Temperaturziel allein genügt nicht

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Tages-Anzeiger – Donnerstag, 4. Juli 2013
Wissen
Temperaturziel allein genügt nicht
Berner Forscher zeigen, dass die Klimapolitik zu stark auf die Erderwärmung fokussiert ist. Um grosse Schäden in Siedlungen
und Ökosystemen zu verhindern, braucht es zusätzliche Klimaziele. Die Emissionen müssen noch stärker gesenkt werden.
Von Martin Läubli
Die internationale Klimapolitik hat sich
in den letzten Jahren auf eine Zahl eingeschworen: zwei Grad Celsius. Dieser
Wert steht quasi für das Wohl der Erde.
Stärker darf sich unser Planet laut dem
Gros der Klimaforscher gegenüber der
vorindustriellen Zeit nicht erwärmen.
Sonst rechnen die Wissenschaftler mit
ökologischen Schäden, die sich nicht
mehr reparieren lassen.
Auf dieses Ziel ausgerichtet, so der
bisherige Konsens in der Wissenschaft,
darf der Mensch noch etwa 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff in Form des
Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) in
die Atmosphäre entlassen. Konkret
heisst das: Von den aktuellen weltweiten
Vorkommen an Kohle, Erdöl und Gas,
die wirtschaftlich förderbar sind, darf
schätzungsweise nur noch ein Viertel
verbrannt werden.
Nun warnen Klimaforscher der Universität Bern davor, den globalen Klimaschutz allein auf die Erwärmung zu
fokussieren. «Wenn wir uns nur auf die
2 Grad verlassen, heisst das noch nicht,
dass wir bei anderen Klimafolgen auf der
sicheren Seite sind», sagt Marco Steinacher, Hauptautor einer gestern in
«Nature» online veröffentlichten Studie.
Der Wissenschaftler am Oeschger-Zentrum für Klimaforschung der Uni Bern
schlägt zusammen mit den Forscherkollegen Fortunat Joos und Thomas Stocker
vor, der Grenzwert für die Erwärmung
müsse jeweils in Kombination mit fünf
anderen Klimazielen betrachtet werden:
Dazu gehören namentlich der Anstieg
des Meeresspiegels, die Versauerung der
Meere und die landwirtschaftlichen Ertragsausfälle.
Kleiner Handlungsspielraum
«Welche Klimaziele wir letztlich festlegen und welche Risiken wir eingehen
wollen, ist allerdings eine gesellschaftliche und politische Frage», sagt Marco
Steinacher. Der ständig steigende CO2Ausstoss verringere aber den Handlungsspielraum zunehmend. Für ihre
umfassenden Modellrechnungen verwendeten die Berner Forscher vier Kombinationen mit unterschiedlichen Zielen. Dabei berechneten sie, wie viele
Tonnen CO2 künftig zusätzlich ausgestossen werden dürfen.
Die Wissenschaftler berufen sich bei
ihrer Auswahl der zusätzlichen Klimaziele auf frühere Studien, die aufzeigen,
wie sich diese auf den Menschen und die
Leistungen der Ökosysteme auswirken.
Der Anstieg des Meeresspiegels etwa ist
direkt an die Erderwärmung gekoppelt.
Bereits bei einem realistischen mittleren
globalen Hub von 20 bis 30 Zentimetern
bis Ende des Jahrhunderts kann es bei
Sturmfluten für viele Küstenstädte zu
Klimaziel 2: Korallen vor Versauerung
schützen. Fotos: iStockphoto (Getty Images)
Wie viel CO2 wir
ausstossen dürfen
Strategie 1: Erderwärmung nicht über 2˚Celsius
Strategie 2: Zusätzlich: u. a. starken Anstieg des
Meeresspiegels verhindern, bedrohte Korallen
schützen
Kohlenstoff* in Form von CO2
in Mrd. Tonnen
Strategie 1
1000
2100
750
noch
zulässige
Emissionen
bis 2100
500
Strategie 2
2020
2010
250
früher
ausgestossene
Emissionen
2000
1980
1950
0
1750
Unsicherheitsbalken: ensteht durch verschiedene
Szenarien für den Ausstoss anderer Substanzen
als CO2, darunter solche mit kühlendem Effekt.
* aus fossilen Energien, kumuliert
Klimaziel Nummer 1: Die Erde darf sich nicht stärker als 2 Grad erwärmen. Foto: Comstock Images (Getty Images)
TA-Grafik kmh / Quelle: Universität Bern
grossen Zerstörungen kommen. Auch
die Versauerung der Meere kann für die
Meeresbiologie dramatische Folgen haben. Der Säuregrad steigt, je mehr Kohlendioxid das Meerwasser aufnimmt.
Die Folge: Kalkschalen und Skelette etwa
von Muscheln und Korallen werden angegriffen oder gar aufgelöst. Was das für
die Nahrungskette heissen könnte, wissen die Forscher aber noch nicht genau.
Risikoüberlegungen müssen auch bei
der Nahrungsproduktion gemacht werden. Wie viel Ernteverlust ist erträglich?
Agronomen gehen davon aus, dass die
Nahrungsproduktion um 70 Prozent gesteigert werden muss, um die Menschen
künftig ernähren zu können.
Klimagas in der Atmosphäre. «Langfristig ist vor allem dieses Gas ausschlaggebend», so der Berner Forscher.
Vor diesem Hintergrund liessen die Berner Forscher ein sogenanntes Erdsystemmodell rechnen, das an der Uni Bern
entwickelt wurde. Das Modell simuliert
räumlich verschiedene physikalische
und biochemische Prozesse wie etwa
Fotosynthese, die Dynamik der Vegetation, die Sonneneinstrahlung und den
Wärmeeffekt von Treibhausgasen und
Aerosole wie Sulfate und Russ. Sie verwendeten dabei über 50 verschiedene
Treibhausgas-Szenarien. Dabei zeigte
sich, dass es eine deutliche Einsparung
beim bisherigen CO2-Budget braucht,
um alle Klimaziele zu erfüllen. Ein Beispiel: Eines der günstigeren Szenarien
geht davon aus, dass die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten nicht
mehr als 500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff ausstösst. Damit liesse sich laut den
Modellergebnissen zwar eine Erwärmung um mehr als 2 Grad verhindern,
doch mindestens eines der anderen KIimaziele bliebe unerfüllt. Um alle Ziele
zu erreichen, dürfte die Ausstossmenge
nicht mehr als 250 Milliarden Tonnen
sein, also rund die Hälfte des bisherigen
Budgets. Für Steinacher ist klar: «Mit der
2-Grad-Grenze entsteht nur der Eindruck, die Welt sei in Ordnung.»
Die Forscher gehen noch einen Schritt
weiter. Sie empfehlen, sich künftig bei
Massnahmen im Klimaschutz vor allem
auf die Reduktion von CO2 zu konzentrieren, weniger auf die anderen Treibhausgase wie etwa Methan. Die UNOKlimarahmenkonvention sieht sechs
Treibhausgase vor. «Das funktioniert
beispielsweise bei der Ozeanversauerung nicht», sagt Steinacher. Der Grund:
Die geochemischen Prozesse sind ausschliesslich von der CO2-Konzentration
abhängig. Zudem ist CO2 das langlebigste
«Das stringenteste Klimaziel sollte den
Emissionspfad festlegen», sagt Malte
Meinshausen. Der Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung
(PIK) war einer der Ersten, der sich mit
CO2-Budgets beschäftigte. Dafür könne
man die Zielkombinationen der Berner
Forscher in Betracht ziehen oder die kritische Erwärmungsgrenze hinunterschrauben.
ETH-Forscher Andreas Fischlin haben
die Resultate der Uni Bern nicht überrascht. «Sie sind plausibel und willkommen.» Spätestens seit dem vierten und
bislang letzten IPCC-Bericht 2007 sei
«eindrücklich» belegt, dass die 2-GradSchwelle teilweise zu hoch angesetzt sei.
«Die Sicherheitsmarge scheint damit in
der Klimapolitik zu klein zu sein», sagt
Fischlin. Im Klimabericht zeigten die
IPCC-Autoren etwa, dass Korallenriffe
schon bei einer Erwärmung um 1,7 Grad
Celsius chronisch ausbleichen.
Carlo und Julia Jaeger, Forscher am
PIK, untersuchten vor Jahren, wie diese
2-Grad-Grenzwert historisch zustande
gekommen ist. Die Limite sei «fast zufällig aufgetaucht», schreiben sie. Politiker
hätten sie wie ein wissenschaftliches Ergebnis behandelt, Wissenschaftler als
politische Angelegenheit.
Auch wenn die internationale Staatengemeinschaft der UNO-Klimarahmenkonvention diese Erwärmungsgrenze vor drei Jahren offiziell festlegte,
gibt es immer noch grosse Zweifel. Die
Gruppe der kleinen Inselstaaten Aosis
zum Beispiel verlangt seit Jahren, die Erwärmungsgrenze auf 1,5 Grad zu senken. Aus solchen Gründen einigten sich
die Staaten auf eine Prüfung des 2-GradZiels. Bis zum Jahr 2015 sollen Wissenschaftler erörtern, ob dieser Grenzwert
mit dem Ziel der Klimarahmenkonvention übereinstimmt.
In Artikel 2 der Konvention heisst es,
dass eine «gefährliche anthropogene
Störung des Klimasystems» verhindert
werden soll. «Dabei soll auch diskutiert
werden, was gefährlich heisst», sagt
Andreas Fischlin. Die Meinungen unter
den Staaten gehen je nach Betroffenheit
auseinander. Fischlin wird im Auftrag
der UNO diesen wissenschaftlichen Dialog leiten. Die Arbeit der Berner Forscher, sagt er, sei zum richtigen Zeitpunkt gekommen.
Klimaziel 3: Zersetzung der Kalkschalen
von Meerestieren vermeiden.
Klimaziel 4: Verlust von Kohlenstoff auf
Ackerflächen einschränken.
Klimaziel 5: Ertragsausfall bei
Nahrungsmitteln reduzieren.
Klimaziel 6: Den Anstieg des
Meeresspiegels begrenzen.
50 verschiedene Szenarien
Politik überprüft 2-Grad-Ziel
Transplantation hilft HIV-Patient Mehr Wetterkatastrophen
Zwei HIV-Patienten haben nach einer
Knochenmarktransplantation keine
nachweisbaren Aidserreger mehr in ihren
Blutzellen. Dies berichteten US-Mediziner aus Boston am Mittwoch auf der
Internationalen Aidskonferenz (IAS 2013)
in Kuala Lumpur.
Der eine Patient habe seit 7, der andere seit 15 Wochen keine Aidsmedikamente mehr genommen. «Obwohl diese
Ergebnisse aufregend sind, bedeuten sie
nicht, dass die Männer geheilt sind», betonte Timothy Henrich vom Brigham
and Women’s Hospital in einer Mitteilung des Spitals. Es sei noch mindestens
ein Jahr abzuwarten, um zu sehen, was
die Therapie wirklich bewirkt habe. Die
Viren könnten unter anderem noch im
Gehirn oder im Verdauungstrakt schlum-
Jahr:
mern. Die Transplantationen liegen den
Angaben zufolge jeweils schon mehrere
Monate zurück, die Aidsmedikamente
wurden aber erst vor Wochen abgesetzt.
Weltweit Aufsehen erregt hatte im
Jahr 2008 ein Patient in Berlin, bei dem
die Zahl der Aidsviren nach einer Knochenmarktransplantation ebenfalls unter
die Nachweisgrenze gesunken war. Er
hatte die Knochenmarkspende im Rahmen einer Blutkrebstherapie erhalten.
Von einer Aidsheilung wollten die
Ärzte damals aber auch nicht sprechen.
Eine Knochenmarktransplantation sei
auch keine generelle Therapieoption
gegen Aids, sagte der damals behandelnde Arzt Gero Hütter. Die Transplantation sei mit einem zu hohen Risiko belastet. (SDA/DPA)
Das vergangene Jahrzehnt hält einen erschreckenden Rekord: Nie gab es mehr
Klimaextreme, seit Meteorologen regelmässig Wetterdaten festhalten. Ein Ende
des bedrohlichen Trends sieht die am
Mittwoch in Genf vorgestellte Studie
«Das globale Klima 2001–2010: Eine Dekade der Extreme» nicht.
Von Wirbelstürmen bis Hitzewellen
mit insgesamt Hunderttausenden Toten: Nie hat die Welt mehr Klimaextreme erlebt als zwischen 2001 und
2010. Zugleich war die erste Dekade des
21. Jahrhunderts nach Erkenntnissen
von UNO-Experten die wärmste seit
etwa 1850, als die regelmässige Aufzeichnung von Wetterdaten begann.
Dabei seien mehr nationale Temperaturrekorde gebrochen worden als in
jeder anderen erfassten Dekade, erklärten Experten der Weltorganisation für
Meteorologie (WMO) in Genf. «Steigende Konzentrationen von Treibhausgasen verändern unser Klima mit
weitreichenden Folgen», warnte WMOGeneralsekretär Michel Jarraud.
Für die Studie hatten meteorologische
Dienste in 139 Ländern Daten gesammelt.
Demnach stieg die weltweite jährliche
Durchschnittstemperatur auf 14,47 Grad
Celsius — das sind 0,47 Grad mehr als im
Zeitraum von 1961 bis 1990. Zudem beschleunige sich der Trend: Zwischen dem
letzten Jahrzehnt und dem Zeitraum von
1991 bis 2000 wurde es weltweit um 0,21
Grad wärmer — auch das ist Rekord für
zwei aufeinanderfolgende Dekaden seit
Beginn der Aufzeichnungen. (SDA)
Mini-Menschenleber
gezüchtet
Japanische Forscher haben in Mäusen
eine Art menschliche Leber heranwachsen lassen. Sie züchteten im Labor zunächst Leber-Vorläufergewebe und transplantierten dieses in den Körper der Versuchstiere. Bis zu Ersatzorganen für Menschen ist es aber noch ein weiter Weg.
Wie sie im Fachblatt «Nature» berichten, entstand eine Art kleine Leber, die
der von Menschen ähnelte — zumindest
vom Aussehen und teils auch von der
Funktion her. Die Forscher hatten einen
Cocktail aus drei verschiedenen Zelltypen verwendet. Nach den präsentierten Daten ist aber noch unklar, ob sich in
dem Gewebe auch Gallengänge bilden,
über die giftige Stoffe aus der Leber herausgeleitet werden können. (dpa)
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