Führerschule, Thingplatz, »Judenhaus

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Führerschule,
Thingplatz, »Judenhaus«
Orte und Gebäude der nationalsozialistischen
Diktatur in Sachsen
H e r a u s g e g e b e n v o n k o n s ta n t i n h e r m a n n
Führerschule,
Thingplatz,
»Judenhaus«
Orte und Gebäude
der nationalsozialistischen Diktatur
in Sachsen
H e r au s g e g e b e n vo n ko n sta n t i n h e r m a n n
S a n d st e i n V e r l a g
Inhalt
8 ko n sta n t i n h e r m a n n
Vorwort
Einleitung
11 t h o m a s w i d e r a
Annähern an Orte –
Plädoyer für eine lokalisierte Erinnerung
18 J u st u s H . U l b r i c h t
Inseln im Meer des »deutschen Verfalls« –
Knotenpunkte im Netzwerk
der völkischen »Szene« Sachsens
Raum und Region
26 ko n sta n t i n h e r m a n n
Erzgebirge – Brauch und Missbrauch
einer Region
34 U l f Ja co b
Die Oberlausitz – Beobachtungen zur
Motivik eines medialen Regionalbildes
im »Dritten Reich«
»Kampfzeit«
44 M i k e S c h m e i t z n e r
Plauen: Die Gauleitung der NSDAP
47 St e p h a n D e h n
Sachsens Südwesten als frühe Hochburg
der NSDAP
50 M i k e S c h m e i t z n e r
Hammerleubsdorf – Eine »Schmiede
des Nationalsozialismus«
»Machtergreifung« und
»Gleichschaltung«
5 4 Sw e n St e i n b e r g , W i l ly B u s c h a k
Die frühe Besetzung der sächsischen
Gewerkschaftshäuser im März 1933 am
Beispiel von Dresden
86 Ko n sta n t i n H e r m a n n
Das Gebäude des NS-Gauverlags Dresden,
Wettiner Platz 10
88 M a n f r e d St e i n m a n n
Der Rundfunksender Reichenbach/
Oberlausitz – Senden für den Sieg
Architektur und Städtebau
6 4 Sw e n St e i n b e r g
Die BDM-Führerinnenschule Ottendorf
als Bestandteil des nationalsozialistischen
»Schulungswesens« in Sachsen
69 E st h e r L u d w i g
Das Grab von Theodor Fritsch in Gautzsch
Die Nationalpolitische Erziehungsanstalt
in Dresden-Klotzsche
Die Hochschule für Lehrerbildung
in Dresden
126 Ko n sta n t i n H e r m a n n
62 B o r i s B ö h m
Die Reichsverwaltungsschule
Pirna-Sonnenstein 1941 – 1945
– Ein auf nationalsozialistischer
Weltanschauung basierendes Fachwissen
für Beamte
118 H a n k a B l e s s e
122 Ko n sta n t i n H e r m a n n
5 8 M i k e S c h m e i t z n e r
Dresden: Landtag und Staatskanzlei
Bildung und (Pseudo-)
Wissenschaft
92 M a r i o n I g l
Das Reichenbacher Kriegerdenkmal
für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs
1914 – 1918
94 G i l b e rt L u p f e r
Planungen für das Gauforum Dresden
98 U w e R i c h t e r
Die ehemalige Platzanlage
»Am Sonnenrad« in Freiberg –
Ein einmaliges städtebauliches Ensemble
der NS-Zeit in Sachsen
Das »Bekenntnis der Professoren
zu Adolf Hitler« in der Alberthalle Leipzig
128 Sw e n St e i n b e r g , U w e F r au n h o l z
Die reine Luft der Wissenschaft? –
Rüstungs- und Autarkieforschung
an sächsischen Hochschulen
134 Sw e n St e i n b e r g
Die Deutsche Kolonial-Ausstellung 1939
in Dresden und die nationalsozialistische
Lebensraumpolitik
102 M i k e S c h m e i t z n e r
Inszenierung, Massen­­
begeisterung und Medien
74 Ko n sta n t i n H e r m a n n
Der »Führerbesuch« 1934
und die »Treuekundgebung« 1944
in Dresden
78 H e n r i e t t e K u n z
Zwei Bücherverbrennungen in Dresden
82 U w e R i c h t e r
Die 750-Jahr-Feier Freibergs 1938 –
Ein Stadtjubiläum im »Dritten Reich«
Gaujägerhof und Neues Jägerhaus
Grillenburg
Kirchen- und
Religionsgemeinschaften
106 Ch r i st i n e P i e p e r
Das »Haus in der Sonne« –
Ein Repräsentationsbau der
Heimatschutzarchitektur
in Radebeul
108 L a r s F r i e d r i c h
Die Villa des SA-Stabchefs
Wilhelm Schepmann in Dresden
111 L a r s - A r n e Da n n e n b e r g
Thingplatz Kamenz
140 B e n ja m i n K r o h n
Die Zwickauer Marienkirche
und ihre Erhebung zum Dom 1935
144 G e r h a r d L i n d e m a n n
Das Landeskirchenamt Dresden
148 B i r g i t M i t z s c h e r l i c h
Der Alte Katholische Friedhof in Dresden
Kunst und Massenkultur
154 Ch r i sto p h Z u s c h l a g
Neues Rathaus Dresden:
Die Ausstellung »Entartete Kunst« 1933
159 Th o m a s S c h a a r s c h m i dt
Die »Feierohmd-Schau« 1937/38
im Realgymnasium Schwarzenberg –
Das erzgebirgische Weihnachtsland
»im Zeichen des Heimatwerks«
162 St e p h a n D e h n
Der Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal
164 J o s To m lo w
Haus Handrick am Zittauer Ring –
Der Sieg im Modernen Fünfkampf bei den
Olympischen Spielen in Berlin 1936
166 Th o m a s S c h a a r s c h m i dt
Die Zentrale des »Heimatwerks Sachsen«
im ehemaligen Ständehaus,
Schloßstraße 1 – »Sachsen marschiert
wieder einmal an der Spitze …«
170 Ta n ja S c h e f f l e r
Stadtbad Chemnitz
174 J o s To m lo w
Das Grenzlandtheater in Zittau –
Der erste Theaterbau für das
»Dritte Reich«
178 A g ata S c h i n d l e r
Das Schauspielhaus Dresden –
Vom Schicksal des Musikdirektors
Arthur Chitz
182 Ko n sta n t i n H e r m a n n
Der Weg der Olympiafackel durch Sachsen
Wirtschaft und Verkehr
186 St e p h a n D e h n
Die Reichsautobahnen in Sachsen
190 R a i n e r K a r l s c h
Die Aktiengesellschaft Sächsische Werke
(ASW) und das Hydrierwerk der
Braunkohle-Benzin AG (Brabag) in Böhlen
1 9 4 S i e g f r i e d B a n n a c k
»Stadt der Flieger« –
Klotzsches Erhebung zur Stadt 1935
1 9 8 K a i W e n z e l
Die FOKORAD in Niesky –
Eine Planungsbehörde für den
Barackenbau
2 02 E st h e r L u d w i g
»Die innerbetrieblichen Verhältnisse
werden den nationalsozialistischen Ideen
in besonders glücklicher Weise gerecht« –
Die HASAG Leipzig zwischen Panzerfaust
und Zwangsarbeit
2 0 6 Ta n ja S c h e f f l e r
Die Technische Messe in Leipzig
21 0 Ta n ja S c h e f f l e r
Der Flughafen Leipzig-Mockau als Standort
der deutschen Luftrüstungsindustrie
Widerstand, Verfolgung
und Rettung
21 8 Vo l k e r K n ü p f e r
Das »Sächsische Logenmuseum«
in Chemnitz – Inszenierung im Dienst
der »Gegnerbekämpfung«
2 24 St e fa n D o n t h
Wachbergstraße 3 in Dresden –
Gerhard Grabs und seine Freunde
gegen das NS-Regime
2 2 8 Ko n sta n t i n H e r m a n n
Die Evangelisch-lutherische Landeskirche
im Kirchenkampf – Das Pfarramt
Frauenstein
2 32 L i n da vo n K e ys e r l i n g k
Die Albertstadt, der Widerstand und
Generalmajor Hans Oster – Ein Dresdner
im Zentrum der Verschwörung
2 3 6 Ch r i st i a n L i e b e rw i rt h
Das Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz –
Gestapo-Terror vor bürgerlichen Fassaden
241 J oa c h i m S c h i n d l e r
Fluchtwege über den Erzgebirgskamm
und im Elbsandsteingebirge
246 n o r b e rt h a a s e
Das Konzentrationslager Sachsenburg
250 B o r i s B ö h m
Die Tötungsanstalt
Pirna-Sonnenstein 1940 – 1941
– Nationalsozialistischer Massenmord
an Kranken und Behinderten
Jüdisches Leben
und Vernichtung
256 M i c h a e l D ü s i n g
»Es ist jetzt sehr gefährlich, ins Kaufhaus
zu gehen.« Das Kaufhaus Schocken
und der Judenboykott vom 1. April 1933
in Freiberg
260 N o r b e rt L i t t i g
Familie Schönwald in Großröhrsdorf –
Das größte Textilwarenkaufhaus im
Rödertal
Krieg und »Zusammenbruch«
284 M a n f r e d Z e i d l e r
Luftkriegsschule Dresden-Klotzsche
288 G i l b e rt L u p f e r
Luftgaukommando Dresden
291 H o lg e r Sta r k e
Die Vereidigung des Dresdner Volkssturms
auf der Ilgen-Kampfbahn
294 J ö r g O st e r lo h
Bahnhof Jacobsthal –
Ankunftsort für Hunderttausende
Kriegsgefangene in Sachsen im
Zweiten Weltkrieg
298 Wo l f g a n g Uh l m a n n
Zwangsarbeiter in den Astra-Werken
Chemnitz
Nachwort
303 n o r b e rt h a a s e
Umgang mit wieder aufgefundenen
NS-Relikten im Ortsbild
264 A n d r e a Lo r z
»Arisierung« in Leipzig,
in ausgewählten Aspekten dargestellt
am Tuchhandelsunternehmen
der Gebrüder Heine
268 G e r d N au m a n n
Das Gemeindehaus mit Synagoge der
Israelitischen Kultusgemeinde zu Plauen
270 G u n da U l b r i c h t
»Altstadtgesundung« in Dresden
und Leipzig 1935 bis 1939 – Städteplanung
des Nationalsozialismus
274 J ü r g e n N i ts c h e
»Judenhäuser« in Chemnitz –
Das Haus Zschopauer Straße 74
278 Ch r i st i n e P i e p e r
Das »Judenlager Hellerberg« –
Ein (un)vergessener Ort?
Anhang
310 Personenregister
316 Autoren
319 Bildnachweis
320 Impressum
Der »Führerbesuch« 1934
und die »Treuekundgebung« 1944 in Dresden
Ko n sta n t i n H e r m a n n
»Gebt mir zehn Jahre Zeit und Ihr werdet Deutschland nicht wiedererkennen.« Hitlers prophetische Worte in seiner Regierungserklärung erfüllten sich wirklich innerhalb einer Dekade,
jedoch in einem ganz anderen Sinne als dem gedachten. Für die sächsische Gauhauptstadt wird
dies besonders an zwei Ereignissen deutlich: am ersten (und einzigen) Besuch Hitlers in Dresden
anlässlich der Reichstheaterwoche 1934 und an der Treuekundgebung am Königsufer 1944 nach
dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat.
Die Vorbereitung der Festwoche hatte im Herbst 1933 begonnen. Eine angebliche besondere
Willfährigkeit der Dresdner oder der relativ hohe Anteil an Nationalsozialisten in den Dresdner
Theatern sind ebenso Spekulation wie die Annahme, der Ruf Dresdens als wichtige Theaterstadt
sei der Grund für die Vergabe gewesen: Die Gründe bleiben unbekannt. Die Absichten liegen
jedoch auf der Hand und wurden in den Zeitungen auch klar benannt: Die Theater sollten aus
»dem Sumpf des Novembersystems« herausgeholt werden und der Regierung sei die »erzieherische Aufgabe« der Spielstätten im Sinne des Nationalsozialismus wichtig, wie der »Freiheitskampf« schrieb. Offen bleibt die Rolle der Inszenierung. Es scheint, als habe die Propaganda die
Spannung auf den Höhepunkt treiben wollen, denn es war bis zum Eintreffen Hitlers unklar, ob
er tatsächlich nach Dresden kommen und mit welchem Verkehrsmittel er anreisen würde. Die
Zeitungen griffen die Spekulationen auf, heizten die Stimmung künstlich an und gaben die
Fieberhaftigkeit der Tage breit wieder, die wiederum die Bevölkerung weiter aufpeitschte. In der
Presseanweisung vom 28. Mai 1934 hatte Goebbels festgelegt: »Statt dessen [AVUS-Rennen, K. H.]
soll die Dresdner Theaterwoche besonders stark aufgemacht werden, vor allem die Rede des
Propagandaministers.« 1
Die Festwoche begann mit dem Hissen der Hakenkreuzflagge vor der Generalintendanz der
Staatstheater am Taschenberg am 27. Mai 1934. An jenem Tag traf Hitlers Entourage in Dresden
ein: Blomberg, Goebbels, SS-Gruppenführer Sepp Dietrich und andere. Die NS-Propaganda, die
gern historische Monumentalismen wählte, verglich das Eintreffen Hitlers mit einem Triumphzug, der bisher keinem König oder Kaiser in Dresden zuteil geworden wäre. Der Kanzler traf
ebenfalls am 27. Mai mit dem Auto ein. Martin Mutschmann erwartete ihn an der Stadtgrenze.
Von dort bis zum Hotel Bellevue, in dem Hitler untergebracht war, sollen 38 000 SA- und 20 000
SS-Männer Spalier gestanden haben. Die nördliche Stadtgrenze befand sich damals an den
Hellerbergen. Sechs Kilometer, an beiden Straßenrändern mit je 29 000 Unformierten gesäumt:
rein rechnerisch fast fünf Personen pro Meter. Ob diese Zahl übertrieben ist oder nicht – der
Empfang muss triumphal gewesen sein. Selbst Goebbels schrieb in seinem Tagebuch: »Einfahrt
Dresden wahrer Triumph. Unabsehbar die Massen. Froh, als ich im Hotel bin. Ewige Sprechchöre.« In der Halle des Hotels Bellevue warteten Ministerpräsident Manfred von Killinger,
74 I n sz e n i e r u n g , M a ss e n ­­b e g e i st e r u n g u n d M e d i e n
Titelblatt der 1934 erschienenen Broschüre
zum Besuch Hitlers
SS-Obergruppenführer Karl von Eberstein, SS-Oberführer Hans Döring und andere Parteigrößen
auf das Eintreffen Hitlers. 2 SA-Gruppenführer Hans Hayn stand am äußersten linken Flügel der
aufmarschierten Massen; zwei Monate später, am 30. Juni 1934, wurde er im Zuge des RöhmPutsches, in der »Nacht der langen Messer«, auf Befehl Hitlers durch ein Erschießungskommando unter der Führung Sepp Dietrichs exekutiert.
Während seines Dresden-Aufenthalts besuchte Hitler Oper- und Schauspielaufführungen
und wurde in den Häusern frenetisch gefeiert. Skurril wirkt die Beschreibung des »Freiheitskampfes« über Hitlers Arbeit: »Während man wähnt, daß er noch schläft, sitzt er längst am
Schreibtisch, dirigiert das politische Leben Deutschlands.« Am 28. Mai besuchte Hitler die Infanterieschule in der Albertstadt und wohnte abends dem Großen Zapfenstreich der SA vor der
Villa Mutschmanns in der Comeniusstraße bei. Goebbels beschreibt die schon fast Hysterie zu
nennende Begeisterung der Dresdner: »Ganz Dresden im Trubel. Es fängt an, ungemütlich zu
werden. […] Dienstag: Vorbeimarsch der S. A. Prachtvoll. Eine Stunde Marschtritt. Das Volk rast.« 3
Hitler eröffnete die Ausstellung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Lichthof
des Neuen Rathauses und besah sich Werke der Moderne in der »Schreckenskammer«. In einem
der Räume wurden ihm die Modelle für den Königsuferausbau vorgestellt, und Oberbürgermeister Zörner stellte Hitler vier verschiedene Varianten der Umgestaltung des Platzes vor dem
Hygiene-Museum vor. Im Rathaus trug der Kanzler sich in das Goldene Buch der Stadt Dresden
ein. Prozessionen trafen ein, die Hitler Weihegeschenke überbrachten. Der Altenberger Bürgermeister, Parteigenosse Hielscher, überreichte Hitler einen Brotteller im »gotischen Stil mit germanischen Runenzeichen« aus dem ersten Zinn des neueröffneten Bergwerks, hergestellt von
der Altenberger Zinngießerei zur Mühlen. Weitere Programmpunkte waren der Empfang der
D e r » F ü h r e r b e s u c h « 1934 u n d d i e » T r e u e k u n d g e b u n g « 1944 i n D r e s d e n 75
Politischen Leiter aus Sachsen, der Besuch von Gemäldegalerie und Zwinger und ein Treffen mit
Kriegsversehrten. Am 30. Mai flog Hitler nach Berlin zurück. Wilhelm Liske, stellvertretender
Hauptschriftleiter des »Freiheitskampfes«, schrieb die in mehreren Auflagen erschienene Broschüre »Sachsen umjubelt den Führer«, die erstmals 1934 im NS-Gauverlag erschien und deren
Pathos in Wort und Bild byzantinistisch ist. Ein Bild ist auch dem Mann gewidmet, der zwei
Monate später erschossen wird: »Gruppenführer Hayn meldet dem Führer die SA«. 4 Hitler sieht
auf dem Bild zu Boden.
Die Reichstheaterwoche blieb nicht im öffentlichen Gedächtnis verhaftet, die Erinnerung
an den »Führerbesuch« verblasste in den Zeitläuften. Der Musikkritiker Paul Bekker verriss die
Festwoche, die zwar durchaus gute Opern und Schauspiele gebracht habe, aber: »Was an diesem
Programm rechtfertigte den erstmaligen Einsatz des Protektors ›Reich‹? Wo war die Originalität
des Aufbaus, die Bedeutung des Inhalts? […] Klein-Zaches [Goebbels, K. H.] hat ein paar Reden
gehalten, die in der tiefen Erkenntnis gipfelten: ›Lieber ein guter Klassiker, als ein schlechter
Moderner.‹ […] Frage: Sind die in Deutschland lebenden Menschen nur so verängstigt, oder sind
sie bereits wirklich so verblödet, dass sie die einzige mögliche Antwort auf solchen platten
Schwatz: das tötende Lachen nicht finden? Mit dieser Fragestellung sind wir zum Kernproblem
der Reichstheaterwoche selbst vorgedrungen.« 5
In den darauffolgenden zehn Jahren hatte sich die Situation völlig verändert. Die sowjetische
Armee stand dicht vor Ostpreußen, im Westen hatten die Alliierten gerade die Stadt Caen in der
Normandie erobert. Am 20. Juli 1944 detonierte in der Lagebaracke des Führerhauptquartiers
Wolfsschanze die Bombe, mit der Claus Graf Schenk von Stauffenberg Hitler töten wollte. Der
Aufstand, Operation »Walküre«, wurde innerhalb weniger Stunden niedergeschlagen. Am
Abend des 20. Juli stellte der steiermärkische Gauleiter Sigfried Uiberreither Goebbels die Frage,
ob »Großkundgebungen anläßlich des glücklichen Verlaufs des Attentats im Reich durchgeführt
werden«. 6 Die Idee zu »Treuekundgebungen für den Führer« kam nicht vom Reichspropagandaministerium selbst. Einen Tag später empfahl Goebbels die Ausrichtung der Massenkundgebungen den Gauleitern, die dort nach Möglichkeit auch sprechen sollten. Erst am 22. Juli erließ
das Ministerium schließlich eine Information darüber und wiederum zwei Tage später eine
Anweisung zu Form und Inhalt der Treuekundgebungen, von denen viele schon stattgefunden
hatten. Die Gaupropagandaleitungen berichteten über die veranstalteten Kundgebungen, die
häufig dezentral und ohne Anleitung ausgerichtet worden waren. Gerade darin lag ihr »Erfolg«,
in der Spontanität, die den Bevölkerungswillen demonstrieren sollte. In Sachsen fanden bis zum
21. Juli 189 Veranstaltungen mit 186 000 Teilnehmern statt; bis zum 24. Juli 400 Veranstaltungen
mit 415 000 Anwesenden. 7 Diese Kundgebungen fanden in öffentlichen Gebäuden statt; die
NSDAP-Ortsgruppe Radebeul-Friedensburg lud beispielsweise in das Lichtspielhaus »Capitol«,
die Freitaler Ortsgruppe in den Gasthof »Goldener Löwe« ein.
Die NS-Propaganda bemühte sich, den spontanen Charakter der Treuekundgebungen zu
betonen, so auch der Dresdner »Freiheitskampf«, der schrieb, dass sich in der Gauhauptstadt in
den frühen Nachmittagsstunden am Freitag die Parole verbreitet habe: »Auf zum Königsufer
zur Treuekundgebung!« Dass die Veranstaltung durchgeplant war, wird schon allein durch die
Anwesenheit und Reden der NS-Prominenz bewiesen. Eine kurze Meldung erschien zu der
Dresdner Großveranstaltung im »Freiheitskampf« am 22. Juli; ein ausführlicher, bebildeter
Bericht folgte einen Tag später. Soldaten der Infanterie und Luftwaffe, Männer der SA-Standarte
»Feldherrenhalle«, Pimpfe, Verwundete, Mütter, Frauen, ein General mit seinen Mitarbeitern
76 I n sz e n i e r u n g , M a ss e n ­­b e g e i st e r u n g u n d M e d i e n
und viele andere seien zur Kundgebung gekommen, an jenes Königsufer, das von 1933 bis 1936
gebaut und angelegt wurde. »Abscheu über den fluchwürdigen Anschlag gegen den Führer«
wurde kundgetan, und jetzt erst recht würden alle dem »Führer folgen bis zum endgültigen
Siege«. 8 Bis in die frühen Abendstunden dauerten die Reden von Gauleiter Mutschmann und
Kreisleiter Walter und die Musik. »Die Glut der Herzen brennt in Treue zum Führer«, »Nun erst
recht. Alles für den Führer, alles für den Sieg!« Wie »Keulenschläge« dröhnten Mutschmanns
Worte, der von den jahrelangen Versuchen »der Juden« sprach, den »Führer zu ermorden«.
Kreisleiter Walter beschwor den »Herrgott: Erhalte uns den Führer! Diese Kundgebung ist für
uns alle ein Gottesdienst geworden.« 9
Welchen Wert und welche Wirkung die Treuekundgebung auf die Bevölkerung hatte, ist nur
schwer einzuschätzen. Eine begrenzte Mobilisierung kann ihr sicher nicht abgesprochen werden,
zumal sicher ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung die »Vorsehung« als Garant für einen
»Endsieg« und als Gewähr dafür sah, dass ein neues »1918«, ein »Verrat an der Front«, hier nun
mit einem Attentat auf den Führer, nicht vorkommen würde. Der »Glaube an den Führer« wurde
vielleicht gestärkt – dieser Führer jedoch spielte schon 1944 in der Bevölkerung als Kanzler und
»oberster Kriegsherr« nur noch eine geringe Rolle. Für die Deutschen war Hitler als konkrete
Person kaum mehr zu fassen: keine öffentlichen Auftritte im gesamten Jahr, nur drei Radioansprachen.
Der Dresdner Gerhart Baum, nachmaliger liberaler Bundesinnenminister, erlebte die Veranstaltung: »Eine Treuekundgebung mit dem Jungvolk und Tausenden Leuten, die man zusammengekarrt hatte […] Alle machten mit.« 10 In ihr manifestierte sich nicht zum letzten Mal in
Dresden die fatale Treue großer Teile der Bevölkerung, auch angesichts der militärischen Lage,
die zum Durchhalten und zum Schicksalsbund zu zwingen schien. Die Vereidigung des Volkssturms auf der Ilgen-Kampfbahn avancierte zum nächsten Großereignis in der sächsischen
Gauhauptstadt.
Am 1. September 1944, zehn Jahre nach der Reichstheaterwoche und als eine der Folgen des
Attentats auf Hitler im Sinne der »Aufbietung aller Kräfte für den Endsieg«, mussten alle Theater durch die Verordnung Goebbels’ zum »Totalen Kriegseinsatz der Kulturschaffenden« schließen. Damit war auch Makulatur, was der »Freiheitskampf« einen Tag nach dem Hitler-Attentat
geschrieben hatte: »Pläne des Dresdner Schauspielhauses 1944/45«. 11 Das Schauspielhaus konnte
erst am 22. September 1948 wiedereröffnet werden.
Anmerkungen
1 NS-Presseanweisungen der Vorkriegszeit, Bd. 2: 1934, München 1985, S. 223.
2 Der Freiheitskampf, 28. 5. 1934.
3 Elke Fröhlich (Hg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels,
Einträge vom 28. und 30. 5. 1934, Band 3,1: April 1934 – Februar 1936, München 2005, S. 54 f.
4 Sachsen umjubelt den Führer. Ein Bildbericht über den
ersten Staatsbesuch Adolf Hitlers anläßlich der Reichstheaterfestwoche in Dresden, Dresden 1934, S. 73.
5 Reichstheaterwoche (1934), in: Paul Bekker: »Geist unter
dem Pferdeschwanz«. Paul Bekkers Feuilletons aus dem
Pariser Tageblatt 1934 – 1936, Saarbrücken 2001, S. 101 f.
6 Thomas Travaglini: Der 20. Juli 1944. Technik und Wirkung seiner propagandistischen Behandlung nach den
amtlichen SD-Berichten, Berlin 1964, S. 53.
7 Ebd., S. 137.
8 Freiheitskampf, Nr. 200 vom 22. 7. 1944.
9 Freiheitskampf, Nr. 201 vom 23. 7. 1944.
10 Gerhart Baum: Die Wut ist jung. Bilanz eines politischen
Lebens, München 2012.
11 Der Freiheitskampf, 21. 7. 1944.
D e r » F ü h r e r b e s u c h « 1934 u n d d i e » T r e u e k u n d g e b u n g « 1944 i n D r e s d e n 7 7
Zwei Bücherverbrennungen in Dresden
Henriette Kunz
Wenige Stunden, nachdem die SA unter Beteiligung der Polizei am 8. März 1933 das Redaktionsgebäude der »Dresdner Volkszeitung« gestürmt hatte, um die Produktion dieses sozialdemokratischen Organs zu stoppen, fand auf dem Wettiner Platz eine der reichsweit ersten nationalsozialistischen Bücherverbrennungen statt.
Neben sozialdemokratischen Druckerzeugnissen wurden auch Werke der Weltliteratur missliebiger Autoren verbrannt. An diese erste nicht-studentische Aktion erinnert bis heute sowohl
eine bekannte Fotografie als auch eine Gedenktafel am historischen Ort, die am 10. Mai 1948 auf
einer Kundgebung zum »Tag des freien Buches« enthüllt wurde.
Der 10. Mai 1933 gilt als ein entscheidender Markstein für die Manifestation der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland. Die Bücherverbrennungen, die an diesem Tag in fast
allen deutschen Universitätsstädten stattfanden, basierten auf der durch das Hauptamt für
Presse und Propaganda der Deutschen Studentenschaft zentral gesteuerten Kampagne »Wider
den undeutschen Geist«. Das Datum avancierte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem
zunächst gesamtdeutschen und später – als »Tag des freien Buches« – zu einem offiziellen
Gedenktag in der DDR.
Auch in Dresden inszenierten Studenten der Technischen Hochschule (TH) am 10. Mai 1933
eine nationalsozialistische Bücherverbrennung an der Bismarcksäule auf der Räcknitzhöhe.
Bemerkenswert für die Dresdner Situation ist, dass auch hier zwar der 10. Mai als Gedenktag
begangen, als Tag der lokalen nationalsozialistischen Bücherverbrennung allerdings der 8. März
1933 im kulturellen Gedächtnis der Stadt verankert wurde. Dieser »blinde Fleck« innerhalb der
Geschichte Dresdens in der NS-Zeit wirkte auch nach 1989/90 fort. 1
Die studentische Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 an der Bismarcksäule Dresden
Der zweiten Dresdner Bücherverbrennung gingen zahlreiche Aktivitäten der Studierenden und
NS-Organisationen voraus. Am 1. April 1933 gab die bereits gleichgeschaltete Dresdner Studentenschaft einen Aufruf heraus, der den Kontakt zu jüdischen Studenten verbot und ihnen den
Zutritt zum Dresdner Studentenhaus in der Mommsenstraße untersagte. Interessanterweise
war der Bau dieses erst 1925 fertiggestellten Gebäudes mithilfe von Spenden auch jüdischer
Geldgeber finanziert worden. 2 Nur wenige Wochen später, am 14. April 1933, veröffentlichte die
Presse eine Ankündigung »Aufklärungsfeldzug wider den undeutschen Geist« der Deutschen
Studentenschaft. Das Kernelement waren dabei die »12 Thesen wider den undeutschen Geist«.
In ihnen ging es hauptsächlich um die deutsche Sprache, die sich von fremdem, besonders jüdischem Einfluss befreien müsse. 3 In Zusammenarbeit mit den nationalsozialistischen Organisa-
78 I n sz e n i e r u n g , M a ss e n ­­b e g e i st e r u n g u n d M e d i e n
Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 an der Dresdner Bismarcksäule
tionen an den Hochschulen entließ das Sächsische Ministerium für Volksbildung systematisch
unliebsame Hochschullehrer. 4 Während dieser Kampagne wurden Vergehen im nationalsozialistischen Sinne am sogenannten »Schandpfahl«, der am 3. Mai 1933 am Bismarckplatz errichtet
wurde, öffentlich gemacht. Mit dem Gesang des Horst-Wessel-Liedes endete die Errichtung des
berüchtigten Bauwerks. 5
Am 6. Mai 1933 erfolgte der Aufruf »Weg mit der Schundliteratur!« durch das Hauptamt für
Aufklärung und Werbung der Studentenschaft der TH Dresden. Die Bücher konnten in der Landesbibliothek, der Stadtbibliothek, in der Bücherei des Pädagogischen Institutes und dem Studentenhaus abgegeben werden. 6 Am Abend des 10. Mai 1933 versammelte sich die Studentenschaft, teilweise in SA- und SS-Uniformen, im Studentenhaus. Ebenso anwesend waren Rektor
Oskar Reuther, der seit 1. März Mitglied der NSDAP war, eine große Zahl Professoren sowie
Abgesandte von Behörden und verschiedene Pressevertreter. 7
Präsent war auch Will Vesper, der in seiner Funktion als Gauobmann des NS-Reichverbands
Deutscher Schriftsteller seine im Vorfeld schon oft publizierte und stark antisemitisch geprägte
Rede »Zeitwende in der deutschen Dichtung« hielt:
»[…] Wie in Wissenschaft, Politik und Weltanschauung stehen wir auch im deutschen Schrifttum an einer Zeitwende von entscheidender Bedeutung: Es dämmert das Ende einer zerstörerischen Asphaltliteratur, die alle Bindungen menschlicher Gemeinschaft aufzulösen versuchte,
die niedrigsten Instinkte entfesselte und vielfach fremdstämmigen, immer antideutschen und
im letzten bolschewistischen und nihilistischen Geistes war, und deren giftige Rausch- und
Betäubungsmittel das deutsche Volk allzulange und allzuwillig einnahm. […] Damals begann
die verderblichste und folgenschwerste Spaltung in unserem so vielfältig gespaltenen Volke, die
Z w e i B ü c h e rv e r b r e n n u n g e n i n D r e s d e n 79
Trennung in sogenannte Gebildete und Ungebildete, wobei keineswegs an wahre Bildung des
Herzens und des Charakters, sondern nur an ein erlerntes Wissen bestimmter Art gedacht
wurde.« 8
Nach Beendigung der Rede marschierten die Teilnehmer in einem Fackelzug geschlossen
zum Scheiterhaufen an der Bismarcksäule auf der Räcknitzhöhe. In der zeitgenössischen gleichgeschalteten Presse erschienen in den nächsten Tagen detaillierte Ablaufbeschreibungen im positiven Tenor. Exemplarisch heißt es in den »Dresdner Neuesten Nachrichten« vom 12. Mai 1933:
»Gegen 22 Uhr naht vom Studentenhaus her in langem Fackelzug, geführt von einem Spielmannszug der SA, die Studentenschaft. […] Da flammt der Scheiterhaufen auf. Buch um Buch
wirft die Feuerwache vom Studentensturm in die Flammen. Das Feuer rötet den Nachthimmel,
beleuchtet das Denkmal und die vielen Hunderte der Teilnehmer. […] Mit zum Teil sehr kräftigen
Begleitworten schickte dann Engels [Herbert Engels, der Älteste der Dresdner Studentenschaft,
HK] das ›Erfurter Programm der SPD‹ ins Feuer, das ›Kapital‹ von Marx, dann Schriften von
Heinrich Mann, Kästner, Emil Ludwigs ›Kaiser‹-Buch, Remarques ›Im Westen nichts Neues‹,
Bücher von Kerr und Tucholsky. Begeisterter Beifall der Versammlung, das Horst-Wessel-Lied
wird angestimmt. Mit einem einfachen Sieg-Heil auf den Reichskanzler schließt die eindrucksvolle Kundgebung.« 9
Die TH Dresden verfügte für die Umsetzung der Propaganda- und Terroraktionen über einen
Hauptausschuss, zu dessen Mitgliedern unter anderen der Führer der Studentenschaft zählte. 10
Es wurden »Schwarze Listen« mit Titeln der zu verbrennenden Bücher erstellt, die der »Säuberung« der öffentlichen und privaten Bibliotheken von »zersetzendem Schrifttum« dienen sollten. Am 28. Juli 1933 gab der »Dresdner Anzeiger« an, dass 6 000 bis 7 000 verschiedene Druckschriften und Bilder in größeren Verlagsbuchhandlungen beschlagnahmt wurden. 11
Die Bismarcksäule als historischer Ort
Aufgrund seiner einschlägigen Geschichte und Symbolik sowie der exponierten Lage wurde das
Areal rund um die Bismarcksäule keineswegs zufällig gewählt. Die Nationalsozialisten konnten
beinahe nahtlos an eine studentische Tradition des Feuerkults anknüpfen. 12
Ursprünglich im Rahmen einer studentischen Initiative als Feuersäule errichtet, sollte sich
das Bauwerk in die Manifestation des im 19. Jahrhundert reichsweit virulenten Bismarckkults
einreihen. Bereits bei der Einweihung der Säule am 23. Juni 1906 verband man die Huldigung
Bismarcks mit der Ehrung Kaiser Wilhelms II. sowie des sächsischen Königs Friedrich August III.
Als Mahnung an die Zeit der Befreiungskriege, »als Deutsche gegen Deutsche die Waffen kehrten und durch Uneinigkeit zerrissen unser Vaterland darnieder lag«, erfolgte zum anderen ein
Rekurs auf das ebenfalls auf dem Areal befindliche Moreau-Denkmal – nunmehr direkt kon­
trastiert mit der Bismarcksäule, die explizit als ein Symbol der nationalen Einheit Deutschlands
galt. 13 Es fanden bis zur Sommersonnenwende 1941 an der Säule Bismarck-Gedenkfeiern statt. 14
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gerieten die 1946 in Friedensturm umbenannte
Säule und ihre Geschichte fast völlig in Vergessenheit. Ein in den 1950er Jahren geplanter Abriss
wurde nur aus Kostengründen nicht realisiert. Bei der Bebauung des Wohngebiets wurde der
Eingang zum Turm zugemauert. 15
80 I n sz e n i e r u n g , M a ss e n ­­b e g e i st e r u n g u n d M e d i e n
Der 10. Mai 1933 als Lücke im kulturellen Gedächtnis der Stadt
Begründet werden kann dieses Desiderat im Hinblick auf die Geschichte der Bismarcksäule zum
einen mit dem einschlägigen Fokus der DDR-Geschichtspolitik auf die Arbeiterbewegung und
den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Da die Bücherverbrennung am 8. März ein Angriff
der SA auf eine Organisation der Arbeiterbewegung, nämlich die »Dresdner Volkszeitung«, war,
wurde sie von der DDR-Historiografie deutlich exponiert und somit auch ungleich stärker als
der 10. Mai 1933 innerhalb der offiziellen Erinnerungspolitik der Stadt verankert. 16
Das selektive Geschichtsbild in der DDR führte zu einem weiteren Grund für die Fixierung
auf den 8. März. Die starke ideologische Verankerung des Nationalsozialismus im deutschen Volk
und die traditionellen Mentalitäten, die ihm den Boden bereiteten, wurden nahezu ausgeblendet. Da die Geschichte der Bismarcksäule unmittelbar auf diesen historischen Tatsachen rekurriert, war es nur folgerichtig, dass sie innerhalb der DDR-Geschichtspolitik keine Erwähnung
fand und somit auch das Areal selbst in Vergessenheit geriet.
Anmerkungen
1 Vgl. Alfred Kantorowicz: Der Tag des freien Buches. Als Ost
und West sich in Berlin zum letzten Male einig waren. In:
Die Zeit, 8. 5. 1958: www.zeit.de/1958/19/Der-Tag-desfreienBuches (Letzter Zugriff: 24. 2. 2013); vgl. Norbert Haase:
Bücherverbrennung und »Säuberung« der Dresdner Bibliotheken. In: Dresdner Hefte 22 (2004), 77, S. 52 – 61, hier:
S. 52 – 54.
2 Vgl. Matthias Lienert: Die Studenten der Technischen
Hochschule Dresden unter dem Nationalsozialismus. In:
Dresdner Hefte 11 (1993), 35, S. 54 – 65, hier: S. 59.
3 In der Literatur findet man unterschiedliche Datumsangaben. Vgl. dazu Haase, Säuberung (wie Anm. 1), S. 56, und
Lienert, Dresden (wie Anm. 10), S. 261.
4 Vgl. Lienert, Studenten (wie Anm. 2), S. 59.
5 In der Literatur findet man unterschiedliche Datums­
angaben. In der Quelle ist von einem Mittwochabend die
Rede, der demzufolge der 3. Mai 1933 gewesen sein müsste.
Vgl. dazu: Die Errichtung eines Schandpfahls. In: Der Freiheitskampf, Nr. 103 vom 4. Mai 1933, S. 5; vgl. Lienert, Dresden (wie Anm. 10), S. 262.
6 Vgl. Aufruf in Lienert, Dresden (wie Anm. 10), S. 263.
7 Wider den undeutschen Geist. In: DNN, 12. Mai 1933, S. 5;
vgl. Haase, Säuberung (wie Anm. 1), S. 57.
8 Will Vesper: Zeitwende in der Dichtung (Auszüge). In:
Gerhard Sauder (Hg.): Die Bücherverbrennung. 10. Mai 1933.
Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1985, S. 87 – 88.
9 DNN, S. 5.
10 Vgl. Matthias Lienert: Dresden. In: Schoeps, Julius H./Treß,
Werner (Hg.): Orte der Bücherverbrennung in Deutschland 1933. Hildesheim, Zürich, New York 2008, S. 255 – 269,
hier: S. 261.
11 Vgl. Haase, Säuberung (wie Anm. 1), S. 58 – 59.
12 Vgl. Haase, Säuberung (wie Anm. 1), S. 58.
13 Die Weihe der Bismarck-Säule. In: Dresdner Anzeiger 176
(1906), 25. Juni 1906, S. 2.
14 Vgl. Lothar Machtan: Bismarck-Kult und deutscher Na­
tionalmythos 1890 bis 1940. In: Lothar Machtan (Hg.):
Bismarck und der deutsche National-Mythos. Bremen
1994, S. 15 – 67, hier: S. 55 – 58.
15 Vgl. www.bismarcktuerme.de/ebene4/sachs/ddraeck.html
[24. 10. 2013].
16 Vgl. Haase, Säuberung (wie Anm. 1), S. 53.
Z w e i B ü c h e rv e r b r e n n u n g e n i n D r e s d e n 81
Bildung und
(Pseudo-)
Wissenschaft
Die Nationalpolitische Erziehungsanstalt
in Dresden-Klotzsche
Han ka Blesse
»Wie macht man dem Menschen-Tier ein Gedächtnis? Wie prägt man diesem teils stumpfen,
teils faseligen Augenblicks-Verstande, dieser leibhaften Vergeßlichkeit etwas so ein, daß es
gegenwärtig bleibt?« 1
Standortbestimmung
Die Anschrift NPEA Dresden-Klotzsche existiert so nicht mehr. Heute residiert auf dem weiträumigen, denkmalgeschützten Gelände, jetzt Königsbrücker Landstraße 2 – 4, die DGUV Akademie
Dresden 2 mit ihren Schulungs-, Beratungs- und Forschungseinrichtungen zum Thema Gesundheits- und Arbeitsschutz. Noch immer erblicken dort derzeitige Besucher ein imposantes Ge­bäude­
ensemble, das nichts von seinem architektonischen Charme verloren hat. Welche wechselvolle
Geschichte dieses Terrain erlebte, ist äußerlich nicht zu erkennen. Hier aber manifestiert sich
das Zeitalter der Extreme, offenbaren sich Glanz und Elend des vorigen Jahrhunderts: Als Landesschule Dresden von Heinrich Tessenow und Oskar Kramer im Geist der Reformbewegung
entworfen und von 1925 bis 1927 errichtet, wurde sie bereits 1934 in die einzige sächsische Natio­
nalpolitische Erziehungsanstalt (NPEA) umgewandelt. 3 Nach Kriegsende dienten die Gebäude
gleichzeitig dem Stab der 11. Gardepanzerdivision der Sowjetarmee bzw. der GUS-Truppen bis
zum Abzug 1992 und für eine sowjetische Grundschule als Standort. Vor allem diese Nutzung
wird vielen Dresdnern noch gegenwärtig sein.
Warum aber sollten wir uns gerade hier der schwierigen Geschichte, der Zeit des Nationalsozialismus, stellen? Gerade dieser Ort erinnert daran, wie Menschen manipuliert wurden und
sich manipulieren ließen, zeichnet Kontinuitätslinien auf, die es zu benennen gilt.
Das Erbe
Am 20. April 1933, dem Geburtstag Adolf Hitlers, rief der Preußische Minister für Wissenschaft,
Kunst und Volksbildung Bernhard Rust die ersten NPEA aus. In Plön, Köslin und Potsdam wurden
dafür Staatliche Bildungsanstalten, ehemalige Kadettenanstalten, genutzt. Auch die sächsische
NPEA konnte auf eine ähnliche Traditionslinie zurückgreifen: Am 14. April 1920 im ehemaligen
Kadettenhaus des Sächsischen Kadettenkorps als Landesschule Dresden gegründet, wurde sie
am 1. April 1934 in eine Staatliche Nationalpolitische Erziehungsanstalt umgewandelt. Die
Rudolf-Schröter-Schule 4 sollte als höhere Schule mit Schülerheim den kommenden Führernachwuchs erziehen, denn führende Schulpolitiker sahen in der Internatserziehung den aussichtsreichsten Weg, dieses Ziel zu verwirklichen.
118 B i l d u n g u n d ( P s e u d o -) W i ss e n s c h a f t
Die sächsische Nationalpolitische Erziehungsanstalt (Rudolf-Schröter-Schule)
»Was einst in diesen preußischen Kadettenanstalten gepflegt und erzogen worden war, das
sollte wieder lebendig werden: der soldatische Geist mit seinen Merkmalen: Mut, Pflichtbewußtsein und Schlichtheit.« 5 Unter Walter Kleint, ihrem ersten Anstaltsleiter, der Form nach
noch der Bündischen Jugend verpflichtet, veränderte sich mit seiner Ablösung durch Herbert
Barth 6, einen Offizier des Ersten Weltkriegs und Mitglied des Freikorps, vollends aber 1941 mit
der Übernahme der Schule durch das Reich die Atmosphäre an der Schule: »Leider war Barth […]
zu wenig bündisch […]. Ihm imponierte zu sehr der preußische Schnitt […] Barth übernahm
schrittweise das Äußere der preußischen Anstalten« 7.
Dass diese Erziehungsgrundsätze schon auf fruchtbaren Boden gefallen waren, kann auch
der Mythos von der Landesschule als Reformschule, von ehemaligen Lehrern und Schülern
gestreut, nicht überdecken. Nur in Ansätzen reformpädagogisch, wurde an ihr noch immer am
überkommenen autoritären Erziehungskonzept der alten Kadettenschule festgehalten. Soldatische Zucht, ein nationalistisch-vaterländischer, militärerzieherischer Unterricht, die hierarchische Organisationsstruktur sowie die Übernahme eines Großteils der Lehrer- und Schülerschaft
des Kadettenkorps sind dafür beredte Beispiele. 8
Auch der Rückgriff auf die pädagogischen Konzepte von Hermann Lietz für seine Landerziehungsheime, für die Landesschule und NPEA gleichermaßen geltend, hinterlässt widersprüchliche Regungen: Sein Nationalismus und die patriarchalischen Strukturen seiner Heime fanden
ihre Anhänger auch in Dresden-Klotzsche. 9
D i e N at i o n a l p o l i t i s c h e E r z i e h u n g s a n sta lt i n D r e s d e n - K lot z s c h e 119
Die Anstalt
Laut Gründungserlass vom 23. März 1934 sollten an der NPEA Dresden-Klotzsche gesunde, tüchtige, besonders begabte Jungen aus allen Schichten der Bevölkerung im Alter von 13 Jahren
aufgenommen und innerhalb von sechs Jahren in mustergültiger Weise zu »bewussten Gliedern
des nationalsozialistischen Staates und Volkes« erzogen werden. Körper, Charakter und Geist
der Schüler sollten in gleicher Weise gebildet werden. Die Rudolf-Schröter-Schule führte hierfür
einen Reformrealgymnasialzug (Untertertia bis Oberprima) mit der Betonung der naturwissenschaftlichen Fächer und der neuen Sprachen sowie einen Oberrealschulzug als Aufbauklasse,
der in seine Untertertia begabte Volksschüler aufnahm. An der Schule wurde weiterhin nach
den Lehrplänen der Weimarer Republik unterrichtet, ausgenommen in den sogenannten Gesinnungsfächern. Auch an der grundsätzlichen Schul- und Internatsstruktur hielt die Schulleitung
fest: In den sechs Doppelhäusern wohnten nun etwa 250 »Jungmannen« mit ihren Lehrern bzw.
Erziehern, eingeteilt nach den Gliederungen der HJ.
Umfassend aber änderten sich an der NPEA die Ausleseverfahren für Schüler und Lehrer.
Die Schüler durchliefen eine fünftägige Aufnahmeprüfung, für die es auf dem Gelände besonders auf sportlichem Gebiet beste Voraussetzungen gab, »nehmen doch die Uebungsstätten fast
ein Drittel der Gesamtfläche des Schulgrundstückes ein« 10. Schon früh zeichneten sich hierbei
Akzentverschiebungen ab: Körperliche Fitness und vor allem Führungsqualitäten bzw. Führungswillen bildeten vorrangige Auswahlkriterien, die unter dem Begriff »Charakterstärke«
subsumiert wurden.
In den Anfangsjahren fanden junge, ledige Studienassessoren gemäß dem Grundsatz »Jugend
wird durch Jugend geführt« als Lehrer und Erzieher Einstellung. Nach dem Wechsel an der Spitze
trieb Barth den systematischen Wechsel des Kollegiums voran, indem er in der Folge Erzieher,
»die sich […] als unfähig erwiesen haben, zu nationalsozialistischen Vorkämpfern für die Blutund Rassenlehre zu erziehen« 11, entließ und durch systemtreue ersetzte.
Trotz materieller und personeller Widrigkeiten schon vor Kriegsbeginn, die nicht unbedingt
für eine Eliteschule des Nationalsozialismus sprachen, zeigten Lehrer und Schüler eine hohe
Einsatzbereitschaft und unterzogen sich besonderen Härten im Alltag, unter anderem durch
einen straff geführten Tagesablauf. Das Eliteversprechen und vor allem das sich ausbildende
Elitebewusstsein, beschworen in militärischen Aufmärschen sowie nächtlichen Fest- und Feier­
ritualen, beflügelten dabei Schüler und Lehrer gleichermaßen. Parallel dazu bot die Schule große
Möglichkeiten zur Entfaltung: unter anderem Reitunterricht, eine Segelfliegerausbildung oder
die Fahrerlaubnis für Motorrad und Auto für ihre Schüler. Dass diese Privilegien aber um den
Preis eines bedingungslosen Einsatzes im Krieg erkauft wurden, zeigt die hohe Zahl von Toten
und Verwundeten unter der Lehrer- und Schülerschaft. Ernüchtert bilanzierte ein ehemaliger
Schüler: »Unser einziger hoher Leistungsstandard war darin zu erblicken, daß wir als Kampfmaschinen zu agieren in der Lage waren, Leerfloskeln, welche zur Führung von Menschen notwendig waren, lautstark repetieren konnten und ansonsten imstande waren, Vorbild zu sein in
der Bereitschaft, unser Leben für ›Führer, Volk und Vaterland‹ hinzugeben.« 12
12 0 B i l d u n g u n d ( P s e u d o -) W i ss e n s c h a f t
Gegenwart und Zukunft
»Für eine demokratische Gesellschaft ist jedenfalls die Mehrzahl und die Mehrdeutigkeit von
Erinnerungsbildern charakteristisch.« 13
Das trifft auch für die Königsbrücker Landstraße 2 – 4 zu: Mythenbildung nicht nur unter
den ehemaligen Lehrern und Schülern der NPEA, sondern auch unter den Landesschülern. 14
Nach 1989 geriet die Landesschule wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, in erster Linie
wegen der Wiederentdeckung Tessenows als bedeutendem Vertreter der Neuen Sachlichkeit.
Selten dagegen wird mit diesem Ort die Nutzung des Geländes als Nationalpolitische Erziehungsanstalt verbunden. Auch in der wissenschaftlichen Forschung spiegelt sich dieser Um­stand
wider: Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre nur im Zusammenhang mit der allgemeinen Beschäftigung zu den NPEA 15 Erwähnung findend, blieb Klotzsche lange ein Desiderat der Forschung. 16
Widersprüchlich mit dem Erbe verfährt die Nachfolgeeinrichtung des Geländes: In einer
Informationsbroschüre aus dem Jahre 2001 des Hauptverbands der gewerblichen Berufsgenossenschaften 17 zur Geschichte des Anwesens wird die NPEA nur in der abschließenden Zeittafel
erwähnt. Im Vorwort spricht man gar nur von einer »politische[n] Schule«. Stattdessen konzentrieren sich die Herausgeber auf die »reform- und sozialpädagogische Landesschule Dresden« 18.
Erst acht Jahre später erscheint ein umfangreicher Sammelband 19 mit kritischen Beiträgen zur
Gesamtgeschichte des Areals.
So fanden und finden Vergegenwärtigung und Verdrängung, Anamnese und Amnesie
gleichzeitig statt. Aber vielleicht tragen gerade diese Widersprüche in der Rezeption dazu bei,
dass NS-Vergangenheit beunruhigt, umstritten und immer wieder anstößig bleibt, denn »nur
was nicht aufhört wehzutun, bleibt im Gedächtnis« 20.
Anmerkungen
1 Friedrich Nietzsche, zitiert nach Peter Reichel: Politik mit
der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München, Wien 1995, S. 326.
2 DGUV Akademie Dresden = Akademie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung e. V., vormals Berufsgenossenschaftliche Akademie für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz.
3 Offiziell wurden sie NPEA abgekürzt; unter dem Kürzel
»Napola« sind diese Schulen heute allgemein bekannt.
Aus Gründen der Lesbarkeit wird in Zusammenhang mit
Nationalpolitischen Erziehungsanstalten im weiteren Textverlauf von NPEA gesprochen.
4 Benannt nach dem Dresdner Hitler-Jungen Rudolf Schröter, der 1931 bei Straßenkämpfen in Leipzig ums Leben kam.
5 Bernhard Rust: Erziehung zur Tat. In: In: Rudolf Benze
(Hg.): Deutsche Schulerziehung. Jahrbuch des Deutschen
Zentralinstituts für Erziehung und Unterricht 1941/1942
(1943), S. 3 – 12, hier S. 6.
6 Kleint wurde noch im Zuge der Röhm-Affäre (1934) im
März 1935 entlassen. Er trat wieder die Stelle als Stadtschulrat in Dresden an.
7 25. Rundbrief 1976, S. 2 f.
8 Ullrich Amlung: Landesschule Dresden – Entstehung, Kon­
zeption und Praxis (1920 – 1933). In: Deutsche Gesetzliche
Unfallversicherung e. V. (Hg.): Lernräume. Von der Landesschule Dresden zur Akademie (2009), S. 24 – 49, hier S. 47 f.
9 Vgl. hierzu u. a. Mitteilungen Landesschule.
10 Curt Fischer (Hg.): Zur Einweihung der Landesschule Dresden in Klotzsche am 15. Oktober 1927, Dresden 1927, S. 10.
11 SHStA, Akten des Ministeriums für Volksbildung Nr. 21352,
fol. 12.
12 Stellungnahme des ehemaligen Schülers H. J. zum Weihnachtsrundbrief 1976, S. 17.
13 Peter Reichel 1995, S. 48.
14 Vgl. www.dguv.de/dguv/akademie-dresden/Historie/
Zeittafel/index.jsp; Synergie – Unsere Stärke. Acht Partner unter einem Dach. [24. 1. 2014]
15 Vgl. u. a. Horst Ueberhorst 1969 (Der Dokumentarbericht
enthält u. a. ein Interview mit dem letzten Anstaltsleiter
Klotzsches, Eugen Wittmann.), Erhard Naake 1970 (die
einzige größere Arbeit in der DDR zu den NPEA) und Harald Scholtz 1973 (sein Buch avancierte zum Standardwerk).
16 Erste Veröffentlichung zur NPEA Dresden-Klotzsche 2008
in der Schriftenreihe Sonnenstein. Beiträge zur Geschichte
des Sonnensteins und der Sächsischen Schweiz.
17 Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG), heute Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) ist Eigentümer des Geländes.
18 HVBG (Hg.) 2001, S. 1.
19 Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung e. V. (Hg.): Lernräume. Von der Landesschule Dresden zur Akademie, Dresden 2009.
20 Friedrich Nietzsche, zitiert nach Peter Reichel 1995, S. 326.
D i e N at i o n a l p o l i t i s c h e E r z i e h u n g s a n sta lt i n D r e s d e n - K lot z s c h e 121
Die Hochschule für Lehrerbildung in Dresden
Ko n sta n t i n H e r m a n n
Jede Gesellschaftsordnung will die Jugend für die eigene Sache gewinnen. Nach Machttransformationen strebt daher der Staat sehr schnell Änderungen im Bildungswesen an. Diktaturen, so
auch und vor allem die nationalsozialistische, gehen dabei über die bloße Unterrichtung und
Erziehung hinaus – die Kinder und Jugendlichen sollen im Sinne der Macht totalitär geformt
werden. Dem dienen Einheitsorganisationen, die Einbindung in eine Vielzahl von Veranstaltungen und nicht zuletzt auch eine bewusste Verstärkung der quasi naturgegebenen jugendlichen
Emanzipation vom Elternhaus. Im »Dritten Reich« sollten die demokratischen Leitlinien der
Bildung und Erziehung möglichst bald zugunsten der NS-Ideologie aus Schulen und Hochschulen, aber auch aus Kindergärten entfernt werden. Mit Hochdruck wurden die Lehramtsstudenten politisch indoktriniert, damit die neue Lehrergeneration ihre Schüler im nationalsozialistischen Sinne erzog. Für die Nationalsozialisten war ein Neuanfang vielversprechender als das
Arbeiten mit bestehenden Lehrerbildungseinrichtungen – zumindest mit denjenigen, die durch
die Reformpädagogik der 1920er Jahre geprägt waren.
Die Lehrerausbildung war im Deutschen Reich nicht einheitlich geregelt. Während in Preußen eigene Lehrerseminare und seit 1926 Pädagogische Akademien bestanden, war im Freistaat
Sachsen die Volksschullehrerbildung 1923 durch die Gründung des Pädagogischen Instituts an
der Technischen Hochschule Dresden (TH Dresden) erstmals in Deutschland akademisiert
worden. Das Institut befand sich auf der Teplitzer Straße 16 in Dresden-Strehlen; Gründungsdirektor war Richard Seyfert. Dieser wurde von den Nationalsozialisten 1933 entlassen und durch
Friedrich Schreiber ersetzt, der am 1. August 1938 außerdem den Professorentitel erhielt.1
In der NSDAP war die Ausbildung, besonders der Volksschullehrer, nicht unumstritten. Wie
in vielen anderen Bereichen – abgesehen von dem ideologischen Fundament der Nazis – fehlte
auch hier eine klare politische Linie. Die zahlreichen Denkschriften und Zeitschriftenartikel zur
Zukunft der Lehrerausbildung sind deutlich genug. 2 Welche Vorstellungen Hitler von der Ausbildung der Volksschullehrer hatte, zeigt die Auseinandersetzung zwischen Gunter d’ Alquen,
dem Hauptschriftleiter der SS-Zeitung »Das Schwarze Korps«, und dem Ministerialdirektor
Sommer im Februar 1939. Letzterer bestätigte, dass nach Aussage des Reichsleiters Martin Bormann »der Führer als beste Nachwuchsquelle für die Volksschullehrer den 12-jährigen gedienten
Unteroffizier« ansehen würde. Hitlers Ansicht nach sollten die künftigen Volksschullehrer also
aus dem Militär rekrutiert werden; sämtliche Gauleiter würden eine Hochschulausbildung der
Volksschullehrer ablehnen, so Sommer weiter. 3 Dennoch hatte man 1933 die Gründung von
Hochschulen für Lehrerbildung und das Abgehen vom Abitur als Voraussetzung zum Studium
der Volksschullehrer geplant. Das sei, so Rudolf Heß 1939 rückblickend, kurz nach der Machtübernahme aber nicht möglich gewesen, sodass noch drei Jahre bis zur Gründung der Hoch-
12 2 B i l d u n g u n d ( P s e u d o -) W i ss e n s c h a f t
Die Hochschule für Lehrerbildung auf der Teplitzer Straße in Dresden
schulen vergingen. Besonders in Preußen, Sachsen und Bayern gab es unterschiedliche Meinungen zum Studium der Volksschullehrer; außerhalb des dominierenden Preußens strebten die
Länder nach Selbstständigkeit bei den Hochschulen für Lehrerbildung, zumal die Verkürzung
des Studiums gegenüber den bisherigen Lehrerseminaren kritisch gesehen wurde.4 Doch ebenso,
wie der Anteil wissenschaftlicher Ausbildung umstritten war, bestand auch über die Zahl der
zu gründenden Hochschulen Uneinigkeit. Befürworter einer zentralen Lösung standen denen
gegenüber, die Hunderte von Hochschulen im ganzen Reich aufbauen wollten.
Im Zuge des reichsweiten Aufbaus von Hochschulen für Lehrerbildung wurden auf Weisung
Mutschmanns vom 5. August 1936 5 die Pädagogischen Institute der TH Dresden und der Universität Leipzig von den beiden Hochschulen getrennt und in eigenständige Hochschulen für
Lehrerbildung umgewandelt, die dem Leiter des sächsischen Volksbildungsministeriums Arthur
Göpfert unterstanden.6 Nach dem viersemestrigen Studium legten die Studenten die Staatsprüfung für das Lehramt an der Volksschule ab. Jeder Student musste »zur Förderung der Kameradschaft« ein Semester im Mannschaftsheim der Hochschule wohnen.
Die Hochschulen lösten, so stellte es sich nur wenige Jahre später heraus, die bestehenden
Probleme nicht. In einer Denkschrift des Historikers und Rektors der Pasinger Hochschule
Richard Suchenwirth heißt es allgemein: »Man kann das Niveau gar nicht genug senken, um
genügend an die Hochschulen [für Lehrerbildung] zu bekommen«. 7 Und dies trotz zahlreicher
Vergünstigungen wie dem ab 1937 kostenlosen Studium und den stark verbilligten Wohnungen
für Studierende in Dresden. Selbst im hiesigen Adressbuch wird für das Studium an der Hochschule geworben, wo es heißt: »Der Lebensunterhalt (Wohnung und Beköstigung) erfordert bei
D i e H o c h s c h u l e f ü r L e h r e r b i l d u n g i n D r e s d e n 123
bescheidenen Ansprüchen ungefähr 70 RM«.8 Die Volksschullehrer verfügten über ein geringes
soziales Prestige, zumal die HJ sie zusätzlich verächtlich machte. Ein Jahr studierten die zukünftigen Volksschullehrer gemeinsam mit den Studenten des höheren Lehramts, um eine »einheitliche politisch-weltanschauliche Ausrichtung« zu erhalten. 9 Doch gerade dieses teilweise
ge­meinsame Studium führte zu Unfrieden, da zwischen beiden Laufbahngruppen im späteren
Berufsleben deutliche Gehaltsunterschiede bestanden, was den Volksschulstudierenden aufstieß. In Dorfschulen zog es noch weniger Absolventen als in die Stadt, weshalb dort der größte
Lehrermangel bestand. Alle Versuche, über schnellere Beförderungen, Zulagensysteme oder
Ähnliches Anreize für den Schuldienst auf dem Land zu schaffen, blieben erfolglos. Auch die
niedrigen Zulassungsvoraussetzungen, Abitur und die geforderte Betätigung in der HJ, änderten
daran nichts, sodass man schließlich sogar in Betracht zog, Lehrer für acht bis zwölf Jahre
zwangsweise für Landschulen zu verpflichten. 10
Unterdessen blieb Friedrich Schreiber bis 1938 Direktor der Dresdner Hochschule. Am 10. Mai
1940 übernahm der bisherige Stellvertreter Richard Vogel das Direktorat. Zu dieser Zeit umfasste
die Hochschule fünf Abteilungen: Volksschule, höheres Lehramt, landwirtschaftliche Haushaltungskunde, technische Fachlehrerinnen (Lehrgänge für Hauswirtschaft, Sport u. Ä.) und Gartenbaulehrer. 11 Die Abteilung höheres Lehramt wurde 1941 aufgelöst.
Mit der Gründung der eigenständigen Hochschule waren Lehrkräfte übernommen und neue
eingestellt worden. Einige der Dozenten und wissenschaftliche Hilfsarbeiter der Hochschule
sind heute noch bekannt, wie die Volkskundler Emil Lehmann und Karl-Ewald Fritzsch oder der
Rassenideologe Alfred Eydt, der seit 1925 NSDAP-Mitglied war. 12 Eydt, für Rassenkunde zuständig,
übersandte mit seinem Bruder Rudolf, der in ähnlicher Position an der Leipziger Hochschule für
Lehrerbildung arbeitete, dem Volksbildungsministerium ein Konzept für einen »rassekundlichen Junglehrer-Jahreskurs«. Mit Michael Hesch, der im Krieg in Prag über die »Eindeutschung«
von Tschechen entschied, gab Eydt 1933 den Titel »Der Rasse- und Gesundheitspass als Nachweis
erblicher Gesundheit« heraus und 1939 das Buch »Die Sippen. Spiegel und Lebensgesetz unseres
Volkes«.13 Einige Dozenten hatten 1933 das Bekenntnis der Hochschullehrer zu Adolf Hitler unterschrieben.
Die Hochschule arbeitete bis in das Jahr 1945. Schon 1940 wurde im Reich der Lehrermangel
so evident, dass an einigen Hochschulen für Lehrerbildung Vorbereitungslehrgänge für Schulhelfer eingerichtet wurden, so auch in Dresden.14 Theologen und Studenten der Theologie durften nur mit Zustimmung des Reichserziehungsministeriums die Lehrgänge besuchen, um
sicherzustellen, dass nur Ideologietreue zur Ausbildung zum Schulhelfer herangezogen werden
würden. Die Ausbildung war dreigliedrig: Zuerst ein dreimonatiger Vorbereitungslehrgang, dem
sich eine ein- bis zweijährige Tätigkeit an einer Schule anschloss, und schließlich ein neunmonatiger Abschlusskurs. Die Ausbildung zum Schulhelfer war begehrt, wohl nicht zuletzt aus
Gründen der Unabkömmlichkeit zur Wehrmacht. Mit Weisung Mutschmanns wurde zum
1. April 1942 die Dresdner Hochschule zur Lehrerinnenbildungsanstalt, die Leipziger in eine
Lehrerbildungsanstalt umgewandelt. 15 An beiden Einrichtungen fanden zusätzlich »nach Bedarf
Lehrgänge zur Ausbildung von Jugendlichen mit Reifezeugnis für das Lehramt« statt. Nach der
Ausrufung des »totalen Krieges« wurde der praktische Einsatz der Studenten in den Schulen
1944 vorverlegt. Trotz aller Bemühungen blieb der Mangel an Volksschullehrern ein bis zum
Kriegsende ungelöstes Problem, auch in Sachsen – obwohl hier neben Bayern der höchste Zugang
an Studenten an den Hochschulen für Lehrerbildung verzeichnet werden konnte. In Sachsen
124 B i l d u n g u n d ( P s e u d o -) W i ss e n s c h a f t
immatrikulierten sich noch im Jahr 1944 insgesamt 325 Männer und 579 Frauen. Zum Vergleich:
In Berlin waren es 87 bzw. 234 Neuangemeldete. 16 Nach der Zerstörung des Gebäudes am
13./14. Februar 1945 wurde die Lehrerausbildung in anderen Häusern fortgesetzt. Die Dresdner
Hochschule war 1945 zur Aufnahme von Studenten aus den schon von den Alliierten besetzten
Gebieten bestimmt, ähnlich wie Frankenberg und Lichtenstein in Sachsen.17
Unter neuen politischen Vorzeichen galt in der entstehenden neuen Diktatur nach 1945 dem
Pädagogikstudium wieder eine große Aufmerksamkeit. Die TH Dresden eröffnete am 21. Oktober
1946 erneut. Die zukünftigen Lehrer wurden an der Pädagogischen Fakultät ausgebildet, bis 1953
die Pädagogische Hochschule »Karl Friedrich Wilhelm Wander« gegründet wurde.18 Die Hochschulgebäude auf der Teplitzer Straße 16 wurden bei den Bombenangriffen 1945 zerstört; Gebäudeteile wurden in den Neubau integriert, der die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der
jetzigen TU Dresden beherbergt. Trotz der räumlichen Konstante und der politischen Bedeutung
der nationalsozialistischen Hochschule für Lehrerbildung ist sie auch in einschlägigen Veröffentlichungen kaum präsent.
Anmerkungen
1 Siehe dazu: Helga Keppeler-Schrimpf: »Bildung ist nur
möglich auf der Grundlage des Volkstums«. Eine Untersuchung zu Richard Seyferts volkstümlicher Bildungstheorie als volksschuleigene Bildungskonzeption, Münster
2005. Zu den in diesem Aufsatz genannten Personal­an­
gaben allgemein siehe die Verordnungsblätter des säch­
sischen Volksbildungsministeriums. Die hier im Text
genannten Professoren finden sich in: Dorit Peschel:
Die Professoren der Technischen Universität Dresden
1828 – 2003, Köln, Weimar, Wien 2003.
Jutta Frotscher: Richard Seyfert (1862 – 1940) – Nestor der
akademischen Volksschullehrerbildung in Sachsen; sowie
ders.: Die Entwicklung der Lehrerausbildung an der Technischen Hochschule Dresdens 1945, in: Johannes Rohbeck,
Hans-Ulrich Wöhler (Hg.): Auf dem Weg zur Universität.
Kulturwissenschaften in Dresden 1871 – 1945, Dresden 2001,
S. 183 – 195 sowie 43 – 61.
2 Nur ein Beispiel: Erich Seidl: Entwurf einer Hochschulreform, Sonderdruck der Zeitschrift »Nationalsozialistische
Erziehung« von 1933, in: Bundesarchiv Berlin, NS 12/964.
3 d’ Alquen antwortete Sommer: »Sie dürfen mir glauben,
daß ich keine ängstliche Natur bin, aber die ›Zwölfender‹
als Volksschullehrernachwuchs sind mir denn doch in die
Glieder gefahren.« Bundesarchiv Berlin, R2 27769, Schreiben vom 4. 2. 1939, fol. 73.
4 Ulrike Gutzmann: Von der Hochschule für Lehrerbildung
zur Lehrerbildungsanstalt. Die Neuregelung der Volksschullehrerausbildung in der Zeit des Nationalsozialismus und ihre Umsetzung in Schleswig-Holstein und Ham­
burg, Düsseldorf 2000, S. 107.
5 Keppeler-Schrimpf, S. 390. Siehe auch Weisung Göpferts
vom 21. 7. 36. Siehe auch Reiner Pommerin: Geschichte der
TU Dresden 1828 – 2003, Köln, Weimar, Wien 2003, S. 183.
1939 bestanden 26 Hochschulen für Lehrerbildung. K.
Neumuth: Die Hochschule für Lehrerbildung als jüngste
Hochschule der Stadt Leipzig, in: Leipziger Jahrbuch 1940,
S. 23 f. Verordnungsblatt des Sächsischen Ministeriums
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für Volksbildung, 17 (1935) 15, v. 14. 8., S. 81 f. Erstmals in der
Verordnung vom 28. 1. 1936 werden sie bereits vorab als
Hochschulen für Lehrerbildung bezeichnet.
Siehe Konstantin Hermann: Das Wirken des Leiters des
sächsischen Ministeriums für Volksbildung Arthur Göpfert 1935 bis 1945, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte 83 (2012), S. 257 – 271.
Bundesarchiv Berlin, R 43/4133, Denkschrift Richard Suchenwirths, fol. 68 – 78.
Adreßbuch für Dresden und Vororte 1937, Dresden 1937,
S. 29.
Verordnungsblatt, 19 (1937) 19 v. 25. 9., S. 109 f.
Bundesarchiv Berlin, NS 6/322, Protokoll einer Besprechung zwischen Heß, Rust, Wemmer und Hofelder am
17. 3. 1939, fol. 177 – 179.
Adreßbuch für Dresden und Vororte 1939, Dresden 1939,
S. 27
Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt (Hg.): Rassenhygiene als Erziehungsideologie des
Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch, Berlin
2006, S. 237 (Edition Bildung und Wissenschaft; Bd. 10).
Hesch wurde 1944 zum außerordentlichen Professor an
der TH Dresden ernannt.
Gutzmann, S. 405 – 408.
Verordnungsblatt, 24 (1942) 9 v. 31. 3, S. 42.
Gutzmann, S. 564.
Gutzmann, S. 551.
1992 aufgelöst. Pommerin, S. 236. Fritz Kriegenherdt: Geschichte der Pädagogischen Hochschule »Karl Friedrich
Wilhelm Wander« Dresden 1953 – 1983, Bd. 1, Dresden 1983.
D i e H o c h s c h u l e f ü r L e h r e r b i l d u n g i n D r e s d e n 125
Vom »roten Königreich« zum »braunen Gau« – so hieß es in den Reden und den
Veröffentlichungen der Nationalsozialisten über Sachsen als programmatisches
Schlag­­­wort. Die Tiefe, mit der die nationalsozia­listische Diktatur in alle Lebensbereiche eindrang, wird erst anhand der intensiven Auseinandersetzung mit
ausgewählten Bauten und Orten wirklich deutlich. Doch oft wurde die braune
Vergangenheit dieser Topografien vergessen, durch neue Nutzungen überlagert
oder durch Abriss kurzerhand beseitigt. In über 75 Beiträgen werden von 50 Autoren exemplarisch solche Orte in Sachsen vorgestellt und ihre Geschichte in der
NS-Zeit und der Umgang mit ihnen nach 1945 aufgezeigt.
San dstei n
ISB N 978-3-95498-052-9
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