Rede Holger Busch

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Holger Busch | Rede VDMB-Mitgliederversammlung 2016
Vielen Dank, lieber Christoph, für Deine nette Überleitung.
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen!
Auch ich freue mich sehr über die große Resonanz bei unserer Jubiläumsjahrestagung. Rekordbeteiligung zum Jubiläum: das passt. Und ich kann Ihnen versprechen: heute Nachmittag werden
wir doppelt so viele. Ein Erfolg der zeigt, dass Verbände auch in dieser schnelllebigen Zeit Unternehmer und Unternehmen ansprechen und gewinnen.
Die tolle Zusagenquote hat gewiss etwas mit der Attraktivität des Programms, aber auch mit der
Attraktivität der Einladung zu tun. Das wiederum belegt unsere alte These, dass besonders schön
gemachte Printobjekte mit besonderem Papier und mit der einen oder anderen Veredelung eben
doch viel bewusster wahrgenommen werden und zu einer deutlich höheren Response führen.
Dass kann man seinen Kunden gar nicht häufig genug vor Augen führen.
Ich möchte heute auf drei Themen näher eingehen, die unsere Arbeit prägen:
1. Die Zukunft des Printgeschäfts
2. Der neue Standort in Dornach und
3. Das Thema Industrie 4.0 für die Druckindustrie.
Lassen Sie mich mit einigen persönlichen Bewertungen zur Zukunft des Printgeschäfts starten.
Der Druck- und Printmarkt lebt zu zwei Dritteln direkt oder indirekt von der Werbung. Also
von Unternehmen, die Marketingbudgets einsetzen, um Zielgruppen mit ihren Werbebotschaften zu erreichen.
In der Werbung spielen Emotionen naturgemäß eine große Rolle. Schwierig wird es nur, wenn
sich die Emotionen nicht auf die Werbebotschaft und das beworbene Produkt beziehen, sondern
auf den Entscheidungsprozess im Marketing selbst. Denn millionenschwere Budgetentscheidungen sollten eigentlich nach rationalen Gesichtspunkten getroffen werden. Wir stellen jedoch fest,
dass gerade Entscheidungen im Marketing sehr häufig modischen Trends unterworfen sind. Der
größte Trend in der Werbung der letzten 10 Jahre war: natürlich die Digitalisierung. Alles was
nicht niet- und nagelfest war, floss in die digitalen Kanäle. Sehr zu Lasten von allem Gedruckten.
Begründung: Digital ist preiswert, interaktiv und in der Wirkung sofort messbar.
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Christof Baron, langjähriger Chef einer der größten deutschen Media-Agenturen, war der erste,
der der Media- und Werbebranche den unkritischen Umgang mit der neumodischen digitalen
Welt öffentlich vorhielt. Er sprach von „Technologie-Gläubigkeit“, von einem „digitalem
Rauschzustand“ und „digitaler Besoffenheit“. Zitat: „Es gibt inzwischen so viele Enttäuschungen
und so viele Marketingstrategien, die im Digitalen nicht funktionieren, dass es Zeit wird, noch
einmal grundsätzlich über die Mechaniken digitaler Werbung nachzudenken.“ Wenn ein führender Agenturvertreter dieses öffentlich sagt, dann spricht das schon Bände über manche Fehlentwicklung in der Vergangenheit.
Mittlerweile hat sich in der Tat Ernüchterung bei der Bewertung vieler digitaler Werbeformate
breit gemacht: zu wenig Reichweite, zu wenig Akzeptanz bei den Nutzern, die sich über digitale
Werbeunterbrecher ärgern und zu viele Werbeblocker im Internet, die dafür sorgen, dass digitale
Werbemittel gar nicht sichtbar werden. Nicht dass Sie mich missverstehen, ich halte das Internet
nicht für eine vorübergehende Erscheinung. Dennoch muss sich auch die digitale Welt einer
nüchternen Bestandsaufnahme der Kunden unterziehen, was Effizienz und Effektivität betrifft.
Dazu ein weiteres Beispiel: Während die Werbebranche in Köln auf Europas größter Online
Marketing Messe Dmexco kräftig feiert, wird in Deutschland ein Buch von Byron Sharp, einem
renommierten Marketing-Professor an der University of South Australia, heftig diskutiert. In
seinem Buch zum Markenwachstum „How Brands Grow“ belegt er anhand von Analysen namhafter Marken, dass für den Markenerfolg erwiesenermaßen einzig Faktoren wie Popularität, Auffälligkeit, Sichtbarkeit, also Reichweite und Kontinuität, verantwortlich seien. Er plädiert für
einen breiten Mix aus massentauglichen Medien wie Fernsehen und Print. Man glaubt es kaum:
Ein Wissenschaftler, der Agenturen und Kunden wieder empfiehlt, stärker auf Print zu setzen.
Klingt wie letztes Jahrhundert – ist es aber nicht. Wir alle hier im Saal wissen, dass das absolut
richtig ist. Nur unsere Kunden wissen das nicht immer.
Endlich aber werden die Fakten über die Leistungsfähigkeit der verschiedenen Medien wieder
gerade gerückt. Denn das Gedruckte hat beim Verbraucher nach wie vor einen ungemein hohen
Stellenwert: Beständig, verlässlich, fühlbar und verkaufsfördernd – so kann man Print immer
noch mit wenigen treffenden Worten beschreiben, wie es unlängst Bernd Zipper in seinem lesenswerten Blog getan hat. Gedruckte Erzeugnisse bilden für viele Menschen den Gegenpol zum
schnelllebigen Digitalen. Das Lesen von Gedrucktem war, ist und bleibt nicht nur angenehmer,
sondern schafft auch eine besondere Wahrnehmung und wird besser erinnert. Beispiel Fotos: Wir
alle haben auf unseren Smartphones und Rechnern Tausende von Bildern. Aber richtig stolz sind
wir auf unsere gedruckten individuell gestalteten Fotobücher. Allein in Deutschland wurden
2015 knapp 9 Mio. Fotobücher verkauft. Die Zahl wuchs in den vergangenen drei Jahren jeweils
um 300.000 Tausend Exemplare an. Ein deutlicher Beleg für die Wertschätzung von Print.
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Print wirkt verkaufsfördernd – vor allem am Point of Sale: man denke nur an die durch Drucken
personalisierten Coca Cola-Flaschen, Ritter-Sport Schokoladentafeln oder Nutella-Gläser. Am
PoS werden immer noch die meisten Kaufentscheidungen getroffen, und zwar vorrangig durch
Erzeugnisse aus dem Drucksaal wie z. B. aufmerksamkeitsstarke Displays, Deckenhänger, Bodenkleber oder Rollups.
Printprodukte gelten immer noch als glaubwürdiger im Vergleich zu digitalen (Werbe-) Botschaften; der Verbraucher vertraut eher dem Gedruckten als dem flüchtigen Digitalen. Und Printprodukte werden deutlich länger wahrgenommen und genutzt. Nicht nur für Außenwerbung, die
aus dem Large-Format-Druck kommt, gilt das, sondern auch für die weit verbreiteten und immer
besser personalisierten Mailings. Diesen schenkt der Betrachter mehr Aufmerksamkeit als den
Emails, die entweder in den Spamordner oder auch ungelesen in den digitalen Papierkorb wandern. So kommt es auch, dass die Erfolgsquote bei Angeboten aus gedruckten Mailings deutlich
höher als die von Emails liegt – Tendenz steigend.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das sind alles belegbare Fakten und Zahlen, die für die Attraktivität, die Relevanz und die Wirkung von Print sprechen. Wir sind gut beraten, es unseren Kunden immer wieder in Erinnerung zu rufen. Ich bin daher dem Bundesverband dankbar, dass er
eine aktualisierte Faktensammlung unter dem Titel „Print macht mehr draus“ aufgelegt hat, die
sie auf unserer Website für Ihre Vertriebskontakte herunterladen können.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,
bereits bei unserer letzten Jahrestagung habe ich Ihnen von den Plänen berichtet, die Münchener
Hauptgeschäftsstelle und unser Aus- und Weiterbildungszentrum gemeinsam mit der Fogra an
einem neuen Standort zu bündeln. Die Pläne für ein neues „Innovationszentrum Druck“ in Dornach im Münchner Osten haben sich konkretisiert. Das vor gut einem Jahr geplante Gebäude
steht soweit, dass wir vor knapp einem Monat Richtfest feiern konnten. Mit dem Umzug rechnen
wir im Sommer des kommenden Jahres. Wir alle – und damit meine ich auch die vom Umzug
betroffenen Mitarbeiter – freuen sich auf das neue Miteinander und auf die enge Partnerschaft
mit der Fogra.
Im neuen Innovationszentrum werden erstmalig Forschungsinstitut, Druckverband, Aus- und
Weiterbildungszentrum und Beratungsgesellschaft unter einem Dach arbeiten. Dornach wird das
neue Kraftzentrum der Druckindustrie für Bayern aber auch weit über die Grenzen des Freistaats
hinaus. Dornach steht damit auch für die Innovationskraft, für die Veränderungsbereitschaft und
für die Zukunftsfähigkeit der gesamten Druckindustrie.
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Sie, die Mitgliedsunternehmen werden davon profitieren, dass Sie zukünftig alle Partner an einem
Ort finden. Fogra und Verband werden davon profitieren, dass sie ihre bisherige Zusammenarbeit weiter ausbauen werden zum Wohle der jeweiligen Mitgliedsunternehmen. Zukünftig werden kostenintensive Ressourcen wie Drucksaal und Seminarräume von Verband und Fogra gemeinsam betrieben. Das verbessert die Kostenstrukturen nachhaltig und hilft, das bewährte Leistungsspektrum des Verbandes für die Mitglieder auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu
erhalten und auszubauen. Für uns wie für die Fogra wird dieser Schritt ein Quantensprung sein.
Ich möchte der Fogra, die der Bauherr dieses Projektes ist, für die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit bei Projektplanung und -umsetzung herzlich danken. Lieber Herr Aumüller, als
Vorsitzender des Vorstands der Fogra, möchte ich Ihnen im Namen unseres Verbandes ganz persönlich für die sehr partnerschaftliche Zusammenarbeit Dank sagen. Wir freuen uns auf das gemeinsame Haus!
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
lassen Sie mich nun auf ein Thema zu sprechen kommen, das spätestens seit der Drupa unsere
Branche beherrscht: „Industrie 4.0“ oder wie es einige Druckmaschinenhersteller schon nennen
„Print 4.0“. Ich habe kaum einen Stand in Düsseldorf gesehen, der nicht irgendwie dieses Thema
aufgegriffen hätte. Wir alle wissen, dass sich hinter diesem Zauberbegriff die Verzahnung der
industriellen Produktion durch moderne Informations- und Kommunikationswerkzeuge, sprich
Internet, Datenspeicher und standardisierte Schnittstellen verbergen. Produzenten, Lieferanten
und Kunden sollen in Zukunft viel vernetzter und automatisierter zusammenarbeiten.
Ohne Zweifel ist die Individualisierung in der Massenfertigung einer der Megatrends in der Wirtschaft generell. Das gilt auch für die Druckindustrie. Für Druckereien gehen damit kleinere Auflagen, häufigere Formatwechsel und eine wachsende Vielfalt an Produktionsverfahren einher.
Druckereien müssen ihre Produktion flexibler gestalten, Abläufe im Sinne kurzer Umrüstzeiten
optimieren und nach Möglichkeit automatisieren, um im zunehmenden Wettbewerb auch in
Zukunft bestehen zu können. Dafür liefert die Industrie 4.0 die notwendigen Datengrundlagen.
Industrie 4.0 wird ein Muss. Warum? Weil unsere Kunden ebenfalls verstärkt nach diesen Prinzipien produzieren werden. Kleinere Losgrößen, kürzere Produktionszeiten, mehr Variationen,
weniger Lagerhaltung – all das hat selbstverständlich Auswirkungen auf Druckereien. Schließlich
hängen Printprodukte oft mit anderen Produkten, für die sie werben sollen, zusammen.
Wem das zu abstrakt ist, dem möchte ich gerne Industrie 4.0 am Beispiel der Maschinenwartung
verdeutlichen: In Zukunft erkennen Druckmaschinen eigenständig einen möglichen Notstand.
So lassen sich Wartungsintervalle und Reparaturanlässe frühzeitig erkennen und kostensparend
sowie effizient in den Produktionsalltag integrieren. Die Analyse von Maschinendaten liefern
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darüber hinaus wichtige Erkenntnisse für eine prozessoptimierte Produktion oder der Vermeidung von Reparaturereignissen. Bei Heidelberg nennen sie das automatisierte Zusammenspiel
von Equipment, Services und Verbrauchsmaterialien schon heute „smart factory“.
Nicht wenige Drucker fragen sich jedoch, ob sie in einer Welt der datengetriebenen smart factories noch ihren Platz finden werden. Oft hört man die Befürchtung, dass Industrie 4.0 nur etwas für Großbetrieb sei. Dabei ist nach unserer Einschätzung genau das Gegenteil der Fall. Gerade das Internet ermöglicht es kleineren und mittleren Unternehmen, durch eine digitale Vernetzung – sei es mit Kunden oder Kollegen – fehlende Größe wieder wettzumachen. Auch ein Blick
in andere Branchen zeigt, dass kleinere Unternehmen von digital gesteuerten Prozessen besonders
profitieren.
Übrigens: Die Voraussetzungen für die Druck- und Medienindustrie für die Umsetzung von Industrie 4.0 sind ziemlich gut, da unsere Branche ja bereits über weitreichende Erfahrung in der
Digitalisierung ganzer Produktionszweige verfügt. Wichtig ist, das Thema frühzeitig im Unternehmen über alle Ebenen zu verankern, denn die Auswirkungen von Industrie 4.0 betreffen alle
Unternehmensbereiche: Von der strategischen Planungsebene, über das Marketing und die Fertigung bis hin zum Personalmanagement. Themen wie Arbeitswelten 4.0, Datensicherheit oder
Kundenbindung müssen komplett neu durchdacht werden.
Wir wollen Ihnen dabei helfen, dass Thema Industrie 4.0 für Ihr Unternehmen erfolgreich zu
planen und umzusetzen. Wir wollen Möglichkeiten, Voraussetzungen, Anwendungsbeispiele sowie Empfehlungen kritisch hinterfragen. Wir tun dies wieder in einem eigenen Schwerpunkttag,
wieder gemeinsam mit unserem Partnerverband aus Baden Württemberg, an der Stelle herzlich
wollkommen, lieber Alexander Lägeler, am 10. November gemeinsam in Wiesloch bei Heidelberg. Sie finden die Einladungen zu diesem Fachkongress in Ihren Unterlagen. Ich würde mir
wünschen, möglichst viele von Ihnen in Wiesloch wiederzusehen. Industrie 4.0 ist kein Schalter
zum Umlegen, Industrie 4.0 muss man sich nach und nach erarbeiten – und das am besten gemeinsam.
Für die Verbandsorganisation ist das Thema Industrie 4.0 übrigens eine ganz neue Herausforderung, denn es geht ja um nichts geringeres als so unterschiedliche Aufgaben wie die Definition
offener Schnittstellenstandards, die Entwicklung passender Geschäftsmodelle, die Anpassung von
Arbeitsrecht und Beschäftigungsmodellen sowie die Vermittlung entsprechender Kompetenzen,
insb. IT-Kompetenzen für unsere Mitgliedsunternehmen. Wir wollen diese Themenpalette in der
gesamten deutschen Verbandsorganisation gemeinsam angehen. Wir werden zu einzelnen Aufgabenbereichen Arbeitsgruppen gründen, bei denen wir auf Ihren Input und Ihre Mitarbeit angewiesen sein werden, um praxistaugliche Empfehlungen und Standards erarbeiten zu können.
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So viel von meiner Seite und so viel von der Zukunft. Nun treten Sie im Folgenden eine Reise in
die Vergangenheit an. Reiseführer wird Uli Eberl, unser Schatzmeister sein, der sie zurück ins
Jahr 2015 und das Universum der Verbandsfinanzen führen wird. Ich kann Ihnen aber versichern, am Ende dieser kleinen Zeitreise landen Sie wieder hier in der Gegenwart.
Also: fasten seat belts.
Uli, Du hast das Wort.
Ich bedanke mich bei Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit.
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