Einführung Map 1

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Map 1: Einführung
Einführung Map 1 .................................................................................................................................... 1
1 Begrüßung ............................................................................................................................................ 1
1.1 Das Wichtigste .............................................................................................................................. 2
1.2 Die Themenfolge ........................................................................................................................... 2
2 Bremer Vorspiel ................................................................................................................................... 3
2.1 Jean Paul Sartre ........................................................................................................................... 5
2.2 Albert Camus................................................................................................................................. 5
3 Der Definitionsversuch ........................................................................................................................ 5
4 Drei Fragen an die Soziologie .............................................................................................................. 5
4.1 Was ist Soziologie? ...................................................................................................................... 5
4.2 Was machen Soziologen? ............................................................................................................ 6
4.2.1 1. Fruchtbarkeit ..................................................................................................................... 7
Abstract....................................................................................................................................... 7
Details ......................................................................................................................................... 7
Ein Artikel aus der WELT vom 22.4.2004 .............................................................................. 9
4.2.2 2. Gewalt ............................................................................................................................. 10
Abstract..................................................................................................................................... 10
Erläuterung ............................................................................................................................... 10
Babka von Gostomksi............................................................................................................... 11
4.2.3 3. Freundschaft .................................................................................................................... 11
Abstract..................................................................................................................................... 11
Erläuterung ............................................................................................................................... 12
Sonja Haug ............................................................................................................................... 12
4.3 Wie denken Soziologen? ............................................................................................................ 12
4.3.1 Der erste Unterschied: die verantwortliche Argumentation ................................................. 14
4.3.2 Der zweite Unterschied: die Größe des Erfahrungsfeldes .................................................. 14
4.3.3 Der dritte Unterschied: Umgang mit Kausalitäten ............................................................... 15
4.3.4 Der vierte Unterschied: der Umgang mit Routine ................................................................ 15
1 Begrüßung
Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
ich begrüße Sie zu unserer Vorlesung "Einführung in die Soziologie". Sie findet ja nun doch statt, nur
die Kommilitonen der Geographie muss ich noch bitten, Einzelheiten mit ihrem Prüfungsbüro zu
klären.
Bitte entnehmen Sie alle Einzelheiten zu dieser Veranstaltung - das Programm, die Hilfsmittel,
Informationen zum Leistungsnachweis, usw. - der Homepage www.weber.beep.de. Besuchen Sie in
jedem Fall aber auch meine Seite www.gralki.beep.de, hier finden Sie manche Information, die für Ihr
Studium wichtig sein könnte.
Eventuell auftretende Fragen können auf den Seminarseiten weber.beep im Blog diskutiert werden.
Ich möchte die knappe Zeit, die uns im Semester zur Verfügung steht, nicht damit belasten.
Dieser Hinweis macht schon deutlich, dass Sie einen Gewinn aus dieser Vorlesung nur ziehen
können, wenn Sie keine unüberwindlichen Abneigungen gegen das Internet haben.
Und weiter müssen Sie mit dem Programm Mindmanager arbeiten, bzw. auf Ihrem Rechner
wenigstens in der kostenlosen "Viewer Funktion" installiert haben, um wichtige Informationen lesen zu
können.
Das Programm liefert die Grundlage für die Seminarunterlagen, wie Sie sie hier in der Vorlesung
sehen.
Darüber hinaus halte ich das Programm aber auch für sehr nützlich, um Ihr Studium besser, d.h.
effektiver zu organisieren.
In dieser Form, wie hier, können Sie die Unterlagen auch auf Ihrem PC sehen, wenn Sie sich zum
Seminar per Email bei [email protected] anmelden - die meisten haben das bereits getan. Im Betreff
muss Weber stehen. Nur wer sich anmeldet, kann einen Schein erwerben. Anmeldeschluss ist der 5.
November.
Wer sich anmeldet, hat aber noch mehr Vorteile: er muss nicht mitschreiben, weil er alles zu Hause in
Ruhe nachlesen kann – und dies auch tun sollte; denn in den Unterlagen, die ich Ihnen zusende,
finden Sie – neben vielem anderen - auch alle Fragen, die in der Abschlussklausur gestellt werden
können.
1.1 Das Wichtigste
Anmelden
[email protected]
Seminarhomepage
www.weber.beep.de.
Allgemeine Informationen
www.gralki.beep.de,
Der Mindmanager
www.mindjet.de
1.2 Die Themenfolge
Wir wollen uns hier in 14 Sitzungen damit befassen, was Soziologie ist, womit sie sich beschäftigt,
welchen Beitrag einzelne Soziologen zur Soziologie geleistet haben und welchen Nutzen die
Soziologie für die Gesellschaft hat – vielleicht geht es auch um die Frage, ob die Soziologie überhaupt
einen Nutzen bringt.
Darüber sind sich ja nicht alle ganz einig, immerhin wird der Studiengang Soziologie an der Freien
Universität jetzt geschlossen.
Die Themenfolge sieht folgendermaßen aus:
Themenplan
1
28.10.
Einführung: Drei Fragen an die Soziologe
2
04.11.
Geschichte der Soziologie 1
3
11.11.
Geschichte der Soziologie 2
4
18.11.
Berühmte Soziologen
5
25.11.
Sozialisation
6
02.12.
Familie
7
09.12.
Macht und Herrschaft
8
16.12.
Schichtung
Weihnachtspause
10
06.01.
Demografie
11
13.01.
Religion
12
20.01.
Empirische Sozialforschung 1
13
27.01.
Empirische Sozialforschung 2
14
10.02.
Klausur
Zu jeder Sitzung gibt es eine Mindmap, sowie Lernfragen.
Heute, zum Einstieg, soll es um drei Fragen gehen

Was ist Soziologie?

Was machen Soziologen?

Wie denken Soziologen?
2 Bremer Vorspiel
1. Bremer Vorspiel
Als ich mich 1962 in Bremen auf mein Abitur vorbereitete, fesselte uns Gymnasiasten eine besondere
philosophische Richtung – ohne dass wir mehr als Oberflächliches davon wussten.
Aber eine Erkenntnis meinten wir verstanden zu haben, und sie entsprach damals, in der Zeit der
Enge der Adenauerzeit, in der Zeit des Wiederaufbaus, des Wirtschaftswunders und der Prüderie
unseren Utopien und Visionen vom Leben:
Die Menschen werden nicht von außen bestimmt. Sie sind frei in ihrem Tun und in ihrer
Wahl und sie sind durch ihre Taten und nicht durch ihr Sein zu beurteilen.
Sie sind eins mit dem, was sie tun.
Dieser philosophische Gedanke scheidet die Existenz eines Gottes oder einer anderen, äußeren, uns
bestimmenden Instanz aus. Diese Idee war für uns das Ideal der Freiheit, und Atheisten waren wir im
freigeistigen Bremen – trotz Konfirmation – allemal.
Und so saßen wir in unserem Stammcafe, in der Bodega in der Katharinenstraße, diskutierten uns die
Köpfe heiß, tranken stark verdünnten Pastise, rauchten Gauloise und waren der Meinung, dass auch
die Schule nicht das Recht haben dürfte, über uns zu bestimmen.
Die Rede ist vom Existenzialismus.
Der Existenzialismus war damals eine progressive philosophische Strömung, deren Hauptgewicht
auf der Individualität, Freiheit und Subjektivität des Einzelnen lag. Und das war damals eine wahrhaft
revolutionäre Vorstellung. Der Faschismus mit seiner Betonung des Völkischen, seinem Zwang zur
Unterordnung und seinem Hang zum Mystischen lag noch nicht lange zurück. Auf der ibererischen
Halbinsel herrschten sogar noch zwei faschistische Diktatoren: Franco in Spanien und Salazar in
Portugal.
Die beiden Köpfe dieser neuen befreienden Philosophie, die uns ansprach, waren Jean Paul Sartre
und Albert Camus.
Camus Buch Die Pest, in der er die menschlichen Verstrickungen in der an der Pest sterbenden
algerische Stadt Oran beschrieb und seine Rechtfertigung des Selbstmords als äußerste Form
menschlicher Freiheit, faszinierten uns. Vor allem aber war es der von Sartre 1945 geschriebene
Einakter der uns bewegte: Die geschlossene Gesellschaft.
Es geht hier um drei Tote, die von einem Kellner – dem Teufel – in ein Hotelzimmer geführt werden.
Hier sind sie unentrinnbar für immer zusammengesperrt. Ohne Hunger, ohne Privatsphäre, ohne
Schlaf. Und das elektrische Licht brennt ewig.
Garcin der Journalist, Ines die Postangestellte und Estelle die eitle Gattin – sie alle haben ihre
Geschichte, ihr dunkles Geheimnis, das sie in die Verdammnis führte.
In ihrer Hölle gibt es keine glühenden Kohlen.
Niemand foltert sie sadistisch mit Zangen und Spießen. Sie sind einander selbst Hölle. Auf Gedeih
und Verderb sind sie sich ausgeliefert. Es beginnt der Höllentanz! Der Selbstbetrug, die Spiele, die
Fluchtversuche. Jeder sehnt sich nach der Hilfe einer der beiden anderen. Aber jede Annäherung
muss er unweigerlich den Dritten, den Ausgeschlossenen, verletzen. Sie können nicht voneinander
lassen! Sie können nicht voreinander fliehen. Sie können sich nicht einmal töten........ sie sind bereits
tot!
Und sie kommen zu der entsetzlichen Erkenntnis:
"Die Hölle, das sind die anderen"
Und dieser Satz führt uns direkt zum Thema dieser Vorlesung, zur Soziologie.
Die Soziologie ist die Wissenschaft von den anderen, denen wir auf Gedeih und Verderb
ausgeliefert sind. Diese Anderen, das ist die Gesellschaft.
1965 hat Sartre diesen Bezug zur Soziologie in einem Interview mit dem Playboy noch präzisiert
"Die Hölle, das sind die andern" — insofern , als man sich von Geburt an in einer Situation, in die
man geworfen wurde, befindet, eine Situation, die einen zwingt, sich unterzuordnen. Sie können
als Sohn eines Reichen oder eines Algeriers oder eines Arztes oder eines Amerikaners zur Welt
kommen. Von Anfang an ist Ihre Zukunft vorgezeichnet, eine Zukunft, die andere für Sie
geschaffen haben; die anderen haben Sie zwar nicht direkt geschaffen, aber Sie sind Teil einer
Gesellschaftsordnung, die aus Ihnen macht, was Sie sind. Wenn Sie Sohn eines Bauern sind,
dann zwingt die Gesellschaftsordnung Sie, in die Stadt zu gehen, wo Maschinen auf Sie warten, zu
deren Bedienung Leute gebraucht werden wie Sie. Also ist es Ihr Schicksal, ein bestimmter Typ
Arbeiter zu werden, ein Kind vom Land, das durch eine bestimmte Art kapitalistischen Drucks aus
seinem Heimatort vertrieben wurde. Die Fabrik ist eine Funktion Ihres Seins, aber was ist es denn
genau, Ihr "Sein"? Es ist die Arbeit, die Sie tun, eine Arbeit, die Sie völlig beherrscht, weil sie Sie
verschleißt — während gleichzeitig Ihr Lohn es ermöglicht, Sie genau nach Ihrem Lebensstandard
zu klassifizieren. Dies alles ist Ihnen von den anderen aufgezwungen worden. Die "Hölle" ist der
angemessene Ausdruck, um diese Art Dasein zu beschreiben. Nehmen Sie doch nur ein Kind, das
zwischen 1930 und 1935 in Algerien geboren wurde. Tod und Folter waren in sein Schicksal
eingeschrieben. Auch das ist Hölle.
In dem Jahr als Sartre dem Playboy sein Interview gab, fing ich an der FU an, Soziologie zu studieren.
Eine Ausbildung beim Finanzamt hatte ich gerade abgeschlossen und ich kannte mich in Einkommenund Umsatzsteuer aus, konnte Bilanzen lesen und fachmännisch aus einer Buchhaltung den Gewinn
berechnen. Aber die Vorstellung, dieses bis zu meinem 65 Lebensjahr zu machen, schreckte mich.
Außerdem war Bremen damals eine langweilige Stadt.
Ich zog also nach Berlin, um hier durch ein Studium der Soziologie zu lernen, wie man die
Gesellschaft ändern könnte.
In Lankwitz fand ich für 120 DM ein 12 qm großes dunkles Kellerzimmer bei Frau Mühle. Sie war
eine dicke, neugierige, kettenrauchende Frau mit drei Katzen und verheiratet mit einem
Klempnermeister. Sie fragte mich beim Vorstellungsgespräch, was ich denn studiere.
Ich sagte voller Stolz: "Soziologie"
Und sie antwortete wissend: "Ah ja, wie schön, Sie wollen also mal eine Apotheke aufmachen!"
Vielleicht gibt es heute im Zeitalter von Fernsehen und Internet nicht mehr diese Unwissenheit. Aber
so richtig wissen viele immer noch nicht, was Soziologie denn nun eigentlich ist.
2.1 Jean Paul Sartre
Jean Paul Sartre
Bild entfernt
2.2 Albert Camus
Bild entfernt
Camus
3 Der Definitionsversuch
Versuchen Sie sich doch bitte einmal
fünf Minuten
an einer Definition des Begriffs Soziologie.
Arbeiten Sie mit Ihrem Nachbarn zusammen.
Schreiben Sie Ihre Definition auf einen Zettel
4 Drei Fragen an die Soziologie
4.1 Was ist Soziologie?
Was hat der Definitionsversuch gebracht?
Eine ganz trockene Definition, die aber sicher richtig ist, stelle ich Ihnen hier einmal vor:
Soziologie ist die Wissenschaft vom Sozialen. Sie dient der Erforschung des Zusammenlebens in
Gemeinschaften und Gesellschaften. Die Soziologie zählt zu den Gesellschaftswissenschaften
(auch Sozialwissenschaften genannt).
Soziologie fragt nach den Strukturen des sozialen Handelns, der sozialen Gebilde (bzw. Systeme)
und welchem sozialen Wandel diese unterliegen. Dabei wird oft zwischen dem Blick auf
Gesellschaften (Makrosoziologie) und dem Blick auf das Verhältnis von Person und sozialem
System (Mikrosoziologie) unterschieden.
Man überliest leicht die wichtigsten Elemente dieser Definition

Soziologie versteht sich als Wissenschaft. Nicht als Kunst, nicht als Religion, nicht als Ideologie.
Das hat Konsequenzen, die uns beschäftigen werden

Es geht um Forschen, also die Gewinnung neuer Erkenntnisse

Die Soziologie steht in Konkurrenz zu anderen Gesellschaftswissenschaften, wie z.B. der
Politologie, der Ethnologie, der Erziehungswissenschaft und der Ökonomie

Soziologie geht es um soziales Handeln. Soziales Handeln heißt NICHT gutes Handeln.
Auch Betrug und Steuerhinterziehung, Mord und Ehebruch sind soziales Handeln. Alles
Handeln, das sich auf andere Menschen bezieht, ist soziales Handeln

Soziologie befasst sich mit sozialen Gebilden, wie Organisationen, Herrschaftssystemen,
Familie und dem Internet. Das tun zwar auch andere Wissenschaften aber die Soziologie
beschäftigt sich mit dem sozialen Handeln in diesen Institutionen

Soziologie befasst sich besonders gern auch mit dem Wandel dieser Institutionen, also dem
historischen Aspekt

Man unterscheidet zwei Blickrichtungen: einmal die Institutionen selbst (Makrosoziologie)
und zweitens die Beziehung zwischen den Menschen und den Institutionen (Mikrosoziologie).
Diese Unterscheidung ist aber nicht trennscharf, die Grenzen sind fließend.
Wir könnten nun stundenlang darüber nachdenken, ob uns diese Definition gefällt oder wie wir sie
ergänzen würden. Wer Spaß am Denken hat, der hat hier Beschäftigung für viele Semester, um alle
Tiefen dieser Definition im Detail gedanklich zu erforschen.
Ich möchte mit Ihnen einen anderen Weg gehen, und zunächst einmal fragen, was Soziologen
eigentlich machen.
4.2 Was machen Soziologen?
2. Was machen Soziologen?
Um zu erkennen was ein Bäcker macht, mag es zwar sinnvoll seine Ausbildungsverordnungen und
die Geschichte des Bäckerberufs zu studieren, aber viel interessanter ist es, den Bäcker in seiner
Backstube und in seinem Laden zu besuchen. Hier sehen wir ganz plastisch, was ein Bäcker
produziert: Brote und Brötchen auch Semmeln, Rundstücke, Weckle, Schrippen oder Wecken
genannt.
Lassen Sie uns also in die Werkstatt der Soziologen gehen.
Die erste uns interessierende Frage soll sein, wem verkauft der Soziologe seine Produkte?
Da muss man ein wenig genauer hinschauen.
Wer als Soziologe nach dem Studium einen Arbeitsplatz findet "verkauft" die Ergebnisse seiner Arbeit
natürlich seinem Arbeitgeber.
Fast immer sind diese Ergebnisse Texte und Aufsätze in Form von Gutachten oder
Projektvorschlägen. Soziologen produzieren Texte, das Soziologiestudium ist also ein Lese- und
Schreibstudium.
Die Chancen auf einen Arbeitsplatz für Soziologen sind übrigens nicht schlecht. Die meisten finden
nach Abschluss ihres Studiums einen sie befriedigenden Arbeitsplatz und die Arbeitslosenquote ist
nicht höher, als bei anderen Geistes- und Sozialwissenschaftlern.
Den taxifahrenden Soziologen gibt es praktisch nicht.
Für viele bleibt der Arbeitsplatz als Wissenschaftler an der Universität allerdings ein nicht
erreichbares Traumziel.
Für wen produzieren solche Soziologen, die dies erreicht haben, nun ihre Texte?
Um Karriere zu machen, muss man publizieren und die Publikationsliste muss möglichst lang sein, um
später Professor werden zu können. Es gilt das zynische amerikanische Wort "publish or perish",
"Veröffentliche oder verschwinde".
Man muss jedoch nicht nur viel publizieren, sondern auch in möglichst renommierten Zeitschriften. Ein
Leserbrief im Tagesspiegel reicht nicht.
Eine der renommiertesten soziologischen Fachzeitschritten ist die "Kölner Zeitschrift für Soziologie
und Sozialpsychologie".
Sie wurde 1948 als "Kölner Zeitschrift für Soziologie" von Leopold von Wiese gegründet und ab 1955
von René König als "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" weitergeführt. Die
Namen dieser beiden bedeutenden Soziologen sollten Sie sich merken.
Wenn diese Zeitschrift einen eingereichten Artikel zur Veröffentlichung annimmt, spielt man schon in
der Oberliga der deutschen Soziologie mit und hat Chancen, irgendwann einmal einen Lehrstuhl an
einer Universität zu bekommen.
Aus dem Jahrgang 2003 habe ich Ihnen einmal 10 Artikel herausgesucht, damit Sie einen Eindruck
bekommen, womit sich Soziologen beschäftigen:

Eine Mehrebenenanalyse regionaler Einflüsse auf die Familiengründung westdeutscher Frauen in
den Jahren 1984 bis 1999

Verfolgungsnetzwerke

Kompensation oder Konflikt?

Gewalt als Reaktion auf Anerkennungsdefizite?

Zum Einfluss stimmlicher Merkmale und Überzeugungsstrategien der Interviewer auf die
Teilnahme in Telefonumfragen

Das Weltsystem des Erdöls

De-insitutionalisierung des Religiösen und religiöse Individualisierung in Ost- und
Westdeutschland

Rechtsextremismus von Jugendlichen

Migration und das kriminalpolitische Handeln staatlicher Strafverfolgungsorgane

Interethnische Freundschaftsbeziehungen und soziale Integration
Drei dieser Aufsätze, die braun markierten, will ich Ihnen nun ein wenig genauer vorstellen. Aber bitte
erschrecken Sie nicht. Sie werden nicht alles verstehen, aber einen ersten Eindruck von
soziologischer Arbeit werden Sie schon bekommen.
4.2.1 1. Fruchtbarkeit
Abstract
Im ersten Aufsatz geht es um Familiengründung westdeutscher Frauen zwischen 1984 und 1999
Herr Karsten Hank befasst sich mit dem folgenden Thema
Eine Mehrebenenanalyse regionaler Einflüsse auf die Familiengründung westdeutscher Frauen
in den Jahren 1984 bis 1999
Der Autor Karsten Hank, wissenschaftlicher Assistent an der Universität Mannheim, fasst seine Arbeit
folgendermaßen zusammen. Solche Zusammenfassungen nennt man übrigens abstracts.
Der Artikel untersucht die Bedeutung regionaler Einflussfaktoren auf der Kreisebene für den
Prozess der Familiengründung westdeutscher Frauen in den 1980er und 1990er Jahren. Als
theoretischer Rahmen wird ein Mehrebenenmodell soziologischer Erklärung vorgeschlagen. Die
empirische Analyse des Übergangs zur ersten Ehe sowie der Geburt des ersten und zweiten
Kindes erfolgt auf der Grundlage von Mikrodaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) und
unter Verwendung eines Methoden-Mixes aus ereignisanalytischen und mehrebenenanalytischen
Verfahren. Die beiden wichtigsten Befunde sind erstens, dass regionale Unterschiede im
Geburtenverhalten weitestgehend durch Kontrolle individueller Merkmale - vor allem Familienstand
und Alter - erklärt werden können, und zweitens, dass es eine signifikante regionale Varianz im
Heiratsverhalten gibt, die weder auf Kompositionseffekte noch auf strukturelle Kontexteffekte
zurückzuführen ist. Regionale Einflüsse auf Fertilitätsentscheidungen westdeutscher Frauen haben
demnach keine eigenständige Qualität, sondern werden über einen latenten Kontexteffekt
raumgebundener sozi-kultureller Milieus auf die Wahrscheinlichkeit einer Eheschließung lediglich
indirekt vermittelt.
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 55, 2003, S. 79-98.
Details
Haben Sie das verstanden?
Was hat Karsten Hank denn nun tatsächlich gemacht?
Sein Problem ist die Fruchtbarkeit von Frauen.
Sie wissen vielleicht, dass diese weltweit in den Industriestaaten ab-, dagegen in den Dritten Welt
zunimmt.
Ich zeige Ihnen hier eine Tabelle mir der durchschnittlichen Kinderzahl von Frauen. Sie sehen, dass
die Zahlen von Land zu Land verschieden sind. Abgesehen von den USA befinden sich aber alle
Länder in einem z.T. bedrohlichen Schrumpfungsprozess
Es wird nicht mehr lange dauern, und die Deutschen werden in die Liste der bedrohten Völker
aufgenommen.
1945
1963
1974
2001
Italien
2,07
1,59
2,33
1,24
Spanien
2,43
1,62
2,89
1,24
Griechenland
2,04
1,79
2,37
1,33
Japan
1,97
1,68
1,91
1,36
Österreich
1,71
1,64
1,91
1,39
Westdeutschland
1,80
1,57
1,51
1,41
Portugal
2,42
1,83
2,69
1,48
Schweden
2,01
1,99
1,87
1,53
Kanada
2,12
1,77
1,89
1,60
Belgien
1,85
1,80
1,83
1,61
Niederlande
2,00
1,78
1,77
1,65
UK
2,05
1,89
1,92
1,66
Finnland
1,88
1,91
1,61
1,70
Dänemark
1,97
1,90
1,90
1,73
Australien
2,50
2,09
2,34
1,77
Frankreich
2,22
2,03
2,11
1,86
Irland
2,68
2,29
3,65
1,90
USA
2,23
2,03
1,84
2,05
Quelle: http://www.iwkoeln.de/data/pdf/content/trends02-03-4.pdf
Karsten Hank interessierte sich nun nicht für die Unterschiede zwischen den Ländern, sondern den
Unterschieden in Deutschland. Hier gibt es nämlich beachtliche regionale Unterschiede. In Heidelberg
liegt die Fruchtbarkeitsrate z.B. bei 0,9 und im katholischen Cloppenburg bei 1,9 – so hoch wie in
Irland.
Karsten Hank hat nun versucht, die Faktoren ausfindig zu machen, die für solche Unterschiede
verantwortlich sind. Dafür entwickelt er ein Modell mit drei Ebenen.
Einmal ist es der
soziale Bezugsrahmen der für die Kinderzahl verantwortlich ist, z.B. Gruppennormen, dann der
kulturelle Bezugsrahmen – z.B. Werte und Religion und schließlich die sog.
Opportunitätsstruktur - z.B. die Infrastruktur wie Betreuungsdichte von Kitas usw.
Nun untersucht Hank jedoch nicht die Wirklichkeit, indem er Frauen befragt, sondern stützt sich auf
vorliegende Daten einer jedes Jahr durchgeführte Erhebung des Deutschen Instituts für
Wirtschaftsforschung.
Er entwickelt eine komplizierte Gleichung die den Einfluss der verschiedenen Variablen misst. Dazu
nutzt er ein statistisches Verfahren mit dem Namen Regressionsanalyse und nun erhält er
Ergebnisse die zeigen, welche Faktoren die Eheschließung bestimmen und welche die Geburt des
ersten und des zweiten Kindes.
Ich zeig Ihnen mal die Formel:
log <pijt / (1- pijt )> = b0 + b1xjt + b2zijt + b3vij .+ b4wjt + u0j
Was kriegt Hank nun aber raus?

Kindergeburten sind relativ unabhängig von regionalen Variablen, sondern werden
weitestgehend durch Familienstand und Lebensalter bestimmt und

Das Heiratsverhalten zeigt regionale Unterschiede – was z.B. auf die gesellschaftliche
Akzeptanz von nichtehelichen Lebensgemeinschaften zurückzuführen ist.
Ihnen scheint das etwas mager zu sein?
Mir auch.
Aber es ist ganz sicher eine theoretisch anspruchsvolle Arbeit und damit karrierefördernd. So wird
man Professor an einer deutschen Universität.
Nun sollten wir einen kleinen Sprung machen. In den Gründungsurkunden der FU heißt es, dass die
Universität nicht nur der Forschung dienen solle, sondern auch Gutachten abgeben will und den
politischen Parteien und der Bundesregierung Auskünfte erteilen will.
Nun tritt die Bundesregierung an die Soziologen heran und bittet um ein Gutachten, wie man die
Kinderzahl in Deutschland erhöhen könne. Sie sind als Wissenschaftler gefragt. Entwickeln Sie in 10
Minuten Vorschläge für die Bundesregierung! Lesen Sie aber zuvor den folgenden Zeitungsartikel.
Ein Artikel aus der WELT vom 22.4.2004
"Die neuen Länder altern und schrumpfen schneller"
Demographie-Gipfel schlägt Alarm
von Sven Heitkamp
Mitten in die Debatte um die Ostförderung bricht jetzt das nächste Schreckensszenario: Bis zum
Auslaufen des Solidarpaktes 2019 wird der Osten auch mit einem dramatischen Umbruch der
Bevölkerung zu kämpfen haben.
"Die neuen Länder altern und schrumpfen schneller als die westdeutschen Bundesländer",
warnte Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) auf einem "Demographie-Gipfel" der
Landesregierung in Dresden. Infolge des chronischen Kindermangels und der immer kleiner
werdenden Elterngeneration würden von den über fünf Millionen Sachsen zur Zeit der Wende bis
2020 nur 3,7 Millionen Menschen übrig bleiben. Ebenso verläuft der Trend in den anderen Ostländern.
Die Politik müsse jetzt Entscheidungen für die nächsten 20, 30 Jahre treffen. "Verschlafen wir die
Weichenstellungen", so Milbradt, "haben wir kaum noch Handlungsspielraum."
Nach den bisherigen Prognosen wird das Arbeitskräfteangebot allein in Sachsen um rund ein Fünftel
sinken. "Schon ab 2006 könnten Firmen die Hochqualifizierten ausgehen", erklärte Marcel Thum, Chef
des Dresdner Ifo-Instituts. Damit drohe ein Fachkräftemangel, der zu einer ernsten Gefahr für die
Wirtschaft werden könne. Bei den Geringqualifizierten gehe die hohe Arbeitslosigkeit indes kaum
zurück.
Hinzu kommt eine massive Alterung der Bevölkerung und damit der Beschäftigten. "Schon jetzt hat
Sachsen mit einem Durchschnittsalter von 42,3 Jahren den höchsten Altersdurchschnitt aller
Bundesländer. Er wird bis 2020 auf rund 49 Jahre steigen", sagte Milbradt. Der Freistaat werde daher
die Folgen des demographischen Wandels früher als andere europäische Regionen spüren und wolle
ein Pionier im europaweiten Wandlungsprozess werden.
Der Regierungschef kündigte dafür die Einsetzung einer Expertenkommission an und will in den
nächsten Monaten einen Maßnahmeplan erarbeiten. Neben dem Arbeitsmarkt müssen vor allem die
öffentlichen Haushalte in den Ostländern massiv umsteuern. "Jeder Sachse, der stirbt, wegzieht oder
nicht geboren wird, kostet 2400 Euro", rechnete der Dresdner Wirtschaftsexperte Helmut Seitz vor. So
werden die jährlichen Einnahmen des Freistaates durch weniger Steuern, geringere Zuweisungen aus
dem Länderfinanzausgleich und dem Abschmelzen des Solidarpakts von derzeit rund 15 Milliarden
auf etwa elf Milliarden Euro sinken. In allen Ländern und in allen Bereichen, so Seitz, sollten
Ausgabenüberhänge abgebaut werden: "Der überall überflüssige Speck muss weg."
Die ostdeutschen Landesregierungen bauen bereits seit längerem das Personal im öffentlichen Dienst
deutlich ab. Weitere Reduzierungen sind jetzt geplant. "Wir müssen zudem", so Milbradt, "Abschied
nehmen von lieb gewonnener Infrastruktur, etwa bei Schulen, Theatern oder Schwimmbädern." Eine
kleine und schrumpfende Bevölkerung könne sich nur eine Minimalausstattung leisten. Zur Diskussion
stehen beispielsweise ein Wegfall von Bus- und Bahnangeboten, weil der Schülerverkehr sinkt und
ein Rückbau von Wasserleitungen, die immer öfter mit Trinkwasser durchgespült werden müssen, um
sie keimfrei und funktionstüchtig zu halten.
Ursachen des massiven Bevölkerungsschwunds sind neben dem bundesweit seit Jahrzehnten
beklagten Geburtenrückgang auch die Abwanderung im Osten. Der negative Saldo beläuft sich allein
in Sachsen auf rund 335 000 Menschen, durch das Geburtendefizit verlor das Land weitere rund 370
000 Menschen. Und der Trend hält an: Entgegen den Erwartungen stagniere seit dem Jahr 2000 das
Geburtenniveau und sinke in einigen Kreisen sogar wieder.
Regierungsberater Seitz will indes von Horrorszenarien nichts wissen. Da Bevölkerungsrückgang und
Einnahmeverluste Hand in Hand gehen, würden die Länder zumindest pro Kopf gerechnet nicht
ärmer. "Mit weniger Einwohnern kann man genauso glücklich sein."
Artikel erschienen am 22. April 2004
4.2.2 2. Gewalt
Abstract
Schauen wir uns die zweite Arbeit an. Sie ist von Christian Babka von Gostomski.
Herr von Gostomski beschäftigt sich mit dem folgenden Thema
Gewalt als Reaktion auf Anerkennungsdefizite? Eine Analyse bei männlichen deutschen,
türkischen und Aussiedler-Jugendlichen mit dem IKG- Jugendpanel 2001
Und er beschreibt seine Arbeit folgendermaßen:
Gewalt unter Jugendlichen geht überwiegend von männlichen Jugendlichen aus. Mit Daten des
IKG-Jugendpanels aus dem Jahr 2001 mit türkischen, deutschen und Aussiedler-Jugendlichen, die
die zehnte Jahrgangsstufe in Nordrhein- Westfalen besuchten, wird daher der Fokus auf die
Erklärung des Gewalthandelns von 4.213 männlichen Jugendlichen gelegt.
Dabei werden desintegrations-theoretische Überlegungen des Erklärungsansatzes von Wilhelm
Heitmeyer und Reimund Anhut überprüft. Insbesondere weisen männliche türkische Jugendliche
höhere Täterraten des Gewalthandelns auf als männliche deutsche Jugendliche. Der bivariate
Effekt einer türkischen Herkunft auf das Gewalthandeln lässt sich bei multivariaten logistischen
Regressionen teilweise durch Anerkennungsverluste auf der institutionellen und der sozialstrukturellen Dimension von Integration erklären: Türkische Jugendliche weisen ein höheres Maß
an Benachteiligungserfahrungen im alltäglichen Leben und in Bezug auf ihre Schulkarriere auf als
deutsche Jugendliche. Diese Faktoren stellen sich auch bei deutschen sowie bei AussiedlerJugendlichen als gewaltfördernd heraus. Defizite auf der sozial-emotionalen Dimension von
Integration, die über das Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern operationalisiert werden,
stehen dagegen weniger stark mit dem Gewalthandeln unter Jugendlichen in Zusammenhang.
Insgesamt zeigt sich aber, dass mit Anerkennungsverlusten auf verschiedenen Ebenen der
Integration in die bundesrepublikanische Gesellschaft, insbesondere bei der Kumulation von
Desintegrationsbelastungen, die Wahrscheinlichkeit für das Agieren mit Gewalt steigt.
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 55, 2003, S. 253-277.
Erläuterung
Was interessiert nun Babka von Gostomski?
Ihm geht es um jugendliche Gewalt, oder genauer um die Frage, ob jugendlichen Gewalt mit der
ethnischen Herkunft in einem Zusammenhang steht.
Sie kennen das. Ausländerkriminalität wird an allen Stammtischen und in der Presse diskutiert.
Messerstechende Türken, zockende Zigeuner, raubende Russen und stehlende Polen.
Babka von Gostomski geht nun der Sache auf den Grund. Er untersucht Jugendlichen aus drei
Gruppen: Deutsche, Türken und Aussiedler. Dabei geht es im nicht um kriminelles Verhalten in einem
umfassenden Sinn, sondern lediglich um Gewalt, um Prügeleien.
Als erstes schildert er das Ergebnis seiner Literaturrecherche, also den Forschungsstand. Die
Ergebnisse sind klar und deutlich: türkische Jugendliche zeigen eine höhere Gewaltbereitschaft als
deutsche. Aussiedler sind dagegen unauffällig.
Nun ist es eine gängige These in der aktuellen Diskussion, dass es sich nicht um ein ethnisches
Problem handelt, sondern um ein soziales. Also etwas weniger kompliziert ausgedrückt: nicht die
Herkunft spielt eine Rolle, sondern die Schichtzugehörigkeit. Türken sind nicht gewaltbereiter weil sie
Türken sind, sondern weil sie unteren sozialen Schichten angehören.
Babka von Gostomski untersucht nun vier Fragen

Steht das Ausmaß der Gewalt bei männlichen Jugendlichen im Zusammenhang mit ihrer
ethnischen Herkunft?

Spielt die Herkunft der Jugendlichen auch eine Rolle, wenn desintegrationstheoretische
Indikatoren berücksichtigt werden?

Spielen Konfliktlösungskompetenzen eine Rolle?

Spielt die Zugehörigkeit zu einer Clique eine Rolle?
Wenn Sie aufmerksam zugehört haben, werden Sie bei einem Wort gestutzt haben. Was sind
desintegrationstheoretische Indikatoren?
Hier greift Babka von Gostomski auf die soziologische Theorie zurück. Diese Desintegrationstheorie
sagt – stark vereinfacht – dass die Gewaltbereitschaft zunimmt, wenn Menschen sich nicht anerkannt
fühlen.
Aber wie misst man das Maß an Anerkennung die jemand erfährt?
Zunächst einmal muss man nach der Desintegrationstheorie verschiedene Dimensionen
unterscheiden, auf denen nach Anerkennung gesucht wird:
Unterschieden wird

Die sozialstrukturelle Dimension: inwieweit habe ich Zugang zu den Gütern dieser
Gesellschaft?

Die institutionelle Dimension: inwieweit kann ich mich in der Gesellschaft durchsetzen und
inwieweit kann ich mich beteiligen – z.B. durch Wahlen

Die sozial-emotionale Dimension: inwieweit fühle ich mich emotional aufgehoben in der
Familie, der Gruppe und anderen sozialen Netzen?
Die Datenbasis ist wieder ein vorhandenes Panel, es wurden Jugendliche in den 10. Klasse von 1057
Schulen befragt, es lagen ca. ausgefüllte 12000 Fragebögen vor.
Was sind nun die Ergebnisse?

Die Untersuchung bestätigt die Hypothese, dass türkische Jungendliche eher gewaltbereit
sind als deutsche Jugendliche oder Aussiedler. Das Risiko zur Gewalt ist ca. 80% höher als
bei deutschen Jugendlichen. Das liegt aber zu einem großen Teil daran, dass türkische
Jugendliche Haupt- und Gesamtschulen besuchen

Liegen Anerkennungsdefizite vor, so steigt die Gewaltquote in allen drei Gruppen deutlich an

Türkische Jugendliche zeigen deutlich mehr Anerkennungsdefizite als die Jungendlichen der
anderen Gruppen

Die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen in Cliquen ist deutlich höher, das ist aber nicht nur
bei Türken so.
Insgesamt bringt Babka also etwas mehr Licht in die Frage, welche Jugendlichen gewaltbereit sind
und welche Faktoren für diese Gewaltbereitschaft verantwortlich sind.
Babka von Gostomksi
Bild entfernt
4.2.3 3. Freundschaft
Abstract
Kommen wir zur dritten Arbeit. Die von Frau Sonja Haug.
Ihr Thema ist
Interethnische Freundschaftsbeziehungen und soziale Integration. Unterschiede in der
Ausstattung mit sozialem Kapital bei jungen Deutschen und Immigranten
Sie beschreibt ihre Arbeit folgendermaßen
Die soziale Integration von Migranten wird anhand von Freundschaften mit Deutschen vor
dem theoretischen Hintergrund des Konzeptes des sozialen Kapitals untersucht. Mit
Methoden der Netzwerkanalyse werden Indikatoren für die soziale Integration gebildet, z.B.
die ethnische Homogenität der Freundesnetzwerke. Datenbasis ist der Integrationssurvey
des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), eine Befragung von 18 bis 30Jährigen mit deutscher, italienischer und türkischer Abstammung. Generell haben die
italienisch-stämmigen Befragten häufiger als die türkisch-stämmigen Kontakte zu
Deutschen und junge Immigrantinnen pflegen seltener als junge Männer gleicher ethnischer
Abstammung Kontakte zu Deutschen. Das aufnahmelandspezifische soziale Kapital und
damit das Ausmaß der sozialen Integration erhöht sich im Generationenverlauf. Dabei
erweisen sich die zumeist von binationalen Eltern abstammenden Deutsch-Italiener und in
geringerem Maße die eingebürgerten Deutsch-Türken als besonders gut sozial integriert.
Eine Analyse vergleichbarer Subgruppen des Sozio-ökonomischen Panels zeigt ähnliche
Resultate. Damit bestätigt sich auch bei der sozialen Integration der Befund, dass ohne
angemessene Berücksichtigung von Doppelstaatsangehörigen und eingebürgerten
Zuwanderern die Integrationserfolge von ethnischen Gruppen unterschätzt werden.
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 55, 2003, S. 716-736.
Was hat Frau Haug gemacht?
Erläuterung
Das Ganze nun noch einmal in einer verständlicheren Form, die Ihnen eine Chance gibt, zu erahnen,
was Frau Haug gemacht hat:
Die soziale Integration von Migranten wird anhand von Freundschaften mit Deutschen vor dem
theoretischen Hintergrund des Konzeptes des sozialen Kapitals untersucht.
Mit Methoden der Netzwerkanalyse werden Indikatoren für die soziale Integration gebildet, z.B.
die ethnische Homogenität der Freundesnetzwerke.
Datenbasis ist der Integrationssurvey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB), eine
Befragung von 18 bis 30-Jährigen mit deutscher, italienischer und türkischer Abstammung.
Generell haben die italienisch-stämmigen Befragten häufiger als die türkisch-stämmigen
Kontakte zu Deutschen
und junge Immigrantinnen pflegen seltener als junge Männer gleicher ethnischer Abstammung
Kontakte zu Deutschen.
Das aufnahmelandspezifische soziale Kapital und damit das Ausmaß der sozialen Integration
erhöht sich im Generationenverlauf.
Dabei erweisen sich die zumeist von binationalen Eltern abstammenden Deutsch-Italiener und
in geringerem Maße die eingebürgerten Deutsch-Türken als besonders gut sozial integriert.
Eine Analyse vergleichbarer Subgruppen des Sozio- ökonomischen Panels zeigt ähnliche
Resultate.
Damit bestätigt sich auch bei der sozialen Integration der Befund, dass ohne angemessene
Berücksichtigung von Doppelstaatsangehörigen und eingebürgerten Zuwanderern die
Integrationserfolge von ethnischen Gruppen unterschätzt werden
Sonja Haug
Bild entfernt
Sonja Haug
4.3 Wie denken Soziologen?
3. Wie denken Soziologen?
Nun haben Sie einen ersten noch ganz oberflächlichen Eindruck gewonnen, was Soziologie ist und
womit Soziologen sich beschäftigen.
Zum Schluss dieses ersten Kapitels möchte ich mich der Frage zuwenden, ob Soziologen anders
denken als andere Menschen.
Eines sei vorweggenommen: in ihrer beruflichen Rolle denken sie sicher anders, privat aber ganz
sicher nicht.
Die spezifische Art zu denken, ist ihr Handwerkszeug und das legen sie aus der Hand, wenn sie
abends ihren Arbeitsplatz verlassen.
Ihr Denken hat also mit der besonderen Eigenschaft ihres Erkenntnisgegenstands zu tun.
Ich möchte die Frage aber noch etwas präzisieren.
Die erste Frage soll lauten: denken Soziologen anders als der Mann auf der Straße? Das ist die Frage
nach dem Verhältnis soziologischen Denkens zum common sense, zum gesunden
Menschenverstand.
Die zweite Frage soll sein, ob soziologisches Denken sich auch vom Denken anderer Wissenschaftler
unterscheidet.
Kommen wir zur ersten Frage.
Mit dem gesunden Menschenverstand regeln wir unser Alltagsleben, meist erfolgreich, sonst würden
wir nicht überleben. Der gesunde Menschenverstand ist komplex aber nicht besonders gut organisiert,
er ist widersprüchlich und unsystematisch.
Für die meisten Wissenschaftler die nicht gerade Soziologen sind, ist die Beziehung zum gesunden
Menschenverstand ziemlich belanglos.
Den Zahnarzt interessiert es überhaupt nicht, wie sich der einfache Mensch die Karies erklärt.
Der Astronom beschäftigt sich nicht damit, was das Volk über den Mond oder über schwarze Löcher
denkt.
Diese Distanz zum gesunden Menschenverstand ist auch völlig berechtigt, der jeweilige
Untersuchungsgegenstand ist weit von der alltäglichen Erfahrungswelt von Nichtwissenschaftlern
entfernt.
Normale Menschen haben mit den Gegenständen der Zahnmedizin und der Wissenschaft von den
Sternen wenig oder gar nichts zu tun.
Bei der Soziologie liegt die Sache anders.
Zu allen Themen der Soziologie haben Nicht-Soziologen bereits eine eigene, mit dem gesunden
Menschenverstand gewonnene Einstellungen und eine Vielzahl von Erfahrungen.
Wenn wir die Theorie der Bürokratie von Max Weber – einem der größten deutschen Soziologen –
lesen, denken wir an unsere eigenen Erfahrungen mit dem Finanzamt, der Polizei, den Gericht oder
der Post.
Der Soziologe kann uns nichts sagen, was wir nicht bereits wissen, wozu wir nicht bereits eine
Meinung haben.
Denken Sie an die drei vorgestellten Forschungsbeispiele.
Natürlich hatten Sie bereits eine Meinung zur Gewaltbereitschaft ausländischer Jugendlicher – so oder
so. Alles was die Soziologie zu ihrem Thema macht, hat sich in unsrem Leben bereits ereignet oder
wir haben von Freunden und Bekannten davon gehört.
Nur eines haben wir nie oder nur selten leisten können. Wir haben so gut wie nie die Möglichkeit,
unsere individuellen Erfahrungen mit denen vieler anderer Menschen zu vergleichen. Und gerade das
macht das soziologische Denken aus: ausgehend von unser aller alltäglichen besonderen Erfahrung
auf das Allgemeine zu schließen.
Oder, um es noch etwas schöner auszudrücken, die individuelle Biographie mit der Geschichte, die
wir mit anderen Menschen teilen zu verknüpfen.
Aber es gibt noch einen anderen Punkt zu bedenken.
Die Phänomene, die Naturwissenschaftler erforschen, warten darauf, dass der Wissenschaftler ihnen
einen Namen gibt und dass er ihnen eine Bedeutung beimisst.
Solche Phänomene gibt es in der Soziologie nicht.
Ihre Gegenstände haben längst einen Namen und selbst Theorien haben die Menschen zu diesen
Phänomenen gebildet – zwar roh und wenig differenziert.
Sie alle haben eine Theorie, welche Wirkung Schläge in der Erziehung von Kindern haben - dabei
können Sie sich kaum vorstellen, dass man noch vor kurzer Zeit völlig andere Altagstheorien dazu
hatte. So fragte der Bundeskanzler Konrad Adenauer seinen Außenminister Clemens von Brentano
einmal: "Wie? Sie schlagen Ihre Kinder nicht? Lieben Sie sie denn gar nicht?"
Bevor Soziologen die sozialen Phänomene zu erforschen begannen, waren sie immer schon
Gegenstand des Alltagswissens. Und da Soziologen für ihre Gegenstände im Prinzip die gleichen
Wörter benutzen müssen, wie Laien – auch ein Soziologe wird eine Familie Familie nennen – sind
bereits alle Phänomene vom Alltagswissen mit Bedeutung beladen.
Die Soziologie ist also mit dem gesunden Menschenverstand auf das Engste verschwistert.
Lassen Sie mich die vier grundsätzlichen Gegensätze zwischen dem gesunden Menschenverstand
und der Soziologie noch einmal auf den Punkt bringen.
Vier Unterschiede sollen beschrieben werden

Die verantwortliche Rede

Die Größe des Feldes

Der Umgang mit Kausalität – also der Suche nach Ursachen

Der Umgang mit Routine
4.3.1 Der erste Unterschied: die verantwortliche Argumentation
Beginnen wir mit dem ersten Unterschied
Soziologen unterscheiden strenger als Nichtsoziologen zwischen Vermutung und Fakten.
Soziologen sollten nie ihre Überzeugungen als erwiesene Resultate ausgeben, auch wenn sie noch
so sehr ihren Überzeugungen vertrauen.
Prüfen Sie doch einmal ganz schnell, wie weit Sie den folgenden Überzeugungen vertrauen:

Studiengebühren sind unsozial und schränken die Bildungsmöglichkeiten von Studenten aus
bildungsfernen Schichten ein

Wer als Student arbeiten muss, studiert länger

Der Regenwald stirbt und dies hat negative Konsequenzen für den ganzen Globus
Wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie zugeben, dass Sie keine Fakten parat haben, mit denen Sie dies
wirklich belegen können. Sie vertrauen nur Gehörtem und Gelesenem und dem, was Ihnen
sympathisch ist.
In allen drei Fällen ist die Wirklichkeit viel komplexer und komplizierter, als es die einfachen
Behauptungen vermuten lassen.
Das heißt natürlich nicht, dass eine Diskussion dieser einfachen Thesen in der Kneipe nicht
außerordentlich spannend sein kann. Sie hat nur nichts mit Wissenschaft zu tun.
4.3.2 Der zweite Unterschied: die Größe des Erfahrungsfeldes
Der zweite Unterschied hängt mit der Größe des Erfahrungsfeldes zusammen.
Als Laien müssen wir uns zwangsläufig auf Erfahrungen in unserer eigenen beschränkten Lebenswelt
verlassen.
Auf Dinge die wir tun, auf Menschen, die wir kennen. Selten haben wir die Möglichkeit, diesen
Erfahrungshorizont zu übersteigen – und das müssen wir ja auch nicht, um in unserem Leben
zurechtzukommen.
Es kostet überdies viel Zeit und Geld, sich einen umfassenderen Überblick zu verschaffen.
Wenn wir aber an die ungeheure Vielfalt der Lebensbedingungen in unserer Stadt, in unserem Land
und auf unserem Globus denken, wird schnell klar, dass unsere Erfahrungen sehr partiell und einseitig
sind.

Denken Ostfriesen ebenso wie Almbauern in den Alpen?

Denken Lappen aus Finnland ebenso wie neapolitanische Fischhändler?

Denken Eskimos ebenso wie Menschen am Oberlauf des Kongos?

Denken Kreuzberger ebenso wie Zehlendorfer?
Ein Soziologe bemüht sich immer um eine die enge Lebenswelt des Einzelnen übersteigende
Perspektive und das bringt nicht nur einen quantitativen Unterschied, sondern auch einen Unterschied
in der Qualität des Wissens.
4.3.3 Der dritte Unterschied: Umgang mit Kausalitäten
Ein dritter Unterschied besteht in dem Umgang mit Kausalitäten.
Jeder weiß dass sein eigenes Tun und Handeln von seinen Absichten bestimmt ist.
Ich trainiere täglich – das ist mein Tun – um eine gute Zeit beim Halbmarathon zu erzielen – das ist
meine Absicht.
Ich studiere, um eine gute berufliche Zukunft zu haben.
Ich bemühe mich um einen Partner, um mit ihm glücklich zusammenzuleben.
Normalerweise ist unser Handeln darauf ausgerichtet, einen erwünschten Zustand herbeizuführen.
Und wir neigen alle dazu anzunehmen, dass andere genauso handeln.
Wir suchen immer nach den Verantwortlichen für ein Geschehen.
Wenn uns etwas gefällt, suchen wir nach einem Menschen mit einer guten Absicht, der dies Ereignis
verursacht hat, wenn uns etwas nicht gefällt, suchen wir jemanden, der eine böse Absicht gehabt hat.
Denken Sie an der Berliner Bankverein. Ganz automatisch fahnden wir nach den Bösewichtern.
Und wir bedienen uns auch manchmal eines Tricks, in dem wir hochkomplexe Strukturen
vermenschlichen. Oder was ist es anders als solch eine Vermenschlichung wenn wir von den
"Forderungen der Wirtschaft" oder vom "Bedürfnis des Kapitals" reden? Und denken Sie auch an
Zeitungsüberschriften wie "Die Natur schlägt zurück!"
Wir können nur schwer mit der Einsicht leben, dass es gesellschaftliche Zustände gibt, die sich nicht
durch das willentliche Eingreifen von Personen ändern ließen.
Dies ist auch der Grund, weswegen in allen Gesellschaften und zu allen Zeiten immer wieder das
Bedürfnis nach dem Starken Mann auftritt.
Ein Soziologe vermeidet eine solche personalisierte Weltsicht.
Er hat eher ein Netzwerk von Abhängigleiten im Auge, ein Netzwerk mit vielen Maschen, dass von
einzelnen kaum entscheidend beeinflusst werden kann.
4.3.4 Der vierte Unterschied: der Umgang mit Routine
Und noch in einem vierten Punkt versucht soziologisches Denken die Grenzen des gesunden
Menschenverstand zu durchbrechen – sehr zum Ärger vieler Menschen!
Ein chinesisches Sprichwort lautet:
"Ein einfacher Mann wundert sich über das Ungewöhnliche, ein kluger Mann über das Alltägliche!"
Im alltäglichen Leben umgibt uns die eintönige Routine des Alltagslebens. Solange wir innerhalb der
Gewohnheiten und der Routine dieses Lebens bewegen unterziehen wir uns kaum einer
Selbstprüfung und Selbstanalyse.
Warum auch? Die Dinge werfen keine Probleme auf und machen nicht neugierig, sie werden durch
beständige Wiederholung eben selbstverständlich, sind in sich selbst verständlich, sie bleiben
unsichtbar und werden nicht hinterfragt, sie sind eben so wie sie sind.
Vertrautheit ist der hartnäckigste Feind von Wissbegier und Kritik – und damit auch des Mutes zu
Veränderung.
Der Soziologe aber ist von Berufs wegen zudringlich und ein störender Fremder. Er verwirrt das ruhige
und bequeme Leben und stellt plötzlich Fragen, die noch keiner gefragt hat.
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