"gute" Produkte - Printarchiv der absatzwirtschaft

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Consumer Sophistication
Werden
"gute" Produkte
honoriert?
Während eine große Anhängerschaft der Konsumenten "Geiz noch immer geil
findet", gibt sich ein Teil der Konsumenten dieser Art des Kundenfangs nicht
(mehr) hin. Hersteller stehen also zunehmend vor der Frage, ob Nachfrager die
"Güte" eines Produkts umfassend beurteilen können und ob es sich daher
lohnt, "gute" Produkte anzubieten.
Von Hans H. Bauer, Nicola E. Sauer und Maik Hammerschmidt
Zur Beantwortung dieser Frage bedarf
es mehrerer Präzisierungen und Teilschritte. Erstens muss konkretisiert
werden, was "gute" Produkte überhaupt sind. Zweitens ist ein Konzept zu
entwickeln, um die Erfahrung und die
Expertise eines Kunden bei der Produktwahl beurteilen zu können. Drittens stellt sich die Frage, ob erfahrene
Konsumenten gute Produkte auch tatsächlich erkennen und bevorzugen
und damit letztlich auch die zufriedeneren und loyaleren Kunden sind.
Produkteffizienz – Maßstab für
die "Güte" eines Produkts
Der Kauf und die Verwendung eines
Produktes werden von Konsumenten
durch gewisse, mehr oder weniger
konkrete Vorstellungen getrieben.
Beim Kauf einer Digitalkamera wün-
absatzwirtschaft
schen sich Kunden bspw. eine gute
Bildqualität und einfache Bedienbarkeit, genauso aber auch ein schönes
Kameradesign. Das Streben nach einfacher Bedienbarkeit repräsentiert hierbei ein utilitaristisches, der Wunsch
nach einem schönen Design ein hedonisches Motiv. Für diese Eigenschaften müssen Kunden im Gegenzug zum
Kaufzeitpunkt und auch nach dem
Kauf finanzielle Aufwendungen erbringen. Die Effizienz eines Produktes
(Produkteffizienz) gibt nun an, welches
Ausmaß an nutzenstiftenden Eigenschaften (Outputs) ein gekauftes Produkt für die vom Kunden zu erbringenden Aufwendungen (Inputs) bietet. Je
besser dieses Verhältnis ist, desto
wertvoller ist ein Produkt für einen
Nachfrager und desto effizienter ist seine Kaufentscheidung, das heißt desto
effizienter werden die Investitionen
des Kunden in Erwerb und Nutzung
des Produktes in entsprechende Outputs transformiert (Staat/Bauer/Hammerschmidt 2002). Je größer somit der
Effizienzwert eines Produktes ist, desto eher sollte dieses Produkt vom
Käufer bevorzugt werden.
Consumer Sophistication –
Maßstab für die Konsumexpertise eines Verbrauchers
Ein Maßstab für die "Güte" der Produktbeurteilung eines Verbrauchers
stellt seine Consumer Sophistication
dar. Ein sophisticated consumer kann
auch als Konsum-Experte bezeichnet
werden, der über die notwendigen gedanklichen Strukturen (z.B. Wissen
über Produktattribute) und gedanklichen Prozesse (z.B. Entscheidungs-
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1
Consumer Sophistication
regeln) verfügt, um seine Aufgaben als
Konsument erfolgreich zu bewältigen.
In einem mehrere Studien umfassenden Forschungsprojekt im Automobilmarkt zeigte sich, dass ein sophisticated consumer ein Verbraucher ist, der
in der Lage ist, die für eine Kaufentscheidung notwendigen Informationen
zu erkennen, zu beschaffen und zielführend zu verarbeiten. Er verfügt ferner über einen großen Erfahrungsschatz in Bezug auf das relevante
Produkt und er teilt seine Erfahrungen
und Kenntnisse gerne mit anderen.
Einem sophisticated consumer macht
zudem seine Rolle als Konsument
Spaß und er nutzt Produkte ganz explizit zur Kommunikation seines Selbstbildes an seine Umwelt (Sauer 2003,
2005). Für die Unternehmenspraxis
von entscheidender Bedeutung sollte
auch die Erkenntnis sein, dass ein Verbraucher mit einer hohen Consumer
Sophistication zufriedener und loyaler
ist als ein Verbraucher mit einer niedrigen Consumer Sophistication (Sauer
2003). Ob ein sophisticated consumer
auch eher in der Lage ist, die Güte eines Produktes (gemessen durch die
Produkteffizienz) zu beurteilen, wollen
wir in dieser Studie am Beispiel des
Marktes für Digitalkameras untersuchen.
vanten Kriterien dar. Zur Absicherung
wurden Tiefeninterviews mit acht Verkäufern von Digitalkameras im stationären Einzelhandel und mit 20 Konsumenten durchgeführt. Insofern ist gewährleistet, dass keine wesentlichen
Kriterien vernachlässigt wurden.
Das Verhältnis dieser Outputs und
Inputs ziehen wir heran, um den Produkteffizienzwert zu messen, der als
Wert einer Kamera für den Kunden (so
genannter Customer Value) interpretiert werden kann. Eine optimale Kombination dieser Outputs führt schließlich zu einer Maximierung des Customer Value. Zur Berechnung der Produkteffizienz müssen die identifizierten
Outputs und Inputs aggregiert und
1 Input- und Outputmerkmale bei Digitalkameras
Inputs
absatzwirtschaft
Outputs
n
n Pocket Preis (d.h. tatsächlich ge- n
n Bedienfreundlichkeit
zahlter Preis, nicht "fiktiver" Listen- n
n Bildqualität (Auflösung, Farbfehler-
preis)
korrektur, Weißabgleich etc.)
n
n Folgekosten (Kosten für Speicher- n
n Kameraausstattung (Belichtungs-
chips und Akkus)
Produkteffizienz im Markt für
Digitalkameras
Um eine realistische ProdukteffizienzBewertung sicherzustellen, sind sowohl auf der Input- als auch Outputseite die wesentlichen kundenrelevanten Größen abzubilden. So sind auf
der Inputseite neben den Kosten für
den Erwerb (Preis) auch die Kosten für
die Nutzung des Produktes (Folgekosten) einzubeziehen. Zu den Outputs
gehören neben den technisch-funktionalen Eigenschaften auch nicht-funktionale, emotionale Attribute wie Design oder Image. Die in der Digitalkamera-Studie einbezogenen Inputs und
Outputs sind zusammenfassend in
Tabelle 1 dargestellt. Diese Größen
stellen nach den Ergebnissen einschlägiger Fachpublikationen (Testberichte, Artikel) und einer von uns
durchgeführten qualitativen Vorstudie
die für einen Digitalkamerakauf rele-
wichte weisen den Nachteil auf, für alle Produkte einheitlich zu sein und Besonderheiten oder Unterschiede der
Produkte nicht widerzuspiegeln. Stattdessen werden mit der DEA durch die
Methode selbst die Gewichtungsfaktoren der Input- und Outputmerkmale für
jedes Produkt bestimmt. Dies ge schieht, indem entsprechend der individuellen Stärken und Schwächen eines jeden Produktes die bestmöglichen (optimalen) Gewichtungen ermittelt werden. Vorteilhaft ausgeprägte
Inputs und Outputs (Stärken) erhalten
hohe Gewichte und ungünstig ausgeprägte Merkmale (Schwächen) niedrige Gewichte. Mit diesen Gewichten
gehen die Inputs und Outputs dann in
steuerung, Zoom, Monitor, Sucher
etc.)
n
n Geschwindigkeit (Auslöseverzögerung, Bildfolgezeit, Einschaltzeit
etc.)
n
n Servicequalität (z.B. Hotline, Information)
n
n Markenimage
n
n Design
,Quelle: Bauer/Sauer/Hammerschmidt
dann zueinander in Beziehung gesetzt
werden. Dies erfordert eine Gewichtung der Inputs und Outputs. Das zentrale Problem besteht nun darin, wie
diese Gewichte festzulegen sind. Zur
Lösung des Problems eignet sich die
Data Envelopment Analysis (DEA),
ein modernes Verfahren zur Effizienzmessung, welches zunehmend auch
in der Marketingforschung Einzug hält
(Backhaus/Wilken 2003; Bauer/Hammerschmidt/Garde 2004).
Die DEA erlaubt es, eine Vielzahl von
Inputs und Outputs in eine einzige
Kennzahl der Leistungsfähigkeit eines
Produktes zu transformieren, ohne
hierfür externe Vorgaben von Inputund Outputgewichten zu benötigen.
Solche vorher festgelegten, fixen Ge-
die Berechnung der Gesamteffizienz
ein. Durch diese flexible Gewichtung
wird die Produkteffizienz so fair und
realistisch wie möglich ausgewiesen.
Je höher der durch die DEA bestimmte Effizienzwert ist, desto besser ist
das Leistungs-Kosten-Verhältnis (Output-Input-Verhältnis) dieses Produktes
im Vergleich zu den Alternativen. Und
desto besser, das heißt effizienter, ist
auch die Kaufentscheidung derer anzusehen, die dieses Produkt gewählt
haben (Ratchford et al. 1996). Die
Kamera mit dem höchsten Effizienzwert kann dann als der beste Kauf
("best buy") des Marktes betrachtet
werden.
Von Dezember 2003 bis Februar 2004
wurden Käufer von Digitalkameras on-
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2
Consumer Sophistication
ESSENTIALS
line befragt, um die Inputs und Outputs, die sich nur aus der Beurteilung
durch Konsumenten ergeben (z.B.
Markenimage) und die Consumer Sophistication von Digitalkamera-Käufern
zu bestimmen, sowie zu erheben, welche Kameras von den Probanden gekauft wurden. Die empirische Erhebung wurde auf der Internetpräsenz
eines der führenden Magazine im Kamerabereich (Colorfoto) durchgeführt.
Es konnte eine Stichprobe von 596
vollständig ausgefüllten Fragebögen
generiert werden. Das Durchschnittsalter der Befragten liegt bei 36 Jahren;
84,7 Prozent der Teilnehmer sind männlich.
Consumer Sophistication im
Markt für Digitalkameras
Dass ein Digitalkamera-Käufer nach
kognitiven und hedonischen Motiven
strebt, zeigen auch unsere empirischen Ergebnisse. Als Hauptkriterien
für den Kauf nannten unsere Probanden Ausstattung (56%), Sonderpreis
(16%), Marke (12%), Größe (9%) und
Design (5%). Mit Design und Marke
werden zwei hedonische Motive als
Kaufgrund offensichtlich.
Wie stellt sich nun die durchschnittliche Consumer Sophistication der Probanden in der Produktkategorie "Digitalkameras" dar? Auf einer Skala von
1=wenig sophisticated bis 5=sehr sophisticated ergibt sich ein Durchschnittswert von 3,5. In einer repräsentativen
Befragung von Autobesitzern im Jahr
2002 (N=828) betrug die Consumer
Sophistication 2,49. Daraus folgt, dass
die befragten Digitalkamerakäufer als
vergleichsweise kompetente und erfahrene Konsumenten in dieser Produktkategorie angesehen werden können.
Das Ranking der untersuchten
Digitalkameras
Der durchschnittlich von den Probanden für ihre 3- oder 4-Megapixel Kamera bezahlte Preis lag bei 397 EUR
(Minimum: 179 EUR, Maximum: 613
EUR); das sind durchschnittlich 30
Porzent weniger als der offizielle Listenpreis. Die Folgekosten einer solchen Digitalkamera betragen durchschnittlich 136 EUR, also 37 Prozent
des Kaufpreises. Dies belegt, dass die
Folgekosten bei der Effizienzbewertung von Produkten unbedingt berücksichtigt werden müssen. In Bezug auf
die einzelnen Kaufentscheidungskriterien ist eine hohe Angleichung der Digitalkameras vor allem bei Bildqualität
und Geschwindigkeit festzustellen.
Starke Unterschiede werden von den
Konsumenten insbesondere beim Markenimage und Design wahrgenom-
n
n Die Effizienz eines Produktes ergibt
sich als Verhältnis von Outputs (nutzenstiftende Eigenschaften) und
vom Kunden zu erbringenden Inputs (Preis, Folgekosten).
n
n Konsum-Experten (das heißt Konsumenten mit hoher Consumer Sophistication) kaufen tatsächlich
auch effizientere Produkte.
n
n Viele Produkte im Digitalkameramarkt sind stark überteuert, hier besteht noch erheblicher Verbesserungsbedarf.
men. Die Canon Ixus V3 kann als Designführer; die Sony DSC-P72 hingegen als Imageführer bezeichnet werden. Rankings auf Basis einzelner
Attribute ergeben offensichtlich kein
konsistentes Ergebnis. Erst unter simultaner Einbeziehung aller Inputs
und Outputs und deren Aggregation zu
einer Effizienzkennzahl ist ein eindeutiges Ranking der analysierten Kameras erzielbar. Dieses ist in Tabelle 2
wiedergegeben.
Führt man die Ergebnisse zur Produkteffizienz und zur Consumer Sophistication (CS) aus Tabelle 2 zusammen,
ergibt sich folgendes Bild. Erfahrene
Digitalkamera-Käufer wählen tatsächlich auch Kameras mit einem höheren
Effizienzwert. Dies zeigt die hohe
Korrelation der Consumer Sophistica-
2 Effizienz der berücksichtigten 3- und 4-Megapixel-Kameras
Rang
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
Hersteller
Kodak
Olympus
Sony
Kodak
Canon
Minolta
Minolta
Sony
Sony
Olympus
Olympus
Pentax
Casio
Casio
Canon
Casio
Canon
Canon
Fuji
Casio
HP
Olympus
Nikon
Modell
DX 4330
C-4000
DSC-P52
DX 6340
Ixus II
DiMAGE F200
DiMAGE Xt
DSC P8
DSC-P72
C-730 Ultra Zoom
C-300 Zoom
Optio S
Exilim EX-Z4
QV-R4
PowerShot A70
Exilim EX-Z3
Ixus 400
Ixus V3
Finepix S5000
QV-R40
Photosmart 850
C-750 Ultra Zoom
Coolpix 4300
Effizienzwert
des Modells
Durchschnittliche CS
der Käufer des Modells
1,58
1,52
1,19
0,95
0,94
0,88
0,87
0,83
0,82
0,80
0,79
0,79
0,78
0,78
0,77
0,75
0,71
0,69
0,68
0,66
0,62
0,47
0,42
3,500
4,400
3,711
3,067
3,273
3,307
3,403
3,343
3,178
3,511
3,067
3,419
3,622
3,556
3,789
3,267
3,160
3,744
3,667
3,483
3,400
3,258
3,467
Quelle: Bauer/Sauer/Hammerschmidt
absatzwirtschaft
Science Factory 3/2005
3
Consumer Sophistication
3 Stärken-Schwächen-Analyse für ineffiziente Kameras
Utilitaristische Outputs
Kameramodell
Canon Ixus
400
Hedonistische
Outputs
MarkenDesign
image
Produk
t-wert
Bedienfreundlichkeit
Service
Geschwindigkeit
Bildqualität
Ausstattung
70,95
−−
−−
−
++
−−
−
+
94,15
−
−−
+
++
+
+
++
69,25
−−
−−
−−
−
−
−
+
77,32
−
−
−−
−−
−
++
+
75,09
−−
−−
−−
−
−
−−
++
78,04
−
−−
−−
−
−−
+
++
77,82
−
−−
−−
−
+
−−
++
66,29
−
−−
−−
−−
+
−−
++
68,43
−−
−−
−−
−
+
−−
++
62,53
−−
−
−−
−−
+
−−
++
94,74
+
++
−
+
−−
++
+
87,75
−
−−
−
+
++
−−
++
87,66
−−
−
−
++
+
−
++
42,10
−
−−
−
−−
+
−−
−−
79,13
−
−−
++
+
-
−−
−−
79,56
+
−−
−
−−
++
−
−−
47,25
−−
−
−−
−−
+
−−
−
Pentax Optio S
78,75
−−
−−
−−
−
−
++
+
Sony DSC-P8
82,71
−−
−−
−
−
++
−−
++
Sony DSC-P72
81,90
−−
−−
−
−
−
+
++
Canon Ixus II
Canon Ixus V3
Canon
PowerShot A70
Casio Exilim
EX-Z3
Casio Exilim
EX-Z4
Casio QV-R4
Casio QV-R40
Fuji Finepix
S5000
HP Photosmart
850
Kodak DX 6340
Minolta DiMAGE
F200
Minolta DiMAGE
Xt
Nikon Coolpix
4300
Olympus C-300
Zoom
Olympus C-730
Ultra Zoom
Olympus C-750
Ultra Zoom
Quelle: Bauer/Sauer/Hammerschmidt
tion-Werte und der zugehörigen Effizienzwerte für jedes Modell (Korrelationskoeffizient r = 0,48). Damit wird
die Vermutung bestätigt, dass Konsum-Experten im Ergebnis auch effizienter entscheiden, das heißt Kameras mit einem höheren Effizienzwert
wählen und durch ihre Produktkäufe
so einen höheren Customer Value realisieren. Digitalkamera-Hersteller und
-Verkäufer sollten also gewappnet
sein: Je mehr sophisticated ihre Kunden sind, desto eher kaufen sie auch
nur solche Kameras, die ihnen einen
maximalen "Return" ihrer Aufwendungen für Produktkauf und -nutzung garantieren.
Die Hersteller scheinen daher gut beraten, den Produktwert ihrer Kameras
kritisch zu überprüfen und eine ganzheitliche Optimierung des Output-Input-Verhältnisses stärker in den Fokus
ihrer Produktpolitik zu rücken, statt isolierte Optimierungen einzelner Merkmale vorzunehmen. Um Benchmarks
für Verbesserungspotenziale bei den
einzelnen Input- und Outputeigen-
absatzwirtschaft
schaften zu erhalten, können sich die
Hersteller an der Best Practice orientieren. Diese ergeben sich in Form der
drei effizienten Kameras auf den oberen Plätzen des Rankings. Wie Tabelle
2 verdeutlicht, ist die Kodak DX 4330
unter Berücksichtigung aller Inputs
und Outputs der Effizienzführer. Für
die Konsumenten stellt dieses Modell
den "besten Kauf" unter allen Alternativen dar. Aus Sicht der übrigen Hersteller kann dieses Modell als Benchmark für die Optimierung ihrer Kameras angesehen werden. Der Abstand
zur Olympus C-4000 und Sony DSCP52 zeigt, dass die DX 4330 selbst innerhalb der Gruppe der führenden Kameras über einen erheblichen Wettbewerbsvorsprung verfügt.
Managementimplikationen für
Digitalkamera-Hersteller
Was können nun aber Hersteller der
ineffizienten Kameras tun, um aus ihren Modellen "gute" Produkte zu machen? Eine Stärken-Schwächen-Analyse (vgl. Tabelle 3) zeigt für die Digi-
talkamera-Hersteller Potenziale zur
Verbesserung des Produktwertes ihrer
Kamera(s). Die in Tabelle 3 mit Pluszeichen versehenen Input- und Outputfaktoren sind jene, denen im Rahmen der DEA hohe Gewichte zugewiesen wurden. Sie stellen Stärken
der Modelle dar, wobei jeweils der
Faktor mit ++ das vergleichsweise am
vorteilhaftesten ausgeprägte Leis tungsmerkmal repräsentiert. Bei den
"Plus-Merkmalen" besteht kein nennenswerter Abstand zur BenchmarkKamera, weshalb hier Leistungspotenziale schon weitgehend ausgeschöpft
sind. Alle übrigen Merkmale sind in
Relation zu den übrigen Kameras ungünstig ausgeprägt. Sie stellen daher
die jeweiligen Schwächen der Modelle
dar, die als Ursachen der Ineffizienz zu
sehen sind.
Der Effizienzwert von 42 Prozent der
schwächsten Kamera Nikon Coolpix
4300 bedeutet, dass nur 42 Prozent
des Preises durch die Leistungseigenschaften gerechtfertigt sind und die
Kamera damit stark überteuert ist
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Consumer Sophistication
(schlechtestes Kosten-Leistungs-Verhältnis). Betrachtet man die Inputseite
müsste Nikon den Preis der Kamera
massiv senken, damit die Coolpix
4300 ein effizienter Kauf für Konsumenten werden würde. Bei outputorientierter Betrachtung müsste Nikon
Coolpix außer bei der Ausstattung erhebliche Verbesserungen vornehmen,
um die Kamera attraktiv zu gestalten
(vgl. Tabelle 3).
Eine Optimierung des Customer Value
erscheint aus mehreren Gründen geboten: Mit zunehmender Reife des
Digitalkameramarktes werden immer
mehr Käufer in der Lage sein, den
Wert alternativer Angebote zu vergleichen und diejenigen Kameras zu identifizieren, die ihnen ein optimales Leistungs-Kosten-Verhältnis bieten.
"Lemons" (also überteuerte Kameras
mit minderwertiger Ausstattung und
Anmutung) lassen sich immer schwerer an den Mann oder die Frau bringen!
Nur durch Schaffung eines überlegenen Customer Value können Absatzpotentiale langfristig ausgeschöpft werden. Darauf zu vertrauen, dass immer
noch genügend unerfahrene Käufer
übrig bleiben, kann sich schnell als
kurzsichtig erweisen. Nur allzu oft
Prof. Dr. Hans H. Bauer
ist Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und
Marketing II an der Universität
Mannheim sowie Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für
Marktorientierte Unternehemensführung (IMU).
schlägt sich der Kauf schlechterer Produkte in hoher Unzufriedenheit nieder.
So zeigen die Befunde der Studie,
dass gerade bei den Käufern jener
Kameras mit geringeren Effizienzwerten eine deutlich geringere Kundenzufriedenheit und -loyalität besteht. Hersteller und Verkäufer sollten sich dieser
Konsequenzen bewusst sein: Im günstigeren Fall wandern "geprellte" Kunden einfach nur ab mit der Folge ausbleibender Wiederkäufe. Vielleicht ziehen frustrierte Kunden aber auch als
"Guerillas" gegen das Unternehmen ins
Feld und halten durch Negativreferenzen auch andere Kunden vom Kauf ab.
Backhaus, Klaus/Wilken, Robert
(2003): Effizienzmessung im Marketing mit Data Envelopment Analysis Eine methodische Bestandsaufnahme, Arbeitspapier Nr. 34/2003, Institut
für Anlagen und Systemtechnologien,
Münster.
Bauer, Hans H./Hammerschmidt,
Maik/Garde, Ulrich (2004): Marketingeffizienzanalyse mittels Efficient
Frontier Benchmarking - Eine Anwendung der Data Envelopment Analysis,
Wissenschaftliches Arbeitspapier W
72, Institut für Marktorientierte Unternehmensführung, Mannheim.
Bauer, Hans H. / Sauer, Nicola E. /
Hammerschmidt, Maik (2005): Produkteffizienz und Consumer Sophistication - Lohnt es sich für Unternehmen, gute Produkte anzubieten?, Management Know-How Papier M 101,
Institut für Marktorientierte Unternehmensführung, Mannheim.
Ratchford, Brian T./Agrawal, Jagdish/Grimm, Pamela E./Srinivasan,
Narasimhan (1996): Toward Understanding the Measurement of Market
Efficiency, in: Journal of Public Policy
& Marketing, Vol. 15, No. 2, p. 167-184.
Sauer, Nicola E. (2003): Consumer
Sophistication - Messung, Determinanten und Wirkungen auf Kundenzufriedenheit und Kundenloyalität, Wiesbaden: Gabler.
Sauer, Nicola E. (2005): Entwicklung
und Validierung einer Skala zur Messung von Consumer Sophistication, in:
Marketing ZFP, 27. Jg., Nr. 1, S. 55-70.
Staat, Matthias/Bauer, Hans H./Hammerschmidt, Maik (2002): Structuring
Product-Markets: An Approach Based
on Customer Value, in: Marketing Theory and Applications, Vol. 13, No. 1, p.
205-212.
Nicola E. Sauer
ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin
und Doktorandin am Lehrstuhl von
Prof. Bauer.
Maik Hammerschmidt
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter
und Doktorand am Lehrstuhl von
Prof. Bauer.
Literatur
Kontakt: [email protected]
absatzwirtschaft
www.bwl.uni-mannheim.de/bauer
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