Dresden – Darmstadt – Paris

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LEITUNG: MICHI GAIGG
LINZ • AUSTRIA
www.lorfeo.com • [email protected]
Dresden – Darmstadt – Paris
Jan Dismas Zelenka (1679-1745)
Hipochondrie à 7 concertanti für 2 Oboen, Fagott, 2 Violinen, Viola und B.c. A-moll
ZWV 187
Christoph Graupner (1683-1760)
Konzert für Oboe, Chalumeau, Viola d’amore, 2 Violinen, Viola und B.c. B-Dur GWV 343
Largo e giusto – Andante – Soave – Allegro
Ouverture für 2 Oboen di selva (Waldoboen), 2 Violinen, Viola und B.c e-moll GWV 442
Ouverture – Rondeau – Menuet – Loure – Air – Gavotte – Gigue
oder:
Ouverture für 2 Flöten, 2 Oboen, 2 Violinen, Viola und B.c Es-Dur GWV 431
Ouverture – Bergerie (Schäferei) – L’Affanno (Die Mühsal): Grave – L’inganno fedele (Die exakte
Täuschung) – Rejouissance (Freudenfest) – Le Contenement (Die Zufriedenheit) – Menuet – Gigue
***
Jean-Philippe Rameau (1683-1764)
Suite aus Zaïs, ballet héroïque (1748)
L’Orfeo Barockorchester
Leitung: Michi Gaigg
Besetzung:
2 Flöten, 2 Oboen, Chalumeau, 2 Fagotte, (2 Hörner,) Streicher 44322, Cemb.
(= 24 (26) Mitwirkende)
Änderungen vorbehalten!
Darmstadt – läge dieser geschichtsträchtige Ort zwischen Odenwald und Oberrheinischer
Tiefebene nicht um 30 km südlich, sondern in etwa halb so weit nördlich der alten
Kaiserstadt Frankfurt am Main, ließe sie sich auch im geographischen Sinne nachziehen, die
Achse Dresden – Darmstadt – Paris, die das L’Orfeo Barockorchester unter seiner Leiterin
Michi Gaigg musikalisch beschreitet.
Seinen Anfang nimmt die Reise in der prachtvollen, mit dem Beinamen Elb-Florenz
bedachten, sächsischen Residenzstadt Dresden zur Zeit des Kurfürsten Friedrich August,
genannt „der Starke“. Dieser ging nicht nur durch seine imposanten Bauvorhaben, seine
Leidenschaft Kunstwerke zu erwerben, den Wechsel zum römisch-katholischen Glauben
und den dadurch ermöglichten Erwerb der polnischen Krone in die Geschichte ein – sein
Hof wurde zum Versammlungsort zahlreicher berühmter Dichter und Denker, Künstler und
Handwerker, Musiker und Komponisten. Zur Gruppe der letzteren zählten solch angesehene
Personen wie Franz Benda, Johann Georg Pisendel, Johann Joachim Quantz und mehrere
Mitglieder der Familie Bach. Von herausragender Bedeutung war auch der aus Launowitz
(heute Louňovice) in Böhmen stammende Jan Dismas Zelenka. Im Jahre 1710 Mitglied der
sächsisch-polnischen Hofkapelle geworden, studierte er von 1716 bis 1719 bei Johann
Joseph Fux in Wien, nahm nach seiner Rückkehr zunächst wieder seinen Platz als
Kontrabassist ein und wurde schließlich 1721 zum Vizekapellmeister der katholischen
Hofkirchenmusik bestellt. Obwohl ihm, was sein neues Betätigungsfeld betrifft, bald eine
Bedeutung zuerkannt wurde, die sich mit derer Johann Sebastian Bachs auf evangelischer
Seite messen konnte, war Zelenka mit seiner Stellung zusehends unglücklich und setzte
alle seine Hoffnung in die Nachfolge des 1729 verstorbenen Hofkapellmeisters Johann
David Heinichen, dessen Position er in den Folgejahren vertrat. Bei der Neubesetzung
wurde ihm 1733 schließlich Johann Adolf Hasse, der aufstrebende Meister der opera seria,
vorgezogen, was zur endgültigen Verstimmung des Böhmen führte. Gerne wird in diesem
biographischen Zusammenhang jenes eigenartige Orchesterstück mit Namen Hipochondrie
gesehen, das im Grunde genommen nichts anderes als eine auf einen Einzelsatz reduzierte
Suite darstellt. Das Werk in der Tonart a-moll, welches zunächst wie eine französische
Ouvertüre beginnt, durchkreuzt an mehreren Stellen die Hörgewohnheiten und überrascht
mit seiner als höchst individuell zu betrachtenden Schlusswendung, einem kurzen, jäh
abbrechenden Lentement.
Das Ansehen, welches dem zu Kirchberg in Sachsen geborenen Darmstädter
Hofkapellmeister Christoph Graupner von Seiten seines langjährigen Dienstgebers, des
Landgrafs Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt entgegen gebracht wurde, scheint im
Vergleich zur Causa Zelenka nicht hoch genug zu bewerten zu sein. Es ging sogar so weit,
dass Graupner, dem ein gemeinsamer Unterricht mit Heinichen bei Johann Kuhnau in
Leipzig zuteil wurde, eine von Georg Philipp Telemann angeregte Kandidatur um den
Posten des Thomaskantors untersagt wurde. (Nur auf diese Weise kam schließlich Johann
Sebastian Bach an die begehrte Stelle.)
Das kompositorische Schaffen Christoph Graupners, das in etwa 1400 Kantaten sowie 260
Orchesterwerke und Kammermusiken umfasst, stellt im Klangspektrum des Spätbarock eine
ganz eigene Facette dar. Sein Erfindungsreichtum und seine Experimentierfreude mit
Klängen, mit Formen und mit Ausdrucksmöglichkeiten zeichnen Graupner als Komponisten
von großer Originalität aus, die sich im Vergleich mit den großen Kollegen seiner Zeit als
geradezu visionär erweist.
Als typisch für den Kompositionsstil Graupners darf, neben einer Vorliebe für Kleinteiligkeit
in der Motivik und aparte Klangkombinationen, die Verwendung außergewöhnlicher
Instrumente angesehen werden. Als Paradebeispiel hierfür mag das Konzert für Oboe,
Chalumeau, Viola d’amore und Streicher gelten, welches uns, spätestens mit dem dritten
seiner vier Sätze, im wiegenden 12/8-Takt gehalten und mit „soave“ (lieblich, süß)
überschrieben, jenen etwas herben Beigeschmack vergessen lässt, den die eingebildete
Krankheit des Herrn Zelenka zurückgelassen hat.
Die Ouvertüre für zwei Oboen di selva – bei Bach tauchen diese seltenen und optisch
seltsam anmutenden Instrumente unter dem Begriff Oboe di caccia auf – schildert etwas
von jenem bunten Treiben, das einst die zahlreichen, gräflichen Jagdschlösser im
hessischen Odenwald belebte – vom feierlichen Einzug über die Jagd zu Pferde bis zum
ausgelassenen Tanzvergnügen nach Sonnenuntergang.
Wenn Jean-Philippe Rameau, der große Neuerer der französischen Oper nach Jean-Baptiste
Lully, ein Bühnenwerk schuf, hielt er sich stets an zwei Grundregeln: Die erste besagt, dass
die Handlung sich in der Musik wiederfinden muss – machte er sich einmal daran mit dem
Komponieren zu beginnen, hatte er schon eine klare Vorstellung vom dramatischen
Geschehen des Werkes. Auf diese Weise konnte er sich schon in der Ouvertüre auf den
Verlauf und auf den Schluss der Geschichte beziehen.
Rameau erreichte die gelungensten Verwirklichungen seiner Ideen in jenen Werken, in
denen er mit dem Librettisten Louis de Cahusac zusammenarbeitete. Die Freiheiten,
welche ihm der Librettist bei der Komposition der instrumentalen Balletteinlagen ließ,
inspirierte Rameau zur Erschaffung von Stücken von bis dahin nicht gekannter dramatischer
Ausdruckskraft. De Cahusac wiederum konnte dank der Genialität des Komponisten die
Tanzsätze, die ehemals als zusammenhanglose, isolierte Stücke in Erscheinung getreten
waren, in das Drama integrieren.
Zu den gelungensten Kooperationen unserer beiden Herren darf die Oper Zaïs, geschrieben
in Form eines ballet héroïque in vier Akten und einem Prolog, gezählt werden:
Zaïs, ein Genius oder guter Geist, verkleidet sich als Schäfer um die Liebe der Schäferin
Zélide zu gewinnen. Nach einer Reihe schwerer Prüfungen, in denen Zaïs unter Beweis
stellt, dass er bereit wäre seine Zauberkunst zugunsten der Liebe aufzugeben, verleiht
Orasmases, König der Genii, Zélide Unsterblichkeit, sodass das Paar schließlich Hochzeit
feiern darf.
Besondere Aufmerksamkeit verdient gewiss die Ouvertüre, ein absolutes Meisterstück an
Klangfarben und Instrumentalbehandlung welche die Entstehung der vier Elemente, Feuer,
Wasser, Erde und Luft aus dem Chaos darstellt und somit den Faden, der einst bei JeanFéry Rebel mit Les Élémens begann und in Haydns Schöpfung sein Ziel erreichte,
weiterspinnen sollte. Doch damit wären sie noch lange nicht ausgefüllt, die Felder dieses
einzigartigen Tongemäldes: Es warten u.a. ein friedlich beschwingtes Menuett, eine Air
(mouvement en chaconne) von geradezu entrückter Schönheit, der heiter-neckende
Auftritt der Elementarwesen sowie zu guter Letzt ein fröhlich ausgelassener Contredanse.
Zaïs, das seine Uraufführung am 29. Februar 1748 in der Pariser Opéra erleben durfte, war
eines der ersten Werke, welches im Zuge der Wiederentdeckung Jean-Philippe Rameaus
durch die historische Aufführungspraxis seinen Weg zurück auf die Bühne gefunden hatte.
Dies ist nun mehr als 30 Jahre her und niemand hat es dem Trio Leonhardt, Kuijken und
Herreweghe bislang gleich getan ... Zeit für eine zweite Renaissance – seien sie herzlich
eingeladen!
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