Die Portugiesen in Luxemburg

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Sie sind in den
Die Folkloregruppen prägen
das Bild, das die einheimische
Bevölkerung in Luxemburg sich von
der portugiesischen Kultur macht.
1960er und 70er
Jahren als Gastarbeiter nach Luxemburg gekommen.
Mittlerweile trifft
man die Nachkommen der ersten
Generation portugiesischer Einwanderer
an der Universität,
in Anwaltskanzleien
und in den höchsten Ämtern des
Staates. Gleichzeitig verlassen junge
Arbeitslose wieder
massenweise ihre
portugiesische Heimat. Denn Portugal
ächzt unter dem
Spardiktat der EU.
Selbst gut ausgebildete Fachkräfte
sehen keine Zukunft
in ihrem Land. Und
wieder lockt das vermeintliche Eldorado
Die Por tugiesen in Luxemburg
Von Generation z u Generation
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Luxemburg.
Foto: Anouk Antony
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Wenn Felix Braz (hier beim
Wahlkampf 2013) in Esch
unterwegs ist, wird er nicht nur
auf sein politisches Engagement,
sondern auch auf seinen Vater
angesprochen, der als einer
der ersten portugiesischen
Einwanderer bei seinen
Landsleuten Berühmtheit erlangte.
Foto: Anouk Antony
seinen Kindern und Enkeln. Feliz Braz spricht vom „Mythos
der Rückkehr“, den viele aus der Generation seines Vaters
pflegten. „Wenn es dann so weit war, stellten sie fest, dass
ihr Leben hier spielte und nicht mehr in Portugal.“
Martine Hemmer
[email protected]
„Ich fühle mich als
Luxemburger mit
portugiesischen
Eltern.“
A
ls Felix Braz’ Vater Anfang der 1960er mit nichts
als einem Koffer in Luxemburg ankam, händigte
das portugiesische Konsulat ihm ein Dokument
aus, auf dem die Ziffer Fünf vermerkt war. Bis heute
spekuliert die Familie, was es mit dieser Zahl wohl auf sich
hatte: „Es kann durchaus sein, dass mein Vater der fünfte
portugiesische Einwanderer hierzulande war“, sagt Felix Braz.
Für die ersten Migranten war es eine Reise ins Ungewisse:
ohne Geld und ohne Kontakte, wussten sie oft nicht, wo sie
in der ersten Nacht überhaupt schlafen sollten. Doch sie
waren bereit, Opfer zu bringen und hart zu arbeiten, damit
ihre Töchter und Söhne es einmal besser haben würden.
Felix Braz hatte nie das
Gefühl, zwischen zwei
Stühlen zu sitzen.
Seit dem Antritt der neuen blau-rot-grünen Regierungskoalition hat Luxemburg mit Felix Braz seinen ersten Minister
portugiesischer Abstammung. Als dieser 1964 in Differdingen geboren wurde, sprach noch niemand von schulischer
Integration, Chancengleichheit und französischer Alphabetisierung. „Meine Spielkameraden waren alle Luxemburger,
es gab außer meinen Geschwistern keine Kinder in der
Nachbarschaft, die Portugiesisch sprachen. Als ich eingeschult wurde, sprach ich Luxemburgisch, wie alle anderen
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in der Klasse. Es fiel mir leicht, Deutsch zu lernen und auch
sonst hatte ich keine Probleme, in der Schule mitzuhalten“,
erinnert sich der Justizminister.
Rückblickend versteht es Felix Braz als Chance, unter den
ersten Kindern portugiesischer Eltern gewesen zu sein,
die in Luxemburg geboren wurden. Ihm sei die Integration
leichter gefallen, als vielen, die danach gefolgt sind. In einer
Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs stieg sein Vater vom
einfachen Hüttenarbeiter, über den Job des Lieferanten und
des Busfahrers, zum Fahrlehrer auf. „Tausende von Portugiesen haben bei ihm den Führerschein gemacht“, erzählt
Feliz Braz. Unter den in Luxemburg lebenden Portugiesen
sei der Vater eine respektierte Persönlichkeit gewesen, weil
er jedem gerne behilflich war, in der neuen Heimat Fuß zu
fassen. In der Escher Gegend werde er, Feliz Braz, der ehemalige RTL-Journalist und prominente Politiker, der es nun
bis in die Regierung geschafft hat, von älteren Menschen
immer noch zuerst auf seinen mittlerweile verstorbenen
Vater angesprochen.
Auf die Frage nach der eigenen Identität antwortet Felix Braz:
„Ich fühle mich als Luxemburger mit portugiesischen Eltern.“
Er habe seine Herkunft nie verleugnet, sie aber auch nie wie
eine Fahne vor sich hergetragen. Als Justizminister fuhr er
Paradebeispiel der Integration:
Felix Braz ist der erste Luxemburger
Minister, der aus einer
portugiesischen Familie stammt.
Foto: Serge Waldbillig
Es sind genau diese Familiengeschichten, die Sarah Vasco
Correia interessierten, als sie sich entschied, die portugiesische Gemeinschaft in Luxemburg für ihre Masterarbeit im
Fach Soziolinguistik zu untersuchen. Schicksale, die sich
ähneln, aber doch einzigartig sind. Obwohl der Schwerpunkt
ihrer Untersuchung auf der intergenerationellen Vermittlung
der portugiesischen Sprache und Kultur liegt, ging es ihr auch
darum, mehr über ihre eigene Herkunft zu erfahren. „Es wird
viel über die Portugiesen in Luxemburg geredet, doch selten
fragt man die Menschen, was sie erlebt haben.“ Und so
liest sich ihre Arbeit, außerhalb der rein wissenschaftlichen
Passagen, wie eine Sammlung sehr persönlicher, zum Teil
bewegender Erlebnisberichte.
gleich am Tag nach seiner Vereidigung zum EU-Ministerrat
nach Brüssel, wo er von portugiesischen Fernsehteams
belagert wurde. „Sie wollten wissen, wie ich mich künftig für
die portugiesische Gemeinschaft einsetzen werde. Seit fast
zwanzig Jahren gebe ich fast hartnäckig die gleiche Antwort:
Als Politiker übernehme ich Verantwortung für alle Bürger,
ohne auf ihren Pass zu achten. Die Vorstellung, dass man
sich für die einen mehr als für andere einsetzt, ist falsch.“
Es war der jungen Forscherin nicht schwer gefallen, Interviewpartner für ihre qualitativen Erhebungen zu finden. „Unter
den Portugiesen spricht sich alles schnell herum. Außerdem
arbeitet meine Mutter an einer Tankstelle, wo sie mit vielen
Kunden ins Gespräch kommt.“ Die Bereitschaft mitzumachen
war groß: Dass jemand zu ihnen komme, um ihre Geschichte
aufzuzeichnen – noch dazu jemand von der Universität
– habe die Befragten mit einem gewissen Stolz erfüllt. Für
Sarah Vasco waren es emotionale Begegnungen, bei denen
gelacht und geweint wurde. „Ich war nicht nur die Forscherin,
sondern ich war eine von ihnen. Wahrscheinlich hätte ich
mich mehr zurückhalten müssen, um die wissenschaftlichen
Ergebnisse nicht zu beeinflussen, doch, dadurch, dass ich
Ähnliches erlebt habe, konnten sie schneller Vertrauen
fassen.“ Was die 28-Jährige dabei wirklich erstaunt hat:
In den Erzählungen spiegelte sich ihr eigenes Leben. „Es
kamen Gefühle hoch, die man tief in sich trägt, die man
selbst aber nie in Worte fassen konnte.“
Seine Wurzeln pflegt Felix Braz im Privaten. Mit seiner
luxemburgischen Frau und seinen zwei Kindern besucht
er mindestens einmal im Jahr die Verwandten in Portugal.
Seinen Kindern habe er so viel Portugiesisch beigebracht,
dass sie sich im Urlaub mit Tanten, Onkels und Cousins
verständigen können.
Mythos der Rückkehr. Wie viele Einwanderer kam der Vater
von Felix Braz ursprünglich als Gastarbeiter nach Luxemburg
mit dem Gedanken, eines Tages wieder zurückzukehren. „Er
besaß ein Grundstück in der Algarve auf dem er sein Traumhaus bauen wollte. Nach Feierabend saß er am Esstisch und
zeichnete dafür die Pläne. Ich sehe ihn heute noch vor mir,
wie er stundenlang mit dem Lineal hantierte.“ Der Alterssitz
im Süden wurde nie Wirklichkeit, am Tag als er in Rente
ging, entschied sich der Vater dafür, hier zu bleiben – bei
Die Frage, der sie in ihrer Arbeit nach geht, lautet: Identifizieren
sich die Kinder der Einwanderer noch auf dieselbe Weise mit
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Die Soziolinguistin Sarah Vasco
Correia hat in ihrer Masterarbeit
Kultur und Sprache der
portugiesischen Gemeinschaft
in Luxemburg erforscht. Die
„Fondation Robert Krieps“ hat sie
dafür mit dem Preis der besten
Magisterarbeit ausgezeichnet.
Foto: Tania Feller
Jeden Sommer zieht es
zehntausende Portugiesen zum
Urlaub zurück in die alte Heimat.
Die endgültige Rückkehr bleibt
für viele eine Option, die sie
aber nur selten einlösen.
Foto: Carlos Almeida
ihrem Ursprungsland wie die Eltern oder gibt es einen Bruch
zwischen jenen Portugiesen, die als Immigranten nach Luxemburg kamen und ihrem Nachwuchs, der hierzulande geboren
wurde und aufwuchs. Sarah Vasco Correia kommt zum Schluss,
dass zwei unterschiedliche Haltungen der zweiten Generation
möglich sind: Die einen leben in einer Doppelkultur, in der sie
sich sowohl Portugal als auch Luxemburg zugehörig fühlen. Die
anderen können mit der Kultur ihrer Vorfahren, ihrer Sprache,
ihren Gebräuchen und Traditionen nicht mehr viel anfangen.
Sie empfinden ihre eigenen Wurzeln als störend, weil sie sich
assimilieren wollen.
Für sich selbst beansprucht Sarah Vasco Correia aber, dass
sie alle Kulturen, mit denen sie in Kontakt kommt, prägen.
„Eine Nation, eine Identität, eine Kultur, so funktionieren
moderne Gesellschaften einfach nicht mehr“, betont sie.
„Sehen sie mich an, ich bin als Tochter portugiesischer
Eltern in Luxemburg aufgewachsen. Ich habe das Schulsystem hierzulande durchlaufen und habe fünf Sprachen
gelernt. Zum Studieren bin ich dann nach Frankreich gegangen, dadurch ist eine weitere Teilidentität hinzugekommen.
Identitäten sind wandelbar und verändern sich durch das,
was man erlebt.“
In ihrer Arbeit gelingt es Sarah Vasco Correia an vielen Stellen, mit landläufigen Klischees aufzuräumen. Zum Beispiel,
dass portugiesische Migranten aus dem Arbeitermilieu nicht
viel Wert auf die Ausbildung ihrer Kinder legen. „Es mag sein,
dass es Arbeiter gibt, die in einer Art sozialem Determinismus
gefangen sind und glauben, weil sie es selbst nicht geschafft
haben, aus der Armut auszubrechen, ihren Nachkommen
der soziale Aufstieg ebenfalls verwehrt bleibt. Nach dem
Motto: Ich bin Maurer, also wird mein Sohn ebenfalls auf
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dem Bau arbeiten. Aber in der Regel wollen die Eltern, dass
ihre Kinder es eines Tages besser haben als sie selbst, dass
diese gute Noten nach Hause bringen.“ Sei dies der Fall,
würden die Erwartungen umso höher gesteckt. „Man kann
sogar sagen, dass auf den Kindern der portugiesischen
Einwanderer ein großer Erfolgsdruck lastet.“
Viele haben nach Schulschluss noch Unterricht in Portugiesisch. „Das war schon anstrengend und ich hätte lieber
draußen mit meinen Freundinnen gespielt“, erinnert sie
sich. Im Nachhinein sei sie aber froh, dass ihre Eltern sie
zu den Kursen geschickt haben. „Dadurch bekam ich einen
anderen Zugang zur Sprache“, fährt sie fort. Ich lernte die
Grammatik und die Rechtschreibung. Das Portugiesisch, das
wir zu Hause gesprochen haben, war eine Umgangssprache,
die sich auf die Bezeichnung des Alltäglichen beschränkte
und in die sich im Laufe der Zeit französische und auch
luxemburgische Wörter einschlichen. Im Unterricht lernte
ich ein richtiges und gutes Portugiesisch.
Obwohl sie heute beruflich erfolgreich ist, an der Université Paul Valéry in Montpellier promoviert und sich parallel
dazu an der Universität Luxemburg als wissenschaftliche
Mitarbeiterin an einem Projekt zur Sprachenvielfalt in Luxemburg beteiligt, war sie kein Wunderkind, das die Schule
mit Leichtigkeit meisterte. „Es war hart, ich musste richtig
büffeln“, gesteht sie. Dennoch weiß sie nicht, ob es für all
die Kinder aus ausländischen Familien eine Lösung wäre,
eine Alphabetisierung auf Französisch in der Grundschule
anzubieten. Sie glaubt an die Vielfalt und daran, dass viele
Sprachen nebeneinander existieren sollten. Sie versteht
unsere Gesellschaft mit ihren vielen verschiedenen Sprachen
als Reichtum, nicht als Problem.
Deshalb hat sie für das Forschungsprojekt NATURALINK
Schulklassen besucht, um mit den Kindern diesen Schatz
zu heben, der meist versteckt inmitten der kulturell bunt
gemischten Gruppen schlummert. Unter dem Titel „Ziel mer
deng Sprooch“ hat sie eine Reihe pädagogischer Aktivitäten
entwickelt, in denen die persönlichen Sprachbiografien der
Schüler und die Sprachensituation in Luxemburg thematisiert
werden. Immer mehr junge Forscher interessieren sich für
die Situation der portugiesischen Einwanderer in Luxemburg.
Nicht nur die Gründung der Universität Luxemburg, auch
die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft hat den
Themen der Integration im öffentlichen Diskurs Aufschwung
gegeben.
vertritt und die Regierung in Lissabon berät. Nicht nur die
EU-Staaten seien das Ziel dieser neuen Auswanderung, auch
ehemalige Kolonien wie Brasilien, Angola oder Mozambik.
„Identitäten sind
wandelbar und
verändern sich
durch das, was
man erlebt.“
Was die Arbeitslosen nach Luxemburg lockt, ist der hohe
Mindestlohn. „Früher hatten die Arbeiter, die nach Luxemburg
kamen, schon einen Vertrag in der Tasche oder kamen bei
Verwandten unter, die sie bei der Jobsuche unterstützten,
erklärt Eduardo Dias. Heute würden viele völlig überstürzt
aufbrechen, getrieben von der Hoffnungslosigkeit. Über
die teuren Mieten und die hohen Lebenshaltungskosten in
Luxemburg seien sie sich dabei nicht im Klaren. „Es kommt
vor, dass junge Familien im Auto übernachten.“ Wenn die
Neuankömmlinge Arbeit finden, müssen sie sich meist mit
prekären Zeitverträgen zufrieden geben. Wird das Arbeitsverhältnis nicht verlängert, bleibt ihnen nichts anderes übrig als
die Heimreise anzutreten. „Doch es gibt auch immer wieder
welche, die es schaffen, einen festen Arbeitsplatz gemäß
ihren Kompetenzen zu finden“, berichtet Eduardo Dias.
Eine neue Welle der Migration. Der Strom jener, die ihre
Heimat verlassen, um hierzulande ihr Glück zu suchen, ist
nie ganz abgebrochen. Kamen bisher vor allem Arbeiter
und Handwerker ins Großherzogtum, flüchten heute auch
immer mehr Akademiker vor der Wirtschaftskrise in ihrem
Land. Sie bilden in Luxemburg eine neue erste Generation,
die insgesamt zwar viel besser ausgebildet ist, die aber auf
einen Arbeitsmarkt drängt, der für sie kaum Jobs bereithält,
die ihrer Qualifikation entsprechen. Ihr größtes Manko: Sie
sprechen zwar sehr gut Englisch, doch sie beherrschen nicht
die offiziellen Sprachen Luxemburgs. Oft haben sie auch
Schwierigkeiten, ihre Hochschulabschlüsse anerkennen zu
lassen. Und plötzlich begegnet man Juristen, die auf dem
Bau arbeiten oder Pädagogen, die im Supermarkt an der
Kasse sitzen. „Die portugiesische Politik tut nichts, um diesen Talentschwund aufzuhalten. Im Gegenteil, sie ermutigen
die jungen Menschen, wegzugehen“, berichtet Eduardo Dias,
der im Rat der portugiesischen Gemeinschaften Luxemburg
Sarah Vasco Correia
beansprucht für sich, durch
verschiedene Kulturen
geprägt zu sein.
Bereits jetzt haben Luxemburg und Portugal eine gemeinsame Geschichte, die geprägt ist, durch ein fast schon
einzigartiges Kommen und Gehen. Wissenschaftler wie die
Politologin Aline Schiltz, die im vergangenen Sommer zu
diesem Thema promoviert hat, sprechen sogar von einem
transnationalen sozialen Raum. Rund 88 200 Portugiesen
leben laut Statec derzeit in Luxemburg. Nicht alle werden
bleiben. Andere werden sich hier niederlassen und von einer
Rückkehr träumen oder nur noch als Feriengäste die Heimat
ihrer Vorfahren besuchen.
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