Was ist eigentlich Geopedologie? - WWW-Docs for TU

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WA S I S T E I G E N T L I C H … ?
Forschung & Lehre
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Was ist eigentlich
Geopedologie?
Entstehung und Funktion der dünnen Haut der Erde
deutschsprachigen Universitäten je
nach Fakultätsstruktur und Studiengängen institutionell unterschiedlich beheimatet sind. Im angloamerikanischen
Raum finden sich ähnliche Ansätze, die
Begriff und Wesen der Geoterentwicklung dieses Systems aus der
bereits Eingang in die Lehrbücher gepedologie
Kenntnis seiner historischen, bisherigen
funden haben (v.a. Soil Geomorphology
In der Literatur findet sich der Begriff
Entwicklung möglich.
– an Integration of Pedology and GeoGeopedologie prominent in dem von
Die Geopedologie in unserem momorphology von Gerrard 1992 und
Franz Blümel und Franz Solar bearbeidernen Verständnis folgt dem Prinzip
Soils and Geomorphology von Birketeten Nachlass des österreichischen Boder bodengenetischen Betrachtung. Daland 1999). Das neuere und sehr umfasdenkundlers
Walter
L.
Kubiena
bei werden Aspekte integriert, die tradisende Lehrbuch von Schaetzl und An(Grundzüge der Geopedologie und der
tionell in der Geomorphologie und anderson von 2005 mit dem Titel Soils –
Formenwandel der Böden, 1986). Kuderen Geowissenschaften beheimatet
Genesis and Geomorphology zeigt, dass
biena selbst (1897 – 1970) wurde vor alsind, um den engen kausalen und funkgerade in den USA dieses Thema in der
lem durch seine richtungsweisenden
tionalen Zusammenhang zwischen der
jüngeren Zeit an Bedeutung gewonnen
mikromorphologischen Arbeiten an BoEntstehung, Verbreitung und den Eihat. Auch die umfangreiche Fordendünnschliffen bekannt und hat
schungsförderung
von
maßgeblich die Grundzüge der BodenCritical Zone Observato»Die fachübergreifende Analyse
systematik in Deutschland bestimmt.
ries (CZO) durch die NaDabei folgte seine Bodengliederung
tional Science Foundatides obersten Teils der Erdkruste
dem Gesamtmerkmalsprinzip. Nach
on (NSF) belegt, dass die
ist von großer sozioökonomischer
seinem Verständnis orientiert sich ein
fachübergreifende Analyund ökologischer Relevanz.«
allgemeingültiges Klassifikationssystem
se des obersten, äußerst
an der Entwicklung des Bodens (Pedogeringmächtigen Teils der
genese) und berücksichtigt alle seine Eigenschaften der Oberflächenformen und
Erdkruste von großer sozioökonomigenschaften. Die weitreichende Bedeuden darin vorkommenden Böden angescher und ökologischer Relevanz ist:
tung dieses Ansatzes für die Analyse
messen untersuchen zu können.
Hier finden die entscheidenden Prozesund Bewertung von Relief-, Boden- und
se statt, die unsere natürlichen, vom
Untergrundeigenschaften ist vielfach in
Was erforscht die GeoMenschen geprägten und vielfältig geVergessenheit geraten. Allerdings kann
pedologie?
nutzten Ökosysteme kontrollieren.
gerade für die drängenden geo- und umAuch wenn es derzeit nominell lediglich
Unabhängig von den terminologiweltwissenschaftlichen Fragen des 21.
in Brandenburg zwei Professuren für
schen Fragen, ist in allen Fällen die inJahrhunderts eine genetische BetrachGeopedologie gibt, sind diese hinsichttegrative und interdisziplinäre Betrachtung wichtige Antworten geben, oder
lich ihrer Forschungstätigkeiten natürtung des Forschungsgegenstands Reliefallgemeingültig formuliert: Der Zustand
lich nicht einzigartig. Sehr vergleichbaGestein-Boden kennzeichnend. Die
eines aktuellen Systems ist nur erklärre Forschungen werden oft von GeoForschung wird, zumindest in Deutschbar, wenn seine Entstehung bekannt ist.
morphologen, Bodenkundlern oder
land, meist von Physischen Geographen
Mithin sind auch Aussagen für die WeiGeoökologen durchgeführt, die an
getragen, die bodenkundlich spezialisiert sind. Vorreiter dieser integrativen
AUTOR
Betrachtung war Arno Semmel (1929 –
2010), der diesen Ansatz in seinem
gleichnamigen Lehrbuch von 2001 an
Thomas Raab ist Professor für Geopedologie und Landschaftsentwicklung an der
Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg und Adjunct Prozahlreichen Beispielen gezeigt hat. Alfessor an der University of Alberta, Edmonton, Kanada
lerdings haben in den nachfolgenden
Generationen nur wenige Forscher dies
| T H O M A S R A A B | Die Geopedologie kann den Erd- und
Umweltwissenschaften zugerechnet werden. Sie hat ihre Wurzeln in der Geomorphologie und der Bodenkunde. Hinzu kommen Aspekte der Geologie, der
Mineralogie und Petrologie. Geforscht wird interdisziplinär.
Aufschlüsse sind oft die Grundlage für die geomorphologischen und pedologischen Untersuchungen und reichen im Idealfall bis in den geologischen Untergrund. Hier bilden die im Profil rechts aufgeschlossenen weißen Schmelzwassersande aus der letzten Eiszeit das Ausgangssubstrat an
der Basis. Böden mit einer auffälligen Schwarz/Weiß/Braun-Abfolge belegen Phasen intensiver Pedogenese und zeigen damit geomorphodynamische Stabilität an. Diese Bodenbildung wird bedeckt von einem äolischen und nur wenige Jahrhunderte alten Sediment leicht beiger Färbung, das
mit einem relativ geringmächtigen Boden die rezente Oberflächenform bildet. Die Analyse des Aufschlusses ermöglicht die Rekonstruktion der Natur- und Kulturlandschaftsentwicklung und leistet allgemeingültige Beiträge zum Verständnis des Entwicklungs- und Regenerationspotenzials von
Ökosystemen.
tiefergehend weiterverfolgt, besonders
wenn neben der genetischen Betrachtung auch die funktionale Beschreibung
der Eigenschaften erforderlich war. In
diesem Sinne sind derzeit größere, international sichtbare Projekte in
beiten an geologischen und pedologischen Aufschlüssen (siehe Abb.). Die typische Vorgehensweise ist dabei die
Analyse
– der Oberflächenformen, entweder
durch zur Verfügung stehende Daten
(v.a. Digitale Geländemodelle) oder durch ei»Die Relief- und Bodenentwicklung gene Messungen mittels
terrestrischem
Laserin typischen Landschaftsausscanning und Mikroschnitten wird erfasst.«
drohnen basierter Photogrammetrie,
Deutschland auf die Aktivitäten der
– des oberflächennahen geologischen
Professur für Geomorphologie und BoUntergrunds, mittels Aufschlüssen
denkunde an der TUM (www.
und Bohrungen mit Probennahme für
czo.wzw.tum.de) und auf die Professur
Laboranalysen und/oder durch indifür Geopedologie und Landschaftsentrekte Verfahren (v.a. Electrical Resiswicklung an der BTU (www.iclea.de)
tivity Tomography, Ground Penetrabeschränkt.
ting Radar),
– der Böden in Form von pedogeneMethoden
tisch-substratgenetischer KlassifikatiDas Methodenspektrum der Geopedoon mit Probennahme für Laboranalylogie ist relativ breit gefächert, und die
sen.
Anwendung spezifischer analytischer
Die bodenkundlichen und geologischen
Verfahren von der konkreten FragestelProben werden physikalisch, chemisch
lung abhängig. Grundlage und wichtiund mineralogisch gekennzeichnet und
ger Bestandteil sind i.d.R. Geländearderen Alter mittels physikalischer Ver-
fahren oder durch archäologische Datierung bestimmt.
Das Beispiel des von der Helmholtz-Gemeinschaft geförderten Virtuellen Instituts ICLEA (Integrated Climate and Landscape Evolution Analyses) zeigt, wie geopedologische Forschung konkret in einem größeren Verbundprojekt stattfindet. ICLEA leistet
einen Beitrag zum besseren Verständnis
der Klimadynamik und Landschaftsentwicklung von Natur- und Kulturlandschaften im nördlichen Mitteleuropäischen Tiefland seit der letzten Eiszeit.
Das langfristige Ziel des Virtuellen Instituts ist die Bereitstellung einer substantiellen Datengrundlage für ein nachhaltiges Umweltmanagement auf der
Basis eines fundierten Prozessverständnisses. Im Rahmen von ICLEA wird die
Relief- und Bodenentwicklung in typischen Landschaftsausschnitten erfasst
und die Eigenschaften und Funktion
der Erdoberfläche als zentrale Schnittstelle für Stoff- und Energieflüsse in
Ökosystemen untersucht.
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