Das atmende Haus

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„Taktisch gibt es nicht viel Neues“
)$%) Eintracht-Kapitän Alex Meier über Fußball im Wandel und
den Wunsch, mal wieder alleine zu frühstücken l Seiten S6/S7
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UNABHÄNGIGE TAGESZEITUNG
Montag, 10. Oktober 2016
Bundesanwalt ermittelt
10041
4 197352 202209
S
D 2987
2,20 Euro
Das atmende Haus
Die Gebäude der Zukunft
funktionieren
wie eigene Ökosysteme.
Im niederländischen Venlo
steht schon eins.
N
ach dem brisanten Bombenfund in Chemnitz zieht die
Bundesanwaltschaft in Karlsruhe
die Ermittlungen an sich. Die bisherigen Erkenntnisse deuteten
darauf hin, dass der gesuchte
22-jährige Syrer einen „islamistisch
motivierten
Anschlag“
durchführen wollte, so eine Sprecherin. Es gehe um den Verdacht
einer schweren, staatsgefährdenden Gewalttat.
Bei der Anti-Terror-Razzia in
Chemnitz war der Hauptverdächtige der Polizei nur knapp entwischt. Die Beamten gaben am
Samstag in dem Plattenbau-Viertel einen Warnschuss ab und sahen ihn auch, konnten ihn aber
nicht fassen. Das Landeskriminalamt (LKA) wies Vorwürfe zurück,
ihm sei eine Panne unterlaufen. In
dem noch nicht geräumten Haus
habe man zu Recht Sprengstoff
vermutet, so ein Sprecher. „Da
können wir nicht ins Risiko gehen.“
Bei der Erstürmung einer Wohnung, in der sich der 22-jährige
Dschaber Albakr aufgehalten hatte, waren mehrere Hundert
Gramm eines hochexplosiven
Sprengstoffs gefunden worden.
Die Polizei fahndet weiterhin bundesweit nach dem Mann, der Kontakte zur Terrormiliz IS haben
soll. Sie beschrieb ihn als etwa
1,70 Meter groß, „schlurfend“ und
mit oft schräger Kopfhaltung. Albakr kam vor einigen Monaten
nach Deutschland und wurde offenbar als Flüchtling anerkannt.
In Chemnitz in Gewahrsam genommen und befragt wurde am
Sonntag ein weiterer Mann, der
Kontakt zu dem gesuchten Syrer
gehabt haben soll. Das Spezialeinsatzkommando hatte auch hier die
Tür aufgesprengt.
Nach Angaben von „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR
fanden sich in der Chemnitzer
Wohnung 500 Gramm bereits gemischter Sprengstoff und ein weiteres Kilo Chemikalien, die für
den Bombenbau geeignet sind.
Demnach waren mögliche Ziele
Berliner Flughäfen. dpa
Seite 4
Nr. 236
Seiten 2/3
Sonnenschornstein
für natürliche Durchlüftung
Emporen für
Durchlüftung
Solarzellen für saubere
Energie
Gewächshaus
reinigt Luft
Gewächshaus
erwärmt Luft
FLUCHTURSACHEN
Merkel reist
nach Afrika
Fassadenbegrünung reinigt
die Luft
Wasser aus
Waschbecken wird zu
Pflanzenkläranlagen
geleitet
Zerrissene, Getriebene,
Verunsicherte: Falk Richters
„Safe Places“ im Schauspiel
Frankfurt ist eine bissig-böse
Nummernrevue, die kein
gesellschaftlich brisantes
Thema auslässt. Seiten 20/21
Pflasterung
reinigt Luft
Luft aus Parkhaus
erwärmt oder kühlt
WM-QUALIFIKATION
Deutsche Elf von
Zwängen befreit
Unterirdische
Wasserspeicherung
zur Bewässerung
der grünen Fassade
Grauwasser aus
Pflanzenkläranlage wird für die
Toilettenspülung genutzt
Wärmepumpenheizung
sorgt für Wärme und Kühlung
durch Grundwasser
FRANKFURTER RUNDSCHAU, 60266 Frankfurt am Main, Telefon 069/21 99-1
Anzeigen-Service, Fax 069/131 00 30, Telefon 069/21 99 – 30 00,
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Auslandspreise der Frankfurter Rundschau: A, B, NL: 2,90 € - DPAG Entgelt bezahlt
Bei ihrem Besuch in Mali,
Äthiopien und dem Niger will
die Kanzlerin den Blick der
deutschen und europäischen
Politik auf die dort herrschenden Ursachen für Flucht und
Migration lenken. Seite 6
THEATER
Falk Richters Revue
über AfD und Pegida
Patio
Pflanzenkläranlage im
Patio reinigt Wasser
Nach sechs Wochen ist die
U5 wieder in Betrieb. Die
Station Musterschule ist
barrierefrei umgestaltet, die
Haltestelle Glauburgstraße
ist Ende Oktober fertig und
entfällt bis dahin. Seite F1
In dieser Woche werden 6000
Menschen ihr Studium an der
Goethe-Uni beginnen. Präsidentin Birgitta Wolff freut
sich im FR-Interview darüber,
bemängelt aber fehlende
Professuren. Seiten F2/F3
Optimal
entworfene
Fenster
Wasserauffang auf
dem Dach
FRANKFURT
Die U5 fährt
endlich wieder
HOCHSCHULE
Wohl neuer Rekord
an der Goethe-Uni
Quelle: Gemeente Venlo, FR
Verdächtiger
soll Kontakt
zu IS haben
72. Jahrgang
INHALT
Leser/Wetter .
Magazin . . . .
Politik. . . . . . . 4 Wirtschaft . . .
Meinung . . . . 10 Feuilleton . . .
12
14
16
20
Wissen . . . . .
Rätsel . . . . . .
Panorama . . .
Sport
19
25
26
S1
Frankfurt/Region . F1
TV-Programm . . . B4
Familienanzeigen 23
Impressum . . . . . . 8
Beim 3:0-Erfolg über Tschechien in der WM-Qualifikation
zeigt die deutsche Mannschaft
ein fast perfektes Spiel. Bundestrainer Joachim Löw befreit seine Elf von taktischen
Zwängen. Seiten S1-S3
FR-ONLINE.DE
Alles zum Rennen ums Weiße
Haus: fr.de/uswahl
2
THEMA DES TAGES
ÖKO-HÄUSER
DIE ZUKUNFT DER
BAUWIRTSCHAFT
Moderne Gebäude
sollen künftig Wasser
und Luft reinigen,
Feinstaub herausfiltern
und komplett recycelt
werden können.
C2C IN VENEDIG
Das Cradle to Cradle-Konzept wird
noch bis 27. November auf der
15. Architektur-Biennale in Venedig
gezeigt. Unter dem Thema „Celebrating
our Human Footprint: A Building
like a Tree – A City like a Forest“
wird in der Ausstellung anhand von
praktischen Beispielen demonstriert,
wie Gebäude aktiv das Wasser und
die Luft reinigen und zum Beispiel
Feinstaub aus der Luft filtern können.
Am 28. und 29. Oktober findet
eine geführte Tour mit C2C-Erfinder
Braungart statt.
A
m 14. Oktober ist es soweit: Im niederländischen
Venlo wird das weltweit
erste Öko-Rathaus eingeweiht,
das „mehr als nur nachhaltig“ sein
soll. Das Gebäude hat elf Geschosse, bietet Platz für 900 Mitarbeiter
– und soll eine Ikone des neuen
grünen Bauens werden. Ein Haus,
das „wie ein Baum“ ist, das gute
Luft produziert, den Wasserhaushalt stabilisiert, seine eigene Energie produziert und nach dem Ende
seiner Nutzungszeit wieder als
Rohstoff für neue Gebäude zur
Verfügung steht.
Das mächtige Gebäude sieht
schon von Ferne ungewöhnlich
aus, besonders wenn man von
Norden kommt. Die Fassade ist
üppig begrünt, es wachsen dort
100 verschiedene Pflanzensorten.
Auffällig ist außerdem ein Gewächshaus, das einen Teil der
obersten beiden Stockwerke einnimmt. Beides dient als reinigende „grüne Lunge“, durch die die
Luft im Öko-Rathaus sauberer
wird als die in der Umgegend. Die
Glasfassade im Süden ist so konzipiert, dass die Sonne das Gebäude im Winter erwärmt, im
Sommer aber nicht überwärmt.
Zusätzlich sorgt ein „SonnenSchornstein“ für eine Durchlüftung der Räume durch natürlicher Konvektion. Im Süden, Osten und Westen des Gebäudes
sind 300 Quadratmeter Solarpanele installiert, die Strom produzieren. Ein künstliches Feuchtgebiet ist im Innenhof angelegt, es
reinigt das „graue“ Abwasser aus
dem Rathaus, das dann wieder
zur Toilettenspülung und Bewässerung verwendet wird.
Das Erdgeschoss ist als lichtdurchflutetes, offenes Besucherzentrum konzipiert, in dem viele
Dienstleistungen zentral angeboten werden. In den Stockwerken
darüber liegen die Büros der Ämter und die „Plaza“-Ebene mit
Restaurant, alles verbunden
durch breite „Kommunikationstreppen“, die für Fitness und Kontakt der Angestellten sorgen. „Ein
Gebäude muss den Menschen
dienen und nicht umgekehrt“,
hieß es 2009 in der Ausschreibung für das Projekt. „Das Gebäude muss den Mitarbeitern ebenfalls ein Wohlgefühl vermitteln
und so funktional und strukturiert sein, dass Arbeitsabläufe unterstützt werden.“
Frankfurter Rundschau
Montag, 10. Oktober 2016*
In Venlo wird diese Woche das neue Rathaus eröffnet –
es soll eine Ikone grünen Bauens werden
Von Joachim Wille
Ideengeber für die Konzeption
des Bauwerks in der Hauptstadt
der niederländischen Provinz
Limburg ist der Chemieprofessor
und Umweltvordenker Michael
Braungart, der in den 1990er
Jahren zusammen mit dem USArchitekten William McDonough
das „Cradle to Cradle“-Konzept –
kurz C2C – entwickelt hat. Dessen Ziel ist eine optimierte, weil
komplett abfallfreie Kreislaufwirtschaft. Die Idee dahinter: Die
für Waren – egal ob T-Shirt, Fernseher oder Baustein – genutzten
Materialien werden so designed,
dass sie nach der Nutzungsphase
entweder vollständig in den biologischen oder den technischen
Kreislauf zurückkehren können
(von der „Wiege zur Wiege“).
Müllverbrennungsanlagen
und Mülldeponien gibt es in
dem C2C-System nicht mehr
Produkte aus biogenen Stoffen
wie Baumwolle, anderen Pflanzenfasern oder Holz werden nach
den C2C-Konzept absolut schadstofffrei hergestellt. Sie sind damit nach der Gebrauchsphase
biologisch abbaubar und werden
„Nährstoffe“ für neue Pflanzen.
Für die anderen Materialien gilt,
dass sie ohne Qualitätsverlust immer wieder recycelt werden können. Sie werden nach ihrer Nutzung in sortenreine Ausgangsstoffe zerlegt und wieder dem Kreislauf zugeführt. Dabei bleibt ihre
stoffliche Güte erhalten. Alle Inhaltsstoffe sind chemisch unbedenklich und kreislauffähig. Das
bisher übliche „Downcycling“ von
Produkten, bei dem die Qualität
bei jedem Schritt abnimmt, wird
so vermieden. Müllverbrennungsanlagen und Mülldeponien gibt
es in dem C2C-System nicht
mehr. „Abfall- oder BauschuttDeponien sind die Bankrotterklärung des Ingenieurs“, sagt Braungart (siehe Interview).
Produkte mit dem C2C-Siegel,
das von einem unabhängigen Zertifizierungsinstitut
in
San
Franciso vergeben wird, gibt es
weltweit inzwischen Hunderte –
es geht vom komplett abbaubaren
Waschmittel über „kompostierbare“ T-Shirts und Matratzen bis
zum Bürostuhl. Seit einigen Jahren arbeiten Braungart und Co.
allerdings daran, ihr Konzept
auch auf den gesamten Baubereich auszudehnen. Das liegt eigentlich nahe. Denn der Rohstoffhunger des Bauwesens ist enorm,
in Europa gehen laut dem UNUmweltprogramm Unep rund 50
Prozent der Ressourcen in diesen
Sektor. Mindestens ebenso kritisch ist die Abfallseite, mit einem
Anteil von rund 60 Prozent. Das
soll sich ändern. Häuser sollen
„Materialbanken“ werden, aus
denen künftige Generationen sich
wieder bedienen können.
Heute besteht ein neu gebautes Haus aus 800 bis 900 einzel-
nen Materialien. Mit den wenigsten der üblicherweise eingesetzten Bauprodukte lässt sich das
C2C-Prinzip bereits umsetzen.
So ist selbst ein „einfacher“
Werkstoff wie Beton nicht einfach eine Mischung aus Sand,
Zement und Wasser; vielmehr
gibt es rund 300, zum Teil problematische chemische Additive,
die ihm je nach Nutzung zugesetzt werden.
Damit die Materialien, die in
einem Gebäude stecken, nach dessen Abbruch wieder verwendet
werden können, müssen die Baustoffe möglichst materialrein und
schadstofffrei entwickelt werden.
Tabu sind beispielsweise giftige
Lösungsmittel sowie Weichmacher, die im Verdacht stehen, erbgutverändernd zu wirken. Wichtig
außerdem: Bereits beim Bau ist
darauf zu achten, dass alle Baustoffe leicht wieder demontiert
und getrennt werden können. Von
diesem Prinzip hat sich die Bau-
GEMEENTE VENLO
FASSADENBEGRÜNUNG
Mehr als hundert Pflanzenarten bilden die begrünte
Fassade, in der sich auch
Insekten und andere Tiere
tummeln. Der Bewuchs, der
mit aufgefangenem Regenwasser bewässert wird, ist
Teil der Dämmschicht und
schützt vor Hitze. FR
Nr. 236
Ein Haus wie ein Baum
Das ÖkoRathaus
von Venlo
(auch links
im Foto).
Infos im Internet unter
www.beneficialfootprint.net/
72. Jahrgang
PFLANZENKLÄRANLAGE
Schmutzwasser fließt durch
eine reinigende Schicht aus
schilfartigen Pflanzen und
kann dann als Grauwasser
für die Toilettenspülung
verwendet werden. FR
Bauen nach dem
Cradle-to-Cradle-Konzept
2
praxis zuletzt weit entfernt. Verbundbaustoffe und „Sandwichmaterialien“ sind weit verbreitet,
zum Beispiel bei der Wärmedämmung von Fassaden. Hier sind eine Reihe von Stoffen so fest miteinander verbunden, dass eine anschließende Aufbereitung schwierig ist oder sogar ausscheidet.
Kritiker des Cradle to CradleBaukonzepts monieren denn
auch, es lasse sich nur schwer auf
die Praxis übertragen. Doch der
neue Ansatz gewinnt in der Fachwelt zunehmend an Unterstützung. Das Branchenmagazin
„Deutsches Baublatt“ urteilte:
„Für die Baupraxis liefert das
Prinzip einen Denkansatz, um
Produkte und Technologien sowie
Gebäude möglichst ressourcenschonend zu entwickeln.“
Klinkerbausteine, die
wie Legosteine fixiert werden,
lassen sich demontieren
Tatsächlich gibt es Bewegung in
der Baustoffindustrie. Auch renommierte Unternehmen haben
inzwischen bereits C2C-zertifizierte Produkte im Angebot, so
der Fenster- und Fassadenhersteller Schüco, der WienerbergerKonzern, der Bausteine aus Ton
und Abwasserrohre anbietet,
oder der Ytong-Anbieter Xella
Deutschland. Fast in allen Produktbereichen gibt es C2C-Alternativen – ob Dachziegel oder
Dämmstoff, ob Parkett, oder Teppichboden.
Die unabhängige Zertifizierungsstelle mit Sitz in San Francisco (www.c2ccertified.org) verzeichnet aktuell bereits 157 Baustoffe aus den verschiedensten
Bereichen. Damit alleine freilich
ist es noch nicht getan. Es kommt
auch darauf an, die Verbindungen der Baustoffe so zu gestalten,
dass die Demontagefähigkeit gegeben ist. Bei diesen „Fügetechniken“ ist noch viel Innovation nötig. Erste Ansätze existieren bereits. Es gibt Klinkerbausteine
(„Click-Brick“), die wie Legosteine fixiert werden, neuartige Baustoffklebeverbindungen, die sich
durch Zugabe von Enzymen
leicht wieder lösen lassen, oder
Dämmstofffassadenelemente, die
nur vorgehängt werden.
Nicht nur in den Niederlanden und Kalifornien, die als
Nr. 236
THEMA DES TAGES
Frankfurter Rundschau
Cradle to Cradle-Vorreiter gelten,
sondern auch in Deutschland
gibt es bereits einzelne Neubauprojekte, die sich mehr oder minder stark an der BraungartMcDonough-Philosophie orientieren. Das erste C2C-Gebäude
war die 2007 eröffnete Zentrale
des Arzneimittelherstellers Bionorica in Neumarkt (Oberpfalz).
Das größte aktuelle Projekt ist
das Verwaltungsgebäude von
RAG-Stiftung und RAG-Aktiengesellschaft in Essen. Der 2017 bezugsfertige Neubau wird aus
schadstofffreien Materialien erstellt, die komplett recyclingfähig sind. Der Komplex werde ein
„Rohstofflager“, sagte Professor
Hans-Peter Noll, der Chef der
RAG Montan Immobilien, die die
Zentrale baut. „Wir wissen von
Anfang an genau, was wo verbaut werden wird. Und es wird
ein Lebensraum mit gesunden,
ästhetischen Stoffen und Materialien.“
Verfechter des Cradle to Cradle-Bauens finden sich auch unter
den großen Bau-Projektierern.
Die renommierte Stuttgarter Bauträger- und Beratungsfirma Drees
und Sommer, ein international
tätiger Konzern mit 2150 Mitarbeitern, sieht in dem Konzept die
Zukunft. Es geht nämlich auch
um einen großen ökonomischen
Vorteil: Es entstünden „nicht nur
besonders nachhaltige, sondern
auch
werthaltige
Gebäude“,
meint Valentin Brenner, der bei
dem Unternehmen das C2C-Team
leitet. Grund: Der Rohstoff-Wert
der Materialien bleibt erhalten,
da diese am Ende der Nutzungszeit ja nicht als Abfall verloren gehen. Immerhin beläuft sich der
Materialkostenanteil bei Hochbauprojekten auf 20 bis 30 Prozent der Gesamtkosten.
Und dieser Block dürfte wachsen. Der Drees und Sommer-Manager Martin Lutz erwartet, dass
sich die bereits existierende Rohstoffknappheit in den nächsten
Jahren „immer weiter zuspitzen
wird“. Studien zeigten, dass die
Rohstoffe für Aluminium, Stahl,
aber auch Kunststoff nur noch
zwischen 50 und 100 Jahre verfügbar seien. „In Zeiten, in denen
sogar Sand bald so wertvoll sein
wird, dass er vielleicht genauso
wie Kupferleitungen oder Dachrinnen geklaut werden wird,
müssen wir reagieren.“
Neubau der
RAG-Stiftung
in Essen.
TON DESAR,
GEMEENTE VENLO
„Damit kann man Geld verdienen“
Professor Michael Braungart über den Nutzen grüner Architektur
Professor Braungart, Sie sind
nicht der erste, der eine „grüne
Architektur“ propagiert. Es
geht vom Energiesparhaus bis
zum Öko-Haus aus Lehm-Baustoffen, es gibt Solar-, Passivund Plus-Energie-Häuser. Was
missfällt Ihnen an den bisherigen Konzepten?
Erstmal gar nichts. Die Erfinder
dieser Konzepte haben alle wichtige Pionierarbeit geleistet. Es
waren notwendige Vorstufen für
ein besseres Bauen. Aber: Wir
sollten dabei nicht stehenbleiben. Es kommt aber darauf an,
Gebäude vom Grundsatz her
noch einmal neu zu denken – aus
zwei Gründen. Erstens verursacht der Baubereich alleine
rund die Hälfte des Ressourcenverbrauchs. Hier anzusetzen, ist
besonders erfolgversprechend.
Zweitens halten wir Mitteleuropäer uns 90 Prozent der Zeit in
Gebäuden auf. Daher sollte die
Luft darin rein und gesund sein,
sauberer als die belastete Außenluft. Wir brauchen Gebäude, die
die Umwelt nutzen und für Menschen wirklich geeignet sind.
Sie sagen: „Ein Haus kann wie
ein Baum sein – und eine Stadt
wie ein Wald“. Was heißt das?
Gebäude sollen, so wie ein
Baum, nützlich sein für den
Menschen und die anderen Lebewesen. Ich will keine Passivhäuser, die nur weniger schädlich
sind als andere, weil sie weniger
Energie verbrauchen. Gebäude
sollen die Luft sauberer machen
und Sauerstoff erzeugen, sie sollen das gebrauchte Wasser reinigen und anderen Lebewesen Lebensraum bieten. Sie sollen auch
wertvolle Rohstoffe erzeugen,
zum Beispiel durch Algenreaktoren, vielleicht auch die Farben
mit den Jahreszeiten wechseln
können.
Das von Ihnen entwickelte
„Cradle to Cradle“-Konzept
sieht eine ideale Kreislaufwirt-
ENERGIEGEWINNUNG
Die Fassade ist mit Solarzellen
bestückt, so wird die Sonnenstrahlung in Energie umgesetzt
und liefert Strom und Wärme.
Gleichzeitig dienen die Solarzellen als Sonnenschutz, weil
sie in die Fassade integriert
sind. FR
3
LUFTSÄUBERUNG
WIEDERVERWERTUNG
Die Fassadenbegrünung
produziert saubere Luft. Über
eine natürliche Durchlüftung
mittels eines „Sonnenschornsteins“ (die Sonne heizt den
Schornstein auf, wodurch ein
Luftzug entsteht) strömt die
Luft durch das Gebäude. FR
Die verwendeten Materialien
landen nicht auf dem Müll,
sondern werden nach der
Nutzung wiederverwertet.
Damit ein konstanter Rohstoffkreislauf entstehen kann,
müssen alle Bestandteile des
Gebäudes demontiert werden
können. FR
ZUR PERSON
Professor Michael
Braungart ist
Chemiker und Verfahrenstechniker,
er lehrt an den
Universitäten in
Lüneburg und
Rotterdam.
Braungart startete
seine Karriere in den 1980er Jahren bei
der Umweltorganisation Greenpeace.
Zusammen mit dem US-Architekten
William McDonough entwickelte er
in den 1990er Jahren mit „Cradle to
Cradle“ ein Konzept für nachhaltiges
Produktdesign. Er wurde unter anderem
mit dem „Hero of the Planet Award“ des
„Time Magazin“ ausgezeichnet. jw
schaft vor. Ist das überhaupt
realistisch?
Es geht um mehr als eine Kreislaufwirtschaft. Wir orientieren
uns an der Natur. Müll- oder Bauschuttdeponien sind die Bankrotterklärung des Ingenieurs. Alle biologischen Werkstoffe wie
etwa Holz, die bei der Nutzung
über kurz oder lang verschleißen, sollen wieder als Nährstoffe
in die Biosphäre zurückgeführt
werden. Die anderen Werkstoffe,
die zur Technosphäre gehören,
wie Steine, Beton, Baustahl, sollen als Recyclingrohstoffe immer
wieder zur Verfügung stehen,
und zwar nicht nur im Bausektor.
Stahl, der jetzt im Haus steckt,
kann später ein Autoteil und
noch später die Trommel einer
Waschmaschine sein. Dazu müssen die Werkstoffe aber von Anfang an konsequent auf diese
Wiedereinsetzbarkeit hin entwickelt werden. Die Intelligenz
liegt am Anfang.
Wie reagieren die Architekten
und Stadtplaner hierzulande
auf Ihr Konzept, das von einem
Außenseiter der Baubranche
kommt?
Das Bauen nach Cradle to Cradle
steigert den Wert der Gebäude
dauerhaft. Bei den großen Gebäude-Zertifizierern gibt es Extra-Punkte bei der Bewertung.
Daher orientieren sich immer
mehr Architekten daran. Ich hätte nie geglaubt, dass wir hier so
schnell eine Fuß in die Tür bekommen. Schneller ginge es
noch, wenn man auch im Bausektor zum „Nutzen statt Besitzen“
überginge. Die Idee ist: Komponenten wie Fenster, Steine oder
Dämmfassaden würden im Eigentum des Herstellers bleiben
und nur für eine bestimmte Nutzungszeit – etwa 25 oder 50 Jahre – gemietet. Der nimmt sie
dann wieder zurück und macht
neue Produkte daraus.
Sie haben mit Ihrem Cradle to
Cradle-Konzept vor allem Erfolg im Ausland. Die niederländische Provinz Limburg nennt
sich „Cradle to Cradle-Region“,
Kalifornien ist zum „C2C“Staat ernannt worden. Wieso
ist es in Deutschland anders?
Weil man Cradle to Cradle im
Ausland als positives Innovationsthema sieht, während man es bei
uns in die Ökoecke und damit in
die Moralecke steckt. In den Niederlanden und in Kalifornien fragen sie: „Professor Braungart,
kann man damit Geld verdienen?“ Und weil man das kann,
machen sie es. Dass die Umwelt
dadurch gewinnt, ist ein schöner
Nebeneffekt. Die Firmen, die
nach unserem Konzept Teppichböden herstellen, die die Luft etwa von Feinstaub reinigen, haben
Umsatzrenditen, die an die von
Apple herankommen. Wenn man
den Umweltschutz gleich ins Produktdesign hineinpackt, braucht
man den ganzen nachgeschalteten, so genannten Umweltschutz
nicht mehr. Die Filter, die Kläranlagen, die Müllverbrennung – alles fällt weg.
Interview: Joachim Wille
2015 GEMEENTE VENLO, FR
72. Jahrgang
PRIVAT
Montag, 10. Oktober 2016*
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