Rekonstruktion und Visualisierung am Beispiel Pfaffbad

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5. Tagung der DGfGG 2009
C. Leopold
Rekonstruktion und Visualisierung am Beispiel Pfaffbad
Cornelie Leopold (TU Kaiserslautern)
Wie kann ein nicht mehr vorhandenes Gebäude rekonstruiert und visualisiert werden? Diese Frage stand im
Mittelpunkt eines Seminars mit Architekturstudierenden an der TU Kaiserslautern. Als Beispiel wählten wir das
Pfaffbad in Kaiserslautern, das 1912-1924 gebaut und 1975 unter Protesten der Bevölkerung abgerissen wurde.
Ziel war es, das Gebäude aus den Plänen und Fotos zu rekonstruieren und so zu visualisieren, dass das Gebäude
in der heutigen Umgebung vorstellbar wird. Die Vorgehensweise musste unter den Studenten genau koordiniert
werden, da die einen mit den Ergebnissen der anderen weiterarbeiteten. Die Rekonstruktionen der 3D-Modelle
des Gebäudes und des Platzes waren Grundlage sowohl für digitale und physische Modelle als auch für Fotomontagen. Die Vorgehensweise bei der Rekonstruktion und die Ergebnisse der Visualisierung sollen hier vorgestellt werden.
1. Einführung
Rekonstruktion und Visualisierung eines nicht mehr vorhandenen Gebäudes war Thema des Seminars
„Pfaffbad“ des Fachgebietes Darstellende Geometrie und Perspektive im Wintersemester 2007/2008
an der TU Kaiserslautern. Architekturstudierende beschäftigten sich im Rahmen des Wahlpflichtfachs
„Geometrie der Architekturpräsentation“ mit dieser Fragestellung. Thema des Wahlpflichtfachs ist es,
Darstellungsmöglichkeiten von Architektur und deren geometrischen Bedingungen zu erproben. Das
Pfaffbad Kaiserslautern bildete für diese Fragestellung ein passendes Beispiel. Angeregt wurde das
Thema durch Prof. Dr. Matthias Schirren, Fachgebiet Geschichte und Theorie der Architektur, der in
den letzten Semestern mit den Architekturstudierenden über die Architektur Kaiserslauterns arbeitete.
Die sieben Seminarteilnehmer näherten sich dem Thema, indem sie Informationen zum Pfaffbad recherchierten. Die Aufarbeitung der historischen Hintergründe bildete das Ausgangsmaterial. Das
Stadtarchiv und das Referat Stadtentwicklung der Stadt Kaiserslautern stellten uns viele Materialien,
Fotos, Zeitungsberichte, den Katasterplan des Pfaffplatzes und weitere Informationen zur Verfügung.
Ergänzt wurden diese Materialien durch Gespräche mit Zeitzeugen und deren privaten Fotos. Durch
einen Aufruf in der örtlichen Presse konnte Kontakt mit Personen hergestellt werden, die eigene Erinnerungen an das Pfaffbad hatten.
In einem zweiten Teil informierten sich die Studenten über andere Rekonstruktionsbeispiele wie z.B.
die Synagogen in Kaiserslautern und Dresden, das Berliner Stadtschloss, den Heidelberger Schlossgarten und die dort gewählten Visualisierungsarten.
Rekonstruktion des Pfaffbades – Titelblatt [1] - Grafik von Sebastian Stein
Sechs Teilnehmer setzten die
Rekonstruktion und Visualisierung des Pfaffbads um. Die Vorgehensweise musste unter den
Studenten genau koordiniert
werden, da die einen mit den
Ergebnissen der anderen weiterarbeiteten. Die Rekonstruktionen
der 3D-Modelle des Gebäudes
und des Pfaffplatzes waren
Grundlage sowohl für die digitalen und physischen Modelle als
auch für die Fotomontagen, die
das Pfaffbad in die heutige Umgebung versetzen. Im Rahmen
des Seminars mussten wir uns
auf die Rekonstruktion des Gebäudes von außen beschränken.
Die Ergebnisse der Rekonstruktion wurden schließlich zusammen mit Originaldokumenten, Materialien und Fotos im Rahmen einer Ausstellung im Theodor-Zink-Museum in Kaiserslautern, begleitet
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mit einer Broschüre [1] der Öffentlichkeit vorgestellt. Erinnerungen an ein verlorenes Bauwerk mit
hoher architektonischer Qualität sowie Reflektionen zum Umgang mit historischer Bausubstanz und
der Folgen für die Stadtentwicklung konnten damit in Gang gesetzt werden.
2. Historische Hintergründe zum Pfaffbad
Eine kurze Darstellung der Entstehungsgeschichte des Pfaffbades in Kaiserslautern soll den Hintergrund der Rekonstruktionsaufgabe verdeutlichen. Initiiert wurde das Pfaffbad von der Unternehmerfamilie Pfaff bereits vor dem ersten Weltkrieg. Die Stiftung „Pfaffsches Brausebad“, gegründet von
Georg Pfaff und Karolina Pfaff im Jahre 1899, bildete den Ausgangspunkt. Sie wurde mit dem Ziel
gegründet, eine gemeinnützige Badeanstalt mit Duschen und Badewannen in Kaiserslautern in einem
Stadtteil zu errichten, in dem viele Arbeiter der Firma Pfaff lebten. Damit orientierte sich Kaiserslautern am Vorbild anderer Städte, in denen Bäder zur Hygiene und Regeneration der Arbeiter errichtet
wurden. Nach ersten Überlegungen erfolgte 1912 der Beschluss im Stadtrat. Der damalige Stadtbaumeister Ernst Spies (1859-1930) erstellte die Pläne einer Badeanstalt und Kinderkrippe am Wittelsbacher Platz, heute Pfaffplatz genannt, in Kaiserslautern.
Grundriss Obergeschoss des Pfaffbads, Zeichnung von Ernst Spies, 1912, Stadtarchiv Kaiserslautern
Das Grundstück wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt. Nach dem Baubeginn im Jahre 1913
geriet der Bau durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs ins stocken. Im Jahre 1924 konnte das Bauwerk mit Volksbadeanstalt und Kinderkrippe eingeweiht werden. Außen- und Innenaufnahmen des
Gebäudes lassen die sorgfältige detaillierte Planung und Erstellung des Gebäudes im ausgehenden
Jugendstil erkennen.
Fotos des Pfaffbads vom Wittelsbacher Platz, 1924, Stadtarchiv
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Foyer des Pfaffbades, 1924, Stadtarchiv
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Das Bad wurde von der Bevölkerung gut angenommen und überlebte fast unbeschadet den Zweiten
Weltkrieg. Trotz der Entwicklung hin zu einem Heilbad nach dem zweiten Weltkrieg, wurde die Rentabilität des Pfaffbades um 1970 in Frage gestellt. Die Interessen von Investoren für den Neubau einer
Versicherung an dieser Stelle siegten schließlich trotz heftiger Proteste der Bevölkerung und führten
zum Abriss des Gebäudes 1975.
3. Rekonstruktions- und Visualisierungsmöglichkeiten - Konzeptentwicklung
Nach der Erarbeitung der historischen Informationen zum Pfaffbad beschäftigten sich die Studenten
mit anderen Rekonstruktionsbeispielen wie zum Beispiel den Synagogen in Kaiserslautern und Dresden, dem Berliner Stadtschloss und dem Heidelberger Schlossgarten. Die Beispiele wurden hinsichtlich der Rekonstruktionsmethoden abhängig vom vorhandenen Material sowie der personellen und
finanzieller Ressourcen analysiert. Besonders interessant war für uns das Beispiel der virtuellen Rekonstruktion der Synagoge in Kaiserslautern [2] und deren Präsentation auf dem ehemaligen Standort
in der Stadt. Die Überlegungen mündeten in dem Konzept, dass wir das Gebäude des Pfaffbades von
außen aus den vorhandenen Plänen als virtuelles 3D-Modell entwickeln wollten, das in den städtebaulichen Kontext des Pfaffplatzes heute eingebettet werden soll. Die Rekonstruktion verfolgten wir mit
der Zielsetzung, zum einen die architektonische Qualität des abgerissenen Gebäudes zu verdeutlichen
und zum anderen die Folgen des Abrisses für die städtebauliche Entwicklung dieses Platzes aufzuzeigen. Die virtuellen Modelle von Pfaffbad und Pfaffplatz sollten dann die Grundlage bilden, um physische Modelle und Visualisierungen umzusetzen. Um mit nur sechs Studenten im Rahmen eines Wahlpflichtfaches zu einem öffentlichkeitswirksamen Ergebnis zu kommen, war eine koordinierte Konzeptentwicklung erforderlich, wie ohne Redundanz die Umsetzung des Projektes von den Studierenden geleistet werden konnte. Jeweils zwei Studenten beschäftigten sich mit den in drei Bereiche gegliederten Aufgabenstellungen:
Team 1: Modellierung und Herstellung eines digitalen und physischen 3D-Modells des Pfaffbades
Team 2: Rekonstruktion und Visualisierung des Pfaffplatzes im digitalen und physischen Modell
Team 3: Visualisierung der Rekonstruktion des Pfaffbades mittels Renderings und Fotomontagen.
Team 1: 3D-Modell Pfaffbad
Team 2: 3D-Modell Pfaffplatz
Team 3: Visualisierung
Die 3D-Modellierung des Pfaffbads aus den Plänen von 1912 (Team 1) und die 3D-Modellierung des
heutigen Pfaffplatzes aus Stereobildern (Team 2) standen am Anfang, um Grundlagen für die virtuellen und physischen Modelle zu erhalten sowie die Visualisierungen (Team 3) vorzubereiten. Während
der Modellierungsphase konnte das Visualisierungsteam bereits Fotomaterial für Texturen und die
Umgebung sammeln. Durch Gespräche mit Zeitzeugen, die sich auf einen Artikel in der örtlichen
Presse meldeten, konnten die Materialien und Informationen aus dem Stadtarchiv mit Hilfe von Erinnerungen und privaten Farbfotos ergänzt werden.
4. Rekonstruktion und Visualisierung des Pfaffbads
4.1 3D-Modellierung des Pfaffbads
Das 3D-Modellierungsteam des Pfaffbades erarbeitete aus den Plänen von 1912 zunächst das digitale
3D-Modell als einfachen Grundkörper, der zum Einfügen in das städtebauliche Modell des Pfaffplatzes diente sowohl im digitalen als auch im physischen Modell.
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3D-Modellierung des Grundkörpers und Holzmodell des Pfaffplatzes mit Pfaffbad als Gipsplott
Während ein Student des Modellierungsteams das gesamte Gebäude mit Dachdetails, Wasserturm,
Positionierung der Fenster und Türen erarbeitete, modellierte der zweite Student die Fenster und Türen
im Detail. Die Fotografien ergänzten die Information aus den Plänen. Fensterelemente wie Rahmen,
Sprossen, Sandsteineinfassungen, Glasscheiben und Fensterbänke mussten detailliert nachmodelliert
werden, um ein plastisches, realistisches 3D-Modell zu erhalten. Nachdem alle Einzelteile modelliert
waren, wurden diese nach und nach in den Grundkörper eingebaut, bis das fertige 3D-Modell des
Pfaffbads vorlag.
Modellierung eines Fensters und Einfügen der modellierten Details ins Gesamtmodell des Pfaffbads
Bei der Modellierung wurde auch bereits das Ziel eines physischen Modells berücksichtigt. Geringe
Nachbearbeitungen wie das Aushöhlen des Daches zur Gewichtsreduzierung machten die Datei
druckbereit, um das Modell an einem 3D-Gipsplotter auszugeben.
Digitales 3D-Modell und physisches Modell des Pfaffbads aus dem 3D-Gipsplotter
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4.2 3D-Modellierung des Pfaffplatzes
Der Katasterplan des Pfaffplatzes diente als Grundlage für die Modellierung des Pfaffplatzes. Um die
Höhen der Gebäude sowie die Dachformen und –neigungen zu erfassen, wurden mit dem Verfahren
der Stereophotogrammetrie Luftbilder ausgewertet. Das Zusammenfügen der Volumenkörper aus dem
Katasterplan mit den Dachlandschaften aus den Stereobildauswertungen führte zum digitalen 3DModell des heutigen Pfaffplatzes. Fotografien der Fassaden der umliegenden Gebäude dienten als
Texturen im digitalen Modell.
SketchUp / Google Earth Modell des Pfaffplatzes mit aktueller Bebauung und mit dem Pfaffbad
Um den Unterschied zwischen der heutigen und der früheren Bebauung mit dem Pfaffbad verdeutlichen zu können, wurde sowohl das Modell des Bades als auch das des heute dort stehenden Gebäudes
in das digitale Modell eingefügt. Nach der Integration des Modells in Google Earth kann nun zwischen
der heutigen Situation und dem Platz mit Pfaffbad im 3D-Modell gewechselt werden.
4.3 Visualisierung des rekonstruierten Pfaffbades am heutigen Platz
Das Visualisierungsteam verwendete das digitale 3D-Modell des Pfaffbads als Grundlage für die Renderings. Aus dem vorbereiteten Bildmaterial wurden Texturen erstellt, die versuchen, das „rohe“ 3DModell fotorealistisch zu ergänzen. Um die Fotomontagen aus der heutigen Situation und dem Pfaffbad vorzubereiten, wurde das Modell des Pfaffbads auf den heutigen Lageplan des Pfaffplatzes gesetzt
und nach geeigneten Kamerapositionen gesucht.
Kamerapositionen auf dem Lageplan und gerenderte Bilder aus den Kamerapositionen mit Auswahl
Vor Ort wurden dann Fotos des Platzes passend zu den gewählten virtuellen Kamerapositionen gemacht. Die Lichteinstellungen der Fotos wurden durch Zeit- und Ortsangabe für die Renderings übernommen. Der letzte Schritt für die Fotomontagen war dann das Zusammenführen von Fotos der heutigen Situation mit den Renderings des Pfaffbades mit Hilfe eines Bildbearbeitungsprogramms.
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Beispiel eines Fotos der heutigen Bebauung, Rendering des Pfaffbads und Fotomontage
Ziel waren dabei keine ästhetisierende Bilder, sondern
realitätsnahe Visualisierungen, die in der Lage sind, die
Widersprüche zwischen der heutigen Platzsituation und
der früheren Bebauung mit dem Pfaffbad zu verdeutlichen.
Dadurch wird erlebbar, dass der Abriss des Pfaffbades
einen Einfluss auf die gesamte Entwicklung dieses Stadtteils hatte, insbesondere den Platz und die Verkehrsführung.
In einer Ausstellung im Februar / März 2009 wurden die
Ergebnisse der studentischen Arbeiten zusammen mit
Originaldokumenten und Fotos in Zusammenarbeit mit
dem Theodor-Zink-Museum der Öffentlichkeit in Kaiserslautern vorgestellt. Die Berichterstattung in der örtlichen
Presse und die Reaktionen der Besucher bestätigten die
Bedeutung und Wirkung der Rekonstruktionsarbeiten.
Ausstellung im Th.-Zink-Museum, Kaiserslautern
Literatur
[1] Cornelie Leopold (Hrsg.): Das Pfaffbad. Eine Rekonstruktion. TU Kaiserslautern 2009. ISBN
978-3-939432-99-9
[2] TU Darmstadt u.a. (Hrsg.): Synagogen in Deutschland. Eine virtuelle Rekonstruktion. Buch und
DVD-Video. Birkhäuser-Verlag 2004. ISBN: 3-76437-034-3
[3] http://www.uni-kl.de/AG-Leopold/dg/lehre/architektur_geometrie/pfaffbad.1.html
Anschrift des Autors:
Akad. Dir. Cornelie Leopold
Darstellende Geometrie und Perspektive
Fachrichtung Architektur
Technische Universität Kaiserslautern
Pfaffenbergstrasse 95
67663 Kaiserslautern
Email: leopold@rhrk.uni-kl.de
URL: http://www.uni-kl.de/AG-Leopold
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