Handout zum Fachtag Kräutermischungen am 14.10

Werbung
Handout
zum
Fachtag Kräutermischungen
am 14. Oktober 2015 im Bürgerhaus Böckingen
Inhaltsübersicht:
1. Legal Highs - Wahnsinn aus der Tüte ………………………… 1
2. Spice & Co - Wirkung auf Körper und Geist ………………. 2
3. Statements aus Suchthilfe und Streetwork ……………. 3
4. Das Gesetz und synthetische Cannabinoide ……………… 5
5. Resümee - pointierte Aussagen und Thesen ……………… 6
0
1. Legal Highs - Wahnsinn aus der Tüte
von Katrin Köhler, Landeskriminalamt Baden-Württemberg
Legal Highs:
Kräutermischungen / Spice (Wirkstoff: synthetische Cannabinoide als Beimengung in Kräutern)
Badesalze, Pflanzendünger (Wirkstoff: u.a. synthetische Cathinone, Piperazine)
Verkauf als abgepackte bunte flippige Fertigprodukte
„legale“ Alternative zu Betäubungsmitteln
Betäubungsmitteln wie Amphetamin, Kokain, Ecstasy oder Cannabis.
Cannabis
Kräutermischungen als Cannabisersatz:
Synthetische Cannabinoide haben höhere pharmakologische Potenz (stärkere Wirkung) und
längere Halbwertszeit (längere Wirkung) als THC
Wirkstoff auf Verpackung nicht ausgewiesen
Produktion der synthischen Cannabinoide im asiatischen Raum.
Raum
Konsumform: Rauchen in Joints, Pfeifen, Bongs, „Herbal Vaporizer“, orale Einnahme (eher selten)
Preis: 10 – 30 Euro/ 3 g Päckchen
Dosierung/Wirkungseintritt: Abhängig vom Wirkstoff, Wirkungseintritt: nach 15 – 30 Sekunden
Wirkungsdauer: ca. 1 ½ - 2 Stunden oder länger
Wirkungsweise: Marihuana ähnliche Wirkung („Breitsein“), Zufriedenheit, WahrnehmungsWahrnehmungs
veränderungen, Entspannung (z.T. wird der Rausch als belastend
belastend empfunden)
Nebenwirkungen/Gefahren: Müdigkeit, Schwindel, Übelkeit, Erbrechen, Desorientierung, MundMund
trockenheit, Aggressivität, Wahnvorstellungen, Bewusstlosigkeit, Angst, Panikreaktionen, KreislaufKreislauf
probleme, Herzrhythmusstörungen, depressive Verstimmung,
Verstimmung, Verwirrung, Aussetzung der Atmung.
Atmung
Aktuelle Lage:
Seit 2009 wurden 95 npS - neue psychoaktive Stoffe - dem BtMG unterstellt.
unterstellt
Das Frühwarnsystem hat bislang über 160 synth. Cannabinoide und über 100 synth. Cathinone
identifiziert.
Synthetisiert wurden bereits mehr als 680 synth. Cannabinoide
de und ca. 150 synth. Cathinone.
Es gibt über 1.150
150 verschiedene npS - Produkte mit über 100 unterschiedlichen Wirkstoffen in
Deutschland.
6 Todesfälle in Baden-Württemberg
Württemberg (Deutschland: 25) sind bekannt.
Die Gewinnspanne
ewinnspanne beträgt mehrere 1000% (Gesamtkosten für 3g: 0,87 € / Gewinn am
Endkunden: 29,13 €).
Kräutermischungen und das Internet:
Bedeutender Marktplatz für den Verkauf der npS
2013: Momentaufnahme von 651 Websites die npS an
Konsumenten in Europa verkaufen
rkaufen
Bestellung von Zuhause
Anonymität
Informationsaustausch durch Foren.
Foren
1
2. Spice & Co - Wirkung auf Körper und Geist
von Prof. Dr. Volker Auwärter, Uniklinikum Freiburg
Wirkung synthetischer Cannabinoide:
Wirken am gleichen Rezeptorsystem wie THC und Endocannabinoide (direkt oder indirekt)
Binden meist mit hoher Affinität an den CB1-Rezeptor (hohe Potenz)
Viele Wirkstoffe wirken als volle Agonisten am CB1-Rezeptor (starker Effekt bei hoher Dosierung)
Auch Abbauprodukte im Körper können Wirkung entfalten => komplexe Pharmakodynamik.
Akute Toxizität synthetischer Cannabinoide:
(Meist ähnliche Symptomatik wie nach Cannabiskonsum)
„Rote Augen“ - Effekt
Sedierung/Verlangsamung
Panikattacken/psychotisches Erleben
Herzrasen
reduzierte Merkfähigkeit.
Zusätzlich auftretende Symptome (hohe Dosis)
Generalisierte Krampfanfälle
Hypokaliämie (Kaliummangel im Blut)
Hypertonie (erhöhter Hirn- oder Blutdruck)
Übelkeit/heftiges Erbrechen
Extreme Unruhe, aggressives Verhalten
Koma
Relativ schnelle Toleranzentwicklung.
Abbildung zeigt die Entstehung einer neuen
Designerdroge.
Typologie „Legal-Highs“-Konsumenten:
Probierkonsumenten: die größte Gruppe
Substituierte: ersetzen illegale Drogen durch „Legal Highs“
„Stoner 2.0“: Cannabis und „Spice“ abwechselnd + relativ oft
„Spezialisten“: „Psychonauten“ (probieren Drogen aus, an die sich sonst niemand herantraut),
Fokus auf „Research Chemicals“
„Omnivores“: nehmen alles was gerade verfügbar ist.
Schlussfolgerungen:
Synthetische Cannabinoide (SC) werden häufig als „nicht nachweisbare“, scheinbar „legale“
Alternative zu Cannabis genutzt (Schnelltests ungeeignet, hohe Verfügbarkeit)
SC sind gefährlicher als Cannabis (Erstkonsumenten, Hochdosierer) – Hohe Marktdynamik
Neue Stimulanzien und Designer-Benzodiazepine sind „auf dem Vormarsch“…
Einsatz analytischer Methoden wirkt präventiv, diese müssen aber auf dem aktuellen Stand sein
Systematisches Marktmonitoring und schnelle Anpassung der Methoden ist unumgänglich – aber
sehr aufwändig
Befundinterpretation kann schwierig sein (niedrige Konzentrationen, Umverteilung,
Metabolismus)
Immunchemische Tests bisher ungeeignet für sicheren Nachweis/Ausschluss eines Konsums.
Weitere Informationen unter www.legal-high-inhaltsstoffe.de.
2
3. Statements aus Suchthilfe und Streetwork
von Helena Resch (Jugend- und Suchtberatung),
Irene Mutscheller und Ercan Efe (Streetwork Heilbronn)
Wenn Eltern in die Beratungsstelle kommen, sind folgende Themen für sie relevant:
Eltern wissen oft nicht einmal, was „Kräutermischungen“ sind oder glauben ihren Kindern lange
Zeit, dass es sich um harmlose Kräuter handelt, die in der Zigarette geraucht werden.
Die Jugendlichen zeigen ihren Eltern im Internet Seiten, die genau diese Inhalte untermauern
und verunsichern ihre Eltern damit noch mehr.
Eltern sind verunsichert: Die Jugendlichen berichten, heutzutage kiffen alle, das sei absolut
harmlos, Alkohol sei eigentlich schlimm und schädlich.
Eltern nehmen den Rauschzustand der Kinder wahr, denken aber lange Zeit, der Rausch sei auf
Alkoholkonsum zurück zu führen.
Wenn Jugendliche in die Beratungsstelle kommen, dann berichten sie folgendes:
Jugendliche leugnen in der Regel, dass sie Kräuter konsumieren. Erst bei hartnäckigem
Nachfragen räumen sie ein, auch Kräuter geraucht zu haben.
Jugendliche, die mit dem Kräuterkonsum aufhören wollen, müssen sich neue
Freizeitbeschäftigungen suchen, sind aber oftmals überfordert damit, weil sie keine Ideen haben,
was ihnen Spaß machen könnte oder wo ihre Interessen liegen. Der Aufbau von neuen Kontakten
gestaltet sich schwierig.
Jugendliche werden von weitaus älteren Drogendealern ganz bewusst als Läufer eingesetzt. Die
Jugendlichen fühlen sich durch diesen Vertrauensbeweis einer „kriminellen Größe“ bestätigt,
anerkannt – das lässt das Selbstbewusstsein wachsen.
Fazit aus Sicht der Suchtberatung:
Der regelmäßige Konsum von Suchtmitteln, insbesondere npS, in der Zeit der Adoleszenz hat
gravierenden und äußerst ungünstigen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung von
Jugendlichen. Je früher der regelmäßige Konsum beginnt, desto schwerwiegender die Folgen (rein
auf psychologischer und physiologischer Ebene).
Ein Jugendlicher, der Suchtmittel konsumiert, ist kein schlechter und/oder charakterschwacher
Mensch. Er hat sich für einen Weg entschieden, der negativen Einfluss auf ihn nehmen kann. Es
ist unsere Aufgabe als Fachpersonal ihn zu einer aktiven Auseinandersetzung mit seiner
Entscheidung zu bringen, damit er lernt Eigenverantwortung zu übernehmen. Da wo er Grenzen
überschreitet, sollte er auch mit seinem Fehlverhalten konfrontiert werden und die
entsprechenden Konsequenzen mittragen.
Eltern sind hilflos in ihrer Rolle als Verantwortliche für Fragen der Erziehung. Das Thema
Suchtmittelkonsum ist nach wie vor stark vorurteilsbeladen. Wir Fachleute sollten darauf achten,
dass wir dieses Verhalten nicht selbst übernehmen, sondern die Auseinandersetzung damit
fördern. Also selbst aktiv werden und die Eltern dazu auffordern.
Die Lebenswelt von Jugendlichen, die Suchtmittel konsumieren, unterliegt anderen Gesetzen,
Regeln und Normen, an die es sich anzupassen gilt. Je früher Jugendliche mit dieser Welt in
Kontakt kommen und je früher diese Welt für sie maßgeblich ist, desto schwieriger wird es sich
von ihr zu distanzieren und wieder in gesellschaftlich anerkannte Verhaltenskontexte zu
gelangen.
3
Konsumentengruppen:
Konsumenten stammen aus allen sozialen Schichten
Großes Angebot an Kräutermischungen, viele Jugendliche probieren Kräuter nur einmalig aus,
aufgrund heftiger Nebenwirkungen
Schon 13-jährige kommen in Kontakt mit Kräuter.
Haltung der Jugendlichen zu Kräutern:
Günstig
Effizienter als THC
Leicht zu beschaffen
Legal
Der Kick ist subjektiv ca. 20 mal stärker als bei Cannabis, der Rausch dauert ca. 15 - 30
Minuten an.
Den Jugendlichen ist keine vergleichbare Droge bekannt, die diesen Kick auslöst.
Nebenwirkungen/Auswirkungen von Kräutern:
Können nach dem Konsum die zeitliche und örtliche Orientierung verlieren
Gedächtnisstörungen
Konzentrationsstörungen
Kreislaufkollaps
Gewalttätige Übergriffe mit anschließender Amnesie
Krampfanfälle
Bewusstlosigkeit
Herzrasen, Herzstillstand → Reanimierung mit Krankenhausaufenthalt.
Entzug:
Sie substituieren mit Alkohol und THC
Die Entzugserscheinungen dauern ca. 3-6 Tage
Schlafstörungen
Schweißausbrüche
Fehlendes Hungergefühl
Extremer Drang, Kräuter zu rauchen
Taubheit und Schmerzunempfindlichkeit in Armen und Beinen
Erektile Dysfunktion.
Die oben getätigte Auflistung der Phänomene im
Zusammenhang mit Kräutermischungen ist eine
Sammlung im Rahmen der Tätigkeit des Streetworks
für Jugendliche in Heilbronn (Innenstadt).
Die Ausführungen basieren auf Erfahrungsberichten
von
Jugendlichen,
die
Kräutermischungen
konsumieren und zusätzlich auf Beobachtungen, die
die Streetworker im Rahmen ihrer Tätigkeit gemacht
haben.
Weitere Informationen unter www.drugcom.de.
4
4. Das Gesetz und synthetische Cannabinoide
von Katrin Fischer, Staatsanwaltschaft Heilbronn
Fallbeispiel:
Zwei 15-Jährige und ein 16-Jähriger konsumieren
Kräutermischungen
Folgen: massive Ausfallerscheinungen => Krankenhaus,
Intensivstation, Psychiatrie
Quellen der Informationsgewinnung:
Sicherstellungen
Zeugenaussagen
WhatsApp-Chats
Auswertung Buchhaltung von Vertreibern
Strafrechtliche Verfolgung:
Verfolgung nach BtMG
nur möglich, wenn die Substanz in der Anlage zu BtMG erfasst ist
trifft nicht auf alle Kräutermischungen zu
bei Verfolgung nach BtMG
sämtliche Straftatbestände anzuwenden
bei nicht geringer Menge: Verbrechen
Grenzwerte durch Rechtsprechung festgelegt
BGH-Urteil vom 14.01.2015: Grenzwerte für zwei Kräutermischungen
Verfolgung nach Arzneimittelgesetz
Besitz/Erwerb danach nicht strafbewehrt
Verkauf: Inverkehrbringen bedenklicher Arzneimittel, § 95 AMG
aber: Urteil EuGH vom 10.07.2014
Arzneimittel nur, wenn geeignet, Gesundheit zuträglich zu sein
Verfolgung nach vorläufigem Tabakgesetz
Streitig beim BGH
5. Senat: ja, tabakähnliches Erzeugnis
3. Senat: nein, weil Zweck nicht Ersatz von Tabak, sondern nur Berauschung
endgültige Entscheidung steht aus
aber ggf. freiverantwortliche Selbstgefährdung (Prüfung im Einzelfall)
5
5. Resümee - pointierte Aussagen und Thesen
von Detlef Kölling, Leiter der Fachklinik Friedrichshof
NpS sind für Konsumenten eine attraktive Alternative, vor allem zu THC-Produkten und auch für
Amphetamine.
Sie sind attraktiv, weil sie billig sind, weil sie legal sind, weil sie nicht nachweisbar sind bzw. das
Nachweisverfahren wegen hoher Kosten und langer Dauer nicht angewendet wird, weil sie über
das Internet einfachst verfügbar sind und weil die Wirkungszeit z.T. so kurzfristig ist, dass der
Konsument bereits nach einigen Stunden unauffällig ist.
NpS sind hochpotente Substanzen mit einem deutlich höheren Suchtpotential als THC oder
Amphetamine.
Die massive Wirkung der npS wird auch unter den Konsumenten vermehrt wahrgenommen: Ein
deutlich größerer Anteil als bei THC. Konsumenten benennen sich als süchtig und die Substanzen
werden als gefährlich in ihrer Wirkung benannt.
Die Wirkung in ihrer Heftigkeit ist unberechenbar, sowohl von Produkt zu Produkt als auch von
Charge zu Charge ein und desselben Produktes. Es kommt zu Überdosierungen, bis hin zur
Lebensgefahr.
Die Verbreitung ist an die Welt junger Erwachsener und Jugendlicher gebunden, an die
Beschaffungs- und Informationswelt neuer Medien. Erwachsene und Eltern haben dazu oft keinen
Zugang.
Der regelmäßige Konsum Jugendlicher, die in der Entwicklung sind, lässt sowohl psychosozial als
auch neuropsychologisch erhebliche Folgedefizite befürchten.
Einfachste schnell herstellbare chemische Veränderungen bewirken, dass die Produktion neuer
Substanzen der Gesetzgebung des BtMG bis auf weiteres immer wieder voraus sein wird.
Eine rechtliche Verfolgung auch noch nicht im BtMG erfasster Substanzen ist möglich, aber noch
selten erfolgreich.
Der Vertrieb, mit professioneller weltweiter Herstellung, Bestellung per Internet, europaweit,
Umgehung von Ländergesetzgebung, umfassender Bewerbung und (Pseudo-)Information im
Internet ist hoch professionell organisiert.
Der Vertrieb ist hoch profitabel mit enormen Gewinnmargen.
"Legal Highs" sind nicht - wie suggeriert wird - harmlos sondern tückisch.
Entscheidende Qualitäten erfolgreicher Prävention und Beratung sind: Aufbau einer
grundlegenden Beziehung, langfristige Interventionen und Kontaktgestaltung, das Vermeiden
jeglicher Abwertungen.
6
Herunterladen