Philosophari necesse est (Philosophieren tut Not) - schmidt

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Philosophari necesse est
(Philosophieren tut Not)
Zusammenfassung
Philosophie ist keine fachwissenschaftliche Disziplin, die ihren Platz ausschließlich an den
Hochschulen hätte. Sie ist vielmehr eine Tätigkeit für jeden einzelnen, der sich um die geistigen Grundlagen einer Kultur bemüht und nach einer geschlossenen Weltanschauung strebt.
Eine derartige Weltanschauung ist die Voraussetzung für ein bewusstes, zielgerichtetes Leben, das sich selbständig an eigenen Grundsätzen orientiert und das sich nicht willenlos vom
Zeitgeist mittragen lässt.
Die Weltanschauung bietet ein geschlossenes Weltbild. Sie macht allgemeine, grundsätzliche
Aussagen über die folgenden Bereiche:
• den Aufbau und die Struktur der Welt,
• die Erkenntnismöglichkeiten
• die Stellung des Menschen in der Welt
• die individuellen und sozialen Verhaltensweisen
• Übertragung der allgemeinen Grundprinzipien auf praktische Einsatzfelder wie z.B.
Recht, Religion, Kunst, Geschichte und dergleichen.
Es ist die Aufgabe der Philosophie, eine derartige geschlossene Weltanschauung zu erarbeiten. Philosophie umfasst daher die folgenden Bereiche:
• Metaphysik
• Erkenntnistheorie
• Anthropologie
• Ethik
• Angewandte Philosophie
1. Wozu und zu welchem Zweck soll man sich mit Philosophie beschäftigen?
Man erzählt sich die folgende Geschichte:
Es ist Nacht auf einer angelsächsischen Burg im frühen Mittelalter. Ein König sitzt mit einem
irischen Mönch vor dem Kaminfeuer. Plötzlich kommt von der einen Seite eine Fledermaus
aus der Dunkelheit durch das offene Fenster geflogen, umkreist das durch das Feuer schattenhaft erleuchtete Zimmer mehrere Male, wie um sich zu orientieren, verlässt das Zimmer durch
das gegenüberliegende Fenster und verschwindet wieder in der Dunkelheit.
Der König sagt zum Mönch: „Ist diese Fledermaus nicht wie ein Gleichnis für unser Leben?
Wir kommen aus der Ungewissheit der Nacht, irren eine Weile hilflos in dieser Welt herum
und verschwinden dann wieder in der Dunkelheit. Kannst du mir sagen, wie es jenseits der
beiden Fenster aussieht, von woher die Fledermaus kam und wohin sie wieder verschwunden
ist? Und was war der Sinn ihres kurzen Verweilens in unserem Zimmer?“
Man sagt, dass der irische Mönch eine Antwort auf diese Frage wusste und sich der König
daraufhin zum Christentum bekehren ließ.
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Wir Menschen werden in diese Welt hineingeboren ob wir wollen oder nicht. Niemand hat
uns nach unseren Wünschen befragt. Einmal in diese Welt hineingeboren, sind wir hilflos.
Wir müssen uns zunächst orientieren und uns zurecht finden. Wenn man will, kann man diese
Situation die existentielle Geworfenheit des Menschen nennen.
Es beginnt mit der Aufgabe, die elementaren Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Hierzu gehört
zum Beispiel:
• Wie schütze ich mich vor Kälte, Hitze und Regen?
• Wie mache ich Feuer?
• Wie versorge ich mich und meine Angehörigen mit den notwendigen Lebensmitteln?
• Auf welche Weise kann ich mich vor Unfällen und Krankheiten bewahren?
Auf der nächsten Ebene stellt sich die Aufgabe mit den Problemen fertig zu werden, die sich
daraus ergeben, dass ein Mensch nicht allein zu leben vermag, sondern als soziales Wesen
immer in eine Gesellschaft eingebunden ist. Zu den Fragen, die hier entstehen, gehört unter
anderem:
• Wer in der Gesellschaft übernimmt welche Aufgaben?
• Auf welche Weise soll festgelegt werden, was die Gesellschaft als Ganzes zu tun hat
und wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten soll?
• Wie kann man sicherstellen, dass sich die Angehörigen der Gesellschaft so verhalten,
wie es die gesellschaftlichen Normen wünschen?
• Nach welchen Gesichtspunkten werden die gemeinschaftlich erwirtschafteten Güter
verteilt?
Der Mensch ist offensichtlich das einzige Lebewesen, das über Selbstbewusstsein verfügt.
Hieraus ergibt sich, dass sich der Mensch aus der instinktgebundenen Abhängigkeit befreit
hat und sich selbst Ziele setzen kann. Er weiß auch über seine eigene Hinfälligkeit und über
seinen Tod. Hierdurch werden tiefer reichende Fragen aufgeworfen, die mit dem woher und
dem wohin des menschlichen Daseins verbunden sind. Hierzu gehört unter anderem:
• Nach welchen Prinzipien funktioniert die uns umgebende Natur?
• Gibt es einen Gott und welche Aufgaben fallen ihm zu?
• Gibt es ein Leben nach dem Tod?
• Gibt es einen Lebenssinn, den man erreichen oder auch verfehlen kann?
• Wie wird man mit der Urangst fertig, die sich aus dem Bewusstsein der existentiellen
Geworfenheit ergibt?
• Welche Möglichkeiten gibt es, um Welterkenntnis zu gewinnen oder um Ethik zu begründen?
Bei der Beantwortung aller Fragen wäre der Einzelne hoffnungslos überfordert, wenn er auf
sich allein gestellt wäre. Es ist in der Regel die Gesellschaft als Ganzes, die eine Lösung erarbeitet. Die Gesamtheit aller Verfahren, Vorgehensweisen und Wissensbestände, die zur Lebensbewältigung erforderlich sind, kann man mit dem Wort Kultur bezeichnen.
Eine Kultur umfasst demgemäß die folgenden Bereiche:
• Technologie
• Gesellschaftliche Struktur und politische Organisation
• Weltanschauung
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Unterschiedliche Kulturen haben unterschiedliche Formen der Weltbewältigung entwickelt.
Das heißt, sie haben eigene Technologien, eigene Sozialsysteme und eigene Weltanschauungen erarbeitet. So wurden zum Beispiel im alten Ägypten, in Indien, im antiken Griechenland
oder in unserer gegenwärtigen Westlichen Welt für die grundlegenden Aufgaben jeweils individuelle Lösungen gefunden.
Im vorliegenden Zusammenhang ist die Weltanschauung von Bedeutung. Die Weltanschauung bietet ein geschlossenes Weltbild. Sie macht allgemeine, grundsätzliche Aussagen über
die folgenden Bereiche:
• den Aufbau und die Struktur der Welt,
• die Erkenntnismöglichkeiten
• die Stellung des Menschen in der Welt
• die individuellen und sozialen Verhaltensweisen
• Übertragung der allgemeinen Grundprinzipien auf praktische Einsatzfelder wie z.B.
Recht, Religion, Kunst, Geschichte und dergleichen.
Es ist die Aufgabe der Philosophie, eine derartige geschlossene Weltanschauung zu erarbeiten. Philosophie umfasst daher die folgenden Bereiche:
• Metaphysik
• Erkenntnistheorie
• Anthropologie
• Ethik
• Angewandte Philosophie
2. Die Philosophie erarbeitet die Voraussetzungen für ein bewusstes, zielgerichtetes
Leben
Philosophie ist keine fachwissenschaftliche Disziplin, die ihren Platz ausschließlich an den
Hochschulen hätte. Sie ist vielmehr eine Tätigkeit für jeden einzelnen, der sich um die geistigen Grundlagen einer Kultur bemüht und nach einer geschlossenen Weltanschauung strebt.
Eine derartige, geschlossene Weltanschauung ist die Voraussetzung für ein bewusstes, zielgerichtetes Leben, das sich selbständig an eigenen Grundsätzen orientiert und das sich nicht
willenlos vom Zeitgeist mittragen lässt.
In der westlichen Welt ist in der gegenwärtigen Zeit das Bestreben, eine eigene Weltanschauung zu gewinnen, nicht sonderlich ausgeprägt. Das hat mehrere Gründe:
• Die gegenwärtige Weltanschauung wird unkritisch übernommen, da sie ihre Angehörigen weitgehend zufrieden stellt.
• Die Belastungen des Alltagslebens lassen kaum Zeit, sich mit weltanschaulichen Fragen zu befassen.
• Alle tiefer reichenden Fragen, mit denen sich die Philosophie beschäftigt, werden verdrängt oder tabuisiert.
Man kann zwei Arten von Fragen gegenüberstellen. Die erste Frage ist eine Frage nach dem
unmittelbaren Wohlergehen. Ihre Wichtigkeit und Bedeutung wird von jedem anerkannt. Die
zweite Frage betrifft die Weltanschauung, die für andere Kulturen von großer Bedeutung war,
in unserer gegenwärtigen Kultur jedoch zweitrangig geworden ist.
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1. Frage: Wie bekomme ich einen sicheren Arbeitsplatz?
2. Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?
1. Frage: Was geschieht mit meiner Rente nach meinem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben?
2. Frage: Was geschieht mit meiner Seele nach dem Tod?
1. Frage: Was muss ich tun, um auf der Karriereleiter nach oben zu kommen?
2. Frage: Was muss ich tun, um mein Lebensziel nicht zu verfehlen?
1. Frage: Auf welche Weise erhalte ich Informationen über die aktuellen Börsenkurse?
2. Frage: Auf welche Weise erhalte ich Informationen über den Anfang und das Ende
dieser Welt?
Sicherlich sind die Fragen der 1. Art durchaus berechtigt. Die Tiefe und der Wert einer Kultur
hängen jedoch auch davon ab, in wie weit sich eine Kultur den Fragen der 2. Art stellt und
nach einer Antwort sucht. Man kann die Vermutung haben, dass unsere gegenwärtige, westliche Kultur in dieser Beziehung nicht gut abschneidet. Der Vorwurf, den nicht-europäische
Kulturen der westlichen Kultur machen und der behauptet, dass die westliche Kultur materialistisch, oberflächlich und flach wäre, ist nicht sofort von der Hand zu weisen.
Es sind zwei Beobachtungen, die auf die Bedeutung und die Wichtigkeit weltanschaulicher
Orientierung weisen:
• Esoterik und östliche Erlösungsreligionen haben einen ungeahnten Zulauf. Damit verbunden ist der Hang zu Aberglauben und Irrationalismus. Offensichtlich lassen sich
weltanschauliche Fragen nicht gänzlich verdrängen. Sie suchen im Untergrund nach
Antworten, wenn die offizielle Kultur dazu nicht in der Lage ist.
• Es ist nicht auszuschließen, dass der wachsende Fundamentalismus eine tiefere Ursache in dem Unvermögen der gegenwärtigen, westlichen Kultur hat, die drängenden
weltanschaulichen Fragen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und eine Antwort zu erarbeiten.
Es ist die ursprüngliche und grundsätzliche Aufgabe der Philosophie, eine geschlossene Weltanschauung zu erarbeiten. Wenn die gegenwärtige Schulphilosophie gelegentlich behauptet,
dazu nicht in der Lage zu sein oder sich als nicht zuständig erklärt, dann muss man diese Einstellung zurückweisen. Wer denn, wenn nicht die Philosophie kann und soll sich dieser Aufgabe zuwenden? Wer denn, wenn nicht die Philosophie hat das methodische Rüstzeug, die
jahrhundertelange Erfahrung und die geistigen Voraussetzungen hierfür?
3. Philosophische Aussagen sind nur innerhalb einer geschlossenen Weltanschauung möglich
Eine geschlossene Weltanschauung verlangt, dass alle Teilbereiche aufeinander bezogen sind.
Metaphysik, Erkenntnistheorie, Anthropologie und Ethik sind nicht unabhängig voneinander.
Vielmehr beeinflussen sie sich ganz wesentlich. Es ist z.B. nicht möglich, ethische Vorstellungen zu entwickeln ohne gleichzeitig metaphysische Annahmen über die Welt zu machen.
Insbesondere ist Ethik ohne Erkenntnistheorie nicht möglich.
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Man kann z.B. von der metaphysischen Aussage ausgehen, dass es in dieser Welt einen Gott
gibt, der alles wohlgeordnet hat und der den Ablauf durch ein Naturrecht regelt. Die Erkenntnistheorie würde angeben, dass Gott den Menschen mit Verstand ausgestattet hat, der es ihm
ermöglicht, dieses Naturrecht zu erkennen. Die Anthropologie besagt, dass der Mensch als
Geschöpf Gottes über Willensfreiheit verfügt und die von Gott übertragene Aufgabe hat, in
eigener Entscheidung diesem Naturrecht zu folgen und es umzusetzen. Auf diesen Voraussetzungen aufbauend kann dann eine Ethik entwickelt werden. Die katholische Morallehre geht
diesen Weg.
Eine andere Möglichkeit wäre die metaphysische Annahme einer an sich existierenden Werteordnung. Die Erkenntnis dieser Werte wäre möglich durch ein eigenes moralisches Empfinden, das man sich dem Gewissen verwandt vorstellen kann. In diesem Fall wird der Mensch
als geistiges Wesen gesehen, das ebenfalls über Willensfreiheit verfügt und das darüber hinaus Zugang zur Ideenwelt hat. Die so genannte Werteethik ist eine Theorie, die auf diese Weise vorgeht.
Eine weitere Möglichkeit neben anderen wäre ein humanistischer Naturalismus, der von einer
monistischen Metaphysik ausgeht. Es gibt nur eine Grundsubstanz, aus der sich alles im Laufe der Evolution in unbegreiflich bewunderungswürdiger Weise entwickelt hat. Um diese
Welt zu begreifen, steht dem Menschen sein Verstand zur Verfügung. Nur rationales Denken
vermag ihm Wissen zu liefern und nur rationales Denken kann vor Irrtümern und Illusionen
schützen. Die Anthropologie besagt dementsprechend, dass der Mensch ein Naturwesen ist,
das sich nur durch seine Höherentwicklung eine ausgezeichnete Sonderstellung im Vergleich
zu anderen Lebewesen mit einzigartigen Fähigkeiten erworben hat. Eine Ethik, die von diesen
Voraussetzungen ausgeht, wird einsehen müssen, dass eine Letztbegründung grundsätzlich
nicht möglich ist. Sie wird andere Wege vorschlagen müssen, um ethische Forderungen zu
rechtfertigen.
Ist wirklich eine umfassende Weltanschauung erforderlich, um ein erfülltes und sinnvolles
Leben zu führen? Der Buddha zum Beispiel lehnt grundsätzlich alle weltanschaulichen Überlegungen ab. Seiner Meinung nach verwirren sie nur den Geist und halten den Menschen von
der wahren Erleuchtung ab, die allein eine richtige Lebensführung möglich macht. Nur die
richtige Lebensführung vermag die auf Grund des aufgesammelten Karma verursachte ewige
Wiedergeburt zu unterbrechen und den Eingang in das Nirvana sicherzustellen.
Der Buddha beschreibt die missliche Lage, in der wir Menschen uns befinden und die Möglichkeit, uns daraus zu befreien, durch ein Gleichnis: Wenn ein Mensch durch einen vergifteten Pfeil getroffen worden ist und zu sterben droht, so muss man direkt helfen und schnell den
Pfeil entfernen. Man sollte nicht langwierige Überlegungen anstellen, wer den Pfeil verschossen hat, ob es sich unter Umständen um eine berechtigte Aktion handelt, usw.
Das soll wohl heißen, dass die Ethik im Vordergrund steht und Überlegungen über den Aufbau der Welt und über die Erkenntnismöglichkeiten unnötig und sogar hinderlich sind.
Nun sieht man leicht, dass dieses Gleichnis trotz seiner Bildhaftigkeit nicht überzeugen kann.
Die ethischen Forderungen, die der Buddha stellt und die er z.B. in seinem achtfachen Pfad
niedergelegt hat, hängen natürlich davon ab, dass es so etwas wie das Karma, das Nirwana
und eine ständige Wiedergeburt gibt und dass man diese Sachverhalte auch erkennen kann.
Die ethischen Forderungen fallen in sich zusammen, wenn man die metaphysischen Grundlagen und die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten außer Acht lässt.
Zusammenfassend soll noch einmal der entscheidende Punkt herausgestellt werden:
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Eine Weltanschauung ist nur als umfassende Aufgabe sinnvoll, die alle Bereiche einbezieht.
Die gesonderte Untersuchung eines Bereiches allein ist nicht möglich. Man kann nicht Metaphysik betreiben ohne gleichzeitig eine Erkenntnistheorie mitzuliefern, die erklärt, wie die
von der Metaphysik behaupteten Sachverhalte erkannt werden können. Desgleichen kann man
keine Erkenntnistheorie entwickeln ohne zu sagen, welche metaphysischen Sachverhalte
denn festgestellt werden sollen. Auch Anthropologie oder Ethik sind allein und unabhängig
ohne Rückgriff auf Metaphysik und Erkenntnistheorie nicht denkbar.
4. Kritik an der Aufgabe der Philosophie, eine geschlossene Weltanschauung zu erarbeiten
Die Entwicklung einer geschlossenen Weltanschauung als Aufgabe der Philosophie ist nicht
unumstritten. Gegen dieses Vorhaben werden die folgenden Argumente angeführt:
• Kulturrelativismus
Es ist angeblich überhaupt unmöglich, eine Weltanschauung mit Wahrheitsanspruch
zu erarbeiten. Jede Kultur hat ihre eigenen Vorstellungen entwickelt, die eigenständig
sind und einen eigenen Geltungsbereich besitzen. Die von den verschiedenen Kulturen
entwickelten Weltanschauungen sind mehr oder weniger gleichwertig. Es gibt keine
Möglichkeit, die eine vor der anderen auszuzeichnen. Insbesondere wäre es ein nicht
zu rechtfertigender Eurozentrismus, wenn wir z.B. die rationale Methode oder die
Menschenrechte, die in unserem westlichen Kulturkreis gültig sind, auch für andere
Kulturen wie z.B. für die chinesische als verbindlich festsetzen wollten.
• Skepsis
Es ist eine Anmaßung, wenn man glaubt, eine Weltanschauung mit Wahrheitsanspruch wäre möglich. Wir bewegen uns wie im Theater und führen ein Stück auf.
Wichtig ist nur, dass alle Schauspieler das gleiche Stück spielen und die gleiche Sprache sprechen. Konflikte und Unstimmigkeiten gibt es nur, wenn die Spieler unterschiedliche Textbücher haben. Einen Bezug zur Wirklichkeit hat das aufgeführte
Stück nicht. Das, was uns als Wirklichkeit erscheint, ist nur Täuschung. Wir müssen
mit dem vorlieb nehmen, was uns als Sinnenwelt vorgespiegelt wird. Das liegt angeblich einmal an der Unmöglichkeit der Metaphysik, hinter die Erscheinungswelt zu sehen und verbindliche Feststellungen zu formulieren. Dazu kommt weiterhin die Unfähigkeit einer jeden erkenntnistheoretischen Methode, begründbare, allgemeingültige
und intersubjektiv nachvollziehbare Aussagen zu machen.
• Historische Erfahrungen
Die Historie liefert kein ermutigendes Vorbild für eine geschlossene Weltanschauung.
Bisher hat sich das, was als geschlossene Weltanschauung angeboten wurde, als unhaltbare Spekulation erwiesen. Dazu kommt, dass die bisherigen Weltanschauungen
dogmatisch orientiert waren. Das hat zu grausamen Verfolgungen der Andersdenkenden oder zu Gewalt und Terror geführt. Das Vorgehen des Marxismus oder die Auswüchse einer fanatischen Religiosität sind Beispiele hierfür.
• Die Untersuchung der Sprache als Aufgabe der Philosophie
Die Philosophie hat mit ihren Weltentwürfen traurigen Schiffbruch erlitten. Man verlangt daher, sie solle sich bescheiden zurückziehen und sich mit der Untersuchung von
Sprache beschäftigen. Nicht die Metaphysik, die Erkenntnistheorie oder die Ethik sind
die Tätigkeitsfelder der Philosophie sondern die Untersuchung der Sprache, die in diesen Disziplinen verwandt wird. Man setzt sich damit auf eine Metaebene und glaubt
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•
von dort aus mit Überlegenheit auf diejenigen herabsehen zu können, die sich dem
nutzlosen Bemühen verschrieben haben, Metaphysik, Erkenntnistheorie oder Ethik zu
betreiben.
Die Komplexität der Welt und die Vielschichtigkeit der Erkenntnisse
Die Erkenntnisse, die der menschliche Verstand zusammenträgt, werden immer umfangreicher und immer spezieller. Es ist unmöglich, alle Sachverhalte, die bisher untersucht worden sind und alle Theorien, die von den einzelnen Fachwissenschaften
entwickelt worden sind, zu kennen und zu einer Gesamtschau zu verknüpfen. Diese
Leistung ist nicht mehr zu erbringen. Es bleibt nichts anderes übrig, als bescheiden mit
eingeschränktem Detailwissen auszukommen, das sich auf ausgesuchten Feldern bewegt. Der Universalgelehrte, der alles im Blick hat und der eine geschlossene, alles
umfassende Weltanschauung entwickeln könnte, ist schon lange tot.
Es ist die an dieser Stelle vorgetragene Überzeugung, dass diese Argumente schwer wiegen,
jedoch das Bemühen um eine geschlossene Weltanschauung nicht vollständig unsinnig machen. Die Notwendigkeit, in dieser Welt trotz der Überzeugungskraft der Skepsis und trotz
der Vielstimmigkeit der weltanschaulichen Angebote eine nachvollziehbare, begründbare von
Aberglauben und Spekulation möglichst freie Sicht der Welt zu entwickeln, ist so dringlich,
dass man versuchen muss, sie trotz aller sicherlich bestehenden Schwierigkeiten anzugehen.
5. Die Grundlagen einer Weltanschauung, die sich mit dem zur Zeit verfügbaren
Weltwissen vereinbaren lässt
Eine Weltanschauung, die in unserer Gegenwart vertretbar ist, könnte von den folgenden,
ganz groben und noch ungefähren Vorstellungen ausgehen, die zunächst nichts weiter sind als
ein Gerüst, das weiterhin auszufüllen wäre.
• Hypothetischer Realismus
Die Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Welt mit erkennbaren Eigenschaften
und feststellbarem Verhalten lässt sich nicht mit Sicherheit beweisen. Es gibt jedoch
gute Gründe mit hohem Erklärungswert, die es sinnvoll erscheinen lassen, von einer
an sich existierenden Welt als Hypothese auszugehen. Alle anderen, konkurrierenden
Erklärungsversuche sind weniger überzeugend.
• Kritischer Rationalismus
Der kritische Rationalismus versucht, ausgehend von einem bereits bestehenden Vorverständnis ein Modell der Welt zu konstruieren, wie es wohl sein könnte, um die beobachtbaren Sachverhalte zu erklären. Aus diesem Vorgehen folgt, dass rationale Erkenntnis niemals zu absolut sicheren Ergebnissen kommen kann. Sie sind grundsätzlich vorläufig und können jederzeit durch neue Einsichten und zusätzliches empirisches Material umgestoßen werden.
• Naturalismus
Der Mensch ist ein Naturwesen. Er ist in die Natur eingebunden und ihrer Ordnung
unterworfen. Auf Grund seiner herausragenden geistigen Fähigkeiten hat er jedoch eine Sonderstellung erlangt, die ihn in den Stand setzt, sich über seine eigene Lebenssituation klar zu werden und das instinktgebunde Verhalten der übrigen Lebewesen
durch bewusstes zielgerichtetes Handeln zu ergänzen.
Der Mensch hat sich im Laufe der Evolution aus niederen Lebensformen herausentwickelt. Hieraus folgt z.B., dass höhere, geistige Leistungen auf physiologischer und
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neurobiologischer Grundlage erklärbar werden. Es liegt ein reduktionistischer Ansatz
vor.
Humanismus
Ethische Grundsätze, Handlungsmaximen und Werte werden nicht gefunden, sondern
entwickelt. Sie sind eine Kulturleistung. Gemeinsames ethisches Handeln lässt sich
nur durch die Zustimmung aller Beteiligten erreichen. Da der Mensch nicht nur Individuum, sondern auch ein Gemeinschaftswesen ist, liegt es im Eigeninteresse eines jeden, nicht nur die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu berücksichtigen, sondern auch
die Bedürfnisse und Wünsche der anderen. Nur so kann ein Gemeinwesen entstehen,
in dem sich ein Individuum voll entfalten kann. Ein Humanismus, der den Mitmenschen nicht nur als Gegner oder als Mittel zum eigenen Zweck sieht, sondern ihn als
Mitmensch empfindet, der Mitgefühl und Gerechtigkeit verdient, bildet die Grundlage.
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