Vorwort - hep Verlag

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Volkswirtschaftslehre
Vorwort
Die Volkswirtschaftslehre ist ein vielfältiges Gebiet. Wie kaum ein anderes Schulfach
befasst sie sich einerseits mit «grossen» Themen, welche oft die Schlagzeilen beherrschen. Gleichzeitig interessiert sie sich anderseits aber auch für die Entscheide einzelner Menschen. Entsprechend breit sind auch die Fragestellungen: Warum wächst der
Lebensstandard in China so rasant an? Lohnt sich für mich eine Weiterbildung ? Wieso ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz relativ tief ? Soll ich Lebensmittel in Frankreich einkaufen? Wie wirken sich hohe Erdölpreise auf Wirtschaftslage und Umwelt
aus ? Für die Beantwortung derartiger Fragen bietet die Volkswirtschaftslehre sehr
machtvolle Instrumente. Schon wenn man ein paar wenige Konzepte verstanden hat,
kann man zu solch unterschiedlichen Themen kompetent mitdiskutieren. Kurz, und
gleich schon in der Fachsprache ausgedrückt: Die Grundzüge der Volkswirtschaftslehre zu lernen, ist eine lohnende Investition.
In den fünfzehn Jahren, in denen ich in verschiedenen Formen die Grundlagen dieses
Faches unterrichtet habe, bestätigte sich eines immer wieder: Vermittelt man das Thema anhand von wenigen Konzepten und – vor allem – mit konkreten Anwendungen
auf die Schweizer Realität, so kann man nachhaltig Interesse wecken. Auf Basis dieser
Erfahrungen publizierte ich 2006 das Lehrbuch «Volkswirtschaftslehre: Eine Einführung für die Schweiz». Zielpublikum dieses Buches sind vor allem Einsteigerinnen und
Einsteiger auf der Stufe Universität oder Fachhochschule sowie das interessierte Publikum. Ich erhielt dafür ermutigende Rückmeldungen verschiedener Lehrpersonen an
Mittelschulen, die mir sagten, sie würden das Buch an sich gerne einsetzen, es sei aber
für den Unterricht auf ihrer Stufe inhaltlich zu umfassend und in einigen Teilen etwas
zu anspruchsvoll. Dies verdeutlichte mir, dass für zahlreiche Lernende heute der erste
Kontakt mit der Volkswirtschaftslehre in der Mittelschule erfolgt und nicht – wie das
noch zu meiner Schulzeit der Fall war – an der Universität oder in Weiterbildungskursen. Erfreulicherweise werden in den meisten Schulen heute volkswirtschaftliche
Themen behandelt. Dies motivierte mich dazu, 2008 die erste Auflage des vorliegenden Lehrmittels zu publizieren, eine deutlich gekürzte, den Leistungszielen einer typischen Schweizer Mittelschule angepasste Version des ausführlicheren Lehrbuchs. Um
das Zielpublikum dieses Textes klar abzugrenzen, wurde im Übrigen der Untertitel mit
der überarbeiteten 2.Auflage angepasst.
Ich möchte allen herzlich danken, die bei der Erarbeitung dieses Lehrmittels eine wichtige Rolle gespielt haben. Von Seiten des Verlags war Beatrice Sager auch bei diesem
Buch eine ausgesprochen kompetente und engagierte Projektleiterin. Effizient unterstützt wurde sie dabei von Damian Künzi. Er hat mit zahlreichen substanziellen Kommentaren und Beiträgen sowie mit durchdachten Vorschlägen massgeblich geholfen,
das Lehrmittel und seine Begleitmaterialien spürbar zu verbessern. Sehr wertvolle
Rückmeldungen erhielt ich von den drei Lehrpersonen, die sich freundlicherweise
bereit erklärten, das Projekt als Evaluatoren zu begleiten. Neben Marcel Bühler, dem
Autor des Übungsbuches, waren dies Marco Caluori, Wirtschaftslehrer am Gymnasium
Kirchenfeld (Bern) und Christian Seewer, Vorsteher der Berufsmaturitätsschule der
Gewerblich-Industriellen Berufsschule in Bern. Ihre ausgezeichneten, von der Unterrichtspraxis geprägten Kommentare haben viel dazu beigetragen, den Text noch spezifischer auf das Zielpublikum auszurichten. Wichtige Hinweise erhielt ich auch von
meinem ehemaligen Studienkollegen Peter Gees, heute Wirtschaftslehrer am Gymnasium Münchenstein.
3
Volkswirtschaftslehre
Anpassungen in der 2. Auflage (2010)
Die Neuauflage eines Lehrbuches nach nicht einmal zwei Jahren enthält in der Regel
viele kleine Anpassungen und Aktualisierungen. Das ist auch hier der Fall. Wenn die
erste Auflage jedoch so gut aufgenommen wurde wie bei diesem Lehrmittel, gibt es
normalerweise kaum einen Anlass für grosse inhaltliche Anpassungen. Halten wir uns
aber die Ereignisse der letzten beiden Jahre vor Augen, wird klar, dass «normal» ungefähr das letzte Adjektiv ist, das zur Beschreibung der jüngsten Wirtschaftsentwicklung angebracht wäre. Was bei der Abschlussredaktion der ersten Auflage dieses Textes
wie eine mittelgrosse Erschütterung des amerikanischen Immobilienmarktes aussah,
hat sich in kurzer Zeit zu einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ausgeweitet,
wie wir sie seit sehr langer Zeit nicht mehr erlebt haben. Ein derartiges Ereignis kann
kein Volkswirtschaftslehrbuch in ein paar Nebensätzen abhandeln.
Es stellte sich deshalb nicht die Frage, ob dieses Ereignis in der zweiten Auflage berücksichtigt werden sollte, sondern wie. Zwar hat sich nichts an den grundlegenden
volkswirtschaftlichen Zusammenhängen geändert, aber die Krise bietet eine hervorragende Gelegenheit, zahlreiche wichtige Konzepte an einem aktuellen und relevanten Beispiel abzuhandeln. Zudem sollte man nach dieser Erfahrung doch etwas mehr
über Finanzmärkte und Banken wissen, als normalerweise in einem Einführungstext
zu finden ist. Neben verschiedenen kleineren Einschüben zu diesem Thema wurden
deshalb an den dafür geeigneten Stellen des Lehrmittels folgende grössere Anpassungen vorgenommen:
I
I
I
I
Der neue Abschnitt 5.4 behandelt Banken und die mit ihrem Geschäft verbundenen Risiken.
Ein Anhang von Kapitel 5 beschreibt die Entstehung und Verbreitung der globalen
Finanz- und Wirtschaftskrise.
Der neue Unterabschnitt 5.8.3 analysiert die Rolle der Schweizerischen Nationalbank bei der Bekämpfung von Finanzkrisen.
Eine Box in Kapitel 3 erläutert die konjunkturpolitischen Reaktionen auf die Krise
in der Schweiz.
Da bei aller Bedeutung der Krise das Lehrmittel nicht grundlegenden verändert werden sollte, sind all diese Anpassungen bewusst knapp gehalten.
Auch als Reaktion auf verschiedene Rückmeldungen von Lehrpersonen wurde das
Material zur vergleichenden Darstellung der Schweizer Wirtschaft im internationalen
Kontext, das in der 1. Auflage in einem Anhang behandelt wurde, an den Anfang
von Kapitel 1 gestellt. Dieser Überblick eignet sich gut als Einstieg zu Beginn eines
VWL-Kurses, um die Lernenden für die Behandlung dieser Themen in den folgenden
Kapiteln zu motivieren. Bewusst wurde dabei darauf verzichtet, alle Begriffe schon an
dieser Stelle zu definieren; im Unterricht kann man darauf hinweisen, dass dies alles
später im Detail folgt.
Der Text wurde ausserdem ergänzt um eine Box zu nachhaltigem Wachstum in Kapitel 3, und die Schweizer Sozialpolitik wird neu in einem eigenen Unterkapitel behandelt.
Zudem wurde die Reihenfolge in Kapitel 5 so angepasst, dass zuerst das Geld behandelt wird und erst anschliessend auf dieser Basis die Inflation.
4
Volkswirtschaftslehre
Neuauflagen haben oft die Tendenz, ein Lehrbuch zu verlängern. Um dem entgegenzuwirken, wurden bewusst einige Teile gekürzt oder ganz gestrichen. Dies betrifft vor
allem die Behandlung der Wohlfahrtseffekte von Steuern und des internationalen Handels anhand von Konsumenten- und Produzentenrenten. Wir beschränken uns neu
darauf, in einer Box in Kapitel 2 das Konzept und seine Relevanz zu beschreiben. Für
Lehrpersonen, welche diese Vertiefungen behandeln möchten, sind die in der Neuauflage gestrichenen Teile in einem eigenen Dokument auf der Website des Verlages
zu finden.
Für die grosse, engagierte und sehr kompetente Unterstützung bei der Erarbeitung
dieser 2. Auflage möchte ich Manuel Schär, dem Projektleiter des Verlags, herzlich
danken. Sehr wertvolle Hinweise erhielt ich zudem von Sven Michal.
Anpassungen in der 3. Auflage (2011)
Um bezüglich Daten und wirtschaftspolitischer Entwicklung möglichst aktuell zu sein,
wird das Lehrmittel jedes Jahr neu aufgelegt. Die Anpassungen sind dabei in der Regel
deutlich weniger weitgehend, als in der durch die Finanz- und Wirtschaftskrise geprägten 2. Auflage. In der vorliegenden 3. Auflage wurden lediglich die Daten aktualisiert,
einige wenige sprachliche Anpassungen vorgenommen sowie im Anhang zu Kapitel 5
kurze Ergänzungen zur Entwicklung der Finanz- und Wirtschaftskrise integriert.
Zum Inhalt und zu den Zusatzmaterialien
Zu Beginn fragen wir uns, anhand welcher Daten man den wirtschaftlichen Zustand
eines Landes beurteilen kann, und stellen dann die wichtigsten Konzepte der Volkswirtschaftslehre vor, die in den folgenden Kapiteln verwendet werden (Kapitel 1).
Anschliessend diskutieren wir, wie eine Marktwirtschaft funktioniert, und zeigen die
Rolle staatlicher Regulierungen und der Wirtschaftspolitik auf; ausführlich beleuchten
wir dabei die Wettbewerbspolitik und die Umweltpolitik (Kapitel 2). Die nächsten vier
Kapitel sind entlang der wichtigsten gesamtwirtschaftlichen Ziele aufgebaut. Wir beginnen mit dem Ziel des wirtschaftlichen Wohlstands und damit der Erklärung von
Wachstum und Konjunktur (Kapitel 3). Dann wenden wir uns dem Ziel einer hohen
Beschäftigung zu und behandeln die Hintergründe der Arbeitslosigkeit (Kapitel 4).
Anschliessend diskutieren wir das Ziel der Preisstabilität und lernen Geld, Banken und
Inflation kennen (Kapitel 5). Abschliessend befassen wir uns mit dem Ziel einer nachhaltigen Staatsfinanzierung und behandeln dabei Steuern, staatliche Verschuldung sowie die Sozialpolitik (Kapitel 6). Zuletzt beleuchten wir die internationale Dimension
der Volkswirtschaftslehre und befassen uns mit der Aussenwirtschaft und der globalen Arbeitsteilung (Kapitel 7). In allen Kapiteln steht die Anwendung der erlernten Begriffe und Konzepte auf die Schweizer Volkswirtschaft im Zentrum.
5
Volkswirtschaftslehre
Das Lehrmittel ist mit Elementen angereichert, die das Lernen und den Einsatz im
Schulunterricht vereinfachen sollen. So beginnen alle Kapitel mit einer Liste konkreter Lernziele. Sie schliessen jeweils mit einer Zusammenfassung, die Punkt für Punkt
diesen Lernzielen folgt, und Repetitionsfragen. Die Antworten zu diesen Fragen finden
sich auf der Website des Werkes. Zahlreiche Boxen vertiefen interessante Aspekte und
immer wieder sind zusammenfassende Übersichtsgrafiken eingestreut. Gezielt ausgewählte Fotos und Karikaturen lockern den Text auf.
Verschiedene Zusatzmaterialien unterstützen den Einsatz des Lehrmittels im Unterricht. Marcel Bühler, Wirtschaftslehrer am Bildungszentrum für Wirtschaft in Weinfelden, hat für das vorliegende Buch einen reichhaltigen Übungsband konzipiert; dieser
wird durch ein separat publiziertes Lösungsbuch ergänzt. Für die Lehrpersonen stehen
zudem Power-Point-Präsentationen aller Kapitel zur Verfügung sowie eine Auswahl
Zeitungsartikel, die zum Teil Bearbeitungsfragen und Lösungen enthalten. Gezielte Vertiefungen erlaubt interessierten Lehrkräften zudem mein Volkswirtschaftslehrbuch
für die Universitäten und Fachhochschulen, in dem die meisten Gebiete ausführlicher
behandelt sind, das aber auch zahlreiche Themen enthält, die hier bewusst ausgelassen wurden. Ein Dokument auf der Website des Werkes erläutert Lehrpersonen für
jedes Kapitel die Vertiefungsvorschläge auf Basis der Behandlung im ausführlicheren
Lehrbuch.
Es liegt mir viel daran, dass dieses Lehrmittel ein Instrument für den Schulunterricht
darstellt; dies war ja für mich die Motivation, überhaupt erst eine Version für die
Sekundarstufe II und die Weiterbildung zu verfassen. Gerne würde ich mit interessierten Lehrerinnen und Lehrern auch weiterhin einen Dialog führen, wie sich der Text
und seine Zusatzmaterialien verbessern lassen. Ich bin deshalb ausgesprochen dankbar für jede Art von Rückmeldung.
Inhaltsübersicht
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
13
2
Die Marktwirtschaft und die Rolle des Staates
51
3
Wachstum und Konjunktur
87
4
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
131
5
Geld, Banken und Inflation
155
6
Staatsfinanzen
199
7
Internationale Arbeitsteilung
229
Glossar und Stichwortverzeichnis
265
6
Volkswirtschaftslehre
Inhaltsverzeichnis
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
13
1.1 Wie beurteilt man die wirtschaftliche Situation eines Landes?
16
1.2 Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
1.2.1 Wohlstand: Reiche, aber nicht sehr dynamische Schweiz
1.2.2 Beschäftigung: Tiefe Schweizer Arbeitslosigkeit
1.2.3 Preisstabilität: Stabiles Schweizer Preisniveau
1.2.4 Staatsverschuldung: Moderate Schweizer Staatsschulden
17
18
20
22
24
1.3 Was wird in der Volkswirtschaftslehre analysiert?
25
1.4 Entscheide in Knappheitssituationen
Box Der Kobra-Effekt oder die zentrale Bedeutung von Anreizen
27
29
1.5 Die Nachfrage
1.5.1 Bedürfnisse und Konsumentenverhalten
Box Die Bedürfnispyramide
1.5.2 Die Nachfragekurve
Box Das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens
1.5.3 Verschiebung der Nachfragekurve
30
30
31
32
32
33
1.6 Das Angebot
1.6.1 Die Angebotskurve
1.6.2 Verschiebung der Angebotskurve
36
36
36
1.7 Der Markt
1.7.1 Das Marktgleichgewicht
1.7.2 Veränderung des Marktgleichgewichts
Box Vollständige Konkurrenz
1.7.3 Die Elastizität
38
39
40
41
42
1.8 Der Wirtschaftskreislauf
1.8.1 Der einfache Wirtschaftskreislauf
1.8.2 Der erweiterte Wirtschaftskreislauf
43
43
44
2
51
Die Marktwirtschaft und die Rolle des Staates
2.1 Wirtschaftsordnungen: Marktwirtschaft oder Planwirtschaft?
Box Der Homo oeconomicus oder die Rolle der Eigeninteressen
54
55
2.2 Die zentrale Rolle der Preise
Box Adam Smith
Box Die Messung der Effizienz:
Konsumenten- und Produzentenrenten
56
57
2.3 Was der Staat zum Funktionieren einer Marktwirtschaft beiträgt
2.3.1 Garantie der Eigentums- und Vertragsrechte
2.3.2 Effiziente Regulierungen
61
61
62
59
7
Volkswirtschaftslehre
2.3.3 Korrektur von Marktversagen
Box Asymmetrische Informationen
Box Arten von Gütern
62
63
64
2.4 Wirtschaftspolitik
2.4.1 Die Zielgrössen der Wirtschaftspolitik
2.4.2 Magische Vielecke der Wirtschaftspolitik
66
66
66
2.5 Staatsversagen: Die politische Ökonomie
2.5.1 Anreize für Politik und Verwaltung
2.5.2 Interessengruppen und das Streben
nach politisch geschaffenen Vorteilen
68
68
2.6 Korrektur von Marktversagen I: Die Wettbewerbspolitik
2.6.1 Volkswirtschaftliche Kosten von Monopolen
2.6.2 Marktzutrittsschranken und die Wettbewerbspolitik
2.6.3 Schweizer Wettbewerbspolitik
Box Hochpreisinsel Schweiz
70
70
72
73
74
2.7 Korrektur von Marktversagen II: Die Umweltpolitik
2.7.1 Volkswirtschaftliche Kosten externer Effekte
2.7.2 Ansätze der Umweltpolitik
2.7.3 Schweizer Umweltpolitik
2.7.4 Internationale Umweltpolitik: Das Kyoto-Protokoll
76
76
77
79
81
3
87
Wachstum und Konjunktur
69
3.1 Die Messung des wirtschaftlichen Wohlstands
3.1.1 Das Bruttoinlandprodukt (BIP)
als international vergleichbares Mass
Box Wohlstand oder Wohlfahrt?
3.1.2 Die Berechnung des Bruttoinlandproduktes
Box Ist das BIP ein geeignetes Mass
zur Beurteilung des Wohlstands?
3.1.3 Das BIP der Schweiz
Box Messung der Verteilung
90
3.2 Die Analyse von Wachstum und Konjunktur
3.2.1 Angebot und Nachfrage in der Makroökonomie
3.2.2 Ein einfaches makroökonomisches Konzept
96
96
97
3.3 Wachstum: Der langfristige Trend
3.3.1 Die Bedeutung des Trendwachstums
3.3.2 Produktionsfaktoren und die Quellen des Wachstums
3.3.3 Die entscheidende Rolle des technischen Fortschritts
Box Nachhaltiges Wachstum
3.3.4 Strukturwandel
8
90
90
91
93
94
95
99
99
100
103
104
104
Volkswirtschaftslehre
3.4 Wachstumspolitik
Box Die Wachstumschancen von Entwicklungsländern
106
108
3.5 Konjunktur: Die kurzfristigen Schwankungen
3.5.1 Was ist ein Konjunkturzyklus?
3.5.2 Ursachen von Konjunkturzyklen
3.5.3 Konjunkturbeobachtung und Konjunkturprognose
109
109
110
112
3.6 Konjunkturpolitik
3.6.1 Antizyklische Konjunkturpolitik
Box John Maynard Keynes
3.6.2 Probleme der antizyklischen Konjunkturpolitik
Box Nachfrage- versus Angebotsökonomie
3.6.3 Automatische Stabilisatoren
114
114
116
118
119
120
3.7 Schweizer Wachstums- und Konjunkturpolitik
3.7.1 Schweizer Wachstumspolitik
3.7.2 Schweizer Konjunkturpolitik
Box Die Schweizer Konjunkturpolitik
in der Finanz- und Wirtschaftskrise
121
121
123
4
131
Beschäftigung und Arbeitslosigkeit
125
4.1 Die Messung der Arbeitsmarktsituation
Box Unterschiedliche Ansätze zur Messung der Arbeitslosenquote
134
135
4.2 Formen der Arbeitslosigkeit
136
4.3 Konjunkturelle Arbeitslosigkeit
139
4.4 Strukturelle Arbeitslosigkeit
Box Geht uns die Arbeit aus?
140
141
4.5 Hintergründe der strukturellen Arbeitslosigkeit
4.5.1 Regulierungen des Arbeitsmarkts
Box Produktivität und Löhne
4.5.2 Aus- und Weiterbildung
143
144
145
146
4.6. Schweizer Arbeitsmarktpolitik
4.6.1 Regulierung des Schweizer Arbeitsmarktes
4.6.2 Die Arbeitslosenversicherung
147
147
148
5
155
Geld, Banken und Inflation
5.1 Die Messung der Preisstabilität
Box Warum sind die Krankenkassenprämien im Landesindex
der Konsumentenpreise (LIK) nicht enthalten?
158
5.2 Was ist Geld?
5.2.1 Wozu ist Geld notwendig?
5.2.2 Geldmengen
160
160
161
159
9
Volkswirtschaftslehre
5.3 Die Entstehung von Geld
5.3.1 Wie bringt die Zentralbank Geld in Umlauf ?
Box Was bedeutet die Aussage
«Die Zentralbank senkt die Zinsen»?
5.3.2 Der Geldschöpfungsmultiplikator
163
163
5.4 Banken
5.4.1 Finanzmärkte und Banken
Box Übersicht zu den wichtigsten Bankgeschäften
5.4.2 Die volkswirtschaftliche Rolle von Banken
5.4.3 Die Risiken des Bankgeschäfts
166
167
168
169
170
5.5 Der Zusammenhang zwischen Geld und Inflation
Box Inflation im einfachen Makro-Schema
172
173
5.6 Wieso sind Inflation und Deflation schädlich?
5.6.1 Kosten der Inflation
5.6.2 Kosten der Inflationsbekämpfung
5.6.3 Kosten der Deflation
174
174
176
177
5.7 Geldpolitische Strategien
5.7.1 Orientierung am Wechselkurs
5.7.2 Orientierung an der Geldmenge
Box Wechselkurs und Geldpolitik
5.7.3 Orientierung an der Inflation
180
180
181
182
182
5.8 Schweizer Geldpolitik
5.8.1 Die Schweizerische Nationalbank (SNB)
5.8.2 Das geldpolitische Konzept der SNB
Box Repo-Geschäfte der SNB
5.8.3 Stabilität des Finanzsystems als Ziel der SNB
183
183
184
187
187
6
165
165
Anhang: Die Entstehung der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise
Box Chronologie der wichtigsten Ereignisse
189
190
Staatsfinanzen
199
6.1 Die Messung der Staatsfinanzen
6.1.1 Wichtigste Grössen und ihre Zusammenhänge
6.1.2 Anwendung am Beispiel der Schweiz
Box Der ausgeprägte Schweizer Finanzföderalismus
202
202
203
205
6.2 Steuern
6.2.1 Formen von Staatseinnahmen
Box Die Inflationssteuer
6.2.2 Kosten der Besteuerung und die Rolle der Elastizität
6.2.3 Wer bezahlt die Steuern?
Box Wer zahlt eine «Luxussteuer»?
205
205
207
208
209
210
6.3 Defizite und Staatsverschuldung
6.3.1 Effekte der Staatsverschuldung im Inland und im Ausland
6.3.2 Vor- und Nachteile der Staatsverschuldung
211
211
212
10
Volkswirtschaftslehre
6.4 Schweizer Staatsfinanzen
6.4.1 Die wichtigsten Schweizer Steuern
6.4.2 Übersicht zu den Schweizer Staatsfinanzen
6.4.3 Die Schuldenbremse
214
214
215
216
6.5 Schweizer Sozialpolitik
6.5.1 Verteilung versus Effizienz
6.5.2 Formen der Umverteilung
6.5.3 Die drei Säulen der Schweizer Altersvorsorge
6.5.4 Die demografische Herausforderung für die AHV
Box Die Demografie in der 2.Säule
218
218
218
220
221
222
7
229
Internationale Arbeitsteilung
7.1 Die Messung der internationalen Verflechtung
232
7.2 Spezialisierung und komparative Vorteile
7.2.1 Spezialisierung und Marktgrösse
7.2.2 Das Prinzip des komparativen Vorteils
234
235
236
7.3 Globalisierung
7.3.1 Zunahme der globalen Arbeitsteilung
7.3.2 Gründe für die Zunahme der Globalisierung
237
238
239
7.4 Protektionismus und Handelsliberalisierung
7.4.1 Formen des Protektionismus
7.4.2 Warum gibt es Protektionismus?
7.4.3 Formen der Handelsliberalisierung
7.4.4 Die WTO
241
241
243
244
245
7.5 Regionale Handelsabkommen (Integration)
7.5.1 Wohlfahrtseffekte von Integrationsräumen
7.5.2 Formen von regionalen Abkommen
7.5.3 Die Europäische Union
247
247
248
249
7.6 Schweizer Aussenwirtschaftspolitik
7.6.1 Stark international ausgerichtete Schweiz
7.6.2 Grundpfeiler der Schweizer Aussenwirtschaftspolitik
7.6.3 Schweizer Integrationspolitik
Box Wirtschaftliche Effekte eines EU-Beitritts
254
254
257
258
259
Glossar und Stichwortverzeichnis
265
Glossar
267
Stichwortverzeichnis
275
Bildnachweis
279
11
1
Themen und Konzepte
der Volkswirtschaftslehre
«Die erste Lektion der Volkswirtschaftslehre ist
die Knappheit: Es gibt nie genug, um alle Wünsche
aller zu befriedigen. Die erste Lektion der Politik ist,
die erste Lektion der Volkswirtschaftslehre nicht
zu beachten.»
Thomas Sowell, amerikanischer Ökonom und Publizist ( * 1930)
1.1
Wie beurteilt man die wirtschaftliche Situation
eines Landes?
16
1.2
Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
17
1.3
Was wird in der Volkswirtschaftslehre analysiert?
25
1.4
Entscheide in Knappheitssituationen
27
1.5
Die Nachfrage
30
1.6
Das Angebot
36
1.7
Der Markt
38
1.8
Der Wirtschaftskreislauf
43
U
lernziele
Nachdem Sie dieses Kapitel gelesen haben, sollten Sie in der Lage sein,
1
die vier wichtigsten Grössen zu nennen, an denen sich der wirtschaftliche Erfolg
eines Landes messen lässt;
2
die wirtschaftliche Situation der Schweiz im internationalen Vergleich zu beschreiben;
3
zu erklären, mit welchen drei grundlegenden Themen sich die Volkswirtschaftslehre befasst;
4
das Problem der Knappheit zu beschreiben und die Rolle von Anreizen,
Opportunitätskosten und Preisen für das Verhalten von Menschen darzulegen;
5
die Nachfrage nach einem Gut in einem Diagramm darzustellen sowie zu erklären,
wie sich die Nachfragekurve verschieben kann;
6
das Angebot eines Gutes in einem Diagramm darzustellen sowie zu erklären,
wie sich die Angebotskurve verschieben kann;
7
einen Markt grafisch darzustellen sowie zu erklären, wieso der Schnittpunkt
der Angebots- und Nachfragekurve ein Gleichgewicht darstellt;
8
den Begriff der Elastizität zu erläutern und zu analysieren,
wie sich unterschiedliche Preiselastizitäten auswirken;
9
den einfachen und den erweiterten Wirtschaftskreislauf darzustellen und zu interpretieren.
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
Die Volkswirtschaftslehre befasst sich ohne Zweifel mit ausserordentlich relevanten
Fragen. Die Wirtschaftslage zählt in Umfragen regelmässig zu den Themen, welche
die Menschen besonders stark beschäftigen. Und Wahlen entscheiden sich oft an
volkswirtschaftlichen Grössen wie der Entwicklung der Arbeitslosigkeit oder der
Konjunktur. Nicht erst seit dem Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise kann man kaum eine Zeitung aufschlagen, ohne direkt mit volkswirtschaftlichen Fragen konfrontiert zu werden.
In diesem Kapitel geht es in einem ersten Schritt darum, diese zentralen Themen
kennenzulernen, mit denen sich die Volkswirtschaftslehre befasst. Wollen wir volkswirtschaftliche Zusammenhänge aber nicht nur beschreiben, sondern auch verstehen, so benötigen wir Instrumente, mit denen wir diese analysieren können. In
einem zweiten Schritt werden wir deshalb die wichtigsten Konzepte erläutern, die
wir für unsere weiteren Analysen benötigen. Dabei sehen wir, dass die Volkswirtschaftslehre mit vereinfachten Darstellungen der Wirklichkeit, sogenannten Modellen, arbeitet. Auch wenn dies auf den ersten Blick abstrakt wirken mag, müssen
diese Konzepte keineswegs kompliziert oder gar mathematisch sein. Der grosse Vorteil solcher Konzepte ist, dass man verschiedenste Fragestellungen mit dem gleichen
Instrument behandeln kann. Hat man einmal die Grundideen erfasst, lässt sich mit
diesen einfachen Denkmodellen viel mehr vom Wirtschaftsgeschehen verstehen
und einordnen, als wenn man Hunderte von Seiten mit wirtschaftlichen Fakten auswendig lernen würde.
Das Kapitel ist wie folgt aufgebaut:
1.1 zeigt, anhand welcher Grössen der wirtschaftliche Erfolg eines Landes messbar ist.
1.2 beschreibt die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz im internationalen
Vergleich.
1.3 diskutiert die Untersuchungsgegenstände der Volkswirtschaftslehre und verdeutlicht, worum es bei der Mikroökonomie und der Makroökonomie geht.
1.4 erläutert das Knappheitsproblem, das im Zentrum der volkswirtschaftlichen
Analyse steht. Dabei lernen wir die beiden wichtigen Konzepte «Anreize»
und «Opportunitätskosten» kennen.
1.5 erklärt, wie aus den Bedürfnissen der Menschen die Nachfrage entsteht. Daraus leiten wir die Nachfragekurve ab, die den Zusammenhang zwischen dem
Preis eines Gutes und der Nachfrage nach diesem Gut abbildet.
1.6 erläutert die Rolle der Produktionskosten für die Analyse des Angebots. Daraus leiten wir die Angebotskurve ab, die den Zusammenhang zwischen dem
Preis eines Gutes und dessen Angebot darstellt.
1.7 führt Angebot und Nachfrage zusammen und erläutert, wie ein Markt funktioniert.
1.8 schliesslich präsentiert als einfache Darstellung der Gesamtwirtschaft den
sogenannten Wirtschaftskreislauf. Dieser zeigt die Güter- und Geldflüsse
zwischen Haushalten, Unternehmen, dem Staat und dem Ausland.
15
Wie beurteilt man die wirtschaftliche Situation eines Landes?
1.1
Wie beurteilt man die wirtschaftliche Situation
eines Landes?
Nehmen wir an, Sie hätten den wirtschaftlichen Zustand eines Landes anhand
einiger weniger Informationen zu beurteilen. Sie müssten also etwas unheimlich
Komplexes – die Situation einer Gemeinschaft von Millionen Menschen – auf ein
paar wenige Daten verdichten. Und diese sollten so ausgewählt sein, dass sie ein
einigermassen informatives Bild über das wirtschaftliche Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger zeichnen. Die wichtigste Voraussetzung zur Lösung dieser Aufgabe ist, zu definieren, was eigentlich den wirtschaftlichen Erfolg eines Landes
ausmacht. Und über die Kriterien, anhand derer dies gemessen werden soll, sollte dabei nicht nur eine gewisse Einigkeit herrschen, sondern sie müssen auch
einigermassen klar definiert und messbar sein.
Wenn wir vom Einzelnen ausgehen, so sind es vor allem zwei Dinge, die sein
wirtschaftliches Wohlbefinden entscheidend beeinflussen, nämlich der materielle Wohlstand und die Beschäftigungssituation. Erstens wird die Lage dann positiv
beurteilt, wenn man sich möglichst viele und qualitativ hochstehende materielle
und andere Güter leisten kann und wenn sich die Situation in dieser Hinsicht über
die Zeit verbessert. Damit sind die Höhe und das Wachstum des Einkommens von
Bedeutung. Zweitens ist die Möglichkeit, überhaupt ein Einkommen zu erzielen,
wichtig. Diese hängt entscheidend davon ab, ob Arbeitswillige tatsächlich eine
Stelle finden können. Betrachten wir also eine Volkswirtschaft insgesamt, so sind
der durchschnittliche Wohlstand und die Beschäftigungssituation ohne Zweifel
bedeutende Kriterien zur Beurteilung ihres Erfolges. Sie stellen auch insofern unbestrittene Ziele dar, als kaum jemand ein tieferes Einkommen oder eine höhere
Arbeitslosigkeit als positiv beurteilen würde. Wie bedeutend die beiden Kriterien
sind, lässt sich an einem bekannten Beispiel illustrieren: Den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl kann man mit zwei Informationen praktisch sicher
prognostizieren, nämlich dem Wirtschaftswachstum und der Arbeitslosigkeit im
Wahljahr. Entwickeln sich diese beiden Grössen in die gewünschte Richtung, so
kann der Präsident bzw. der Kandidat seiner Partei so gut wie sicher damit rechnen, gewählt zu werden. Die Entwicklung von Wohlstand und Beschäftigung bestimmt also sehr stark, wie die Situation in einem Land beurteilt wird.
Daneben fliessen in die Beurteilung des wirtschaftlichen Erfolgs eines Landes in
der Regel zwei weitere Faktoren ein, die direkter auf die Wirtschaftspolitik der Behörden zurückzuführen sind: einerseits die Preisstabilität und andererseits der Zustand der öffentlichen Finanzen. In normalen Zeiten sind diese beiden Faktoren
bei der Beurteilung sicher weniger bedeutend als Wohlstand und Beschäftigung.
Laufen aber die Preisstabilität oder die öffentlichen Finanzen aus dem Ruder, so
erhalten sie rasch grosse Wichtigkeit. Ist die Preisstabilität nicht gewährleistet,
dann kann das die Wirtschaftstätigkeit in einem Land empfindlich stören. Besonders drastisch sind etwa die Effekte einer Hyperinflation, also einer sehr raschen
Entwertung des Geldes; erlebt ein Land eine solche Situation, so wird die Preisstabilität sofort zum alles überragenden wirtschaftspolitischen Ziel. Ähnlich drastisch können die Effekte einer Zerrüttung der Staatsfinanzen sein, dann nämlich
wenn ein Staat über Jahre ein Defizit erwirtschaftet und sich dadurch die Staats-
16
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
verschuldung – und damit die Kosten ihrer Finanzierung – stark erhöht. Die dramatische Situation Griechenlands im Frühjahr 2010 zeigte die Kosten zerrütteter
Staatsfinanzen deutlich auf.
Aus dieser Diskussion folgt, dass man die wirtschaftliche Situation eines Landes
anhand von vier Grössen, die relativ direkt messbar sind, schon ziemlich gut abschätzen kann:
¨ Wohlstand
Materieller Lebensstandard in einer Volkswirtschaft.
¨ Beschäftigung
Anteil der Personen im
erwerbsfähigen Alter, die
einer bezahlten Arbeit
nachgehen.
¨ Preisstabilität
Situation, in der die Preise
aller Güter weder übermässig steigen (Inflation)
noch fallen (Deflation).
¨ Staatsverschuldung
Alle Schulden der öffentlichen Haushalte.
1.2
I
I
I
I
Wohlstand,
Beschäftigung,
Preisstabilität,
Staatsverschuldung.
In allen vier Fällen ist dabei nicht nur der momentane Zustand von Bedeutung,
sondern auch die Entwicklung über die Zeit, beim Wohlstand also etwa das Wirtschaftswachstum.
Im weiteren Verlauf des Buches werden wir uns vertieft mit diesen vier Themen
auseinandersetzen. Jedem ist dabei ein eigenes Kapitel gewidmet. Kapitel 3
(«Wachstum und Konjunktur») befasst sich mit dem Wohlstand, Kapitel 4 («Beschäftigung und Arbeitslosigkeit») mit der Beschäftigung, Kapitel 5 («Geld, Banken und Inflation») mit der Preisstabilität und Kapitel 6 («Staatsfinanzen») mit der
Staatsverschuldung. Wir werden dabei auch sehen, dass zwischen der Entwicklung dieser Grössen starke Zusammenhänge bestehen: Wirtschaftlich erfolgreiche
Länder sind meist in allen vier Dimensionen erfolgreich.
Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
Um das Ganze etwas konkreter zu machen, wollen wir zum Einstieg an einem Beispiel illustrieren, wie sich die wirtschaftliche Situation eines Landes anhand der
genannten vier Kriterien beurteilen lässt. Dazu betrachten wir die längerfristige
Entwicklung der Schweizer Volkswirtschaft und vergleichen diese mit anderen
Ländern. Wir werden dabei nicht alles im Detail erklären, sondern eine illustrative Übersicht – einen ersten Einstieg also – zu den Themen geben, die uns in den
folgenden Kapiteln vertieft beschäftigen werden. Alle Begriffe und Konzepte, die
wir hier nur anschneiden, werden später genauer definiert und erläutert.
Wir betrachten in den folgenden Abschnitten immer zuerst die Situation in der
Schweiz und stellen dann diese der Lage in drei Vergleichsländern – Deutschland,
Österreich und den USA – gegenüber.
17
Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
1.2.1
Wohlstand: Reiche, aber nicht sehr
dynamische Schweiz
Als Erstes betrachten wir den wirtschaftlichen Wohlstand der Schweiz und seine
Entwicklung über die Zeit. Man misst dies mit dem sogenannten Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf der Bevölkerung. Diese Grösse weist aus, wie viele Güter und
Dienstleistungen in der Schweiz während einem Jahr pro Einwohner produziert
werden.
Die Schweiz galt lange Zeit zu Recht als reichstes Land der Erde. Obwohl in den
letzten Jahrzehnten dieser Wohlstandsvorsprung geschmolzen ist, gehört die
Schweiz nach wie vor zu den wohlhabendsten Ländern.
zeigt die langfristige Entwicklung des realen Schweizer Bruttoinlandproduktes (BIP) pro Kopf. Zunächst lässt sich hier zweierlei feststellen: Erstens
stieg das Bruttoinlandprodukt während des gesamten 20. Jahrhunderts tendenziell
an, und zweitens verlief die Entwicklung nicht gleichmässig, sondern wies bedeutende Schwankungen auf. Wir erkennen hier zwei grundlegende Phänomene
der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung jeder Volkswirtschaft:
Abbildung 1.1
I
I
Das Trendwachstum: Langfristig erhöht sich das Bruttoinlandprodukt stetig.
Die Konjunkturschwankungen: Kurzfristig verläuft dieses Wachstum ungleichmässig.
Für die Wohlstandsentwicklung eines Landes sind die Konjunkturschwankungen
weniger wichtig als das langfristige Trendwachstum. Betrachtet man Abbildung 1.1,
so scheint es sozusagen ein Naturgesetz zu sein, dass das reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf stetig wächst. Tatsache ist aber, dass das BIP pro Kopf bis etwa zu
Beginn des 19. Jahrhunderts über Jahrtausende hinweg in der Schweiz und den
anderen heutigen Industrieländern kaum gewachsen ist, sondern über sehr lange
Zeit praktisch unverändert geblieben war. Erst seit der industriellen Revolution
weist das BIP diesen expliziten Trend nach oben auf.
Für die in Abbildung 1.1 abgetragene Periode von 1899 bis 2006 können wir in der
Schweizer Wirtschaftsentwicklung ganz grob drei Phasen unterscheiden:
Während der ersten Phase bis Mitte der 1940er-Jahre beobachten wir ein relativ
geringes Wachstum, das sich nach dem Ersten Weltkrieg etwas beschleunigte, bevor es nach dem weltweiten Börsencrash von 1929 zurückging und dann einer
längeren Stagnation Platz machte. Der Wachstumstrend verlangsamte sich damals
in den meisten Ländern deutlich.
Eine zweite Phase begann nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, Mitte der
1940er-Jahre. Während dieser Zeit beschleunigte sich das Wachstum spürbar: Das
Durchschnittswachstum lag viel höher als in der Phase zuvor. Diese Wachstumsphase dauerte bis zum Beginn der 1970er-Jahre.
Die dritte Phase ab Anfang der 1970er-Jahre begann mit einem scharfen Einbruch.
Über die ganze Periode betrachtet, handelte es sich nur um einen kurzen Zeitabschnitt, doch in diesen Jahren wurde der BIP-Rückgang als ein einschneidendes
Ereignis empfunden. Allgemein lässt sich feststellen, dass Konjunktureinbrüche in
einer langfristigen Betrachtung lediglich kleine, von Auge kaum wahrnehmbare
Rückgänge eines trendmässig wachsenden BIP darstellen. Während der Rezessions18
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
Abb. 1.1
Reales BIP pro Kopf der Schweiz zu Preisen von 2000 (in CHF)
70 000
60 000
50 000
40 000
30 000
20 000
10 000
2009
2004
1999
1994
1989
1984
1979
1974
1969
1964
1959
1954
1949
1944
1939
1934
1929
1924
1919
1914
1909
1904
1899
0
Quelle: Maddison, Angus; www.ggdc.net /maddison
phase selbst jedoch beherrscht der temporäre Einbruch die wirtschaftspolitische
Debatte. Bis Ende der 1980 er-Jahre wuchs die Schweizer Wirtschaft dann nach
wie vor, aber von blossem Auge ist erkennbar, dass die Wachstumsrate tiefer lag
als in den Nachkriegsjahren. Dieser Rückgang der Wachstumsdynamik verstärkte
sich in den 1990er-Jahren, bevor sich dann aber im ersten Jahrzehnt des neuen
Jahrtausends das Wachstum erhöhte. Die Effekte der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise zeigen sich an der deutlich negativen Wachstumsentwicklung im
Jahr 2009.
Wie nimmt sich nun der Schweizer Wohlstand im internationalen Vergleich aus?
Abbildung 1.2 zeigt uns für 2008 das reale Bruttoinlandprodukt pro Kopf der Schweiz
im Vergleich zu unseren beiden wichtigsten Handelspartnern (Deutschland und
die USA) sowie zu unserem ähnlich grossen Nachbarland Österreich.
Um das tatsächliche Wohlstandsniveau vergleichen zu können, wird das BIP pro
Kopf einerseits in eine Währung umgerechnet (US-Dollar ) und andererseits kaufkraftbereinigt. Mit der Kaufkraftbereinigung wird berücksichtigt, dass die Preise
der Güter und Dienstleistungen in den verschiedenen Ländern unterschiedlich
hoch sind. Für die Schweiz mit ihrem hohen Preisniveau bedeutet dies, dass mit
dem in Dollar ausgedrückten Einkommen weniger gekauft werden kann als in den
anderen Ländern. Mit der Kaufkraftbereinigung ist das Schweizer BIP im internationalen Vergleich tiefer, als wenn wir es einfach in Dollar ausdrücken würden.
Wie Abbildung 1.2 zeigt, ist die Schweiz auch unter Berücksichtigung der hohen
Preise ein reiches Land. Selbst in dieser Gruppe besonders wohlhabender Länder
belegt sie einen Spitzenplatz. Einzig die USA weisen ein höheres kaufkraftbereinigtes BIP pro Kopf auf, die anderen betrachteten Länder lässt die Schweiz dagegen
hinter sich.
19
Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
Abb. 1.2
Reales BIP pro Kopf 2008, kaufkraftbereinigt (in US-$)
50 000
45 000
40 000
35 000
30 000
25 000
20 000
15 000
10 000
Deutschland
5 000
Österreich
USA
0
Quelle: OECD
Der Wohlstandsvorsprung der Schweiz hat in den letzten Jahrzehnten schrittweise abgenommen. Grund dafür ist das im Quervergleich tiefere Wachstum der
Schweizer Wirtschaft seit Beginn der 1970 er-Jahre.
1.2.2
Beschäftigung: Tiefe Schweizer Arbeitslosigkeit
Das zweite zentrale Kriterium zur Beurteilung der wirtschaftlichen Situation betrifft die Lage auf dem Arbeitsmarkt und hier insbesondere die Entwicklung der
Arbeitslosigkeit. Gemessen wird dies mit der sogenannten Arbeitslosenquote,
die ausweist, welcher Prozentsatz der erwerbswilligen Personen keine Arbeit
findet.
Auch in Bezug auf die Arbeitslosigkeit war die Schweiz im internationalen Vergleich während langer Zeit ein ausgeprägter Sonderfall im positiven Sinne; und
sie ist es weitgehend auch heute noch.
zeigt, dass die Arbeitslosenquote der Schweiz seit Beginn der 1970erJahre einen bemerkenswerten Verlauf nahm. In der Zeit vor den 1990er-Jahren
überschritt die Arbeitslosigkeit in der Schweiz kaum je die 1% -Grenze. Eine solche Arbeitslosenquote ist im internationalen Vergleich ungewöhnlich tief. In den
meisten Ländern würde man hier von massiver Überbeschäftigung sprechen, ist
es doch in einer arbeitsteiligen und dynamischen Wirtschaft normal, dass sich
immer ein gewisser Teil der Erwerbsbevölkerung auf Stellensuche befindet.
Abbildung 1.3
Zu Beginn der 1990er-Jahre beobachten wir dann aber einen deutlich erkennbaren Bruch. Anders als in der Rezession der 1970er-Jahre wirkte sich der gesamtwirtschaftliche Rückgang diesmal massiv auf die Beschäftigung aus. Innerhalb
kurzer Zeit, etwa von 1990 bis 1992, schoss die Arbeitslosenquote in die Höhe,
von unter 1% auf beinahe 5 %. Dies entspricht einer Verfünffachung – im internationalen Vergleich ein ungewöhnlicher Vorgang. Zwar darf man bei 5 % immer
noch von einer vergleichsweise moderaten Arbeitslosenquote sprechen. Aufgrund
der starken Zunahme empfand die Schweizer Bevölkerung diese Arbeitsmarktverschlechterung jedoch als einschneidendes Ereignis.
20
Schweiz
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
Die Arbeitslosigkeit verharrte dann bis etwa 1997 auf hohem Niveau, und es gab
Phasen, während denen die 5 %-Marke sogar überschritten wurde. Bemerkenswert ist aber, dass die Arbeitslosigkeit anschliessend wieder stark zurückging.
Dazu genügte bereits ein relativ unspektakulärer wirtschaftlicher Aufschwung.
Zwischen 1997 und Ende 1999 sank die Arbeitslosenquote von über 5 % auf weniger als 2 % – was fast ebenso aussergewöhnlich war wie der vorhergehende starke
Anstieg. Viele Beobachter hatten der Schweiz Mitte der 1990er-Jahre prophezeit,
dass die tiefen Arbeitslosenquoten Sache der Vergangenheit seien und man sich
auf «europäische» Quoten von 5 % und höher einstellen müsse. Das hat sich mit
der Entwicklung von 1997 bis 2000 als falsch erwiesen. Der Schweizer Arbeitsmarkt hat gezeigt, dass er wirksam neue Arbeitsplätze schaffen kann und dass die
durchschnittliche Arbeitslosigkeit in der Schweiz nach wie vor relativ tief liegt.
Seit 2001 ist die Arbeitslosigkeit allerdings wieder angestiegen. Sie hat zwar nicht
die Rekordwerte der 1990er-Jahre erreicht, hielt sich aber bis Ende 2005 bei
knapp 4 %, bis sie sich dann im Gefolge der sehr guten Konjunkturentwicklung
wieder spürbar zurückbildete. Die Effekte der Finanz- und Wirtschaftskrise sehen
wir am deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit im Jahr 2009.
zeigt für die bereits angesprochene Ländergruppe, dass die Schweiz
im internationalen Vergleich eine ausgesprochen tiefe Arbeitslosenquote aufweist.
Die grossen Nachbarländer der Schweiz – hier durch Deutschland vertreten –
haben bereits seit Langem mit hartnäckig hohen Arbeitslosenquoten von gegen
10 % zu kämpfen. Auf der anderen Seite sind in den angelsächsischen Ländern wie
den USA, aber auch in Österreich die Arbeitslosenquoten ähnlich tief wie in der
Schweiz. Die Zahlen in den Abbildungen 1.3 und 1.4 lassen sich übrigens nicht direkt
vergleichen, da die international vergleichbare Arbeitslosigkeit etwas anders gemessen wird als die offiziellen nationalen Arbeitslosenquoten.
Abbildung 1.4
Abb. 1.3
Arbeitslosenquote in der Schweiz 1971– 2009 (in Prozent)
6
5
4
3
2
1
2009
2007
2005
2003
2001
1999
1997
1995
1993
1991
1989
1987
1985
1983
1981
1979
1977
1975
1973
1971
0
Quelle: Bundesamt für Statistik (BFS)
21
Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
Abb. 1.4
Standardisierte Arbeitslosenquote 1992 –2008 (in Prozent)
12
10
8
6
4
2
■ Deutschland
■ Österreich
■ USA
■ Schweiz
Quelle: OECD
1.2.3
Preisstabilität: Stabiles Schweizer Preisniveau
Die dritte wirtschaftspolitisch bedeutende Grösse ist die Preisstabilität und damit
die Entwicklung der gemessenen Inflation. Gemeint ist hier nicht die Stabilität
einzelner Preise, sondern die Stabilität aller Preise. Diese werden mit dem sogenannten Konsumentenpreisindex gemessen, der die Preise eines repräsentativen
Warenkorbs ausweist. Steigt diese Grösse, so spricht man von Inflation.
zeigt die Inflationsentwicklung für die Schweiz und drei Vergleichsländer in der Periode von 1971 bis 2009.
Abbildung 1.5
Wie die Arbeitslosigkeit weist auch die Inflation in der Schweiz eine markante
Entwicklung auf. Die Inflationsrate ist heute im Durchschnitt wesentlich tiefer und
schwankt weniger stark als noch vor einigen Jahren. Wir sehen, dass von 1971 bis
noch zu Beginn der 1990er-Jahre die Inflationsrate mehrmals die 5 %-Marke überstieg und einmal fast 10 % erreichte. Während dieser Periode war die Inflation also
relativ hoch und schwankte stark. Mitte der 1970er-Jahre sank sie von fast 10 %
auf unter 2 %, um dann gegen Ende der 1980er-Jahre wieder auf 6 % anzuwachsen und Mitte der 1980er-Jahre auf unter 1% zu sinken. Beim letzten grösseren
Aufbäumen der Inflation Ende der 1980er-Jahre erhöhte sie sich dann erneut auf
beinahe 6 %. Im Verhältnis zu anderen industrialisierten Staaten wies die Schweiz
aber auch während inflationären Phasen eine vergleichsweise tiefe Inflationsrate
auf.
Mit dem Beginn der 1990er-Jahre wurde dann eine neue Periode eingeläutet, in
der die Inflationsrate wesentlich tiefer lag und deutlich stabiler blieb. Es überrascht nicht, dass gerade Anfang der 1990er-Jahre die Inflation dermassen sank.
Ein starker Wirtschaftseinbruch und eine steigende Arbeitslosigkeit, wie man sie
in dieser Periode zu verzeichnen hatte, sind regelmässig mit tiefer Inflation verbunden. Wir sehen aber, dass diese Preisstabilität nicht nur während der rezessiven
22
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
1992
0
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
Phase in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre anhielt, sondern dass die Inflationsrate auch nachher die 2 %-Marke nicht mehr überschritt.
Eine solche Preisstabilität, wie sie nun seit mehr als zehn Jahren über alle Konjunkturzyklen hinweg herrscht, ist bemerkenswert. Dieses Phänomen beschränkt
sich aber, wie wir in Abbildung 1.5 erkennen können, nicht auf die Schweiz, sondern
lässt sich in den meisten reichen Ländern beobachten. Seit der Nachkriegszeit und
bis zu Beginn der 1990er-Jahre waren Perioden mit hohen Inflationsraten durchaus üblich, selbst zweistellige Inflationsraten waren in jener Zeit möglich. Diese
hohen und schwankenden Inflationsraten verschwanden jedoch in den 1990erJahren und wichen einer Phase aussergewöhnlicher Preisstabilität.
Die Inflationsrate der Schweiz lag auch innerhalb der betrachteten Ländergruppe
stets relativ tief. Dies gilt auch dann, wenn man den Vergleich auf alle OECDLänder ausdehnt. Die Schweiz gehört weltweit zu den Ländern mit den stabilsten
Preisniveaus.
Abb. 1.5
Inflation 1971– 2009 (in Prozent)
14
12
10
8
6
4
2
0
■ Deutschland
■ Österreich
■ USA
■ Schweiz
2009
2007
2005
2003
2001
1999
1997
1995
1993
1991
1989
1987
1985
1983
1981
1979
1977
1975
1973
1971
–2
Quelle: OECD
23
Die Schweizer Volkswirtschaft als Fallbeispiel
Staatsverschuldung:
Moderate Schweizer Staatsschulden
1.2.4
Der Zustand der Staatsfinanzen stellt die vierte bedeutende gesamtwirtschaftliche
Grösse dar. Wir konzentrieren uns dabei auf die Staatsverschuldung als ein Mass
für die Nachhaltigkeit der Staatsfinanzierung. Denn laufend wachsende Schulden
sind letztlich ein Zeichen dafür, dass ein Land nicht in der Lage ist, seine Staatsausgaben mit ordentlichen Staatseinnahmen zu finanzieren. Die Folge sind permanente Budgetdefizite, die mit Kreditaufnahmen auf dem Kapitalmarkt – also mit
zunehmender Verschuldung – gedeckt werden müssen.
zeigt die Entwicklung der Verschuldungsquote, also der Staatsschulden in Prozent des BIP für die Schweiz ( Bund, Kantone und Gemeinden zusammengezählt ) und drei Vergleichsländer.
Abbildung 1.6
Die Verschuldungsquote war in der Schweiz von 1971 bis Ende der 1980er-Jahre stabil, ja sogar leicht rückläufig. Anfang der 1990er-Jahre wurde eine Verschuldungsquote von etwa 30 % erreicht. Im Verlauf der nächsten zehn Jahre aber erhöhte sich diese Quote stark von 30 % auf mehr als 50 %, was auch auf die
schwierige Wirtschaftslage in den 1990er-Jahren zurückzuführen war. Zu dieser
Zeit herrschten ja, wie wir bereits gesehen haben, eine Rezession und steigende
Arbeitslosigkeit. Eine solche Situation ist typischerweise mit einem Budgetdefizit
und folglich mit steigender Verschuldung verbunden. Ende der 1990er-Jahre war
mit der Verbesserung der Wirtschaftslage ein leichter Rückgang der Verschuldungsquote zu verzeichnen. Seither scheint der Trend zu steigender Verschuldung
gebrochen und die Schweiz bleibt inzwischen deutlich unter der 60 % -Marke.
Diese ist im internationalen Vergleich eine wichtige Schwelle. Die Länder, die
der Europäischen Währungsunion beitreten wollen, müssen eine Verschuldungs-
Abb. 1.6
Verschuldungsquote 1990 – 2009 (Staatsschulden in Prozent des BIP)
90
80
70
60
50
40
30
■ Deutschland
■ Österreich
■ USA
■ Schweiz
Quelle: OECD
24
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998
1997
1996
1995
1994
1993
1992
1991
1990
20
1
Themen und Konzepte der Volkswirtschaftslehre
quote von 60 % oder weniger vorweisen. Obwohl diese 60 %-Marke letztlich eine
relativ willkürlich gewählte Grösse ist, wird sie heute als eine Art internationaler
Benchmark betrachtet, jenseits dessen die Verschuldungssituation als kritisch
erachtet wird.
Im internationalen Vergleich fällt auf, dass die Schweiz zu Beginn der 1990erJahre die tiefste Verschuldungsquote aufwies. Mit dem Anstieg in den darauf
folgenden Jahren verschlechterte sich die relative Situation der Schweiz dann
spürbar und stabilisierte sich anschliessend wieder; trotz dieses Anstiegs in den
letzten Jahrzehnten liegt die Quote im internationalen Vergleich auch heute noch
vergleichsweise tief; in den letzten Jahren war sie gar deutlich rückläufig.
Verschuldungsquoten von über 100 % des BIP sind im Übrigen auch in reichen Industrieländern durchaus möglich. Ein problematischer Fall ist beispielsweise Japan, das in der sehr schwierigen Wirtschaftslage der 1990er-Jahre versucht hat,
die Wirtschaft massiv mit staatlichen, über Verschuldung finanzierten Programmen zu stimulieren. Die Verschuldung explodierte geradezu und liegt heute bei
über 200 % des Bruttoinlandproduktes, was die Staatsfinanzen enorm belastet. Bei
einem so hohen Schuldenstand verschlingen bereits die Zinszahlungen einen wesentlichen Teil des staatlichen Budgets. Wie wir in Abbildung 1.6 sehen, führt die
Finanz- und Wirtschaftskrise in vielen Ländern – nicht aber in der Schweiz – zu
steil ansteigenden Verschuldungsquoten.
1.3
Was wird in der Volkswirtschaftslehre analysiert?
¨ Ressourcen
Materielle oder immaterielle Mittel, die für die
Produktion von Gütern
und Dienstleistungen
oder zur Befriedigung von
Konsumbedürfnissen verwendet werden können.
¨ Anbieter
Wirtschaftliche Akteure,
die Güter oder Dienstleistungen auf einem
Markt zum Verkauf anbieten.
¨ Nachfrager
Wirtschaftliche Akteure,
die Güter und Dienstleistungen erwerben möchten und auf einem Markt
als Käufer auftreten.
Bevor wir uns mit den zentralen Konzepten zu befassen beginnen, müssen wir uns
fragen, welche Themen die Volkswirtschaftslehre damit eigentlich behandeln
möchte. Das heisst, wir müssen uns zunächst einmal über den Untersuchungsgegenstand im Klaren werden. Vereinfacht kann man dabei drei eng miteinander
verbundene Ebenen unterscheiden:
I
I
I
Erstens befasst sich die Volkswirtschaftslehre mit den Entscheiden einzelner
Menschen,
zweitens analysiert sie das Zusammenspiel von Menschen in vielfältigen wirtschaftlichen Beziehungen auf sogenannten Märkten,
drittens schliesslich beschäftigt sie sich mit der Gesamtwirtschaft, also mit der
zusammengefassten Betrachtung all dieser Entscheide und Märkte.
Die Basis jeder wirtschaftlichen Analyse bilden die Entscheide von Einzelnen.
Weil wir nicht im Schlaraffenland leben, stehen jeder und jedem von uns nicht
unendlich viele Ressourcen zur Verfügung. Wir müssen also laufend zwischen
Alternativen entscheiden. Soll ich ins Kino oder ins Restaurant gehen ? Kaufe ich
mir einen MP3-Player oder ein paar Bücher ? Soll ich morgen Nachmittag Fussball
spielen gehen oder noch zwei Stunden lernen ? Bei derartigen Entscheiden vergleichen wir – bewusst oder unbewusst – Kosten und Nutzen verschiedener Alternativen. Die Volkswirtschaftslehre liefert die Grundlagen für die Analyse solcher
Entscheide. Dabei unterscheidet sie zwei Personengruppen: Anbieter und Nachfrager. Die Anbieter müssen sich entscheiden, wie sie ihre Mittel einsetzen, um
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