20141027-Autismus-01-Poustka

Werbung
Autistische Störungen: Von der Diagnose zur Therapie – eine kurze
Einführung.
Fritz Poustka
Ehem. Direktor der
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
des Kindes- und Jugendalters
J.W.Goethe Universität Frankfurt
[email protected]
DSM-5 Autismus Spektrum Störung (ASS):
• 1) Klinisch bedeutsame, persistierende Defizite der sozialen
Kommunikation und Interaktion,
in allen drei Punkten, manifestiert durch:
• a) deutliche Defizite der nonverbalen und verbalen
Kommunikation der sozialen Interaktion
• b) mangelnde soziale Gegenseitigkeit
• c) Mangel, Beziehungen zu Gleichaltrigen zu entwickeln und
aufrecht zu erhalten, die dem Entwicklungsalter angemessen
sind
DSM-5: ASS
• 2) Restriktive, repetitive Verhaltensmuster, Interessen und
Aktivitäten in mindestens 2 der folgenden 3 Punkte:
• a) stereotypes motorisches oder vokales
Verhalten,
• b) exzessives Festhalten an Routinen und
ritualisierten Verhaltensmustern,
• c) restriktive und fixierte Interessen.
• 3) Die Symptome müssen bereits seit der frühen Kindheit
bestehen
• sie könnten sich aber auch erst dann vollständig manifestieren, bis
soziale Anforderungen den Mangel an begrenzten Kapazitäten
übersteigen.
Häufigste einzelne Symptome
• Fehlender Blickkontakt*, Probleme der Imitation*,
• häufig verlangsamte Sprachentwicklung,
• keine Kompensation durch averbale Mimik, Gestik, Tonfall (mangelnde Prosodie), fehlende Sprache
bei 1/3 der Kinder, Echolalie, neologische Wortbildungen,
• Probleme der Kommunikation: Konversation zu beginnen, zu halten
• Repetitive und stereotype Sprache,
• Schwierigkeiten Emotionen anderer Leute / Situationen zu verstehen,
• sich eine Vorstellung zu machen (Theory of Mind – ToM - Defizite)
• Abnormes Festhalten an bestimmten Themen,
• An Details, statt am Ganzen, Haften an Nicht-funktionalen Routinen und Ritualen
• Abnorme Interessen an sensorischen Eindrücken / engbegrenzten Spezialinteressen
• Repetitive motorische Manierismen* / Interesse an Berühren, Geschmack, Geruch von Dingen oder
Menschen
• * prognostisch bedeutsam
Dimensionales Rating für DSM5
ASS
Soziale Kommunikation
Fixierte Interessen und
Repetitives Verhalten
Sehr hohe Unterstützung
notwendig
Minimale soziale Kommunikation
Bedeutsame Störung im
täglichen Leben
Substantielle
Unterstützung notwendig
Bedeutsame Defizite mit begrenzten
Kontaktaufnahmen und reduzierten
oder atypische Reaktionen
Offensichtliche zu
beobachten und
situationsübergreifend
Benötigt Unterstützung
Hat ohne Unterstützung einige
bedeutsame Defizite
Bedeutsame Störungen
mindestens in einem
Kontext
Subklinische Symptomatik
Einige Symptome in diesem oder
beiden Bereichen; keine bedeutsame
Beeinträchtigung
Normale Variation
Mögliche ungewöhnliche
Verhaltensweisen oder isoliert, aber
innerhalb normaler Variationen
Ungewöhnlich oder
exzessiver, aber ohne
Störungen
Verhalten innerhalb
normaler Variationen ohne
Störung im Alltag
Ursachen bei ASS (nicht syndromal)
• Genetische Bedingungen,
• 10 % wahrscheinlich Spontenmutationen
• Etwa 1000 Gene mit jeweils geringen Defekten weltweit identifiziert
• Häufig Synaptopathie,
• die zu Störungen der Konnektivität zwischen Hirnpartien führen
• Mendelt nicht, keine familiären Stammbäume,
• Geschwister in 2-10% betroffen
• Hohe Differenz im Vorkommen des Autismus zwischen ein- und zweieiigen
Zwillingen = wenig Umwelteinflüsse
Leo Kanner 1896 – 1981
1943: „Autistische Störungen
des affektiven Kontakts“
Hans Asperger 1906 – 1980
1944: „Die autistischen
Psychopathen im Kindesalter“
Fombonne. 2005
L. Wing:
Asperger
Syndrome
Fombonne 2005
Häufigkeit und Prognose
• 1%-1,5% der Kinder und Jugendlichen
• Geistige Behinderung bei 1/3 – 1/2 aller Betroffenen
• Früher: 3/4 - 4/5 aller Betroffenen
• Ursachen der höheren Hfgk.:
• Bessere Klassifikation,
• bessere Aufklärung der Experten und Betroffenen
• Spezifische Hilfe ist häufiger möglich
Diagnostik
Untersuchungsinstrumente
(derzeitiger Standard)
• Screening: FSK / SRS
• ADI-R (Lord C, Rutter M, Le Couteur A., 1994, dt. Adaptation
und Validierung v. Poustka F. et al. 1996)
• strukturiertes, semistandardisiertes, untersuchergeleitetes
Interview mit der Bezugsperson (vorgegebene Kodierung
von 117 items und 40, die die Diagnose etablieren)
• ADOS (Lord, C.; Rutter, M.; DiLavore, P, 1996, dt. Bölte S. &
Poustka F.)
• strukturiertes Beobachtungsinstrument für verschiedenes
Sprachvermögen und Alter
• ADOS II in Bearbeitung mit Toddler-ADOS (Poustka, L. et al.
• Anwendbar ab 12. Monat
Nachuntersuchung (Bennett, Szatmari et al. 2014)
330 Kinder (Alter b. Diagnose 44-37 Monate alt)
3 Gruppen: nur ASD/ LI= mit Sprachstörung/ ID= mit intellektueller Beeinträchtigung
Soziale Kompetenz gemessen mit Vineland II
Prognose – Nachuntersuchung
(DK Anderson DK, JW Liang, C. Lord, 2014)
• Erstuntersuchungen mit 2 und 3 Jahre alten Kindern N=
213
• Nachuntersuchung 17 Jahre später (N=113)
• 19,9% ohne Diagnose von ASD!
• sehr guter Verlauf: Diese Kinder hatten mehr Therapie und
eine höhere Reduktion im repetitiven Verhalten zwischen 2.
und 3. L.Jahren
• Im Gegensatz zu Kindern mit VIQ >=70
Therapien
• Verhaltenstherapien in Form der ABA (Applied Behavior Analysis) am
besten evaluiert.
• Wird in verschiedenen Settings angewandt
• Auch in Schulen und Gruppen, meist in Familien
• Theorie of Mind – Training / TEACCH
• Beispiele neuer deutschspr. Therapien:Gruppen: KONTAKT, SOSTA (in Gr.); FIPP
KONTAKT: Herbrecht E., Bölte S., Poustka F. Frankfurter Kommunikations- und soziales Interaktions-Gruppentraining bei AutismusSpektrum-Störungen, Hogrefe 2007
SOSTA: Cholemkery H., Freitag C. Soziales Kompetenztraining für Kinder und Jugendliche, ISBN 978-3-621-28200-2014 Beltz
Verlag, Weinheim Basel
FIPP: Freitag C, Feineis-Matthews S, Valerian J., Teufel K, Wiker C. Frankfurter Früh-Interventionsprogramm für
Vorschulkinder mit Autismus-Spektrum-Störung: In Vorbereitung.
Absolut notwendig sind im Abstand von 6-12 Monaten wiederholte
Untersuchungen zur Einschätzung der Wirksamkeit der angewandten
Therapien: Gibt es eine Annäherung an die Norm? (Aufholen?)
• Ausprägung der Kernsymptomatik des Autimus
• Rezeptive und expressive Sprache
• Entwicklungsniveau / IQ
• Komorbidität, am häufigsten:
• soziale Ängste,
• Störungen der Aufmerksamkeit und Konzentration,
• Aggressionen
Kosten
• Familienbasierte verhaltenstherapeutische Vorgangsweisen
(EIBI -- early intensive behavioural intervention ):
• benötigen etwa 20-30 bis 40 Stunden pro Woche für mindestens 2 Jahre.
• Vergleichsstudien mit in Kindergärten implementierten Therapien mit
klaren Therapieprogrammen* benötigen ca. 5 Stunden / Woche weniger,
• entlasten aber die Familien, wenn auch elternbegleitende Vorgangsweisen nötig
erscheinen.
• Die Kosten werden dabei z. B. in Großbritannien von kommunalen Trägern
unterstützt
• Sie betragen um die 15 – 20 Tausend Pfund pro Jahr (umgerechnet 19 - 25 Tausend
Euro / Jahr)
* Magiati I, Charman T, Howlin P. A two-year prospective follow-up study of community-based early intensive behavioural intervention and
specialist nursery provision for children with autism spectrum disorders.J. Child Psychol. Psychiat. 84, 8, 2007, pp 803-812.
Ausbildung von Therapeuten
ist dringend notwendig:
• Geregeltes Studium: BA mit MA
• Für chronische, psychische Erkrankungen mit Beginn im Kindesalter
• Nicht nur für ASS ausschließlich
• Begründung
• Bedarf reicht derzeit bei weitem nicht aus
• Hohe Komorbiditäten, hohe Überschneidungen mit syndromalen Autismus:
• z.B. Rett-Syndrom, Fragiles-X, tuberöse Hirnsklerose u.a.m.
• Soziale Phobie, Hyperkinetische Störung der Aggression, isolierte, schwere
Sprachentwicklungsverzögerung
• Mit und ohne intellektuelle Behinderung
Konklusion
• Probleme
• der Emotionserkennung beim Autismus
• zeigt tiefgreifende zerebrale Störungen (u.a. visuell
und auditiv) der „Konnektivität“, und fehlende
„Spiegelneuronen“
• Wahrscheinlich liegen dem ASS genetisch
bedingte Fehlsteuerungen
• der Migration der Nervenzellen in verschiedenen
Regionen des Gehirns zugrunde
• Keine medikamentöse TH. derzeit möglich
• gegen die Autismus-Kernsymptomatik
• Frühes, langwieriges Training ist hilfreich
(Kompensationsmechanismen!),
• und kann wahrscheinlich den Defekt in bestimmten
Fällen verbessern oder auch bewältigen und zur
besseren Teilhabe
am Leben führen.
Herunterladen