Probleme zu lösen, sollte das Hauptziel der Wissenschaft – und der Philosophie – die Suche nach
Wahrheit sein 949. Mit anderen Worten: Obschon es wegen der fallibilistischen Position kein
Kriterium der Wahrheit gibt, sollten die Wissenschaftler, geleitet durch die regulative Idee der
Wahrheit, bemüht sein, Erkenntnisse über die Realität, das heisst über das Verhältnis zwischen
Realität und Erscheinungswelt zu gewinnen. Aber wie gelingt dies? Durch freie Schöpfungen unseres
Verstandes 950 werden kühne Hypothesen bzw. Vermutungen über die reale Beschaffenheit des
Kosmos entwickelt, um diese dann zwecks Ermittlung ihres Wahrheitsgehalts mit der uns
zugänglichen Wirklichkeit zu konfrontieren. Die Konfrontation mit der Wirklichkeit bzw. die
Prüfung des Wahrheitsgehalts geschieht mittels empirischer Überprüfung von einfachen
Aussagen – sie werden Basissätze genannt 951 -, die eigens dazu von den Hypothesen deduziert
werden. Anders gesagt: Die experimentelle Befragung unserer Erscheinungswelt als „die einzige
Information, die wir von der Realität bekommen können“ 952 geschieht mithilfe von empirisch
leicht überprüfbaren Basissätzen (das können zum Beispiel Voraussagen sein), die dann den
Hypothesen entweder entsprechen oder aber widersprechen. Ein Fortschritt in der Wissenschaft
ist nun sowohl durch die vorläufige Bewährung gehaltvoller, das heisst gegenüber der Empirie
einen beträchtlichen metaphysischen Überschuss aufweisenden Hypothesen, wie auch durch deren
frühere, allenfalls spätere partielle oder gesamthafte empirische Widerlegung möglich. Letzteres
kann nach dem Kritischen Rationalismus deshalb als Fortschritt gewertet werden, weil mit jeder
Widerlegung – im Rahmen der empirisch-wissenschaftlichen Tätigkeit wird die Widerlegung als
Falsifikation bezeichnet 953 – immer zugleich ein Zuwachs an Wissen und ein neuer Problem943
944
945
946
947
948
949
950
951
952
953
Vgl. K. R. Popper: Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie, Manuskripte aus dem Jahre 1930-1993, Hrsg.
von T. E. Hansen, Tübingen 1979, S. 33
K. R. Popper: Lesebuch. Ausgewählte Texte zu Erkenntnistheorie, Philosophie der Naturwissenschaften, Metaphysik,
Sozialphilosophie, Hrsg. von D. Miller, 2. Auflage, Tübingen 1997, S. 107
Die Bezeichnung „kritischer Realismus“ steht für die metaphysische Auffassung, dass es erstens eine von uns
unabhängige Realität gibt, zweitens diese jedoch nur bis zu einem gewissen Grade für uns erkennbar ist.
Obschon es demnach keine absolute bzw. keine vom menschlichen Denken unabhängige Wahrheit gibt, ist die
Idee der Wahrheit für die graduelle Erkenntnismöglichkeit dennoch von grosser Wichtigkeit und eine relativistische
oder skeptizistische Haltung abzulehnen. Der kritische Realismus ist - als Grundlage des Fallibilismus - der
wichtigste Teil in der Philosophie des Kritischen Rationalismus. (Vgl. H.-J. Niemann: „Realismus, kritischer“, in:
Lexikon des Kritischen Rationalismus, Tübingen 2004, S. 310 und vgl. H.-J. Wendel: „Kritischer Rationalismus und
Ethik“, in: Ideologien und Ideologiekritik. Ideologietheoretische Reflexionen, Hrsg. von K. Salamun, Darmstadt 1992,
S. 165)
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf, 4. Auflage, Ungekürzte Lizenzausgabe für die
Bertelsmann Club GmbH Gütersloh 1984, S. 20
Vgl. K. R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen, a.a.O., S. 16
Vgl. K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Bd. 1:
Vermutungen, Tübingen 1994, S. 323
Vgl. K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 60
Vgl. K. R. Popper: Auf der Suche nach einer besseren Welt, a.a.O., S. 49
Vgl. K. R. Popper: Logik der Forschung, Hrsg. von H. Keuth, 11. Auflage, Tübingen 2005, S. 20
K. R. Popper: Die Quantentheorie und das Schisma der Physik. Aus dem Postskript zur Logik der Forschung, Hrsg.
von W. W. Bartley III, Übers. von H.-J. Niemann, Tübingen 2001, S. 6
Vgl. H.-J. Niemann: „Widerlegung“, in: Lexikon des Kritischen Rationalismus, a.a.O., S. 407
129
Ausgangspunkt für weitere Theorien verbunden ist. 954 Die Möglichkeit der Falsifikation ist nach
Popper das Abgrenzungskriterium zwischen Wissenschaft einerseits und Pseudowissenschaft,
Vorwissenschaft, Metaphysik, Mathematik sowie Logik andererseits; mit Poppers Worten: „Ein
empirisch-wissenschaftliches System muß an der Erfahrung scheitern können.“ 955 Um dem Vorwurf eines
positivistischen Standpunktes zu begegnen, betont Popper: „Die Falsifizierbarkeit zieht eine
Trennungslinie innerhalb der sinnvollen Sprache, nicht um sie herum.“ 956 Die Argumentation,
Verifizierbarkeit nicht als Sinnkriterium zu verwenden, geht dahin, dass mit diesem Kriterium nicht
nur metaphysische, sondern auch naturwissenschaftliche Theorien ausgegrenzt werden – nach
Popper können die universalen Naturgesetze nicht auf Beobachtungsberichte zurückgeführt
werden. 957 Trotz der Annahme, einen Fortschritt erreicht zu haben, sei es durch die Falsifikation
oder durch die vorläufige Bewährung, gehört es zur Pflicht der wissenschaftlichen Tätigkeit, sich
der Wahrheit unterzuordnen, und zwar mittels eines Bewusstseins, „daß die Wahrheit über jeder
menschlichen Autorität steht.“ 958 Mit anderen Worten: Selbst falsifizierte Basissätze oder bestens
bewährte Hypothesen haben keinen Anspruch auf Wahrheit, vielmehr gilt: „Unsere Idee der
Annäherung an die Wahrheit oder der Wahrheitsähnlichkeit hat denselben objektiven Charakter
und denselben idealen oder regulativen Charakter wie die Idee der objektiven oder absoluten
Wahrheit. Sie ist keine erkenntnistheoretische oder epistemische Idee – genauso wenig wie ›Wahrheit‹ oder
›Gehalt‹.“ 959 Und zwischen der Suche nach Wahrheit und der Suche nach Gewissheit gilt es streng zu
unterscheiden; weil Letztere mit der nie endenden Suche nach Wahrheit unvereinbar ist, muss sie
abgelehnt werden.
Die Wissenschaft ist imstande, objektive Erkenntnisse zu gewinnen. Das gelingt allerdings
nicht durch eine „Objektivierung eines individuellen Geistes“, sondern nur mithilfe des sozialen
Aspekts der wissenschaftlichen Methode. Mit den Worten Poppers: „Und es ist eine besondere
Ironie, daß die Objektivität eng zusammenhängt mit dem sozialen Aspekt der wissenschaftlichen
Methode, mit der Tatsache, daß Wissenschaft und wissenschaftliche Objektivität nicht dem
Streben eines individuellen Wissenschaftlers entspringt, ›objektiv‹ zu sein, sondern von der
freundlich-feindlichen Zusammenarbeit vieler Wissenschaftler. Man kann wissenschaftliche Objektivität als
die Intersubjektivität der wissenschaftlichen Methode beschreiben.“ 960 Selbstverständlich versucht
ein Wissenschaftler seine Theorie mit voller Überzeugung vorzutragen. Das wird seine Kollegen
allerdings nicht sonderlich beeindrucken, vielmehr werden sie dadurch herausgefordert, kritische
Einwände vorzutragen. Bei den Streitfragen amtet letztlich die Erfahrung als der unparteiische
Schiedsrichter und darunter versteht Popper: „Unter ›Erfahrung‹ verstehe ich eine Erfahrung
allgemeinen Charakters, wie Beobachtungen und Experimente, nicht Erfahrung im Sinne mehr
›privater‹, ästhetischer oder religiöser Erfahrung; und Erfahrung ist ›allgemein gültig‹, wenn sie
jeder wiederholen kann, der sich die Mühe nimmt. Um jedes Herumreden zu vermeiden,
versuchen Wissenschaftler ihre Theorien in einer Form auszudrücken, die eine Überprüfung, das
heißt eine Widerlegung oder Bestätigung durch Erfahrungen der angegebenen Art zuläßt. Darin
besteht wissenschaftliche Objektivität.“ 961 Selbst wenn es Robinson Crusoe auf seiner Insel
gelungen wäre, mithilfe von physikalischen und chemischen Laboratorien sowie astronomischen
Observatoren „wissenschaftliche“ Erkenntnisse zu gewinnen, so hätte nach Popper doch ein
zentrales Element der wissenschaftlichen Methode gefehlt: „Denn niemand außer ihm selbst
prüft seine Ergebnisse nach; niemand außer ihm selbst korrigiert die Vorurteile, die die
unvermeidliche Folge seiner besonderen geistigen Geschichte sind; niemand hilft ihm, sich von
jener seltsamen Blindheit zu befreien, die die Möglichkeiten unserer eigenen Resultate betreffen
954
955
956
957
958
959
960
961
130
Vgl. K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 1: Vermutungen, a.a.O., S. 354f
Vgl. K. R. Popper: Logik der Forschung, a.a.O., S. 17
Vgl. a.a.O., S. 17
Vgl. K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum der wissenschaftlichen Erkenntnis, Bd. 2:
Widerlegungen, Tübingen 1994, S. 380
K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 1: Vermutungen, a.a.O., S. 44
A.a.O., S. 341f
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 254
A.a.O., S. 254f
und die eine Folge der Tatsache ist, daß die meisten von ihnen durch vergleichsweise irrelevante
Herangehensweisen gefunden wurden. Und was seine wissenschaftlichen Abhandlungen betrifft:
Nur beim Versuch, sein Werk jemandem zu erklären, der es nicht ausgeführt hat, kann er die Disziplin
klarer und vernünftiger Kommunikation erlangen, die auch ein Teil der wissenschaftlichen
Methode ist.“ 962
Die vielen Hinweise auf grosse Wissenschaftler wie Kepler, Newton oder Einstein
zeigen, dass Popper in seiner Wissenschaftstheorie, die der Tendenz nach normativ konzipiert und
weniger als Übereinstimmung mit dem historischen Wissenschaftsverlauf gedacht ist, nicht von
einem Wissenschaftsverständnis ausgeht, das Thomas S. Kuhn in seiner deskriptiven
Wissenschaftstheorie als Normalwissenschaft bzw. als „Aufräumtätigkeit“ beschreibt 963. Explizit
grenzt Popper seine Auffassung von Wissenschaft von der Position des Instrumentalismus ab, die –
so Popper – Theorien allein als mehr oder weniger nützliche Instrumente auffasst. 964 Die
wissenschaftliche Tätigkeit ist nach Popper durch eine bestimmte Art von Mut geprägt, und zwar
ist es der Mut, „Aspekte der Erscheinungswelt vorherzusagen, die bisher übersehen wurden, die sie
aber besitzen muß, wenn die vermutete Realität (mehr oder weniger) richtig ist, wenn die
erklärenden Hypothesen (ungefähr) wahr sind. Es ist diese speziellere Art von Mut, die ich
gewöhnlich meine, wenn ich von kühnen wissenschaftlichen Vermutungen spreche. Es ist die
Kühnheit einer Vermutung, die ein großes Risiko eingeht – das Risiko, überprüft und widerlegt
zu werden; das Risiko, mit der Realität in Konflikt zu geraten.“ 965
Poppers erkenntnistheoretische Grundauffassung dient nicht nur als Grundlage für seine
Wissenschaftstheorie, sondern bestimmt ebenso seine Arbeiten im Bereich der Sozialphilosophie.
Die Gedanken zum Werk Das Elend des Historizismus, dessen Grundthese darin besteht, „daß die
Lehre von der geschichtlichen Notwendigkeit der reinste Aberglaube ist und bleibt“ 966, wurden unter
dem Eindruck des Ersten Weltkrieges und der kommunistischen Mythologie der bevorstehenden
Weltrevolution formuliert. Popper kritisiert darin die Auffassung – er nennt diese Historizismus -,
dass es so etwas wie Gesetze und einen Sinn der Geschichte gibt und es das Hauptziel der
Sozialwissenschaften sei, diese Gesetze bzw. diesen Sinn zwecks historischer Voraussagen zu
entdecken. 967 Zwar sieht Popper durchaus Unterschiede zwischen den Sozialwissenschaften und
den Naturwissenschaften, dennoch plädiert er für die Einheit der Methode. 968 Anders formuliert:
Obschon es für die Sozialwissenschaften fast immer eine Notwendigkeit ist, mit konstruierten
Modellen 969 zu arbeiten, gelingt ihnen ein Erkenntnisfortschritt – ebenso wie den
962
963
964
965
966
967
968
969
A.a.O., S. 256
Vgl. T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, 2. Auflage, Frankfurt a. M. 1976, S. 38
Vgl. K. R. Popper: Realismus und das Ziel der Wissenschaft. Aus dem Postskript zur Logik der Forschung, Hrsg.
von W. W. Bartley III, Übers. von H.-J. Niemann und E. Schiffer, Tübingen 2002, S. 128ff
K. R. Popper: Lesebuch, a.a.O., S. 107f
K. R. Popper: Das Elend des Historizismus, Hrsg. von H. Kiesewetter, 7. Auflage, Tübingen 2003, S. IX
Vgl. a.a.O., S. 2f
Vgl. a.a.O., S. 116f
Nach Popper sollten diese Modelle nicht mithilfe von psychologischen Annahmen - Popper postuliert die
Autonomie der Soziologie -, sondern mittels einer Situationsanalyse konstruiert werden. (Vgl. K. R. Popper: Die offene
Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 114ff). Das heisst: Um
historische, gesellschaftliche, politische, ökonomische oder andere beliebige Handlungen bzw. Typen von
Handlungen erklären zu können, soll die relevante Situation, das sind die Ziele, das Wissen und die zur Verfügung
stehenden Mittel der Handelnden, in Erfahrung gebracht werden. Nach der Modellkonstruktion wird dann
nichts weiter angenommen, „als daß die Handelnden im Sinne des Modells handeln, oder daß sie ›ausagieren‹,
was in der Situation enthalten war. Darauf spielt übrigens auch der Ausdruck ›Situationslogik‹ an.“ (K. R. Popper:
Lesebuch, a.a.O., S. 353). Diese Situationsmodelle haben demnach die Funktion von Hypothesen, die Voraussagen,
beispielsweise im Bereich der Soziologie, ermöglichen. Treffen die Voraussagen dann nicht ein, wird nicht das
rationale Verhalten in Frage gestellt, sondern vielmehr gilt für Abweichungen der fundierte methodologische
Grundsatz, „nicht das Rationalitätsprinzip, sondern den Rest der Theorie, nämlich das Modell, verantwortlich
zu machen.“ (K. R. Popper: Lesebuch, a.a.O., S. 355). Hans Albert hat Poppers Situationslogik nicht übernommen,
zumal diese nicht nur quer zum Postulat der Einheit der wissenschaftlichen Methode, sondern auch zu den
sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen im Sinne einer Sozialtechnologie steht. (Vgl. H. Albert: Erkenntnislehre
und Sozialwissenschaft. Karl Poppers Beitrag zur Analyse sozialer Zusammenhänge, Wiener Vorlesungen im Rathaus,
Bd. 96, Hrsg. von H. Ch. Ehalt, Wien 2003, S. 37f)
131
Naturwissenschaften – nur durch die Formulierung von kühnen Hypothesen und der strengen
empirischen Nachprüfung derselben, also durch Versuch und Irrtum. Dieses Begriffspaar
bekommt in der Fassung Entscheidung und Tatsache im Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde,
das unter dem Einfluss des Nazi-Regimes und des Kommunismus geschrieben wurde, im
Übrigen eine Selbstkritik beinhaltet – Popper war in seinen Jugendjahren für eine kurze Zeit
selbst Marxist und Kommunist 970 -, eine zentrale Bedeutung. Popper bestimmt die menschliche
Fähigkeit, zwischen natürlichen und normativen Gesetzen, also zwischen realen und nicht von
Menschenhand gemachten Sachverhalten und veränderbaren Konventionen unterscheiden zu
können, als das Merkmal der offenen Gesellschaft971, die überhaupt erst durch diese Fähigkeit Werte
wie Freiheit und Verantwortung hoch halten kann. Nach Popper hat sich die Zivilisation vom
Trauma des Übergangs von der Stammesgesellschaft – das ist die geschlossene Gesellschaft – noch
nicht erholt, aber sie entwickelt sich weiter, obschon sie immer wieder von geistigen Führern
(Historizisten), die die Rückkehr in die Stammesgebundenheit postulieren, verraten wird. 972 Im
zweibändigen Werk will Popper am Beispiel von Heraklit und Platon aufzeigen, dass die
historizistischen Geschichtsphilosophien von Hegel und Marx 973, aber auch diejenige von Oswald
Spengler, „einer Tradition angehören, die ebenso alt oder ebenso jung ist wie unsere Zivilisation
selbst.“ 974 Nach Popper hat die Geschichte keinen Sinn 975, und zwar deshalb nicht, weil Tatsachen
als solche keinen Sinn haben bzw. weil Entscheidungen und Normen nie aus Tatsachen logisch
hergeleitet werden können 976. Wenn wir aber als kritische Dualisten zwischen Natur und Konvention
zu unterscheiden vermögen, „die Lehre von der Autonomie der Ethik, wie sie zuerst von
Protagoras und Sokrates vertreten wurde“ 977, akzeptieren und nicht dem ethischen Naturalismus
verfallen 978, dann werden wir nach Popper in der Lage sein, aus der Geschichte zu lernen, und
zwar indem wir uns entscheiden, soziale Institutionen mit der kritisch-rationalen Methode des
schrittweisen Umbaus vernünftiger zu machen979 – nach Andreas Graeser ist Poppers Auffassung,
gerechte Zustände mithilfe der Orientierung am status quo herbeizuführen, möglicherweise der
Grund, weshalb er von Theodor W. Adorno und anderen Vertretern der Frankfurter Schule als
Anhänger des Positivismus gebrandmarkt wurde 980.
Ethische Normen sind nach Popper durch Menschen gemachte Konventionen, sie sind
deswegen aber keineswegs bloss willkürlich. 981 Der Mensch hat mit der Sprache, der Musik, der
Dichtung, der Wissenschaft und der Moral verschiedene neue Welten geschaffen. „Und die
bedeutendste von ihnen ist die Welt der moralischen Forderungen – der Forderungen nach
Gleichheit, Freiheit, nach Hilfe für die Schwachen.“ 982 Weil viele moralische Forderungen Leben
und Tod anderer Menschen betreffen, kommt ihnen eine unvergleichliche Dignität zu: „Es ist
970
971
972
973
974
975
976
977
978
979
980
981
982
132
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, Hrsg. von H. Kiesewetter,
8. Auflage, Tübingen 2003, S. IX
Vgl. a.a.O., S. 72
Vgl. a.a.O., S. 3
Trotz der Kritik an Karl Marx stimmt Karl R. Popper in vielen Punkten mit Marx‘ Theorie überein. Es ist wohl
nicht übertrieben, wenn gar von einer Bewunderung für Marx und dessen Theorie gesprochen wird: „Im
Kapital, seinem großartigen Lebenswerk, hat Marx die fundamentalen ökonomischen Kräfte und die
selbstmörderischen historischen Tendenzen jener Periode analysiert, die er selbst ›Kapitalismus‹ genannt hat.“
(K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O.,
S. 160) Und an anderer Stelle: „Der ›wissenschaftliche‹ Marxismus ist tot. Sein Gefühl für soziale
Verantwortung und seine Liebe für die Freiheit müssen weiterleben.“ (A.a.O., S. 246)
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. 3
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O.,
S. 326
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. 74
A.a.O., S. 80
Vgl. a.a.O., S. 82
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O.,
S. 152
Vgl. A. Graeser: Positionen der Gegenwartsphilosophie. Vom Pragmatismus bis zur Postmoderne, München 2002, S. 107
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. 73f
A.a.O., S. 78
daher im höchsten Grade irreführend, zu sagen, daß sich ein Mensch für oder gegen die Sklaverei
in ähnlicher Weise entscheide wie für oder gegen gewisse Werke der Musik oder Literatur, oder
daß moralische Entscheidungen reine Geschmackssache seien.“ 983 Weil Konventionen als solche
nicht empirisch überprüft bzw. falsifiziert werden können, ist Ethik für Popper keine
Wissenschaft. 984 Poppers Ablehnung, Ethik als Wissenschaft zu begreifen, hängt aber auch damit
zusammen, dass er eine solche Auffassung in einem engen Zusammenhang mit der analytischen
Philosophie sieht. Popper stimmt zwar mit G. E. Moore darin überein, dass der Begriff „gut“
nicht mit naturalistischen Begriffen definiert werden kann, er betrachtet jedoch – darüber hinaus
– eine Analyse des Guten oder irgendeines anderen Begriffes nicht nur als fruchtlos für eine
Ethik, sondern sogar als nachteilig, und zwar weil dadurch wichtige moralische Probleme durch
verbale Probleme ersetzt werden. 985 Mit anderen Worten: Die Analyse des Guten mit all den ins
Auge gefassten Definitionen zeigen in erster Linie, „wie wenig die ›wissenschaftliche‹ Ethik mit
den drängenden Problemen des sittlichen Lebens zu tun hat. Und sie zeigen dadurch, daß die
›wissenschaftliche‹ Ethik eine Form des Ausweichens ist, eine Flucht vor den Realitäten des
sittlichen Lebens, d.h. vor unserer moralischen Verantwortlichkeit.“ 986 Im Übrigen ist die Welt
der moralischen Forderungen – als die sichere Grundlage des menschlichen Lebens – viel mehr
als die höchst unsichere und bloss schwankendes Terrain bietende Wissenschaft. Im
Popperschen Sinne sagt Gerhard Zecha: „Dieser positiven Interpretation der These ‚die Ethik ist
keine Wissenschaft‘, weil sie mehr und wichtiger ist als jene, kann ich voll zustimmen.“ 987
Obschon Popper Ethik nicht als Wissenschaft begreift, sieht er dennoch Parallelen zu Letzterer.
So wie die Wissenschaft versucht auch die Ethik Probleme zu lösen, und zwar durch die
Formulierung von ethischen Regeln im Sinne von Hypothesen. Während wissenschaftliche
Vermutungen mit Blick auf einen möglichen „Zusammenstoß mit der Wirklichkeit“ 988 geprüft werden,
können ethische Prinzipien und Normen hinsichtlich der zu lösenden praktischen Probleme
beurteilt werden. Mit Poppers Worten: „jede vernünftige Theorie, ob nun wissenschaftlich oder
philosophisch, ist insofern vernünftig, als sie versucht, gewisse Probleme zu lösen. Sie ist nur im
Zusammenhang mit einer Problemsituation verständlich und vernünftig; und sie kann nur im
Zusammenhang mit einer Problemsituation vernünftig, das heißt kritisch, diskutiert werden.“ 989
Mit dem Bezug ethischer Theorien auf Problemsituationen kann eine kritische Diskussion über
die Adäquatheit bzw. Vorzugswürdigkeit ausgewählter ethischer Theorien gegenüber anderen in
Gang gesetzt werden, und zwar mit dem Ziel, einen Fortschritt in der Lösung von dringenden
sozialen Probleme zu erreichen, das heisst, die Störung einer durchaus intersubjektiv
übereinstimmenden Erwartung zu eliminieren bzw. zu reduzieren. Ethische Theorien als mögliche
Lösungen sozialer Probleme aufzufassen, impliziert zugleich, dass widersprüchliche ethische
Regeln für bestimmte Problemsituationen gleichwohl adäquat sein können, dass also aus dem
Widerspruch nicht zwingend die Ungültigkeit ethischer Prinzipien und Normen gefolgert werden
kann. Popper weist denn auch darauf hin, dass die Akzeptanz der Gültigkeit widersprüchlicher
Normen nicht den (normativen) moralischen Relativismus impliziert, nach dessen Position „jedes
beliebige Wertesystem sich in gleicher Weise verteidigen läßt und daß daher alle Wertsysteme
gleich gültig (und daher gleichgültig) sind.“ 990
Karl R. Popper hat zwar weder eine philosophische Ethik entwickelt noch ein Werk über
Ethik geschrieben, seine Bücher sind jedoch durchsät von vielen kleinen normativ-ethischen
Theoriestücken. So betrachtet Popper den Entschluss für die Philosophie des Kritischen
983
984
985
986
987
988
989
990
A.a.O., S. 78
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O.,
S. 279
Vgl. a.a.O., S. 387
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. 322
G. Zecha: „‘Die Ethik ist keine Wissenschaft‘ – oder doch?“, in: Was wir Karl R. Popper und seiner Philosophie
verdanken. Zu seinem 100. Geburtstag, Hrsg. von E. Morscher, St. Augustin 2002, S. 371
K. R. Popper: Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung, Hamburg 1979, S. 113
K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 1: Vermutungen, a.a.O., S. 289
K. R. Popper: Ausgangspunkte, a.a.O., S. 165
133
Rationalismus nicht als eine intellektuelle Angelegenheit oder eine Sache des Geschmacks, sondern
als eine moralische Entscheidung, „die unsere ganze Einstellung zu anderen Menschen und zu den
Problemen des sozialen Lebens zutiefst beeinflussen“ 991 wird, und zwar hinsichtlich der
Forderung nach Gleichheit, Freiheit, Hilfe für die Schwachen und persönlicher Verantwortung 992. Auf der
Basis von Xenophanes Wahrheitslehre – der Kritische Rationalismus sieht sein Fundament in der
Erkenntnistheorie von Xenophanes 993 – entwickelt Popper zwölf Grundsätze für eine neue
Berufsethik für Wissenschaftler, Physiker, Juristen, Ingenieure, Architekten, Staatsbeamte und
Politiker. 994 Obschon Popper den Beruf des Unternehmers bzw. der Führungsperson nicht
explizit erwähnt und im unternehmensethischen Diskurs kaum nennenswert auf die Philosophie
des Kritischen Rationalismus rekurriert wird, stimmt der Verfasser dieser Arbeit mit Harald
Stelzer überein, dass Popper auch einen wichtigen Beitrag für unternehmensethische Aspekte zu
leisten vermag 995. Dieser kann allerdings nicht darin bestehen, eine nicht vorhandene Ethik
rekonstruieren zu wollen – dies versuchte Christoph Lütge 996 -, sondern dass die mit dieser
Philosophie untrennbar verbundenen moralischen Werte für die eigene ethische Konzeption
fruchtbar gemacht werden.
13.2 Hans Alberts Weiterentwicklung des Kritischen Rationalismus
Martin Morgenstern und Robert Zimmer weisen darauf hin, dass aus dem Briefwechsel zwischen
Albert und Popper bei den Grundpositionen des Kritischen Rationalismus als Erkenntnislehre,
Wissenschaftslehre und Sozialphilosophie ein erstaunliches Mass an inhaltlicher Übereinstimmung
ersichtlich werde. 997 Nichtsdestotrotz hat Albert dem Kritischen Rationalismus eine kohärentere
Form gegeben und – das ist wohl sein grösstes Verdienst – die Methodologie „für den gesamten
Bereich der Sozialwissenschaften und der praktischen Philosophie fruchtbar gemacht.“ 998 In der
Folge werden einige bedeutende Leistungen Alberts im Zusammenhang mit dem Kritischen
Rationalismus, den er, um die Gefahr der Einengung auf die Falsifikation zu vermeiden, auch
Kritizismus oder methodologischen Revisionismus nennt 999, dargestellt.
In der Erkenntnistheorie hat Albert die Unmöglichkeit, einen archimedischen Punkt für
wahre Aussagen, Theorien oder Überzeugungen zu finden, mit dem von ihm benannten und an
anderer Stelle bereits erwähnten Münchhausen-Trilemma in konziser Form expliziert und dadurch
die Grundlage für einen konsequenten Fallibilismus1000 geschaffen, der für sämtliche Formen von
Erkenntnis in gleicher Weise gültig ist 1001. Albert unterscheidet in Bezug auf Wahrheit zwischen
Erreichbarkeit und Entscheidbarkeit 1002. Letzteres ist seiner Ansicht nach deshalb nicht möglich, weil
es keine für die Wahrheit zureichenden Gründe gibt. 1003 Jede Erkenntnis, die als Begründung für
991
992
993
994
995
996
997
998
999
1000
1001
1002
1003
134
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 271
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. 78f
Vgl. K. R. Popper: Die Welt des Parmenides. Der Ursprung des europäischen Denkens, Hrsg. von A. F. Petersen, Übers.
von S. Wieland und D. Dunkel, München und Zürich 2005, S. 93ff
Vgl. a.a.O., S. 114ff
Vgl. H. Stelzer: „Unternehmensethisches Handeln aus Sicht der Philosophie Karl R. Popper“, in: Forum
Wirtschaftsethik, 15. Jg. Heft 4 (2007), S. 39
Vgl. Ch. Lütge: „Kritisch-rationalistische Ethik. Karl POPPER und Hans ALBERT“ in: Ethica. Wissenschaft und
Verantwortung, Jg. 10, Heft 4 (2002), S. 377
Vgl. H. Albert und K. R. Popper: Briefwechsel 1958-1994, Hrsg. von M. Morgenstern und R. Zimmer,
Frankfurt a. M. 2005, S. 18
A.a.O., S. 11
Vgl. H. Albert: Erkenntnislehre und Sozialwissenschaft, a.a.O., S. 21
Albert nennt den kritischen Realismus, den konsequenten Fallibilismus sowie den methodologischen Revisionismus bzw.
Kritizismus als die zentralen Komponenten des Kritischen Rationalismus. (Vgl. H. Albert: „Varianten des
kritischen Rationalismus“, in: Karl Poppers kritischer Rationalismus heute. Zur Aktualität kritisch-rationaler
Wissenschaftstheorie, Hrsg. von J. M. Böhm, H. Holweg und C. Hoock, Tübingen 2002, S. 4)
Vgl. H. Albert: Traktat über kritische Vernunft, a.a.O., S. 67
Vgl. a.a.O., S. 10
Vgl. a.a.O., S. 13-18
eine Aussage angeführt wird, bedarf – logisch gesehen – ihrerseits einer Begründung. Das führt
zu einer Situation mit drei unakzeptabel erscheinenden Alternativen, nämlich des infiniten Regresses,
des logischen Zirkels oder des Abbruchs des Verfahrens. 1004 Bei Letzterem – das ist wohl die am
meisten praktizierte Alternative – wird bei kritischem Nachfragen von Selbstevidenz,
Selbstbegründung oder unmittelbarer Erkenntnis gesprochen, allerdings bedeutet dies nach
Albert nichts weniger als den Rekurs auf ein Dogma. 1005 Nach der Ansicht von Albert sollte
vielmehr das in einer bestimmten Zeit unproblematische Wissen – dazu gehört auch ein
Kernbestand an logischen Grundsätzen, die der Kritische Rationalismus als unverzichtbar
voraussetzen muss 1006 – als Hypothesen bzw. Axiome aufgefasst werden, und zwar in der
ursprünglichen (griechischen) Bedeutung von keineswegs unbezweifelbarer und selbstevidenter
Wahrheit. 1007 Mit anderen Worten: Unser Bewusstsein sollte stets vom Gedanken begleitet sein,
dass es keine Annahmen und keine Theorien gibt, die von der Möglichkeit der Verbesserung
ausgeschlossen werden können. Albert betont, dass die Begründungsproblematik keineswegs nur
das von der analytischen Philosophie angewandte streng logische, von einem erkennenden und
argumentierenden Subjekt abstrahierte Deduktionsverfahren betrifft – dies ist die Ansicht von
Karl-Otto Apel 1008 und anderen Kritikern wie Matthias Karmasin und Michael Litschka 1009 –,
sondern ebenso das Induktionsverfahren (Induktionsproblem) und die transzendentalen
Begründungsformen. 1010 Apel weist darauf hin, dass die Verneinung der Möglichkeit einer
Letztbegründung nur dann plausibel sei, „wenn man, wie Popper, die Möglichkeit der
philosophischen Begründung mit der Möglichkeit der Deduktion gleichsetzt und von der transzendentalen
Reflexion und Besinnung (in dem von mir exponierten Sinn) keinen Gebrauch macht.“ 1011 Wählt
man jedoch die transzendentale Methode – und nach Apel sollte man dies auch tun, denn das
eigentliche Geschäft der philosophischen Grundlegung besteht darin, „die notwendigen
Bedingungen der menschlichen Argumentation möglichst vollständig zu rekonstruieren“ 1012 -,
dann wird klar, dass die Teilnehmer einer philosophischen Diskussion implizit die Sprachregeln
einer kritischen Diskussion nicht nur anerkannt haben, sondern zugleich aufgefordert sind, „diese
Anerkennung willensmäßig zu bekräftigen“ 1013. Apels Argumentation, „daß man weder für noch
gegen die Regeln des transzendentalen Sprachspiels argumentieren oder sich praktisch
entscheiden kann, ohne diese Regeln schon vorauszusetzen“ 1014, kontert Albert mit dem
Argument, wonach Apel nicht zwischen dem Akt des Verstehens und dem des Akzeptierens
unterscheide 1015. Damit ist gemeint: Abgesehen davon, dass die Verweigerung der Argumentation
keinen Akt der Selbstnegation und letztlich der Selbstdestruktion 1016 impliziert – der
zwischenmenschliche Verkehr mit den Mitteln der Sprache umfasst nicht nur die Argumentation,
sondern ist noch weitaus mehr ein Austausch von Wünschen, Bitten, Anweisungen und
Informationen, bei dem die argumentative Dimension der Sprache nicht in Anspruch genommen
1004
1005
1006
1007
1008
1009
1010
1011
1012
1013
1014
1015
1016
Vgl. a.a.O., S. 15
Vgl. a.a.O., S. 16
Vgl. A. Graeser: Positionen der Gegenwartsphilosophie, a.a.O., S. 115
Vgl. H. Albert: Traktakt über kritische Vernunft, a.a.O., S. 54f
Vgl. K.-O. Apel: „Das Problem der philosophischen Letztbegründung im Lichte der transzendentalen
Sprachpragmatik. Versuch einer Metakritik des ‚kritischen Rationalismus‘“, in: Sprache und Erkenntnis. Festschrift
für Gerhard Frey zum 60. Geburtstag, Hrsg. von B. Kanitscheider, Innsbruck 1976, S. 61f
Vgl. M. Karmasin und M. Litschka: Wirtschaftsethik – Theorien, Strategien, Trends, a.a.O., S. 23f
Vgl. H. Albert: Traktakt über kritische Vernunft, a.a.O., S. 17
K.-O. Apel: Transformation der Philosophie, Bd. 2: Das Apriori der Kommunikationsgemeinschaft, a.a.O., S. 413
A.a.O., S. 412
A.a.O., S. 413
K.-O. Apel: „Das Problem der philosophischen Letztbegründung im Lichte der transzendentalen
Sprachpragmatik“, in: Sprache und Erkenntnis, a.a.O., S. 76
Vgl. H. Albert: Kritik des transzendentalen Denkens. Von der Begründung des Wissens zur Analyse der Erkenntnispraxis,
Tübingen 2003, S. 117
Vgl. K.-O. Apel: „Das Problem der philosophischen Letztbegründung im Lichte der transzendentalen
Sprachpragmatik“, in: Sprache und Erkenntnis, a.a.O., S. 76
135
werden muss 1017 –, können Entscheidungen, aber auch Aussagen aller Art verstanden werden,
ohne irgendwelche Sprachregeln der Argumentation als handlungsregulierende Kraft ausserhalb
der Argumentation akzeptieren zu müssen – das ist im Übrigen auch der Standpunkt von Jürgen
Habermas 1018. Für die Einnahme des Standpunktes des Kritischen Rationalismus bedeuten diese
Erörterungen gegen Apels Apodiktik, dass die Sprachregeln nur insofern „vorausgesetzt“
werden, „als sie die Materie dieser Entscheidung charakterisieren und als solche verstanden
werden müssen.“ 1019 Dass die Verneinung der Möglichkeit einer Letztbegründung
konsequenterweise auch für das Münchhausen-Trilemma gelten muss, ist für Albert
selbstverständlich; er weist denn auch explizit darauf hin, dass er keinen Beweis gegen die
Letztbegründung erbringen könne, ihm aber die Grenzen einer solchen Argumentation bewusst
seien. 1020
Bei den wissenschaftstheoretischen Überlegungen fragt Hans Albert, ob das von Max Weber
postulierte Wertfreiheitsprinzip, wonach die empirische Sozialwissenschaft niemanden zu lehren
vermag, „was e r s o l l , sondern nur was e r k a n n “ 1021, ad acta gelegt werden muss, wenn die
Sozialwissenschaften zur zweiten kantischen Frage: „Was soll ich tun?“ einen Beitrag liefern
möchten. 1022 Um diese Frage zu klären, unterscheidet Albert drei Fragenkomplexe: „(1) die Frage,
inwieweit die Sozialwissenschaften Wertungen zum Gegenstand ihrer Aussagen machen müssen,
(2) die Frage, inwieweit sozialwissenschaftliche Aussagen selbst den Charakter von Werturteilen
haben müssen, und (3) die Frage, inwieweit die sozialwissenschaftliche Forschungspraxis auf
Wertungen angewiesen ist.“ 1023 Mit anderen Worten: Für eine adäquate Untersuchung der
kantischen Frage muss die deskriptive Beschreibung bestehender Werte im menschlichen
Zusammensein, beispielsweise durch die Soziologie, sowie die Wahl von Problemstellungen,
Beobachtungspunkten und Methoden streng unterschieden werden von der Wertung der eigenen
Forschungsergebnisse hinsichtlich einer zu befolgenden menschlichen Praxis. Während die
Beschreibung bestehender Werte als soziale Tatsachen hinsichtlich des Wertfreiheitsprinzips
kaum kontrovers diskutiert wird, sind nach Albert die (notwendigen) Entscheidungen im
Rahmen der Forschungspraxis mittlerweile ebenso unproblematisch. 1024 Denn die
wissenschaftliche Forschungstätigkeit hängt – wie im Übrigen jede andere Praxis auch – von
vielen Wertgesichtspunkten ab; es müssen Entscheidungen getroffen werden, zum Beispiel
hinsichtlich des Untersuchungsgegenstandes, der einzusetzenden Methoden und Mittel, der
Brauchbarkeit von Hypothesen und Erklärungen oder hinsichtlich der Relevanz von
Beobachtungen. Das bedeutet: „In sozialer Hinsicht sind die Wissenschaften ein institutionell
geregelter Bereich des sozialen Lebens, in dem Normen, Ideale und Werte verschiedener Art eine
Rolle spielen: Wahrheitsideale, Prüfungs- und Bewährungsnormen, Erkenntnisprogramme und
1017
1018
1019
1020
1021
1022
1023
1024
136
Vgl. H. Albert: Transzendentale Träumereien. Karl-Otto Apels Sprachspiel und sein hermeneutischer Gott, Hamburg 1975,
S. 139
Für Jürgen Habermas ist es keineswegs evident ist, dass die Regeln, die innerhalb des Diskurses unausweichlich
sind, „auch für die Regulierung des Handelns außerhalb von Argumentationen Geltung beanspruchen können.
(…) Jedenfalls bedürfte die handlungsregulierende Kraft des in den pragmatischen Voraussetzungen der
Argumentation aufgedeckten normativen Gehalts einer besonderen Begründung.“ (Vgl. J. Habermas:
Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 96). Weil Habermas im Gegensatz zu Apel nicht bereit ist,
direkt aus den Argumentationsvoraussetzungen moralische Grundnormen zu entnehmen, kann er die
Möglichkeit der Überprüfung und Revidierung ethischer Konzepte offen halten. (Vgl. J. Habermas:
Moralbewusstsein und kommunikatives Handeln, a.a.O., S. 108). Im Übrigen setzt er sich nicht dem von Ernst
Tugendhat prominent vorgetragenen Vorwurf aus, dass abgeleitete und als Begründung ausgegebene Normen
sich ausnahmslos einer versteckt normativ gesetzten Supernorm verdanken, die selbst unbegründet bleibt:
„Jeder Rekurs auf eine angebliche Natur des Menschen ist daher versteckt zirkulär: es wird etwas implizit
normativ gesetzt, woraus dann das Normative abgeleitet wird.“ (Vgl. E. Tugendhat: Vorlesungen über Ethik,
a.a.O., S. 71)
H. Albert: Kritik des transzendentalen Denkens, a.a.O., S. 117
Vgl. H. Albert: Die Wissenschaft und die Fehlbarkeit der Vernunft, Tübingen 1982, S. 65
M. Weber: Schriften zur Wissenschaftslehre, Hrsg. von M. Sukale, Stuttgart 1991, S. 27
Vgl. H. Albert: Kritischer Rationalismus, a.a.O., S. 42
A.a.O., S. 47
Vgl. a.a.O., S. 47
Regeln kritischer Diskussion.“ 1025 Kurz gesagt: Weil letztlich jeder Erkenntnis notwendigerweise
Entscheidungen zugrunde liegen, gibt es keine Erkenntnis ohne Entscheidungen. Wenn das methodische
Prinzip der Wertfreiheit zur Debatte steht, dann kann dies folglich nur die zweite Frage betreffen,
nämlich ob Werturteile im Rahmen von wissenschaftlichen Aussagen, also innerhalb von
Theorien, Erklärungen und Beschreibungen notwendig sind, damit diese praktisch verwendet
werden können. Dass es in Bezug auf die zweite Frage keiner Werturteile bedarf, kann nach
Albert anhand der Naturwissenschaften, deren Erkenntnisse überaus erfolgreich von der Praxis
aufgenommen werden, gezeigt werden. 1026 Und selbst dann, wenn sozialwissenschaftliche
Forschungen für spezifische Probleme zu vage ausfallen, so ist es ohne normative Zugaben durchaus
möglich, „Aussagensysteme in geeigneter Weise umzuformen, so daß sie unmittelbar auf
mögliche Zielsetzungen bezogen sind, das heißt sie in technologische Systeme zu verwandeln.“ 1027
Diese Umformung sollte jedoch nicht als Ausrichtung der wissenschaftlichen Erkenntnispraxis auf
spezifische praktische Problemlösungen aufgefasst werden, vielmehr gilt es strikte zwischen der
nicht normativen Sozialtechnologie einerseits und der normativen Technik als Anwendung dieser
technologischen Systeme andererseits zu unterscheiden 1028. Albert nennt drei Schwächen einer
wissenschaftstheoretischen Auffassung, die diese wichtige Unterscheidung nicht berücksichtigt:
Erstens wird seiner Meinung nach die Bedeutung autonomer allgemeiner Theorien für die Praxis
unterschätzt, zweitens trifft es keineswegs zu, dass Theorien nur mithilfe von speziellen
praktischen Problemen gefunden werden können, und drittens besteht die Gefahr, dass
Erkenntnisse – als Mittel zum Zweck – nicht nur für die eigens vorgegebene Problemlösung
verwendet werden können, sondern auch für andere, zum Beispiel gesellschaftspolitisch
fragwürdige Bereiche. 1029 Nach Albert unterliegt gerade das Zweck-Mittel-Denken einem Vorurteil,
nämlich dem, dass Zwecke als oberste Werte normativ und die Mittel, mit denen die Zwecke
erreicht werden können, wertfrei seien. 1030 Dass dies aber ein Irrtum ist, zeigt sich schon allein
dadurch, dass etwas unter bestimmten Gesichtspunkten ein Zweck sein kann, während dieses
Etwas unter anderen zum Mittel wird. 1031 Kurz gesagt: Logisch gesehen gibt es weder Zwecke noch
Mittel an sich. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass nach Albert die Sozialwissenschaften einen
eminent wichtigen Beitrag zum wichtigsten Problem der Sozialphilosophie, nämlich hinsichtlich
der Suche nach einer adäquaten sozialen Ordnung, zu leisten imstande sind. Allerdings nicht mithilfe
der Beantwortung der Frage: Was sollen wir tun?, sondern durch Erkenntnisse in der Frage: Was
können wir tun? Mit anderen Worten: Die Sozialwissenschaften haben die Aufgabe, mit ihren
Theorien, deren zugrunde gelegte Wertentscheidungen ebenso wie der Inhalt der Theorien der
kritischen Methode 1032 unterliegen 1033, zwischen Sollen und Können zu vermitteln; nach Albert kommt
ihnen allein schon deshalb eine moralische Bedeutung zu 1034.
Diesen Erläuterungen entsprechend besteht Alberts Beitrag zur Sozialphilosophie in erster
Linie aus der methodologischen Kritik an den sozialwissenschaftlichen Theorien, allen voran an
der Nationalökonomie. Nach Alberts Auffassung ist das ordnungspolitische Problem kein Problem
1025
1026
1027
1028
1029
1030
1031
1032
1033
1034
A.a.O., S. 48
Vgl. a.a.O., S. 50
A.a.O., S. 51
Vgl. a.a.O., S. 52
Vgl. a.a.O., S. 53
Vgl. a.a.O., S. 55f
Vgl. a.a.O., s. 56
Die Methode des Kritischen Rationalismus wird von Popper und Albert als kritische Methode bezeichnet. Nach
dieser sollte kein Satz, keine Theorie, keine Handlungsweise und überhaupt keine menschliche Praxis von einer
möglichen Kritik ausgenommen werden. Dabei müssen die Mittel zur Selbstkritik und Fremdkritik (Logik,
Beobachtung, Theorien) zum Zeitpunkt der Kritik bloss unproblematisch bzw. allgemein akzeptiert sein. Der
Fluchtpunkt der Kritik verfolgt keinen Selbstzweck, ist also nicht destruktiv, sondern auf die Frage gerichtet,
inwieweit Theorien theoretische und praktische Probleme adäquat zu lösen vermögen. In diesem Sinne kann
die kritische Methode als rationale Heuristik, die systematisch die Entdeckung von Neuem fördert, aufgefasst
werden. (Vgl. H.-J. Niemann: „Kritische Methode“, in: Lexikon des Kritischen Rationalismus, a.a.O., S. 192f)
Vgl. H. Albert: Traktakt über kritische Vernunft, a.a.O., S. 86f
Vgl. H. Albert: Kritischer Rationalismus, a.a.O., S. 57
137
„einer sozialwissenschaftlichen Spezialdisziplin, die sich die Aufgabe gestellt hat, einen
bestimmten Bereich der modernen Gesellschaft zu analysieren.“ 1035 Gerade aber dies ist die
Auffassung des in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommenen neoklassischen
Denkens, das samt seiner methodologischen Fehlentwicklung „immer noch eine wesentliche
Grundlage für die meisten heutigen Überlegungen über den Ablauf des wirtschaftlichen
Geschehens darstellt.“ 1036 Albert hält der Neoklassik vor, dass sie sich mit ihrem auf ein
abstraktes Ideal und einen absolut guten gesellschaftlichen Zustand konstruierten Modell, unter
der Verwendung der ceteris-paribus-Klausel 1037, der Kritik entziehe und so die Entwicklung
verbesserter Theorien erschwere, wenn nicht gar verunmögliche. 1038 Die neoklassischen ModellAnnahmen, beispielsweise die Existenz vollkommener Konkurrenz, vollständiger Information, eines
Konsenses in den menschlichen Bedürfnissen oder rationalen Verhaltens der Wirtschaftssubjekte, lassen sich
für eine realistische Analyse der ordnungspolitischen Probleme nicht verwenden, sie erwecken
aber den Eindruck, „es gäbe eine ideale Lösung dieser Probleme, die allen Bedürfnissen und
Interessen gerecht werde.“ 1039 Die methodische Eigenart des neoklassischen Denkens, sich
mithilfe von idealen Annahmen gegen soziologische und sozialpsychologische Erkenntnisse zu
immunisieren, ist auch dafür verantwortlich, dass eminent wichtige sozialpsychologische bzw.
soziologische Erkenntnisse, zum Beispiel die Untersuchungen der menschlichen Bedürfnisse für das
tatsächliche Leben oder die Erkenntnis, dass sich die Bildung und Befriedigung der menschlichen
Bedürfnisse nicht nach dem „Robinson-Paradigma“, sondern über die Gruppenbildung der
betreffenden Individuen vollzieht 1040, kaum in die Theorien der Nationalökonomie aufgenommen
werden. Gerade aber durch empirisch bewährte Erkenntnisse könnten Theorien bzw. Modelle
deutlich verbessert werden und es müsste nicht auf haltlose Ideen wie Maximalbefriedigung der
Bedürfnisse und Notwendigkeit der Gewinnmaximierung Rekurs genommen werden. Der
Zusammenbruch des Sozialismus könnte nach Albert als methodologische Konsequenz
verwendet werden, aufzuhören in Globalkategorien zu denken, stattdessen sollte die Frage
gestellt werden: „Ist damit [mit dem Zusammenbruch des Sozialismus, JN] der Kapitalismus als
einzige brauchbare Alternative für die Gestaltung der Industriegesellschaft erwiesen?“ 1041
Im Gegensatz zu Popper hat Albert zur Ethik kaum normativ Stellung bezogen, sondern
vielmehr aufgezeigt, dass sowohl die Konzeption einer Ethik wie auch die wissenschaftliche
Tätigkeit letztlich in einer allgemeinen rationalen menschlichen Problemlösungs-Praxis fundiert
sind. Zwar konstatiert Albert inhaltliche Unterschiede zwischen Problemen der
wissenschaftlichen Erkenntnis und der Moral, „aber das muß keineswegs bedeuten, daß auch in
bezug auf den allgemeinen Charakter rationalen Problemlösungsverhaltens erhebliche
Unterschiede zwischen beiden Bereichen existieren.“ 1042 Die Einheit der Problemlösungsmethode
sollte allerdings nicht als Verpflanzung spezifischer Merkmale der wissenschaftlichen Methode in
andere Lebensbereiche, um Letztere an das Ideal der wissenschaftlichen Rationalität anzupassen,
aufgefasst werden, vielmehr verhält es sich gerade umgekehrt. „Man könnte also sehr viel eher
sagen, daß der rationale Kritizismus an typische Züge der allgemeinen menschlichen Situation
anknüpft und den für sie adäquaten Rationalitätstypus auf die Wissenschaft überträgt, indem er
zeigt, daß auch hier die Illusionen des Begründungsdenkens die faktische Situation verschleiert
1035
1036
1037
1038
1039
1040
1041
1042
138
H. Albert: Freiheit und Ordnung. Zwei Abhandlungen zum Problem einer offenen Gesellschaft, Tübingen 1989, S. 6
H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik. Zur Kritik der reinen Ökonomik, Tübingen 1998, S. 240
Mit der ceteris-paribus-Klausel kann immer das Argument vorgebracht werden, dass das Modell für eine ideale
Situation konzipiert worden sei und empirische Abweichungen deshalb nicht als eine Widerlegung des Modells
aufgefasst werden können, weil dieses unter den getroffenen Bedingungen sonst funktionieren würde. Albert nennt
diese Immunisierungsstrategie Modell-Platonismus. (Vgl. H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O.,
S. 114ff)
Vgl. H. Albert: Aufklärung und Steuerung. Aufsätze zur Sozialphilosophie und zur Wissenschaftslehre der
Sozialwissenschaften, Hamburg 1976, S. 79ff
A.a.O., S. 77
Vgl. H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 235
H. Albert: Kritischer Rationalismus, a.a.O., S. 60
H. Albert: Traktat über rationale Praxis, Tübingen 1978, S. 11
haben.“ 1043 Mit anderen Worten: Die Idee rationaler Praxis hat ihren Ausgangspunkt in der
Auffassung, dass wir Menschen ständig mehr oder weniger konsequent bemüht sind, Probleme
ganz unterschiedlicher Art zu erfassen und zu lösen; angefangen bei elementaren
Lebensproblemen wie Schutz vor der Kälte, Hitze oder Feinden, bis hin zu den subtilsten
Problemen der Wissenschaft, Kunst, Religion oder Moral. Dabei zeigt sich die Kontextabhängigkeit
des Problemlösungsverhaltens als eines der wichtigsten Strukturmerkmale der menschlichen Praxis.
Der Bezugsrahmen, durch den das Problems überhaupt erst erfasst werden kann, besteht aus
Annahmen über faktische Gegebenheiten, allgemeinen Einsichten, Beurteilungs-Massstäben,
methodischen Einstellungen, verfügbaren Verhaltensweisen, Zielsetzungen und Idealen, wobei
viele davon stets unthematisiert im Hintergrund bleiben. 1044 Mit anderen Worten:
Wertgesichtspunkte wie etwa Wahrheit, Gerechtigkeit oder Schönheit gehören nicht zur
Methodologie, sondern konstituieren die jeweilige Problemsituation. Eine der ersten Regeln der
Problemlösungsmethodik besteht nach Albert denn auch darin, die vorliegende Problemsituation
im betreffenden Bereich zu analysieren und zu erklären, „wie eine angemessene Lösung prinzipiell
beschaffen sein und was sie leisten müßte.“ 1045 Im Weiteren gilt es, bereits vorliegende
Lösungsalternativen mit Blick auf ihre Leistungsfähigkeit bzw. Problemlösungskraft wertend zu
vergleichen, wobei alle möglichen Lösungsalternativen als Konstruktionen mit Hypothesencharakter zu
betrachtet sind, „die prinzipiell der Kritik und der Revision unterliegen.“ 1046 Wer ein Problem nach
dieser Methodologie lösen will, der berücksichtigt im Übrigen bereits in der Konstruktion der
Lösung selbstkritisch mögliche Alternativen und Einwände, damit die Lösungsvariante einen
echten Beitrag leistet und nicht allzu schnell unter der (geforderten) Kritik zusammenbricht. 1047
Diese allgemeine Methodologie ist nach Albert nichts anderes als eine rationale Heuristik, deren
Regeln allesamt dahingehend aufzufassen sind, „daß man nach in bestimmtem Sinne
angemessenen Problemlösungen suchen solle, und in diesem Zusammenhang nach Alternativen,
Einwänden, brauchbaren Vergleichen und Bewertungen und schliesslich nach einer adäquaten
Entscheidung. Dabei werden im wesentlichen nur Gesichtspunkte für die Leitung der
konstruktiven und kritischen Phantasie, aber keine schematisch anzuwendenden Regeln geliefert,
auch nicht für den sogenannten Begründungszusammenhang.“ 1048 Mit anderen Worten: Die
Methodologie als rationale Heuristik ist eine Tätigkeit, die der Phantasie und Kreativität viel
Spielraum lässt und von den Menschen auf verschiedenen Ebenen Entscheidungen abverlangt,
aber nicht an strenge Regeln gebunden ist.
13.3 Der Kritische Rationalismus als Metaethik
Nach Hans Albert kann Metaethik in Bezug auf eine normativ-ethische Theorie so wenig neutral
sein wie die Philosophie als Meta-Wissenschaft hinsichtlich wissenschaftlicher Erkenntnis: „Eine
Diskussion um die Frage, wie eine brauchbare Argumentation im ethischen Bereich aussehen
muß, ist eine methodologische Diskussion, die ebenso wie eine entsprechende Erörterung für
den wissenschaftlichen Bereich zwar als ein Unternehmen zweiter Ordnung (Meta-Probleme)
angesehen wird, aber im Ergebnis nicht neutral sein kann in bezug auf ethische Systeme. Sie muß
zu einer Abgrenzung führen wie eine analoge Diskussion bezüglich der Wissenschaft. Eine MetaEthik, die solche Probleme löst, kann eine regulative und kritische Funktion für den ethischen
Bereich gewinnen.“ 1049 Angesichts des Apriori der Philosophie für die Bereiche Wissenschaft und
Ethik stellt sich die wichtige Frage: Wie wirkt sich die Philosophie des Kritischen Rationalismus,
unter dem Aspekt ihrer Funktion als kritisch-rationale Metaethik, auf die zu entwickelnde
1043
1044
1045
1046
1047
1048
1049
A.a.O., S. 12
Vgl. a.a.O., S. 23
A.a.O., S. 30
A.a.O., S. 29
Vgl. a.a.O., S. 32
A.a.O., S. 32
H. Albert: Konstruktion und Kritik. Aufsätze zur Philosophie des kritischen Rationalismus, Hamburg 1972, S. 155
139
problemorientierte philosophische Management-Ethik aus? Eines kann vorweggenommen
werden: „Wer der Philosophie als Meta-Wissenschaft eine kritisch-regulative Funktion zuweist,
wird sie ihr als Meta-Ethik nicht verweigern wollen.“ 1050 Im Folgenden geht es also darum, zu den
im zweiten Teil dieser Arbeit behandelten metaethischen Kategorien Stellung zu nehmen, und
zwar aus der Position der Philosophie des Kritischen Rationalismus, die jeweils als kritisch-rationale
Metaethik bezeichnet wird, wenn es darum geht, den Aspekt der Methodologie für die zu
entwickelnde ethische Theorie besonders kenntlich zu machen.
Ist eine problemorientierte philosophische Management-Ethik nach der kritischrationalen Metaethik kognitivistisch oder nonkognitivistisch? Ganz im Sinne von Popper, der die
Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen Tatsachen und Entscheidungen als das Merkmal der offenen
Gesellschaft bestimmt (vgl. S. 132), lehnt Albert die moralepistemologischen Positionen des
Naturalismus und Intuitionismus als Erkenntnisquelle für wahre moralische Urteile explizit ab. 1051
Nach Albert muss ein adäquates Deutungsmuster für moralische Aussagen, nebst dem
Realitätsbezug, dem Element der Allgemeinheit und der Möglichkeit der rationalen
Argumentation, vor allem die normative Funktion berücksichtigen. 1052 Das heisst: Moralische Urteile
nehmen in erster Linie einen Bezug auf das Verhalten normierende Standards oder Maximen und
erheben durch diese Bezugnahme einen Anspruch auf allgemeine Anerkennung, wobei nach der
kritisch-rationalen Metaethik dieser Anspruch immer im Rahmen eines Bezugs zur Lösung eines
bestimmten Problems, das heisst zu einer bestimmten Werthaltung, zu begreifen ist. Nach der
Philosophie des Kritischen Rationalismus als kritisch-rationale Metaethik können deskriptiv-ethische
Theorien durchaus den Anspruch einer allgemeinen Anerkennung im Sinne einer Annäherung an
die Wahrheit erheben, gleiches ist jedoch nicht möglich bei normativ-ethischen Theorien. Letztere
stehen zwar durchaus in einem Bezug zu Tatsachen, beispielsweise zum Phänomen der Armut
oder Arbeitslosigkeit, die Aufforderung zu einem bestimmten menschlichen Handeln basiert
jedoch auf einer Entscheidung, nämlich von anderen Menschen zu fordern, bestimmte
Wertgesichtspunkte wie Gleichwertigkeit oder Freiheit handlungswirksam anzunehmen. Das
bedeutet: „In Wirklichkeit pflegen denn auch bestimmte ethische Systeme zusammen mit
bestimmten meta-ethischen Auffassungen aufzutreten und gemeinsam den Sprachgebrauch in
den sozialen Gruppen zu beeinflussen, in denen sie akzeptiert werden.“ 1053 Anders gesagt:
Obschon die kritisch-rationale Metaethik eine allgemeine Anerkennung von ethischen Prinzipien
und Normen hinsichtlich der zu lösenden Probleme beansprucht, geht es ihr nicht um die
Entwicklung von allgemeingültigen obersten Prinzipien. Und zwar deshalb nicht, weil
Gültigkeitsprobleme – unabhängig davon, ob es sich um die kritisch-rationale Metaethik oder
beispielsweise die Diskursethik handelt 1054 – letztlich immer auf Wertentscheidungen
zurückgehen. „Nur wer sie anerkennt, muß die Gültigkeit bestimmter inhaltlicher Aussagen
zugeben.“ 1055 Damit zeigt sich die kritisch-rationale Metaethik als eine normative Konzeption, die sich
nicht mit „Analyse begnügt, sondern konstruktiv Vorschläge macht, die dazu bestimmt sind,
normierend auf das Verhalten zu wirken und eine Kritik zu ermöglichen.“ 1056 Obschon die
kritisch-rationale Metaethik keine autoritären Erkenntnisquellen akzeptiert und ihre obersten
Wertgesichtspunkte weder als wahr noch als gültig auszeichnet, wird die Ansicht von Fred Eidlin
geteilt, dass sie – als Vertreterin des moralepistemologischen Standpunktes des Konstruktivismus –
dennoch als eine kognitivistische Form aufzufassen ist 1057. Und zwar deshalb, weil für sie erstens der
1050
1051
1052
1053
1054
1055
1056
1057
140
A.a.O., S. 162
Vgl. a.a.O., S. 137ff
Vgl. a.a.O., S. 140
A.a.O., S. 157
Vgl. M. Bondeli: „Konsequentialistisch geläuterte Diskursethik“, in: Das Recht im Spannungsfeld utilitaristischer und
deontologischer Ethik, a.a.O., S. 147
H. Albert: Konstruktion und Kritik, a.a.O., S. 160
A.a.O., S. 167
Vgl. F. Eidlin: „Poppers ethischer und metaphysischer Kognitivismus“, in: Karl R. Popper und die Philosophie des
Kritischen Rationalismus. Zum 85. Geburtstag von Karl R. Popper, Hrsg. von K. Salamun, Amsterdam und
Atlanta 1989, S. 163f
Gedanke an eine objektive Wahrheit für jede rationale Diskussion grundlegend ist 1058, diese
Philosophie zweitens sowohl den intellektuellen wie auch den moralischen Relativismus als die
„philosophische Hauptkrankheit unserer Zeit“ 1059 vehement bekämpft und weil sie drittens die
Ansicht vertritt, dass der Gehalt moralischer Aussagen einer rationalen Argumentation
zugänglich ist und von daher auch im ethischen Bereich Fortschritte erzielt werden können 1060.
Letzteres nämlich dann, wenn bestimmte ethische Prinzipien und Normen die in den Blick
genommenen Probleme umfassender lösen, als es andere Prinzipien und Normen tun; oder wenn
bestimmte Problemstellungen moralische Problemphänomene einheitlicher als andere
Problemstellungen abbilden oder bestimmte Philosophien mit ihren Wertgesichtspunkten
hinsichtlich der sozialen Ordnung drängendere moralische Problemphänomene konstituieren, als
es andere Philosophien vermögen.
Bedeutet die Einnahme eines kognitivistischen Standpunktes zugleich die Position des
moralischen Realismus? Obschon die Standpunkte des moralischen Realismus und des Kognitivismus in
einem engen Zusammenhang stehen, muss Ersterer als unvereinbar mit der kritisch-rationalen
Metaethik eingestuft werden. Popper konzediert im Rahmen seiner Dreiweltentheorie geistigen
Erzeugnissen wie Gedanken, wissenschaftlichen Theorien oder bestehenden moralischen Werten
eine Unabhängigkeit von der Welt des menschlichen Bewusstseins. 1061 Von daher ist es
keineswegs abwegig, von der Existenz moralischer Tatsachen zu sprechen. Ein wichtiger
Unterschied zum moralischen Realismus besteht jedoch darin, dass dessen Verfechter moralischontologische Sachverhalte mithilfe der Unabhängigkeit moralischer Tatsachen vom menschlichen
Bewusstsein als wahr bzw. falsch kognitiv aufzeigen wollen, was sich bei Popper aber gerade nicht
durchführen lässt, weil die Existenz moralischer Tatsachen überhaupt erst durch die Welt des
(fehlbaren) menschlichen Bewusstseins bzw. durch hochgehaltene Werte entsteht. Mit anderen
Worten: Der Wahrheitsgehalt hinsichtlich der Normativität moralischer Aussagen kann durch
Poppers Welt 3 nicht verbürgt werden, sondern vielmehr dient die Existenz moralischer
Aussagen der kritischen Auseinandersetzung im Zusammenspiel mit der Welt des menschlichen
Bewusstseins. Keinen Zweifel in der Frage nach der Kompatibilität des moralischen Realismus
mit der kritisch-rationalen Metaethik gibt es bei Albert, der die Dreiweltentheorie von Popper
erstens nicht übernimmt 1062 und zweitens explizit darauf hinweist, dass die positive Wertung
regulativer Ideen wie Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Sicherheit oder Schönheit „in keinem
dieser Fälle eine Ontologisierung dieses Wertaspekts erforderlich [macht, JN], weder im Bereich
der Erkenntnis noch in dem der Moral, des Rechts oder etwa der Kunst.“ 1063
Welche Begründungsmuster sind nach der kritisch-rationalen Metaethik angezeigt? Mit der
Philosophie des Kritischen Rationalismus ist untrennbar die fallibilistische Einstellung
verbunden, wonach uns keine Möglichkeit für absolut gesicherte Erkenntnisse offensteht. Über
diese Einstellung kann durchaus eine rationale (epistemologische) Diskussion geführt werden, die
auch keineswegs ausschliesst, dass diese „anthropologischen Grundgegebenheiten des
Menschseins“ 1064 von einzelnen Verfechtern aufgegeben und von anderen Menschen neu
angenommen werden. Aber eines steht dennoch zweifelsfrei fest: Nach dieser Philosophie kann
weder für diese noch für eine andere philosophische Einstellung eine für die absolute Wahrheit
hinreichende Pro- oder Contra-Begründung in die Diskussion eingebracht werden, vielmehr
handelt es sich um eine persönliche Entscheidung. Mit Hans-Jürgen Wendels Worten: „Man
entscheidet sich mit ihm für eine bestimmte Lebensweise, deren wichtigste Einsicht darin
1058
1059
1060
1061
1062
1063
1064
Vgl. K. R. Popper: Die Welt des Parmenides, a.a.O., S. 104
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 330
Vgl. K. R. Popper: Die Welt des Parmenides, a.a.O., S. 105
Vgl. K. R. Popper: Das offene Universum. Ein Argument für den Indeterminismus. Aus dem Postskript zur Logik der
Forschung, Hrsg. von W. W. Bartley III, Übers. von E. Schiffer, Tübingen 2001, S. 123f
Vgl. H.-J. Niemann: „Albert, Hans“, in: Lexikon des Kritischen Rationalismus, a.a.O., S. 12
H. Albert: „Rationale Ethik als kognitives Projekt? Zu Hans-Jürgen Wendels Analyse des Problems“, in: Logos.
Zeitschrift für systematische Philosophie., N.F., Bd. 2, Heft 2 (1995), S. 98
K. Salamun: „Zum Menschenbild Karl R. Poppers und seinen ethischen Implikationen“, in: Karl Poppers Beiträge
zur Ethik, Hrsg. von H. Kiesewetter und H. Zenz, Tübingen 2002, S. 27
141
besteht, daß von der Kritik abgeschirmte dogmatische Glaubenspositionen als Laster anzusehen
sind, weil letztere nicht der Grundannahme des kritischen Rationalismus über die Fehlbarkeit
menschlicher Subjekte im Erkennen und Handeln Rechnung tragen.“ 1065 Die kritisch-rationale
Metaethik leistet in diesem Sinne das, was Andreas Graeser fordert, nämlich dass eine Ethik,
entgegen allen etablierten philosophischen Aspirationen, vermehrt wieder „als Sache angesehen
werden sollte, die irreduzibel und unauflöslich an persönliche Momente gebunden ist.“ 1066 Wer
nun die Philosophie des Kritischen Rationalismus annimmt, übernimmt zugleich die mit ihr
untrennbar verbundenen moralischen Werte wie Gleichheit, Freiheit, Hilfe für die Schwachen und
persönliche Verantwortung, die letztlich allesamt in einem engen Zusammenhang mit der basalen
Entscheidung stehen, die Gleichheit hinsichtlich unserer Unvollkommenheit in Bezug auf Wahrheit
als höchster Wert 1067 einzugestehen und unsere Möglichkeiten wahrzunehmen, durch Selbst- und
Fremdkritik die viel menschliches Leid verursachenden Irrtümer und Fehler zu reduzieren. Für die
Entwicklung der problemorientierten philosophischen Management-Ethik bedeutet dies, dass bei
der Wahl des Kritischen Rationalismus als Grundlage diese moralischen Grundwerte
übernommen werden, und zwar ohne begründen zu müssen, „warum sie intersubjektiv geteilt
werden sollen.“ 1068 Und welche Rolle haben diese mit der Philosophie des Kritischen Rationalismus
untrennbar verbundenen moralischen Grundwerte? Sie sind von herausragender Bedeutung, und zwar
deshalb, weil sie es nämlich sind, die moralische Probleme überhaupt erst konstituieren. Das
heisst: Moralische Probleme zeigen sich erst durch die Diskrepanz einer gegebenen und einer, mit
Blick auf bestimmte moralische Grundwerte, erwarteten bzw. gewünschten Situation. Wer zum
Beispiel die philosophische Einstellung hat, dass die Höhe des Jahreseinkommens zugleich
Auskunft über den gesellschaftlichen Wert einer Person gibt, wird in sieben- oder achtstelligen
Jahressalären kein moralisches Problem sehen – im Gegensatz zur Philosophie des Kritischen
Rationalismus. Aufgrund dieser durch moralische Grundwerte konstituierten Problemstellung
lassen sich dann im Rahmen einer normativ-ethischen Theorie ethische Prinzipien und Normen
entwickeln 1069, wobei diese nach der kritisch-rationalen Metaethik – mit Blick auf die
Problemstellung – als revidierbare Vorschläge bzw. Hypothesen aufzufassen sind 1070 und somit
sowohl der Selbst- wie auch der Fremdkritik unterliegen. Es zeigen sich damit die drei an anderer
Stelle bereits vorgestellten Begründungsebenen (vgl. S. 99): Auf der theorieimmanenten Ebene, wo
sich die Frage stellt: Weshalb sind diese Handlungen geboten? bzw. Warum gelten diese ethischen Regeln?,
werden entweder konkrete Handlungssituationen auf ethische Normen bzw. Prinzipien oder
ethische Normen bzw. Prinzipien auf hierarchisch höher gestellte ethische Regeln innerhalb der
theoretischen Konzeption bezogen, und zwar nach dem linear-deduktiven Begründungsmuster.
Auf der moralontologischen Begründungsebene – moralontologisch wird hier nicht im engen Sinne
des moralischen Realismus aufgefasst -, wo die Frage nach der Begründung der obersten
ethischen Prinzipien ansteht, kommt die Erkenntnisleistung als moralische Problemstellung in den Blick.
Das heisst: Die obersten ethischen Regeln werden wiederum nach dem linear-deduktiven
Begründungstyp von der Erkenntnisleistung in der Form der moralischen Problemstellung
abgeleitet. Auf der moralepistemologischen Begründungsebene, wo die Frage aufgeworfen werden
kann, weshalb moralische Grundwerte, die letztlich für die Erkenntnisleistung verantwortlich
1065
1066
1067
1068
1069
1070
142
H.-J. Wendel: „Kritischer Rationalismus und Ethik“, in: Ideologien und Ideologiekritik, a.a.O., S. 164
A. Graeser: Philosophie und Ethik, Düsseldorf 1999, S. 11
Vgl. K. R. Popper: Ausgangspunkte, a.a.O., S. 284f
G-M. Mojse: Wissenschaftstheorie und Ethik-Diskussion bei Hans Albert. Ein Beitrag zur gegenwärtigen Debatte über die
Grundwerte in der pluralistischen Gesellschaft, Bonn 1979, S. 95
Mache Interpreten des Kritischen Rationalismus, so zum Beispiel Christoph Lütge (vgl. Ch. Lütge: „Was leistet
die Kritisch-Rationalistische Ethik?“ in: Ethica. Wissenschaft und Verantwortung, Jg. 11, Heft 4 (2003), S. 402ff)
oder Hans-Jürgen Wendel (vgl. H.-J. Wendel: „Selbstbestimmung und Ethik“, in: Logos, Zeitschrift für
systematische Philosophie, N.F. Bd. 1, Heft 3 (1994), S. 346ff), monieren, dass der Kritische Rationalismus kein
materiales Prinzip für die Gewinnung von ethischen Normen angeben könne. Dabei verkennen diese Autoren,
dass mit der Philosophie des Kritischen Rationalismus untrennbar moralische Werte verbunden sind und
Letztere moralische Probleme konstituieren, die dann den Fluchtpunkt für ethische Prinzipien und Normen im
Sinne von Lösungsversuchen abgeben.
Vgl. H. Albert: Traktakt über kritische Vernunft, a.a.O., S. 90
sind, Geltung haben sollen, können zwar Pro- und Contra-Argumente für die Philosophie des
Kritischen Rationalismus vorgebracht werden, es ist aber weder eine linear-deduktive noch eine
reflexive Begründung, sondern wohl am ehesten noch eine kohärentistische Begründung
möglich. Das bedeutet aber auch, dass die Begründungsleistungen uneingeschränkt dem
Münchhausen-Trilemma unterworfen sind, denn dieses hat seine Gültigkeit „unabhängig davon, ob
es sich dabei um die Sicherung von Erkenntnissen oder von Wertungen und Normen
handelt.“ 1071
Wie soll eine normativ-ethische Theorie nach der kritisch-rationalen Metaethik formal
gestaltet werden? Konkreter gefragt: Soll die problemorientierte philosophische ManagementEthik in der Form einer Prinzipien-, Normen- oder Situationsethik entwickelt werden? Der
Tendenz nach werden sowohl eine partikularistische bzw. kasuistische Ethik wie auch eine Theorie,
die auf einem einzigen Moralprinzip basiert, verworfen. Die Ablehnung eines einzigen
Moralprinzips zeigt sich im Zusammenhang mit Poppers Vorschlag, die Minimierung des Elends
zwar als politische Aufgabe im Sinne einer regulativen Idee, nicht aber als Kriterium, mit dessen
Hilfe die Minimierung des Elends anhand eines Kalküls zu entscheiden wäre 1072, zu betrachten.
Denn eine solche Rigorosität würde nach Popper zu absurden Konsequenzen führen und er
vermutet, dass gleiches auch „von jedem anderen moralischen Kriterium gezeigt werden kann.“ 1073
Dass nach der kritisch-rationalen Metaethik wohl am ehesten eine Ethik mit Prinzipien mittlerer
Reichweite angezeigt ist, zeigt sich anhand der von Popper entwickelten neuen Berufsethik mit
insgesamt zwölf ethischen Prinzipien 1074, aber auch durch Alberts Hinweis, dass die Anwendung
ethischer Systeme, im Gegensatz zu wissenschaftlichen Theorien, ohne Weiteres zu miteinander
unvereinbaren Anweisungen führen kann, „so dass der Handelnde gezwungen ist, sich zwischen
ihnen zu entscheiden.“ 1075
Welche regulativen Vorgaben gibt die kritisch-rationale Metaethik im Hinblick auf die
Frage, ob die problemorientierte philosophische Management-Ethik als teleologisches oder
deontologisches System zu entwerfen ist? Dazu Albert: „Auf der Ebene des ethischen Systems selbst
kommt das deontologische Prinzip zu seinem Recht, während das meta-ethische Kriterium das
teleologische Prinzip ins Spiel bringt, da Systeme moralischer Regeln nach ihren Konsequenzen
für das menschliche Leben beurteilt werden.“ 1076 Mit anderen Worten: Die regulative und
kritisch-rationale Metaethik gibt der normativ-ethischen Theorie das Ziel vor, damit diese, mit
Blick auf die Zielvorgabe, Prinzipien und Normen als deontologische Regeln entwickeln kann.
Darüber hinaus sieht sich die regulative kritisch-rationale Metaethik zugleich als ein
konsequentialistisches System, und zwar dergestalt, dass die metaethischen Ziele „auch im Lichte der
tatsächlichen Konsequenzen“ 1077 zu überprüfen sind. Dass diese Möglichkeit überhaupt gegeben
ist, hängt mit der erwähnten Zwei-Ebenen-Architektur zusammen, die zweifellos an die
regelutilitaristische „Zwei-Ebenen-Theorie“ von Richard M. Hare erinnert (vgl. S. 109), aber
dennoch nicht als eine utilitaristische Theorie 1078 – und schon gar nicht „als eine
1071
1072
1073
1074
1075
1076
1077
1078
A.a.O., S. 67
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O.,
S. 350
A.a.O., S. 350
Vgl. K. R. Popper: Die Welt des Parmenides, S. 115
H. Albert: Kritischer Rationalismus, a.a.O. S. 85
H. Albert: Konstruktion und Kritik, a.a.O., S. 164
A.a.O., S. 162
Die Sozialphilosophie des Kritischen Rationalismus wird fälschlicherweise oft als eine Neufassung des
Utilitarismus verstanden. Abgesehen davon, dass die utilitaristische Position kaum mit den kritisch-rationalen
Grundwerten wie Gleichheit und Gleichwertigkeit in Einklang gebracht werden kann, wird nicht beachtet, dass
Popper das epistemische Argument zugunsten des Negativen nicht nur auf den Utilitarismus, sondern auch auf
die kantische Ethik anwendet. Mit anderen Worten: Viele Popper-Interpreten – beispielsweise Christoph Lütge
(vgl. Ch. Lütge: „Kritisch-rationalistische Ethik. Karl POPPER und Hans ALBERT“ in: Ethica. Wissenschaft und
Verantwortung, Jg. 10, Heft 4 (2002), S. 390) – machen keinen Unterschied zwischen Poppers Ansicht, wie ein
„richtiger“ Utilitarismus konzipiert sein müsste und seiner eigentlichen Ethik-Auffassung. Dragan
Jakowljewitsch weist zu Recht darauf hin, dass „Popper an zahlreichen Stellen seines Werks zu verstehen gibt,
143
handlungsutilitaristische Konzeption“ 1079 – aufgefasst werden sollte. Nach der kritisch-rationalen
Metaethik liegt es gerade nicht an den Moralsubjekten, auf das Ziel oder die Konsequenzen ihrer
Handlungen zu achten, sondern der Verfasser der normativ-ethischen Theorie ist gehalten, seinen
Lösungsversuch im Hinblick auf den von der kritisch-rationalen Metaethik eingeforderten,
konstruktivistisch und nicht naturalistisch oder intuitionistisch bestimmten, Problemlösungsbeitrag
kritisch zu prüfen. Und in diesem Sinne gilt: „Auch ethische Systeme können sich mehr oder
weniger bewähren, wenn auch in anderer Weise als die der Wissenschaft.“ 1080
Welchen Stellenwert nimmt nach der kritisch-rationalen Metaethik die Anthropologie ein?
Angesichts der kritisch-rationalen metaethischen Position, wonach ethische Prinzipien und
Normen als schöpferische Konstruktionen mit Hypothesencharakter 1081 aufzufassen sind, die entweder
bereits vorliegen oder wegen der Spezifität der Problemlösung noch erfunden werden müssen,
kommt den empirischen Wissenschaften, allen voran den Sozialwissenschaften, eine wichtige Rolle
zu. Genauer gesagt: Dadurch, dass die problemorientierte philosophische Management-Ethik mit
konstruierten und nicht mit naturalistischen oder intuitionistischen Prinzipien und Normen
moralische Probleme zu lösen versucht, entsteht für sie zwar nicht die Problematik eines
naturalistischen Fehlschlusses, dafür aber die schwierige Frage, inwieweit die konstruierten Normen
realiter umgesetzt werden können. Das bedeutet: „Eine weitere Konsequenz des Rationalismus
für den moralischen Bereich ist die Berücksichtigung der Ergebnisse des wissenschaftlichen
Denkens.“ 1082 Um die Kluft zwischen Wissenschaft und Ethik bzw. zwischen Seins- und
Sollensaussagen zu überwinden, schlägt Albert sogenannte Brücken-Prinzipien wie Sollen impliziert
Können vor. 1083 Die Anwendung solcher Prinzipien erleichtert nicht nur die Konstruktion neuer
ethischer Prinzipen und Normen, sondern ermöglicht zugleich eine Kritik an bestehenden. Nach
Albert gehört es im Übrigen zur Aufgabe der kritisch-rationalen Metaethik, weitere BrückenPrinzipien zu finden, damit die Erkenntnisse der Sozialwissenschaften als Sozialtechnologie für
ethische Systeme nutzbar gemacht werden können. 1084 Während Popper vor allem der Soziologie
einen hohen Stellenwert konzediert, ist Albert gegenüber der Psychologie gleichermassen offen
und versucht, dem von der ökonomischen Tradition übernommenen methodologischen
Individualismus mithilfe der heute vorliegenden sozialpsychologischen Erkenntnisse eine neue
Grundlage zu geben 1085. Weil der Einbezug von anthropologischen Überlegungen im Zuge der
kantischen Ethik massiv an philosophischer Relevanz eingebüsst hat und Brückenprinzipien wie
Sollen impliziert Können allenfalls noch am Rande zur Kenntnis genommen werden 1086,
unterscheidet sich der Kritische Rationalismus gerade in diesem Aspekt von anderen
philosophischen Positionen markant.
Worin besteht der Beitrag der kritisch-rationalen Metaethik hinsichtlich der Motivation für
ethisches Handeln? Weder Popper noch Albert haben sich in ihren Werken mit der Motivation
für allgemeines bzw. für ethisches Handeln thematisch auseinandergesetzt, sondern bloss
beiläufig hierzu Stellung genommen. Dabei betont Popper die Grenzen der argumentativen Kraft
im Hinblick auf die Motivation für moralisches Handeln; denn letztlich können die Menschen
immer sagen: „›Dein ›Sollen‹ oder Deine moralischen Regeln interessieren mich nicht im
geringsten – genauso wenig wie Deine logischen Beweise oder gar Deine höhere Mathematik.‹
1079
1080
1081
1082
1083
1084
1085
1086
144
dass ihm die deontologische Position näher liegt.“ (D. Jakowljewitsch: „K. Popper und die Idee eines negativen
Utilitarismus“, in: Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie, Jg. 15, Heft 2
(2008), S. 119). Dass sich Popper mehr mit dem Utilitarismus auseinandersetzte, kann durchaus als Hinweis
genommen werden, dass er in dieser Position eher den konzeptionellen Gegner sieht. „Aber genau dies zeigt
seine Nähe zu den alternativen Grundannahmen der ethischen Auffassungen Kants.“ (D. Jakowljewitsch: „K.
Popper und die Idee eines negativen Utilitarismus“, in: Aufklärung und Kritik, Jg. 15, Heft 2 (2008), S. 119)
G-M. Mojse: Wissenschaftstheorie und Ethik-Diskussion bei Hans Albert, a.a.O., S. 93
H. Albert: Konstruktion und Kritik, a.a.O., S. 163
Vgl. H. Albert: Traktakt über rationale Praxis, a.a.O., S. 29
H. Albert: Konstruktion und Kritik, a.a.O., S. 162
Vgl. H. Albert: Traktat der kritischen Vernunft, a.a.O., S. 91f
Vgl. a.a.O., S. 92
Vgl. H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 319
Vgl. A. Graeser: Philosophie und Ethik, a.a.O., S. 91f
(…) Wir können niemanden mit Argumenten dazu zwingen, Argumente ernst zu nehmen – oder
auch nur seine eigene Vernunft zu respektieren.“ 1087 Als Verfasser einer philosophischen Ethik ist
man dennoch nicht ganz hilflos, immerhin können – so Popper – die Konsequenzen einer
Entscheidung vor Augen geführt und dadurch blinde Entscheide wie zum Beispiel: ich habe mir
dabei nichts Böses gedacht… oder wenn ich nur alles gewusst hätte… verhindert werden. 1088 Die rationale
und kreative Analyse der Konsequenzen eines pro-ethischen und eines contra-ethischen
Standpunktes können also nichtsdestotrotz eine motivationale Kraft für die Einnahme eines
ethischen Standpunktes auslösen. Poppers internalistische Motivationsauffassung zeigt sich im
Weiteren durch seine explizite Ablehnung des extrinsischen Motivationsverständnisses, nach
welchem die Menschen sogleich dazu aufgefordert werden, sich nach der Belohnung oder
allenfalls Bestrafung umzusehen. 1089 Für Popper steht dagegen fest: „Wir brauchen eine Ethik, die
Erfolg und Belohnung überhaupt ablehnt.“ 1090 Albert hat sich mit dem Thema „Motivation“ im
Zusammenhang mit seiner Kritik an der neoklassischen Theorie auseinandergesetzt, deren
Vertretern er vorwirft, an ihrer Theorie festzuhalten, um „sich von anderen Sozialwissenschaften,
besonders der Sozialpsychologie, fernzuhalten und die ernsthafte Behandlung von
Motivationsfragen zu vermeiden.“ 1091 In Anlehnung an den Motivationspsychologen John W.
Atkinson kann nach Albert für die Motivation folgendes Prinzip postuliert werden: „Die Stärke
der Motivation, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, ist eine multiplikative Funktion der
Motivstärke, der Stärke der Erwartung, daß die Handlung einen Anreiz realisieren, also eine
befriedigende Konsequenz haben wird, und der Stärke dieses Anreizes, also der relativen
Attraktivität dieser Konsequenz.“ 1092 Nach diesem Modell beeinflussen also drei Faktoren die
Motivation von Individuen, nämlich erstens die zugrunde gelegten Motive, zweitens die subjektive
Wertschätzung der Motivbefriedigung sowie drittens die subjektive Erwartung, das Ziel bzw. die
Motivbefriedigung auch erreichen zu können. Der Vorteil dieser Erwartungs-Valenz-Theorien 1093
mag darin gesehen werden, dass sie als prozessorientierte Motivationstheorien sowohl intrinsische
wie auch extrinsische Motivationslagen zu erklären vermögen, allerdings muss gerade nach dem
Kritischen Rationalismus der Erklärungswert solcher Theorien, die beinahe jedes individuelle
Verhalten durch einen passenden Rückgriff auf diese drei Faktoren erklären können, fragwürdig
erscheinen. Dessen ungeachtet steht für Albert im Übrigen fest, dass es unabhängig von den
individuellen Motivstrukturen für ethisches Verhalten noch mehr als „nur“ Motivation braucht,
nämlich didaktische Massnahmen: „Ganz gleichgültig, wie die Motivstrukturen der betreffenden
Individuen beschaffen sein mögen, spezielle Wertungskriterien und Orientierungsmaßstäbe für
ihr Verhalten in den verschiedenen sozialen Bereichen müssen von ihnen zusätzlich erworben
werden.“ 1094
13.4 Der Kritische Rationalismus als philosophische Grundlegung
Für die zu entwickelnde problemorientierte philosophische Management-Ethik wird die
Philosophie des von Karl R. Popper begründeten und von Hans Albert weiterentwickelten Kritischen
Rationalismus mit der erkenntnistheoretischen Grundeinstellung des Fallibilismus und der
problemorientierten Methodologie als Grundlage genommen. Das bedeutet: Die mit dieser Philosophie
untrennbar verbundenen moralischen Grundwerte haben erstens einen konstitutiven Charakter
hinsichtlich der mit der problemorientierten philosophischen Management-Ethik zu lösenden
1087
1088
1089
1090
1091
1092
1093
1094
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 357
Vgl. a.a.O., S. 272
Vgl. K. R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen, a.a.O., S. 201
A.a.O., S. 201
H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 201
A.a.O., S. 289
Vgl. W. Mayrhofer: „Motivation und Arbeitsverhalten“, in: Personalmanagement Führung Organisation, Hrsg. von
H. Kasper und W. Mayrhofer, Wien 2002, S. 275-280
H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 302f
145
Probleme, zweitens wird die vom Kritischen Rationalismus entwickelte ProblemlösungsMethodologie für nicht-wissenschaftliche Bereiche für die Theoriearchitektur der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik angewendet und drittens wird die
kritisch-rationale Metaethik als Stütze für die Beantwortung der Fragen hinsichtlich der
metaethischen Kategorien genommen.
Warum gerade die Philosophie des Kritischen Rationalismus mit der metaphysischen
Position des kritischen Realismus und dem mit dieser Position untrennbar verbundenen
Empirismusprinzip 1095? Denn immerhin bedeutet diese philosophische Auffassung, dass jede
rationale Diskussion über den Wahrheits- bzw. Problemlösungsgehalt von Meinungen, aber auch
wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Theorien, letztlich mit einem Bezug auf die Empirie, das
heisst mithilfe der Korrespondenztheorie der Wahrheit, zu entscheiden ist, obschon kein Kriterium
angegeben werden kann, wie zwischen den Strukturen der Realität und des menschlichen
Bewusstseins eine Kommensurabilität hergestellt werden könnte und deshalb der intersubjektiven
Übereinstimmung gleichwohl eine wichtige Funktion konzediert werden muss. Die teilweise heftig
geführte Kritik – Habermas kritisiert im Rahmen der Positivismusdebatte den Dualismus
zwischen Tatsachen und Entscheidungen 1096, Kuhn erhebt den Vorwurf, dass bei strikter
Anwendung des Falsifikationsprinzips sämtliche Theorien abgelehnt werden müssten 1097 und
Steinmann macht den Kritischen Rationalismus dafür verantwortlich, dass die
Betriebswirtschaftslehre vom rechten Weg abgekommen ist 1098 – muss ernst genommen werden,
auch wenn sie mindestens teilweise auf Missverständnissen gründet 1099. Darüber hinaus kann die
Kritik durchaus als ein Indiz für die grosse Bedeutung dieser Philosophie gewertet werden, was
durch die 11. Auflage der Logik der Forschung bzw. 8. Auflage des Werkes Die offene Gesellschaft und
ihre Feinde denn auch objektiv belegt ist. Wenn man im Weiteren bedenkt, dass es einem
Wissenschaftstheoretiker in erster Linie darum geht, den Wissenschaftlern philosophische
Grundlagen für erfolgreiche Forschung anzubieten, dann darf es als ein grosser Erfolg gewertet
werden, dass zu keinem anderen Philosophen sich so viele Wissenschaftler bekannt haben. 1100
Und im Übrigen sollte die Tatsache, dass der Kritische Rationalismus nicht mehr besonders
auffällig ist, keineswegs mit dem Nachlassen seiner Relevanz verwechselt werden. Hartmut Esser
betont, dass er während seiner Zugehörigkeit zum Bewilligungsausschuss für die Sonderforschungsbereiche der
Deutschen Forschungsgemeinschaft den Eindruck gewinnen konnte, „dass so gut wie alle anderen
Wissenschaften, soweit sie nicht dezidiert ‚geisteswissenschaftlicher‘ oder ganz bewusst nur
deskriptiver Natur sind (wie etwa die Mediävistik, die sog. Zeitgeschichte, die
Literaturwissenschaft oder die Afrikanistik), dem Konzept des Kritischen Rationalismus wie
selbstverständlich folgen, auch dann wenn sie das nicht wissen oder nicht immer wieder
ausdrücklich betonen.“ 1101 Die Begründung, weshalb die Philosophie des Kritischen
Rationalismus der zu entwickelnden problemorientierten philosophischen Management-Ethik
zugrunde gelegt wird – es handelt sich um die moralepistemologische Begründungsebene (im Rahmen der
dritten ethischen Grundfrage) –, ist nun folgende: Erstens ist die Philosophie mit ihrer
problemorientierten Methodologie sehr gut geeignet, mit wissenschaftlicher Sorgfalt
1095
1096
1097
1098
1099
1100
1101
146
Der Kritische Rationalismus lässt das Induktionsprinzip, nicht aber das Empirismusprinzip fallen. Das heisst:
Obschon beim Kritischen Rationalismus Theorien mithilfe von metaphysischen oder intuitiven Annahmen und
nicht durch induktive Schlussfolgerungen entstehen, gilt, dass die Anerkennung wissenschaftlicher, nichtwissenschaftlicher oder philosophischer Theorien allein auf Beobachtungen und Experimenten beruht. (Vgl.
H.-J. Niemann: „Empirismusprinzip“, in: Lexikon des Kritischen Rationalismus, a.a.O., S. 75f)
Vgl. J. Habermas: „Analytische Wissenschaftstheorie und Dialektik“, in: Der Positivismusstreit in der deutschen
Soziologie, 13. Auflage, Frankfurt a. M. 1989, S. 175
Vgl. T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, a.a.O., S. 157f
Vgl. H. Steinmann: „Die Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft“, in:
Betriebswirtschaftslehre als normative Handlungswissenschaft, a.a.O., S. 75
Vgl. H. Holweg: Methodologie der qualitativen Sozialforschung. Eine Kritik, Bern 2005, S. 11; 17-24, 188
Vgl. V. Gadenne: „Hat der kritische Rationalismus noch etwas zu lehren?“, in: Karl Poppers kritischer Rationalismus
heute, a.a.O., S. 58
H. Esser: „Wie lebendig ist der Kritische Rationalismus?“, in: Soziologische Revue. Besprechungen neuer Literatur,
Jg. 24, Heft 3 (2001), S. 273
Problemlösungen für einen spezifischen Bereich wie Management zu entwickeln. Zweitens gehört
es zum Selbstverständnis dieser Philosophie, dass Probleme mithilfe der Erkenntnisse der
empirischen Wissenschaften gelöst werden. Drittens lehnt diese Philosophie die sprachanalytische
Methode – als Selbstzweck – ab, mit der Konsequenz, dass der Fokus nicht auf die
Begriffsanalyse, sondern auf die Lösung von sich aufdrängenden Problemen gelegt werden kann.
Viertens kann die Philosophie des Kritischen Rationalismus mit ihren Grundwerten: Gleichheit,
Freiheit, Hilfe für die Schwachen sowie persönliche Verantwortung, die allesamt als gesellschaftlich tief
verankerte moralische Werte aufgefasst werden dürfen, in ausgezeichneter Weise als
philosophische Grundlage für die Entwicklung einer ethischen Theorie verwendet werden.
14 Die problemorientierte philosophische Management-Ethik auf der
Grundlage des Kritischen Rationalismus
Die Entwicklung einer problemorientierten philosophischen Management-Ethik auf der
Grundlage des Kritischen Rationalismus geschieht in sieben einzelnen Unterkapiteln: Im ersten
Unterkapitel wird auf der Basis des gewählten philosophischen Standpunktes eine sorgfältige
Problemanalyse erarbeitet. Das Ergebnis dieser Problemanalyse wird eine Aufgabenstellung sein, zu
deren Erfüllung im zweiten Unterkapitel die entsprechenden Ziele festgelegt werden. Im dritten
Unterkapitel geht es dann darum, hinsichtlich dieser Zielvorgaben adäquate ethische Prinzipien zu
entwickeln, während im vierten Unterkapitel deren Anwendungsvoraussetzungen sichergestellt
werden. Im fünften Unterkapitel wird an die Adresse der Unternehmensverantwortlichen eine
theoretische Motivationsleistung erbracht, die aufzeigen soll, weshalb es für die Unternehmen von
grosser Wichtigkeit ist, sich für die Annahme und Durchsetzung dieser ethischen Theorie zu
entschliessen. Abgeschlossen werden die Ausführungen mit einer abschliessenden Klarstellung
des Verhältnisses zwischen Ethik und Ökonomie sowie einer schematischen Darstellung der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik.
14.1 Das Problem als Ausgangspunkt
„Ich denke, daß es letztlich nur den einen Weg zur Wissenschaft oder zur Philosophie gibt: daß
Sie auf ein Problem stoßen, seine Schönheit erkennen, sich darein verlieben; mit dem Problem
dann geradezu verheiratet sind und glücklich mit ihm leben, sozusagen ›bis daß der Tod euch
scheidet‹, – es sei denn, Sie stoßen auf ein anderes, noch faszinierenderes Problem oder Sie
hätten tatsächlich eine Lösung gefunden. Aber selbst wenn Sie eine Lösung gefunden haben: Zu
Ihrer Freude werden Sie vielleicht bald entdecken, daß es eine ganze Familie von bezaubernden,
wenn auch möglicherweise schwierigen Problemkindern gibt, für deren Wohlergehen Sie arbeiten
können, mit einem Ziel vor Augen, bis an das Ende Ihrer Tage.“ 1102 Nach Popper besteht das
Faszinierende und Herausragende an der wissenschaftlichen und philosophischen Tätigkeit in
der Entdeckung von Problemen und der Arbeit an diesen. Während die Problemlösungsversuche häufig
bloss einen episodischen Charakter haben – und überhaupt von der Problemstellung abhängen –,
überdauern Probleme nicht selten mehrere Generationen von Menschen. Das Ziel dieses
Unterkapitels besteht nun darin, mithilfe einer sorgfältigen Problemanalyse dem teleologischen
System als Element der problemorientierten philosophischen Management-Ethik eine von ihr zu
lösende Aufgabe vorzugeben. Das Vorhaben ist in fünf Abschnitte gegliedert: Im ersten
Abschnitt werden gravierende moralische Problemphänomene aufgezeigt, im zweiten folgen
soziologische Untersuchungen mit Blick auf den Wirtschaftsbereich, so dass im dritten Abschnitt ein
vorläufiges Problemverständnis für die aufgezeigten moralischen Problemphänomene dargelegt
werden kann. Der vierte Abschnitt gilt den erkenntnistheoretischen Überlegungen, bevor dann zum
1102
K. R. Popper: Realismus und das Ziel der Wissenschaft, a.a.O., S. 6f
147
Abschluss eine akzentuierte Problemstellung im Sinne einer Aufgabe an das teleologische System
expliziert wird.
14.1.1 Moralische Problemphänomene
Bei den Überlegungen im Zusammenhang mit der kritisch-rationalen Metaethik wurde bereits
erwähnt, dass die Feststellung von Problemen mit bestimmten Wertvorstellungen koinzidiert.
Aus der Sicht der Philosophie des Kritischen Rationalismus und dessen moralischen
Grundwerten: Gleichheit, Freiheit, Hilfe für die Schwachen und persönliche Verantwortung
gelangen Phänomene wie Arbeitslosigkeit, Armut, Gesundheitsgefährdung, Zerstörung der Umwelt, politische
Instabilität, Wirtschaftskriminalität, Anstrengungen der Neuroökonomie-Neuromarketing sowie Megafusionen
ins Blickfeld, und zwar nicht im Sinne von hinzunehmenden Tatsachen, sondern als äusserst
bedenkliche moralische Problemkomplexe, gegen deren gravierende Auswirkungen wir sehr wohl
etwas unternehmen können – und auch sollen. Weil diese, eng mit der Philosophie des Kritischen
Rationalismus zusammenhängenden, moralischen Problemphänomene allesamt im Kontext des
kapitalistischen Marktwirtschaftssystem gesehen werden, geht es im Folgenden darum,
empirische Belege zu liefern, die nicht nur die Probleme bestätigen, sondern gar deren
Verschärfung. Im Übrigen ist mit dieser Problem-Nennung nicht gemeint, dass es im Kontext
des Wirtschaftssystems keine anderen Probleme gibt. Vielmehr soll die Wahl dahingehend
verstanden werden, dass diese Problemphänomene hinsichtlich der moralischen Grundwerte der
hier vertretenen Philosophie besonders schwerwiegend sind.
14.1.1.1 Arbeitslosigkeit
Die offizielle Arbeitslosigkeit ist in den letzten 10 Jahren weltweit um 25 Prozent gestiegen und
hat im Jahre 2008 die Zahl von 190 Millionen Menschen erreicht. 1103 Dabei fällt auf, dass trotz
guter Konjunktur in den letzten Jahren die absolute Zahl arbeitsloser Menschen grösser und die
Arbeitslosenquote nur geringfügig (-0.1 Prozent) kleiner wurde. 1104 Wegen der aktuellen Finanzund Wirtschaftskrise kann die Zahl arbeitsloser Menschen bis Ende 2009 gar um insgesamt 40
Millionen höher sein. 1105 Neben den Konjunkturzyklen zeigen sich die laufenden
Produktivitätssteigerungen als das Hauptproblem: „Productivity levels increased more than
employment levels, also a repeating trend from earlier years.“ 1106 Von einer eigentlich
dramatischen Situation muss bei den Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren gesprochen
werden, machen diese doch weltweit etwa die Hälfte aller Arbeitslosen aus. 1107 Mit 2 Millionen
jungen Menschen ohne Arbeit bzw. einer Quote von 18 Prozent grassiert das Monster
„Jugendarbeitslosigkeit“ in den EU-Ländern zwar etwas schwächer1108, dafür sind die
Auswirkungen in diesen Regionen wegen der damit verbundenen fehlenden sozialen
1103
1104
1105
1106
1107
1108
148
Vgl. Ch. Butz und O. V. Pictet: Belohnt die Börse die Schaffung von Arbeitsplätzen? Entwicklung der Mitarbeiterzahl als
Indikator für die „Soziale Verantwortung“ von Firmen und finanzielle Konsequenzen einer darauf ausgerichteten Anlagestrategie,
Pictet & Cie., Genf 2006, S. 8
[www.ethosfund.ch~, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. International Labour Office (ILO): Global Employment Trends. January 2009, S. 24
[www.ilo.org~, Veröffentlicht: Januar 2009, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. a.a.O.,, S. 15f
Vgl. International Labour Organization (ILO): Global Employment Trends January 2008, S. 9
[www.ilo.org~, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. Arbeitslosigkeit weltweit auf neuem Höchststand. ILO-Bericht über globale Beschäftigungstrends, Institut
für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Nürnberg 2006, S. 1
[www.doku.iab.de~, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. Ch. Butz und O. V. Pictet: Belohnt die Börse die Schaffung von Arbeitsplätzen?, a.a.O., S. 7
Anerkennung und Ausgrenzungsgefahr bedeutend gravierender1109. Die Auswirkungen der
Arbeitslosigkeit sind – nebst der fehlenden sozialen Anerkennung und Ausgrenzungsgefahr –
kaum zu überschätzen. Zu Recht betont Amarty Sen die damit verbundene Einbusse an
Selbständigkeit, Selbstvertrauen sowie seelischer und körperlicher Gesundheit. 1110 Dass
Arbeitslosigkeit kein Naturphänomen ist, sondern durchaus im Einflussbereich der Unternehmen
liegt, zeigt sich anhand der vielen Beispiele, wo Arbeitsplätze allein zwecks besseren
Kostenstrukturen abgebaut werden, obschon die Unternehmen nicht selten über Vermögen in
Milliardenhöhe verfügen oder aber das Top-Management selbst Binsenwahrheiten nicht
berücksichtigt, so dass schliesslich Tausende von Mitarbeitern entlassen werden müssen 1111.
14.1.1.2 Armut
Nach dem österreichischen Regisseur Erwin Wagenhofer werfen die Menschen in Wien mehr
Brot weg, als in Graz täglich gegessen wird. 1112 Und gleichzeitig sterben der Schätzung nach pro
Tag weltweit 15'000 Kinder an den Folgen von Unterernährung. 1113 Armut hängt zwar eng mit
Arbeitslosigkeit zusammen, aber nicht nur, wie 1.4 Milliarden Menschen – das sind ungefähr 50
Prozent der erwerbstätigen Gesamtbevölkerung – zeigen; denn diese sind trotz Erwerbstätigkeit
nicht in der Lage, ihre Familien mit Einkünften von über zwei Dollars zu versorgen. 1114 Die
Armut ist keineswegs nur auf die Entwicklungsregionen begrenzt. So ist im Land der
unbegrenzten Möglichkeiten, den Vereinigten Staaten, die Armut heute grösser als vor 30
Jahren. 1115 Nach The Nation ist die Zahl armer, aber arbeitenden Menschen grösser als 30
Millionen: „More than 30 million Americans – one in four workers – are stuck in low-wage jobs
that do not provide the basics for a decent life.“ 1116 Auch in den Ländern der Europäischen
Union zeigt sich seit den letzten zehn Jahren der Trend zu einem grösseren Armutsrisiko. 1117 Im
Zusammenhang mit der EU-Erweiterung hat sich im Weiteren gezeigt, dass die relativen
Armutsraten 1118 der neu dazugekommenen Staaten gegenüber den „alten“ Ländern eher klein sind,
die Probleme in Bezug auf soziale Ausgrenzung, Armut und die ungenügende
Lebensbedingungen sich jedoch im Zuge der EU-Integration eher verschärfen. 1119 Und selbst in
der reichen Schweiz ist Working Poor längst kein Randphänomen mehr. Die Berner Kantonsregierung
hat dem Parlament einen Bericht zu den Kosten der Sozialhilfe vorgelegt. Erstaunt hat dabei der
hohe Anteil von Working Poor unter den Sozialhilfeempfängern, nämlich 32 Prozent. 1120 Das
1109
1110
1111
1112
1113
1114
1115
1116
1117
1118
1119
1120
Vgl. M. Kronauer: Exklusion. Die Gefährdung des Sozialen im hoch entwickelten Kapitalismus, Frankfurt a. M. 2002,
S. 166
Vgl. A. Sen: Ökonomie für den Menschen, a.a.O., S. 33
Vgl. A. Johann: „Subprime-Krise zwingt UBS zu Entlassungen“, Wirtschaftsblatt
[www.wirtschaftsblatt.at~, Veröffentlicht: 01.10.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. We feed the world, Wien 2005
[www.we-feed-the-world.at/film.htm, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. G. Phillips: “Fight Hunger, Join the Walk”, Unicef, Kuala Lumpur 2006
[www.unicef.org~, Veröffentlicht: 21.05.2006, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. Arbeitslosigkeit weltweit auf neuem Höchststand, a.a.O., S. 1
Vgl. R. Dunifon: „Poverty and Policy in the United States During the 1990’s“, in: Die Armut der Gesellschaft,
Hrsg. von E. Barlösius und W. Ludwig-Mayerhofer, Opladen 2001, S. 226
B. Shulman: „Working and Poor in the USA“, The Nation
[www.thenation.com~, Veröffentlicht: 22.01.2004, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. Europäische Kommission: Die soziale Lage in der Europäischen Union. 2004 Kurzfassung, Brüssel 2004, S. 11f
[www.ec.europa.eu~, Zugriff: 29.04.2009]
Relative Armutsraten beziehen sich auf durchschnittliche Einkommenswerte. Die absolute Armut dagegen
bedroht die physische Existenz; dies ist nach der World Health Organization (WHO) dann der Fall, wenn weniger
als 1 Dollar pro Tag ausgegeben werden kann. (Vgl. Glossary: „absolute poverty“, World Health Organization
[www.who.int~,Zugriff: 29.04.2009])
Vgl. Die soziale Lage in der Europäischen Union, a.a.O., S. 15
Vgl. mjm./sda: „Viele Working Poor im Kanton Bern. Viele beziehen Sozialhilfe und arbeiten voll“, NZZOnline
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 27.01.2009, Zugriff: 29.04.2009]
149
heisst: Jede dritte Person, die im Kanton Bern Sozialhilfe empfängt, geht einer Tätigkeit nach,
wovon 42 Prozent gar voll erwerbstätig sind. 1121 Nicht weniger bedenklich ist die Feststellung,
dass in Krisenzeiten Tiernahrung besonders hohe Verkaufszuwächse erzielt. Der Verdacht: „Das
Futter landet nicht nur in den Näpfen von Hunden und Katzen.“ 1122 Nach Amarty Sen gibt es
gute Gründe dafür, „Armut als Mangel an fundamentalen Verwirklichungschancen zu betrachten
und nicht bloß als zu niedriges Einkommen. Ein Mangel an Verwirklichungschancen kann sich in
niedriger Lebenserwartung, schwerer Unterernährung (vor allem bei Kindern), chronischen
Krankheiten, weitverbreiteten Analphabetismus und anderen Nöten niederschlagen.“ 1123 Und
sogar zu einer körperlichen Verstümmlung führen, wie uns schockierende Berichte über den
blühenden Organhandel in Indien zeigen. 1124 Angesichts der beinahe unglaublichen Tatsache, dass
10 Prozent der reichsten Menschen 85 Prozent des Weltvermögens gehören, während sich die
ärmere Hälfte der Menschen gerade mal mit 1 Prozent zu begnügen hat1125, muss auch dieses
Phänomen in erster Linie als ein durch die Menschen verursachtes, damit aber auch
veränderbares Problem gesehen werden.
14.1.1.3 Gesundheitsgefährdung
Nach der WHO haben prekäre sozialökonomische Lebensbedingungen wie Arbeitslosigkeit,
Armut, soziale Ausgrenzung und mangelnde Wohnbedingungen einen grossen Einfluss auf die
Gesundheit der Menschen. 1126 Immer mehr stellt sich aber auch heraus, dass die Gesundheit
direkt durch die Arbeit gefährdet ist. Die Europäische Stiftung zur Verbesserung der Lebensund Arbeitsbedingungen führte im Jahre 1990, 1995 und 2000 bei über 21'000 Menschen
repräsentative Umfragen in allen EU-Ländern durch. 1127 Laut dem Bericht Third European Survey on
Working Conditions konnten trotz politischer Bemühungen weder in Bezug auf die Risikofaktoren
noch hinsichtlich der Arbeitsbedingungen gegenüber früheren Untersuchungen Verbesserungen
festgestellt werden 1128, wobei nach der subjektiven Wahrnehmung der Befragten die
Gesundheitsprobleme eindeutig durch das hohe Arbeitstempo verursacht sind. 1129 Insgesamt 42
Prozent der Befragten glauben nicht, ihre Tätigkeit bis zum Alter von 60 Jahren ausüben zu
können. 1130 Wie dramatisch Arbeitsbedingungen sein können, zeigt die neue RenaultKonzernleitung; ihre Zielsetzungen führten zu mehreren Selbsttötungen, „die mindestens zum
Teil auf Arbeitsüberlastung zurückzuführen sind“ 1131. Auch nicht gerade von einer hohen
Rücksichtnahme auf die Gesundheit kann gesprochen werden, wenn ein Geschäftsführer gesucht
wird, der als leitende Führungsperson explizit 15 Stunden täglich erreichbar sein muss. 1132 Nebst
den körperlichen Gesundheitsproblemen zeigen sich immer mehr auch psychosomatische
Beschwerden. 1133 Christina Maslach und Michael P. Leiter sind seit mehr als 20 Jahren führend in
1121
1122
1123
1124
1125
1126
1127
1128
1129
1130
1131
1132
1133
150
Vgl. a.a.O.
R. Mayer: „Das Rätsel um den Boom beim Hundefutter“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Veröffentlicht: 08.04.2009, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. A. Sen: Ökonomie für den Menschen, a.a.O., S. 32
Vgl. T. Schmitt: „Eine Niere für 500 Euro“, Spiegel Online
[www.spiegel.de~, Veröffentlicht: 13.06.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. M. R. Krätke: „Die Armen und die Superreichen“, Freitag. Die Ost-West-Wochenzeitung
[www.Freitag.de~, Veröffentlicht: 12.01.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. World Health Organization (WHO), Regional Office for Europe, Socioeconomic determinants of health
[www.euro.who.int~, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. A. Hillert und M. Marwitz: Die Burnout Epidemie oder Brennt die Leistungsgesellschaft aus?, München 2006, S. 213
Vgl. a.a.O., S. 213
Vgl. a.a.O., S. 213
Vgl. a.a.O., S. 214
S. Brändle: „Suizide: Renault-Chef gerät unter Druck“, in: Neue Luzerner Zeitung, Ausgabe: 25.10.2007, S. 15
Vgl. Stelleninserat: „Geschäftsführer als Partner des CEO“, in: Neue Zürcher Zeitung. NZZexecutive,
Ausgabe: 13./14.10.2007, S. e 7
Vgl. A. Hillert und M. Marwitz: Die Burnout Epidemie oder Brennt die Leistungsgesellschaft aus?, a.a.O., S. 215
der Erforschung von Burnout und sehen diese immer weiter grassierende Krankheit in einem
direkten Zusammenhang mit unserem Wirtschaftssystem: „Die Wurzeln des Problems liegen in
den wirtschaftlichen Trends, der Technologie und der Management-Philosophie.“ 1134 Dem
weitverbreiteten Einwand, dass Burnout selbst verschuldet sei, stellen sich die Autoren dediziert
entgegen: „Aber unsere Forschungen haben zu einem völlig gegensätzlichen Resultat geführt.
Unsere umfassenden Studien haben ergeben, dass Burnout nicht das Problem der Menschen
selbst ist, sondern das Problem des sozialen Umfeldes, in dem Menschen arbeiten. (…) Wenn das
Arbeitsumfeld die menschliche Seite der Arbeit nicht berücksichtigt, dann steigt das Risiko von
Burnout und ein hoher Preis ist dafür zu bezahlen.“ 1135
14.1.1.4 Umweltzerstörung
Am 2. Februar 2007 hat das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) die
Zusammenfassung seines nach 1990, 1995 und 2001 vierten Berichtes über die
Klimaveränderungen der Öffentlichkeit vorgestellt. Erstmals wurde in diesem Bericht in aller
Deutlichkeit darauf hingewiesen, dass die beobachteten Veränderungen der Atmosphäre, der
Weltmeere und des Verlustes von Packeis nicht allein auf natürliche Ursachen zurückgeführt
werden können, sondern durch die Menschen verursacht sind. 1136 Die Autoren präsentieren sechs
Szenarien, um einen Eindruck von der weiteren Erwärmung der Atmosphäre – hervorgerufen
durch Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) oder Methan – vermitteln zu können: Im besten
Fall kann von einer weiteren Erwärmung bis 2100 von 1.1 bis 2.9 Grad Celsius ausgegangen
werden, im schlimmsten Fall beträgt sie 2.4 bis 6.4 Grad und am wahrscheinlichsten liegt die
Spannbreite zwischen 1.7 und 4 Grad Celsius. 1137 In Bezug auf den Meeresspiegel bedeutet dies:
Er wird im besten Fall um 18 bis 38 Zentimeter, im schlimmsten Fall aber um 26 bis 59
Zentimeter steigen. 1138 Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass diese Veränderungen vielen
Menschen, zum Beispiel Inselbewohnern, unvorstellbar grosses Elend und Leid zufügen werden.
Welch grossen Einfluss das Wirtschaftssystem auf die Umweltzerstörung haben kann, zeigt sich
am „Wirtschaftswunder“ China: 16 der 20 am meisten luftverschmutzten Metropolen befinden
sich in diesem Land, 80 Prozent der Fabriken liegen an den Wasserstrassen oder in dicht
besiedeltem Gebiet, während über 700 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem
Trinkwasser haben. 1139 Angesichts dieser dramatischen Lage kann es kaum erstaunen, dass in
China die häufigste Todesursache Atemerkrankungen sind und 90 Prozent des Graslandes von
der Austrocknung und Versandung bedroht ist. 1140
14.1.1.5 Politische Instabilität
Die Auswirkungen politischer Instabilitäten sind mit den terroristischen Anschlägen in der
jüngsten Zeit eindrücklich in unser Bewusstsein eingedrungen. Zu denken geben sollten aber
auch viel weniger bedeutende Ereignisse. Fussballfans werden am Bahnhof von Polizeitruppen in
1134
1135
1136
1137
1138
1139
1140
Ch. Maslach und M. P. Leiter: Die Wahrheit über Burnout. Stress am Arbeitsplatz und was Sie dagegen tun können,
Wien 2001, S. 2
A.a.O., S. 20
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): Climate Change 2007. Synthesis Report. Summary for
Policymakers, Geneva 2007, S. 5
[www.ipcc.ch~, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. a.a.O., S. 13f
Vgl. a.a.O., S. 8
Vgl. M. Machnig: „Das China-Syndrom“, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
[www.bmu.de~, Veröffentlicht: 29.08.2006, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. H. Maass: „Zerstörendes Wachstum“, Der Tagesspiegel
[www.tagesspiegel.de~, Veröffentlicht: 07.06.2006, Zugriff: 29.04.2009]
151
Empfang genommen, damit sie direkt in die von der Polizei zu eskortierenden Autobusse
verfrachtet und, nach Ankunft beim Fussballstadion, in die eigens für die Gäste vorgesehenen
abgetrennten Gittergehege eingesperrt werden können. Von daher ist das Sicherheitsdispositiv
für die EURO 08 1141, bestehend aus 16'000 Polizisten, 15'000 Soldaten, unzähligen, rund um die
Uhr bereitstehenden Personen privater Sicherheitsfirmen, 80 Szeneninsidern, die Namen und
Daten von Hooligans sammeln, 68 Kampfjets sowie 24 den nationalen Luftraum abriegelnden
Aufklärungsdrohnen bloss die nachvollziehbare Konsequenz. Im Januar 2008 haben militante
WEF-Gegner in Basel, unter dem Slogan: Kampf dem WEF, nieder mit der herrschenden Ordnung,
mehrere Luxusautos angezündet und bei einer Bankfiliale sämtliche Schaufenster zertrümmert 1142,
während ein paar Tage vorher in Bern, anlässlich einer unbewilligten WEF-Demonstration, 200
Personen zwischenzeitlich verhaftet werden mussten 1143. Die Beispiele, die Hinweise auf einen
zunehmenden Zerfall des sozialen Zusammenhalts hinweisen, könnten leicht ergänzt werden, so
etwa mit dem Phänomen „Komma-Saufen“. Wenigstens wird hier – ausnahmsweise –
konstatiert, dass die Ursachen geklärt werden müssen; denn „wirklich bekämpfen können wir
das ‚Koma-Saufen‘ nur, wenn wir die Frage nach dem ‚Warum?‘ klären.“ 1144
14.1.1.6 Wirtschaftskriminalität
Im Jahre 2005 wurde der US-Pharmakonzern Merck zu einem Schadenersatz von 253 Millionen
US-Dollar wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Einführung des Medikamentes Vioxx
verurteilt. 1145 Um fast 27‘000 weitere Klagen abzuwehren, bezahlte der Konzern weitere 4.85
Milliarden US-Dollar – nach der Einnahme des Medikamentes während 18 Monaten verdoppelte
sich das Herzinfarktrisiko der Patienten. 1146 Im Jahre 2007 musste der Pharmariese Roche einem
Konsumenten einen Schadenersatz von 2.5 Millionen US-Dollar wegen nicht ausreichenden
Informationen über die schweren Nebenwirkungen des Akne-Medikaments Accutane bezahlen. 1147
Der Pharmakonzern Octapharma hat den Preis des kassenpflichtigen Produktes Octagam ohne
Bewilligung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) um 30 Prozent erhöht und damit illegal
gehandelt. 1148 Weil Octapharma den Schweizer Markt mit einem Anteil von mehr als 50 Prozent in
diesem spezifischen Bereich beherrscht und die Patienten dringend auf das Medikament
angewiesen sind, werden die Spitäler bzw. die Bürger diese Preiserhöhungen übernehmen
müssen. Vor einigen Monaten hat der Staat Nigeria den Pharmariesen Pfizer auf knapp 7
Milliarden Dollar verklagt. 1149 Nigeria wirft dem Unternehmen vor, während einer MeningitisEpidemie das nicht zugelassene Medikament Trovan getestet zu haben, wodurch mehrere Kinder
gestorben seien und viele andere irreversible Gesundheitsschäden erlitten hätten. 1150 Um einen
1141
1142
1143
1144
1145
1146
1147
1148
1149
1150
152
Vgl. „EURO 2008 - Sicherheit“, SF Schweizer Fernsehen
[www.sf.tv~, Aktualisiert: 03.11.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. smw/sda: „WEF-Gegner bekennen sich zu Brandanschlägen“, news.ch
[www.news.ch~, Aktualisiert: 24.01.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. AP: „200 Festnahmen an der Anti-WEF-Demo in Bern“, 20 Minuten
[www.20min.ch~, Aktualisiert: 19.01.2008, Zugriff: 29.04.2009]
G. Lachmann: „Alkoholverbot. Schluss mit dem Koma-Saufen!“, Welt Online
[www.welt.de~, Veröffentlicht: 13.03.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. afp: „Vioxx: Merck zu 253 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt“, Deutsches Ärzteblatt
[www.aerzteblatt-studieren.de~, Veröffentlicht: 22.04.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. „Merck zahlt fast fünf Milliarden Dollar an Vioxx-Opfer“, 123recht.net
[www.123recht.net~, Veröffentlicht: 09.11.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. „Roche wegen Akne-Mittel verurteilt“, Swissinfo.ch
[www.swissinfo.ch~, Veröffentlicht: 30.05.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. „Pharmafirma: Illegales Preis-Diktat“, SF Schweizer Fernsehen. Kassensturz
[www.sf.tv~, Veröffentlicht: 17.04.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. HB ABUJA: „Medikamententest mit tödlichem Ausgang. Nigeria verklagt Pfizer auf Milliarden“,
Handelsblatt
[www.handelsblatt.com~, Veröffentlicht: 05.06.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. a.a.O.
hohen
Proteingehalt
vorzutäuschen,
haben
Bauern,
Milchsammelstellen
oder
Milchpulverhersteller in China ihre Milchprodukte mit der Chemikalie Melamin, das
normalerweise für Kunstharze, Putzmittel und Leime zur Anwendung gelangt und als
Lebensmittelzusatz streng verboten ist, gepantscht. 1151 Mehrere Kinder sind mittlerweile an den
Folgen gestorben und Hunderttausende erkrankt. Der Discounter Lidl muss eine Busse von 1.5
Millionen Euro wegen systematischer Bespitzelung seiner Mitarbeiter in über 900 Filialen
bezahlen. 1152 Beauftragte Detektive führten Protokoll, wann und wie oft Mitarbeiter die Toilette
aufsuchen, wer mit wem möglicherweise liiert ist oder wer nach der Ansicht der Überwacher
unfähig, introvertiert und naiv wirkt. Ein ähnliches Vergehen hat die Deutsche Bahn begangen,
indem sie ohne Beteiligung und Information des Betriebsrates unrechtmässige Datenscreenings
bei 170‘000 Beschäftigten durchführte. 1153 Dabei sind mehrere Male die Adressen und
Bankverbindungen der Beschäftigten mit den Daten von Lieferanten abgeglichen worden – zur
Abwehr von Korruption, so wird offiziell argumentiert. Weil die amerikanische Handelskette
Wal-Mart gegen die Gesetze des Staates Pennsylvania verstossen hat, muss sie die Summe von
78.5 Millionen Dollar Schadenersatz bezahlen. 1154 An der Sammelklage haben sich 187‘000
aktuelle und ehemalige Beschäftigte beteiligt, die wöchentlich ohne Bezahlung bis zu zwölf
Stunden Mehrarbeit leisten mussten. Das Unternehmen wurde bereits zweimal durch Gerichte in
Kalifornien und Colorado zu Schadenersatzzahlungen von mehr als 220 Millionen Dollar
verurteilt. 1155 Nestlé will den Durst armer Menschen mit dem Flaschenwasser Pure Life stillen.
Nachdem der Nahrungsmittelkonzern den französischen Getränkehersteller Perrier übernommen
und die Pump- und Abfüllanlagen massiv ausgebaut hatte, zeigten sich beim brasilianischen
Kurort São Lourenço gravierende Probleme: „Eine Quelle versiegte. Aus den anderen Quellen
fliesst weniger Wasser, und der Geschmack der Mineralwässer hat sich verändert. Im Boden
zeigen sich Risse. Auf dem Fabrikareal sterben Bäume.“ 1156 Nestlé musste die Quelle für Pure Life
in São Lourenço definitiv schliessen und einen Schadenersatz bezahlen, nachdem bekannt
geworden war, dass das Unternehmen illegal einen 150 Meter tiefen Schacht ausgehoben hatte
und dadurch den Grundwasserspiegel zum Nachteil der einheimischen Bevölkerung
beschädigte. 1157 Die Liste der fehlbaren unternehmerischen Handlungen liesse sich ohne
Schwierigkeiten fast beliebig erweitern. Nach Günter Janke erweist sich insbesondere „ein
aggressiver Wettbewerb, dessen Formen und Instrumente zwischen traditionellem Handeln und
Wirtschaftskrieg oszillieren“ 1158 als ein idealer Nährboden für Wirtschaftskriminalität. Seiner
Ansicht nach wird Wirtschaftskriminalität als eine Form des Handelns ohne ethisches Fundament ein
beängstigend aktuelles Thema bleiben und für die Unternehmen sogar zum grössten Risiko
werden. 1159
1151
1152
1153
1154
1155
1156
1157
1158
1159
Vgl. pfi: „Ein Milchpulver-Skandal erschüttert China“, NZZOnline
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 16.09.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. sda/rtd: „Bespitzelung: Lidl muss 1,5 Millionen Euro zahlen“, Tagblatt
[www.tagblatt.ch~, Veröffentlicht: 11.09.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. ap: „Chef der Deutschen Bahn entschuldigt sich. ‹‹Bedauern›› wegen Bespitzelung“, NZZOnline
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 06.02.2009, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. tim/Reuters: „Wal-Mart muss früheren Mitarbeitern 80 Millionen Dollar zahlen“, SpiegelOnline
[www.spiegel.de~, Veröffentlicht: 14.10.2006, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. a.a.O.
R. Berger: „Nestlés Geschäft mit dem ‹‹reinen Leben››“, TagesAnzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Veröffentlicht: 10.10.2005, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. „Niederlage für Nestlé in Brasilien“, Informationsplattform humanrighst.ch
[www.humanrights.ch~, Aktualisiert: 16.06.2006, Zugriff: 29.04.2009]
G. Janke: Kompendium Wirtschaftskriminalität, Frankfurt a. M. 2008, S. 289
Vgl. a.a.O., S. 289
153
14.1.1.7 Anstrengungen der Neuroökonomie-Neuromarketing
Nach dem von Erich Gutenberg prominent vorgegebenen Grundsatz (vgl. S. 83) soll die
Betriebswirtschaftslehre mithilfe ihrer Forschung den Unternehmen Erkenntnisse zur Verfügung
stellen, um mit dem kleinstmöglichen Risiko eine höchstmögliche Kapitalrendite zu erzielen. Und
dabei zeigt sich für die Unternehmen ein zentrales Problem, nämlich die Unsicherheit im Absatz der
eigenen Produkte und Dienstleistungen. Ist es angesichts dieser Situation verwunderlich – so fragt
Gutenberg anlässlich einer akademischen Festrede im Jahre 1957 –, „daß sich die
betriebswirtschaftliche Forschung mit Energie in alle Bestrebungen einschaltete, die das
‚Unberechenbare‘ der wirtschaftlichen Vorgänge so weit wie möglich berechenbar machen
wollten?“ 1160 Deshalb ist es nach Gutenberg auch verständlich, „daß sich die
Betriebswirtschaftslehre intensiv mit der Frage beschäftigt hat, wie die Verhältnisse und
Entwicklungstendenzen im Absatzraum der Unternehmen durchsichtiger gemacht werden
könnten, um die voraussichtliche Entwicklung sicherer abschätzen und die eigenen
absatzpolitischen Maßnahmen erfolgreich kontrollieren zu können.“ 1161 Dem vollumfänglich
entsprechend sind in den letzten Jahrzehnten verhaltenstheoretische, psychologische und soziologische
Erkenntnisse in die Marketingstrategien eingeflossen, so dass Bücher über die Kunst skrupelloser
Verkaufsmanipulationen offensichtlich einem wirklichen Bedürfnis entsprechen1162. Grit Hein
und Christoph Henning stellen (kritisch) fest: Was in den 1950er Jahren noch einen Skandal
hervorrief, nämlich die Aussage, „dass die Menschen durch eine fachpsychologisch angeleitete
Werbung unbewusst gesteuert würden, dies wird heute, als wäre nichts dabei, als
Grundvoraussetzung eines erfolgreichen Marketings genannt“ 1163.
Seit einigen Jahren haben sich mit Neuroökonomie und Neuromarketing – Letzteres ist ein
Teilgebiet der Neuroökonomie – Disziplinen herausgebildet, die die Erkenntnisse der
Gehirnforschung für ökonomische Zwecke fruchtbar zu machen versuchen. Wolfgang Ullrich
betont, dass die Konsumgesellschaft in diesem Sinne zu einem wichtigen Motor für die
Erforschung des Menschen geworden ist und in Unternehmen – unter strengsten
Sicherheitsvorkehrungen! – mehr interdisziplinär gearbeitet wird als in den Universitäten. 1164 Und
dabei geben sich Neuroökonomie und Neuromarketing nicht mehr mit dem (mehr oder weniger)
rational handelnden Menschen zufrieden – dem homo oeconomicus –, vielmehr soll es ihnen
„vorrangig gelingen, die automatischen, nicht bewussten Prozesse sichtbar zu machen, die den
Anstrengungen der Psychologen in der Vergangenheit nur gar zu oft widerstanden haben.“ 1165
Anders gesagt: In anerkannten Experimenten soll der Nachweis erbracht werden, dass dem
menschlichen Willensentschluss „hinreichend unbewußte neuronale Geschehnisse vorausgehen“ 1166.
Das bedeutet: Es soll ein besseres Verständnis des Konsumentenverhaltens – als Reaktion auf
Marketingstimuli – erreicht und das menschliche Gehirn als Organ der Kaufentscheidung
begriffen werden, „um durch die Analyse der Hirnaktivitäten die Effizienz und Effektivität von
Marketingmaßnahmen zu erhöhen.“ 1167 Noch prägnanter bringen Cornelia Hain, Peter Kenning
und Marco Lehmann-Waffenschmidt das Ziel der neuroökonomischen Forschung auf den
Punkt: „Ein erklärtes Ziel der neuroökonomischen Forschung ist die vollständige Erklärung des
1160
1161
1162
1163
1164
1165
1166
1167
154
E. Gutenberg: „Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft. Akademische Festrede, gehalten bei der
Universitätsgründungsfeier am 22. Mai 1957“, in: in: Geschichte der Betriebswirtschaftslehre, a.a.O., S. 19
A.a.O., S. 19
Vgl. G. Beck: Verbotene Rhetorik. Die Kunst der skrupellosen Manipulationen, 4. Auflage, Frankfurt a. M. 2006
G. Hein und Ch. Kenning: „Wahrnehmung im Gehirn. Limits, Optimierungen und ihre Implikationen für die
Neuroökonomie“, in: Neuroökonomie. Neue Theorien zu Konsum, Marketing und emotionalem Verhalten in der Ökonomie,
Marburg 2007, S. 119
Vgl. W. Ullrich: Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur?, Frankfurt a. M. 2008, S.120f
W. J. Koschnick: „Neuroökonomie und Neuromarketing. Eine Einführung in ein komplexes Thema“, in: FocusJahrbuch 2007. Schwerpunkt: Neuroökonomie, Neuromarketing und Neuromarktforschung, Hrsg. von W. J. Koschnick,
München 2007, S. 8
G. Roth: „Worüber dürfen Hirnforscher reden - und in welcher Weise?“, in: Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur
Deutung der neuesten Experimente, Hrsg. von Ch. Geyer, Frankfurt a. M. 2004, S. 72
W. J. Koschnick: „Neuroökonomie und Neuromarketing. Eine Einführung in ein komplexes Thema“, in: FocusJahrbuch 2007, a.a.O., S. 10
menschlichen Verhaltens in ökonomisch relevanten Situationen.“ 1168 Und wozu sollen die
Erkenntnisse verwendet werden? Dazu Gerhard Raab, Oliver Gernsheimer und Maik Schindler:
„Letztendliches Ziel des Neuromarketing ist es mithin, Verbraucher zielgerichtet zu Käufern zu
machen und Marken nachhaltig im Konsumentengehirn zu manifestieren.“ 1169 Damit aber noch
nicht genug: Hans J. Markowitsch fragt: „Was können Hirnforschung und Biopsychologie der
Wirtschaft bieten?“ 1170 Seine erste von insgesamt zehn Antworten lautet: „Individuen sind in
hohem Maße beeinflussbar, wobei eine ‚willentliche‘ Kontrolle (Abwehr) von Einflüssen
höchstens teilweise möglich ist“ 1171. Mit anderen Worten: Die Menschen können beeinflusst
werden, und zwar so, dass sie diese Beeinflussung höchstens teilweise verhindern können.
Was antworten Hain, Kenning und Lehmann-Waffenschmidt auf kritische Fragen
hinsichtlich der Manipulationsmöglichkeit? „Die bestehenden Sorgen in diese Richtung sind beim
heutigen Stand der Forschung bis auf weiteres in der Tat vollständig unbegründet. Den
bildgebenden Techniken gelingt es insbesondere (noch) nicht, Aufschluss über die Interaktion
zwischen den verschiedenen aktivierten Neuronensystemen zu erlangen.“ 1172 Mit anderen
Worten: Die Sorgen um die Möglichkeit von Manipulationen sind unbegründet, weil Letztere
noch nicht möglich sind – aber nicht etwa deshalb, weil die Manipulationen nicht angestrebt werden! Von
dem, was wir von der Neuroökonomie erwarten dürfen bzw. müssen, gibt uns Gerhard Roth
einen – in kritischer Absicht geäusserten – Vorgeschmack; er sagt: „manche Versuchspersonen
führen unter frei gestaltbaren Bedingungen (zum Beispiel beim Einkaufen) Willenshandlungen
aus, die sie überhaupt nicht oder nicht in dieser Weise gewollt haben, behaupten aber
anschließend, sich so verhalten zu haben, wie ursprünglich intendiert. Diese Untersuchungen
zeigen, daß unsere Handlungsintentionen häufig den tatsächlichen Handlungen nachträglich
angepaßt werden und Personen sich gelegentlich, wenn nicht gar häufig, fälschlich Handlungen
zuschreiben können, die sie in Wirklichkeit gar nicht bewirkt haben.“ 1173 Oder mit den
(ablehnend gemeinten) Worten von Grit Hein und Christoph Henning: „Wer nicht kaufen mag,
soll kaufbereit gemacht werden, und zwar ohne dass er es merkt.“ 1174 Aber wohin führt das? Nach
Douglas Rushkoff zum Wahnsinn: „Wenn wir aber nicht mehr über diese unsichtbare Hand
nachdenken, die unser Beobachten und unser Handeln lenkt, dann laufen wir Gefahr, wahnsinnig
zu werden.“ 1175
14.1.1.8 Megafusionen
Multinationale Unternehmen werden immer grösser. Die weltweite Fusionstätigkeit hat sich gegenüber
den frühen 1990iger Jahren vervielfacht und im Jahre 2000 die Zahl von 25‘000
Unternehmenszusammenschlüssen überschritten. 1176 Die Meldung des weltgrössten
Pharmakonzerns Pfizer, der vor acht Jahren für 93.4 Milliarden das Unternehmen Warner-Lambert
übernommen hat und nun im Januar 2009 verkündet, für 68 Milliarden Dollar den Konkurrenten
1168
1169
1170
1171
1172
1173
1174
1175
1176
C. Hain et al.: „Neuroökonomie und Neuromarketing. Neurale Korrelate strategischer Entscheidungen“, in:
Neuroökonomie, a.a.O., S. 85
G. Raab et al.: Neuromarketing. Grundlagen – Erkenntnisse – Anwendungen, Wiesbaden 2009, S. 7
H. J. Markowitsch: „Neuroökonomie – wie unser Gehirn unsere Kaufentscheidung bestimmt“, in:
Neuroökonomie, a.a.O., S. 12
A.a.O., S. 12
C. Hain et al.: „Neuroökonomie und Neuromarketing. Neurale Korrelate strategischer Entscheidungen“, in:
Neuroökonomie, a.a.O., S. 98
G. Roth: „Worüber dürfen Hirnforscher reden - und in welcher Weise?“, in: Hirnforschung und Willensfreiheit,
a.a.O., S. 75f
G. Hein und Ch. Kenning: „Wahrnehmung im Gehirn. Limits, Optimierungen und ihre Implikationen für die
Neuroökonomie“, in: Neuroökonomie, a.a.O., S. 120
D. Rushkoff: Der Anschlag auf die Psyche. Wie wir ständig manipuliert werden, Übers. von M. Baltes et al., Stuttgart
und München 2000, S. 10
Vgl. J. Kleinert und H. Klodt: „Die fünfte Fusionswelle: Ausmaße und Hintergründe“, in: Megafusionen. Motive,
Erfahrungen und wettbewerbspolitische Probleme, Hrsg. von P. Oberender, Berlin 2002, S. 9f
155
Wyeth aufzukaufen 1177, gehört schon beinahe zu den ganz normalen Wirtschaftsnachrichten. Pfizer
wird nach dieser Übernahme einen geschätzten Jahresumsatz von 75 Milliarden Dollar erzielen,
was etwa der Hälfte des Bruttosozialproduktes von Südafrika entspricht, das seinerseits das höchste
von allen afrikanischen Staaten ist.
Warum fusionieren Unternehmen? Nach den offiziellen Verlautbarungen geht es in erster
Linie um die Senkung der Kosten, Realisierung von Synergien, Erreichung der optimalen Grösse im
globalen Wettbewerb, Steigerung der Managementfähigkeiten, Verbesserung der Kapitalstruktur usf.
Allerdings zeigen verschiedene empirische Studien, dass die erwarteten bzw. angekündigten
Vorteile oft nicht realisiert werden. 1178 Nach Oliver Budzinski und Wolfgang Kerber gilt für
Megafusionen sogar, „dass deutlich weniger als die Hälfte die erhofften Synergieeffekte
erbringen. Bis zu 70 Prozent der realisierten Großfusionen führen gar zu einer Verschlechterung
der betriebswirtschaftlichen Effizienz“ 1179. Das zwar meistens nicht ausgesprochene, aber
vielleicht gerade deshalb umso wichtigere Fusionsmotiv ist die Vergrösserung der Marktmacht –
wenn Unternehmen fusionieren, dann geht die Zahl der in einem Markt tätigen Unternehmen
zurück. Auch sollten die Eigeninteressen der Geschäftsleitung und des Managements nicht
unterschätzt werden; denn häufig hängen deren Einkommen direkt mit der Unternehmensgrösse,
dem Umsatz und Wert des Unternehmens zusammen. Im Übrigen erhalten Manager keineswegs
selten fürstliche Abfindungen für das Ausscheiden nach gelungener Fusion.
Nach Budzinski und Kerber weist die Harvard Schule auf die Gefahren hin, die durch die
steigende Unternehmenskonzentration und die damit zusammenhängende Zunahme von
Marktmacht für das Gemeinwohl entstehen. 1180 Die Verringerung der Innovationstätigkeit, die
Abnahme der Produkte-Vielfalt, der Abbau von Arbeitsplätzen, kapitalintensive und durchdringende
Marketingkampagnen sowie strategisches, aber auch grosszügiges Lobbying oder der Aufbau von
Markteintrittsbarrieren zur Verhinderung neuer Konkurrenten sind dabei mehr oder weniger
bekannte negative Aspekte. Eher weniger bekannt ist hingegen, dass Megafusionen in aller Regel
zu Preissteigerungen in den betreffenden Märkten führen. Nach Kleinert und Todt sind die
Preissteigerungstendenzen dann besonders ausgeprägt, „wenn die jeweiligen Unternehmen schon
vor der Fusion über hohe Marktanteile verfügen, wie dies für zahlreiche Megafusionen typisch
ist.“ 1181 Damit aber noch nicht genug: Unternehmens-Giganten benutzen ihre Macht für adäquate
Rahmenbedingungen mit Blick auf die Gewinnmaximierung. Der CEO der Novartis sagt: „Wenn
die Rahmenbedingungen nicht mehr stimmen würden, könnten wir den Firmensitz sofort
verlegen. Jeder Konzern ist verpflichtet, Alternativen zu haben.“ 1182 Last but not least zeigt die
aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise in erschreckender Weise, dass strauchelnde Giganten – weil
too big to fail – mithilfe von Steuergeldern vor dem Kollaps gerettet werden (müssen), und zwar
selbst dann, wenn die Managements eine betriebswirtschaftlich ungenügende Leistung erbracht
und sich dabei auch noch exorbitante fixe und variable Gehälter ausbezahlt haben.
14.1.2 Soziologische Untersuchungen
Die als Ausgangspunkt der Problemanalyse vorgestellten moralischen Problemphänomene stehen
allesamt im Kontext des vorherrschenden Wirtschaftssystems in den entwickelten Ländern. Mit
dieser Feststellung ist weder die Ursache der Probleme noch die Schuldfrage geklärt, sondern
lediglich auf die Tatsache verwiesen, dass die Wirtschaftsakteure (das sind vor allem
1177
1178
1179
1180
1181
1182
156
ap/sda: „Pfizer kauf Konkurrenten Wyeth für 68 Milliarden Dollar“, NZZ Online
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 26.01.2009, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. J. Kleinert und H. Klodt: „Die fünfte Fusionswelle: Ausmaße und Hintergründe“, in: Megafusionen, a.a.O.,
S. 18f
O. Budzinski und W. Kerber: Megafusionen, Wettbewerb und Globalisierung, Stuttgart 2003, S. 45
Vgl. a.a.O., S. 59
J. Kleinert und H. Klodt: Megafusionen. Trends, Ursachen und Implikationen, Tübingen 2000, S. 95
cpm: „Vasella droht mit Wegzug aus Basel“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.~, Veröffentlicht: 01.02.2009, Zugriff: 29.04.2009]
Konsumenten, Kapitalgeber, Angestellte im Allgemeinen und Führungsleute im Besonderen)
durch ihr Denken, Entscheiden und Handeln das Ausmass dieser Probleme tagtäglich – direkt
oder indirekt, positiv oder negativ, mehr oder weniger gewichtig – beeinflussen. Damit dem
teleologischen System eine klare Aufgabenstellung übergeben werden kann, bedarf es nun einer
sorgfältigen Problemanalyse des aktuellen Wirtschaftsgeschehens. Aber wo soll mit der Suche nach
der Problemquelle bzw. Ursache angefangen werden? Die für diese Arbeit entscheidenden
Hinweise liefern Max Weber, der wie kein anderer die Rationalisierung von Politik, Recht, Kultur,
Religion und die Entstehung der Wirtschaft mit den modernen Handelsgesellschaften 1183
untersuchte, sowie der Wirtschaftstheoretiker Karl Polanyi, der bereits im Jahre 1944 den
Standpunkt eingenommen hat, dass die Marktwirtschaft ein sich selbst genügendes System ist.
Polanyi sagt: „Marktwirtschaft bedeutet ein selbstregulierendes System von Märkten; etwas
genauer ausgedrückt handelt es sich um eine Wirtschaftsform, die einzig und allein von
Marktpreisen gesteuert wird. Ein solches System, das imstande ist, das gesamte Wirtschaftsleben
ohne äußere Hilfe oder Einmischung zu regeln, darf mit Recht selbstregulierend genannt
werden.“ 1184 Der Soziologe Niklas Luhmann hat im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit
während 30 Jahren die gesellschaftlichen Strukturen und die zunehmend selbst regulierenden
Gesellschaftsbereiche wie Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft analysiert, was ihn nach Robert
Spaemann zum „repräsentativsten Vertreter reflektierter Modernität macht.“ 1185 Im Folgenden
soll Poppers Forderung nach der Autonomie der Soziologie und Alberts Postulat nach einer
Sozialtheorie als Sozialtechnologie, die allgemeine Gesetzmässigkeiten beschreibt, in denen auch die
sozialen Prozesse hinsichtlich des Wirtschaftsgeschehens enthalten sind 1186, mit der Explikation
der wirtschaftsbezogenen Grundzüge der soziologischen Systemtheorie von Luhmann eingelöst
werden.
14.1.2.1 Gesellschafts- bzw. Funktionssysteme
Wie ist gesellschaftliche Ordnung möglich und wie gelingt es, sie bei gesellschaftlichen Veränderungen immer wieder
von neuem herzustellen? Das ist die zentrale Frage, mit der sich Niklas Luhmann während mehrerer
Jahrzehnte auf einem ausserordentlich hohen wissenschaftlichen Niveau beschäftigte. Seine
zentrale These geht dahin, dass die moderne, ökonomisch fortgeschrittene Gesellschaft durch
den Basisprozess der funktionalen Ausdifferenzierung gekennzeichnet ist. 1187 Das heisst: Nicht die
Gesellschaft als Einheit sorgt für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung, sondern soziale
Systeme „sind die operativen Vollzieher der Rationalität moderner Gesellschaft.“ 1188 Die Gesellschaft
ist somit die Gesamtheit aller sozialen Systeme, die Luhmann als Gesellschafts-, Organisations- und
Interaktionssysteme bestimmt. 1189 In systemtheoretischen Termini besagt funktionale Ausdifferenzierung,
„daß der Gesichtspunkt der Einheit, unter dem eine Differenz von System und Umwelt
ausdifferenziert ist, die Funktion ist, die das ausdifferenzierte System (also nicht: dessen Umwelt)
für das Gesamtsystem erfüllt.“ 1190 Anders gesagt: Durch die von der Evolution angeschobenen
Unterscheidungen bestimmter Zuständigkeitsbereiche entstehen Funktionssysteme, die sich
durch die ständige Differenzbildung zwischen dem eigenen Zuständigkeitsbereich und den
übrigen gesellschaftlichen Funktionen aufrechterhalten und so eine spezifische Aufgabe in der
Gesellschaft übernehmen. Durch die Beschränkung auf eine Funktion bzw. auf einen
1183
1184
1185
1186
1187
1188
1189
1190
Vgl. M. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Frankfurt a. M. 2005, S. 293ff
K. Polanyi: The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen,
Übers. von H. Jelinek, Frankfurt a. M. 1978, S. 71
R. Spaemann: Paradigm lost: Über die ethische Reflexion der Moral. Laudatio von Robert Spaemann. Niklas
Luhmanns Herausforderung der Philosophie, Frankfurt a. M. 1990, S. 62
Vgl. H. Albert: Marktsoziologie und Entscheidungslogik, a.a.O., S. 317
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, Frankfurt a. M. 1998, S. 743ff
N. Luhmann: Beobachtungen der Moderne, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 83
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, Frankfurt a. M. 1998, S. 78ff
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 745f
157
Weltausschnitt reduzieren die Funktionssysteme die (Welt-)Komplexität, wobei es ihnen gerade
dadurch gelingt, innerhalb des eigenen Funktionssystems eine höhere Komplexität zu
verarbeiten. 1191 Im Weiteren wird durch die funktionale Ausdifferenzierung Redundanz eliminiert,
was Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Erziehung, Religion, Medien, Sport usf. zwar
allesamt ungleich macht, in Bezug auf diese Ungleichheit aber gerade wieder gleich. „Das heißt:
das Gesamtsystem verzichtet auf jede Vorgabe einer Ordnung (zum Beispiel: Rangordnung) der
Beziehung zwischen den Funktionssystemen.“ 1192
Nach Luhmann sind Funktionssysteme autopoietische Kommunikationssysteme. 1193 Das
heisst, Funktionssysteme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung oder Massenmedien sind
autonome Systeme, die sich durch die laufende Kommunikation – der Begriff „Kommunikation“
schliesst personenbezogene nicht-sprachliche Handlungen ein – selbst reproduzieren. Dies
gelingt mit dem gewählten Funktionsprimat, zum Beispiel Beseitigung von Knappheit im
Wirtschaftssystem 1194, Bereithaltung von Kapazität für kollektiv bindende Entscheidungen im politischen
System 1195 oder Sinnstiftung hinsichtlich des Unbestimmbaren im Religionssystem 1196, sowie einer
im Funktionsprinzip angelegten Paradoxie. Letzteres bedeutet im Wirtschaftssystem, dass die
Beseitigung von Güter-Knappheit eine Geld-Knappheit und umgekehrt die Beseitigung von
Geld-Knappheit eine Güter-Knappheit bewirkt und deshalb gar nie zu einem erfolgreichen Ende
kommt. Die Orientierung am Funktionsprimat vollzieht sich dadurch, dass Kommunikation –
verstanden als dreiteiliges Ereignis (Information, Mitteilung und Verstehen) 1197 zwischen mindestens
zwei Personen – mithilfe eines binären Codes zwischen einem positiven und einem negativen
Wert oszilliert. Mit anderen Worten: Mit binären Codes wie Zahlung vs. Nichtzahlung im
Wirtschaftssystem 1198, Machtüberlegen vs. Machtunterlegen im politischen System1199 oder Immanenz vs.
Transzendenz im Religionssystem 1200 sichern die nicht-teleologischen Funktionssysteme 1201 ihre
Autopoiesis bzw. ihre Selbsterhaltung. Die Entscheidung, ob es zur Zahlung kommt oder nicht,
beantwortet also exakt die Frage, ob es eine Handlung des Wirtschaftssystems ist oder eben
nicht. Der Kauf eines Autos beispielsweise bedeutet Zahlung, während das Ausschlagen eines
Angebotes für den Kauf einer Eigentumswohnung die Nichtzahlung markiert. Zwar beansprucht
jeder binäre Code für seine Perspektive weltuniversale Geltung 1202, das impliziert jedoch nicht,
dass durch die eigene Unterscheidung der Wert anderer Werte bestritten wird, vielmehr gilt: „Nur
die andere Form, nur die andere Unterscheidung wird rejiziert“ 1203. In Bezug auf die Moral ist
denn auch nicht gemeint, „daß es auf Moral in der Gesellschaft nicht mehr ankommen soll,
sondern nur: daß die Codes der Funktionssysteme auf einer Ebene höherer Amoralität fixiert
werden müssen.“ 1204
Da Funktionssystemen – im Gegensatz zu Interaktionssystemen – nicht die physische
Anwesenheit von Personen zugrunde liegt, ein Lächeln oder eine nette Geste deshalb keine
Kommunikation bewirken kann, sehen sie sich in besonderer Weise dem Problem der doppelten
Kontingenz 1205 ausgesetzt. Die Aufgabe, Abwesende für Kommunikation zu motivieren,
1191
1192
1193
1194
1195
1196
1197
1198
1199
1200
1201
1202
1203
1204
1205
158
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, a.a.O., S. 134ff
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 746
Vgl. N. Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1994, S. 52f
Vgl. D. Baecker: Wirtschaftssoziologie, Bielefeld 2006, S. 12
Vgl. N. Luhmann: Die Politik der Gesellschaft, Hrsg. von A. Kieserling, Frankfurt a. M. 2002, S. 87
Vgl. N. Luhmann: Die Religion der Gesellschaft, Hrsg. von A. Kieserling, Frankfurt a. M. 2002, S. 127
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, a.a.O., S. 190
Vgl. N. Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 52
Vgl. N. Luhmann: Die Politik der Gesellschaft, a.a.O., S. 98
Vgl. N. Luhmann: Die Religion der Gesellschaft, a.a.O., S. 89
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 749
Vgl. N. Luhmann: Ökologische Kommunikation, a.a.O., S. 207
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 751
A.a.O,. S. 751
Mit dem Begriff „doppelte Kontingenz“ wird die Problematik bezeichnet, dass eine Kommunikation zwischen
verschiedenen Personen, die alle füreinander undurchsichtige Bewusstseinssysteme haben - Luhmann spricht in
diesem Zusammenhang von black boxes -, nicht nur keine Selbstverständlichkeit, sondern vielmehr
übernehmen symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien. Das „sind eigenständige Medien mit
einem direkten Bezug zum Problem der Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. Sie setzen
jedoch die Ja/Nein-Codierung der Sprache voraus und übernehmen die Funktion, die Annahme
einer Kommunikation erwartbar zu machen in Fällen, in denen die Ablehnung wahrscheinlich
ist.“ 1206 In einem sehr abstrakten Sinne bilden symbolisch generalisierte Medien, im Zuge einer
fortwährenden Konditionierung, ein funktionales Äquivalent zur Moral; während Letztere allerdings
zur Vereinheitlichung drängt, entwickeln sich Erstere für problemspezifische Konstellationen. 1207
Solche generalisierende Systeme sind beispielsweise Macht für das politische System oder Geld für
das Wirtschaftssystem. Aber spielt denn Geld als „erfolgreichste Form der Kommunikation von
Knappheit“ 1208 nicht auch im Sport, in der Politik oder Wissenschaft eine wichtige Rolle? Das
Wirtschaftssystem grenzt sich gerade durch seine Kommunikation, das heisst durch Zahlungen
bzw. Nichtzahlungen, von seiner Umwelt, also von anderen Funktionssystemen ab. Mit anderen
Worten: „es gibt also Geld nur im Wirtschaftssystem, und wenn es in Klingelbeutel oder
Steuerkassen kommt, operieren diese als Teil des Wirtschaftssystems“ 1209.
Die autopoietischen Funktionssysteme sind zwar autonom, aber sie sind nicht autark 1210,
sondern mit anderen Funktionssystemen strukturell gekoppelt (beispielsweise brauchen Politiker
Geld für ihren Wahlkampf, während das Wirtschaftssystem die durch das politische System
erlassenen Gesetze beachten muss). Durch die strukturelle Kopplung können sich soziale
Systeme zwar gegenseitig irritieren und beobachten – Beobachtung ist eine Unterscheidung und uno
actu eine Grenzziehung zwischen System und Umwelt durch eine kommunikative Bezeichnung 1211
–, aber dennoch kann keines für sich einen archimedischen Standpunkt in Anspruch nehmen,
denn immer sind seine Beobachtungen selbstkonstruiert und an die eigene binäre Codierung
gebunden. Weil dies für das politische System genauso gilt, müssen aus systemtheoretischer Sicht
gesellschaftspolitische Hoffnungen, die Gesellschaft durch Politik gestalten zu können,
enttäuscht werden. Zwar können die Auswirkungen des politischen Systems auf die Gesellschaft,
die sich ja daran zu orientieren hat, enorm sein, aber „dieser Effekt ist schon nicht mehr Steuerung und
auch nicht steuerbar, weil er davon abhängt, was im Kontext anderer Systeme als Differenz
konstruiert wird und unter die dort praktizierten Steuerungsprogramme fällt.“ 1212 Und die Moral?
Welche Rolle übernimmt sie in der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft? Nach Luhmann ist
Moral kein Funktionssystem 1213, sondern ein universales Medium, das mit Achtung bzw.
Missachtung codiert ist 1214 und in der modernen Gesellschaft keineswegs seine Bedeutung verloren,
sondern eine Alarmierfunktion übernommen hat: „Sie kristallisiert dort, wo dringende
gesellschaftliche Probleme auffallen und man nicht sieht, wie sie mit den Mitteln der symbolisch
generalisierten Kommunikationsmedien und in den entsprechenden Funktionssystemen gelöst
werden könnten.“ 1215 Die moralisierende Kommunikation wird also keineswegs verstummen,
aber es gilt, „daß die Moral nicht mehr dazu dienen kann, die Gesellschaft mit Blick auf ihren
1206
1207
1208
1209
1210
1211
1212
1213
1214
1215
unwahrscheinlich ist. (Vgl. N. Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a. M. 1987,
S. 156). Während Talcott Parsons die Lösung des Problems in einem gemeinsamen Wertekonsens sieht,
erweitert Luhmann den Kontingenzbegriff so, dass dem Prinzip „Zufall“ eine grössere Beachtung zukommen
kann: „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein
wird), sein kann, aber auch anders möglich ist.“ (N. Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 152). Dann aber stellt
sich das Problem, wie Kommunikation überhaupt zustande kommen kann, in einer noch verschärften Form.
Abhilfe schaffen die drei sozialen Systemtypen: Interaktionssystem, Organisationssystem und Funktionssystem, die
letztlich keinen anderen Zweck haben, als die unwahrscheinliche Kommunikation möglich zu machen, damit
sich die autopoietischen sozialen Systeme erhalten können.
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, a.a.O., S.316
Vgl. a.a.O., S.317
D. Baecker: Wirtschaftssoziologie, a.a.O., S. 60
N. Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 234
Vgl. N. Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 200
Vgl. N. Luhmann: Einführung in die Systemtheorie, Hrsg. von D. Baecker, Darmstadt 2003, S. 75f
N. Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 337
Vgl. a.a.O., S. 340
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, a.a.O,. S.400
A.a.O., S.404
159
bestmöglichen Zustand zu integrieren. Dies ist schon dadurch ausgeschlossen, daß die
besonderen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien eigenen binären Codes folgen,
deren Positiv/Negativwerte nicht mit denen der Moral gleichgesetzt werden können.“ 1216 Die
moralisch sanktionierten Dopingverstösse im Sport oder die Datenfälschungen im
Wissenschaftsbetrieb zeigen sogar, dass die Differenz zwischen dem positiven und negativen
Wert des Codes durch Moral gestützt wird. Nach Luhmann können solche Beispiele zu der
Regelhypothese verdichtet werden, „daß die Funktionscodes überall dort, wo sie auf
››unsichtbare‹‹ Weise sabotiert werden können und deshalb auf Vertrauen angewiesen sind, auf
Moral zurückgreifen.“ 1217
Steuerung kann nach dem bisher Gesagten immer nur die Selbststeuerung von Systemen
bedeuten. Aber wie tun sie dies? Über Differenzminderungsprogramme, die an das symbolisch
generalisierende Kommunikationsmedium und dessen Kommunikationsoperationen gebunden
sind. Im Wirtschaftssystem beispielsweise ist die Steuerung untrennbar an eine Veränderung der
Geldmenge im Wirtschaftskreislauf geknüpft; es geht gar nicht anders: „Eine Steuerung, die ihr
Programm nicht an der Differenz von Geldmengen orientiert, ist keine Selbststeuerung des
Wirtschaftssystems.“ 1218 Und gesetzliche Erlasse wie die Festsetzung von Mindestlöhnen haben
zwar Auswirkungen auf die Wirtschaft, aber es handelt sich um Kommunikationen des
politischen Systems. Wie solche Massnahmen vom Wirtschaftssystem dann aufgenommen und
welche Auswirkungen durch sie evoziert werden, zeigt sich erst im Nachhinein, und zwar
unabhängig des Steuerungsversuchs durch das politische System. Aber das Wichtigste ist: Nicht
alle Unterscheidungen lassen sich als Steuerunterscheidungen festmachen; gerade die binäre
Codierung als conditio-sine-qua-non einer Ausdifferenzierung eignet sich dazu nicht. Das bedeutet,
„nie kann der Sündenfall der Ausdifferenzierung selbst zurückgenommen werden. Man kehrt
nicht ins Paradies zurück. Das System bleibt in aller Selbststeuerung immer ein historisches
System, das nicht anders kann, als eigene Reaktionen auf die eigene Lage in eben diese Lage
einzubauen. Anders gesagt: Die das System ausdifferenzierende Differenz von System und
Umwelt wird nie zu einer Steuerungsunterscheidung, wird nie zu einem
Differenzminimierungsprogramm.“ 1219
Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Bildung usf. sind zwar gleichrangige Funktionssysteme,
nichtsdestotrotz zeigt sich die Wirtschaft immer mehr als das dominante System. Warum? Die
Dominanz des Wirtschaftssystems sieht Luhmann gerade in der Schwäche dieses Systems. Mit
Luhmanns Worten: „In funktional differenzierten Gesellschaften gilt eher die umgekehrte
Ordnung: das System mit der höchsten Versagerquote dominiert, weil der Ausfall von
spezifischen Funktionsbedingungen nirgendwo kompensiert werden kann und überall zu
gravierenden Anpassungen zwingt.“ 1220 Was Luhmann damit sagen will, zeigt sich beispielsweise
im Bildungssystem; Letzteres möchte im Grunde genommen die Menschen für das Leben
vorbereiten und bilden, so dass ein Beruf den Fähigkeiten und Präferenzen entsprechend gewählt
werden kann. Weil das Wirtschaftssystem in den ökonomisch fortgeschrittenen Weltregionen auf
dem Kerngedanken der Freiheit basiert, dieser jedoch zunehmend nicht mehr durchgehalten
werden kann, gibt es dem Bildungssystem vor, in welchen Berufen sich Chancen auftun und
welche vorbereitende Ausbildung vom Bildungssystem geleistet werden muss. Dies führt zur
Konsequenz, dass Fächer, die das Leben als Ganzes thematisieren, beispielsweise Philosophie,
Religion oder Kunst, als Orchideenfächer bezeichnet und immer mehr an den Rand gedrängt
werden. Nicht weniger gravierend ist das Versagen des Wirtschaftssystems (Zunahme der Armut,
Arbeitslosigkeit, ökologischen Gefährdung, politischen Instabilität, gesundheitlichen Gefährdung,
Wirtschaftskriminalität,
Anstrengungen
der
Neuroökonomie-Neuromarketing
sowie
Megafusionen) mit Blick auf das politische System. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass
1216
1217
1218
1219
1220
160
A.a.O., S.403
N. Luhmann: Die Moral der Gesellschaft, Hrsg. von D. Horster, Frankfurt a. M. 2008, S. 334
N. Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 343
A.a.O., S. 344
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O,. S.769
die politische Elite in der aktuellen Weltwirtschaftskrise ausserordentlich herausgefordert ist und
wegen der Aufrechterhaltung der eigenen Funktionslogik handeln muss. Sie tut dies, indem
Gipfeltreffen abgehalten und – vor allem – unvorstellbar hohe Geldsummen zur Ankurbelung des
Wirtschaftssystems beschlossen werden 1221, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass die
Konsequenzen dieser beispiellosen Konjunkturprogramme kaum mehr angemessen beurteilt
werden können. Sollte sich in der Folge der Weltwirtschaftskrise herausstellen, dass die Zahl der
arbeitslosen Menschen immer höher wird, dann besteht durchaus die Gefahr, dass gesetzliche
Institutionen zur Eindämmung der ökonomischen Macht, zum Beispiel Gesetze über die
zulässige Werbung, zugunsten eines stärkeren Wirtschaftswachstums und der Erhaltung der
Arbeitsplätze wieder gelockert werden. Über die Frage, ob mit dem Festhalten an der
Wachstumsprämisse nachhaltige Lösungen erzielt werden – auch in Bezug auf den Erhalt der
Arbeitsplätze –, wird von einer Mehrheit der hochrangigen Politiker nicht nachgedacht.
14.1.2.2 Organisationssysteme
Eine Organisation – das Unternehmen ist darin eingeschlossen – als autopoietisches System „ist
ein System, das sich selbst als Organisation erzeugt.“ 1222 Diesen Typus eines sozialen Systems hat
es nicht immer schon gegeben, vielmehr wurde seine rasche und massenhafte Vermehrung erst
durch die gesellschaftliche Evolution möglich. 1223 Luhmann verdeutlicht dies mit der Frage, „wie
die Gesellschaft den Zugriff auf Arbeitsleistungen regelt, die der Arbeitende nicht aus eigenem
Interesse und nicht auf Grund des Genießens der Tätigkeit selbst (práxis) erbringen würde.“ 1224
Organisationssysteme sind demnach – wie Funktions- und Interaktionssysteme – eine bestimmte
Antwort auf das Problem der doppelten Kontingenz: „Jeder kann immer auch anders handeln
und mag den Wünschen und Erwartungen entsprechen oder auch nicht – aber nicht als Mitglied
einer Organisation. Hier hat er sich durch Eintritt gebunden und läuft Gefahr, die Mitgliedschaft zu
verlieren, wenn er sich hartnäckig querlegt.“ 1225 Mit anderen Worten: Das Problem der doppelten
Kontingenz löst sich dadurch, dass beispielsweise Arbeitsverträge – als Bedingung für den
Eintritt und die Aufrechterhaltung des Status als Mitarbeiter – das Verhalten der Mitglieder
konditionieren und so die Erfüllung der Organisationserwartungen stabilisieren. Da die
Mitgliedschaft durch eine Eintrittsentscheidung begründet wird, an die eine Unmenge anderer
Entscheidungen, zum Beispiel die Übernahme von Arbeitspflichten oder die Einhaltung der
internen Vorschriften, angeschlossen werden kann, und letztlich „Ziele, Hierarchien,
Rationalitätschancen, weisungsgebundene Mitglieder, oder was sonst als Kriterium von
Organisation gesehen worden ist“ 1226, als Resultate von Entscheidungsoperationen des Systems
aufzufassen sind, bestimmt Luhmann Entscheidung als die Kommunikationsoperation von
Organisationssystemen: „Sie produzieren Entscheidungen aus Entscheidungen und sind in
diesem Sinne operativ geschlossene Systeme.“ 1227 Mit anderen Worten: Entscheidungen leisten
zwar eine Unsicherheitsabsorption hinsichtlich der in jeder Entscheidung inhärenten
Unbestimmtheit, aber gerade durch diese Unsicherheitsabsorption entstehen neue
Unsicherheiten, die ihrerseits wieder zu entscheiden sind. Es kann demnach gesagt werden: ein
operativ geschlossenes Entscheidungssystem lebt davon, dass es gerade durch die
Unsicherheitsabsorption ständig neue Unsicherheiten produziert.
Wie ist das Verhältnis zwischen Organisations-Entscheidungen und den binären Codes
der Funktionssysteme? Die grössten und wichtigsten Organisationen bilden sich innerhalb von
1221
1222
1223
1224
1225
1226
1227
Vgl. M. Furger und F. Benini: „Steuerzahler stützen Wirtschaft mit 11‘000 Milliarden Franken“, NZZOnline
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 15.02.2009, Zugriff: 29.04.2009]
N. Luhmann: Organisation und Entscheidung, 2. Auflage, Wiesbaden 2006, S. 45
Vgl. a.a.O., S. 380
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 827
A.a.O., S. 829
N. Luhmann: Organisation und Entscheidung, a.a.O., S. 63
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 830
161
Funktionssystemen und binden sich selbstverständlich an den entsprechenden Code – „anders
wäre gar nicht erkennbar, dass es sich um Wirtschaftsunternehmen oder ein Forschungsinstitut,
ein Gericht oder eine politische Partei handelt“ 1228 -, aber „den Organisationen fehlt das, was in
den gesellschaftlichen Funktionssystemen die binäre Codierung leistet, die Orientierung an einer
einzigen positiv/negativ-Unterscheidung wie Zahlung/Nichtzahlung, Wahrheit/Unwahrheit,
Recht/Unrecht.“ 1229 Mit anderen Worten: Die Übernahme der binären Codierung muss als das
Gegebene bzw. das Nicht-Fragwürdige betrachtet werden, das den Hintergrund für sämtliche
organisatorischen Entscheidungen abbildet. Hingegen kann zum Beispiel mit dem binären Code
Zahlung/Nichtzahlung keine Unternehmensstrategie in Bezug auf die Wahl der Produkte, der
Standorte, der Unternehmensgrösse, der Entlöhnungspolitik usf. festgelegt werden, dazu braucht
es feinere Unterscheidungen, nämlich Entscheidungsprämissen. Und das bedeutet:
„Entscheidungsprämissen sind demnach auf der Ebene der Organisationssysteme das funktionale
Äquivalent für die Codierung der Funktionssysteme.“ 1230 Im Unterschied zur starren binären
Codierung schaffen Entscheidungsprämissen einen veränderbaren, das heisst einen lernfähigen
Kommunikationsrahmen, „in dem eine Organisation ihre Welt konstruieren, Informationen
verarbeiten und immer neue Unsicherheit in Sicherheit transformieren kann.“ 1231 Von den in der
Organisationskultur mehr oder weniger bewusst verankerten Entscheidungsprämissen hängt es
also ab, wie eine Organisation sich selbst steuert, an welche Werte sie sich bindet und wie sie von
externen Beobachtern wahrgenommen wird. Aber wie erfolgt die Setzung, das heisst die
Entscheidung von Entscheidungsprämissen? „Unsicherheitsabsorption setzt als Kontext ihrer
eigenen Operationsweise Wissen voraus, und zwar Wissen, über das die Organisation selbst
verfügt unabhängig von dem, was Einzelpersonen wissen.“ 1232 Bei dieser Aussage bezieht sich
Niklas Luhmann auf Helmut Willke, der nach Luhmann „die komplizierte Theorie
gesellschaftlicher Steuerung“ 1233 bearbeitet. Nach Willke ist Wissen in der sich herausbildenden
Wissensgesellschaft, nebst Boden, Kapital und Arbeit, der neue Produktionsfaktor. 1234 Für das
Management, dessen Aufgabe in der Steuerung der verschiedenen Ressourcen besteht, hat dies
gravierende Auswirkungen: „Wissensmanagement wird im Kontext von Wissensgesellschaft und
Wissensökonomie zum Bestandteil des allgemeinen Managements, weil die Ressource Wissen zur dominanten
Produktivkraft wird und ein ebenso sorgfältiges und systematisches Management verlangt wie andere Ressourcen
der Organisation auch.“ 1235 In Bezug auf diese Arbeit bedeutet dies: Die Akzeptanz der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik kann nur über Wissen, als Bedingung
der Möglichkeit für die Entscheidungsprämisse „Ethik“, in ein Unternehmen als soziales System
eingeführt werden. Nach Willke sind auf der Basis dieser Erkenntnis „ausgewählte
Managementprojekte und Interventionen zur Systemsteuerung möglich und sinnvoll“ 1236.
14.1.2.3 Interaktionssysteme
Der dritte Systemtyp nennt Luhmann Interaktionssystem. Die Zugehörigkeit zu diesem sozialen
System entscheidet sich durch die gegenseitige Wahrnehmung von Anwesenheit. Das heisst: Wenn
mindestens zwei physisch anwesende Personen miteinander kommunizieren, sei es durch Sprache,
Gestik, Mimik, Arbeitsverrichtung oder andere Handlungen, dann hat sich ein Interaktionssystem
gebildet. Und wenn die Personen auseinandergehen, dann löst sich das Interaktionssystem wieder
auf. Ein Team in einem Unternehmen ist zum Zeitpunkt des Zusammenseins genauso ein
1228
1229
1230
1231
1232
1233
1234
1235
1236
162
N. Luhmann: Organisation und Entscheidung, a.a.O., S. 238
A.a.O., S. 238
A.a.O., S. 238
A.a.O., S. 238
A.a.O., S. 186
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 843
H. Willke: Einführung in das systemische Wissensmanagement, Heidelberg 2004, S. 20
A.a.O., S. 22
A.a.O., S. 106
Interaktionssystem wie eine im Klassenzimmer anwesende Schulklasse, eine über den
bevorstehenden Wahlkampf diskutierende Delegiertenversammlung, eine gemeinsam an einem
Experiment arbeitende Forschergruppe, eine am Strassenrand diskutierende Personengruppe, eine
Massendemonstration oder eine Schlägerei unter Jugendlichen. Die Vorzüge der
Interaktionssysteme zeigen sich in der Lösung des Problems der doppelten Kontingenz. Mit den
Worten von Luhmann: „Das Interaktionssystem der jeweils Anwesenden garantiert in praktisch
ausreichendem Maße Aufmerksamkeit für Kommunikation.“ 1237 Denn wenn Alter bemerkt, dass
er durch Ego wahrgenommen wird und dieser seinerseits Alters Wahrnehmung feststellt, dann ist
– ob einem das passt oder nicht – Kommunikation entstanden. Von daher gilt, „daß man in
Interaktionssystemen nicht nicht kommunizieren kann; man muß Abwesenheit wählen, wenn man
Kommunikation vermeiden will.“ 1238
Gesellschaftssysteme sind an ihre Funktion gebunden. Im Wirtschaftssystem geht es um
die Beseitigung von Knappheit, in der Politik um die Bereitstellung von Kapazität für kollektiv bindende
Entscheidungen und in der Wissenschaft um die Erforschung von wahren Erkenntnissen. Organisationen
sind nur dadurch erkenntlich, dass sie die Funktion des Gesellschaftssystems, dem sie angehören,
übernehmen und auf dieser Basis Entscheidungsprämissen für die Strategie und das operative
Programm festlegen. Damit ein Interaktionssystem sich überhaupt bilden kann, braucht auch
dieses einen funktionalen Hintergrund. Wenn Interaktionssysteme innerhalb von
Organisationssystemen entstehen, dann wird dieser funktionale Hintergrund in erster Linie durch
die Funktionslogik des Gesellschaftssystems, dem die Organisation angehört, sowie durch die
Entscheidungsprämissen der entsprechenden Organisation vorgegeben. In gewinnorientierten
Unternehmen haben Interaktionssysteme also die primäre Funktion, ihren Anteil für das
Anbieten von Produkten und Dienstleistungen sowie zum Gewinn des Unternehmens zu leisten.
Interaktionssysteme ausserhalb von Organisationen, aber innerhalb von Gesellschaftssystemen,
funktionieren nach dem Leitprinzip des entsprechenden Gesellschaftssystems. Wenn
beispielsweise der wöchentliche Einkauf für den Familienhaushalt nicht mit Geld, sondern mit
einem Warentausch bezahlt werden möchte, dann kommt es zu keinem erfolgreichen Abschluss,
das heisst, es kommt zu keinem Interaktionssystem. Einen bedeutend grösseren Spielraum für
den funktionalen Hintergrund bietet sich den Interaktionssystemen, die sich ausserhalb von
Organisations- und Gesellschaftssystemen bilden. Hier können zum Beispiel die aktuelle
Weltwirtschaftskrise, die ständig wechselnden Wetterverhältnisse, die nächsten Ferienpläne oder
die Freude über den Gewinn des letzten Meisterschaftsspiels der Lieblingsmannschaft die
Themen für das soziale System abgeben.
Die Ausführungen zeigen, dass Gesellschafts- und Organisationssysteme einen eminent
grossen Einfluss auf die Funktionslogik von Interaktionssystemen haben. Ganz besonders gilt
dies, wenn Interaktionssysteme innerhalb von Gesellschafts- und Organisationssystemen
entstehen – die Konsequenzen, wenn Angestellte in einem Unternehmen die aufgetragenen
Arbeiten nicht erfüllen oder hochrangige Politiker eine zum Parteiprogramm entgegengesetzte
Meinung öffentlich vertreten, sind weitgehend bekannt. Viel weniger offensichtlich sind hingegen
die nur indirekt wahrnehmbaren Auswirkungen der Gesellschafts- und Organisationssysteme auf
die Bildung von Interaktionssystemen. Zum Beispiel führt die Situation, dass in vielen westlichen
Ländern in der Regel beide Elternteile zum Verdienst beitragen, zu gesellschaftlich relevanten
Konsequenzen hinsichtlich der Interaktionssysteme im Bereich der Erziehung. Oder die
permanenten Rationalisierungsbemühungen grosser Unternehmen, die immer mit der Gefahr
eines Arbeitsstellenabbaus begleitet sind, haben beträchtliche Auswirkungen auf
Interaktionssysteme, und zwar sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Unternehmen. Und im
Zusammenhang mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit entstehen Interaktionssysteme, zum
Beispiel jugendliche Gruppen mit Gewaltbereitschaft, die eine Gefahr für die soziale Ordnung
darstellen. Aber auch das Faktum, dass das gesellschaftliche Ansehen in bedeutender Weise vom
materiellen Wohlstand abhängt und moralische Werte innerhalb von Organisationssystemen an
1237
1238
N. Luhmann: Soziale Systeme, a.a.O., S. 218
A.a.O., S. 562
163
Kraft eingebüsst haben, ist hinsichtlich der Funktionslogik von Interaktionssystemen von einer
Tragweite, die kaum genug hoch eingeschätzt werden kann. Mit Blick auf die zu entwickelnde
philosophische Management-Ethik lässt sich in diesem Sinne sagen, dass vom Management nur
dann die systematische und konsequente Berücksichtigung ethischer Anliegen erwartet werden
kann, wenn die durch die Unternehmensverantwortlichen akzeptierten EthikEntscheidungsprämissen in die Funktionslogik des Interaktionssystems „Management“ eingearbeitet
werden.
14.1.3 Ein vorläufiges Problemverständnis
Luhmann erhebt für seine soziologische Systemtheorie keinen Wahrheitsanspruch. 1239 Das wäre
nach der Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus, die in einem engen Zusammenhang
mit Luhmanns Theorie steht 1240, aber auch gar nicht widerspruchsfrei möglich 1241. Um die
Bedeutung der Luhmannschen Theorie zu erkennen, wird deshalb im Folgenden der Blick nicht
auf die Begründungsleistung, sondern auf die Erklärungskraft gerichtet. Und da zeigt sich, dass
beinahe alle Bereiche der menschlichen Praxis, sei es am Arbeitsplatz, im Sport, bei den
Berufsgattungen, wissenschaftlichen Disziplinen, Unternehmen, politischen Parteien oder Kommissionen, in
immer spezifischere Gebiete aufgeteilt werden. Durch die Bemühungen, mit einem kleineren
Weltausschnitt die Komplexität zu reduzieren, gelingt eine Steigerung der Binnenkomplexität, mit
der Konsequenz, diese gesteigerte Komplexität bald auch wieder reduzieren zu müssen. Die
Komplexitätsreduktion zeigt sich daran, dass im Sport der Sieg, im Unternehmen der Gewinn, in
der Arbeit der Verdienst, in der Politik die Macht, in der Wissenschaft die Erkenntnis oder bei den
Medien die Auflage weitgehend fraglos fokussiert werden, während der Mitteleinsatz immer mehr
lediglich von instrumenteller Bedeutung ist. Das heisst: Vom systemtheoretischen Standpunkt ist
es für Sportler genauso sinnvoll, Dopingmittel einzunehmen, wie es für Neurowissenschaftler
angezeigt ist, das gesamte ökonomische Verhalten des Menschen erklär- und prognostizierbar zu
machen. Das Gleiche gilt in Bezug auf Unternehmen; aus ihrer ökonomischen Logik gesehen ist
es unverständlich, Arbeitsplätze nicht abzubauen, die gesundheitlichen Belastungen der
Mitarbeiter nicht zu erhöhen, natürliche Ressourcen nicht bestmöglich zu verwenden, keine
Schmiergelder zu bezahlen, nicht auf Minimallöhnen zu beharren oder auf die Einstellung von
jüngeren bzw. älteren, etwas weniger effizienten Mitarbeitern nicht zu verzichten, wenn dadurch
der ökonomische Erfolg verbessert werden kann. Mit anderen Worten: Die
Komplexitätsreduktion blendet eine ganzheitlichere Sichtweise wie beispielsweise die
Gesundheitsgefährdung durch die Einnahme von Dopingmitteln, die gesellschaftlichen
Auswirkungen der Jugendarbeitslosigkeit, die gesellschaftlichen Probleme durch
Arbeitskrankheiten oder eine lügenhafte Berichtserstattung weitgehend aus, stattdessen
perpetuiert die Systemlogik im Bewusstsein. Auch wenn es von grosser Wichtigkeit ist
hervorzuheben, dass die geäusserte Problematik sehr allgemein gehalten ist und – in Bezug auf
das Wirtschaftssystem – sehr viele kleinere, mittlere und auch grosse Unternehmen tagtäglich
versuchen, im Denken, Entscheiden und Handeln nicht nur ökonomische Anliegen zu
berücksichtigen, kann dennoch gesagt werden, dass Luhmann mit seiner deskriptiven
Gesellschaftstheorie „das Versagen des Weltwirtschaftssystem vor dem Problem der gerechten
Verteilung des erreichten Wohlstandes“ 1242, aber auch die weitgehende Ohnmacht des politischen
Systems, gesellschaftliche Problemlösungen durchzusetzen und den Menschen Anhaltspunkte für
ein sinnvolles Leben stiften zu können 1243, nachvollziehbar erklären kann.
1239
1240
1241
1242
1243
164
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 1132
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, a.a.O., S. 156
Vgl. E. von Glasersfeld: „Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität“, in: Einführung in den
Konstruktivismus, 9. Auflage, München 2006, S. 18f
N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 801
Vgl. a.a.O., S. 805
Die durch die funktionale Ausdifferenzierung bewirkte Konzentration auf das Wesentliche
bekommt mit dem rasanten technologischen Fortschritt – zumindest in Bezug auf das
Wirtschaftssystem – eine zusätzliche Bedeutungsdimension. Es ist eine Tatsache, dass durch die
technologischen Innovationen enorme Produktivitätsfortschritte möglich geworden sind, die aber zugleich
zu riesigen Überkapazitäten in fast allen Branchen und zu einem fast täglich zunehmenden
Konkurrenzdruck geführt haben. 1244 Durch die Globalisierung können die Unternehmen zwar neue
Abnehmer-Märkte erschliessen, allerdings vermögen die Menschen in den weniger entwickelten
Ländern neuen Produkten und Dienstleistungen erst dann nachzufragen, wenn die dort
ansässigen Firmen Menschen beschäftigen und regelmässige Arbeitseinkommen ermöglichen.
Mit anderen Worten: Neue Absatzmärkte bedeuten für die Unternehmen zugleich neue
Konkurrenten, die nicht selten innerhalb kürzester Zeit auf dem gleichen technologischen Niveau
operieren und bald selber zu den Überkapazitäten beitragen. Es kann mit einiger Zuverlässigkeit
gesagt werden, dass der ständig höhere Konkurrenzdruck, als direkte Folge der Marktsättigung,
die ihrerseits das Ergebnis des unaufhaltsamen Technologiefortschritts und der damit
einhergehenden Produktivitätssteigerungen ist, die Autopoiesis bzw. Selbstregulation dahingehend
beeinflusst, dass seitens der Unternehmen eine zunehmend rigidere Handhabung des sowohl für
das Wirtschaftssystems wie auch für die einzelnen Unternehmen charakteristischen binären
Codes von Zahlung/Nichtzahlung mit dessen Präferenzwert „Zahlung“ sichtbar wird. Anders
gesagt: Die fortlaufende funktionale Ausdifferenzierung sowie der ständig zunehmende
Konkurrenzdruck führen dazu, dass erstens Unternehmen in ihren Entscheidungsprogrammen
immer mehr nur noch Aspekte berücksichtigen, die die ökonomischen Anliegen unmittelbar, das
heisst kurzfristig, positiv beeinflussen und zweitens die Wirtschaftsakteure, egal ob Konsument,
Mitarbeiter, Führungsperson oder kleinere Kapitalgeber, primär als ein Mittel zu den kaum mehr
hinterfragten ökonomischen Zielen auffassen. Das aktuelle Wirtschaftsgeschehen, das uns ein
ausdifferenziertes Finanzsystem vor Augen führt, welches den Bezug zur Realwissenschaft
weitgehend verloren hat und stattdessen mit sich selbst beschäftigt ist und mit Blick auf lockende
Boni (Pseudo-)Umsätze im eigenen System generiert, bestätigt diese Ansicht in eindrücklicher
Weise. Es wird deutlich: Die aufgezeigten moralischen Problemphänomene: Arbeitslosigkeit,
Armut, die Gefährdung der Gesundheit und der Ökologie, politische Instabilitäten, Wirtschaftskriminalität,
Anstrengungen seitens der Neuroökonomie-Neuromarketing sowie Megafusionen dürfen sehr wohl in einem
engen oder gar direkten Zusammenhang mit dem ausdifferenzierten Wirtschaftssystem bzw. mit
diesen – ökonomistisch genannten – Unternehmensstrategien gesehen werden, aber sie sind nicht
identisch mit einem moralischen Problemkern, sondern geben vielmehr einen Wink. Grundsätzlicher
bzw. allgemeiner lässt sich nämlich sagen: Die bewusste oder unbewusste Setzung von Prämissen seitens der
Unternehmen, Entscheidungen beinahe nur nach dem Kriterium des unmittelbaren ökonomischen Erfolgs zu fällen
und Menschen wie jede andere Ressource allein als Mittel zum Zweck aufzufassen, führt zu unsäglichem
menschlichen Leid und zur sukzessiven Schwächung der menschlichen Freiheit. Dass die Unternehmen
bereits
heute
moralische
Problemphänomene
wie
Arbeitslosigkeit,
Armut,
Gesundheitsgefährdung, ökologische Probleme, Wirtschaftskriminalität, NeuroökonomieNeuromarketing, Megafusionen oder die Gefahr des Verlustes des gesellschaftlichen
Zusammenhalts nicht als ihr Problem betrachten – falls es denn überhaupt noch wahrgenommen
wird –, kann als Zeichen gewertet werden, dass es sich um eine folgenschwere Entwicklung
handelt.
14.1.4 Erkenntnistheoretische Untersuchungen
Das aufgrund der soziologischen Gesellschaftstheorie gewonnene Problemverständnis zeigt in
aller wünschenswerten Deutlichkeit die gesellschaftliche Entwicklung im Zusammenhang des
Wirtschaftssystems. Es stellt sich nun aber die Frage, weshalb gegen diese schwerwiegenden
1244
Vgl. F. Malik: Management-Perspektiven. Wirtschaft und Gesellschaft. Strategie. Management und Ausbildung, 4. Auflage,
Bern, Stuttgart und Wien 2005, S. 42
165
moralischen Probleme so wenig unternommen wird. Warum lassen sich die Konsumenten
massenweise zu einem übersteigerten Konsumverhalten hinreissen, so dass sie mehr die
Interessen der Unternehmen als die eigenen befriedigen und in die Schuldenfalle geraten? 1245
Weshalb zeigen Führungsleute auf die Gefahr der gesundheitlichen Gefährdung oder des
Verlustes haltgebender sozialer Beziehungen kaum frühzeitig eine Reaktion, obschon solche
Gefahren mit all den negativen Auswirkungen im Grunde genommen weitgehend bekannt sind?
Warum wählen Personen des Managements Geschäftspraktiken nach ökonomistischen
Unternehmensstrategien, obschon es genügend Beispiele gibt, die keinen Zweifel über die grosse
Gefahr solcher Strategien offen lassen? Wie ist es möglich, dass das amerikanische Unternehmen
AIG kurz nach der notwendig gewordenen Verstaatlichung ihren Managern Luxusferien
schenkt 1246 oder die mit Staatsgeldern gerettete Citigroup mehrere Millionen für Luxusbüros
ausgibt 1247, obschon dies – aus Distanz betrachtet – unbegreiflich ist? Warum glauben sogenannte
Wirtschaftsdenker auch 250 Jahre nach Adam Smith allen Ernstes, dass es für die soziale
Ordnung am besten ist, wenn die Menschen ihre egoistischen Interessen rechtmässig
befriedigen? 1248 Oder allgemeiner: Warum ist der Menschenverstand in einer doch grossen Zahl
offensichtlich nicht imstande, weder die grossen Gefahren, die mit der funktionalen
Ausdifferenzierung verbunden sind, noch das Versagen des neoliberalen Wirtschaftssystems zu erkennen?
Die Zahl der Fragen könnte beinahe beliebig vergrössert werden, auch lassen sich viele plausible
Alltagserklärungen angeben, im Folgenden geht es jedoch um eine philosophische und
wissenschaftlich gestützte erkenntnistheoretische Erklärung, vordergründig mit dem Ziel einer
Verbesserung der Problemanalyse, letztlich aber mit der Absicht, für die problemorientierte
philosophische Management-Ethik einen gangbaren Weg zu finden, um „partielle Blindheiten“
zu überwinden. Durchgeführt wird dieses Vorhaben in drei Unterabschnitten zur menschlichen
Erkenntnis, und zwar nach der Auffassung des Kritischen Rationalismus.
14.1.4.1 Erkenntnis als Konstruktionsprozess
Nach Karl R. Popper gibt es zwei verschiedene erkenntnistheoretische Grundprobleme, die nicht
miteinander vermischt werden sollten, nämlich die Frage nach der Entstehung und die Frage nach
der Gültigkeit von Erkenntnis. 1249 Der Kritische Rationalismus beschäftigt sich zwar in erster Linie
mit der Erkenntnislogik, also mit der Entwicklung von Methoden zur Überprüfung der Gültigkeit
von Erkenntnis 1250, nichtsdestotrotz werden auch Fragen zur Entstehung von Erkenntnis
aufgenommen und bearbeitet 1251, zudem fordert Albert explizit, den methodologischen Individualismus
1245
1246
1247
1248
1249
1250
1251
166
Vgl. bbu: „Leben auf Pump nimmt in der Schweiz dramatisch zu“, NZZ Online
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 11.04.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. mbr/ap: „AIG belohnt Manager mit Luxusferien“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Aktualisiert: 08.10.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. M. Neuper: „Nach Überlebenskampf Luxusbüros für die Citigroup-Chefetage“, KleineZeitung
[http://www.kleinezeitung.at~, Veröffentlicht: 20.03.2009, Zugriff: 29.04.200]
Vgl. T. Held und B. Zürcher: „‹‹Marktwirtschaft ist keine Religion, die gute Taten verlangt››“, Sonntagszeitung,
Ausgabe 18. Mai 2008, S. 74
Vgl. K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 86f
Vgl. K. R. Popper: Logik der Forschung, a.a.O., S. 7
Es ist eher wenig bekannt, dass Karl R. Popper beim Psychologen und Sprachtheoretiker Karl Bühler mit einer
Arbeit über die Methoden der Denkpsychologie promovierte. Dass sich Popper dann mehr für das Wachstum der
wissenschaftlichen Erkenntnisse und weniger für die phylogenetische und ontogenetische Entstehung von
Erkenntnis sowie für die Lerntheorie interessierte, hängt möglicherweise mit der damaligen Situation rund um
den Wiener Kreis zusammen. Nichtsdestotrotz hat Popper nicht nur für die Evolutionäre Erkenntnistheorie – nach
Gerhard Vollmer hätte er, wenn seine Gedanken bekannt gewesen wären, gar deren Wegbereiter sein können
(vgl. G. Vollmer: Wieso können wir die Welt erkennen? Neue Beiträge zur Wissenschaftstheorie, Stuttgart 2003, S. 76) –,
sondern auch zur Erkenntnispsychologie einen wichtigen Beitrag geleistet: Dazu William Berkson und John
Wettersten: „Sir Karl Popper ist vor allem aufgrund seiner Ideen über die wissenschaftliche Methode berühmt
geworden. Erst vor kurzem hat man erkannt, daß einige seiner Gedanken auch ins Gebiet der Psychologie
gehören: insbesondere seine Theorie von der Zunahme des Wissens. Sie gehört in jene psychologische
mit sozialpsychologischen Erkenntnissen zu erweitern (vgl. S. 144). Popper will nicht mit Fragen
wie: Was ist Wissen bzw. Erkenntnis? oder gar: Was bedeutet Wissen bzw. Erkenntnis? anfangen. 1252 Sein
Ausgangspunkt ist der Alltagsverstand – aber dieser bedarf der Kritik: „Die Theorie des
Alltagsverstandes über das Wissen des Alltagsverstandes ist in der Tat ein naives Durcheinander.
Doch sie bildet die Grundlage selbst der neuesten philosophischen Erkenntnistheorien.“ 1253 Was
ist damit gemeint? Die sinnliche Wahrnehmung als herausragende Erkenntnisquelle verführt den
Alltagsverstand zur Meinung, wir müssten bloss unsere Augen und Ohren aufmachen, um zu
gesicherten Erkenntnissen über die Welt zu kommen. 1254 Anders gesagt: Nach der
Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes besteht grundsätzlich die Möglichkeit zu unverfälschten
und direkten Erkenntnissen. Sollte sich unsere Erkenntnis im Nachhinein als Irrtum erweisen,
dann liegt das nicht etwa an der Erkenntnis an sich, sondern daran, dass wir bei der „Verdauung“
der sinnlichen Wahrnehmung Fehler gemacht haben – noch vor den Empiristen John Locke,
George Berkeley oder David Hume betont Gianfrancesco Pico della Mirandola, dass die von den
Sinnen aufgenommenen Erscheinungen wahr sind, hingegen unsere Vorstellung als Bewegung der
Seele, deren rationaler Teil beim Eintritt in den Körper wie eine leere Tafel ist, für alles Gute, aber
auch Böse verantwortlich ist. 1255 Je passiver wir uns beim Erkenntnisprozess also verhalten, umso
kleiner ist die Gefahr, dass durch unsere aktiven Zutaten – bei Pico sind das die Phantasien1256 –
der Erkenntnisgehalt verfälscht wird. Und je mehr wir unsere Erkenntnisse bestätigen können,
zum Beispiel dadurch, dass auch andere Menschen unsere Meinungen teilen, desto sicherer
können wir sein, dass es sich bei unseren Erkenntnissen um Gewissheiten handelt. An dieser
Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes, die untrennbar mit Poppers Ablehnung des
Essentialismus1257 zusammenhängt und die John Dewey die Suche nach Gewissheit1258 nannte, ist nach
Popper nahezu alles falsch: „Die ganze Geschichte vom ››Gegebenen‹‹, von den wahren Daten,
denen Gewißheit anhaftet, ist eine falsche Theorie, obwohl sie Teil des Alltagsverstandes ist.“ 1259
Nach Hans Albert wird die Falschheit dieser Theorie im Übrigen durch die empirischen
Wissenschaften bestätigt: „Die uns dort zugänglichen Resultate zeigen deutlich, daß die
passivistische Auffassung der Wahrnehmung – etwa als einer Registration des Gegebenen, der
1252
1253
1254
1255
1256
1257
1258
1259
Tradition, welche das Lernen als Ergebnis von Bemühungen ansieht, Probleme nach der Methode von Versuch und
Irrtum zu lösen.“ (W. Berkson und J. Wettersten: Lernen aus dem Irrtum. Die Bedeutung von Karl Poppers Lerntheorie für
die Psychologie und die Philosophie der Wissenschaft, Hamburg 1982, 17f)
K. R. Popper: Eine Welt der Propensitäten, Tübingen 1995, S. 56
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 78
Vgl. a.a.O., S. 79
Vgl. G. Pico della Mirandola: Über die Vorstellung. De imaginatione, Hrsg. von E. Keßler, 3. Auflage,
München 1997, S. 75ff
Vgl. a.a.O., S. 91
Um die unmittelbar zugänglichen Phänomene mit tieferen Einsichten bzw. Erkenntnissen erklären zu können,
wird auch nach dem Kritischen Rationalismus zwischen Wesen und Erscheinung unterschieden. (Vgl. H. Albert:
Kritik der reinen Erkenntnislehre. Das Erkenntnisproblem in realistischer Perspektive, Tübingen 1987, S. 46). Hingegen
lehnt diese Philosophie jene Form des Essentialismus ab, die von der Möglichkeit einer endgültigen Wahrheit
ausgeht und den naturwissenschaftlichen Theorien die Aufgabe zuweist, die essentiellen, endgültig sicheren
Dinge der Natur zu beschreiben. (Vgl. K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 1: Vermutungen, a.a.O.,
S. 150f)
Nach John Dewey – er ist nebst Charles S. Peirce und William James der Hauptvertreter des Pragmatismus – hat
das Streben nach Gewissheit die Philosophie und Metaphysik grundlegend bestimmt, und zwar negativ:
„Verlangen nach Sicherheit, das die Form des Wunsches annimmt, nicht gestört und beunruhigt zu werden,
führt zu Dogmatismus, Autoritätsgläubigkeit, Intoleranz und Fanatismus auf der einen Seite und zu
unverantwortlicher Abhängigkeit und Faulheit auf der anderen. (…) Der natürliche Mensch hat keinerlei
Geduld mit Zweifel und Spannung: Ungeduldig eilt er voran, um davon erlöst zu werden. (…) Die
wissenschaftliche Haltung kann beinahe definiert werden als die Haltung, die imstande ist, das Zweifelhafte zu
genießen; die wissenschaftliche Methode ist in einem Aspekt eine Technik, produktiven Gebrauch vom Zweifel
zu machen, indem sie ihn in Operationen bestimmter Forschung verwandelt.“ (J. Dewey: Die Suche nach
Gewißheit. Eine Untersuchung des Verhältnisses von Erkenntnis und Handeln, Übers. von M. Suhr,
Frankfurt a. M. 2001, S. 229f)
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 82
167
Sinnesdaten oder gar der Tatsachen – völlig überholt ist.“ 1260 Nach Popper erlernen wir bereits
früh in der Kindheit die Fähigkeit, Nachrichten und Wahrnehmungen „auf ein
zusammenhängendes und teilweise regelmäßiges oder geordnetes System zu beziehen: die
››Wirklichkeit‹‹.“ 1261 Dies hängt mit der Natur der Lebewesen zusammen, deren Grundprinzip er
mit dem kurzen Satz auf den Punkt bringt: „Alles Leben ist Problemlösen.“ 1262 Das bedeutet: Alle
Lebewesen, und damit auch die Menschen, sind im Grunde genommen dauernd damit
beschäftigt, Probleme zu lösen, wobei das angeborene Problemlösungsverhalten in einem genügend
weiten Sinne zu verstehen ist. Die Behebung eines Fahrzeugdefekts, die Beseitigung der
Schwierigkeiten bei der Aufgabenerfüllung, das erfolgreiche Abwerten politischer Gegner oder die
erfolgte berufliche Beförderung sind genauso Problemlösungen wie unsere allgemeinen
Anstrengungen im Hinblick auf ein erfülltes Leben und letztlich auf unseren Willen zum Überleben.
Jede Erkenntnis bezieht sich somit auf einen Problemlösungskontext bzw. jede
Erkenntnisleistung ist mit einer Erwartung durchtränkt, ein Problem zu lösen. Und dabei ist der
Problemlösungskontext – er wird in der Folge Problemlösungs-Horizont genannt – abhängig von
unseren angeborenen Anlagen sowie erworbenen Dispositionen. Mit den Worten Poppers: „Wir
beobachten nur das, was unsere Probleme, unsere biologische Situation, unsere Interessen,
unsere Erwartungen und unsere Handlungsprogramme bedeutsam machen.“ 1263 Die Wirklichkeit,
die der Alltagsverstand als die Welt auffasst, ist somit ein Netz von subjektiven ErkenntnisKonstruktionen, die untrennbar mit unseren angeborenen Anlagen sowie erworbenen
Dispositionen in der Form von persönlichen Charakterzügen, Erfahrungen, Interessen, Erwartungen,
Präferenzen, Gewohnheiten sowie Zwecken und Zielen verknüpft sind und folglich bei anderen
Menschen ganz anders sein können. Wir verdanken unsere Erkenntnis nicht einem geistigen
Kübel mit dem Inhalt von unverfälschten und direkten Sinnesdaten, sondern einem aktiven
Konstruktionsprozess, der, vergleichbar mit einem Scheinwerfer 1264, jeweils bestimmte Punkte, passend
zum Problemlösungs-Horizont, beleuchtet und alles andere im Dunkeln belässt.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Nach der Erkenntnispsychologie des Kritischen Rationalismus ist die
Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes falsch, und zwar deshalb, weil sie nicht berücksichtigt, dass der
Erkenntnisprozess untrennbar mit dem subjektiven Problemlösungs-Horizont zusammenhängt und von daher
nicht ohne Weiteres gesicherte bzw. objektive Erkenntnis hervorbringt.
Poppers Position, wonach es sich bei jeder Erkenntnis letztlich um einen
Konstruktionsprozess handelt, der massgeblich mit den Menschen, die den Erkenntnisprozess
vollziehen, zusammenhängt und dabei „bloss“ Weltausschnitte beleuchtet und interpretiert
werden – Albert verwendet für den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess das Begriffspaar
„Identifikation“ und „Interpretation“ 1265 – hat mit Immanuel Kant, John Dewey und Jean Piaget
nicht nur berühmte Vorläufer, sondern wird mittlerweile auch von vielen Wissenschaftlern der
Biologie, Psychologie, Neurowissenschaften oder Soziologie, die mit so bekannten Namen wie
Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela, Gerhard Roth, Ernst von Glasersfeld, Heinz von
Foerster, Gregory Bateson, Niklas Luhmann oder Paul Watzlawick verbunden sind, bestätigt. Die
Bestätigung soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die unter der Bezeichnung Radikaler
Konstruktivismus vereinten Wissenschaftler in ihren Ansichten vom Kritischen Rationalismus –
mehr oder weniger – abweichen. Ernst von Glasersfeld, der zusammen mit Heinz von Foerster
den Radikalen Konstruktivismus begründete, ist beispielsweise mit Popper weitgehend
einverstanden, ausser hinsichtlich Poppers Idee von der Annäherung an die Wahrheit und mit
Poppers Urteil über den Instrumentalismus. 1266 Die Abweichung des Radikalen
Konstruktivismus, der sich als Kognitionstheorie versteht und dabei hinsichtlich der Erkenntnis die
1260
1261
1262
1263
1264
1265
1266
168
H. Albert: Kritische Vernunft und menschliche Praxis, Stuttgart 1977, S. 113f
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 82
K. R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen, a.a.O., S. 257
K. R. Popper und J. C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn, 7. Auflage, München 2000, S. 173
Vgl. K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 401ff
Vgl. H. Albert: Kritik der reinen Erkenntnislehre, a.a.O., S. 131
Vgl. E. von Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme, Übers. Von W. K. Köck,
Frankfurt a. M. 1997, S. 313
Frage nach dem Wie1267 stellt, hängt vor allem damit zusammen, dass er „ein für allemal dem
»metaphysischen Realismus« abgeschworen“ 1268 hat. Mit anderen Worten: Während nach dem
Kritischen Rationalismus Erkenntnis als Konstruktionsprozess durchaus mit einer vom menschlichen
Denken unabhängigen Realität sowie mit der Möglichkeit einer Annäherung an die Wahrheit im
Einklang steht 1269, ist insbesondere Letzteres nach dem Radikalen Konstruktivismus
ausgeschlossen. Stellvertretend für viele Wissenschaftler, die für eine konstruktivistische
Erkenntnistheorie einstehen, wird nun im Folgenden Luhmanns operationaler Konstruktivismus 1270 in
der gebotenen Kürze vorgestellt.
Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, fasst Luhmann das gesamte soziale Geschehen in
der Form von Kommunikation auf. In diesem Kontext ist Erkennen an die Begriffe
„Beobachtung“, „Unterscheidung“ sowie „Bezeichnung“ geknüpft. 1271 Unabhängig davon, ob wir
ein Flugzeug oder Kopfschmerzen wahrnehmen, der Erkenntnisprozess ist nur kraft einer
Hinwendung im Sinne einer Beobachtung möglich. Und die Hinwendung, also Beobachtung,
ermöglicht überhaupt erst die Unterscheidung und im Zuge der Unterscheidung die Bezeichnung, und
zwar eben dieser Unterscheidung. Was sich möglicherweise seltsam und kompliziert liest, ist im
Grunde genommen einfach. Jede Erkenntnis ist das kontingente Ergebnis einer Beobachtung,
Unterscheidung und Bezeichnung. Die Aussage: Die in den Zug steigende Person ist eine Frau!
verdankt sich der kontingenten Hinwendung in Richtung des Zugs, der kontingenten
Unterscheidung zwischen Mann und Frau sowie der kontingenten Bezeichnung bzw. Entscheidung
„Frau“. Damit zeigt sich Erkenntnis als Konstruktionsprozess in der wünschenswerten Deutlichkeit,
und zwar mit der Konsequenz einer Gesellschaft als polykontexturales System. 1272 Aber wodurch
entscheidet sich, was wir beobachten, wie wir unterscheiden und bezeichnen? Luhmann
übernimmt das Konzept der Autopoiesis von Maturana und Varela. Letztere sehen die
menschliche Erkenntnis als die autonome Leistung eines um die Selbsterhaltung bemühten
biologischen Organismus – Popper hat eine vergleichbare (biologische) Auffassung, er spricht
allerdings nicht von Autopoiesis, sondern von „chemischer Selbstorganisation des Lebens“ 1273
und davon, dass „alles vom Organismus selbst“ 1274 abhängt. Maturana und Varela fassen nun den
Begriff „Erkennen“ so weit wie das überhaupt nur möglich ist: „Leben ist Erkennen (Leben ist
effektive Handlung im Existieren als Lebewesen).“ 1275 Mithilfe der Sprache können wir zwar über
unsere verschiedenen Erkenntnisleistungen diskutieren, aber letztlich ist jede einzelne
menschliche Erkenntnis das Ergebnis eines autonomen, von den sowohl angeborenen wie auch
erworbenen Erkenntnisstrukturen abhängigen Prozesses. Und die damit notwendig gewordene
Abkehr von einem sicheren Standpunkt verpflichtet uns: „Sie verpflichtet uns zu einer Haltung
ständiger Wachsamkeit gegenüber der Versuchung der Gewißheit. Sie verpflichtet uns dazu
einzusehen, daß unsere Gewißheiten keine Beweise der Wahrheit sind, daß die Welt, die
jedermann sieht, nicht die Welt ist, sondern eine Welt, die wir mit anderen hervorbringen. Sie
verpflichtet uns dazu zu sehen, daß die Welt sich nur ändern wird, wenn wir anders leben.“ 1276
Was die an der Luhmannschen Kommunikation teilnehmenden Personen demnach beobachten,
unterscheiden und bezeichnen ist nach dem Konzept der Autopoiesis untrennbar mit dem
1267
1268
1269
1270
1271
1272
1273
1274
1275
1276
Vgl. S. J. Schmidt: „Der Radikale Konstruktivismus: Ein neues Paradigma im interdisziplinären Diskurs“, in:
Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus, Hrsg. von S. J. Schmidt, 8. Auflage, Frankfurt a. M. 2000, S. 13
E. von Glasersfeld: „Einführung in den radikalen Konstruktivismus“, in: Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen
wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus, Hrsg. von P. Watzlawick, 2. Auflage, München 2007,
S. 23
Vgl. H. Holweg: Methodologie der qualitativen Sozialforschung, a.a.O., S. 67
Vgl. N. Luhmann: „Wie lassen sich latente Strukturen beobachten?“, in: Das Auge des Betrachters. Beiträge zum
Konstruktivismus. Festschrift für Heinz von Foerster, Hrsg. von P. Watzlawick und P. Krieg, Heidelberg 2002, S. 68
Vgl. N. Luhmann: Erkenntnis als Konstruktion, Bern 1988, S. 14
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 1: Kapitel 1-3, a.a.O., S. 36
K. R. Popper: Eine Welt der Propensitäten, a.a.O., S. 74
A.a.O., S. 81
H. R. Maturana und F. J. Varela: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens,
11. Auflage, Bern und München 1987, S. 191
A.a.O., S. 263f
169
geschlossenen menschlichen Bewusstsein bzw. psychischen System verbunden. Mit anderen
Worten: Erkenntnis kommt nicht durch direkte und unverfälschte Erfahrung von „aussen“ zustande,
denn – so Luhmann – „Erkennen können nur geschlossene Systeme.“ 1277 Ob wir beispielsweise
die gesellschaftliche Ordnung als stabil oder als fragil erkennen, hängt zwar von unserer
Beobachtung, Unterscheidung und Bezeichnung ab, letztlich aber von unserem geschlossenen, für
niemand einsehbaren Bewusstsein bzw. psychischen System und dessen eigenständig wirkendem
Problemlösungs-Horizont.
14.1.4.2 Der Konstruktionsprozesses ist nicht sichtbar
Weshalb berücksichtigt der Alltagsverstand nicht, dass jede Erkenntnis untrennbar mit dem
erkennenden Menschen zusammenhängt? Nebst der frühkindlichen Erfahrung, die dazu verführt,
subjektive Erkenntnisse als Gewissheiten aufzufassen, sowie des Heranzüchtens einer Geisteshaltung
ohne aufmerksames Denken, die nach Dewey unverändert den reifen Geist beherrscht 1278, gibt es
zwei andere, vermutlich noch bedeutungsvollere Gründe. Der erste ist die Tatsache, dass das
menschliche Bewusstsein bzw. psychische System eine Blackbox ist. Wir sehen nicht, dass andere
Menschen unterschiedliche persönliche Charakterzüge, Erfahrungen, Interessen, Erwartungen, Präferenzen,
Gewohnheiten, Zwecke und Ziele, kurzum: einen anderen Problemlösungs-Horizont haben. Mit der
Konsequenz, dass der Alltagsverstand nicht wirklich gut verstehen kann, dass andere Menschen –
vor allem, wenn sie in gleichen kulturellen und sozialen Verhältnissen leben – zu ganz anderen
Erkenntnissen gelangen können. Die politischen Diskussionen beweisen uns fast täglich, wie sehr
die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes auf seiner vermeintlichen Gewissheit beharrt und
andere Erkenntnisse als falsch hinstellt. Wäre das Bewusstsein mit den subjektiven Erfahrungen,
Erwartungen, Interessen, Gewohnheiten usw. so einsichtig wie das offene Werk verschiedener
Uhren, dann wäre es für uns Menschen offensichtlich, dass aus derart unterschiedlichen geistigen
Systemen auch unterschiedliche Erkenntnisse hervorkommen. So aber können wir leicht
überrascht werden, wenn wir mit Bekannten die Ferien verbringen und es sich dabei herausstellt,
dass die anderen im Alltagsgeschehen ganz anders „ticken“. Dass die Verschiedenheit der
psychischen Systeme immer wieder für eine Überraschung sorgt, hängt wohl auch damit
zusammen, dass die Menschen die Bedeutung der Kommunikation als Vermittlerin zwischen den
Blackboxen nicht ausreichend begreifen. Denn immerhin muss eingestanden werden, dass wir
einzig mit Kommunikation eine gemeinsame Wirklichkeit schaffen können, wo wir uns gegenseitig –
zumindest einigermassen – verstehen und vertrauen können.
Der zweite Grund, weshalb die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes nicht
berücksichtigt, dass der Erkenntnisprozess subjektive Erkenntnis hervorbringt, ist der blinde Fleck.
Wie ist es möglich, dass eine Person mit dem Fahrzeug nach Hause fährt und sich im Nachhinein
kaum mehr an die Einzelheiten der Heimfahrt erinnern kann? Oder weshalb kann es zur
Situation kommen, wo jemand ein Gespräch reflektiert und sich dabei sagt: „das hätte ich anders
sagen sollen, auf jenen Einwand hätte ich so antworten müssen und vieles habe ich sogar ganz
vergessen zu sagen?“ Kurzum: Wie ist es möglich, dass wir gar nicht immer so souverän über
unsere Handlungen wachen? Zum blinden Fleck, der jede Erkenntnis wie einen Schatten
begleitet, sagt Popper lapidar: „Es ist klar, daß wir uns nicht auf ein Problem konzentrieren und
uns gleichzeitig selbst beobachten können.“ 1279 Mit anderen Worten: Die blosse Vernunft sagt uns,
dass wir uns nicht einem Gegenstand zuwenden und gleichzeitig, quasi aus einer Vogelperspektive,
diese Zuwendung auch noch beobachten können. Eine sehr viel grössere Aufmerksamkeit
widmen die radikalen Konstruktivisten, insbesondere Humberto R. Maturana, Francisco J. Varela
und Heinz von Foerster, dem blinden Fleck. Sie laden uns zu einem kleinen Experiment ein:
Fixieren Sie das Kreuz auf der folgenden Abbildung, halten Sie das linke Auge zu und bewegen
1277
1278
1279
170
N. Luhmann: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven, 3. Auflage, Wiesbaden 2005, S. 35
J. Dewey: Die menschliche Natur. Ihr Wesen und ihr Verhalten, Zürich 2004, S. 76
K. R. Popper und J. C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn, a.a.O., S. 142
Sie das Buch mit einem Gesichts-Abstand von etwa 10 bis 30 cm vor und zurück. Sie werden
bald bemerken, wie der rechte schwarze grosse Punkt plötzlich verschwindet und – je nach
Abstand des Buches – dann wieder erscheint. Hier zeigt sich der blinde Fleck als die für das Licht
unempfindliche Stelle der Netzhaut. Für Maturana und Varela ist das Faszinierende an den
Experimenten mit dem blinden Fleck: „Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen.“ 1280 Und für Heinz von
Foerster kommt die Überraschung, die sich bei diesem Experiment einstellt, von daher, „daß
man überhaupt keine Ahnung von einem solchen blinden Fleck hat: das Sehfeld ist überall
zusammenhängend und geschlossen. Man sieht nirgendwo ein »schwarzes Loch«, ob man mit
beiden oder nur mit einem Auge schaut. Das heißt: Man sieht nicht, daß man nicht sieht.“ 1281
Was aber bestätigt der blinde Fleck in der visuellen Erfahrung? Er zeigt eindrücklich, dass es uns
unmöglich ist, direkte und unverfälschte Sinnesdaten aufzunehmen; denn wenn dem so wäre,
dann müssten wir die für das Licht unempfindliche Stelle der Netzhaut als schwarzes Loch sehen.
Aber nichts dergleichen geschieht. Stattdessen zeigen bzw. konstruieren unsere Erkenntnisorgane
ein zusammenhängendes Ganzes, ohne dass wir von dieser Konstruktionsleistung auch nur das Geringste
sehen können.
Abb. Nr. 3:
Die visuelle Erfahrung des blinden Flecks
Was sagt der Soziologe Niklas Luhmann zum blinden Fleck? Nach Luhmann steht die Welt für
Beobachtungen zwar prinzipiell offen, „aber es gibt die Notwendigkeit, immer mit einem blinden
Fleck oder mit der Unsichtbarkeit der Einheit einer Unterscheidung zu hantieren, weil Sie ohne
Unterscheidung überhaupt nicht beobachten können, gleichgültig um welche Unterscheidung es
geht, und weil Sie deshalb die Einheit der Unterscheidung nicht reflektieren können.“ 1282
Einfacher gesagt: Jede Beobachtung, sprachliche Unterscheidung und Bezeichnung, aber auch
jeder einzelne Schritt einer menschlichen Handlung, ist letztlich eine „Wahl“ zu eben dieser
Beobachtung, dieser Unterscheidung und dieser Bezeichnung – und dabei hätte die „Wahl“ auch
ganz anders ausfallen können. Die eigentliche Crux liegt aber darin, dass unser Bewusstsein
zwingend auf den konkreten Erkenntnisakt gerichtet ist und nicht gleichzeitig – quasi aus einer
Vogelperspektive – auch noch beobachten kann, was alles durch die Beobachtung,
Unterscheidung und Bezeichnung ausgegrenzt wird. Im Zusammenhang mit der sprachlichen
und nicht-sprachlichen Kommunikation bedeutet der blinde Fleck somit: Unsere Erkenntnisse
sind im hohen Masse kontingent, das heisst, sie hätten auch ganz anders ausfallen können. Aber
weil wir im Alltag unsere Erkenntnisse meistens nicht kritisch überprüfen, also nicht reflektieren,
was wir gesagt und genau dadurch nicht gesagt bzw. was wir geschrieben und genau dadurch nicht geschrieben und
wie wir gehandelt und genau dadurch nicht gehandelt haben, fehlt uns gerade von dieser Kontingenz das
Bewusstsein. Das ist auch der Grund, weshalb es durchaus möglich ist, mit dem Fahrzeug nach
Hause zu fahren, ohne uns später an einzelne Details dieser Rückfahrt zu erinnern. Weil das
Zurücklegen einer uns sehr bekannten Wegstrecke weitgehend ohne kritische Reflexion, das
heisst ohne Kontrolle, ob die einzelnen gemachten Unterscheidungen (Wegstrecken) richtig
1280
1281
1282
H. R. Maturana und F. J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, a.a.O., S. 23
H. von Foerster: „Entdecken oder Erfinden. Wie läßt sich Verstehen verstehen?“, in: Einführung in den
Konstruktivismus, 9. Auflage, München 2006, S. 49ff
N. Luhmann: Einführung in die Systemtheorie, a.a.O., S. 146
171
gewählt wurden, möglich ist, entsteht kein Bewusstsein von unseren gemachten Unterscheidungen
und Bezeichnungen. Und wieso stellen wir oft erst im Nachhinein fest, welche Antworten wir in
einem Seminar oder Gespräch auch noch hätten geben können bzw. geben sollen? Paul
Watzlawick stellt fest, „daß in einem Kommunikationsablauf jeder Austausch von Mitteilungen die Zahl der
nächstmöglichen Mitteilungen verringert.“ 1283 Mit jedem gesprochenen Satz, ja mit jedem Wort, binden
wir sowohl uns selbst wie auch den Gesprächspartner, erkenntnispsychologisch und rational gesehen,
an diesen Satz bzw. an die Wörter dieses Satzes – wenn ein Mitarbeiter seinem Vorgesetzten
mitteilt, dass er das Betriebsklima als schlecht und als nicht motivierend empfinde, dann wird der
Vorgesetzte darauf entsprechend antworten und nicht von seinen Ferienerlebnissen erzählen;
zudem wird der Mitarbeiter nicht wenige Minuten später sagen können, dass er sich im
Unternehmen überaus wohl fühle. Weil wir in einem Gespräch meistens nicht die Möglichkeit
haben, jeden gesprochenen Satz hinsichtlich der getroffenen Unterscheidungen, Bezeichnungen
und Ausgrenzungen kritisch zu reflektieren, besteht demnach die Gefahr, dass Gespräche uns
gängeln.
Die Erkenntnis kann nun wie folgt erweitert werden: Der Alltagsverstand berücksichtigt die
Subjektivität der Erkenntnis deshalb nicht, weil erstens der subjektive Problemlösungs-Horizont nicht einsehbar
ist und zweitens der blinde Fleck verunmöglicht, ein Bewusstsein vom subjektiven Konstruktionsprozess zu
erhalten.
14.1.4.3 Die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes ist ohne systematischen
Erkenntnisfortschritt
Nach Popper gilt: „Aller Erkenntnisfortschritt besteht in der Verbesserung des vorhandenen Wissens in der
Hoffnung, der Wahrheit näherzukommen.“ 1284 Wir können demnach in unserer Erkenntnis
fortschreiten und bekommen dadurch die Möglichkeit, unsere Probleme in der Zukunft besser zu
lösen. Aber das ist nur dann möglich, wenn wir die falsche Idee von Gewissheiten aufgeben und
stattdessen versuchen, die Irrtümer in unserer Erkenntnis, mit Blick auf bessere
Problemlösungen, zu entdecken. Aber gerade umgekehrt verfährt die Erkenntnistheorie des
Alltagsverstandes. Sie verkennt, dass es – so Popper – „in unserer ganzen Erkenntnis keinerlei
absolute Sicherheit“ 1285 gibt. Mit der Konsequenz, dass der Alltagsverstand grundsätzlich nicht
kritisch eingestellt ist. Anstatt zu prüfen, was an unserer Erkenntnis falsch sein könnte, versucht die
Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes die gewonnenen Erkenntnisse, ob in der Form von
konkreten Handlungskonzepten oder handlungsanleitenden Prämissen, zu bestätigen, so dass daraus
vermeintliche Gewissheiten, und zwar im Sinne eines Erkenntnisfortschritts resultieren. „Doch als
Theorie des Erkenntnisfortschritts ist sie völlig falsch.“ 1286 Dabei sind es im Näheren betrachtet zwei
Aspekte, die einen systematischen Erkenntnisfortschritt verhindern.
Erstens gelingt der Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes deshalb kein systematischer
Erkenntnisfortschritt, weil sie keine kritischen Beobachtungspunkte setzt, wir jedoch kleine Differenzen nur
sublim wahrnehmen und folglich keinen Grund sehen, unsere Erkenntnisse anzupassen. Wir schauen
tagtäglich in den Spiegel und sehen kaum eine Veränderung. Hätten wir keine älteren Fotos von
uns und würden Bekannte nicht hin und wieder etwas über unser Aussehen sagen (zum Beispiel,
dass die Haare grau geworden sind), dann könnten wir von unserem äusserlichen Älterwerden so
gut wie nichts wissen. Mit anderen Worten: Ohne die gezielte Setzung bestimmter
Beobachtungspunkte bzw. ohne kritische Einstellung schaffen kleine Veränderungen zwar den
Weg in das Unbewusste und den vermutlich weitgehend unbewussten subjektiven
Problemlösungs-Horizont – zum Beispiel als Theorieupdate unseres Aussehens –, aber nicht in
unser Bewusstsein. Gregory Bateson sagt zu kleinen Unterschieden lapidar: „Sie sind keine
1283
1284
1285
1286
172
P. Watzlawick et al: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, 11. Auflage, Bern 2007, S. 126
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 91
A.a.O., S. 98
A.a.O., S. 85
Nahrung für die Wahrnehmung.“ 1287 Und an anderer Stelle: „Wenn man einen Frosch dazu
bringen kann, ruhig in einem Topf mit kaltem Wasser sitzenzubleiben, und wenn man dann die
Wassertemperatur sehr langsam und sanft erhöht, so daß es keinen Augenblick gibt, der sich als
der Augenblick abhebt, in dem der Forsch springen sollte, dann wird er niemals springen. Er wird
gekocht werden.“ 1288 Wir behalten unsere Erkenntnisse und vermeintlichen Gewissheiten bei,
obschon die (schleichenden) Veränderungen möglicherweise neue Erkenntnisse, zum Beispiel in
der Form von veränderten Handlungskonzepten, dringend nötig machen würden. Wir sehen im
Spiegel immer etwa gleich aus, also haben wir auch keinen Grund, etwas zu verändern. Würden
wir hingegen gezielt Beobachtungspunkte setzen, zum Beispiel wöchentlich das Gewicht
kontrollieren, dann könnten wir allenfalls rechtzeitig Massnahmen ergreifen. Mittlerweile haben
wir uns an exorbitante Management-Saläre so sehr gewöhnt, dass kein wirklich grosser Aufschrei
durch die Gesellschaft geht, wenn das politische System Unternehmensgiganten, die zuvor jedes
Augenmass in Bezug auf Saläre und Boni verloren haben, auch noch mit enormen Geldsummen
unterstützen. Und mit Blick auf das Ökosystem wissen inzwischen viele Menschen von der
grossen Gefahr für Mensch, Tier und Pflanzen, aber nicht zuletzt wegen der bloss schleichenden
Verschlechterung sehen wir keinen Anlass, unsere Gewohnheiten zu verändern – als ob
irgendwann am Himmel geschrieben stände: Jetzt müsst ihr handeln, sonst verliert ihr alle das Leben.
Nach Popper sind es Probleme, die uns zu einem Fortschritt in der Erkenntnis verhelfen und dabei
können wir die Probleme selber finden oder aber sie müssen sich aufdrängen. Wie Letzteres geschieht,
zeigt Popper anhand des kleinen Problems: „Ein unerwartetes Ereignis aber zieht die
Aufmerksamkeit auf sich und regt damit Bewusstsein an. Wir merken das Ticken einer Uhr oft
gar nicht, aber wir ››hören‹‹, wenn sie aufhört zu ticken.“ 1289 Auch die Erkenntnistheorie des
Alltagsverstandes macht Erkenntnisfortschritte, allerdings zeigt sich dabei ein zweiter negativer
Aspekt. Der Alltagsverstand reflektiert seine Erkenntnisse, die in der Form von vermeintlichen Gewissheiten zu
weitgehend unbewussten Handlungskonzepten und Prämissen mutieren, erst dann, wenn mit ihnen die Probleme
nicht mehr adäquat gelöst werden können. Während gewohnheitsmässige Handlungskonzepte entweder angepasst
oder ersetzt werden, bleiben die handlungsanleitenden Prämissen solange wie nur möglich unangetastet. Weshalb
die in Bezug auf unsere Problemlösungen nicht mehr adäquaten Erkenntnisse erst dann einen
Eintrag in unserem Bewusstsein bekommen, „wenn sie versagen“ 1290 – so Maturana und Varela –,
hängt damit zusammen, dass die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes von den im
Konstruktionsprozess ausgegrenzten anderen Möglichkeiten kaum ein Bewusstsein hat und – damit eng
zusammenhängend – nicht kritisch eingestellt ist. Anders gesagt: Mangels einer kritischen
Einstellung bzw. mangels eines Bewusstseins von der Kontingenz unserer Erkenntnisse werden
wir von Letzteren bis zum Aufkommen von ernsthaften Problemen enggeführt. Mit Heinz von
Foerster gesagt: „Sie haben diese Freiheit, so möchte ich behaupten, aber es ist ihnen oftmals
unmöglich, diese noch zu sehen. Sie sind blind für ihre eigene Blindheit, sie sehen nicht, dass sie
nicht sehen, sie sind nicht mehr in der Lage, die Möglichkeiten des eigenen Handelns zu
erkennen. Der blinde Fleck ist erzeugt, und man glaubt, nicht mehr herauszukönnen, und ist
eingefroren in einen alltäglichen Mechanismus.“ 1291 Solange das Kind gute Noten nach Hause
bringt, besteht für die Eltern (vermeintlich) keinen Anlass für eine kritische Beobachtung. Und
wenn gute Noten dann ausbleiben und die Hochschulreife gefährdet ist, dann braucht es – als
Anpassung der Handlungskonzepte – privaten Unterstützungsunterricht und möglicherweise
geeignete Medikamente für die Steigerung der Aufmerksamkeit. Aber auf die Möglichkeit, dass
das Universitätsstudium – als unreflektierte Prämisse – nicht das Richtige für das Kind sein
könnte, werden die Eltern nicht ohne Weiteres kommen. Solange das Bau-Unternehmen keine
Liquiditätsprobleme hat und die Mitarbeiter beschäftigen kann, sieht es keinen Anlass für eine
1287
1288
1289
1290
1291
G. Bateson: Geist und Natur. Eine notwendige Einheit, Übers. von H. G. Holl, Frankfurt a. M. 1987, S. 40
A.a.O., S. 122
K. R. Popper und J. C. Eccles: Das Ich und sein Gehirn, a.a.O., S. 163
H. R. Maturana und F. J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, a.a.O., S. 261
B. Pörksen: „Heinz von Foerster über den Beobachter, das dialogische Leben und eine konstruktivistische
Philosophie des Unterscheidens“, in: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus,
Heidelberg 2002, S. 39
173
kritische Reflexion des eigenen unternehmerischen Wirkens. Wenn es dann aber darum geht, im
immer härteren Konkurrenzkampf zu bestehen, wird – als Anpassung der Handlungskonzepte –
mit Preissenkungen und einer damit verbundenen Qualitätsreduktion reagiert. An der Prämisse,
die unternehmerische Existenz nur durch den Preisnachlass erhalten zu können, wird
festgehalten, obschon gerade dadurch die „Luft immer dünner“ wird und der Konkurs drohen
könnte. Solange Wirtschaftskapitäne und hochrangige Politiker ihre persönlichen Ziele verfolgen
können, gibt es für sie keinen Grund, am derzeitigen Wirtschaftssystem etwas zu ändern. Um die
grossen Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen, werden keineswegs selten – als
Anpassung der Handlungskonzepte – Tausende von Mitarbeitern entlassen, während zur
gleichen Zeit das politische System – ebenso als Anpassung der Handlungskonzepte – mit
Konjunkturprogrammen in noch nie dagewesener Höhe versucht, die Gefahren der steigenden
Arbeitslosigkeit zu bannen. Aber auf die Idee, dass das neoliberale Wirtschaftssystem und ein
unendliches Wirtschaftswachstum – als Prämissen – falsch sein könnten, wird die Mehrheit der
hochrangigen Politiker nicht ohne Weiteres kommen. Stattdessen rufen sie zum Konsum auf 1292,
wodurch dem Wirtschaftssystem gegenüber dem Individuum der Vorrang eingeräumt wird. Und
nach Popper sind auch die Wissenschaftler keine Ausnahme, und zwar selbst dann nicht, „wenn
sie sich oberflächlich in ihrem besonderen Gebiet von einigen Vorurteilen befreit haben
mögen.“ 1293 Dies wird von Thomas S. Kuhn bestätigt, wenn er schreibt: „Die normale
Wissenschaft strebt nicht nach neuen Tatsachen und Theorien und findet auch keine, wenn sie
erfolgreich ist.“ 1294 Mit anderen Worten: Die Wissenschaftler finden erst dann wirklich neue
Erkenntnisse – und nicht bloss Anpassungen –, wenn sie dazu gezwungen werden. Dass die
Festhaltung an Paradigmen lange dauern kann, zeigen die Wirtschaftswissenschaften mit ihrem
methodologischen Kernelement des homo oeconomicus. Obschon offensichtlich ist, dass in vielen
Bereichen nicht rational gedacht und gehandelt wird, sondern George Clooney, Patty Schnyder,
Roger Federer oder Penélope Cruz ausschlaggebend sind, wird am theoretischen Konstrukt
festgehalten. Damit dies aber überhaupt noch möglich ist, werden emotionale und altruistische
Elemente eingebaut, so dass die Ökonomen mittlerweise selbst die Nähe zu einer Leerformel
zugegeben müssen 1295.
Karl R. Popper weist auf den ungeheuren biologischen Vorteil der sprachlich fassbaren
Erkenntnis hin; aber erst mithilfe der kritischen Einstellung werden Theorien bzw. Erkenntnisse
sterben – „ohne Ausschaltung der Art, die sie trägt.“ 1296 Mit anderen Worten: Durch die
proaktive kritische Einstellung können ungenügende Erkenntnisse bzw. falsche Gewissheiten
bereits im Ansatz erkannt und beseitigt werden und nicht erst dann, wenn sich die Probleme
manifestiert haben und es dann vielleicht für vieles zu spät ist. Zudem erweist sich die kritische
Reflexion unserer Erkenntnisse als die einzige Möglichkeit, die durch den Konstruktionsprozess
ausgegrenzten anderen Wahlmöglichkeiten wieder in den Blick zu bekommen. Mit den Worten
von Maturana und Varela: „Die Reflexion ist ein Prozeß, in dem wir erkennen, wie wir erkennen,
das heißt eine Handlung, bei der wir auf uns selbst zurückgreifen. Sie ist die einzige Gelegenheit,
bei der uns möglich ist, unsere Blindheiten zu entdecken und anzuerkennen, daß die Gewißheiten
und die Erkenntnisse der anderen ebenso überwältigend und ebenso unsicher sind wie unsere
eigenen“. 1297 Die Frage nach dem Erkenntnisfortschritt kann nun wie folgt beantwortet werden:
Die Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes macht deshalb keine systematischen Erkenntnisfortschritte, weil
mangels einer proaktiven kritischen Einstellung erstens kleine Unterschiede nicht zum Problem werden, zweitens
Erkenntnisse bzw. Gewissheiten als gewohnheitsmässige Handlungskonzepte erst dann korrigiert werden, wenn
sich Probleme im Bewusstsein aufdrängen und drittens auch dann noch an Erkenntnissen bzw. Gewissheiten in
der Form von handlungsanleitenden Prämissen festgehalten wird, bis auch Letztere endgültig versagen.
1292
1293
1294
1295
1296
1297
174
Vgl. sda: „Bundesrätin Leuthard ruft zum Konsum auf“, NZZOnline
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 07.03.2009, Zugriff: 29.04.2009]
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 254
T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, a.a.O., S. 65
Vgl. G. Kirsch: Neue Politische Ökonomie, a.a.O., S. 8
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 90
H. R. Maturana und F. J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, a.a.O., S. 23
14.1.5 Akzentuierte Problemstellung als Aufgabe für das teleologische System
Nach diesen soziologischen Untersuchungen vermag Moral die gesellschaftliche Ordnung nicht
mehr aufrechtzuerhalten, zudem befasst sich kein Gesellschaftssystem mit der Lösung
moralischer Problemphänomene im Sinne eines obersten Funktionsprinzips – das politische System,
dem im Grunde genommen die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung als Aufgabe zugewiesen
ist, muss zuallererst um die politische Macht kämpfen. In beinahe allen Funktionssystemen zeigt
sich im Weiteren, dass die funktionale Ausdifferenzierung in vollem Gange ist, wodurch sich die
Funktionslogik der sozialen Systeme auf einen immer engeren Bereich reduziert. Und im
Wirtschaftssystem wird wegen der in einem engen Zusammenhang mit der funktionalen
Ausdifferenzierung stehenden Wechselwirkung zwischen technologischen Innovationen,
Produktivitätssteigerungen und Marktsättigung eine zunehmend engere Anlehnung an das vom
Wirtschaftssystem vorgegebene Funktionsprinzip sichtbar. Mit der Konsequenz, dass das
unternehmerische Denken, Entscheiden und Handeln in allererster Linie ökonomische Aspekte
in den Blick nimmt und immer mehr durch eine kurzfristige Sichtweise geprägt ist. Und mithilfe
der erkenntnistheoretischen Untersuchungen kommt zum Ausdruck, dass die menschliche
Erkenntnis sich nicht auf die gesamte Welt, sondern immer nur auf einzelne Weltausschnitte
bezieht und Erkenntnisse letztlich mit den Menschen zusammenhängen, die diese Erkenntnisse
hervorbringen. Darüber hinaus führt die Tatsache des nicht sichtbaren konstruktiven
Erkenntnisprozesses dazu, dass wir uns der mit jedem Erkenntnisakt notwendig ausgegrenzten
anderen Möglichkeiten nicht ohne Weiteres bewusst werden und der Alltagsverstand keine
kritische Einstellung einnimmt und an seinen Erkenntnissen und vermeintlichen Gewissheiten,
ob in der Form von gewohnheitsmässigen Handlungskonzepten oder fraglos gewordenen
Prämissen, solange festhält, bis sie – als Problemlösungen – endgültig versagen. Das alles
bedeutet:
Unternehmensverantwortliche,
Führungsleute,
Kapitalgeber,
Mitarbeiter,
Konsumenten, Wirtschaftswissenschaftler und Politiker sind – im Allgemeinen gesehen – nicht
ohne Weiteres imstande, die mit dem Wirtschaftssystem verbundene Gefahren zu erkennen. Für
die Elite in Politik und Wirtschaft gilt dies im Besonderen, und zwar deshalb, weil sie die
moralischen Probleme meistens nicht tragen müssen und deshalb sich kaum ein genügend starkes
kritisches Bewusstsein entwickeln kann, mit dem die bislang nicht fragwürdigen Prämissen
hinterfragt werden könnten. Mit der Konsequenz, dass die moralische Problematik aller
Wahrscheinlichkeit nach weiter zunehmen wird. Nach Popper hat die moderne Gesellschaft zwar
viel erreicht, aber nicht in Bezug auf eine kritische Einstellung: „Nur eines bin ich bereit
zuzugeben: daß wir dümmer sind als je zuvor und unkritisch dem gegenüber, was zu glauben
gerade modern ist. Aber das wird nie gerne gehört und sicher auch nicht geglaubt.“ 1298 Und
Gregory Bateson sagt: „Unsere Politiker – sowohl die im Zustand der Macht, als auch die in
einem Zustand des Protests oder des Machthungers – wissen alle etwa gleich wenig über die
Dinge, die ich hier diskutiert habe. (…) Im allgemeinen werden behördliche Entscheidungen von
Personen getroffen, die von diesen Dingen etwa so viel verstehen wie Tauben.“ 1299 – Bateson
spricht von der weitgehenden Unkenntnis unserer biologischen Erkenntnissituation und der
Gefährlichkeit der menschlichen Zwecksetzung.
Aber das ist noch nicht alles, denn es muss die Frage gestellt werden, wie sich die
fortlaufende funktionale Differenzierung auf die – ohnehin schon prekäre – menschliche
Erkenntnissituation auswirkt. Dies gilt umso mehr, als Popper die Autonomie der Soziologie
hervorhebt und mit Karl Marx‘ Diktum: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein,
sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ 1300 mit den Worten:
„Und ich kann gleich vorwegnehmen, daß die Lehre, die ich für den Antipsychologismus von
1298
1299
1300
K. R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen, a.a.O., S. 256
G. Bateson: Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Übers. von
H. G. Holl, Frankfurt a. M. 1985, S. 562f
K. Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Ungekürzte Ausgabe nach der zweiten Auflage 1872,
Paderborn, S. 696
175
Marx halte, eine Lehre ist, der ich selbst zustimme.“ 1301 weitgehend einverstanden ist. Wie sehr
dies nun zutrifft bzw. welch grosser Einfluss soziale Systeme auf den subjektiven
Konstruktionsprozesses haben können, wissen wir spätestens seit den ungeheuren Greueltaten des
Nazi-Regimes. Ohne das Wirtschaftssystem mit solchen Verbrechen belasten zu wollen, muss
dennoch deutlich gesagt werden, dass die Tatsache der mittlerweile räumlich und zeitlich
unbegrenzten Business-Kommunikation in Bezug auf den subjektiven Problemlösungs-Horizont alles
andere als harmlos ist. Und gleiches gilt für die heute nicht mehr seltene Forderung, während
sechs Tagen pro Woche und 16 Stunden pro Tag dem Unternehmen zur Verfügung zu stehen. 1302
Darüber hinaus geht mit der fortlaufenden funktionalen Ausdifferenzierung eine allmähliche
Blindheit für alles andere einher 1303, was sich zweifellos auf die Erkenntnissituation der Menschen
überträgt, die diesen sozialen Systemen angehören. Eltern, die das Aufwachsen der eigenen
Kinder miterleben und einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit mit der Familie verbringen, erfahren
von den Sorgen und Nöten kleiner Kinder und bekommen die natürliche Direktheit und den
Wert des Lebens als solchen hautnah geschenkt. Anders Führungsleute, die beinahe den ganzen Teil
ihrer verfügbaren Zeit den unternehmerischen Zwecken widmen und selbst während den
Seminarpausen ununterbrochen businessfokussiert sind. Die mit dem „ökonomischen Tunnelblick“
einhergehende Tendenz, wonach der Zweck die Mittel mehr oder weniger beliebig macht, ist in
der Folge eines teilweise erschreckend eingeengten Erkenntnis-Horizonts bzw. ProblemlösungsHorizonts denn auch allein anhand der explizierten moralischen Problemphänomene
unübersehbar. Und in einem engen Zusammenhang mit dem ausgeprägten Zweck-Mittel-Denken
zeigt sich ein zunehmend verstärktes Kausaldenken im Sinne von Ursache-Wirkung. Wenn die für
einen maximalen Umsatz verantwortliche Verkaufsabteilung eine raffinierte Werbekampagne
lanciert, dann ist es mittlerweile selbstverständlich, dass deren Wirksamkeit sofort gemessen wird
– weitgehend ohne Reflexion, wie zuverlässig diese Schätzung sein kann. Und weil mittlerweile
die wichtigste Aufgabe des CEO eines börsenkotierten Unternehmens die Steigerung des
Unternehmenswertes ist und der Börsenkurs tagtäglich Gewinner und Verlierer ermittelt, werden
die Unternehmensleiter ihr Handeln entsprechend ausrichten. Mit der Konsequenz, dass viele
Entscheidungen im Sinne von Ursache-Wirkung als Problemlösungen mittel- und langfristig
ungenügend, wenn nicht sogar existenzgefährdend sind. Zu Recht sagt Christian Meier, dass es
eigentlich paradox ist, „daß gerade nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Ostblocks
Marx‘ Lehre von der Determinierung der Menschen durch den Wandel der
Produktionsbedingungen in einem Ausmaß sich zu bestätigen scheint, das man außerhalb des
Kreises seiner Anhänger nie auch nur ahnungsweise für möglich gehalten hätte.“ 1304
Zusammenfassend
haben
die
soziologischen
und
erkenntnistheoretischen
Untersuchungen gezeigt, dass die Problematik hinsichtlich der Verursachung von menschlichem
Leid sowie der Schwächung der menschlichen Freiheit erstens in einem engen Zusammenhang mit
der funktionalen Ausdifferenzierung und der menschlichen Erkenntnissituation steht und zweitens
in der Dimension, sowohl was die Ausdehnung der Zahl betroffener Menschen wie auch die
Intensität bei den bereits geplagten Personen betrifft, wahrscheinlich zunehmen wird,
möglicherweise sogar dramatisch. In Bezug auf die zu entwickelnde problemorientierte
philosophische Management-Ethik kann gesagt werden, dass der moralische Problemkern, also die
zunehmende Verursachung von menschlichem Leid sowie die sukzessive Schwächung der menschlichen
Freiheit, die eigentliche Aufgabe ist, die zur Lösung ansteht. Hinsichtlich der Lösung dieser Aufgabe
haben die soziologischen Untersuchungen zutage gefördert, dass die ethischen Regeln nur dann
eine Chance auf Akzeptanz haben, wenn sie im Sinne von Entscheidungsprämissen Eingang in die
Unternehmenslogik finden. Und die erkenntnistheoretischen Abklärungen schliesslich zeigen in
1301
1302
1303
1304
176
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 105
Vgl. M. Vogel: „Management: Hohes Einkommen, enormer Stress“, Monster. Karriere-Journal
[www.monster.de~, Veröffentlicht: 15.05.2006, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. B. Pöksen: „Humberto R. Maturana über Wahrheit und Zwang, Strukturdeterminismus und Diktatur und
die Autopoiesis des Lebendigen“, in: Die Gewissheit der Ungewissheit. Gespräche zum Konstruktivismus,
Heidelberg 2002, S. 95
Ch. Meier: Von Athen bis Auschwitz. Betrachtungen zur Lage der Geschichte, München 2002, S. 20
aller Klarheit, dass die Anwendung der ethischen Prinzipien davon abhängen wird, inwieweit die
Personen des Managements dazu gebracht werden, eine kritische Einstellung zu übernehmen, die
bewusst von der Möglichkeit falscher Erkenntnisse ausgeht und die Gefahren im Zusammenhang
mit dem blinden Fleck abzuschwächen versucht.
14.2 Das teleologische System als normativ-ethisches Element
Nach der Philosophie des Kritischen Rationalismus ist es angezeigt, gegen den moralischen
Problemkern, das heisst gegen die zunehmende Verursachung von menschlichem Leid sowie gegen die
sukzessive Schwächung der menschlichen Freiheit anzukämpfen, und zwar deshalb, weil diese
moralische Problematik mit den von dieser Philosophie hochgehaltenen moralischen
Grundwerten wie Gleichheit, Freiheit, Hilfe für die Schwachen und persönliche Verantwortung unvereinbar
ist. Die Aufgabe, einen Beitrag zur Lösung dieser Problematik zu leisten, wird nun nach Hans
Alberts metaethischem Verständnis wahrgenommen (vgl. S. 143). Das heisst: Es wird ein
teleologisches System mit metaethischen regulativen Ideen etabliert, das einerseits dem
deontologischen System den Weg weist und andererseits dessen Arbeit kritisch überprüft. In
diesem Sinne ist dieses Unterkapitel in drei Abschnitte eingeteilt: Im ersten Abschnitt werden die
metaethischen regulativen Ideen festgelegt, begründet und mit einem Bezug zur Philosophie des
Kritischen Rationalismus expliziert. Im zweiten werden die festgelegten regulativen Ideen mit
einem Blick auf das politische System sowie auf die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre legitimiert,
bevor dann als Abschluss die kritische Funktion der Metaethik vorgestellt wird.
14.2.1 Die metaethischen regulativen Ideen
Es werden zwei metaethische regulative Ideen für die Lösung des moralischen Problemkerns bestimmt:
1. menschliches Leid verhindern, nicht verursachen
2. die menschliche Autonomie schützen, nicht schwächen
Wie werden diese beiden metaethischen regulativen Ideen als die beiden obersten Regeln der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik begründet? Zur Diskussion steht also –
im Rahmen der dritten ethischen Grundfrage – die moralontologische Begründungsebene (vgl. S. 99).
Die beiden metaethischen regulativen Ideen verdanken sich einer Erkenntnisleistung, nämlich der
Erkenntnis des moralischen Problemkerns, wobei diese Erkenntnisleistung weder auf der Basis eines
naturalistischen noch eines intuitionistischen moralepistemologischen Verständnisses zustande
gekommen ist, sondern sich einer Konstruktion verdankt, die untrennbar mit den moralischen
Grundwerten der Philosophie des Kritischen Rationalismus zusammenhängt, deren
moralepistemologische Begründung bereits geleistet wurde (vgl. S. 146). Für die Bestimmung der
beiden metaethischen regulativen Ideen wird nun – kognitivistisch – der Anspruch auf allgemeine
Anerkennung erhoben, dass mit diesen beiden Ideen der moralische Problemkern am
aussichtsreichsten gelöst werden kann. Da Letzterer mit den beiden metaethischen regulativen
Ideen in einem engen Verhältnis steht, kann dieser Anspruch auf allgemeine Anerkennung als
unproblematisch betrachtet werden.
Die beiden metaethischen regulativen Ideen sind Teil der moralischen Grundwerte der
Philosophie des Kritischen Rationalismus. Im Folgenden soll die Bedeutung dieser regulativen
Ideen für den Kritischen Rationalismus ausführlicher dargelegt werden. „Die Anerkennung der
Tatsache, daß die sittliche Dringlichkeit ihre Grundlage in der Dringlichkeit von Leiden und
Schmerz hat“ 1305 gehört nach Popper zu den „wichtigsten Prinzipien einer humanitären, die
1305
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. 317
177
Gleichberechtigung der Menschen anerkennenden Ethik“ 1306. Weil Leiden und Schmerz, im
Gegensatz zu Glück, wenig mit Geschmackssache zu tun hat, schlägt Popper vor, nicht die
Maximierung des Glücks – das ist die Angelegenheit eines jeden Einzelnen -, sondern die
Verminderung des Leidens zur ethischen bzw. politischen Aufgabe zu machen. 1307 Mit Poppers
Worten: „Setze dich statt dessen für die Behebung von konkreten Mißständen ein. Oder
praktischer ausgedrückt: Kämpfe für die Beseitigung des Elends mit direkten Mitteln – zum
Beispiel durch die Sicherstellung eines Mindesteinkommens für jedermann.“ 1308 Entsprechend
dieser Idee – sie wird im Übrigen auch von Stephen Toulmin vertreten1309 – wird das Ziel,
menschliches Leid verhindern, nicht verursachen, als erste metaethische regulative Idee gesetzt. Zur
möglichen Frage, wie der Begriff „Leid“ aufgefasst werden soll, lässt sich folgendes sagen: Nach
Popper haben Begriffe lediglich eine technische oder pragmatische Funktion; das heisst, sie sind
nichts weiter als Mittel zum Zweck für Formulierungen. 1310 Es gilt deshalb: „Man soll nie versuchen,
exakter zu sein, als es die Problemsituation erfordert.“ 1311 In Bezug auf menschliches Leid wird in dieser
Arbeit davon ausgegangen, dass alle Menschen, in welcher Sprache und Kultur auch immer,
damit einen tiefen Schmerz assoziieren, der die Menschen in ein affektives Ungleichgewicht stürzt. Dem
Popperschen Duktus entsprechend soll der Begriff nicht definitorisch weiter eingeschränkt
werden, zumal in der Tat mit der grösseren Exaktheit die Gefahr verbunden wäre, wichtige
Bedeutungsfacetten auszuklammern. Eine Begriffsdefinition braucht es aber auch deshalb nicht,
weil mit den aufgezeigten moralischen Problemphänomenen: Armut, Arbeitslosigkeit,
Gesundheitsgefährdung, Gefährdung der Ökologie, politische Instabilität, Wirtschaftskriminalität, Anstrengungen
der Neuroökonomie-Neuromarketing sowie Megafusionen Problemkomplexe vorgestellt wurden, die
zwar nicht notwendig zu menschlichem Leid führen, denen aber doch ein grosses menschliches
Leid-Potential inhärent ist und von daher eine konkrete Vorstellung von „Leid-Gefahren“
abgeben.
Die Freiheit als eine der wichtigsten philosophischen Kategorien überhaupt ist für Popper
sehr wichtig: Dazu Popper selbst: „Jedenfalls möchte ich hier etwas ganz klar sagen, das in
meiner Offenen Gesellschaft und in meinem Elend des Historizismus offensichtlich ist: dass mir die
philosophische Verteidigung der menschlichen Freiheit, der Kreativität, und dessen, was man
traditionell den freien Willen nennt, sehr wichtig ist, – obwohl ich glaube, daß Fragen wie ›Was ist
Freiheit?‹, oder ›Was heißt ››frei‹‹?‹, und ›Was ist Wille?‹ und ähnliches, sowie der Versuch, sie zu
klären, uns in das Gewirr der Sprachphilosophie führen können.“ 1312 Eine Idee, welches
Freiheitsverständnis Popper vorschwebt, bekommt man im Zusammenhang mit seiner
Skizzierung einer neodarwinistischen Evolutionstheorie, die Raum für den Indeterminismus und die
menschliche Freiheit schafft. Um Letztere nicht als ein Produkt des Zufalls annehmen zu müssen
– dies würde sowohl Rationalität wie auch Verantwortlichkeit ausschliessen -, entwickelt Popper
den Gedanken einer plastischen Steuerung mit Rückkoppelung. 1313 Dies besagt: Die physikalische Welt
und die Welt der menschlichen Erzeugnisse werden der Welt des menschlichen Bewusstseins
nicht einfach aufgezwungen, sondern vielmehr sind die Menschen frei zur Kritik, indem sie diese
Bewusstseinsinhalte annehmen, ablehnen oder verbessern können. 1314 Es ist Herbert Keuth
zuzustimmen, dass Popper die Idee der plastischen Steuerung nicht wirklich zu erklären
1306
1307
1308
1309
1310
1311
1312
1313
1314
178
A.a.O., S. 317
Vgl. K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O.,
S. 350
K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 2: Widerlegungen, a.a.O., S. 523
Nach Stephen Toulmin ist die Verhinderung von vermeidbarem Leid, wenn immer uns dies möglich ist, das
allgemeinste ethische Prinzip. Das heisst: Wenn moralische Grundsätze hochgehalten werden möchten, dann
kann dieses Prinzip nicht zurückgewiesen werden. (Vgl. S. E. Toulmin: An examination of the place of reason in
ethics, Cambridge 1952, S. 143)
Vgl. K. R. Popper: Ausgangspunkte, a.a.O., S. 26
A.a.O., S. 28
K. R. Popper: Das offene Universum, a.a.O., S. XIII
Vgl. K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 250f
Vgl. a.a.O., S. 251
vermag 1315, nichtsdestotrotz zeigen sich bei Poppers Ausführungen, dass Freiheit nicht bloss als
die Abwesenheit von Zwang aufgefasst werden sollte. Unterstützt wird diese Einschätzung durch
Poppers Bezug auf Sokrates und Immanuel Kant: „Die Verteidigungsrede und der Tod des
Sokrates haben die Idee des freien Menschen zu einer lebendigen Wirklichkeit gemacht. Sokrates
war frei, weil sein Geist nicht unterjocht werden konnte; er war frei, weil er wußte, daß man ihm
nichts anhaben konnte. Dieser Sokratischen Idee des freien Menschen, die ein Erbgut unseres
Abendlandes ist, hat Kant auf dem Gebiet des Wissens wie auf dem der Ethik eine neue
Bedeutung gegeben.“ 1316 Diesen Geist der kantischen Ethik, den Popper mit den Worten: „Wage
es, frei zu sein, und achte und beschütze die Freiheit aller anderen“ 1317 formuliert, wird als zweite
metaethische regulative Idee bestimmt, wobei allerdings Freiheit durch den Begriff „Autonomie“ –
nach Kant die Freiheit des Willens, der sich selbst ein Gesetz gibt 1318 – ersetzt wird. Und zwar
deshalb, weil erstens der Begriff „Freiheit“ mit den Aspekten des Willens, der Entscheidung und
der Handlung sehr komplex ist und auch kontrovers diskutiert wird, zweitens Willensfreiheit ein
philosophischer Terminus ist, der im Alltag kaum Verwendung findet 1319, drittens in
Wirtschaftskreisen oft vom Verständnis ausgegangen wird, gerade für die Freiheit der Menschen
einen grossen Beitrag zu leisten und viertens der Begriff der menschlichen Autonomie, noch mehr
als der Freiheitsbegriff, eine ethische Konnotation mit sich führt. Nicht von Willensfreiheit,
sondern von der Autonomie menschlichen Handelns zu sprechen, schlägt auch Gerhard Roth vor, und
zwar mit dem Argument, dass der die menschliche Selbstbewertung und Selbststeuerung bezeichnende
Begriff – im Gegensatz zu Willensfreiheit – das gesamte menschliche Wesen, samt seinem
Bewusstsein, Unbewussten, Gehirn und seinem ganzen Körper, in den Blick nimmt. 1320
14.2.2 Zur Legitimation der metaethischen regulativen Ideen
Die metaethischen regulativen Ideen sind die festgelegten Ziele, um die gefasste Aufgabe zu
erfüllen, nämlich den moralischen Problemkern idealiter zu beseitigen und realiter zu reduzieren.
Mit der moralontologischen Begründungsleistung können diese beiden regulativen Ideen als
legitimiert betrachtet werden. Angesichts der Tatsache, dass sich die Trias Ethik – Politik –
Ökonomie längst ausdifferenziert hat und Wirtschaftsethiker wie Karl Homann die Ansicht
vertreten, dass die Ökonomik die Fortsetzung der Ethik sei, allerdings mit besseren Mitteln (vgl.
S. 40), stellt sich indessen die Frage, ob die Verhinderung von menschlichem Leid bzw. der Schutz der
menschlichen Autonomie nicht bereits von der Ökonomik – oder allenfalls vom politischen System –
in den Blick genommen wird. Anders gefragt: Ist Ethik als Disziplin der praktischen Philosophie
überhaupt noch die adäquate Instanz, um diese beiden regulativen Ideen einzufordern? Im
Folgenden werden Argumente vorgebracht, die deutlich machen, dass weder das politische
System noch die Betriebs- und Volkswirtschaftslehre hinsichtlich der metaethischen regulativen
Ideen, menschliches Leid verhindern, nicht verursachen sowie die menschliche Autonomie schützen, nicht
schwächen, einen genügend starken Druck auf die Managements der Unternehmen ausüben.
Hat sich Geld mittlerweile als Medium einer unkontrollierten Macht entwickelt? Nach
Karl R. Popper ist Geld nur dann gefährlich, „wenn es zum Kauf von Macht verwendet werden
kann, entweder direkt oder durch Versklavung der ökonomisch Schwachen, die sich selbst
verkaufen müssen, um überleben zu können.“ 1321 Deshalb – so Popper – müssen wir
Institutionen ersinnen, „die es uns erlauben, die ökonomische Macht auf demokratische Weise zu
1315
1316
1317
1318
1319
1320
1321
Vgl. H. Keuth: „Kritischer Rationalismus und Ethik“, in: Wissenschaft, Religion und Recht. Hans Albert zum 85.
Geburtstag am 8. Februar 2006, Berlin 2006, S. 299
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1: Der Zauber Platons, a.a.O., S. XXIX
A.a.O., S. XXIX
Vgl. I. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 104 [S. 446/447]
Vgl. G. Keil: Willensfreiheit, Berlin 2007, S. 1
Vgl. G. Roth: Fühlen, Denken, Handeln. Wie das Gehirn unser Verhalten steuert, Frankfurt a. M. 2001, S. 448f
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 150
179
kontrollieren, und die uns Schutz vor der ökonomischen Ausbeutung gewähren.“ 1322 Aber lässt
sich die ökonomische Macht noch auf demokratische Weise kontrollieren, wenn die
nationalstaatliche Politik im Rahmen der Globalisierung zunehmend an Einfluss verliert, immer
mehr Lebensbereiche der Ökonomisierung bzw. dem Wettbewerb unterworfen werden 1323, die
Funktionslogik des politischen Systems die politische Macht fokussiert und der politische Erfolg
zunehmend vom Wahlkampfbudget abhängt? Anhand von sechs Punkten wird im Folgenden
skizziert, weshalb Homann in seiner Einschätzung, wonach das politische System die Aufgabe
einer ethisch fundierten Wirtschaftspolitik immer weniger erfüllt (vgl. S. 86), wohl Recht hat. Im
globalen Standortwettbewerb werden erstens die regionalen, die staatlichen und sogar die
suprastaatlichen politischen Einflussmöglichen – nach der soziologischen Systemtheorie
Irritationsmöglichkeiten – mit Blick auf das Weltwirtschaftssystem zusehends kleiner. 1324 Genauer
gesagt: Das politische System kann wichtige gesellschaftliche Aufgaben nur mithilfe des
Wirtschaftssystems bzw. der Unternehmen erfüllen, aber gerade Letztere können sich dem
Einfluss des politischen Systems in einer Welt, wo Milliardenbeträge innert weniger Sekunden
von einem Kontinent auf den anderen verschoben und die Standorte nach idealen ökonomischen
Kriterien ausgesucht werden können, immer besser entziehen. Zweitens hat sich durch die
gesellschaftliche Ausdifferenzierung im politischen System ähnliches ereignet wie im
Wirtschaftssystem. Während viele Unternehmen ökonomistische Unternehmensstrategien – in
der Folge werden diese gelegentlich auch als ökonomische Binnenlogiken bezeichnet – verfolgen,
das heisst den Gewinn und nicht eine mit moralischen Werten im Einklang stehende
Marktleistung als höchstes Ziel fokussieren, sind die hochrangigen Politiker primär am
Machtgewinn, Machterhalt und Machtausbau interessiert. Mit Niklas Luhmann gesagt: „Die
Ausdifferenzierung eines machtbasierten, zentralisierten, politischen Systems setzt voraus, daß
Macht selbst zum Focus der Systembildung wird.“ 1325 Das heisst: Die Massnahmen zugunsten des
Gemeinwohls sind ein Mittel für den Zweck der politischen Macht, die jedoch durch andere,
möglicherweise effizientere Instrumente, ersetzt werden können. Wie die obersten Führungsleute
grosser Unternehmen ihre Tätigkeiten weitgehend nach der Börse als Indikator für das
Einschlagen des „richtigen“ Weges ausrichten, so orientieren sich hochrangige Politiker – mehr
oder weniger ausgeprägt – nach den Popularitätsumfragen. Dass Letztere durch sorgfältige
Überlegungen und weitsichtige Entscheidungen mit Blick auf das mittel- und langfristige
Gemeinwohl nicht gerade befördert werden, ist zwar leicht nachvollziehbar, im Grunde
genommen aber tragisch. Die Idee, “ein Medienereignis pro Tag“ 1326, kann in diesem Sinne denn
auch durchaus als eine kluge Medienstrategie betrachtet werden. Drittens gilt es festzuhalten, dass
der Erfolg von politischen Ämtern zunehmend von der Finanzkraft der hochrangigen Politiker
und ihrer Parteien abhängt. Und weil niemand über eine ähnlich starke Finanzkraft wie die
Unternehmen verfügt und Letztere ihren Beitrag direkt vom Abstimmungsverhalten der Parteien
abhängig machen 1327, ist es auch deshalb naheliegend, dass die Mehrheit der Parlamente kein
besonderes Interesse hat, die Unternehmen hinsichtlich ihrer Normativität allzu sehr zu
kritisieren und auf Gesetzesänderungen im Hinblick auf die Berücksichtigung moralischer
Anliegen hinzuarbeiten. Viertens muss berücksichtigt werden, dass nicht wenige
Parlamentsabgeordnete direkt die Interessen des Wirtschaftssystems wahrnehmen und
Wirtschaftsverbände das Abstimmungsverhalten mit hohen Geldsummen für geeignete
Werbeanstrengungen durchaus zu ihren Gunsten beeinflussen können. Weil die Erfüllung von
wichtigen politischen Aufgaben, zum Beispiel der Schutz der Arbeitsplätze oder der Ausgleich des
1322
1323
1324
1325
1326
1327
180
A.a.O., S. 150
Vgl. M. Fischer: „Ethik als wirtschaftliche Chance“, in: Wirtschafts- und Unternehmensethik, Hrsg. von M. Fischer
und R. Hammer, Frankfurt a. M. 2007, S. 142
Vgl. N. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Bd. 2: Kapitel 4-5, a.a.O., S. 781
Vgl. N. Luhmann: Die Politik der Gesellschaft, a.a.O., S. 73
Vgl. zapp: „Willige Journalisten - Unheimliche Medienmacht des Nicolas Sarkozy“, NDR fernsehen
[www.ndr.de~, Veröffentlicht: 23.05.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. G. Gavelty: „Credit-Suisse: Wer richtig abstimmt, dem wird gegeben“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Veröffentlicht: 09.10.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Finanzhaushalts, direkt vom Wirtschaftssystem abhängt, zeigt sich fünftens nicht selten ein
Reflexionsstopp seitens vieler hochrangiger Politiker, wenn es darum geht, gesetzliche Institutionen
zur Eindämmung der ökonomischen Macht zu beschliessen. Anders gesagt: Die mangelnden
Bemühungen für eine ethisch fundierte Wirtschaftspolitik kaschieren hochrangige Politiker häufig
mit dem Verweis auf den Schutz der Arbeitsplätze oder die Wichtigkeit von hohen
Unternehmenssteuern. Zweifellos haben der Schutz der Arbeitsplätze und hohe Steuereinnahmen
eine herausragende Bedeutung, nichtsdestotrotz sollten Fragen, ob mit den hohen
Steuereinnahmen bzw. mit den Arbeitsplätzen die Ökologie, die menschliche Autonomie oder
die Gesundheit gefährdet, ob Menschen mit der Arbeit zu Working Poor gemacht werden oder ob
die Arbeitsstellen der Herstellung von Kriegsmaschinen, Gewaltspielen und sinnlosen
Massenprodukten dienen, nicht aus den Augen verloren gehen. Und sechstens schliesslich betrifft
die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnissituation Politiker genauso wie alle anderen
Menschen. Im Grunde genommen wären die mit den genannten Punkten zusammenhängenden
Gefahren für die soziale Ordnung der Möglichkeit nach für die hochrangigen Politiker
feststellbar. Aber um zu erkennen, dass mit den Gesetzeserlassen häufig bloss Symptome bekämpft
werden, bräuchte es eine genügend starke kritische Einstellung gegenüber den eigenen
Erkenntnissen und dem eigenen Standpunkt. Erst dann könnten wichtige Fragen nach den tiefer
liegenden Ursachen, beispielsweise zum erschreckenden Problem der Jugendgewalt, gestellt
werden. Trotz dieser schwerwiegenden Vorbehalte implizieren diese Ausführungen nicht, dass es
der Politik nicht immer wieder gelingt, menschliches Leid zu verhindern und die menschliche Autonomie
zu schützen. Vielmehr sind sie so zu verstehen, dass hinsichtlich der Beförderung der
metaethischen regulativen Ideen nicht mit einem breitgefächerten politischen Druck auf die
Managements der Unternehmen gerechnet werden kann. Dies wird im Übrigen durch die aktuelle
Weltwirtschaftskrise bestätigt; zu Beginn der Krise wurden schärfere Gesetze zur Eindämmung
exorbitanter Lohnbezüge in Aussicht gestellt, mittlerweile zeigt sich deutlich, wie schwer die
Parlamente sich mit derartigen Eingriffen tun. Die ABB und andere Unternehmen werden auch
weiterhin einem gefeuerten CEO eine Abgangsentschädigung von 8.7 Millionen und dem
Nachfolger – damit er die Aufgabe überhaupt annimmt – im Vorneherein 13 Millionen bezahlen
können. 1328 Für die Möglichkeit, dass gerade Menschen, die für sich in Anspruch nehmen, ein
Jahresgehalt in Millionenhöhe zu verdienen, die nachhaltige Existenz von Unternehmen sowie
die soziale Ordnung gefährden könnten, hat eine grosse Zahl der hochrangigen Politiker kein
Bewusstsein – trotz der diesbezüglich deutlichen Erfahrungen im Zusammenhang mit der
jüngsten Wirtschaftskrise.
Kann von der Betriebswirtschaftslehre, die sich immerhin als „eine Wissenschaft mit tiefen
ethischen Wurzeln“ 1329 versteht, erwartet werden, dass sie angehende Führungsleute und
Unternehmen lehrt, ethische Anliegen zu berücksichtigen? Die Tatsache, dass sich die Gebiete
des Absatzes und des Marketings in den letzten dreissig Jahren stürmisch entwickelten und dabei
„in vielfacher Weise verhaltenstheoretische Aspekte, psychologische und soziologische
Erkenntnisse in die Theorie des Marketings eingeflossen“ 1330 sind, könnte dies zumindest
nahelegen. Nach Horst Albach beschäftigt sich die Betriebswirtschaftslehre mit betrieblichen
Problemen, arbeitet dabei aber im Sinne von Max Webers Wertfreiheitspostulat wertfrei. 1331 Dies
mag ein Grund sein, weshalb Unternehmensethik nicht Pflichtbestandteil von Vorlesungen und
1328
1329
1330
1331
Vgl. A. Flütsch: „Hogan: Der Mann mit dem goldenen Arm“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Veröffentlicht: 12.03.2009, Zugriff: 29.04.2009]
H. Albach: „Unternehmensethik: Ein subjektiver Überblick“, in: Unternehmensethik und Unternehmenspraxis,
Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Special Issue 5 (2005), S. 5
H. Albach: „60 Jahre ZfB - Meilensteine der Betriebswirtschaftslehre“, in: Meilensteine der Betriebswirtschaftslehr. 60
Jahre Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Ergänzungsheft 2 (1991), S. X
Vgl. H. Albach: „Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft. Entwicklungstendenzen in der modernen
Betriebswirtschaftslehre“, in: Die Zukunft der Betriebswirtschaftslehre in Deutschland, Zeitschrift für
Betriebswirtschaft, Ergänzungsheft 3 (1993), S. 8f
181
Lehrbüchern der Betriebswirtschaftslehre ist. 1332 Dessen ungeachtet hat es die
Betriebswirtschaftslehre aber auch gar nicht nötig, denn – so Albach – da das Gefangenendilemma
das Grundmodell der modernen Ethik ist, haben wir „allen Grund, selbstbewusst zu sagen: Die
Betriebswirtschaftslehre ist eine Wissenschaft, die auf soliden ethischen Fundamenten ruht. Ihre
Prinzipien (oder entscheidungstheoretischen Axiome) sind Operationalisierungen ethischer
Grundsätze.“ 1333 Damit stellt Albach – er ist der Herausgeber der Zeitschrift für Betriebswirtschaft und
mehrfach mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet – auch gleich klar: Mitarbeiter und
Unternehmer bedürfen „in ihrer weitaus überwiegenden Anzahl nicht der Belehrung durch
Ethiker oder Unternehmensethiker. Natürlich gibt es unter den Unternehmern ‚Schwarze
Schafe‘. Sie müssen und werden durch Gesetz und Markt, durch die Medien und die Öffentliche
Meinung zumindest auf mittlere Frist daran gehindert, unmoralisch zu handeln.“ 1334 Diese
Ausführungen zeigen deutlich, dass in der nicht viel mehr als hundertjährigen Geschichte der
Betriebswirtschaftslehre ein normativ-ethischer Ansatz sich nicht wirklich durchzusetzen
vermochte. Mit Hans-Ulrich Küppers Worten: „Dieser Versuch einer ethischen Orientierung der
Betriebswirtschaftslehre hat sich nicht durchgesetzt. Heute lässt er kaum noch Wirkungen
erkennen.“ 1335 Die Forderung von Daniel Klink, das Leitbild des auf der Basis von Tugenden
nachhaltig wirtschaftenden ehrbaren Kaufmannes als ethische Basis der Betriebswirtschaftslehre
wieder in die Ausbildung an Hochschulen zu integrieren 1336, wird angesichts dieser schwierigen
Situation in der Betriebswirtschaftslehre anerkennend zur Kenntnis genommen. Gleiches gilt für
die Einschätzung von Hans Ulrich, dem ehemaligen Professor an der Universität St. Gallen und
Gründer des Instituts für Betriebswirtschaft; nach ihm sind die Ansätze von Ethik, Wissen und
Institutionen für die Zukunftsbewältigung und für die menschliche Freiheit von grosser
Bedeutung. 1337
Auf welchem Weg befindet sich die Volkswirtschaftslehre, die der Betriebswirtschaftslehre
den Weg weisen könnte? Die Antwort gibt Bruno S. Frey, und zwar in aller wünschenswerten
Deutlichkeit: „Die sich immer stärker selbst-definierten intellektuellen Problemen zuwendende
Volkswirtschaftslehre ist mit einigen Schwierigkeiten konfrontiert, die in der Zukunft sich noch
verschärfen dürften: a) Die Anteile an den Studierenden aller Niveaus nimmt ab, ganz besonders
im Vergleich zur Betriebswirtschaftslehre, aber auch zu anderen Fächern. Es stellt sich die Frage,
ob unser Fach für Spitzenbegabungen noch attraktiv ist. Noch bis vor kurzem haben gerade
besonders motivierte junge Leute unser Fach studiert, weil sie zur Lösung gesellschaftlicher
Probleme wie Arbeitslosigkeit, Armut oder Umweltproblemen beitragen wollten. Dieser Anreiz
geht verloren, wenn sich die Disziplin hauptsächlich oder ausschliesslich mit internen Puzzles
herumschlägt. b) Ressourcen vor allem in Form von Lehrstühlen und Assistentenstellen gehen
verloren. Die Volkswirtschaftslehre könnte damit zu einem (wohl unbedeutenden) Teil der
angewandten Mathematik werden. Ein derartiger Ressourcenverlust ist für eine Wissenschaft, die
im wesentlichen Marktbewertungen akzeptiert, besonders ernst zu nehmen. c) Die
Volkswirtschaftslehre büsst ihre Bedeutung vor allem in den Medien, in der
wirtschaftspolitischen Diskussion, aber auch im allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs ein.“ 1338
Gar als einen Skandal empfindet der im Jahre 2008 mit dem Marcel-Benoist-Preis ausgezeichnete
Ernst Fehr die Abstinenz der Volkswirtschaftslehre von der Empirie: „Ökonomie wird auf eine
sehr sonderbare Art unterrichtet. In einem Mikroökonomiebuch findet man fast oder gar nichts
1332
1333
1334
1335
1336
1337
1338
182
Vgl. H. Albach: „Unternehmensethik: Ein subjektiver Überblick“, in: Unternehmensethik und Unternehmenspraxis,
Zeitschrift für Betriebswirtschaft, Special Issue 5 (2005), S. 4
A.a.O., S. 5
A.a.O., S. 15
H.-U. Küpper: Unternehmensethik. Hintergründe, Konzepte, Anwendungsbereiche, Stuttgart 2006, S. 3
Vgl. D. Klink: „Der Ehrbare Kaufmann – Das ursprüngliche Leitbild der Betriebswirtschaftslehre und
individuelle Grundlage für die CSR-Forschung“, in: Corporate Social Responsibility, Zeitschrift für
Betriebswirtschaft, Special Issue 3 (2008), S. 57
Vgl. H. Ulrich: Systemorientiertes Management, a.a.O., S. 442f
B. S. Frey: Was bewirkt die Volkswirtschaftslehre?, Institute for Empirical Research in Economies University of
Zurich, Working Paper No. 24, October 1999, S. 23
Empirisches. In allen anderen Wissenschaften lernt man empirische Tatsachen, in der
Wirtschaftswissenschaft ist alles nur Spekulation, keine Empirie. Das ist ein Skandal! Die ganze
Grundausbildung ist empiriefrei. Es gibt kein Wechselspiel von Modellen und Empirie. Das ist
das Problem. Die jungen Ökonomen lernen die Modelle und glauben, die stimmen.“ 1339 Die
provokative Frage von Thomas Knellwolf, ob HSG-Studenten falsch programmierte Roboter
sind 1340, zielt offensichtlich auf ein ernst zu nehmendes Thema.
Kann allenfalls davon ausgegangen werden, dass die soziologische Systemtheorie, die
immerhin die funktionale Ausdifferenzierung sorgfältig analysiert, das Erbe der
Volkswirtschaftslehre übernehmen wird? Nach dem Wirtschafts- und Organisationssoziologen
Dirk Baecker – er war Habilitand bei Luhmann – hat die Einführung des Computers für die
Gesellschaft ebenso dramatische Folgen wie zuvor die Einführung der Sprache, der Schrift und
des Buchdrucks. 1341 Auf die Frage, was die Gesellschaft noch zusammenhält, antwortet Baecker:
„Unsere Antwort auf die Titelfrage dieses Beitrags, was die Gesellschaft zusammenhält, lautet: die
Struktur des Sinnüberschusses in der Kombination mit einer Kultur der selektiven Handhabung
und Reproduktion dieses Überschusses. Der Sinnüberschuss erklärt sich aus den
Verbreitungsmedien der Kommunikation, die die Gesellschaft zwingen, jede einzelne
Kommunikation weniger vom Sender als vielmehr vom Empfänger her zu denken und sich jeden
einzelnen Akteur als jemanden vorzustellen, der – noch bevor er dazu kommt, Motive, Absichten
und Intentionen zu entwickeln – erst einmal in ein Erleben gestellt ist, mit dem er fertig werden
muss.“ 1342
Es spricht weder für das politische System noch für die Betriebs- und
Volkswirtschaftslehre, aber auch nicht für die soziologische Systemtheorie, dass Bill Gates
Forderung nach einem kreativen Kapitalismus zum Nutzen der Armen1343, ausgesprochen in Davos
am WEF 2008 – nach Gates war es die bislang wichtigste Rede in seinem Leben 1344 -, für die
Aufnahme von ethischen Anliegen seitens der Managements vielversprechender erscheint.
14.2.3 Die kritische Funktion des teleologischen Systems
Nach Hans Albert gehört es zur Problemlösungs-Methodologie, mithilfe von Selbst- und
Fremdkritik zu prüfen, ob mit der vorgeschlagenen Lösungsvariante das bestehende Problem
auch wirklich gelöst wird bzw. wie der bestehende Lösungsversuch allenfalls verbessert werden
kann (vgl. S. 139). Für die Beantwortung der Frage nach der Adäquatheit der problemorientierten
philosophischen Management-Ethik lassen sich drei kritische Bereiche feststellen, die in einem engen
Zusammenhang mit der Erfüllung der gefassten Aufgabe stehen: Es stellt sich die Frage, ob
erstens die im Rahmen des deontologischen Systems festgelegten ethischen Prinzipien mittlerer
Reichweite als Problemlösungs-Hypothesen die regulativen Ideen auch tatsächlich befördern, ob
zweitens die theoretische Lösung der anthropologischen Voraussetzungen auch realiter im Sinne
von Sollen impliziert Können zu überzeugen vermag und ob drittens die ausgedachten
Motivationsbemühungen ausreichend durchgeführt wurden, so dass die ethische Theorie effektiv
angenommen und durchgesetzt wird. Aber wie lassen sich diese Fragen überhaupt zuverlässig
klären? Grundsätzlich können in allen drei Bereichen mithilfe von Befragungen und Beobachtungen
Schwachstellen und Möglichkeiten zur Verbesserung eruiert werden, auch wenn die einzelnen
konkreten Situationen möglicherweise nicht sofort und auch nicht ohne Weiteres eindeutige
1339
1340
1341
1342
1343
1344
E. Fehr: „‹‹Was heisst schon exakt?››“, in: WOZ Die Wochenzeitung, Interview: Carlos Hanimann und
Yves Wegelin, Ausgabe: 20.11.2008, S. 3f
Vgl. T. Knellwolf: „Sind HSG-Studenten ‹‹falsch programmierte›› Roboter?“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Veröffentlicht: 09.04.2009, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. D. Baecker: Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt a. M. 2007, S. 7
A.a.O., S. 173
Vgl. S. Schnyder: „Gates‘ ‹‹kreativer Kapitalismus››“, Tagesanzeiger
[www.tagesanzeiger.ch~, Veröffentlicht: 25.01.2008, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. a.a.O.
183
Antworten zulassen. Im Übrigen muss in aller Deutlichkeit festgehalten werden, dass
Verbesserungsmöglichkeiten im Bereich der ethischen Prinzipien wohl einfacher zu realisieren
sind, als etwa im Bereich der anthropologischen Voraussetzungen oder der
Motivationsbemühungen.
Wann muss die problemorientierte philosophische Management-Ethik als gescheitert
betrachtet werden? Da sich das Verhältnis zwischen den ethischen Prinzipien mittlerer Reichweite und
den metaethischen regulativen Ideen auf einen breiten Erfahrungsbereich abstützten lässt, zudem ein
gewisser Spielraum für Verbesserungsmöglichkeiten besteht, kann die Gefahr, dass trotz
systematischer und konsequenter Befolgung der ethischen Prinzipien die metaethischen Ideen im
Grossen und Ganzen verfehlt werden, weitgehend ausgeschlossen werden. Anders verhält es sich
in der Sache der anthropologischen Voraussetzungen sowie der Motivationsbemühungen. Wenn
es sich, trotz Verbesserungsversuchen, herausstellt, dass die systematische und konsequente
Anwendung der ethischen Prinzipien die Führungsleute nachweislich im Sinne von Nicht-Können
impliziert Nicht-Sollen – mit Recht weist Andreas Graeser darauf hin, dass dieses Brückenprinzip
nicht als einen schlechthin wahren Satz, sondern als eine pragmatische Präsupposition, die von einem
freien Willen ausgeht, aufgefasst werden sollte 1345 – überfordert oder der Verwaltungsrat bzw.
Aufsichtsrat nicht ausreichend Gründe sieht, die problemorientierte philosophische
Management-Ethik anzunehmen und durchzusetzen, dann ist dieser Lösungsversuch gescheitert.
Gleiches gilt, wenn sich nachweislich herausstellen sollte, dass die systematische und konsequente
Anwendung der ethischen Prinzipien die Existenzfähigkeit der Unternehmen – im Allgemeinen
gesehen – gefährdet.
14.3 Das deontologische System als normativ-ethisches Element
Nach Alberts metaethischem Verständnis ist es die Aufgabe des deontologischen Systems, die vom
teleologischen System vorgegebenen Ziele mithilfe von ethischen Prinzipien umzusetzen. Diese
Aufgabe wird im Rahmen von zwei Abschnitten angegangen: Zuerst wird die Übernahme der
sozialen Verantwortung seitens der Unternehmen eingefordert, während im zweiten Abschnitt
die deontologischen Prinzipien entwickelt werden.
14.3.1 Corporate Social Responsibility
Das deontologische System, nebst dem teleologischen System das zweite normative Element der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik, fordert von den Managements aller
Unternehmen die Übernahme ihrer sozialen Verantwortung, indem die unternehmerischen Tätigkeiten
so ausgerichtet werden, dass die metaethischen regulativen Ideen beachtet werden. Da Letztere
nicht nur mit der Philosophie des Kritischen Rationalismus untrennbar verbunden sind, sondern
zugleich als die wohl in den meisten Gesellschaften tief verankerten moralischen Werte aufgefasst
werden können, impliziert die Forderung nach der Übernahme der sozialen Verantwortung
keineswegs zwingend die Übernahme der hier zugrunde gelegten Philosophie. Das heisst auch:
Wenn die Managements die metaethischen regulativen Ideen, menschliches Leid verhindern, nicht
verursachen, die menschliche Autonomie schützen, nicht schwächen, beachten, dann handeln sie nicht nur
ethisch, sondern zugleich moralisch. Das ist auch der Grund, weshalb in den weiteren Ausführungen
in erster Linie von gesellschaftlich tief verankerten moralischen Werten und weniger von den
metaethischen regulativen Ideen gesprochen wird. Mit der Einforderung dieser gesellschaftlich
tief verankerten moralischen Werte kann – mit Blick auf die moralpsychologischen
Untersuchungen von Kohlberg – von der Einnahme der empirisch nicht nachweisbaren sechsten
Moralstufe (universelle Moralprinzipien der Gerechtigkeit) abgesehen werden, denn die Erfüllung
1345
184
Vgl. A. Graeser: Philosophie und Ethik, a.a.O., S. 47f
der gesellschaftlichen Pflichten sowie die Respektierung gewisser Werte wie Freiheit, und zwar unabhängig
von der Meinung der Mehrheit, bedarf „lediglich“ der Stufe vier bzw. fünf) 1346.
14.3.2 Zehn deontologische Prinzipien
Im Mittelpunkt des deontologischen Systems stehen die ethischen Prinzipien und somit die
Beantwortung der zweiten ethischen Grundfrage: Welche ethischen Regeln sollen Geltung haben?
Um die metaethischen Ziele zu befördern, sollen nach den Vorgaben der kritisch-rationalen
Metaethik mehrere deontologische Prinzipien mittlerer Reichweite (vgl. S. 143) entwickelt werden. Dazu
werden erstens Beobachtungspunkte im Bereich der unternehmerischen Tätigkeit fixiert und
zweitens den Managements prinzipielle Vorgaben für ethisches Denken, Entscheiden und Handeln
hinsichtlich dieser Beobachtungspunkte gemacht, und zwar mit dem Ziel, die Übernahme der
sozialen Verantwortung in die unternehmerischen Prozesse zu gewährleisten. Aber was wird
unter einem ethischen Prinzip aufgefasst? Ein ethisches Prinzip wird als eine inhaltlich gefasste Regel
verstanden, welche die ethische Richtung beim Denken, Entscheiden und Handeln hinsichtlich eines
Beobachtungspunktes deutlich kennzeichnet, ohne jedoch einen Bezug zu einzelnen Situationen
herzustellen. Letzteres ist ethischen Normen vorbehalten, die allerdings nicht durch das
deontologische System elaboriert werden, sondern durch von den Unternehmen beauftragte
Ethikspezialisten, die denn auch mit den besonderen Gegebenheiten der einzelnen Unternehmen
vertraut sind. Ohnehin muss in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen werden, dass die
Implementation der problemorientierten philosophischen Management-Ethik nicht ohne die
beratende Tätigkeit eines sowohl in ökonomischen wie auch in ethischen Belangen
professionellen Beraters realisiert werden kann. In der nachfolgenden Darstellung der ethischen
Prinzipien gilt es denn auch, diese Voraussetzung zu berücksichtigen, und zwar dahingehend,
dass die Explikation der deontologischen Prinzipien hinsichtlich ihrer Anwendung in keiner
Weise als abschliessend aufgefasst werden kann.
Wie lassen sich die fixierten Beobachtungspunkte und die prinzipiellen ethischen
Vorgaben für die unternehmerische Tätigkeit begründen? Wie beim Entscheid für die
Philosophie des Kritischen Rationalismus sowie bei der Begründung der metaethischen
regulativen Ideen stellt sich auch hier die dritte ethische Grundfrage, nämlich: Weshalb sollen
gerade diese ethischen Regeln Geltung haben? Und dabei steht hier die erste Begründungsebene,
die theorieimmanente, zur Diskussion. Es fragt sich also, weshalb sollen die Managements gerade
diese Prinzipien befolgen. Die Antwort lautet: Die ethischen Prinzipien stehen in einem direkten
Verhältnis zu den metaethischen regulativen Ideen, wobei sie sich auf Beobachtungspunkte bzw.
Managementbereiche stützen, von denen erfahrungsgemäss eine beträchtliche Gefahr hinsichtlich
des zu lösenden moralischen Problemkerns ausgeht. In diesem Sinne wird – kognitivistisch – der
Anspruch auf eine allgemeine Anerkennung erhoben, dass mit den ethischen Prinzipien mit Blick
auf die metaethischen regulativen Ideen sowohl adäquate Anwendungsfelder als auch wirkungsvolle
ethische Vorgaben gewählt wurden, ohne deswegen die Kontingenz sowohl der
Beobachtungspunkte als auch der prinzipiellen Vorgaben negieren zu wollen. Das deontologische
System umfasst in diesem Sinne – wie der UN Global Compact – zehn ethische Prinzipien. In der
Folge werden diese ethischen Postulate mit folgender Struktur expliziert: Zunächst wird das
ethische Prinzip prägnant formuliert. Danach wird der Beobachtungspunkt hinsichtlich des von ihm
ausgehenden Gefahrenpotenzials erklärt, so dass dann aufgezeigt werden kann, wie mit dem
ethischen Prinzip dieses Gefahrenpotenzial mit Blick auf die Beförderung der metaethischen
regulativen Ideen eingedämmt werden kann. Zum Abschluss wird das ethische Prinzip gegenüber
möglichen betriebswirtschaftlichen Einwänden verteidigt.
1346
Vgl. L. Kohlberg: Die Psychologie der Moralentwicklung, a.a.O., S. 130f
185
14.3.2.1 Das erste ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir diese
Werte als Grenze für die ökonomischen Tätigkeiten auffassen und den betriebswirtschaftlichen Erfolg als
Massstab betrachten, inwieweit uns dies gelungen ist.
Das erste ethische Prinzip bestimmt die Gewinnstrategie des Unternehmens zum Beobachtungspunkt
für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im Zusammenhang mit der
Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen Erkenntnissituation, der
weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck besteht die grosse Gefahr,
dass sich die Unternehmen an ökonomistischen Gewinnstrategien orientieren, die beinahe
sämtliche unternehmerischen Handlungen für den maximalen Gewinn als das höchste Ziel
instrumentalisieren und dabei selbst gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die
Verhinderung von menschlichem Leid und der Schutz der menschlichen Autonomie nicht mehr
als die Grenze der unternehmerischen Tätigkeit beachten. Das erste ethische Prinzip fordert von
den Managements, dass sie Wirtschaftsakteure wie Konsumenten, Mitarbeiter, kleinere
Kapitalgeber, Lieferanten, staatliche Institutionen usf. nicht bloss als Mittel für den
bestmöglichen ökonomischen Erfolg behandeln und die Ansicht, wonach die Verursachung von
menschlichem Leid oder das Schwächen der menschlichen Autonomie im harten
Konkurrenzkampf unumgänglich sei, ablegen. Der Unterschied, ob allein der ökonomische
Erfolg oder aber eine Vermittlung des ökonomischen Strebens mit in der Gesellschaft tief
verankerten moralischen Werten im Zentrum der unternehmerischen Tätigkeit steht, kann mit
Blick auf die Konsequenzen kaum grösser sein. Während beim ökonomischen
Selbstzweckdenken die Qualität der Produkte und Dienstleistungen, die Verkaufsmethoden,
Mitarbeiterzahl, Beschäftigungsbedingungen usf. eine Frage des klugen, das heisst des
zweckmässigen Einsatzes ist, zeigen sich Unternehmen, die den Fokus auf die Verhinderung von
menschlichem Leiden und den Schutz der menschlichen Autonomie richten, als beispielsweise
wertvolle Anbieter von Produkten und Dienstleistungen, umsichtige Arbeitgeber oder
verantwortungsvolle Beeinflusser der ökologischen Gefährdung. Dass dieses ethische Prinzip
nicht eine utopische Idee, sondern auch von – weitsichtigen – Managementlehren gefordert wird,
zeigt die Aussage von Peter Stadelmann, der die Geschäftsleitung des Malik Management Zentrum
St. Gallen innehat: „Noch immer hält sich selbst in Lehrbüchern die Forderung fest: Das oberste
Ziel des Unternehmens ist es, seinen Gewinn zu maximieren. Wir schlagen Ihnen vor, das
oberste Ziel eines Unternehmens darin zu sehen, seinen Zweck zu erfüllen, seine Kunden
zufrieden zu stellen. Und der Gewinn ist der Maßstab dafür, wie gut es dies tut. Ich möchte das
mit uns Menschen verdeutlichen: wir müssen atmen, um zu leben – aber wir leben doch nicht um
zu atmen!“ 1347 Aber wie können Unternehmen existieren, wenn sie den Fokus nicht auf den
höchstmöglichen Gewinn richten und mehr als nur die Kundenzufriedenheit für den Schutz von
in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werten berücksichtigen? Denn immerhin – so
könnte der Vorwurf lauten – gingen die ökonomischen Interessen keineswegs Hand in Hand mit
moralischen Werten, beispielsweise sei es hinsichtlich der in Frage stehenden moralischen Werte
der Tendenz nach sinnvoll, wenn Unternehmen möglichst viele Mitarbeiter zu möglichst hohen
Löhnen beschäftigen, während dies einem Unternehmen jedoch gerade die Existenz kosten
könne. Dem kann entgegnet werden, dass erstens die unternehmerische Existenzgefährdung – im
Allgemeinen gesehen – mit den metaethischen regulativen Ideen unvereinbar ist und es zweitens in
der Tat nicht einfach ist, zwischen den ökonomischen und den moralischen Interessen eine
Balance zu finden, es aber gerade die Fähigkeit eines Managements ausmacht, diese schwierigen
Probleme weitsichtig und ausgewogen zu lösen.
1347
186
P. Stadelmann: „Die Bedeutung von KMU“, online. management zentrum st. Gallen. consulting & education, St.
Gallen 2003, S. 6
[www.km-management.ch~, Veröffentlicht: 06.06.2003, Zugriff: 29.04.2009]
14.3.2.2 Das zweite ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir eine
ehrliche und offensive Kommunikationspolitik pflegen und die Erwartungen der Stakeholder mit den effektiv
möglichen Leistungen des Unternehmens weitsichtig ausbalancieren und zu hohe Erwartungen korrigieren.
Das zweite ethische Prinzip bestimmt die Kommunikationspolitik von Unternehmen zum
Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im
Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die grosse Gefahr, dass die Unternehmen eine Kommunikationspolitik betreiben, in der
praktisch sämtliche Kommunikationshandlungen mit Blick auf betriebswirtschaftliche Anliegen
instrumentalisiert werden und dabei selbst gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie
die Verhinderung von menschlichem Leid und der Schutz der menschlichen Autonomie als
Grenze der unternehmerischen Tätigkeit unbeachtet lassen. Eine auf die Zweckmässigkeit von
betriebswirtschaftlichen Anliegen ausgerichtete Kommunikationspolitik kann zur Folge haben,
dass Wirtschaftsakteuren wie Konsumenten, Lieferanten, staatlichen Einrichtungen usf. der
Möglichkeit beraubt werden, frühzeitig auf für sie wichtige Sachverhalte zu reagieren und
adäquate Massnahmen zu ergreifen. Dies kann sehr wohl zu grossen Enttäuschungen,
menschlichem Leid und zu fehlenden Handlungsspielräumen führen. Das zweite ethische Prinzip
fordert von den Managements sowohl eine ehrliche wie auch eine offensive
Kommunikationspolitik. Das bedeutet: Die Personen des Managements sollen sich im Rahmen
der Kommunikationspolitik nicht an einer – oft kurzsichtigen – betriebswirtschaftlichen Optik
orientieren und keine defensive, nur auf Druck reagierende Kommunikationspolitik wählen,
sondern über wahre Sachverhalte umfassend informieren und dabei konsequent den Weg in die
Offensive wählen. Dadurch entsteht die überaus wichtige Situation, dass die Wirtschaftsakteure
frühzeitig, das heisst noch mit einem Bewusstsein von Handlungsspielräumen auf für sie
unangenehme Aussichten reagieren können. Darüber hinaus vermag diese ethische
Kommunikationspolitik übertriebene Erwartungen bei Wirtschaftsakteuren wie Aktionären,
Mitarbeitern oder Konsumenten wirkungsvoll zu korrigieren. Aber wie kann eine ehrliche und
offensive Kommunikationspolitik erwartet werden, angesichts der kaum bestreitbaren Tatsache,
dass in den Managements Lügen so sehr zum Alltag gehören, dass die Öffentlichkeit
Mitteilungen wie: Wir haben uns im gegenseitigen Einverständnis getrennt! längst nicht mehr wirklich
ernst nimmt? Dem kann entgegnet werden, dass eine nicht ehrliche und defensive
Kommunikationspolitik nur vermeintlich aus einer ökonomischen Dringlichkeit heraus entsteht
und angesichts des grossen Risikos, damit ein Image- und Glaubwürdigkeitsproblem
einzuhandeln, dieses ethische Prinzip im Grunde genommen gerade durch den ökonomischen
Verstand bejaht werden müsste. Im Übrigen sollte die enorme Kraft, die von einer ehrlichen und
offensiven Kommunikationspolitik ausgeht – sie signalisiert eine hohe Wertschätzung für andere
Menschen – nicht unterschätzt werden. Sie kann sogar so hoch sein, dass Unternehmen gerade
dadurch zusätzlich an Glaubwürdigkeit und Vertrauen gewinnen. Dass die Forderung nach einer
sowohl nach innen wie auch nach aussen gerichteten ehrlichen und offensiven Kommunikation
im Übrigen kein utopisches Denken ist, kann anhand von Untersuchungen, die eine wachsende
Zahl von Unternehmen mit einer Corporate Social Responsibility-Kommunikationspolitik
konstatieren 1348, belegt werden.
1348
Vgl. A. Glombitza: Corporate Social Responsibility in der Unternehmenskommunikation, a.a.O., S. 139
187
14.3.2.3 Das dritte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir eine
positive Einstellung gegenüber der Entdeckung von begangenen Fehlern im Sinne der dadurch erhaltenen
Möglichkeit zur Verbesserung der eigenen Leistung annehmen.
Das dritte ethische Prinzip bestimmt die Einstellung gegenüber der Entdeckung von Fehlern zum
Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im
Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die grosse Gefahr, dass die Unternehmen eine Kultur der Angst entwickeln, in der die
Entdeckung von Fehlern primär als Ausgangspunkt für die Suche nach Sündenböcken
genommen wird. Mit der Konsequenz, dass Fehler, so gut wie es nur geht, vertuscht und selbst
die Verletzung gesellschaftlich tief verankerter moralischer Werte wie die Verhinderung von
menschlichem Leid und der Schutz der menschlichen Autonomie mehr oder weniger bewusst in
Kauf genommen werden. Das dritte ethische Prinzip fordert von den Managements nicht etwa
das Gutheissen begangener Fehler, sondern die positive Auszeichnung der Fehlerentdeckung,
beispielsweise in Produkten, in Dienstleistungen, im Verhältnis zwischen einem Vorgesetzten
und einer Mitarbeiterin, im Verstoss gegen eine gesetzliche Vorschrift usf. Damit ermöglicht
dieses ethische Prinzip, dass erstens allenfalls betroffene Menschen informiert und adäquate
Massnahmen zur Beseitigung der durch die Fehler möglicherweise verursachten moralischen
Probleme ergriffen und zweitens die unternehmerischen Leistungen durch die Fehlerentdeckung
im Hinblick auf die Verhinderung von menschlichem Leid und den Schutz der menschlichen
Autonomie verbessert werden können. Mit einigem Recht kann eingewendet werden, dass die
Realität aber ein ganz anderes Bild zeige, die Entdeckung von Fehlern aus Angst, sie könnten die
berufliche Karriere gefährden, kaum gemeldet würden und die Befolgung dieses ethischen
Prinzips von daher doch sehr fraglich sei. Dagegen lässt sich allerdings sagen, dass eine neue
Sichtweise im Zusammenhang mit der Entdeckung von Fehlern auch aus der
betriebswirtschaftlichen Perspektive angezeigt ist; denn durch den zunehmend grösseren Anteil
von elektronischen Elementen bzw. von Software in den Produkten und Dienstleistungen haben die
Komplexität und die Gefahr von möglichen Fehlern so enorm zugenommen, dass die
Fehlervertuschung immer weniger ein probates Mittel ist. Das bedeutet, dass die Zukunft wohl
jenen Unternehmen gehört, die von der Existenz der Fehler ausgehen und systematisch und
konsequent danach suchen, und zwar für die Verbesserung und Vervollkommnung der eigenen
Produkte und Dienstleistungen im Hinblick auf die Gewinnung von Konkurrenzvorteilen. Wie
gross die Vorteile einer positiven Einstellung gegenüber der Entdeckung von möglichen Fehlern
sind, zeigen Anstrengungen bei Segelflugpiloten in Schweden. Seit die Piloten aktiv nach eigenen
möglichen Fehlern suchen, weil sie nun akzeptieren, dass allen Menschen Fehler unterlaufen
können, konnte die Zahl der tödlichen Unfälle auf die Hälfte reduziert werden. 1349
1349
188
Vgl. S. Hufschmid: „Fehler sind für Piloten ein Tabuthema“, in: Sonntagszeitung, Ausgabe: 27.07.2008, S. 5
14.3.2.4 Das vierte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir uns
an den gesetzlichen Erlassen sowie an den ausformulierten Menschenrechten bewusst orientieren und diese
Regelwerke strikte einhalten.
Das vierte ethische Prinzip bestimmt die Einhaltung der gesetzlichen Erlasse sowie der ausformulierten
Menschenrechte zum Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen.
Im Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die grosse Gefahr, dass Unternehmen erstens die gesetzlichen Erlasse und die
ausformulierten Menschenrechte aus den Augen verlieren und zweitens bewusst gegen gesetzliche
Regelungen bzw. gegen die Menschenrechte verstossen. Letzteres deshalb, weil Unternehmen oft
imstande sind, ihre Markt- und Kapitalmacht in die Waagschale zu werfen, während es für viele
Wirtschaftsakteure, zum Beispiel für Konsumenten, Mitarbeiter, kleine Aktionäre, kleine
Lieferanten usw. schwierig ist, Verstösse gegen das Gesetz oder gegen die Menschenrechte
einzuklagen. Es fehlt nicht nur an Zeit und Know-how, sondern oft auch an finanziellen Mitteln.
Dies führt zur Konsequenz, dass selbst gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die
Verhinderung von menschlichem Leid und der Schutz der menschlichen Autonomie nicht mehr
als die Grenze der unternehmerischen Tätigkeit beachtet werden. Das vierte ethische Prinzip
fordert von den Managements, dass die gesetzlichen Regelwerke sowie die ausformulierten
Menschenrechte strikte eingehalten werden, damit die Gefahren der Verursachung von
menschlichem Leid und der Schwächung der menschlichen Autonomie gebannt werden können.
Im Weiteren fordert dieses ethische Prinzip explizit, dass Verstösse gegen gesetzliche Erlasse und
gegen die Menschenrechte auch dann unterbleiben, wenn die Betroffenen wegen ihrer
Abhängigkeit von den Unternehmen kein Interesse an einer Klage bekunden, wie das
beispielsweise bei der Kinderarbeit oder der Ausbeutung natürlicher Ressourcen häufig der Fall ist. Aus
der ökonomischen Perspektive könnte eingewendet werden, dass die Befolgung der Gesetze und
der Menschenrechte für die meisten Unternehmen zum Selbstverständnis gehöre und deshalb mit
diesem ethischen Prinzip ein falsches Bild von den Unternehmen gezeichnet werde. Dem kann
entgegnet werden, dass allein am Phänomen der Korruption, das keinesfalls nur in den
Entwicklungs- oder Schwellenländern, sondern in jeder Stadt und jeder Region Europas weit
verbreitet ist 1350, die saloppe Haltung im Umgang mit gesetzlichen Erlassen belegt werden kann.
Im Übrigen sollte die Einsicht in die Notwendigkeit dieses ethischen Prinzips angesichts der
Tatsache, dass in der Schweiz zwischen 2005 und 2007 ca. 40 Prozent der Unternehmen Opfer
eines Betrugsfalles durch meistens die eigenen Führungsleute wurden 1351, auch aus der
betriebswirtschaftlichen Sichtweise erwartet werden. Denn mit einiger Wahrscheinlichkeit kann
angenommen werden, dass die Forderung dieses ethischen Prinzips, wonach Unternehmen die
Gesetze und Menschenrechte strikte einzuhalten haben, auch einen positiven Einfluss auf die
korrekte Einstellung der Führungsleute gegenüber dem eigenen Unternehmen auszuüben
vermag.
1350
1351
Vgl. H. See: „Vorwort“, in: Korruption im Wirtschaftssystem Deutschland. Jeder Mensch hat seinen Preis…, Hrsg. von
A. Schilling und U. Dolata, 3. Auflage, Murnau 2004, S. 6
„Wirtschaftskriminalität: Schweiz nach wie vor stark betroffen“, Schweizerische Eidgenossenschaft. KMU-Portal
[www.kmu.admin.ch~, Zugriff: 29.04.2009]
189
14.3.2.5 Das fünfte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir für
die Konsumenten und für die soziale Ordnung wertvolle Produkte und Dienstleistungen anbieten und dabei
Marketingmethoden anwenden, bei denen die Konsumenten nicht in erster Linie als Mittel zum ökonomischen
Zweck, sondern als autonome Persönlichkeiten aufgefasst werden.
Das fünfte ethische Prinzip bestimmt die unternehmerische Marktleistung zum Beobachtungspunkt
für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im Zusammenhang mit der
Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen Erkenntnissituation, der
weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck besteht die grosse Gefahr,
dass Unternehmen die Konsumenten allein als Mittel für die Beförderung der ökonomischen
Zwecke in den Blick nehmen und dabei selbst gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte
wie die Verhinderung von menschlichem Leid und den Schutz der menschlichen Autonomie
nicht mehr als die Grenze der unternehmerischen Tätigkeit beachten. Das fünfte ethische Prinzip
fordert von den Managements, dass Konsumenten nie allein als Mittel für den ökonomischen
Erfolg instrumentalisiert werden dürfen, sondern als autonome Persönlichkeiten mit
Bedürfnissen, deren Erfüllung für sie, aber auch für die Gesellschaft wertvoll ist, zum
Ausgangspunkt für die Entwicklung und das Angebot von Produkten und Dienstleistungen
genommen werden. Die Verursachung von menschlichem Leid oder die Schwächung der
menschlichen Autonomie werden demnach keinesfalls als „ökonomische Naturphänomene“
akzeptiert, sondern als ethisch nicht annehmbare Unternehmensstrategien bzw.
Geschäftspraktiken verurteilt. Damit sich die Konsumenten ein sorgfältiges Bild von den
Produkten bzw. Dienstleistungen – samt deren Auswirkungen – machen können, wird von den
Unternehmen erwartet, dass sie über ihre Produkte und Dienstleistungen ehrlich und offensiv
kommunizieren. Im Weiteren ist es nach diesem ethischen Prinzip den Unternehmen untersagt,
Produkte bzw. Dienstleistungen anzubieten, die gemäss wissenschaftlichen Erkenntnissen das
Potential haben, gesellschaftlichen Schaden wie beispielsweise die Förderung von Gewalttätigkeit
zu verursachen. Ebenfalls als ethisch nicht akzeptabel werden Marketingkonzepte oder
Verkaufsmethoden taxiert, die wegen der möglichen Beeinflussung bzw. Manipulation des
menschlichen Bewusstseins eine Gefahr für die menschliche Autonomie bedeuten. Aber können
Unternehmen überhaupt noch existieren, wenn sie dieses ethische Prinzip verfolgen und die
Menschen als autonome Konsumenten in den Mittelpunkt stellen? Die Antwort lautet:
Unternehmen mit einer ethikkonformen Marktstrategie müssen in der Tat mehr leisten als
andere Unternehmen. Damit beispielsweise die ethisch geforderte Kommunikationspolitik nicht
ökonomische Nachteile zur Folge hat, braucht es den Willen und die Tatkraft zur ständigen
Verbesserung der Produkte und Dienstleistungen. Und wenn die Unternehmen ethisch zulässige
Marketingmethoden verwenden, dann bedingt dies echte Mehrwertleistungen seitens der angebotenen
Produkte und Dienstleistungen. Dafür jedoch werden diese Unternehmen ihre Existenzfähigkeit
in herausragender Weise nachhaltig steigern können. Mit Recht betonen Adrian Slywotzky et al.,
dass nennenswertes Wachstum mit den gegenwärtigen Strategien wie Produktverfeinerungen
oder Markenerweiterungen kaum mehr erzielt wird. 1352 Nachhaltig erfolgreiche Unternehmen tun
mehr: „Sie schaffen neuen Wert und neues Umsatzwachstum, und das selbst in reifen Branchen,
die bereits am Höchstpunkt angekommen zu sein scheinen.“ 1353
1352
1353
190
Vgl. A. Slywotzky und R. Wise: Wachsen ohne Wachstumsmärkte. Unternehmensstrategien für neuen Aufschwung,
Frankfurt a. M. 2005, S. 11
A.a.O., S. 20
14.3.2.6 Das sechste ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann befolgt werden, wenn wir eine
umsichtige und berechenbare Beschäftigungspolitik sowie einen respektvollen Umgang mit den Mitarbeitern pflegen,
in dem diese nie allein als Mittel zum ökonomischen Zweck, sondern immer zugleich als Menschen mit eigenen
Werten und Zielen behandelt werden.
Das sechste ethische Prinzip bestimmt das Unternehmen als Arbeitgeber zum Beobachtungspunkt
für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im Zusammenhang mit der
Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen Erkenntnissituation, der
weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck besteht die grosse Gefahr,
dass Unternehmen die Beschäftigten allein als eine disponible Ressource auffassen und dabei selbst
gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die Verhinderung von menschlichem Leid
und der Schutz der menschlichen Autonomie nicht mehr als die Grenze der unternehmerischen
Tätigkeit beachten. Dieses ethische Prinzip fordert von den Managements eine umsichtige,
berechenbare und die Autonomie der Beschäftigten ins Zentrum stellende Beschäftigungspolitik.
Es kann Fredmund Malik zwar zugestimmt werden, dass die Bereitstellung von innovativen und
für die Gesellschaft wertvollen Produkten und Dienstleistungen höher einzuschätzen ist, als die
Interessen der Arbeitnehmer. 1354 Allerdings sollte dadurch nicht aus dem Blick geraten, dass
Unternehmen mit der Anstellung von Mitarbeitern eine Verantwortung übernehmen und die
Problematik arbeitsloser Menschen, unabhängig ob ganz jung oder eher älter, ebenso im
Einflussbereich der Unternehmen liegt wie die Frage, inwieweit die angestellten Menschen mit
den durch die Unternehmen ausbezahlten Gehältern ihren Lebensunterhalt bestreiten können.
Dieses ethische Prinzip fordert von daher eine Beschäftigungspolitik, die Anliegen wie Armut,
Working Poor, Arbeitslosigkeit und gesundheitliche Gefährdung durch Arbeitsprozesse, die allesamt ein
beträchtliches Potenzial hinsichtlich der Verursachung von menschlichem Leid sowie der
Schwächung der menschlichen Autonomie aufweisen, ernst nimmt, und zwar indem das
Management sich an diesen in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werten orientiert
und sich nicht hinter gewinnopportunistischen Geschäftspraktiken versteckt. Im Weiteren ist mit
diesem
ethischen
Prinzip
unvereinbar,
dass
Menschen
mittels
exorbitanten
Arbeitsentschädigungen zu Arbeitsleistungen verführt werden, die nur dann nachvollziehbar sind,
wenn der geldwerte Erfolg zum letzten Massstab erkoren wird. Nicht weniger ist dem Management
untersagt, Mitarbeiter nach dem Massstab des bestehenden Machtverhältnisses für die
Unternehmensinteressen zu instrumentalisieren, ohne auf die persönliche Autonomie der
Mitarbeiter zu achten. Insbesondere ist es untersagt, Angst als „das günstigste, am einfachsten
handhabbare und am nachhaltigsten wirksame Motivationsmittel“ 1355 einzusetzen, indem
beispielsweise regelmässig über bevorstehende Entlassungen informiert wird. Aber zeigt die
Wirklichkeit nicht oft ein ganz anderes Bild? Dem kann sowenig widersprochen werden wie der
Tatsache, dass bei Entlassungen die Kosten für die Sozialpläne und der Know-how-Verlust oft
immens sind und der unternehmerische Erfolg solcher Massnahmen zwar verkündet wird,
letztlich aber mangels Vergleichsmöglichkeiten nie bewiesen werden kann. Im Übrigen wäre die
Einsicht, dass Mitarbeiter, die als autonome Persönlichkeiten behandelt werden, weder mithilfe
von Motivationstechniken noch durch besondere materielle Entschädigungen oder gar
Repressionen zu zufriedenstellenden Arbeitsleistungen gedrängt werden müssen, auch aus der
ökonomischen Sichtweise vorteilhaft. Es ist im Übrigen bemerkenswert, dass der
ausserordentlich erfolgreiche Unternehmer Nicolas G. Hayek verkündet, in der derzeitigen
Wirtschaftskrise keinen einzigen Mitarbeiter zu entlassen. 1356
1354
1355
1356
Vgl. F. Malik: Management, a.a.O., S. 135f
A. Hillert und M. Marwitz: Die Burnout Epidemie oder Brennt die Leistungsgesellschaft aus?, a.a.O., S. 207
Vgl. „‹‹Wir entlassen keinen einzigen Mitarbeiter››“, NZZOnline
[www.nzz.ch~, Veröffentlicht: 01.04.2009, Zugriff: 29.04.2009]
191
14.3.2.7 Das siebte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir in
unserem Einflussbereich systematisch und konsequent den für uns möglichen Beitrag gegen die ökologische
Gefährdung leisten.
Das siebte ethische Prinzip bestimmt den Umgang mit der ökologischen Gefährdung zum
Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im
Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die grosse Gefahr, dass viele Unternehmen im Grunde genommen nichts oder fast nichts
gegen die ökologische Gefährdung tun, auch wenn viele das Thema „Ökologie“ für die eigene
Werbung längst nutzbar gemacht haben. Mit der Konsequenz, dass selbst gesellschaftlich tief
verankerte moralische Werte wie die Verhinderung von menschlichem Leid und der Schutz der
menschlichen Autonomie nicht mehr als die Grenze der unternehmerischen Tätigkeit beachtet
werden und dadurch vor allem den ärmsten Menschen auf der Welt der grösste Schaden zugefügt
wird. Felix Dresewski sagt möglicherweise zu Recht, dass es keine ökonomische Wertschöpfung
ganz ohne ökologische „Schadschöpfung“ gibt, es jedoch das Ziel sein müsse, „die
Auswirkungen auf die Umwelt so gering wie möglich zu halten und gleichzeitig wirtschaftlich
erfolgreich zu arbeiten.“ 1357 Das siebte ethische Prinzip fordert in diesem Sinne von den
Managements, dass der im eigenen Einflussbereich mögliche Beitrag gegen die ökologische
Gefährdung systematisch und konsequent geleistet und durch sogenannte ökologische
Schadensbilanzen belegt wird. Dies bedeutet: Die Managements sollen genau Bescheid wissen, und
zwar sowohl über den eigenen Beitrag zur ökologischen Gefährdung wie auch über die
verfügbaren Möglichkeiten, wie der eigene Schadens-Beitrag wirkungsvoll reduziert bzw. eliminiert
werden kann. Verbesserungen lassen sich beispielsweise bei den Produktionsprozessen, den
Produkten bzw. Dienstleistungen, den Verpackungen, den Absatzwegen usf. durchführen. Im
Weiteren fordert dieses ethische Prinzip, dass Unternehmen bei fehlenden wissenschaftlichen
Untersuchungen eigene Forschungen im Hinblick auf die durch sie verursachte ökologische
Gefährdung sowie auf Möglichkeiten, diese Gefährdung zu reduzieren bzw. zu eliminieren,
betreiben. Auch wird das Management aufgefordert, neue Wege zu beschreiten und sich in erster
Linie an positiven und nicht an negativen Beispielen aus der Unternehmenswelt zu orientieren.
Positive ökologische Beiträge dürfen durchaus in die Marketingstrategien integriert werden, denn
die betriebswirtschaftliche Vermarktung echter ökologischer Beiträge ist solange unbedenklich, als
sie nicht gegen eines der ethischen Prinzipen der problemorientierten philosophischen
Management-Ethik verstösst. Aus der ökonomischen Perspektive kann der Einwand vorgebracht
werden, dass mit diesem ethischen Prinzip von den Unternehmen etwas verlangt werde, was
allein schon aus Konkurrenzgründen nicht eingehalten werden könne. Dem ist entgegenzuhalten,
dass ein offensives Ökologie-Management inzwischen keine Seltenheit mehr ist 1358 und die
Entscheidung, die zunehmende gesellschaftliche Bewusstseinsveränderung – in Deutschland
rangiert das Thema Umweltschutz bei Umfragen kontinuierlich unter den fünf wichtigsten
Themen 1359 – in die Unternehmensstrategien aufzunehmen, für die Unternehmen sogar von
existenzieller Bedeutung sein kann.
1357
1358
1359
192
F. Dresewski: Verantwortliche Unternehmensführung. Corporate Social Responsibility (CSR) im Mittelstand, Berlin 2007,
S. 36
Vgl. E. Göbel: Unternehmensethik, a.a.O., S. 152
Vgl. F. Dresewski: Verantwortliche Unternehmensführung, a.a.O., S. 36
14.3.2.8 Das achte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir eine
nachhaltige Steigerung des Unternehmenswertes anstreben und auf opportunistische, das heisst bloss kurzfristig
anhaltende Steigerungsmöglichkeiten verzichten.
Das achte ethische Prinzip bestimmt die Einstellung gegenüber der Steigerung des Unternehmenswertes
zum Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im
Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die grosse Gefahr, dass Unternehmen die Steigerung des Unternehmenswertes nicht
mehr als das Ergebnis eines nachhaltig erfolgreichen unternehmerischen Wirkens auffassen,
sondern direkt als Ziel der unternehmerischen Tätigkeit in den Blick nehmen. Mit der
Konsequenz, dass selbst gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die Verhinderung
von menschlichem Leid und der Schutz der menschlichen Autonomie nicht mehr als die Grenze
der unternehmerischen Tätigkeit beachtet werden. Insbesondere zeigen sich bei dieser
Fokussierung zwei verschiedene Probleme: Erstens sind die Wirtschaftsakteure bloss die
Instrumente für die Steigerung des Unternehmenswertes, und zwar auch dann, wenn sie selbst
von der Steigerung des Unternehmenswertes mit zum Beispiel eigenen Aktien profitieren.
Zweitens können Mitarbeiter, kleine Aktionäre, Lieferanten, staatliche Einrichtungen usf. überaus
hart getroffen werden, wenn exzessive Steigerungsbemühungen von der Realität eingeholt und
abrupt beendet werden. Bezüglich Letzterem ist die Zahl von Beispielen, wo Tausende von
Menschen ihre Anstellung verlieren, Produkte und Dienstleistungen nicht mehr halten, was sie
versprechen, die unternehmerische Kommunikationspolitik defensiv und schönfärberisch
ausfällt, gesetzliche Erlasse und die ökologische Verantwortung in den Hintergrund geraten,
wegen eines starken Kurssturzes an den Börsen Steuerbeträge in den Staatskassen in
Millionenhöhe fehlen, die Vermögen bei den Pensionskassen – zu Lasten der Versicherten –
deutlich kleiner werden usf., keineswegs klein. Das achte ethische Prinzip fordert von den
Managements, dass sie den Verlockungen von nicht nachhaltigen Steigerungsmöglichkeiten
widerstehen und den Unternehmenswert als das Ergebnis einer unternehmerischen Tätigkeit auffassen,
die im Einklang mit den in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werten steht. Zudem
sieht das ethische Prinzip vor, dass allenfalls zu hohe Erwartungen seitens der Aktionäre bzw.
Analysten mit einer ehrlichen und offensiven Kommunikation korrigiert werden. Aber sind die
Forderungen dieses ethischen Prinzips im ökonomischen Umfeld nicht blauäugig? Es kann die
Gegenfrage gestellt werden, wo denn die ökonomische Vernunft bleibt, wenn mit
Wertsteigerungs-Strategien, die an sich keine Grenzen kennen und deshalb früher oder später an
der Realität scheitern, der Aktienwert innert weniger Monaten beispielsweise gedrittelt wird.
Nicht ganz unberechtigt ist hingegen der Einwand, dass die Nachhaltigkeitsorientierung auch ihre
negativen Seiten hat, beispielsweise in Bezug auf eine erschwerte Kontrolle über die Adäquatheit
von unternehmerischen Leistungen oder in der Frage, ob Nachhaltigkeit als Ausrede für eine
ungenügende Managementtätigkeit verwendet wird. 1360 Damit solche Probleme schon gar nicht
aufkommen, sollte die Idee der Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie als Referenzpunkt
für sämtliches operatives Denken, Entscheiden und Handeln verankert werden. Dann lässt sich
nämlich einigermassen zuverlässig beurteilen, ob fragwürdige Handlungen des Managements
bloss das Etikett „langfristig“ tragen oder die nachhaltige Idee auch tatsächlich befördern.
1360
Vgl. G. Müller-Stewens und M. Brauer: „Zwischen Quartalsdenken und Langfrist-Orientierung. Das
Topmanagement im Clinch zwischen gegensätzlichen Anforderungen“, in: Neue Zürcher Zeitung, Ausgabe:
26./27.04.2008, S. 33
193
14.3.2.9 Das neunte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir eine
eigenständige Unternehmensstrategie entwickeln und auf sogenannte Businesshypes verzichten.
Das neunte ethische Prinzip bestimmt die Entwicklung der Unternehmensstrategie zum
Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im
Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die Gefahr, dass Unternehmen die zunehmende Komplexität nicht mithilfe einer
erhöhten Sorgfalt und einer grösseren Entfaltung verschiedener unternehmerischer
Möglichkeiten, sondern vielmehr mittels Beobachtung anderer Unternehmen bewältigen. Um
vermeintlich sichere Entscheidungsgrundlagen zu erhalten 1361 – aber auch um das eigene Risiko
zu reduzieren -, übernehmen die Personen des Managements sogenannte Businesshypes wie LeanManagement, Downsizing, Outsourcing usw., und zwar – nach Niklas Luhmann – selbst dann, wenn
der Unsinn eingesehen wird 1362. Mit der Konsequenz, dass bei der Durchsetzung solcher
Businesstrends gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die Verhinderung von
menschlichem Leid und der Schutz der menschlichen Autonomie nicht mehr als die Grenze der
unternehmerischen Tätigkeit beachtet werden. Das neunte ethische Prinzip fordert von den
Managements, dass sie den Mut und die Zivilcourage aufbringen, dem Hang zur Konformität zu
widerstehen und eigenständige Unternehmensstrategien zu entwickeln, die die jeweils besondere
Situation des Unternehmens, die Umwelt des Unternehmens sowie die in der Gesellschaft tief
verankerten moralischen Werte berücksichtigen. Im Weiteren fordert das ethische Prinzip vom
Management, fraglos gewordenen, vermeintlich sicheren betriebswirtschaftlichen Theorien oder
Methoden mit allergrösstem Argwohn zu begegnen. Denn die Gefahr, dass mit solchen kaum
mehr reflektierten Meinungen bzw. Theorien nicht nur keine nachhaltige Unternehmensführung
gelingt, sondern darüber hinaus menschliches Leid verursacht und die menschliche Autonomie
geschwächt wird, ist im hohen Masse gegeben. Aus der ökonomischen Sichtweise könnte der
Einwand vorgebracht werden, dass Unternehmen sich laufend anpassen müssen, wenn sie ihre
Existenzfähigkeit nicht verlieren wollen und sie von daher gar keine andere Wahl hätten, als
diesen Trends zu folgen. Dagegen lässt sich der Hinweis anbringen, dass viele Businesshypes, zum
Beispiel Zentralisierung vs. Dezentralisierung oder Firmenübernahmen vs. Firmenabspaltungen, – beinahe
wie Modetrends – in regelmässigen Abständen wiederkehren und häufig gar keinen
ökonomischen Erfolg bewirken, dafür jedoch nicht selten menschliches Leid verursachen und die
menschliche Autonomie schwächen. Nach Luhmann verdankt sich die Übernahme von
Businesshypes nicht selten allein dem Drang vieler Führungsleute zu schnellen Lösungen und
Alternativen, die „leicht annehmbar oder leicht ablehnbar erscheinen.“ 1363 Und nach Popper
hängt der Wunsch, jede Mode mitzumachen und mit den Wölfen zu heulen, mit der
menschlichen Schwäche zusammen, die eigene Fehlbarkeit zu unterdrücken. 1364 Weil das ethische
Prinzip von den Personen des Managements fordert, den in der Tat bahnbrechenden
Entwicklungen und Veränderungen nicht mittels Businesshypes, sondern mithilfe von
eigenständigen Unternehmensstrategien, die beispielsweise das Bedürfnis der Nachhaltigkeit als
Quelle von Geschäftsideen betrachten 1365, zu begegnen, dürfen die Managements mit weitaus
besseren Chancen rechnen, die Existenzfähigkeit des Unternehmens nachhaltig sichern zu
können.
1361
1362
1363
1364
1365
194
Vgl. D. Baecker: Wirtschaftssoziologie, a.a.O., S. 97
Vgl. N. Luhmann: Die Wirtschaft der Gesellschaft, a.a.O., S. 298
N. Luhmann: Organisation und Entscheidung, a.a.O., S. 188
Vgl. K. R. Popper: Eine Welt der Propensitäten, a.a.O., S. 63
Vgl. RB: „Mit den Megatrends zur Nachhaltigkeit“, in: factorY. Magazin für nachhaltiges Wirtschaften, Heft 03
(2008), S. 6ff
14.3.2.10 Das zehnte ethische Prinzip
Wir akzeptieren, dass die in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte, die Verhinderung von
menschlichem Leid sowie der Schutz der menschlichen Autonomie, vor allem dann beachtet werden, wenn wir es
strikte ablehnen, die Verletzung dieser gesellschaftlich tief verankerten moralischen Werte bei einem Teil der
Menschen zugunsten der Wohlfahrt eines anderen Teils der Menschen hinzunehmen.
Das zehnte ethische Prinzip bestimmt den Umgang mit gesellschaftlich tief verankerten moralischen
Werten zum Beobachtungspunkt für die Beförderung der metaethischen regulativen Ideen. Im
Zusammenhang mit der Ausdifferenzierung unseres Wirtschaftssystems, der menschlichen
Erkenntnissituation, der weitgehenden Marktsättigung und dem immensen Konkurrenzdruck
besteht die grosse Gefahr, dass die Personen des Managements die Ansicht vertreten, nicht das
einzelne menschliche Leid bzw. die individuelle menschliche Autonomie in den Blick nehmen zu
müssen, sondern sich mit einer utilitaristischen Verrechnung, was im Übrigen technisch gesehen
ohnehin unmöglich ist, rechtfertigen zu können. Mit der Konsequenz, dass selbst gesellschaftlich
tief verankerte moralische Werte wie die Verhinderung des einzelnen menschlichen Leidens und
der Schutz der individuellen menschlichen Autonomie nicht mehr als die Grenze der
unternehmerischen Tätigkeit beachtet werden. Das zehnte ethische Prinzip fordert von den
Managements, dass die einzelne Verursachung von menschlichem Leid bzw. die einzelne
Schwächung der menschlichen Autonomie nicht verrechnet werden dürfen mit der Verhinderung
von menschlichem Leid bzw. mit dem Schutz der menschlichen Autonomie bei anderen
Menschen. Mit Poppers Worten: „Zudem sollten wir niemals versuchen, das Elend eines
Menschen gegen das Glück eines anderen aufzurechnen.“ 1366 Der mögliche Einwand, dass viele
Produkte, beispielsweise Pharmaka, meistens zwar menschliches Leid lindern, wenn nicht gar
beseitigen, in manchen Fällen jedoch nachweislich gerade das Gegenteil bewirken und dennoch
ihre Berechtigung hätten, ist naheliegend, trifft aber die Intention dieses ethischen Prinzips nicht.
Solange von den Produkten bei potenziell allen Konsumenten eine wirkungsvolle Hilfe
angenommen werden kann, bestehen keine Einwände gegen diese Produkte seitens dieses
ethischen Prinzips. Zudem besteht bei diesem Beispiel auch nicht die Situation, dass einzelne
Menschen für andere leiden bzw. ihre Autonomie aufgeben müssen. Aber wie wird die Situation
beurteilt, dass Menschen durchaus einverstanden sein können, für andere zu leiden bzw. ihre
eigene Autonomie zugunsten anderer zu schwächen? Wenn gesunde Menschen den Willen
bekunden, Leiden hinzunehmen bzw. die eigene Autonomie zu schwächen, beispielsweise für die
Aussicht, die eigene Situation dadurch später verbessern zu können, dann wird dies von diesem
ethischen Prinzip akzeptiert. Denn der freie Wille von Menschen nicht zu akzeptieren, wäre ein
Verstoss gegen die metaethische regulative Idee, und zwar selbst dann, wenn Menschen ihre
eigene Autonomie dazu gebrauchen, gerade diese zu schwächen. Unvereinbar mit dem ethischen
Prinzip ist jedoch jede Verletzung der metaethischen regulativen Ideen, die von den Betroffenen
nicht explizit gutgeheissen werden. Wenn also Unternehmen einen Teil der Belegschaft für die
Rettung der übrigen Arbeitsplätze entlassen und dadurch menschliches Leid verursachen bzw. die
menschliche Autonomie schwächen, dann gilt es in aller Klarheit festzuhalten: Mit jeder
Verursachung von menschlichem Leid und mit jeder Schwächung der menschlichen Autonomie werden die für die
Ökonomie zulässigen Grenzen überschritten und die ethischen Prinzipien der problemorientierten philosophischen
Management-Ethik verletzt. Auch wenn wir Menschen immer wieder Fehler begehen, leider auch
hinsichtlich der metaethischen regulativen Ideen, so muss nach diesem ethischen Prinzip
dennoch alles Mögliche unternommen werden, damit diese in der Gesellschaft tief verankerten
moralischen Werte nicht verletzt werden, und zwar in Bezug auf jedes Individuum. Und dies ist selbst
bei unausweichlichen Entlassungen möglich. Ein ethisches bzw. fähiges Management zeichnet
sich nämlich gerade dadurch aus, dass solche Probleme ohne Verletzung dieser moralischen
Werte gelöst werden können.
1366
K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 2: Widerlegungen, a.a.O., S. 525
195
14.4 Die kritische Methode als anthropologische Voraussetzung
Die im Rahmen der Problemanalyse durchgeführten soziologischen und erkenntnistheoretischen
Untersuchungen haben die Unzulänglichkeit der Erkenntnistheorie des Alltagsverstandes,
insbesondere den blinden Fleck als anthropologisches Erkenntnisproblem, zutage gefördert. Mithilfe
dieses Phänomens können sich Erkenntnisse zu kaum mehr reflektierten Handlungskonzepten
sowie handlungsanleitenden Prämissen ausbilden. Im Hinblick auf die Förderung eines
grundsätzlichen Interesses für wirtschaftsethische Themen im Allgemeinen und auf die
systematische und konsequente Anwendung der ethischen Prinzipien im Besonderen ist die
fehlende kritische Einstellung des Alltagsverstandes ein sehr ernst zu nehmendes Hindernis. Für die
Beantwortung der vierten ethischen Grundfrage: Sind die anthropologischen Bedingungen für die
Anwendung der festgelegten ethischen Regeln überhaupt gegeben? stellt sich somit die Frage, wie
angesichts der menschlichen Erkenntnissituation die Anwendung der zehn deontologischen
Prinzipien gelingt. Die Beantwortung der Frage erfolgt innerhalb von drei Abschnitten: Zunächst
wird die kritische Einstellung als Methode vorgestellt. Danach wird aufgezeigt, wie die
Institutionalisierung der Methode vorgesehen ist, bevor dann drittens Bedenken wegen einer
allfälligen Überforderung zurückgewiesen werden.
14.4.1 Die kritische Methode gegen das anthropologische Erkenntnisproblem
Sowohl in der wissenschaftlichen Arbeit wie auch im Rahmen der menschlichen Praxis können
die sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen reflektiert und beurteilt werden – Niklas
Luhmann nennt diese Reflexion Beobachtung zweiter Ordnung 1367, Heinz von Foerster Kybernetik
zweiter Ordnung1368 und der Kritische Rationalismus kritische Methode (vgl. Anm. S. 137). Durch die
Reflexion entsteht überhaupt erst die Möglichkeit, sich der eigenen Unterscheidungen bzw.
Konstruktionen im Denken, Entscheiden und Handeln bewusst zu werden. Für den Kritischen
Rationalismus ist Kritik „ein höchst wichtiges methodologisches Element“ 1369, das in der Form
von Selbstkritik und Fremdkritik – Letzteres ist nach Popper eine Notwendigkeit und fast so gut
wie Selbstkritik 1370 – seine spezifische Ausprägung erfährt. Der erste Grundgedanke der in der
Methodologie bzw. Lebensweise des Kritischen Rationalismus verankerten kritischen Methode
umfasst das Wissen, dass uns in jedem Denken, Entscheiden und Handeln Irrtümer und Fehler
unterlaufen können, die mit Blick sowohl auf das eigene wie auch auf das fremde Leben
nachteilig sein können. Der zweite Grundgedanke trägt die Einsicht, dass wir Irrtümer und
Fehler entdecken und beseitigen bzw. korrigieren können, die neuen Erkenntnisse aber trotz der
Verbesserungsmöglichkeit von zukünftiger Kritik nicht ausnehmen dürfen. Aus diesen beiden
Grundgedanken lassen sich vier Elemente der kritischen Methode entwickeln: Das erste Element ist
die systematische und konsequente Reflexion des eigenen Denkens, Entscheidens und Handelns,
und zwar als Grundlage, sich der prozessierten Unterscheidungen sowie der damit ausgegrenzten
Möglichkeiten bewusst zu werden. Das zweite Element ist die Selbstkritik, die zur Frage führt: Sind
das Denken, Entscheiden und Handeln mit Prinzipien und Normen, die eigentlich hochgehalten
werden möchten, vereinbar? Und: Wie könnte den Prinzipien und Normen besser Rechnung
getragen werden? Das dritte Element ist die Annahme von konstruktiver Fremdkritik. Sie führt zur
Überlegung, von welchem Denken, Entscheiden und Handeln bzw. Unterscheidungen die
Fremdkritik ausgeht und ob damit die Prinzipien und Normen möglicherweise besser eingehalten
werden könnten. Beim Ausbleiben der Fremdkritik fordert das dritte Element im Weiteren, dass
wir andere Menschen zur Fremdkritik auffordern. Das vierte Element verlangt schliesslich die
Äusserung von Fremdkritik. Dadurch werden andere Personen herausgefordert, ihre Überlegungen
1367
1368
1369
1370
196
Vgl. N. Luhmann: Einführung in die Systemtheorie, a.a.O., S. 155
Vgl. H. von Foerster und B. Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 5. Auflage,
Heidelberg 2003, S. 114
K. R. Popper: Objektive Erkenntnis, a.a.O., S. 318
Vgl. K. R. Popper: Die Welt des Parmenides, a.a.O., S. 117
und Unterscheidungen darzustellen, so dass der eigene Standpunkt mit anderen Positionen
hinsichtlich der Einhaltung von Prinzipien und Normen geprüft werden kann. Mit anderen
Worten: Es geht nicht darum, anderen Menschen die eigene Meinung aufzuzwingen, sondern mit
anderen Möglichkeiten hinsichtlich des Ziels, Prinzipien und Normen bestmöglich umzusetzen,
„spielen“ zu können. Das dritte und vierte Element führen zu einer kritischen Diskussion, wobei es
nicht zwingend ist, dass alle vier Elemente bei jeder Anwendung zum Einsatz kommen müssen.
Im Übrigen darf die kritische Diskussion nicht mit einer Beweismethode verwechselt werden; sie
führt auch keineswegs immer zu einer Einigung. 1371
Weil die vier Elemente der kritischen Methode die grosse Kraft haben, sich der getroffenen
Unterscheidungen im Denken, Entscheiden und Handeln bewusst zu werden, können
Abweichungen von Prinzipien und Normen, die eigentlich hochgehalten werden möchten, in
einem frühzeitigen Stadium entdeckt und korrigiert werden. Mit der kritischen Methode wird also
verhindert, dass Probleme sich aufdrängen und bereits einen Schaden anrichten müssen, bevor
Gegenmassnahmen ergriffen werden. In Bezug auf die Anwendung der ethischen Prinzipien
bedeutet das: Durch den Einsatz der kritischen Methode können die ökonomischen
Gewohnheiten bzw. weitgehend unreflektierten Prämissen noch vor dem Handeln entdeckt
werden, so dass überhaupt erst die Möglichkeit entsteht, nicht diesen Gewohnheiten bzw.
Prämissen, sondern den ethischen Prinzipien zu folgen. Im Weiteren kann kraft der kritischen
Methode überprüft werden, inwieweit die ethischen Prinzipien mutmasslich erfüllt werden bzw.
tatsächlich befriedigt wurden und welche Verbesserungen im Denken, Entscheiden und Handeln
diesbezüglich angezeigt sind. Unter der Voraussetzung einer systematischen und konsequenten
Anwendung darf die kritische Methode zu Recht als das hoch wirksame Instrument gegen das
anthropologische Erkenntnisproblem und als die Erfüllung der conditio-sine-qua-non der
Anwendung der ethischen Prinzipien aufgefasst werden. Allerdings stellt sich noch die Frage
nach dem Anwendungsgebiet: Werden von der kritischen Methode lediglich ethisch relevante
oder aber sämtliche Sachverhalte in den Blick genommen? Die kritische Methode nimmt – im
Sinne einer regulativen Idee – sämtliches Denken, Entscheiden und Handeln seitens der Personen des
Managements zu ihrem Gegenstand, und zwar mit einem Bezug auf die ethischen Prinzipien. Auf
die Frage nach der ethischen Qualität des Denkens, Entscheidens und Handelns gibt die kritische
Methode im Rahmen der problemorientierten philosophischen Management-Ethik immer dann
eine Antwort, wenn eine Verbindung zu den ethischen Prinzipien bzw. zu den gewählten
Beobachtungspunkten hergestellt und somit beurteilt werden kann, inwieweit die diesen ethischen
Prinzipien zugrunde liegenden, in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werte beachtet
bzw. missachtet werden. Das bedeutet: Auch die Frage, ob die Maschine von Liebherr oder
Caterpillar die bessere Entscheidung ist, wird von der kritischen Methode geprüft, eine Antwort
aber nur dann gegeben, wenn mit diesem Entscheid die ethischen Prinzipien tangiert werden.
14.4.2 Die Skizzierung der Institutionalisierung der kritischen Methode
Obschon es für das Verständnis der kritischen Methode keiner besonderen Anstrengungen
bedarf, ist deren systematische und konsequente Anwendung keine einfache Angelegenheit. Denn
immerhin geht es um die Frage, wie die Einstellung und die Gewohnheiten seitens vieler –
möglicherweise der meisten – Führungsleute verändert werden können. Nach Klaus Doppler gilt
allgemein: „Niemand verändert sich gerne, zumindest nicht ohne Not und ohne Notwendigkeit.
Aus purer Freude Neues entdecken und auszuprobieren – und aus eigenem Antrieb immer
wieder Dinge verändern – das ist die absolute Ausnahme.“ 1372 Im Folgenden geht es darum, einen
Eindruck zu geben, wie es didaktisch möglich ist, die kritische Methode beim Management
einzuführen, und zwar unter der Voraussetzung, dass sich die Unternehmensverantwortlichen für
1371
1372
Vgl. K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 2: Widerlegungen, a.a.O., S. 511
K. Doppler: Der Change Manager. Sich selbst und andere verändern - und trotzdem bleiben, wer man ist,
Frankfurt a. M. 2008, S. 95
197
die Annahme und Durchsetzung der problemorientierten philosophischen Management-Ethik
entschlossen haben. Angesichts des theoretischen Standpunktes, dass soziale Systeme nur sich
selbst steuern können, und zwar mithilfe der immer wichtiger werdenden Ressource „Wissen“,
handelt es sich beim Prozess der Institutionalisierung der kritischen Methode um einen Prozess
der Wissensvermittlung, kombiniert mit der praktischen Einübung dieses erworbenen Wissens.
14.4.2.1 Workshops und Coaching
Als Gefäss für den Institutionalisierungsprozess werden Workshops und Coaching als geeignet
erachtet. Der Begriff „Workshop“ hat sich eingebürgert für Schlüsselveranstaltungen, in welchen
in überschaubaren Gruppen konkrete Themen zwecks innovativer Veränderungsprozesse
bearbeitet werden. 1373 Damit die anvisierten Ziele im Rahmen von Workshops erreicht werden,
braucht es eine sorgfältige Vorbereitung und Durchführung seitens der Leitung, auch sollte
beachtet werden, dass Workshops die Idealdauer von zwei Tagen nicht überschreiten, zudem
fernab der üblichen Geschäftstätigkeiten stattfinden. 1374 Im Hinblick auf die Wissensvermittlung
des anthropologischen Erkenntnisproblems sowie der kritischen Methode sind regelmässig durchgeführte
Workshops gut geeignet, um den Personen des Managements die Dringlichkeit der Befolgung der
kritischen Methode aufzuzeigen. Nebst den regelmässigen Workshops haben sowohl IndividualCoaching wie auch Team-Coaching eine grosse Bedeutung, und zwar im Hinblick auf die Einübung
der kritischen Methode. Beim Coaching geht es nicht um Fachberatung oder die Vermittlung des
methodischen Know-hows, sondern darum, „die richtigen Vorgehensweisen zu entwickeln oder
um ››blinde Flecken‹‹ zu überwinden.“ 1375 Für die Auswahl des Coaches muss vor allem darauf
geachtet werden, dass Sozialkompetenz, Führungserfahrung und Beobachtungsfähigkeiten im hohen Masse
vorhanden sind; denn erst dann können die für erfolgreiches Coaching unabdingbaren
Voraussetzungen, nämlich gegenseitige Offenheit und Vertrauen, geschaffen werden.
14.4.2.2 Konstruktivistische Didaktik
Die Lehr- und Lernprozesse – sowohl bei den Workshops wie auch beim Coaching – müssen
grundsätzlich auf der Basis der Erkenntnispsychologie des Kritischen Rationalismus gestaltet
werden. Das bedeutet: Die Wissensvermittlung, die letztlich auf eine intersubjektiv
übereinstimmende Veränderung der Einstellung und der Gewohnheiten seitens der
Führungsleute abzielt, gelingt nicht durch Eintrichtern von Lehrinhalten, sondern durch eine
gründliche Vorarbeit, in der die unterschiedlichen Erfahrungsbereiche auf ein möglichst
einheitliches Verständnis für die Problemlage kanalisiert werden. Mit anderen Worten: Weil die
Aufnahme von neuem Lehrstoff nicht passiv geschieht, sondern aktiv mit dem individuellen
Vorwissen verbunden wird, bedarf es für ein – zumindest annähernd – intersubjektiv
übereinstimmendes Wissensergebnis der übereinstimmenden Ausgangsbasis. Die Sicherstellung
eines einigermassen einheitlichen Vorwissens gilt im Weiteren nicht nur für die einzelnen Lehrund Lerneinheiten, sondern auch für den Zusammenhang von grossen Problemkomplexen. So
bedarf es der Wissensvermittlung der menschlichen Erkenntnissituation bzw. des anthropologischen
Erkenntnisproblems als intersubjektiv übereinstimmende Ausgangsbasis für die späteren Lehr- und
Lehreinheiten der kritischen Methode als hoch wirksame Lösung gegen eben dieses Problem. Weil
nach dem Kritischen Rationalismus die Menschen über das angeborene Motiv, Probleme lösen
zu wollen, verfügen, wird mit der Entscheidung, die Problemstellung als Ausgangspunkt für die
1373
1374
1375
198
Vgl. K. Doppler und Ch. Lauterburg: Change Management. Den Unternehmenswandel gestalten, 11. Auflage,
Frankfurt a. M. 2005, S. 382
Vgl. a.a.O., S. 382-415
A.a.O., S. 493
didaktischen Prozesse zu bestimmen, nicht nur eine intersubjektiv übereinstimmende VorwissensPlattform geschaffen, sondern zugleich Motivation erzeugt.
Zunächst geht es nun darum, den Führungspersonen zuallererst einmal aufzuzeigen, dass das
Desiderat in der bisherigen Ausbildung, nämlich das Wissen über die menschliche Erkenntnis,
alles andere als harmlos ist. Denn immerhin ist jedes menschliche Denken, Entscheiden und
Handeln untrennbar mit dem Erkenntnisapparat verbunden, so dass die Qualität des
individuellen Lebens weitgehend von unseren Erkenntnisfähigkeiten abhängt. Zu Beginn der
Bildungsreihe werden die Personen des Managements mit der Aussage von Humberto R.
Maturana und Francisco J. Varela konfrontiert:
„Dieser besonderen Situation – zu erkennen, wie man erkennt – weicht man in unserer
auf Handlung und nicht auf Reflexion ausgerichteten westlichen Kultur
traditionellerweise aus, so dass unser persönliches Leben im allgemeinen blind für sich
selbst ist. Es ist so, als ob es ein Tabu gäbe, das besagt: ‹‹Es ist verboten, das Erkennen zu
erkennen.›› Aber in Wahrheit ist das Nachtwissen darum, wie sich unsere Erfahrungswelt
aufbaut, die in der Tat das Naheliegendste unserer Existenz ist, ein Skandal. Es gibt viele
Skandale auf der Welt, aber diese Unwissenheit ist einer der größten.“ 1376
Mit der Diskussion über die Frage nach dem Erkennen unserer Erkenntnismöglichkeiten geht es vor
allem darum, das Selbstverständnis des Alltagsverstandes, wonach wir für den Erkenntnisprozess
nur die Augen und Ohren aufmachen müssen, zu zerstören. Es werden die vielen Irrtümer und
Fehler, die uns Menschen immer wieder unterlaufen, thematisiert, mit dem Ziel, die
Führungsleute zu motivieren, mehr über die menschlichen Erkenntnisfähigkeiten erfahren zu
wollen.
Hinsichtlich der Wissensvermittlung zur menschlichen Erkenntnissituation lassen sich drei einzelne
Problemkomplexe unterscheiden, die zwar untrennbar miteinander verknüpft sind, aus
didaktischen Gründen aber gesondert behandelt und erst später als kohärente, jede
Führungsperson betreffende Problematik thematisiert werden:
1. Die Problematik der durch den subjektiven Erkenntnisprozess grundsätzlich gegebenen Gefahren von
Irrtümern und Fehlern
2. Die Problematik des im Konstruktionsprozess immer mitlaufenden blinden Flecks
3. Die Problematik der durch den blinden Fleck erzeugten Gewohnheitsmuster, zum Beispiel in der Form
von Handlungskonzepten und unreflektierten handlungsanleitenden Prämissen
Bei der Wissensvermittlung der kritischen Methode lassen sich vier Wissensbereiche sondern:
1. Die systematische und konsequente Reflexion des eigenen Denkens, Entscheidens und Handelns als erstes
und basales Element der kritischen Methode
2. Die Selbstkritik als zweites Element für die Prüfung und Verbesserung des eigenen Denkens,
Entscheidens und Handelns
3. Die Annahme von Fremdkritik als drittes Element für die Prüfung und Verbesserung des eigenen
Denkens, Entscheidens und Handelns
4. Die Äusserung von Fremdkritik als viertes Element für die Prüfung und Verbesserung des eigenen
Denkens, Entscheidens und Handelns
Einer Didaktik, die den Erkenntnisprozess als subjektive Konstruktion begreift, geht es nicht
primär um den Erwerb von Sachwissen, sondern vielmehr steht „das Transfermanagement in
1376
H. R. Maturana und F. J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, a.a.O., S. 29
199
Richtung Anwendungsbezug im Vordergrund“ 1377. Das bedeutet: Nebst der Erarbeitung einer
intersubjektiv übereinstimmenden Ausgangssituation und der eigentlichen Wissensvermittlung
wird auf die Anwendung des neu erworbenen Wissens grossen Wert gelegt. Aus der
Erkenntnispsychologie des Kritischen Rationalismus bzw. der konstruktivistischen Didaktik
lassen sich fünf didaktische Lehrgrundsätze ableiten:
1. Die Lehrperson beginnt ihre Lehreinheit mit einer Problemstellung, die einer intensiven Kommunikation
zugeführt wird, damit die Lösung des Problems von möglichst vielen beteiligten Personen als echtes
Anliegen erkannt und die nachfolgende Wissensvermittlung im Hinblick auf das zu lösende Problem
verortet werden kann.
2. Die Lehrperson wiedergibt schwerverständliche einzelne Voten der Teilnehmer mit eigenen Worten, damit
Missverständnisse im Verstehensprozess sogleich aufgedeckt werden und die Votanten ihre eigenen
getroffenen Unterscheidungen erkennen können.
3. Die Lehrperson sorgt für eine konstruktiv-kritische Lehr- bzw. Lernatmosphäre, in der deutlich spürbar
ist, dass alle teilnehmenden Personen (inklusive der Lehrperson) voneinander lernen können und auch
wollen.
4. Die Lehrperson legt die formale Struktur einer Lehreinheit wie folgt fest: 35 Prozent für die
Problemstellung, 25 Prozent für die Wissensvermittlung und 40 Prozent für die Anwendung des neuen
Wissens.
5. Die Lehrperson beobachtet den Kreis der Teilnehmer als soziales System und achtet streng darauf, dass
keine Störenfriede den Erfolg der didaktischen Prozesse gefährden und die Ernsthaftigkeit des Themas
jederzeit gewährleistet ist.
14.4.2.3 Exemplarische Didaktik
Führungsleute sind beinahe ausschliesslich mit konkreten Problemen konfrontiert. Für abstrakte
Gedankengänge bleibt meistens keine Zeit, so dass der Praxistransfer von abstrakten
Lehrinhalten oft ungenügend ausfällt. Es ist deshalb von grosser Wichtigkeit, dass Lehrstücke mit
möglichst vielen einleuchtenden Beispielen illustriert werden. Im Folgenden wird die
exemplarische Didaktik – als Teil der konstruktivistischen Didaktik – mit einem Bezug auf die
dreiteilige Wissensvermittlung der menschlichen Erkenntnissituation vorgestellt. Für das Verständnis,
dass wir Menschen unsere Wirklichkeit konstruieren und uns dabei immer Irrtümer und Fehler
unterlaufen können, lässt sich der von Paul Watzlawick geschilderte eigensinnige Dialog verwenden:
„Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der
Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen.
Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen
will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber
vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe
ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug
borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem
Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften
einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil
er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der
1377
200
W. Edelmann: Lernpsychologie, 6. Auflage, Kempten 2000, S. 287
Nachbar öffnet, doch noch bevor er ››Guten Tag‹‹ sagen kann, schreit ihn unser Mann an:
››Behalten Sie sich Ihren Hammer, Sie Rüpel!‹‹“ 1378
Wie gross der Einfluss von sozialen Systemen auf unseren Erkenntnisprozess bzw.
Konstruktionsprozess sein kann, lässt sich anhand der Experimente 1379, die im Zusammenhang
mit dem beinahe unvorstellbaren Völkermord (Holocaust) gelegentlich durchgeführt werden, in
der wünschenswerten Deutlichkeit vor Augen führen. Nach der Vorstellung und Diskussion der
Experimente werden die Teilnehmer gebeten, Hannah Arendts Aussage, die sie anlässlich des
Eichmann-Prozesses machte, zu interpretieren:
„Das beunruhigende an der Person Eichmanns war doch gerade, daß er war wie viele und
daß diese vielen weder pervers noch sadistisch, sondern schrecklich und erschreckend
normal waren und sind. Vom Standpunkt unserer Rechtsinstitutionen und an unseren
moralischen Urteilsmaßstäben gemessen, war diese Normalität viel erschreckender als all
die Greuel zusammengenommen, denn sie implizierte – wie man zur Genüge aus den
Aussagen der Nürnberger Angeklagten und ihrer Verteidiger wußte –, daß dieser neue
Verbrechertypus, der nun wirklich hostis generis humani ist, unter Bedingungen handelt, die
es ihm beinahe unmöglich machen, sich seiner Untaten bewußt zu werden.“ 1380
Selbstverständlich geht es bei dieser Diskussion nicht darum, dem Wirtschaftssystem den
jüdischen Völkermord anlasten zu wollen. Die Idee besteht darin, in aller Schärfe darauf
aufmerksam zu machen, wie tief die Logik von sozialen Systemen sich im menschlichen
Problemlösungs-Horizont einnisten kann und wie unkritisch die Menschen mit dieser Logik
umgehen. Auf dieser Grundlage wird dann die Verbindung zur Management-Ethik hergestellt. Es
gilt deutlich aufzuzeigen, dass die Funktionslogik sozialer Systeme wie Management das
Bewusstsein der Personen in diesen sozialen Systemen weitgehend bestimmt und die Personen
des Managements ethischen Anliegen nur dann systematisch und konsequent Rechnung tragen
werden, wenn sie ihr Denken, Entscheiden und Handeln mit einer kritischen Einstellung begleiten.
Wie kann das Faktum des blinden Flecks plausibel vermittelt werden? Als Einstieg kann das von
Maturana, Varela und von Foerster entwickelte Experiment mit dem blinden Fleck durchgeführt
werden, das den Teilnehmern den konstruktiven Prozess einfach zu illustrieren vermag. Im
Weiteren kann mithilfe von inszenierten Gesprächsrunden und raffinierten Gesprächsführungen
nachvollziehbar demonstriert werden, wie Teilnehmer von einem Gespräch gegängelt werden,
ohne darauf adäquat zu reagieren. Eine andere hilfreiche Illustration des blinden Flecks gelingt
mit der praktischen Übung, einen früher verfassten und als zufrieden eingestuften Text kritisch
zu überprüfen, um zu sehen, welche Unterscheidungen heute gewählt würden. Aber auch die
Tatsache, dass wohl der grösste Teil der selbst gesprochenen mündlichen Kommunikation nicht
wieder ins Bewusstsein zurückgeholt werden kann, lässt sich mit dem blinden Fleck erklären.
Wie kann unsere Nichterkennbarkeit kleiner Veränderungen sowie das Festhalten an vermeintlichen
Gewissheiten exemplarisch plausibel gemacht werden? Der didaktisch beste Weg gelingt wohl mit
dem Hinweis auf sehr bekannte Beispiele, die mit diesen Phänomenen erklärt werden können.
1378
1379
1380
P. Watzlawick: Anleitung zum Unglücklichsein, 7. Auflage, München 2008, S. 37f
An einer amerikanischen High School wagte der Lehrer Ron Jones im Jahre 1967 als Erster das Experiment,
Nazi-Deutschland im Kleinen nachzuahmen. Die Idee bestand dabei darin, gemeinsam mit den Schülern
verstehen zu können, wie es zu solchen Greueltaten überhaupt kommen konnte. Das Experiment musste nach
nur fünf Tagen abgebrochen werden. Ron Jones sagte vor der Klasse: „Wie den Deutschen wird es euch
schwer fallen zuzugeben, dass ihr so weit gegangen seid. Ihr werdet nicht zugeben wollen, manipuliert worden
zu sein. Ihr werdet nicht zugeben, bei diesem Irrsinn mitgemacht zu haben.“ (Ch. Hambrecht: „SchulExperiment ‚Die Welle‘. Nazis für fünf Tage“, spiegelonline, [www.einestages.spiegel.de~, Veröffentlicht:
11.03.2008, Zugriff: 18.08.2009])
H. Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 15. Auflage, München 2006, S. 400f
201
Allgemein bekannt ist die Tatsache, dass Fotoaufnahmen keinen Zweifel über die Veränderung
unseres Aussehens offenlassen, wir diese aber trotz des täglichen Blicks in den Spiegel kaum
erfassen können. Ebenfalls bekannt ist das Phänomen, dass wir nach mehrmaligem Lesen unsere
eigenen Schreibfehler kaum mehr erkennen, während andere Leser keine Mühe bekunden, diese
sogleich festzustellen. Oder dass unsere Zeitempfindung für eine zurückgelegte Wegstrecke beim
zweiten Mal spürbar kürzer ist als beim ersten Mal. Mit Blick auf das Management können tief
verankerte Annahmen hinsichtlich eines (vermeintlich) guten Lebens dafür verantwortlich
gemacht werden, dass Führungsleute die teilweise extremen Anforderungen seitens der
Unternehmen erst dann kritisch reflektieren, wenn der Lebenspartner oder die Lebenspartnerin
aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist – Führungspersonen haben gegenüber der
Gesamtbevölkerung eine um 50 Prozent höhere Scheidungsrate 1381. Nicht weniger verantwortlich
sind letztlich falsche Prämissen, wenn Eheleute erst beim gemeinsamen Urlaub bemerken, wie
sehr sie sich auseinander gelebt haben – gemäss Untersuchungen wird ein Drittel aller Ehen nach
dem Urlaub geschieden 1382.
14.4.2.4 Pragmatische Didaktik
Die pragmatische Didaktik betrifft in erster Linie die Einübung der kritischen Methode. Das heisst:
Die Elemente Reflexion, Selbstkritik, Annahme von Fremdkritik und Äusserung von Fremdkritik werden
ihm Rahmen von Team- und Individual-Coaching eingeübt, wobei konkrete Situationen aus der
Praxis den Ausgangspunkt für den Lehr- und Lernprozess liefern. Das bedeutet im Weiteren: Im
Rahmen der pragmatischen Didaktik muss eingeübt werden, der regulativen Idee nach sämtliches
Denken, Entscheiden und Handeln zu reflektieren, und zwar hinsichtlich der ethischen Prinzipien
der problemorientierten philosophischen Management-Ethik. Markus Huppenbauer und Jörg De
Bernardi haben ein Schema für ethische Urteilsfindung mit den Schritten: Ist-Analyse, Soll-Analyse,
Evaluation und Implementierung entwickelt, das möglicherweise für die Einübung der kritischen
Methode hilfreich eingesetzt werden kann. 1383 Didaktisch wird es im Übrigen wertvoll sein, zu
Beginn der Einübung der kritischen Methode nicht nur die ethischen Prinzipien, sondern ebenso
betriebswirtschaftliche oder persönliche Anliegen als Bezugspunkte zu nehmen. Die wichtigste
Aufgabe des Coaching besteht indessen im Beobachten der Führungsleute sowie in der Abgabe
von praktischen Hinweisen, die von den Personen des Managements als wertvoll nachvollzogen
werden können. Ideale Beobachtungsräume sind beispielsweise Coaching-Gespräche,
Teamsitzungen, Gruppengespräche, Konfliktmeeting, gemeinsame Spaziergänge usf. Einen
ausgezeichneten Tipp gibt Dagmar Deckstein: „Sucht euch zwei Leute, die euch regelmäßig
sagen, was ihr nicht seht, bestraft sie nicht, sondern hört sie euch an. Das haben wir in einigen
Kliniken eingeführt – die ja erfahrungsgemäß noch autokratischer und absolutistischer von den
Chefärzten geführt werden als Industrieunternehmen von ihren Vorstandsvorsitzenden. Was soll
ich sagen? In diesen Kliniken schlug das neue Modell mit riesigem Erfolg ein.“ 1384 Der Tipp wird
nun so umgesetzt, dass die Führungspersonen aus ihrem Kreis (Management) eine Vertrauensperson
wählen, mit denen sie regelmässig offene und kritische Gespräche führen können, mit dem Ziel,
sich gegenseitig auf die blinden Flecken aufmerksam zu machen.
1381
1382
1383
1384
202
Vgl. „Mit christlichen Werten aus der Krise“, LDEZ
[www.schulbuchpreis.de~, Veröffentlicht: 25.11.2006, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. V. Simon: „Erotik-Campen als Paartherapie“, sueddeutsche.de
[www.sueddeutsche.de~, Veröffentlicht: 07.11.2007, Zugriff: 29.04.2009]
Vgl. M. Huppenbauer und J. De Bernardi: Kompetenz Ethik für Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Ein Tool für
Argumentation und Entscheidungsfindung, Zürich 2003, S. 83f
D. Deckstein: Klasse! Die wundersame Welt der Manager, Hamburg 2009, 201
14.4.2.5 Philosophische Didaktik
Die vorgestellten didaktischen Prozesse sind durchaus geeignet, die Einstellung von
Führungsleuten so zu verändern, dass ein Bewusstsein entsteht, durch Reflexion und Kritik die
blinden Flecken aufdecken und aus Fehlern und Irrtümern lernen zu wollen. Allerdings ist eine
nachhaltige und sichtbare Veränderung der Einstellung nur dann möglich, wenn zugleich eine
Veränderung bestimmter Gewohnheiten vollzogen wird. Im Folgenden werden drei Gewohnheiten
genannt, die im Dienste der systematischen und konsequenten Anwendung der kritischen
Methode aufzugeben sind und von daher im Rahmen der konstruktivistischen Didaktik gelehrt
und der pragmatischen eingeübt werden müssen.
•
sich nicht dauernd ablenken
Grundsätzlich gilt es festzuhalten, dass die kritische Methode beinahe überall und zu fast
jeder Zeit angewendet werden kann. Allerdings wird eine beinahe automatische Anwendung
erst nach einiger Zeit möglich sein, nämlich dann, wenn sie zur philosophischen Gewohnheit
geworden ist. Damit dies geschieht, bedarf es einer Veränderung der Einstellung der
Führungspersonen, und zwar dahingehend, dass Freiräume einen festen Platz in der Agenda
erhalten. Möglichkeiten für solche Freiräume sind beispielsweise einsame Spaziergänge,
Schifffahrten, Aufenthalt an idyllischen Ruheplätzen, Stadtwanderungen, Besuch von ruhigen
Wellness-Oasen, Zugfahren ohne Ablenkung durch Lektüre usw. Auch wenn diese Freiräume
für die Reflexion und Kritik von sogenannten betriebswirtschaftlichen oder ethischen Big
Points herausragend geeignet sind, ist dennoch darauf zu achten, dass sie – vor allem am
Anfang – für die Reflexion und Selbstkritik, inwieweit die kritische Methode systematisch und
konsequent angewendet wird, sowie für das „Abschalten“ reserviert werden. Mit Letzterem
ist gemeint, dass Führungsleute versuchen müssen, ihr Bewusstsein nicht dauernd dem ZweckMittel-Denken unterzuordnen, sondern für das Affizieren durch das Universum freizugeben.
Mit Blick auf die Anwendung der kritischen Methode sind die Personen des Managements
dann auf dem richtigen Weg, wenn Reflexionshandlungen und Kritik zum Selbstverständnis
bzw. zur philosophischen Gewohnheit geworden sind und sie imstande sind, die Langeweile
anzunehmen, und zwar – mit Heidegger gesprochen – „als die innerste Notwendigkeit der Freiheit
des Daseins.“ 1385
•
nicht Zustimmung anstreben
Die zweite aufzugebende Gewohnheit heisst: nicht Zustimmung anstreben! Sowohl die Annahme
wie auch die Äusserung konstruktiver Fremdkritik schafft die Möglichkeit, den Sachverhalt
mit anderen Augen zu sehen. Es ist deshalb von grosser Wichtigkeit, dass in Gesprächen
explizit darauf hingewiesen wird, dass kritische Einwände sowohl erwünscht wie auch
erwartet werden. Damit eine kritische Gesprächskultur ihr Ziel erreicht, muss allerdings streng
darauf geachtet werden, dass die kritischen Einwände stets nur eine Sache betreffen, zudem
begründet und wohlwollend formuliert werden. In Bezug auf eine wohlwollende Formulierung
gilt es zu berücksichtigen, dass jede Kommunikation einen Beziehungs- und einen Inhaltsaspekt
aufweist und Letzterer seine Bedeutung nur dann entfalten kann, wenn die
Gesprächsteilnehmer die Beziehung untereinander als positiv bzw. als wohlwollend und nicht
als destruktiv empfinden. 1386 Der Grundsatz, nicht Zustimmung anzustreben, bedeutet nicht,
sie als solche abzulehnen, sondern vielmehr den Schwerpunkt auf die Diskussion von
heterogenen Standpunkten zu legen. Kann diese geforderte Gewohnheitsveränderung
angesichts der Tatsache, dass der Begriff „Kritik“ negativ konnotiert ist und unsere
Erfahrung mit Kritik in der Tat eher negative Gefühle auslöst, überhaupt erwartet werden?
1385
1386
M. Heidegger: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt - Endlichkeit - Einsamkeit, Frankfurt a. M. 2004, S. 247
Vgl. P. Watzlawick: Menschliche Kommunikation, a.a.O., S. 53ff
203
Zu Recht weist Heiner Hastedt darauf hin, dass Gefühle, als Kompass für die
einzuschlagende Richtung im Leben, uns genauso wie der Verstand in die Irre führen können
und deshalb der Interpretation bedürfen. 1387 Für diesen Kontext bedeutet das, sich über das
richtige Verständnis der Kritik Klarheit zu verschaffen. Und dabei gilt es zu bedenken, dass
konstruktive Fremdkritik Gleichgültigkeit oder gar Verführung zu einer vermeintlichen Sicherheit
– im Gegensatz zur von uns positiv aufgenommenen Zustimmung – gerade ausschliesst. Mit
anderen Worten: Die konstruktive Kritik verdient kein negatives Gefühl, sondern – als
Zeugnis von Anteilnahme und Wohlwollen – vielmehr die ganz besondere Wertschätzung.
•
Menschen nicht nach ihrer Funktion oder Stellung einschätzen
Die dritte aufzugebende Gewohnheit geht dahin, die Menschen als gleichwertig
einzuschätzen und voneinander lernen zu wollen. Dem kapitalistischen Wirtschaftssystem ist
inhärent, dass der Wert der Menschen weitgehend über jene Elemente bestimmt wird, die
diese Wirtschaftsordnung prägen. Mit anderen Worten: Menschen mit grossem Vermögen,
hohen Einkommen und einflussreichen Positionen geniessen grosses Ansehen, während
früher sozial hochgestellte Funktionen wie Professoren, Lehrer, Pfarrer, Wissenschaftler,
Ärzte usw. zunehmend an Sozialprestige einbüssen. Keinen besonderen Wert auf die
Zustimmung, sondern auf die kritische Diskussion zu legen, gelingt Führungspersonen umso
besser, als sie erkennen, dass die Menschen ihre Vernunft ausschliesslich dem Dialog mit
anderen Menschen verdanken und wir alle „voneinander lernen, solange wir nur nicht
vergessen, daß es nicht so sehr darauf ankommt, wer recht behält, als vielmehr darauf, der
Wahrheit näher zu kommen.“ 1388 Je mehr sich unsere Gesellschaft ausdifferenziert und die
blinden Flecken sich verfestigen, umso dringender ist die Einsicht für unser Leben, dass es
gegen die blinden Flecken kein geeigneteres Mittel als die kritische Methode gibt, Letztere
aber ohne die Annahme aller anderen Menschen als Gleichwertige nicht systematisch und
konsequent angewendet werden kann.
14.4.2.6 Die Entscheidung zur Annahme der kritischen Methode
Menschliche Entscheidungen werden zu einem Bestandteil des menschlichen ProblemlösungsHorizonts. Das bedeutet: Unsere gefällten Entscheide leiten uns im Denken, Entscheiden und
Handeln, ohne dass uns dies in den einzelnen konkreten Situationen bewusst wird. Die
menschliche Erkenntnissituation mit dem blinden Fleck als anthropologisches Erkenntnisproblem kann
demnach mit Blick auf die systematische und konsequente Anwendung der kritischen Methode in
fruchtbarer Weise genutzt werden. Und zwar dadurch, dass die Führungspersonen sich explizit
für die Annahme der kritischen Methode entscheiden. Mit anderen Worten: Mit der expliziten
Entscheidung, die systematische und konsequente Anwendung der kritischen Methode als eine
Managementaufgabe aufzufassen, werden durch den Entscheidungsakt alle anderen Möglichkeiten,
insbesondere die beinahe ausschliessliche Ausrichtung nach ökonomischen Aspekten,
ausgegrenzt. Weil die Führungspersonen mit den Instrumenten „Unternehmensvision“ und
„Managementziele“ bestens vertraut sind, haben sie gute Kenntnisse von der Kraft, die gefällten
Entscheidungen innewohnt. Sie werden nicht zuletzt auch deshalb Verständnis haben, wenn sie
gebeten werden, die kritische Methode in den einzelnen Elementen zu beschreiben und danach
ihren Entscheid, diese Methode fortan systematisch und konsequent anzuwenden, schriftlich zu
fixieren. Den Personen des Managements kann versichert werden, dass durch diesen
Entscheidungsakt die ausgezeichnete Möglichkeit geschaffen wird, die Erwartungen seitens der
Unternehmensverantwortlichen, die sich explizit zur Annahme und Durchsetzung der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik entschieden haben, zu erfüllen.
1387
1388
204
Vgl. H. Hastedt: Gefühle. Philosophische Bemerkungen, Stuttgart 2005, S. 130
K. R. Popper: Alles Leben ist Problemlösen, a.a.O., S. 161
Darüber hinaus gilt es in aller Deutlichkeit darauf hinzuweisen, dass die Annahme der kritischen
Methode eine moralische Entscheidung ist. Denn erst sie schafft die Grundlage, Fehler und Irrtümer,
die sowohl für uns selbst wie auch für andere Menschen nachteilig sein können, systematisch und
konsequent zu verhindern.
14.4.3 Alle Menschen sind fähig zur kritischen Methode
Mit den Ausführungen zur Institutionalisierung der kritischen Methode wurde ein didaktischer Weg
skizziert, wie die Einstellung und die Gewohnheiten der Führungsleute verändert werden
können, um die kritische Methode – zumindest der Möglichkeit nach – systematisch und
konsequent anzuwenden. Der mögliche Einwand, dass die Reflexion, Selbstkritik und
Fremdkritik von sämtlichem Denken, Entscheiden und Handeln die Menschen überfordere, wird
zurückgewiesen. Und zwar mit der Begründung, dass erstens die Menschen grundsätzlich zur
Reflexion, Selbstkritik und Fremdkritik fähig sind und dies tagtäglich von unzähligen Menschen
auch praktiziert wird, auch wenn wohl mehrheitlich nicht im Bereich der Moral bzw. hinsichtlich
ethischer Regeln. Zweitens ist die Idee, sämtliches Denken, Entscheiden und Handeln der
kritischen Methode zu unterwerfen, eine regulative Idee. Dies bedeutet, dass unser Bestreben in
diese Richtung verlaufen sollte, auch wenn es niemals vollständig gelingen wird. Drittens muss
berücksichtigt werden, dass mit der Institutionalisierung der kritischen Methode die Struktur
eines sozialen Systems (Management) verändert wird. Auch wenn vielen Menschen die Reflexion
und Selbstkritik des eigenen Denkens, Entscheidens und Handelns schwerfällt, so darf doch
erwartet werden, dass ihnen die Kritik an anderen Personen vergleichsweise leicht fällt. Und
wenn die gegenseitige sachliche und wohlwollende Fremdkritik als Teil der ManagementKommunikation erst einmal etabliert ist, dann wird das zweifellos einen positiven Einfluss auf die
Reflexion und Selbstkritik des eigenen Denkens, Entscheidens und Handelns haben. Denn
immerhin können mit der Reflexion und Selbstkritik Veränderungen möglicherweise noch vor der
Fremdkritik eingeleitet und Letztere dadurch abgewehrt werden. Viertens lässt sich mit einiger
Sicherheit sagen, dass die kritische Methode hinsichtlich der ethischen Prinzipien zu einer
(philosophischen) Gewohnheit werden kann, so dass ethisch relevante Sachverhalte intuitiv und
beinahe automatisch mit der kritischen Methode behandelt werden. Und fünftens schliesslich muss
zwischen der Möglichkeit, die kritische Methode systematisch und konsequent anwenden zu
können, und der Tatsache, dass heutzutage eine kritische Einstellung vielerorts eher verpönt ist,
unterschieden werden. Im Rahmen der Beantwortung der vierten ethischen Grundfrage ging es darum,
aufzuzeigen, dass der systematischen und konsequenten Anwendung der ethischen Prinzipien der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik zumindest aus theoretischer Sicht kein
Hindernis im Sinne von Nicht-Können impliziert Nicht-Sollen im Wege steht.
14.5 Motivationale Wissensvermittlung
Damit der Prozess der Institutionalisierung der kritischen Methode überhaupt eingeleitet werden
kann, bedarf es vorgängig einer Entscheidung seitens der Unternehmensverantwortlichen, die
ethischen Prinzipien der problemorientierten philosophischen Management-Ethik als der
ethische Bestandteil der Corporate Governance 1389 zu akzeptieren. Es stellt sich somit die erste
ethische Grundfrage: Warum sollen wir überhaupt ethisch handeln? Konkreter gefragt: Warum
sollen die Unternehmensverantwortlichen Corporate Social Responsibility ernst nehmen und auf
gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die Verhinderung von menschlichem Leid sowie
der Schutz der menschlichen Autonomie Rücksicht nehmen? Nach Klaus Doppler wird das
1389
Nach Fredmund Malik definieren Corporate Governance und die Unternehmenspolitik den Zweck des
Unternehmens: „Richtig verstanden und ausgestaltet, bilden sie ein Zentrum der Kraft für die Gesamtsituation,
so wie ein Motor ein Kraftzentrum für das Auto ist.“ (F. Malik: Management, a.a.O., S. 88)
205
unternehmerische Verhalten so lange beibehalten, „wie es sich – in welcher Währung auch immer
– rechnet und wird dann geändert, wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht. Was kostet es? Was
bringt es? – das ist die eigentliche Gretchenfrage.“ 1390 Dopplers Einschätzung stimmt mit den
Erkenntnissen der soziologischen Systemtheorie darin überein, dass ethische Anliegen seitens der
Unternehmensverantwortlichen nur dann aufgenommen werden, wenn sie in das stets im
Hintergrund präsente binäre Codierungsschema Zahlung vs. Nichtzahlung eingearbeitet werden
können (vgl. S. 158). Getragen von der Idee, dass weitsichtige und in moralischen Belangen
sensible Unternehmensverantwortliche bereit sind – möglicherweise auch deshalb, weil sie
erkannt haben, dass nicht-ethisches Verhalten zu negativen ökonomischen Auswirkungen führen
kann –, sich mit sorgfältigen Informationen auseinandersetzen, wird im Folgenden versucht, die
Entscheidungsträger zu motivieren, Ethik als Entscheidungsprämisse in das soziale System
„Unternehmen“ aufzunehmen. Dazu werden – für die Beantwortung der ersten Grundfrage – im
Wesentlichen drei Hauptargumente vorgebracht, die allesamt aufzeigen, dass die zunehmende
Tendenz der Unternehmen, Geschäftspraktiken nach ökonomistischen Unternehmensstrategien
auszurichten, nicht nur schwerwiegende moralische Problemphänomene evoziert, sondern bei
Führungsleuten, Unternehmen und beim Wirtschaftssystem zu schwerwiegenden negativen
Konsequenzen führt, denen mit der Annahme und Durchsetzung der problemorientierten
philosophischen Management-Ethik jedoch wirkungsvoll begegnet werden kann.
14.5.1 Work-Life-Balance seitens der Führungsleute
Welche gravierenden Probleme lassen sich durch die Annahme und Durchsetzung der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik für Führungsleute verhindern? Gunter
Dueck hat mit seinen Aussagen, wonach die heutigen Manager „die Ökonomie in eine
entsetzliche Übertreibung des kurzfristigen Profits hineingetrieben“ 1391 hätten und die Ökonomie
selten über den Tellerrand der Instinkte hinausdenke 1392, möglicherweise Recht, allerdings fehlt
diesen Feststellungen eine philosophisch-wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage,
weshalb zum Beispiel Gier bei vielen Führungsleuten derart masslos ist, dass sie materielle Werte
über alle anderen stellen und dabei die eigene Gesundheit, den Zusammenhalt der Familie oder
ein über materielle Zwecke hinausgehendes sinnvolles Leben gefährden. Diese soziologischen
und erkenntnistheoretischen Grundlagen geben Hinweise für eine tiefere Erkenntnis, sie lässt
sich wie folgt formulieren: Die Erkenntnisse der Führungspersonen sind wegen des ausgeprägten
ökonomischen Zweck-Mittel-Denkens zunehmend inadäquat hinsichtlich eines guten Lebens. Aber weil das
menschliche Erkenntnisvermögen die kleinen, schleichenden Veränderungen nicht wahrnimmt und die
Führungspersonen – solange keine gravierenden Probleme aufkommen – keinen Anlass sehen, ihre vermeintlichen
Gewissheiten zu reflektieren, wissen sie weder Bescheid über die eingeschlagene Richtung in ihrem Leben noch über
mögliche Alternativen und auch nicht über die Gefahren, die mit diesem Weg verbunden sind. Es ist Gregory
Bateson zuzustimmen, wenn er sagt: „Es ist ein nicht triviales Problem, daß wir fast immer
unbewußt sind über die Trends in den Veränderungen unseres Zustandes.“ 1393 Die
problemorientierte philosophische Management-Ethik fordert mithilfe der kritischen Methode,
dass Führungsleute, als regulative Idee, sämtliches Denken, Entscheiden und Handeln in Bezug
auf die ethischen Prinzipien reflektieren und – falls eine Verbindung zu diesen besteht – im
Hinblick auf die diesen ethischen Prinzipien zugrunde liegenden, in der Gesellschaft tief
verankerten moralischen Werte prüfen und verbessern. Da die systematische und konsequente
Anwendung der kritischen Methode sämtliches Denken, Entscheiden und Handeln in den Blick
nimmt und sich letztlich einer Veränderung der Einstellung und der Gewohnheiten seitens der
1390
1391
1392
1393
206
K. Doppler: Der Change Manager, a.a.O., S. 99
G. Dueck: Abschied vom Homo oeconomicus. Warum wir eine neue wirtschaftliche Vernunft brauchen, Frankfurt a. M. 2008,
S. 247
Vgl. a.a.O., S. 219f
G. Bateson: Geist und Natur, a.a.O., S. 122
Führungsleute verdankt, kann mit einiger Sicherheit gesagt werden, dass die Kraft und die
Reichweite der kritischen Methode gross genug ist, um die Gefahren des blinden Flecks auch im
persönlichen bzw. privaten Bereich deutlich abzuschwächen. Mit anderen Worten: Die Gefahr,
dass die eigene berufliche Karriere bzw. der persönliche materielle Erfolg bedingungslos und
ohne Bedenken als das oberste Ziel gesetzt werden, das Leben zwischen dem wirtschaftlichem
Erfolg und einem über materielle Aspekte hinausgehenden sinnvollen Leben nicht mehr
ausbalanciert und Probleme erst bei massiven Schwierigkeiten entdeckt werden, kann mit der
Annahme und Durchsetzung dieser philosophischen Management-Ethik mithilfe der ethischen
Prinzipien sowie der kritischen Methode aussichtsreich gebannt werden. Und zwar durchaus zum
ökonomischen Vorteil der Unternehmen, weil diese mit Führungsleuten rechnen können, welche
die hohen Erwartungen und Belastungen auch in der Zukunft zu erfüllen vermögen.
14.5.2 Stärkung der unternehmerischen Existenzfähigkeit
Betriebswirtschaftliche Indikatoren wie beispielsweise Börsenkurse, Quartalbilanzen oder
Jahresrechnungen genügen nicht, um den effektiven Zustand eines Unternehmens festzustellen.
Allein die aktuelle Krise rund um den Immobilienmarkt in Amerika zeigt dies in aller
wünschenswerten Deutlichkeit. Noch im Vorjahr des Beginns der Immobilienkrise wurden von
involvierten Banken Milliardengewinne ausgewiesen, obschon aus heutiger Sicht einwandfrei
feststeht, dass der Zustand dieser Geldinstitute bereits zu diesem Zeitpunkt desolat war. Der
nachhaltige Gewinn von Unternehmen und letztlich die Existenzfähigkeit hängt in allererster
Linie davon ab, inwieweit das unternehmerische Denken, Entscheiden und Handeln in der
Gesellschaft tief verankerte moralische Werte als unantastbare Grenzen ernst nimmt. Aber ist das
nicht bloss eine Behauptung? Durch die hohe Saturierung der Märkte und die stetige Zunahme des
Konkurrenzdruckes nimmt die gesellschaftliche Bedeutung des einzelnen Unternehmens als
Anbieter von meistens wenig unterscheidbaren Produkten und Dienstleistungen ständig ab. Das
zeigt sich daran, dass angesichts der kaum erfassbaren Menge gleichartiger Produkte und der
beinahe beliebigen Produkt-Substitution der Marktaustritt einzelner Unternehmen in den meisten
Fällen durch die Konsumenten nicht mal bemerkt wird. Die Möglichkeit, dass Unternehmen –
wie noch vor einigen Jahrzehnten – ihre Existenz allein mit einer ehrlichen und konservativen
Marktleistung sichern können, ist heute nicht mehr gegeben. Und gerade diese im Grunde
genommen dramatische Verschärfung der Existenzfrage erhöht die Gefahr, dass Unternehmen
falsche Unternehmensstrategien und Geschäftspraktiken wählen. Anstatt systematisch und
konsequent darauf zu achten, innovative und für die Konsumenten wertvolle Marktleistungen
anzubieten, Sorge zu den Mitarbeitern zu tragen, offensiv und ehrlich zu kommunizieren, Fehler
einzugestehen, einen positiven Beitrag gegen die ökologische Gefährdung zu leisten, die
gesetzlichen Erlasse strikte einzuhalten usf., reagieren sie aus einer ökonomischen Binnenlogik
heraus, beispielsweise mit minderer Qualität, falschen Produktversprechungen,
Gehaltsreduktionen bei den Mitarbeitern, rücksichtslosem Umgang mit natürlichen Ressourcen
oder saloppem Umgang mit gesetzlichen Erlassen. Kurzum: Anstatt die ökonomischen Trümpfe
zu sichern und zu stärken, werden diese weitgehend mehr oder weniger bedenkenlos
preisgegeben. Das allergrösste Problem für die Unternehmen ist jedoch, dass diese wegen des
blinden Flecks bzw. der nicht mehr hinterfragten Prämissen den eingeschlagenen desaströsen
Weg oft nicht erkennen, sondern die zunehmende existenzielle Gefährdung durch Massnahmen
wiederum nach dem genau gleichen Muster zu lösen versuchen. Weil nun die Unternehmen mit
der Annahme und Durchsetzung der problemorientierten philosophischen Management-Ethik
gehalten sind, ihre Beobachtungspunkte dorthin zu verlegen, wo die gesellschaftliche Bedeutung
des einzelnen Unternehmens nicht abnimmt, sondern zunimmt, sei es als Anbieter von
innovativen und für die Gesellschaft wertvollen Produkten und Dienstleistungen, als
berechenbare und umsichtige Arbeitgeber oder als verantwortungsvolle Verbraucher natürlicher
Ressourcen, vermag die philosophische Management-Ethik mithilfe der ethischen Prinzipien sowie
207
der kritischen Methode die Existenzfähigkeit in bedeutender Weise zu stärken. Gerade für kleinere
und mittlere Unternehmen, die wegen der fehlenden finanziellen Mittel den Markt nicht
beeinflussen können, wird diese Einsicht von allergrösster Wichtigkeit sein.
14.5.3 Schutz vor der Zerstörung des Wirtschaftssystems
Ökonomistische Strategien gefährden vor allem die Existenz von kleineren und mittleren
Unternehmen, weniger jedoch diejenige von grossen und kapitalkräftigen Firmen – Joseph
Stiglitz betont, dass viele multinationale Konzerne reicher sind als die meisten
Entwicklungsländer 1394. Diese sind dank ihrer Markt- und Kapitalkraft denn auch durchaus
imstande, den Standort nach idealen Rahmenbedingungen auszuwählen, hochrangige Politiker
mit grosszügigen Wahlkampfspenden für die eigenen Interessen zu gewinnen, die Wünsche der
Konsumenten zu beeinflussen – wenn nicht gar zu erzeugen –, von Führungsleuten mittels
exorbitanten Gehältern alles abzuverlangen, andere Unternehmen zwecks Erhöhung ihrer
Marktmacht und Eliminierung „schädlicher“ Mitbewerber aufzukaufen und permanent
Rationalisierungsmassnahmen durchzuführen, ohne deshalb zwingend mit ernsthaften negativen
Auswirkungen rechnen zu müssen. Hier steht nicht primär die unternehmerische Existenz auf
dem Spiel, sondern diejenige des Wirtschaftssystems. Denn es stellt sich nämlich die Frage,
wohin der Weg führt, wenn Unternehmen die Menschen bloss noch als Mittel für die
ökonomischen Interessen in den Blick nehmen und viele Menschen darunter zu leiden haben,
unfreier und ärmer werden, während auf der anderen Seite sich relativ wenige Menschen immer
mehr bereichern. Noch können sich die mächtigen Wirtschaftsakteure durch Bodyguards
schützen, noch vermag die Gesellschaft die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
notwendigen Kosten aufzubringen, auch konnten bislang ausreichende Vorkehrungen gegen die
Gewaltbereitschaft getroffen werden, aber es drängt sich die Frage auf: wie lange noch? Peter
Ulrich, Philippe Mastronardi und Mario von Cranach haben mit ihrer Aussage zweifellos Recht,
dass ein Wirtschaftssystem, das zur Selbstbedienung der Stärkeren verkommt, „ihre eigene
Legitimations- und Vertrauensbasis – und damit die Kooperationsbereitschaft und
gesellschaftliche Solidarität der Bürger“ 1395 zerstört. Marktwirtschaftlicher Wettbewerb ist in der
Tat kein Ziel, „sondern nur ein Mittel, um Wohlstand für alle zu fördern. Dieses setzt Fairness
und ein Minimum an sozialer Gerechtigkeit voraus. Eine Wirtschaftskultur, in welcher der
Eigennutz die Gerechtigkeit verdrängt, muss immer wieder in tief greifende Krisen fallen.“ 1396
Unternehmensgiganten mit einer ökonomistischen Unternehmensstrategie sind eine
überaus ernst zu nehmende Bedrohung für das Wirtschaftssystem, die jedoch sowohl von den meisten
Wirtschaftsakteuren als auch vom politischen System nur unzureichend erkannt wird. Auch ist in
weiten Kreisen der Gesellschaft in Vergessenheit geraten, dass die Ökonomie seit Aristoteles die
eigentliche Vollzugsinstanz der Ethik ist. Das heisst: Wenn das Wirtschaftssystem auf
gesellschaftlich tief verankerte moralische Werte wie die Verhinderung von menschlichem Leid und den
Schutz der menschlichen Autonomie immer weniger Rücksicht nimmt, dann verliert es – aus der Sicht
der Ethik und der moralischen Überzeugungen – zunehmend seine Legitimität.
14.5.4 Die Empfehlung an den Verwaltungsrat bzw. Aufsichtsrat
Dem aktuellen Wirtschaftsgeschehen ist die grosse Gefahr inhärent, dass Unternehmen die
schärfer gewordene Frage der Existenzsicherung zunehmend durch ökonomistische
Unternehmensstrategien beantworten, mit denen nicht der Schutz von in der Gesellschaft tief
1394
1395
1396
208
Vgl. J. Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung, Übers. von T. Schmidt, München 2008, S. 237
P. Ulrich et al: ‹‹Gier und Angst sind keine tauglichen Leitmotive››, in: SonntagsZeitung, Ausgabe: 11.05.2008,
S. 72f
A.a.O., S. 72f
verankerten moralischen Werten in den Blick genommen wird, sondern die Realisierung
höchstmöglicher Gewinne oder tiefstmöglicher Kosten. Diese ökonomischen Binnenlogiken
führen – nebst den bereits aufgezeigten schwerwiegenden moralischen Problemen für die
Gesellschaft – zu drei gravierenden Problemkomplexen, bei denen angenommen werden kann, dass
diese auch von den Unternehmensverantwortlichen vermieden werden möchten, und zwar
deshalb, weil sie selbst davon nachteilig betroffen sind. Erstens verlieren Unternehmen wichtiges
Know-how und erfahrene Leistungsträger, wenn Führungsleute wegen der fehlenden Balance
zwischen dem beruflichem Erfolg und einem über ökonomische Aspekte hinausgehenden
sinnvollen Leben dem Unternehmen zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur
Verfügung stehen. Zweitens können die ökonomischen Binnenlogiken die nachhaltige
Existenzfähigkeit von nicht besonders kapitalkräftigen Unternehmen dramatisch gefährden. Und
zwar deshalb, weil diese der Tendenz nach eher kleineren und mittleren Unternehmen dann auch
noch den Rest ihrer gesellschaftlichen Bedeutung aus der Hand geben. Drittens wird die soziale
Ordnung auf Dauer nicht haltbar sein, wenn grosse und kapitalkräftige Unternehmen die
Konsumenten, Mitarbeiter, Politiker, Kleinaktionäre und andere Stakeholder bloss noch als
Instrumente für die Gewinnmaximierung verwenden und den Markt sowie das Kaufverhalten der
Konsumenten mit ihren enormen Möglichkeiten zu ihren Gunsten beeinflussen oder
Unternehmen Millionensaläre ausbezahlen, die Gewinne grosszügig privatisieren, während die
katastrophalen Folgen durch die einfachen Menschen getragen werden müssen.
Weil die problemorientierte philosophische Management-Ethik mithilfe der ethischen
Prinzipien sowie der kritischen Methode nicht nur einen eminent wichtigen Beitrag für die
Sicherstellung von in der Gesellschaft tief verankerten moralischen Werten zu leisten vermag,
sondern darüber hinaus gravierende Gefahren auf Seiten der Führungsleute, der Unternehmen
und des Wirtschaftssystems bannt, wird sie dem Verwaltungsrat bzw. Aufsichtsrat zur Annahme
empfohlen. Und zwar als der ethische Bestandteil der Corporate Governance, der durch seinen für
alle Personen des Managements verbindlichen integralen Vertragsbestandteil durchgesetzt wird.
14.6 Über das Verhältnis zwischen Ethik und Ökonomie
Die für die Annahme und Durchsetzung der problemorientierten philosophischen ManagementEthik vorgebrachten Argumente betonen die Gefahren für Führungsleute, Unternehmen und das
Wirtschaftssystem. Weil die Verhinderung dieser Gefahren mit den Interessen des Verwaltungsrates
bzw. Aufsichtsrates durchaus zusammenfällt, könnte der ethischen Theorie möglicherweise zum
Vorwurf gemacht werden, dass sie ihre Annahme und Durchsetzung keinem genuin ethischen
Verständnis verdanke, sondern als Mittel für ökonomische Zwecke missbraucht werden könne
und im Grunde genommen gegen die Intentionen von Karl R. Popper verstosse. Dem kann
entgegnet werden, dass diese in der Tat ökonomisch positiven Nebeneffekte nur mithilfe einer
systematischen und konsequenten Anwendung der kritischen Methode sowie der ethischen Prinzipien
erreicht werden können. Mit anderen Worten: Die problemorientierte philosophische
Management-Ethik lässt sich nicht instrumentalisieren, und zwar deshalb, weil die ökonomisch
positiven Nebeneffekte in keinem kausalen Verhältnis zu den ethischen Prinzipien stehen und –
damit zusammenhängend – nur mittel- und langfristig realisiert werden können. Auch ist diese
ethische Konzeption weit davon entfernt, im Stile der ökonomischen Ethik1397 ihre ethischen
Prinzipien mithilfe von extrinsischen Anreizen (zum Beispiel durch Schaffung von gesetzlichen
Institutionen) durchsetzen zu wollen. Im Weiteren gilt es aber auch zu berücksichtigen, dass die
ökonomisch positiven Nebeneffekte, also die Stärkung der unternehmerischen Existenzfähigkeit, die
Sicherung des Wirtschaftssystems und die Beförderung der Balance zwischen dem wirtschaftlichem Erfolg und
einem über ökonomische Aspekte hinausgehenden sinnvollen Leben seitens der Führungsleute, nicht ohne
ethischen Gehalt sind; denn immerhin können Führungsleute, Unternehmen und
Wirtschaftssystem gerade dadurch die von der Ethik als Disziplin der praktischen Philosophie
1397
Vgl. A. Suchanek: Ökonomische Ethik, 2. Auflage, Tübingen 2007, S. 7
209
zugedachte Aufgabe, nämlich mithilfe von ökonomischen Leistungen menschliches Leid zu verhindern
und die menschliche Autonomie zu schützen, auch weiterhin erfüllen. Schliesslich darf Poppers
Forderung, dass eine Ethik nicht auf Erfolg und Belohnung abstellen darf (vgl. S. 145), auch
deshalb als eingehalten betrachtet werden, weil gemäss seinem Ratschlag die Motivation mit Blick
auf negative Konsequenzen, die von den zu Motivierenden nicht oder zu wenig bedacht wurden,
erfolgte.
Die problemorientierte philosophische Management-Ethik auf der Grundlage des
Kritischen Rationalismus lässt kaum Zweifel offen über das Verhältnis zwischen Ethik und
Ökonomie. Nichtsdestotrotz soll das Verhältnis an dieser Stelle noch deutlicher dargestellt werden.
Die Ethik als die Reflexionsdisziplin der Moral, die im Wesentlichen ein gutes Leben sowie das
friedliche Zusammenleben der Menschen zum Ziele hat, wird uneingeschränkt der Vorrang
gegenüber der Ökonomie konzediert. Diese ethische Theorie hält damit an der Tradition fest und
erteilt dem Standpunkt, wonach die Ökonomie im gleichen oder gar höheren Range wie die Ethik
steht, eine klare Absage. Die Auffassung, wonach die Fragen nach dem guten Leben bzw.
friedlichen Zusammenleben bloss noch mit ökonomischen Kategorien zu beantwortet sind, hat
demnach mit dieser philosophisch-ethischen Theorie nichts gemein. Die Berechtigung, an der
Tradition bzw. am Vorrang der Ethik festzuhalten, ergibt sich – nebst der Tatsache, dass Ethik
für die menschliche Existenz eine herausragender Stellung einnimmt – auch daraus, dass
sämtliches ökonomisches Geschehen, beispielsweise exorbitante Bonuszahlungen oder die im
Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise feststellbare Entlassungswelle, zum Gegenstand
einer moralischen Diskussion werden kann. Selbst die Tatsache, dass mittlerweile die Betriebsund Volkswirtschaftslehre die Ökonomie zu ihrem Untersuchungsgegenstand haben, ändert am
Vorrang der Ethik nichts. Und gleiches lässt sich zum Faktum sagen, dass die moralischen
Überzeugungen der Menschen zunehmend nicht mehr im Einklang sind mit dem aktuellen
Wirtschaftsgeschehen. Im Gegenteil: Das Versagen der Ökonomik hinsichtlich ethischer
Anliegen sowie die zunehmende Diskrepanz zwischen moralischen und ökonomischen Werten
kann als ein wichtiger Grund gesehen werden, weshalb die philosophische Ethik sich wieder
vermehrt dem Wirtschaftsgeschehen zuwendet und ihren Vorrang gegenüber der Ökonomie
explizit heraushebt. Nun muss Letzteres keineswegs zwingend bedeuten, dass eine philosophischwirtschaftsethische Theorie für die Aufnahme von ethischen Anliegen ausschliesslich altruistische
Motive vorsieht. Es ist Marcel von Ackeren zuzustimmen, dass Ethik durchaus dem
Selbstinteresse der Menschen dienen darf. 1398 Gefordert wird jedoch Gemeinsinn, das heisst die
Erkenntnis, dass wir alle zur Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung beitragen müssen und
dabei alle Menschen aufeinander angewiesen sind. Und schliesslich impliziert der Vorrang der
Ethik ebenfalls nicht, dass eine philosophisch-wirtschaftsethische Theorie unbedingt als die
Grundlage der ökonomischen Tätigkeiten aufgefasst werden muss. Das heisst: Nach der hier
vertretenen Auffassung zeigt sich Wirtschaftsethik weder als Grundlage noch als Korrektiv noch als
Wegbereiterin der Ökonomie – nach Peter Ulrich sind das die drei grundsätzlichen Verhältnisse
zwischen Ethik und Ökonomie 1399 –, sondern als die der Ökonomie Grenzen setzende ethische
Disziplin. Wirtschaftsethik anerkennt zwar die Ökonomie als das bestimmende System zur
Befriedigung der materiellen Bedürfnisse, zeigt diesem jedoch mit aller Vehemenz die Grenzen,
und zwar in der Form von gesellschaftlich tief verankerten moralischen Werten. Auf den Punkt
gebracht:
Die Ökonomie hat sich, wie alle anderen Gesellschaftsbereiche, an gesellschaftlich tief verankerten
moralischen Werten zu orientieren. Denn Letztere sind mit Blick auf ein gutes Leben sowie das friedliche
Zusammenleben der Menschen unabdingbar. Wirtschaftsethik hat in diesem Sinne die Aufgabe, der
Ökonomie die Grenzen im Denken, Entscheiden und Handeln aufzuzeigen, so dass gesellschaftlich tief
verankerte moralische Werte geschützt bleiben.
1398
1399
210
Vgl. M. van Ackeren: „Zum Verhältnis von Ökonomie und Ethik: Sind Nutzen und Interesse rein
ökonomische Handlungsmotive?“, in: Internationale Zeitschrift für Philosophie, Jg. 13, Heft 1 (2005), S. 63
Vgl. P. Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik, (2008), a.a.O., S. 135
14.7 Schematische Darstellung
Abb. Nr. 4:
Schematische Darstellung der problemorientierten philosophischen Management-Ethik
211
212
Kritische Würdigung
Jeder theoretische Ansatz zeichnet sich durch Stärken und Schwächen aus. Das ist bei der hier
vorgestellten philosophischen Management-Ethik als problemorientierter Ansatz nicht anders. Sollte sich
beispielsweise das fokussierte Problem als gelöst herausstellen, dann verlöre die philosophische
Management-Ethik zwar nicht als solche, jedoch aber als problemorientierter Ansatz ihre Bedeutung.
Und nicht weniger kritisch kann die Reichweite der ethischen Konzeption beurteilt werden, ist
diese doch auf die Wirtschaftsregionen beschränkt, wo die fokussierten moralischen Werte in der
Gesellschaft auch tatsächlich tief verankert sind und als schützenswert aufgefasst werden. Im
Folgenden sollen jedoch nicht die Schwächen aufgelistet werden – nach der zugrunde gelegten
Philosophie des Kritischen Rationalismus sind die Mängel empirisch, das heisst mit Blick auf das
zu lösende Problem, festzustellen –, sondern vielmehr gilt es zu überprüfen, inwieweit die am
Ende des ersten Teils dieser Arbeit formulierte Forschungshypothese theoretisch eingelöst
werden konnte. Denn immerhin hängt von diesem Urteil ab, ob in Anspruch genommen werden
darf, einen Forschungsbeitrag zum wirtschaftsethischen Diskurs geleistet zu haben. Und um diese Frage
zu klären, wird die These nochmals in den Vordergrund gerückt:
Ein problemorientierter philosophisch-wirtschaftsethischer Ansatz schafft Raum für eine Problemanalyse,
in deren Zentrum sich sozialwissenschaftliche und erkenntnistheoretische Untersuchungen aufdrängen.
Mit diesen eröffnet sich dann erstens die Möglichkeit, einen moralischen Problemkern auszuzeichnen,
konkrete ethische Regeln zu entwickeln sowie die Anwendungsvoraussetzungen dieser ethischen Regeln,
aber auch die Akzeptanzbedingungen der philosophischen Ethik sowohl zu klären wie auch zu erfüllen,
so dass sich die Chancen für die Annahme und Durchsetzung der philosophisch-wirtschaftsethischen
Theorie erhöhen. Zweitens ergibt sich durch die sozialwissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen
Untersuchungen zugleich die Möglichkeit, eine präzisere Erkenntnis hinsichtlich des moralischen
Desinteresses vieler Wirtschaftsakteure zu gewinnen.
Was den ersten Teil der These betrifft, darf mit einigem Recht gesagt werden, dass mithilfe
moralischer Problemphänomene einerseits sowie der soziologischen und erkenntnistheoretischen
Untersuchungen andererseits ein moralischer Problemkern herausgeschält werden konnte, der in
Bezug auf die Tiefe der moralischen Problematik eine neue Dimension für den wirtschaftsethischen
Diskurs eröffnet. Und zwar hinsichtlich der Dringlichkeit ethischer Massnahmen sowie der
Unabweisbarkeit der hier vertretenen ethischen regulativen Ideen. Was ist damit gemeint? Die
moralischen Problemphänomene sowie die soziologischen und erkenntnistheoretischen
Untersuchungen machen auf eine ethische Dringlichkeit und Problematik im Wirtschaftssystem
aufmerksam, die im Grunde genommen auf eine dramatische Dimension verweist, und zwar
hinsichtlich moralischer Werte, für deren Schutz gerade das liberale Wirtschaftssystem seine
Legitimation herholt. Die Absicht, mit den metaethischen regulativen Ideen die Verursachung
von menschlichem Leid sowie die Schwächung der menschlichen Autonomie zu verhindern, bringt
Unternehmensverantwortliche mit der Ansicht, dass die Lösung moralischer Probleme, wie sie
hier thematisiert werden, nicht zu ihren Aufgaben gehört, denn auch in einen gewissen
Argumentationsnotstand. Zwar ist es eine Tatsache, dass viele Menschen die Divergenz zwischen
Moral und Ökonomie leidvoll erfahren und nicht wenige Führungspersonen dieses Faktum als
Legitimation für die – halt unumgängliche – Maximierung der eigenen Interessen im
ökonomischen Kontext sehen, aber selbst „hartgesottenen“ Ökonomen dürfte es einigermassen
schwer fallen, die moralischen Problemphänomene zu verharmlosen und dem moralischen
Problemkern die Bedeutung abzusprechen bzw. offen gegen die metaethischen regulativen Ideen
zu argumentieren. Für die problemorientierte philosophische Management-Ethik bedeutet das:
Führungsleute bzw. Unternehmensverantwortliche können zwar ohne besondere Schwierigkeiten
die ethischen Prinzipen kritisieren, viel weniger jedoch die Corporate Social Responsibility in Bezug
auf die Einhaltung der metaethischen regulativen Ideen; denn diese können sehr wohl als die
213
Ultima ratio für das ökonomische Handeln gesehen werden, mit der (positiven) Konsequenz, dass
die ethischen Prinzipen quasi durch die Hintertür wieder an Bedeutung gewinnen, auch wenn
(dann) nicht in der vorgesehenen Systematik und Konsequenz.
In Bezug auf die Forderung, konkrete ethische Regeln zu entwickeln, wurden – mit Blick auf
die regulativen Ideen – zentrale Beobachtungspunkte im Bereich der Managementtätigkeit
bestimmt, die dann mit ethischen Vorgaben versehen wurden, so dass zehn ethische Prinzipien
gefasst werden konnten, die allesamt eine konkrete Vorstellung davon abgeben, wie in einzelnen
Situationen gehandelt werden soll. Bei der Erläuterung der ethischen Prinzipien konnte mehrfach
darauf hingewiesen werden, dass die Befolgung der ethischen Vorgaben nicht nur den Schutz
von gesellschaftlich tief verankerten moralischen Werten gewährleistet, sondern im Grunde
genommen ebenso von der ökonomischen Vernunft bejaht werden müsste, sofern der Blick
nicht allzu kurzfristig ausfällt. Betreffend die Anwendungsvoraussetzungen der ethischen Prinzipien
zeigten die erkenntnistheoretischen Untersuchungen die Unzulänglichkeit der Erkenntnistheorie des
Alltagsverstandes und insbesondere den mit jeder menschlichen Erkenntnis untrennbar
verbundenen blinden Fleck. Mit der kritischen Methode konnte eine grundsätzlich für alle Menschen
anwendbare und hoch effiziente Methode im Sinne einer conditio-sine-qua-non für die systematische
und konsequente Anwendung der ethischen Prinzipien gefunden werden, die das Problem des
blinden Flecks zwar nicht beseitigt, aber doch in bedeutender Weise entschärft, so dass die
Grenzen der ökonomischen Logik Teil des Bewusstseins werden. Um einen Eindruck davon
abzugeben, wie die kritische Methode in den Unternehmen institutionalisiert werden kann,
wurden einige wichtige didaktische Punkte skizziert. Dabei wurde im Besonderen darauf
hingewiesen, dass die Wissensvermittlung nach der Erkenntnispsychologie des Kritischen
Rationalismus erfolgen muss. Das heisst, für die erfolgreiche Wissensvermittlung muss der
Problemstellung eine herausragende Bedeutung konzediert werden; denn nur wenn das Problem
erkannt ist, kann davon ausgegangen werden, dass die Personen des Managements die für die
systematische und konsequente Anwendung der kritischen Methode wichtigen neuen
Erkenntnisse auch wirklich generieren. In Bezug auf die Akzeptanzbedingungen der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik kam durch die soziologischen
Untersuchungen deutlich zum Ausdruck, dass sich soziale Systeme mit ethischen Appellen nicht
steuern lassen, die Erfolgsaussichten hingegen intakt sind, wenn mithilfe der Vermittlung von
Wissen versucht wird, die Unternehmensverantwortlichen zu motivieren, Ethik im Sinne von
Entscheidungsprämissen in das soziale System „Unternehmung“ aufzunehmen. Dem folgend wurde
für die drei Ebenen: Führungsleute, Unternehmen und Wirtschaftssystem aufgezeigt, dass mit ethischen
Systemstrukturen bzw. ethischen Prinzipien nicht nur gesellschaftlich tief verankerte moralische
Werte geschützt werden können, sondern auch wichtige ökonomische Interessen seitens der
Unternehmen. Auf der Ebene der Führungsleute konnte dargelegt werden, dass die ethischen
Prinzipien sowie die kritische Methode einen positiven Einfluss auf die erfolgreiche Vermittlung
zwischen dem beruflichen und dem privaten Erfolg bewirken können und dass diese Vermittlung
sich auch für die Unternehmen ausbezahlt. Auf der Ebene des Unternehmens wurde darauf
hingewiesen, dass es für die Unternehmen zunehmend existenziell wichtig ist, die
gesellschaftlichen Veränderungen in der Unternehmensstrategie zu berücksichtigten.
Insbesondere wurde betont, dass vor allem kleinere und mittlere Unternehmen sich auf ihre
gesellschaftliche Bedeutung besinnen müssen, wenn sie in einer Welt gesättigter Märkte, immer
grösserer Konkurrenz sowie einer kaum erfassbaren Menge gleichartiger Produkte überleben
wollen. Dabei kam klar zum Ausdruck, dass ihnen dies am besten durch die Anwendung der
ethischen Prinzipien gelingt. Und zwar deshalb, weil Letztere eine Unternehmensstrategie
fordern, wonach die Unternehmen sich als Anbieter von innovativen und für die Gesellschaft
wertvollen Produkten und Dienstleistungen, als berechenbare und umsichtige Arbeitgeber sowie
als verantwortungsvolle Verbraucher natürlicher Ressourcen auszeichnen und den
betriebswirtschaftlichen Erfolg als Massstab für das Gelingen dieser so gefassten Marktleistung
betrachten. Und auf der Ebene des Wirtschaftssystems schliesslich wurden Argumente vorgebracht,
wonach die soziale Ordnung für alle Wirtschaftsakteure von fundamentaler Bedeutung ist, diese
214
jedoch ohne die Einhaltung gesellschaftlich tief verankerter moralischer Werte, insbesondere auf
Seiten von global operierenden Unternehmen, auf Dauer nicht aufrechterhalten werden kann.
Zusammengefasst: Mithilfe der soziologischen und erkenntnistheoretischen
Untersuchungen konnten erstens metaethische regulativen Ideen für die Beseitigung eines
moralischen Problemkerns bestimmt werden, gegen die nicht ohne Weiteres Argumente
vorgebracht werden können, ausser die Argumentierenden bekennen sich mehr oder weniger
offen zu einem amoralischen Standpunkt. Zweitens konnten dank des moralischen Problemkerns
sowie der metaethischen regulativen Ideen konkrete ethische Prinzipien entwickelt werden, die
deutlich zum Ausdruck bringen, welches Denken, Entscheiden und Handeln seitens des
Managements von der problemorientierten philosophischen Management-Ethik erwartet wird.
Und drittens konnten sowohl die Anwendungsvoraussetzungen der ethischen Prinzipien wie auch
die Akzeptanzbedingungen der problemorientierten philosophischen Management-Ethik geklärt
und mit der Entwicklung der kritischen Methode sowie den Darstellungen zur Motivation auch
erfüllt werden. Ob sich durch den problemorientierten Ansatz die Chancen für die Annahme und
Durchsetzung dieser wirtschaftsethischen Theorie tatsächlich erhöht haben, lässt sich mangels
Erfahrung noch nicht abschätzen. Nichtsdestotrotz wird der Anspruch erhoben, dass diese
Möglichkeit zumindest theoretisch nachvollziehbar aufgezeigt werden konnte.
Wie verhält es sich beim zweiten Teil der Forschungshypothese? Warum fehlt der gute Wille als
die Grundvoraussetzung 1400 für eine jede ethische Theorie? Konkreter gefragt: Was ist der Grund,
warum sich so viele Unternehmensverantwortliche kaum für wirtschaftsethische Anliegen
interessieren, also kein ernsthaftes Gespräch über Wirtschaftsethik führen, kaum ein
Wirtschaftsethik-Buch lesen und auch keinen Wirtschaftsethik-Weiterbildungskurs besuchen und
die Wissensvermittlung mit motivationalem Inhalt von daher schon gar nicht erst zum Tragen
kommen kann? Die erkenntnistheoretischen Untersuchungen haben eine sehr ernst zu nehmende
Schwierigkeit hinsichtlich der Annahme und Durchsetzung einer jeden genuin ethischen Theorie
für den Wirtschaftsbereich aufgezeigt. Zwar sind – bezogen auf die hier vorgestellte ethische
Theorie – die kritische Methode für die Anwendung der ethischen Prinzipien und die Wissensvermittlung
mit motivationalem Inhalt für die Akzeptanz der problemorientierten philosophischen ManagementEthik die unentbehrlichen Elemente, aber sie sind nicht hinreichend, um eine Veränderung bei an
der Moral desinteressierten Wirtschaftsakteuren herbeizuführen. Anders gesagt: Die Motivation
kann erst dann ihre Wirkung entfalten, wenn seitens der Unternehmensverantwortlichen die
Möglichkeit einer wirtschaftsethischen Theorie in den Blick genommen wird, und die kritische
Methode wird ihre Effektivität nur dann beweisen können, wenn ein Entscheid zugunsten der
problemorientierten philosophischen Management-Ethik gefallen ist. Und diesbezüglich zeigen
die erkenntnistheoretischen Untersuchungen, dass Gier, fehlender Wille oder homines oeconomici als
Ursache dieses doch grossen Desinteresses zwar nicht falsch sind, aber dennoch zu kurz greifen.
Gleiches gilt für Guido Palazzos emphatische und zugleich rhetorische Frage: „Wenn die Realität
so eindeutig für ein ethisches Engagement der Unternehmen spricht, warum behandeln so viele
Unternehmen ihre Mitarbeiter mies, lassen ihre Ware in der Dritten Welt unter erbärmlichen
Bedingungen herstellen oder pressen das Letzte aus ihren Lieferanten heraus? Wenn die Realität
so eindeutig für Ethik spricht, warum gibt es davon so wenig in der unternehmerischen
Praxis?“ 1401 Selbstverständlich soll nicht geleugnet werden, dass Unternehmen ohne ethische
Bindung überaus erfolgreich sein können, aber dennoch ist dies als Grund für die
Nichtberücksichtigung ethischer Anliegen nur die halbe Wahrheit. Zu Recht sagt Popper: „Aber
die ›Machtgier‹ ist zweifellos ebensosehr ein sozialer wie ein psychologischer Begriff: Wir dürfen
1400
1401
Vgl. A. Pieper: Einführung in die Ethik, 6. Auflage, Tübingen und Basel 2007, S. 13
G. Palazzo: „Gutes Gewissen schlechtes Geschäft. Warum sich Wirtschaftsethik nicht unbedingt lohnt?“,
changeX, Berlin 2006, S. 2
[www.changeX.de~, Veröffentlicht: 21.02.2006, Zugriff: 29.04.2009]
215
nicht vergessen, daß wir das erste Auftreten dieses Triebes in der Kindheit im Rahmen einer
bestimmten Institution, zum Beispiel der Institution unserer modernen Familie, beobachten.“ 1402
Die soziologischen und erkenntnistheoretischen Untersuchungen haben gegenüber den Theorien
von Ulrich, Homann und Steinmann eine präzisere Erkenntnis in Bezug auf das moralische
Desinteresse von so vielen Wirtschaftsakteuren zutage gefördert. Die andere Hälfte der Wahrheit
liegt in der fortlaufenden funktionalen Ausdifferenzierung der zweckgerichteten sozialen Systeme sowie
in der menschlichen Erkenntnissituation. Genauer gesagt: Die Funktion der sozialen Systeme bezieht
sich auf einen immer engeren Bereich, mit der Konsequenz, dass der Erkenntnis-Horizont bzw.
Problemlösungs-Horizont der Menschen in diesen sozialen Systemen sich im Gleichschritt mit der
Fokussierung zu einem „Tunnelblick“ verengt und hinsichtlich ganzheitlicher Denk-,
Entscheidungs- und Handlungsstrukturen zusehends versagt. Aber wegen des blinden Flecks –
das anthropologische Erkenntnisproblem – fehlt oft eine kritische Einstellung, so dass sich die
Menschen ihrer unzulänglichen Erkenntnis, ob in der Form von gewohnheitsmässigen
Handlungskonzepten oder unreflektierten Prämissen, erst dann bewusst werden, wenn sie mit massiven
Problemen konfrontiert werden. Solange soziale Systeme wie Familien, Bildungsinstitutionen,
Vereine oder kirchliche Organisationen von einer ganzheitlichen Semantik geprägt sind und in der
Gesellschaft massgeblichen Einfluss ausüben, Unternehmen zudem auf ein nachhaltiges Wirtschaften
abzielen, sind die vom blinden Fleck ausgehenden Gefahren eher klein. Anders verhält es sich
jedoch, wenn die Eltern gute Schulnoten mit Geld belohnen, das Bildungssystem sich bereits in
den unteren Schulstufen auf die Wirtschaft ausrichtet, Vereine ihre wichtige Bedeutung für
Gemeinsinn verlieren und Unternehmen ihre Strategie auf sofort überprüfbare monetäre
Auswirkungen ausrichten. Dann entwickelt sich eine menschliche Dummheit hinsichtlich ganzheitlicher
Lebensstrukturen, deren Gefahren für die soziale Ordnung, aber auch für die Individuen, kaum
genug hoch eingeschätzt werden können. Mit Greogory Batesons Worten: „Zweckgerichtetes
Bewußtsein zieht aus dem gesamten Geist Sequenzen, die nicht die Schleifen-Struktur haben,
welche für die ganze systemische Struktur charakteristisch ist. Folgt man den Anweisungen des
››Common Sense‹‹ für das Bewußtsein, dann wird man effektiv gierig und unweise – wobei ich
das Wort ››Weisheit‹‹ wiederum für das Erkennen und die Führung durch ein Wissen um die
gesamte systemische Schöpfung verwende.“ 1403 In diesem Sinne sind wir nach Popper nicht zu
klug und zu bösartig, sondern die „Mischung von gut und dumm ist die Wurzel allen Übels.“ 1404
Wohl die allermeisten Menschen streben nach einem glücklichen oder zumindest
zufriedenen Leben. Aber weil wir oft durch falsche Erkenntnisse bzw. Prämissen gelenkt werden,
besteht die Gefahr, gerade dieses Ziel zu verfehlen. So verlieren beispielsweise hochgestellte
Führungsleute keineswegs selten haltgebende soziale Beziehungen oder werden in ihrer
Lebensfreude durch gesundheitliche Probleme bzw. einer zunehmenden Sinnlosigkeit im Leben
beeinträchtigt. Unternehmensverantwortliche möchten stets höhere Gewinne erwirtschaften,
stattdessen gefährden sie mit einem ökonomistischen Denken, Entscheiden und Handeln die
Existenz der Unternehmen, ohne dies rechtzeitig zu bemerken. Und während viele Kapitalgeber
nach einer nachhaltigen Rendite streben, wegen eines oft kurzsichtigen Denkens, Entscheidens
und Handelns jedoch gerade dieses Ziel verfehlen, versuchen hochrangige Politiker mithilfe der
Logik des politischen Systems komplexe gesellschaftliche Probleme zu lösen, ohne wirklich zu
merken, dass in vielen Fällen Letztere wegen der blossen Symptombekämpfung noch grösser
werden. Kurzum: Dem im Grunde genommen erschreckenden moralischen Desinteresse, sei es
seitens der Führungsleute, des Top-Managements, der Kapitalgeber oder der hochrangigen
Politiker, liegen in vielen Fällen inadäquate Erkenntnisse bzw. weitgehend unreflektierte
Prämissen zugrunde, die ein ganzheitliches Agieren kaum mehr zulassen. Christian Meier sagt
dazu lapidar: „Die Fähigkeit und das Bedürfnis, Zusammenhänge zu erkennen und zu
konstituieren, sind stark rückläufig.“ 1405 Wie sehr diese Überlegungen zutreffen, kann anhand der
1402
1403
1404
1405
216
K. R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten Hegel, Marx und die Folgen, a.a.O., S. 115
G. Bateson: Ökologie des Geistes, a.a.O., S. 559
K. R. Popper: Vermutungen und Widerlegungen, Bd. 2: Widerlegungen, a.a.O., S. 530
Ch. Meier: Von Athen bis Auschwitz, a.a.O., S. 31
aktuellen Weltwirtschaftskrise abgelesen werden. Unternehmensverantwortliche halten trotz
staatlicher Unterstützung an Bonuszahlungen fest, bis der Zeitpunkt kommt, wo sie für die
Politik oder die Aktionäre untragbar werden. Und das politische System stützt mit Milliarden ein
ausser Rand und Band geratenes Finanzsystem, aber trotzdem hören wir nur von wenigen
hochrangigen Politikern eine dezidiert kritische Haltung gegenüber dem neoliberalen
Wirtschaftssystem. Im Gegenteil: Man könnte beinahe den Eindruck bekommen, dass unser
Wirtschaftssystem bis zur Krise kaum Probleme verursacht hat, die Krise im Übrigen in keinem
Zusammenhang mit dem neoliberalen Credo steht und deshalb möglichst schnell wieder auf
Hochtouren laufen muss.
Wie weiter? Es muss wohl davon ausgegangen werden, dass vom neoliberalen Kapitalismus
erst dann wirklich abgerückt wird, wenn es keine anderen Möglichkeiten mehr gibt, die
inadäquaten Erkenntnisse bzw. unreflektierten Prämissen beizubehalten. Obschon aus diesen
erkenntnistheoretischen Überlegungen nicht entnommen werden kann, wann dieser Zeitpunkt
gekommen ist und wieviel Leid die Menschen in der Zwischenzeit erfahren müssen bzw. wie sehr
die menschliche Autonomie bis dahin geschwächt sein wird, können mögliche Hoffnungen auf
eine baldige Veränderung in die Richtung einer nachhaltigen Politik und Wirtschaft nicht geteilt
werden. Weil die Politik- und Wirtschaftseliten die moralischen Probleme im Allgemeinen nicht
tragen müssen – bei einer Entlassung erhalten Top-Manager trotz eines ungenügenden
Leistungsausweises eine hohe Abfindung und auch nicht selten bald wieder eine Anstellung,
während hochrangige Politiker von einer grosszügigen Pension profitieren –, wird sich bei ihnen
in absehbarer Zeit kaum ein hinsichtlich der Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung kritisches
Bewusstsein entwickeln. Es bleibt die Hoffnung, dass die quasi wissenschaftliche Fabel von
Gregory Batesons Frosch nicht Tatsache wird: „Wenn man einen Frosch dazu bringen kann,
ruhig in einem Topf mit kaltem Wasser sitzenzubleiben, und wenn man dann die
Wassertemperatur sehr langsam und sanft erhöht, so daß es keinen Augenblick gibt, der sich als
der Augenblick abhebt, in dem der Forsch springen sollte, dann wird er niemals springen. Er wird
gekocht werden. Verändert die menschliche Gattung ihre Umwelt mit langsam zunehmender
Verschmutzung, und verdirbt sie ihren Geist mit langsam zerfallender Religion und Erziehung in
einem solchen Topf?“ 1406
Soll angesichts dieser für jede philosophisch-wirtschaftsethische Theorie nicht gerade
vielversprechenden Akzeptanzbedingungen resigniert werden? Die Antwort lautet in aller
Entschiedenheit: Nein! Vielmehr bedarf es der Einsicht, dass erstens dem Bildungssystem eine
herausragende Bedeutung zukommt. Denn hier geht es genuin um die Vermittlung von Wissen.
Das heisst, die im Bildungsprozess involvierten Menschen erwarten neue Erkenntnisse und sind
durchaus offen für Informationen, und zwar sowohl hinsichtlich der menschlichen
Erkenntnissituation wie auch hinsichtlich kritischer Wirtschaftsthemen. Zweitens gehört es zur
Aufgabe der Wirtschaftsethik, Theorien für das veränderte Mandat der Wirtschaft auch dann
bereitzustellen, wenn die aktuellen Aussichten auf einen Annahmeerfolg mangels eines
grundsätzlichen Interesses für ethische Belange seitens vieler Wirtschaftsakteure eher klein sind. Denn
das Fehlen der Akzeptanz von wirtschaftsethischen Theorien zu einem bestimmten Zeitpunkt
bedeutet keineswegs zwingend, dass diese Theorien zu einem späteren Zeitpunkt nicht dennoch
von grosser Wichtigkeit werden können. Drittens leisten die einzelnen wirtschaftsethischen
Theorien in einer Welt, in der humane Werte stark von der Ausradierung bedroht sind, einen
wichtigen Orientierungsbeitrag für weitsichtige und reflektierende Konsumenten, Mitarbeiter,
Führungsleute, Aktionäre oder Unternehmen. Es ist deshalb nicht utopisch, wenn sich der
Verfasser dieser Arbeit trotz der schwierigen Rahmenbedingungen einen gewissen Zuspruch für
seine Arbeit erhofft. Viertens eröffnen gerade die erkenntnistheoretischen Einsichten über das
moralische Desinteresse seitens vieler Wirtschaftsakteure ein wichtiges Gebiet für die
Wirtschaftsphilosophie. Sie regen dazu an, die Quasi-Hypothese der zunehmend inadäquaten
menschlichen Erkenntnis im Zusammenhang mit den ausdifferenzierten Gesellschaftssystemen
tiefer und umfassender zu untersuchen.
1406
G. Bateson: Geist und Natur, a.a.O., S. 122
217
218
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Abbildungsverzeichnis
248
Abb. Nr. 1:
Vier Begründungsinstanzen normativer Wirtschaftsethik
Abb. Nr. 2:
Schema eines ethischen Grundgerüsts für die Entwicklung einer normativethischen Theorie
Abb. Nr. 3:
Die visuelle Erfahrung des blinden Flecks
Abb. Nr. 4:
Schematische Darstellung der problemorientierten philosophischen ManagementEthik
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