Marktausblick: Weltwirtschaft dürfte Fahrt aufnehmen

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JUNI 2015
Marktausblick: Weltwirtschaft dürfte
Fahrt aufnehmen
GLOBALES WACHSTUM
Die Datenlage: Im letzten Monat hat sich die Wachstumsdynamik weltweit beschleunigt.
Dies wird anhand der globalen Frühindikatoren, dargestellt in Grafik 1, deutlich. Verglichen
mit dem Vormonat hat die Erholung an Breite gewonnen. Neben den rohstoffbezogenen
Komponenten ging es auch bei den Umfragen im verarbeitenden Gewerbe und den
Arbeitsmarktindikatoren bergauf. Für einen Wermutstropfen sorgte der Rückgang des
Verbrauchervertrauens und der Exporte aus Korea, die ein wichtiger Frühindikator für den
Welthandel sind. Was die einzelnen Regionen anbelangt, so kamen aus den USA endlich
bessere Nachrichten. Zugleich setzte die Eurozone nach einer kurzen Verschnaufpause im
Vormonat ihren Erholungskurs fort. In Japan hielt derweil die verhaltene Dynamik an. Erste
Anzeichen einer Stabilisierung zeigten sich in China. Durchwachsen präsentierten sich die
anderen Schwellenländer. Unter dem Strich wies deshalb der Trend bei ihnen nach unten.
Grafik 1: Globale Frühindikatoren (GFI) und
OECD-Industrieproduktion (IP) im Vergleich
Grafik 2: PMIs im verarbeitenden
Gewerbe Industrie- und Schwellenländer
Anna Stupnytska ist Volkswirtin bei
Fidelity Worldwide Investment. Vor
ihrem Wechsel zu Fidelity im Juli
2014 war sie als Makroökonomin für
Goldman Sachs Asset Management
tätig. Sie studierte
Wirtschaftswissenschaften an der
Universität von Cambridge und
verfügt über einen Master in
Wirtschaftsphilosophie der
Universität von Oxford.
58
2
57
1,5
56
1
55
0,5
54
0
53
-0,5
-1
52
-1,5
51
-2
50
-2,5
49
-3
Jan 04 Jun 05Nov 06 Apr 08 Sep 09Feb 11 Jul 12 Dez 13 Mai 15
48
Jan 10 Sep 10 Mai 11 Jan 12 Sep 12 Mai 13 Jan 14 Sep 14 Mai 15
GFI-Dynamik
ggü. Vormonat
GLI momentum,
%mom (%)
PMIs Manufacturing
im verarb. GewerbePMI
(Industrieländer)
DM
OECD
(3mma %mom)
OECD
- IP, IP
gleitender
3M-Durchschnitt ggü. Vormonat (%)
PMIs Manufacturing
im verarb. GewerbePMI
(Schwellenländer)
EM
Quelle: Goldman Sachs Economics Research, Haver Analytics
Quelle: HSBC/MKT
Unsere Einschätzung: Die für die Schwäche im ersten Quartal verantwortlichen Faktoren
lassen weiter nach. Somit dürfte sich der Ausblick für die Weltwirtschaft aufhellen, die sich
in der zweiten Jahreshälfte vermutlich stärker im Gleichschritt erholen wird. Im Mai gab es
erste Anzeichen einer stärkeren Konjunkturdynamik. Aber auch wenn sie im Jahresverlauf
erwartungsgemäß Fahrt aufnimmt, wird ihr Wiederanstieg wohl eher moderat ausfallen.
Hierfür verantwortlich sind das schwache Wachstum und der geringe Preisauftrieb, woran
sich in nächster Zeit kaum etwas ändern dürfte.
Die wichtigsten Antriebskräfte hinter dieser leichten Wachstumsbelebung – die expansive
Zentralbankpolitik und die niedrigeren Energiepreise – sind weitgehend intakt. Weltweit
setzen sie wichtige Impulse für den Konsum und die Wirtschaftsaktivität. Da die
Teuerungsrate aber wohl frühestens im Spätjahr spürbar anziehen wird, können die
Notenbanken vorerst an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten. In den nächsten Monaten
dürfte der Rückenwind von dieser Seite jedoch nachlassen. Damit wird das Wachstumsbild
für die Zeit nach 2015 zunehmend diffuser.
Risiken für den aktuellen Ausblick:
Die infolge höherer Renditen strafferen Finanzierungsbedingungen könnten der
weltweiten Erholung in den kommenden Monaten einen Dämpfer versetzen, vor allem
wenn sie von Dauer sein sollten. Die Turbulenzen um den Fed-Ausstieg aus ihrer
quantitativen Lockerung im Jahr 2013 haben uns einen Vorgeschmack auf die damit
verbundenen Marktreaktionen gegeben. Sollte die Konjunkturerholung in den USA ins
Stocken geraten, könnte die Fed den Beginn ihrer Zinswende einmal mehr nach hinten
verschieben. Damit wären die Märkte wieder im Lockerungsmodus, von dem Aktien und
Anleihen gleichermaßen profitieren könnten. Setzt sich der Aufschwung der US-Wirtschaft
jedoch fort und gibt die Fed den Startschuss für ihren Straffungszyklus, während
andernorts die Erholung schwächelt, wird das Spuren beim Weltwirtschaftswachstum und
den Märkten hinterlassen.
Grafik 3: Indizes der Finanzierungsbedingungen (FCI) in Industrieländern
101,1
100,6
100,1
99,6
99,1
98,6
98,1
Gelockerte
Finanzierungsbedingungen
97,6
Jan 14
Mrz 14
Mai 14
USA
US
Jul 14
Sep 14
Eurozone
Euro
area
Nov 14
GB
UK
Jan 15
Mrz 15
Mai 15
Japan
Japan
Quelle: Goldman Sachs Economics Research, Mai 2015
Je näher die erste Zinserhöhung der Fed rückt, umso aufmerksamer muss das Tempo der
Wachstumsbelebung in Amerika in den nächsten Monaten beobachtet werden. Ich gehe von
einer allmählichen Beschleunigung aus, die es der Fed ermöglicht, die Zinsen noch bis
mindestens zum Jahresende unverändert zu lassen. Sollten Wachstum und/oder Inflation
jedoch stärker als erwartet zulegen, könnte die Fed den Beginn der Zinswende vorziehen. Die
Turbulenzen um den Fed-Ausstieg aus ihrer quantitativen Lockerung im Jahr 2013 und die
jüngste spekulative Attacke auf Anleihen bzw. der Ausverkauf bei Schwellenländeranleihen
lassen die Marktreaktionen erahnen, mit denen wir bei einer vorzeitigen Zinswende zu rechnen
haben – vor allem wenn das Wachstum in anderen Regionen weiter zu wünschen übrig lässt.
Wegen des Umfangs der Marktpositionen und der Liquiditätsprobleme an bestimmten Märkten
könnten überzogene Marktbewegungen die Konjunktur weltweit ernsthaft ins Stocken bringen.
Grafik 4: US-Index der Finanzierungsbedingungen (FCI)
100,1
99,6
Straffung der Finanzierungsbedingungen
99,1
GS US
Financial Conditions Index
USA
– FCI
98,6
Jan 13
US oil-adjusted
FCI
USA
- FCI ölpreisbereinigt
Mai 13
Sep 13
Jan 14
Quelle: Goldman Sachs Economics Research, Mai 2015
Mai 14
Sep 14
Jan 15
Mai 15
Die etwas schlechtere Stimmung in der Wirtschaft in der Eurozone im April könnte durchaus
den Unsicherheiten geschuldet sein, die mit den Schuldenverhandlungen in Griechenland
verbunden sind. Positivere Meldungen im Mai bestätigten indes, dass die Erholung in der
Eurozone Kurs hält. Sollten sich die Verhandlungen noch weiter in die Länge ziehen, könnte
das das Vertrauen in den nächsten Wochen erschüttern und den Aufschwung abwürgen. Ende
Juni spitzte sich die Lage in Griechenland zu, als die Schuldenverhandlungen vorerst
abgebrochen wurden. Ein Grexit kann immer noch vermieden werden, wenn
1)
2)
die Verhandlungen eventuell doch wieder aufgenommen werden und eine Einigung
erzielt wird.
die Griechen bei ihrem Referendum mit „Ja“ stimmen. Dadurch würde die derzeitige
Regierung höchstwahrscheinlich durch eine neue technokratische Regierung
abgelöst, die sich eine Einigung mit ihren Geldgebern auf die Fahne geschrieben hat.
Der Schuldenstreit in Griechenland bleibt ein ernst zu nehmendes Risiko, denn etwaige
Anzeichen eines „Grexident“ oder „Grexit“ würden heftige Turbulenzen auslösen – zumindest
auf kurze Sicht.
Auch der Russland-Ukraine-Konflikt birgt unverändert erhebliche Risiken für die
Weltwirtschaft, deren Eintrittszeitpunkt aber höchst ungewiss ist. Eine weitere Eskalation des
Konflikts – mit schärferen Sanktionen als unvermeidliche Reaktion – und/oder ein neuerlicher
Ölpreiseinbruch würden Russland mit ziemlicher Sicherheit erneut in die Krise stürzen. Da die
Krise über finanzielle Übertragungsmechanismen auf Europa und andere Regionen
übergreifen könnte, wären hiermit Risiken verbunden.
USA
Die Datenlage: Im Mai gab es endlich die sehnlichst erwarteten Anzeichen einer
Konjunkturbelebung in der größten Volkswirtschaft der Welt. So fiel die ISM-Umfrage im
verarbeitenden Gewerbe stärker als erwartet aus. Leicht bergauf ging es auch bei
Neuaufträgen und am Arbeitsmarkt, wie Grafik 5 zeigt. Der Engpass am Arbeitsmarkt setzte
sich im Mai fort (Grafik 5), in dem die Beschäftigung kräftig stieg. Parallel dazu sanken einmal
mehr die Anträge auf Arbeitslosenunterstützung, während sich der Lohnanstieg leicht
beschleunigte. Insgesamt stiegen die Löhne um 2,3%, im produzierenden Sektor und bei
Facharbeitern aber nur um 2%. Ein erstes Lebenszeichen kam aus der Konsumbranche in
Form starker Pkw-Verkaufszahlen. Sie erreichten im Mai den höchsten Stand seit neun
Jahren. Erfreulicher waren ferner die Nachrichten vom Häusermarkt. In anderen Bereichen
hielt die Schwächephase jedoch an. Hierzu gehörten neben den PMI-Umfragen in der
Dienstleistungsbranche auch der an den Konsumausgaben bemessene Preisindex PCE sowie
die Nominalausgaben.
Unsere Einschätzung: Nach den enttäuschenden ersten drei Monaten fiel auch der Auftakt in
das zweite Quartal zunächst verhalten aus. Im Mai aber gab es diverse gute Nachrichten aus
unterschiedlichen Bereichen, darunter der Konsum. Das lässt vermuten, dass die Wirtschaft
ihren langsamen Aufwärtstrend wieder aufnimmt, nun da die wetterbedingten Effekte und die
Folgen der Streiks wie der Verwerfungen an den Ölmärkten verblassen. Nimmt die Erholung
im Jahresverlauf Fahrt auf, dürfte auch der Konsummotor wieder anspringen. Eine
Beschleunigung wie in der zweiten Jahreshälfte 2014 ist jedoch unwahrscheinlich. Trotz dieses
aufgehellten Wachstumsausblicks rechnen wir bei Inflation und Löhnen nur mit einem
allmählichen Anstieg. Inflationsdämpfend dürften sich der niedrigere Ölpreis und der stärkere
US-Dollar auswirken – zwei Faktoren, die sich tendenziell erst mit einer gewissen Verzögerung
bemerkbar machen. Daher kann durchaus von einem noch etwas länger anhaltenden
Abwärtstrend bei der Inflation ausgegangen werden.
Auf der anderen Seite setzt sich der zuletzt gesehenen Beschleunigung zum Trotz das
verhaltene Lohnwachstum fort. Für die positive Überraschung im Mai könnte auch eine
kalendarische Verschiebung verantwortlich sein. Bleibt also abzuwarten, ob das aktuelle
Tempo in den kommenden Monaten anhält. Überdies könnte sich zusammen mit dem
anhaltenden Dollar-Höhenflug das jüngste Hochschnellen der Renditen über straffere
Kreditkonditionen als Wachstumshemmnis erweisen - besonders dann, wenn sie auf aktuellem
Niveau verharren bzw. weiter steigen sollten. Alles in allem sehe ich durch die jüngsten
Entwicklungen keine Veranlassung, meine Einschätzung zur Zinspolitik der Fed zu ändern.
Eine Zinserhöhung im Dezember halte ich weiterhin für wahrscheinlicher. Aber auch für eine
Verschiebung bis 2016 spricht einiges – inzwischen sogar mehr. Bei ihrer Juni-Sitzung dürfte
sich die Fed die Tür zu einer Zinsstraffung im September offenlassen und könnte deshalb
möglicherweise einen etwas restriktiveren Ton anschlagen.
Grafik 5: US-Arbeitsmarkt
62,5
400
60,0
300
57,5
200
55,0
100
52,5
0
50,0
-100
47,5
Mai-2010
Mrz-2011
Jan-2012
Nov-2012
Sep-2013
Jul-2014
-200
Mai-2015
AllBeschäftigten:
Employees: Total
Nonfarm Payrolls
(SA,
Thous) 3-month
avg Change
(RHS)
Alle
alle Beschäftigten
außerhalb
d. Landwirtschaft
(saisonal
bereinigt, in
tsd.) gleitender 3M-Durchschnitt (re. Sk.)
ISM
imMfg:
verarbeitenden
Gewerbe:
(saisonal (LHS)
bereinigt, >50 = Wirtschaftswachstum) (li. Sk.)
ISM
Employment
IndexBeschäftigungsindex
(SA, 50+ = Econ Expand)
Quelle: US-Statistikamt; Institute for Supply Management, Mai 2015
EUROZONE
Die Datenlage: Im vergangenen Monat hat sich die Datenlage insgesamt gefestigt. Im
gesamten Währungsraum zogen die Indizes zu den Einkaufsmanagerumfragen (PMIs) im
verarbeitenden Gewerbe an, in der Dienstleistungsbranche hingegen gaben sie nach. Unter
dem Strich hatte das einen Rückgang des Gesamt-PMI für die Eurozone zur Folge. In
Frankreich stiegen die PMIs in beiden Bereichen, in Deutschland legten sie auf breiter Front
den Rückwärtsgang ein. Deutlich zuversichtlicher zeigten sich die Manager im verarbeitenden
Gewerbe in Italien und Spanien. Im Mai beschleunigte sich die Gesamtinflation um 0,3% und
ist damit zurück im Positivbereich, beflügelt durch Deutschland, Italien und Spanien (Grafik 6).
Außerdem wurden im April mehr Kredite an Nicht-Finanzunternehmen und Haushalte
ausgereicht. Zugleich kam es bei der weiter gefassten Geldmenge erneut zu einem
überraschend starken Anstieg von 5,3% gegenüber dem Vorjahr. Stark ins zweite Quartal
gestartet ist der Konsum, wie die Einzelhandelsumsätze für April belegen. Am Arbeitsmarkt in
den Euro-Ländern hielt der allmähliche Aufwärtstrend an. Aktuell ist die Arbeitslosenquote mit
11,1% so niedrig wie seit drei Jahren nicht mehr. Vor allem Deutschland, Spanien und Portugal
ist diese positive Entwicklung zu verdanken.
Unsere Einschätzung: Nachdem die Dynamik im April etwas an Schwung verloren hatte,
bestätigen die letzten Wochen, dass die Erholung intakt ist. Besonders an der Peripherie
Europas gewinnt sie an Schwung. Niedrigere Energiepreise, ein schwächerer Euro und die
lockerere Geldpolitik machen sich inzwischen positiv bei den Wachstumszahlen bemerkbar. An
den guten Konjunkturzahlen des ersten Quartals hatte der Konsum wesentlichen Anteil, was
wohl nicht zuletzt den niedrigeren Energiepreisen zu verdanken ist. Unterdessen profitiert
Europas Exportwirtschaft vom schwachen Euro. Deutschland als Exportlokomotive kommt das
besonders zugute, dicht gefolgt von Spanien. Mit der Abwertung der Gemeinschaftswährung
und unter dem Einfluss der zuletzt wieder gestiegenen Ölpreise lässt auch der Deflationsdruck
nach.
Zwar könnte der Rückenwind von dieser Seite allmählich nachlassen. Dennoch dürfte die
Konjunktur in der gesamten Eurozone weiter Fahrt aufnehmen und die Erholung zunehmend
Fuß fassen – zumindest bis Anfang 2016. Gefahr droht allerdings von einer möglichen
Straffung der Kreditkonditionen, sollte der jüngste Renditeanstieg anhalten. Damit könnte sich
zumindest ein wichtiger, die lockerere Geldpolitik begünstigender Faktor umkehren und einer
weiteren Erholung den Wind aus den Segeln nehmen. Hinzu kommen die beiden altbekannten
und bislang ungelösten Probleme: Griechenland und der Russland-Ukraine-Konflikt. Ein
unkontrollierter Euro-Austritt bzw. eine Eskalation des Konflikts bergen die Gefahr erheblicher
Marktverwerfungen. Unter Berücksichtigung der genannten Risiken wird die EZB meines
Erachtens ohne Wenn und Aber an ihrer quantitativen Lockerung festhalten – zumindest bis
September 2016. Möglicherweise wird sie die Märkte sogar über diesen Zeitpunkt hinaus mit
zusätzlicher Liquidität versorgen müssen.
Grafik 6: Verbraucherpreisindizes – Spanien, Deutschland und Italien
6,00
Spain:
CPI:
Index
(NSA,
% Change
- Year
to Year
Spanien:Harmonized
harmonisierter
VPI:General
allgemeiner
Index
(nicht2005=100)
saisonal bereinigt,
2005 =
100), Veränderung
ggü. Vj. in %
Deutschland:
harmonisierter
VPI (nicht Price
saisonal
bereinigt,
2005
= 100), Veränderung
Vj. in
Germany:
Harmonized
Consumer
Index
(NSA,
2005=100)
% Changeggü.
- Year
to%Year
Italien:HICP:
harmonisierter
allgemeiner
Index (nicht %
saisonal
bereinigt,
= 100), Veränderung ggü. Vj. in %
Italy:
GeneralVPI:
Index
(NSA, 2005=100)
Change
- Year2005
to Year
4,00
2,00
0,00
-2,00
Mai 05 Apr 06 Mrz 07 Feb 08 Jan 09 Dez 09 Nov 10 Okt 11 Sep 12 Aug 13 Jul 14
Quellen: Spanische Statistikbehörde INE, Statistisches Bundesamt, ISTAT/Haver
JAPAN
Die Datenlage: Die nach oben revidierten BIP-Zahlen zum ersten Quartal sorgten mit 3,9%
zum Vorquartal für Überraschung. Treibende Kräfte waren die vermehrten Investitionen und
die etwas höheren Vorräte. Die nachstehende Grafik macht das deutlich. Erstmals seit sechs
Monaten hat sich die aktuelle Lage gemessen am Economy Watchers Index im Mai
verschlechtert. Der Ausblick hat sich hingegen aufgehellt.
Der April-Umfrage bei japanischen Haushalten zufolge ist die Konsumneigung weiter schwach.
Ursächlich für den beschleunigten Anstieg der Nominallöhne sind vor allem Einmalfaktoren.
Zugleich drehte das Reallohnwachstum ins Plus. Der Grund: Der durch die
Mehrwertsteuererhöhung im letzten Jahr angefachte Schub für die Verbraucherpreisinflation ist
nun für die Vergleichszahlen nicht mehr von Belang. Die Kernverbraucherpreise traten jedoch
gegenüber dem Vorjahr auf der Stelle.
Unsere Einschätzung: Anhand der BIP-Aufschlüsselung des ersten Quartals trat der
unausgewogene Erholungsverlauf deutlich zutage. Demnach waren Vorratsaufbau und
Investitionen ursächlich für das überraschend starke Wachstum in den ersten drei Monaten
des Jahres. Während sich der Export nach und nach erholt, steht der Konsum weiterhin auf
wackeligen Füßen, hat er doch immer noch mit den Folgen der Mehrwertsteuererhöhung zu
kämpfen. Über den Sommer dürfte das Reallohnwachstum ins Plus drehen. Dann könnte auch
der Konsummotor wieder anspringen - wie stark, das wird von den Lohnerhöhungen
abhängen. Dank der wieder steigenden Konsumausgaben und der anziehenden Nachfrage
aus dem Ausland sollte der Aufschwung im Jahresverlauf an Breite gewinnen. Aber das
Wachstumstempo der ersten drei Monate dürfte dabei nicht zu halten sein, sodass in den
Folgequartalen mit leichtem Rückgang zu rechnen ist.
Mit einem Drehen an der Zinsschraube wird die japanische Notenbank wohl solange warten,
bis sie die Folgen niedrigerer Energiepreise, steigender Löhne und des schwächeren Yen
besser abschätzen kann. Gerät die Wirtschaftsdynamik jedoch ins Stocken und die Inflation
bzw. die Inflationserwartungen steigen nicht wie gewünscht, könnten sich die japanischen
Währungshüter im Spätjahr oder im nächsten Jahr gezwungen sehen, weitere Maßnahmen zu
ergreifen. Über das aktuelle Jahr hinaus fällt es uns schwer, ohne weitere Schützenhilfe der
Politik in Form der „drei Pfeile“ der „Abenomics“ genannten Wirtschaftspolitik an eine sich
selbsttragende Erholung zu glauben. Denn die Unterstützung aus dem Ausland für Nippons
Wirtschaft dürfte im Jahresverlauf nachlassen.
Grafik 7: Japan – Änderung des Beitrags zum realen BIP (%)
4
2
0
-2
-4
2010
2011
2012
2013
2014
2015
Japan:
Contrib to
Chgs
in Nominal
GDP: Consumption
(SA, %
Pts) bereinigt, in %)
Japan: Änderung
des
Beitrags
zum nominalen
BIP: Verbrauch of
derHouseholds
privaten Haushalte
(saisonal
Japan:
Contrib to
Chgs
in Nominal
GDP: Government
Consumption
% Pts)
Japan: Änderung
des
Beitrags
zum nominalen
BIP: Staatsverbrauch
(saisonal(SA,
bereinigt,
in %)
Japan:
Contrib to
Chgs
in Nominal
GDP: Gross
Fxd Capital Formation
(SA, %bereinigt,
Pts) in %)
Japan: Änderung
des
Beitrags
zum nominalen
BIP: Bruttoanlageinvestitionen
(saisonal
Japan: Änderung
des
Beitrags
zum nominalen
BIP: Bruttoanlageinvestitionen:
Veränderung
der Lagerbestände (saisonal bereinigt, in %)
Japan:
Contrib to
Chgs
in Nominal
GDP: GCF:
Changes in Inventories
(SA, % Pts)
Japan: Änderung
des
Beitrags
zum nominalen
BIP: Exports
Nettoexporte
von Gütern
und(SA,
Dienstleistungen
(saisonal bereinigt, in %)
Japan:
Contrib to
Chgs
in Nominal
GDP: Net
of Goods
& Svcs
% Pts)
Quelle: Haver Analytics, Juni 2015.
CHINA
Die Datenlage: Nach den schwachen Aprildaten gab es im Mai einen ersten Silberstreif am
Horizont. Nach offiziellen Zahlen verbesserte sich der Einkaufsmanagerindex im
verarbeitenden Gewerbe dank des Wiederanstiegs bei den Neuaufträgen und der
Industrieproduktion. Die Einkaufsmanager im Dienstleistungsgewerbe waren jedoch so
pessimistisch gestimmt wie seit der Krise nicht mehr. Ihre Talfahrt setzten die Exporte im Mai
fort. In sämtliche Regionen, die USA ausgenommen, wurde weniger ausgeführt, und auch die
Importe schrumpften. Der von Soufun ermittelte 100-Städte-Immobilienpreisindex verbuchte
den ersten Anstieg in diesem Jahr bei deutlich höheren Immobilienverkaufszahlen, jedoch
insgesamt weiter verhaltener Bautätigkeit. In der Industrie stiegen die Gewinne, nicht zuletzt
dank höherer Anlagerenditen durch den Boom an den Finanzmärkten. Im Mai sank die
Gesamtinflation, während die Kerninflation nach oben kletterte.
Unsere Einschätzung: Im letzten Monat war eine leichte Lockerung der
Finanzierungsbedingungen zu verzeichnen, flankiert von einem Anziehen des
Aktivitätsindikators, dargestellt in Grafik 8. Kurzfristig dürfte das zu einer Stabilisierung der
Wirtschaftsaktivität beitragen, sofern es bei den lockeren Kreditbedingungen bleibt. Allerdings
ist ein Ende des starken Renminbi nicht in Sicht, der die Bemühungen der Zentralbank
zumindest zum Teil zunichtemacht. Ein kräftiger Wiederanstieg des Wachstums ist daher
kaum zu erwarten. Viel hängt nun davon ab, ob die jüngsten Lockerungsmaßnahmen das
Kreditwachstum und besonders die Kreditvergabe an den privaten Unternehmenssektor
ankurbeln. Mehr Kredite an kleine und mittlere Unternehmen würden Gutes für die
Binnenwirtschaft verheißen.
Insgesamt rechnen wir für die nächsten Monate eher mit einer Stabilisierung der Lage,
getragen von einer etwas höheren weltweiten Nachfrage und weiteren geld- und
fiskalpolitischen Stimulusmaßnahmen. Allerdings überwiegen die Risiken, da Überkapazitäten,
der starke Renminbi, die sinkende Wettbewerbsfähigkeit, die Antikorruptionskampagne und
andere Reformbestrebungen das Wachstum nachhaltig bremsen.
Grafik 8: Wieder lockerere Finanzierungsbedingungen
16
93
14
Gelockerte
Finanzierungsbedingungen
12
10
8
95
97
99
6
101
4
103
2
0
Jan 06
105
Sep 07
Mai 09
China: Aktivitätsindikator
China
CAI (%yoy)
(Veränderung ggü. Vj., %)
Quelle: Goldman Sachs Economics Research, 2015
Jan 11
Sep 12
Mai 14
China: Finanzierungsbedingungen
China
FCI (Index, RHS, reverse scale)
(Index, re. Sk., umgekehrte Skala)
SCHWELLENLÄNDER
Die Datenlage: Im Mai brachen die koreanischen Exporte um mehr als 10% ein. Zum
stärksten Rückgang seit September 2009 (Grafik 9) trugen sämtliche wichtige
Handelspartnerländer Koreas bei. Einmal mehr zeigten sich die Einkaufsmanager in den
Schwellenländern weniger zuversichtlich. Schwach fielen die Umfrageergebnisse erneut in
Asien aus. Nur Indiens Einkaufsmanager schätzten die Lage etwas optimistischer ein. In
den mittel- und osteuropäischen Ländern fielen die PMIs durchwachsen aus. Den zweiten
Monat in Folge gab das Stimmungsbarometer in Polen nach. Auf sein jüngstes Tief ist der
russische Einkaufsmanagerindex zurückgefallen, während er in Südafrika und der Türkei
überraschend zulegte. In Lateinamerika signalisierte der PMI in Brasilien ein weiteres
Schrumpfen der Wirtschaft.
Unsere Einschätzung: Gründe für den Negativtrend bei den koreanischen Exporten
dürften zwar nicht zuletzt der starke Won bzw. der schwache Yen sowie strukturelle
Faktoren sein. Dabei denken wir vor allem an die Verschiebungen im Welthandel. Dennoch
gibt uns der Trend Anlass zur Sorge, deutet er doch auf eine nur unmerkliche Belebung
des Welthandels und eine insgesamt weltweit schwache Nachfrage hin. Gewinnt die
Erholung im zweiten Halbjahr angeführt von den Industrieländern an Schwung, könnte sich
der Trend umkehren. Aber ein rasantes Wachstum ist nicht in Sicht. Kleineren, offenen
Volkswirtschaften, die wie die meisten asiatischen Länder keine Rohstoffexporteure sind,
dürfte das zugutekommen, wenngleich der schwache Yen für viele von ihnen eine Bürde
bleibt. Gleichzeitig dürfte die Stabilisierung in China positiv bei den asiatischen
Schwellenländern zu Buche schlagen.
Auch in nächster Zeit werden Anleger genau zwischen Rohstoffproduzenten und exporteuren bzw. Rohstoffkonsumenten und -importeuren differenzieren müssen, denn
danach richtet sich, wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählt. Mangelnde
Strukturreformen und die Anfälligkeit gegenüber einer Normalisierung der US-Zinspolitik
dürften einem starken Konjunkturaufschwung in diesen Ländern jedoch entgegenstehen.
Damit lautet die zentrale Frage, ob der Aufschwung in den Schwellenländern Fuß fassen
kann, bevor die Fed die Zinswende einläutet. Gelingt das, könnten sich die negativen
Folgen in Grenzen halten. In Anbetracht des bereits fortgeschrittenen Zyklus halten wir das
jedoch für recht unwahrscheinlich. Die Anfälligkeit vieler Schwellenländer für externe
Ungleichgewichte wird deshalb vermutlich wieder stärker zutage treten.
Wie gehabt gilt das besonders für die Türkei, für Südafrika und Brasilien.
Grafik 9: Exporte aus Korea und OECD-Industrieproduktion
50
Koreanische
Korean
totalGesamtexporte
exports (%yoy)
(Veränderung ggü. Vj. in %)
Koreanische
Korean totalGesamtexporte,
exports, 6mma
gleitender 3M-Durchschnitt
OECD-Industrieproduktion
OECD
IP (%yoy) 20
(Veränderung ggü. Vj. in %)
40
15
30
10
20
5
10
0
0
-5
-10
-20
-10
-30
-15
-40
Jan 04
-20
Apr 05
Jul 06
Okt 07
Quelle: Koreanische Zollbehörde; OECD, Mai 2015
Jan 09
Apr 10
Jul 11
Okt 12
Jan 14
Apr 15
RISIKEN FÜR DEN AUSBLICK 2015









Nach dem verstärkten und anhaltenden Ausverkauf an den Anleihemärkten werden die
Kreditkonditionen weltweit verschärft, was den Aufschwung gefährdet.
Die Fed erhöht früher und schneller als erwartet die Zinsen und setzt damit die globale
Konjunkturerholung im zweiten Halbjahr aufs Spiel, da in der Folge weltweit die
Zinszügel angezogen werden.
Risiken mit Blick auf Russland: Die tiefe Rezession/Krise greift über Handels- und
Finanzkanäle auf Europa über. Der Konflikt eskaliert und zieht härtere Sanktionen und
einen weiteren Konjunktureinbruch nach sich. Die geopolitischen Spannungen
erfassen das Baltikum.
Die Verhandlungen zwischen der EU und Griechenland scheitern endgültig: Es kommt
zu einem Grexit bzw. Grexident.
Die EZB beschließt einen früheren Ausstieg aus den quantitativen Lockerungen, weil
Wachstum und Inflation kräftig anziehen oder aber weil es zu einem Inflationsschock
kommt (z.B. nach einem Hochschnellen der Ölpreise), der die Erholung zum Stillstand
bringt.
In China verlangsamt sich das Wachstum schneller als erwartet und/oder es kommt zu
Stress an den chinesischen Finanzmärkten.
Trotz der Stimulusmaßnahmen in Europa und/oder Japan gelingt es nicht, aus dem
Teufelskreis aus niedrigem Wachstum und niedriger Inflation auszubrechen
(einschließlich unter anderem einer möglichen Aufgabe des Inflationsziels durch die
Bank von Japan).
Unter der Schwäche der Schwellenländerwährungen gegenüber dem Dollar leiden
Unternehmen aus der Region, deren Verbindlichkeiten auf Dollar lauten.
Einzelne Länder oder Unternehmen könnten zahlungsunfähig werden (z.B. Venezuela,
Russland oder wichtige Banken).
WAS ANLEGER IM BLICK HABEN
SOLLTEN



EZB-Sitzung (16. Juli)
Situation in Griechenland
Russland-Ukraine-Konflikt
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Stand: Juni 2015. MK8136
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