Unterrichtsmaterialien zum Thema Judentum

Werbung
Unte r r i chtsmater ialien zum Thema Judentu m
Unterrichtsmaterialien
zum Thema Judentum
Text: Bettina Reichmann
Es gibt neuere Unterrichtsmaterialien, die Kindern und Jugendlichen
das Judentum in Deutschland auf lebendige und lebensnahe Weise
vorstellen. Sie eröffnen die Möglichkeit, sich mit dem Judentum auf
einer sehr alltagspraktischen Ebene auseinanderzusetzen und es
in seinen verschiedenen religiösen Ausprägungen kennenzulernen.
Gorelik, Lena/
Mehring-Fuchs,
Margarethe/Weber,
Larissa, »Die Judenschublade – Junge
Juden in Deutschland«.
Dokumentarfilm,
Mühlheim/Ruhr 2011,
€ 34,90
Lena Gorelik, 1981 geboren, ist eine junge deutsche Schriftstellerin und Journalistin und sie ist
Jüdin. Gorelik empfindet, dass sie anders behandelt wird, wenn Leute erfahren, dass sie Jüdin
ist. Es werden stereotype Bilder auf sie projiziert,
die – wie sie erzählt – nicht stimmen. Sie stimmen deshalb nicht, weil junge Juden in Deutschland nicht in eine Schublade passen. Junge Juden
in Deutschland sind so unterschiedlich, wie alle
Menschen, unterschiedlich. Die einen religiös,
die anderen nicht. Sie kommen aus den verschiedensten Ländern und leben in Deutschland. Sie sagen selbst, sie leben ganz normal hier.
Der Holocaust sei Geschichte, die man hoffent-
lich kenne, aber das Leben in Deutschland heute
geschehe ohne die ständige Vorstellung, im
»Land der Täter« zu leben, und ständig darüber
zu reflektieren. Viele nicht-jüdische Jugendliche
in Deutschland wissen wenig über das heutige
jüdische Leben in Deutschland. Zum Beispiel,
dass es mittlerweile wieder ca. 100 000 Juden
gibt, die hier sehr pluralistisch leben und Teil
der deutschen Gesellschaft sind. Judentum ist
für viele von ihnen Geschichte, die ausschließlich mit dem Holocaust verbunden wird. Das jüdische Leben in Deutschland davor und danach
ist vielen von ihnen nicht bekannt.
Aus dieser Beobachtung heraus haben Lena Gorelik, Margarethe Mehring-Fuchs und Larissa Weber den Dokumentarfilm »Die Judenschublade –
Junge Juden in Deutschland« und die dazugehörigen Arbeitsmaterialien produziert und
erarbeitet. Im Vordergrund der Materialien steht
das Leben jüdischer Jugendlicher im modernen
Deutschland, das sich vom Leben nichtjüdischer
Jugendlicher oft nicht sehr unterscheidet. Der
Ansatz des Materials stellt nicht die jüdische Religion in den Vordergrund, sondern arbeitet mit
KatBl 140 (2015) 121–124 | Bettina Reichmann
| 121
Judentum heute | PRAXIS
den Identitäten der jugendlichen Protagonisten
des Films. Die Frage nach der eigenen Identität,
die dreizehn junge Juden im Film zu beantworten versuchen, bildet die Schnittstelle und die
Identifikationsmöglichkeit zum Leben nicht-jüdischer Jugendlicher. Daneben soll durch das
Material vermittelt werden, dass »Juden seit Tausenden von Jahren in Deutschland leben, dass
deutsch-jüdische Geschichte mehr beinhaltet als
die Verfolgung und Ermordung der Juden durch
die Nationalsozialisten«.
Die inhaltlichen Schwerpunkte des Films sind:
jüdisches Leben in Deutschland, Identität, jüdische Kultur und Religion, Vielfalt im Judentum,
Israel, deutsch-jüdische Geschichte, Antisemitismus und Ausgrenzung, Partnerwahl und Familie. Die Zielgruppe sind Jugendliche zwischen
14 und 19 Jahren. Um verschiedenen Lernniveaus gerecht zu werden, arbeitet das Material
mit drei Ebenen. Die erste Ebene steht in enger
Beziehung zu den Kapiteln des Films und arbeitet v. a. mit Arbeitsblättern. Die zweite Ebene
geht tiefer. Die Jugendlichen sollen sich mithilfe
dieser Materialien intensiver mit den Themen
des Films auseinandersetzen. Die dritte Ebene
beinhaltet Übungen, die die Lebenswelt der Jugendlichen mit einbeziehen, v. a. eigene Erfahrungen sollen dabei reflektiert werden. Zusätzlich dazu wurden für jedes Thema Ideen zum
Weitermachen entwickelt.
Jedes Kapitel des Materialhefts beginnt mit einem Hintergrundtext, der sowohl den Lehrerinnen und Lehrern Unterstützung bieten soll als
auch von jugendlichen Lesern verstanden werden kann. Wichtige Begriffe oder Fremdwörter
werden in Erklärungsboxen (Begriffe-Check)
ZITAT
Erinnerungen sind das Lebenselixier einer Kultur. Sie nähren Hoffnungen und
machen den Menschen zum Menschen.
Elie Wiesel
| 122
erläutert. Fett gedruckte Begriffe finden sich zusätzlich im Glossar. Darüber hinaus beinhaltet
das Material noch Medientipps zu weiterführender Literatur, pädagogischem Material und Internetseiten.
Liss, Hanna/Landthaler, Bruno/Darius,
Gilmont (Ill.), Erzähl
es deinen Kindern. Die
Thora in fünf Bänden,
Berlin (Ariella) 2014,
Einzelbandpreis
€ 24,90
Nahe dem Konzept christlicher Kinderbibeln
haben Hanna Liss und Bruno Landgraf die fünfbändige Edition der Thora für Kinder ab einem
Alter von fünf Jahren bearbeitet und herausgegeben. Ziel ist es, jüdische Kinder in Deutschland mit Übersetzungen, die für Kinder verständlich sind, an der Thora-Lesung in der Synagoge teilnehmen lassen zu können und Eltern
eine Thora vorzulegen, die sie ihren Kindern zu
Hause vorlesen können. Der Aufbau dieser Thora für Kinder entspricht Leseabschnitt (Parascha) für Leseabschnitt dem Lesezyklus des Synagogengottesdienstes. Die Texte selbst sind
zum Vorlesen gedacht, werden aber von Einleitungen und Kommentaren umrahmt, die den
vorlesenden Erwachsenen oder interessierten
jungen Lesern als Zusatzinformation dienen
können. Der Text wird von farbenfrohen, wunderschönen Illustrationen des israelischen
Künstlers Darius Gilmont unterbrochen.
Die Thora für Kinder ist in deutscher Sprache
verfasst und wird von jüdischen Kindern und
ihren Familien in Deutschland in der Synagoge
und zu Hause gelesen. Somit ist es ein Buch, das
Aufschluss über jüdisches Leben in Deutschland
heute gibt. Die Adressaten sind im Grundschulalter, genau wie christliche Kinder, wenn ihnen
aus einer Kinderbibel vorgelesen wird oder sie
selbst beginnen, darin zu stöbern. Figuren wie
KatBl 140 (2015) 121–124 | Bettina Reichmann
Unte r r i chtsmater ialien zum Thema Judentu m
Kain und Abel, Noah, Abraham, Sarah, Josef
und seine Brüder … sind sowohl christlichen als
auch jüdischen Kindern bekannt. Die Thora für
Kinder bietet Lehrerinnen und Lehrern christlichen Religionsunterrichts die Möglichkeit, mit
christlichen Kindern zu entdecken, dass jüdische Kinder in Deutschland die gleichen biblischen Geschichten kennen und in ihren Gottesdiensten und zu Hause lesen. Bereits im Grundschulalter kann so eine Identifikationsmöglichkeit
mit dem Judentum in Deutschland heute hergestellt und eine der Hauptgemeinsamkeiten der
beiden Religionen, das Alte Testament, herausgestellt werden.
Judentum in Deutschland, ON! DVD
Bildungsmedien für
den Unterricht (Reihe
Religion und Ethik),
Leipzig (medienblau)
2012, Einzelpreis
€ 38,– (Anschaffung
über Medienzentrale)
Die DVD basiert auf einem Modulkonzept.
Come ON! – das erste Modul ist ein ReportageFilm (11,26 Min.), der Rabbi Yitshak Ehrenberg
bei seinen Aufgaben in der größten jüdischen
Gemeinde Deutschlands begleitet. Er erklärt unterwegs in seiner Gemeinde sehr lebensnah das
jüdische Leben, wie es heute in Deutschland
stattfindet zwischen Thoraschule, koscherem
Restaurant und Synagoge. Das zweite Modul der
DVD – »Check ON!« – beinhaltet drei grafisch
animierte Erklär-Filme (je ca. 3 Min.) zu den
Themen: »Judentum – was ist das?«; »Judentum – Organisation« und »Judentum in
Deutschland«. Die kurzen Erklär-Filme erläutern auf prägnante, informative Weise, wie sich
das Judentum in Deutschland heute in seine verschiedenen Richtungen aufgliedert, welchen
rechtlichen Status die Religion in Deutschland
hat und wie sie sich organisiert. Unabhängig
vom Reportage-Film eignen sich die Erklär-Filme hervorragend, um Wissenswertes über die
Organisation der jüdischen Religion im Staat zu
erfahren. »Hands ON!« – das dritte Modul der
DVD beinhaltet verschiedene Arbeitsmaterialien, v. a. Aufgaben, die sich vor dem Hintergrund des Reportage-Films und der Erklär-Filme von Schülerinnen und Schülern bearbeiten
lassen oder Unterrichtsanregungen für die Lehrerinnen und Lehrer liefern. Das vierte Modul –
»Be ON!« – ist ein Vorschlag für ein unterrichtsbegleitendes medienpädagogisches Projekt und
das fünfte Modul, »ON! Line«, ist ein interaktiver Online-Wissenstest, bei dem die SchülerInnen über einen angegebenen Zugangscode einen Online-Wissenstest zum Thema Judentum
in Deutschland absolvieren können. Die Materialien eignen sich für jede Schulart ab der Klassenstufe 7. Die bereitgestellten Medien sind sehr
informativ und didaktisch vielschichtig. Die einzelnen Module sind unabhängig voneinander
einsetzbar.
Was glaubst Du?
»Junge Juden«, DVD,
Medienprojekt
Wuppertal e.V.,
Wuppertal (Jugendvideoproduktion und
-vertrieb) 2011, € 30,–
Das Medienprojekt Wuppertal realisiert seit
1992 erfolgreich Modellprojekte aktiver Jugendvideoarbeit. Dabei werden junge Leute im Alter
von 14–28 Jahren (im Rahmen von pädagogischen Institutionen oder privat organisiert)
produktorientiert bei ihren eigenen Videoproduktionen unterstützt, ihre Videos im Kino, in
Schulen, Jugendeinrichtungen etc. in Wuppertal
präsentiert und als Bildungsmittel bundesweit
vertrieben. Alle Projekte dienen der aktiven Medienerziehung und dem kreativen Ausdruck jugendlicher Ästhetiken, Meinungen und Lebensinhalte. Die Formen der Filme sind Reportagen,
Spiel- und Trickfilme, Computeranimationen,
Experimentalfilme und Musikclips.
KatBl 140 (2015) 121–124 | Bettina Reichmann
| 123
Judentum heute | PRAXIS
Die Doppel-DVD »Junge Juden« ist Teil einer
Filmreihe über junge Christen, Muslime, Juden,
Hindus, Buddhisten und Nichtreligiöse in
Deutschland. Auf der DVD A (58 Min.) erzählen vier junge Juden, wie sie ihre Religion in
Deutschland leben, welcher Strömung im Judentum sie sich zuordnen, welche Traditionen
und Gesetze ihnen persönlich wichtig sind und
wie sie ihr Jüdischsein in das Alltagsleben in
Deutschland einbetten. Die Jugendlichen gehören unterschiedlichen jüdischen Gemeinden in
Deutschland an. Aufschlussreich ist, dass kein
homogenes Bild des Judentums in Deutschland
gezeigt wird, sondern verschiedene Facetten der
Religion und die individuellen Zugänge der Jugendlichen dargestellt sind. Die Basis des Films
sind Interviews, die Jugendliche mit den jüdischen Jugendlichen geführt haben. Diese Methode ermöglicht eine identifikatorische Nähe
junger Zuschauer zu den Themen und Sichtweisen der jüdischen Jugendlichen im Film. Die
DVD B beinhaltet zusätzliche Interviews von
fünf jüdischen Jugendlichen und dem Rabbiner
der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf (je ca.
20–30 Min.). Die Filme eignen sich für jede
Schulart ab der Klassenstufe 7.
Typisch Jude, Eine
Dokumentation über
aktuellen Antisemitismus, DVD, Medienprojekt Wuppertal e.V.,
Wuppertal (Jugendvideoproduktion und
-vertrieb) 2014, € 30,–
Das Filmprojekt zum Thema »Antisemitismus«
beschäftigt sich mit dem immer noch und immer
wieder anschwellenden Antisemitismus in
Deutschland. Dabei geht es nicht nur um extreme Meinungen, sondern vor allem auch um Vorurteile, die erst auf den zweiten Blick als (alltags-)
rassistisch zu erkennen sind. Die Aspekte des
Films sind: Wie nehmen junge Jüdinnen und Juden Antisemitismus wahr?; Welche Diskriminie| 124
rungserfahrungen haben sie gemacht und wie
gehen sie mit diesen und den Ängsten davor
um?; Welche Bedeutung hat der Holocaust für
junge Menschen heute?; Welche Bilder haben
Nichtjuden von Jüdinnen und Juden in Deutschland?; Was bedeutet es für junge Jüdinnen und
Juden, im Lebensalltag religiös oder kulturell
»jüdisch« zu sein?; Wie stehen in Deutschland lebende junge Muslime zu Jüdinnen und Juden?;
Wo ist die Grenze zwischen möglicherweise berechtigter Kritik an der Politik des Staates Israel
und Antisemitismus?; Welche Rolle spielt rechtsextreme Bedrohung für Jüdinnen und Juden?;
Wie können rassistische Vorurteile abgebaut
werden?. Der Film zeigt auf eindrückliche und
nachdenklich machende Weise, wie die Frage
»Jüdisch sein in Deutschland heute« mit dem
Thema Antisemitismus verbunden ist und
scheinbar trotz aller Bildung nur schwer aus den
Köpfen und Haltungen vieler Menschen in
Deutschland herauszubringen ist. Der Film eignet sich für jede Schulart ab der Klassenstufe 7. ❙
Dr. Bettina Reichmann ist Akademische Mitarbeiterin am
Institut für Katholische Theologie der Universität KoblenzLandau.
ZURÜCKGEBLÄTTERT
Claudia Gärtner schreibt in ihrem Beitrag
»Kunst als ›Möglichkeitsraum‹ interreligiösen Lernens«, dass in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst
kein Dialog mit »dem« Islam oder »der«
jüdisch-christlichen Glaubenstradition
stattfinde, sondern vielmehr eine herausfordernde Begegnung mit vielschichtigen,
religiös oder kulturell entfalteten Positionen zu Religion und Glaube. Damit werden SchülerInnen motiviert, auch ihre
eigene Religiosität zur thematisieren und
zu reflektieren.
in: KatBl 139 (2014) H. 3, 216–222.
KatBl 140 (2015) 121–124 | Bettina Reichmann
Herunterladen