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Neue Zeitschrift für Musik 05/ 2004
Steamboat Switzerland
«loud & clear»
Marino Pliakas (el. Gitarren), Dominik Blum (Hammond-Orgel)
und Lucas Niggli (Perkussion).
Pierre Huyghe (Visual Artist) und Tyler Whisnand (Publicity Designer)
DVD, Dauer: ca. 4 Min.
Wer «Katarakt» nennt (siehe auch CD-Besprechung in dieser Ausgabe), wird
zwangsläufig «Steamboat Switzerland» miterwähnen müssen. Natürlich auch umgekehrt.
«Steamboat Switzerland» zählen in der Schweizer Musikszene zu den profiliertesten
Neutöner-Formationen, mit einem fast schon popigen Kult-Anstrich. Vielleicht rührt es
daher, dass sich die Musikkritiker einmal mehr uneinig sind: Bewegen sich die drei
Musiker eher in Richtung des (etwas «Physischeren») Avant-Core oder tendieren sie nun
doch in die (eher «intellektuelle») Neue Musik. Stildefinitionen, die beim Anhören
tatsächlich wässrig werden.
«Steamboat Switzerland» kann an derlei Expertendiskussionen ungehindert passieren.
Majestätisch tuckert das Dampfschiff in stilübergreifenden, selten jedoch in stillen
Gewässern. Gerade in der letzten Zeit machte die umtriebige Formation in ausführlichen
Auslandtourneen auf sich aufmerksam. Die Neugier wuchs - so sehr, dass (E-Musik-)
Komponisten wie Sam Hayden, Felix Profos und David Dramm sofort einwilligten, für jene
ausgewöhnliche Besetzung zu schreiben. Auch das Kölner Grob-Label reagierte flink und
vertreibt indes die in vielen Medien meist lobend erwähnten CD-Erscheinungen («Live»,
«Budapest», «ac/dB»).
Hellhörig wurden auch die beiden (Video-)Künstler Pierre Huyghe und Tyler Whisnand.
Gemeinsam schickte man sich an, eine (Musik-)DVD zu produzieren. Doch nicht im Sinne
von süss-gekünstelten Video-Clips und noch etwas beigemischter Musik. In «clear & loud»
funktionieren Bild und Ton selbstständig, illustrieren und kolorieren sich nicht gegenseitig,
aber geben letztlich doch etwas ergänzend Drittes ab. Eine «Faust-auf-Auge-Ästhetik»;
ein plötzliches Beginnen, ein jäh abruptes Ende: Radikal und brachial gebärdet sich die
Musik, unterkühlt und distanziert wirken die beiden Video-Clips.
In Huyghes Clip sieht der Betrachter einen Single-Shot eines Hotelzimmers. Spärlich
eingerichtetes Mobiliar, der Fernseher flimmert und wirft Schlagschatten auf den Teppich.
Diese Einstellung evoziert unangenehm klaustrophobische Bilder, die an einen DavidLynch-Film erinnern; oder isolierte Leere wie sie nur Edward Hopper in seinen Bildern
treffend auf den Punkt brachte. Ähnliches Szenario (oder eben Nichtgeschehen) auch bei
Whisnand: Ein Monitor - er könnte in einer Bahnhofshalle postiert sein - lässt kurze
Nachrichten-Flashes aufblitzen. Englisch geschriebene Vierzeiler, im weitesten Sinne wie
der Lauftext in den gängigen CNN-Nachrichten. Allesamt Mitteilungen ohne
Bedeutungsschwere, allesamt enden sie mit einem lakonischen «more soon».
Was Bild und Ton bewirken, kann als Balanceakt zwischen Hektik und Ruhe
wahrgenommen, es kann aber auch als Kommentar zum modernen Leben verstanden
werden.
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