Das Diktat an Jesus Crowley

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Das Diktat
Nunmehr wissen wir also, dass Crowley uns einen Gott als das "gekrönte und erobernde Kind" eines
neuen Zeitalters verkaufen wollte, der bereits vor 5000 Jahren knapp 3000 Jahre lang unbestrittener
Reichsgott einer mächtigen antiken Nation war. Und er will uns den solaren Charakter seiner
neugeschaffenen Religion als große Innovation anbieten, obwohl jener solare Charakter immerhin gut
2500 Jahre lang Staat und Religion derselben antiken Nation nachhaltig geprägt hat. Ganz zu
schweigen von der Sonnensymbolik, die das europäische König-, Kaiser- und Papsttum begleitet.
Doch "Alle Worte sind heilig und alle Propheten war; abgesehen davon dass sie nur ein wenig
verstehen;" (1.56). Der Prophet braucht für sein Diktat kein ägyptologisches Wissen. Sollte sich die
Authentizität des Diktates mittels der überragenden Symbolik, die sich jeglicher Kenntnis des Meisters
entzieht, bestätigen? Und Re-Harachte besitzt die Nettigkeit, dem Unwissenden seinen Namen in
einer Form mitzuteilen, die der damals üblichen Transkription im Englischen angepasst ist? Denn bis
heute ist die Vokalisierung der ägyptischen Wörter nicht bekannt! Aber hätte man bei einem
authentischen Diktat nicht eine authentische Wiedergabe der Namen erwarten können? Oder wollten
die Götter dem Meister das Nachschlagen der Götternamen erleichtern. Crowley hätte etwa bei Budge
1
nachschlagen können. Dort finden wir die Schreibweise Ra-Heru-Khuti . Crowley schreibt Ra-HoorKhuit. Hätte er jedoch tatsächlich bei Budge nachgeschlagen, ihm währe wohl aufgefallen, dass dieser
Heru-Khuti wenig dafür geeignet ist, ein Kind von Nut und Behdety darzustellen. Denn in der Legende
des "Horus von Edfu" ist es der Behdety, der als jugendlicher Krieger seinen alten Vater, den Greis
Heru-Khuti vertritt. Von dieser Sicht her mag man sich noch drauf einlassen, über symbolische
Feinheiten im Diktat, die Namen betreffend zu spekulieren. Nahezu entlarvend ist jedoch die
Wiedergabe des Namens jenes thebanischen Priesters, dessen Totenkult die Stele einst zugedacht
war. Im Manuskript steht "Ankh-af-na-Khonsu". Auch hier ist die Wiedergabe der Transkription ins
Englische verdächtig nahe: "Ankh-F-N-Khonsu". Bei einem echten Diktat stünde jedoch eine wie auch
immer geartete phonetische Wiedergabe zu erwarten, etwa "Anchefenchonsu". Eine echte Kuriosität
ist allerdings der Name des Horus-Behdety. Dieser tritt im Text mit seinem gräzisierten Namen Haidith
auf, der jedoch von Crowley mit "Hadit" falsch geschrieben wird. Was nun, wenn Crowley in Kairo die
Namen der Götter auf der Stele erfragt hätte und sie von einer mündlichen Mitteilung her notiert hätte?
Ist es nicht naheliegender, dass Crowley sich gezielt die Symbole für sein nächstes Werk
zusammengesucht hat?
Man stelle sich vor: Crowley will seinem Ex-Lehrer und Konkurrenten Mathers ein Schnippchen
schlagen und mit einer Legitimation die Leitung des Golden Dawn an sich reißen, bzw. die
Splittergruppen unter seiner Führung wieder zusammenbringen. Die Legitimation sieht er in der
Kontaktaufnahme zu den sogenannten "geheimen Oberen", die Mathers so dringend gesucht hatte.
Vielleicht ist ihm bekannt, dass das Ehepaar Mathers schon länger eine Reise nach Ägypten geplant
2
hatte . Darüber hinaus ist Crowley fasziniert von der Symbolik der Apokalypse. Seine Mutter hatte ihn
nach eigenem Bekunden schon als Kind scherzhaft "das Tier 666" genannt. Er hat das Christentum
aus eigener leidlicher Erfahrung in der Freikirche der Brüderversammlung hassen gelernt, ist jedoch
um so vertrauter mit Bibelsymbolik. Kabbala ist bereits eines seiner Lieblingsdisziplinen. Aufgrund
seines intensiven Kontaktes mit dem Buddhismus wie auch seiner Fernostreisen, weiß er zumindest
von tantrischen Techniken und pflegt selber ein sehr intensives Sexleben in einer prüden Welt oder
gibt zumindest vor, dies zu haben. Er kennt die Lehren der Theosophie und hat natürlich auch schon
vom Wassermannzeitalter gehört. Von der Theosophie oder von Mathers kennt er die Parallelen
zwischen den Mythen um Osiris und Jesus. Er weiß auch von der Mars-Obsession Mathers, von dem
3
er wohl auch die Zuordnung Horus - Mars übernommen hat. Hinzu kommt eine Menge allgemeines
Wissen über die Religionen der Welt. Und es ist kaum anzunehmen, dass sich Crowley der
berauschenden Wirkung von Nietzsches Aphorismen hat entziehen können, die seinerzeit eine ganze
Generation von Intellektuellen in Verzückung gesetzt hat. Und selbstverständlich kannte er den
Roman "Gargantua und Pantagruel" des Französischen Humanisten Francois Rabelais (ca. 1495 1553) oder zumindest weiß er von dem dort beschriebenen Anti-Kloster, welches sich "Thelema"
nennt und in dem der Tagesablauf von der Vorgabe "Tu was Du willst" bestimmt ist. Im übrigen ist er
ein äußerst talentierter Dichter und kennt gewiss auch schon die Techniken des Automatischen
Schreibens. "Gnostischer Demiurg" fehlt noch in der Aufzählung.
1
Der griechische Name Harachte scheint seinerzeit unter Ägyptologen noch nicht gängig gewesen zu sein. Budge etwa mischt
Heru-Achety mit Heru-M-Achet bzw. Harmachis. Man scheint damals den Unterschied zwischen beiden nicht gekannt zu haben.
2
Ob die Reise stattgefunden hat ist nicht bekannt. Vgl. Ithell Colquhoun, "Schwert der Weisheit", S. 127, übersetzt von Marcus
M. Jungkurth, Bergen 1996
3
Die Griechen assoziierten Horus mit Apollon.
Vielleicht geht er die ganze Sache auch als ernst gemeinte magische Operation an und gar nicht als
Betrug. Die Legende um das Channeling und seiner Begleitumstände entsteht vielleicht erst später,
als er feststellt, dass sich das wirre Ergebnis der Operation ohne zusätzliche Begründung nicht an den
Mann bringen lässt. Zumindest die Geschichte um die Begleitumstände des Diktats lässt sich
schwerlich aufrecht erhalten. Denn das Boulak-Museum, dass Crowley und seine Angetraute Rose im
März 1904 besucht haben wollen und in dessen hinterster Ecke Rose die berühmte Stele mit der
Katalognummer 666 entdeckt haben soll, war zu dem Zeitpunkt schon seit über einem Jahr wegen
Umzugs geschlossen. Wer weiß, vielleicht hat das Paar die Stele nie im Original zu Gesicht
bekommen. Stattdessen wird vielleicht im Katalog geblättert:
"Oh! Schau mal da Rosi!"
"Kat. Nr. 666!"
"Ääähäh ... Tschuldigung ... ja ich hätte da mal ..."
"... ja, bitte ... haben Sie da zufällig eine Reproduktion von?"
"Oh, das ist wirklich sehr zuvorkommend von Ihnen!"
"Ja, ich habe Zeit."
.......
"Ach schau ... Ooooh Danke!"
"Aahaah! Schau mal Rosi, da ist ja Horus drauf!"
"Ja, ich hab' halt Ahnung ..."
"Wie? Was?"
"Wie heißt der?"
"Also das muss ich mir grade mal notieren, Moment ..."
"… also, Ra-Hoor-Was?"
"Ra-Hoor-Rud?"
"Chut!"
"Ah ja, seltsamer Name. Guter Hinweis!"
"Und das Flügel-Dingens da unter der Nut?"
"Wie?"
"Heidi?"
"Ach Hädit! Ja hervorragend!"
"Ja bitte ... nur zu ..."
"... warum ich mich für Totenstelen interessiere?"
"Ach das ist eine Totenstele!"
"Ist ja doll! Von wem denn?"
"Also das ist ja ..."
"... ein Priester! Damit hätte ich ja ...."
"Aus Theben!"
"Und da steht der Name?"
"Moment, das schreibe ich mir mal grad ab ..."
"Ausgezeichnet!"
"Ja, haben Sie vielen vielen Dank! Sie haben uns sehr weitergeholfen ..."
"Ja, das ist ein bisschen schwer zu erklären ... also ..."
"... ja .. nochmals ... oh danke ... da komme ich vielleicht noch mal drauf zurück."
"Das war mal wieder ein gelungener Tag!"
"Wie schön, wie schön!"
"Eine neue Trinität!"
"Und sie reimt sich sogar, die Trinität: Nut, Hädit, Ra-Hoor-Chut!"
"Ach, das glätten wir doch gleich ein bisschen: Nuit! Hadit! Ra-Hoor-Khuit!"
"Die Nacht! Das Feuer der Liebe! Die Rache des Horus!"
"Na ... das wird schon was!"
"Ich spüre es!"
Mit diesem nicht eben umfangreichen Wissen über die thebanische Totenstele improvisiert Crowley
anschließend mit den oben aufgelisteten Themen. Vielleicht arbeitet er aber auch erst bestimmte Teile
aus und improvisiert später darüber. Oder es hat doch alles ganz anders stattgefunden. Vielleicht ist
das Ehepaar tatsächlich zufällig auf diese Stele gestoßen. Und es ist natürlich möglich, dass Rose
Kelly aus unbekannten Gründen tatsächlich einen wichtigen Anteil an der Entstehung des Buches
hatte, so dass Crowley sich später veranlasst sah, ihre Rolle im nachhinein zu betonen. Hier sollte vor
allem illustriert werden, welche Inhalte Crowley von vorneherein in das Buch einbringt und zwar in der
Form von Wissen sowie auch innerer Einstellung.
Bewusst durchkomponiert oder eindeutig zielgerichtet scheint der Text des L220 jedoch nicht zu sein.
Gewiss lässt sich jederzeit die Unterstellung aufrechterhalten, es handele sich hier um ein reines
Machwerk. Der konfuse Zustand des Textes und eine Reihe unsympathischer Inhalte, die bestens
geeignet sind, spirituell motivierte Europäer vor den Kopf zu stoßen, machen dies jedoch eher
unwahrscheinlich. Hätte Crowley allein danach gestrebt, als europäischer Guru eine möglichst große
Anhängerschaft zu rekrutieren, er währe sicher intelligent genug gewesen, einen für solche Zwecke
geeigneteren Offenbarungstext zu kreieren. Aber unabhängig davon, auf welcher Basis man dem Text
eine Authentizität zugestehen will, man sollte sich eines bewusst machen: Es ist mit Sicherheit die
Poesie des Dichters Crowley die da zu lesen ist, also keine im strengen Sinne diktierte Botschaft
ägyptischer Götter oder anderer Wesen, die sich räumlich außerhalb der Person Crowleys aufhielten.
Die genaue Beweisführung anhand des Schreibstils Crowleys und des "diktierten" Textes würde leider
den hier gegebenen Rahmen sprengen. Die Geschichte von der Stimme, welche der Schreiber hinter
sich zu vernehmen glaubte und zu der er sich gar in einem Moment umzudrehen wagte, entspringt
offenbar jener nachträglichen Dramatisierung, zu der auch die Geschichte um die Entdeckung der
Stele gehört. Wohlmöglich waren die äußeren Umstände des sogenannten Diktats eher von einer Art,
die man gemeinhin dem Empfang eines Offenbarungstextes für unwürdig befinden würde.
Die Stele
Ein paar Anmerkungen zu dem eigentlichen Sinn und Zweck der Totenstelen sollten hier nicht fehlen.
Schon im Laufe der 2ten Dynastie haben sich die Grabsteine, welche ursprünglich nur den Namen
und Titel des Verstorbenen enthielten, zu sogenannten Opfertafeln weiterentwickelt. Der Verstorbene
wird auf diesen vor dem Opfertisch sitzend oder stehend dargestellt, wie er die Hand nach den Gaben
ausstreckt. Der Anbringungsort ist ursprünglich eine Nische am Grab-Oberbau. Später nimmt die Stele
die Funktion einer Scheintür an, die entweder an der Grabaußenwand oder in einem dem eigentlichen
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Grab vorgelagerten Kultraum angebracht ist . Hier deutet sich bereits der Zweck der Stele an. Denn
hier ist der Ort an dem der Tote die Opfer entgegennimmt. Aus diesem Grund konzentriert sich der
Totendienst in der Regel auf die Stele. Sie ist gleichsam ein Ort des Übergangs zwischen Dies- und
Jenseits. Der beständige Totendienst ist notwendig, um den Toten am Leben zu erhalten. Mit der
Mumifizierung ist gewährleistet, dass die Form des Toten erhalten bleibt. Doch ist es das Ka, eine art
Doppelgänger des Menschen, welches den Körper in Bewegung versetzt. Und es ist das Ba, die
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Vogelseele, welches dem Menschen die Persönlichkeit verleiht. Beide benötigen Nahrung . Bei
bescheideneren Verhältnissen kann die Totenstele auch eine Grabanlage, bzw. den Totentempel
komplett ersetzen. In diesem Falle ist sie meist an einem Scheingrab angebracht. Der
Tempelcharakter der Stele wird auch die Figur der
Nut betont. Sie ist nicht nur Schutzgöttin der Toten,
sondern auch fester Bestandteil eines
Tempelinneren, in dessen Bauweise sich der Bau
des Universums wiederspiegelt. Auch die
Flügelsonne des Horus-Behdety ist ein fester
Bestanteil von Tempeln. Er ist oft als Schutzgeist
auf Türoberschwellen angebracht. Wie bereits
erwähnt, erfüllt auch die Stele eine Art Türfunktion.
Drei Zeichen für verwandte Begriffe. Links das Zeichen für
Die ausgebreiteten Fittiche des Behdety wirken wie
Achu oder (Khu): "Licht, Glanz (der Sonne)", Stut: "Strahlen",
eine Art Schirm, aber auch als Fächer, denn die Luft
Weben: "sich erheben" und Henememet: "Gottesvolk des
Atum". Letzteres ist eine Art "Aristokratie des Jenseits", eine
ist ein Symbol des Lebens.
theologische Erfindung aus Heliopolis.
Die Gestaltung der Stele folgt einem klassischen
thebanischen Kanon, in der Tradition der 22ten
In der Mitte der Ach-Vogel, ein Schopfibis, der für
"Geistermacht, Geistwesen, Lichtwesen" steht. Achu ist
Dynastie. Insgesamt ging die Entwicklung der
eigentlich der Plural von Ach.
Totenstelen mit vielen Wechseln in der Gestaltung
einher. Zu dem die Gaben entgegennehmenden
Rechts der Ba-Vogel, der für die Vogel-Seele spielt.
Vermutlich sind die Begriffe des Ach und des Ba parallel aus
Toten können sich Opfernde Verwandte gesellen.
ähnlichen Vorstellungen entstanden.
Ab dem mittleren Reich kann auch das Kultbild
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eines Gottes dem Toten gegenüberstehen : Ein
Zeichen der zunehmenden "Demokratisierung" ursprünglich rein königlicher Privilegien. Denn der
Dienst am Kultbild steht an für sich allein dem König oder einem königlich legitimierten Priester, dem
Stolisten oder dem Sem-Priester zu. Der Tote Ankh-F-N-Khensu jedoch trägt auf der Darstellung
tatsächlich die Kluft eines Sem-Priesters. Sem-Priester sind meist nicht an einen Tempel gebunden,
sondern in aller Regel Beauftragte des Pharaos, die an verschiedenen Orten zu wichtigen Anlässen
anreisen. Aber es gibt Ausnahmen. Es lässt sich daher nicht sagen, ob Ankh-F-N-Khensu auch das
4
Die Stele des Ankhf-N-Khensu war offenbar in einer Art Gemeinschafts-Kultraum der Priester des Montu-Tempels
untergebracht.
5
Der Mensch setzt sich nach Vorstellung der Ägypter aus Körper, Ka, Ba, Name und Schatten zusammen.
6
Die Darstellung des Opfermahles wird dann meist in einen zweiten Bildstreifen verlegt.
Amt eines ansässigen Sem bekleidete oder ob die Kluft ein Statuszeichen seines Priesterstandes
darstellen soll. Bemerkenswert ist auch die Haltung des Priesters. Der angewinkelte Arm erinnert zwar
an eine Gebetshaltung. Eine echte Gebetshaltung würde dagegen jedoch zwei angewinkelte Arme,
mit beiden Handflächen dem Gottesbild zugewandt voraussetzen. Auch der einem älteren Bildkanon
entsprechende Griff nach den Gaben aus den zwischen Verstorbenen und Gottesbild aufgestellten
Opfertisch ist aus der Darstellung nicht herauszulesen. Hier sollte man vielleicht nochmals betonen,
dass die Opfergaben für den Toten bestimmt sind. Es ist also keine Szene, die den Priester bei einer
Opferhandlung zeigt. Trotzdem möglich, dass dem Gott ein Anteil der Gaben zugedacht war. Denn
man erhoffte sich seitens des Gottes wohl praktische Unterstützung in Belangen des Überlebens in
der Totenwelt. Auf dem Opertisch sieht man aufrechtstehende Schilfblätter. Man geht davon aus, dass
es sich hier um eine Fehlinterpretation in der Tradition der Darstellung handelt. Auf älteren
7
Widergaben des Opfertisches lässt sich die aufrecht stehende Bestückung eindeutig als Spitzbrote
identifizieren.
Aus der Praxis des Totendienstes an der Stele einerseits und dem Umstand, dass Crowley sich
veranlasst fühlte, die Totenstele des Priesters Ankh-F-N-Khensu als "Stele der Offenbarung" zum
Fetisch hoch zu stilisieren und ähnlich dem christlichen Kruzifix zu einem Bestandteil der Einrichtung
eines thelemischen Tempels zu machen, ergibt sich ein amüsanter Nebeneffekt. Crowley hat sich ja
schließlich zur Reinkarnation des Month-Priesters erklärt. Falls diese Erklärung auf Wahrheit beruhen
sollte, dann hätte er es quasi darauf angelegt, dass mit der anstehenden Verbreitung der neuen
Weltreligion Thelema, für die kommenden 2000 Jahre eine fortdauernde Fütterung seiner Ka- und BaSeelen gewährleistet ist. Gewiss wird die Kost nicht so deftig ausfallen, wie in Theben. Unter dem
Opfertisch sind Brot, Rinder, Geflügel, Bier und Wein angedeutet. Leider habe ich letzten Sommer
versäumt, den Hausherrn einer thelemischen Gruppierung in Norddeutschland, der eigenem
Bekunden nach die Reinkarnation der Reinkarnation des Month-Priesters ist, zu fragen, wie sich die
nachhaltige Duftöl-Diät auf die schlanke Linie auswirkt. Vielleicht ließe sich aus dem Satz 3.10,
"Erlange die Stele der Offenbarung selbst; (...)", auch ein einträgliches Geschäft für arbeitslose
Nachwuchsägyptologen machen, indem man einer nach Identität suchenden Kundschaft, die in sich
den reinkarnierten Ägypter zu entdecken hofft, die individuell passende Totenstele, nebst Übersetzung
und Anfertigung der Kopie vermittelt.
Kehren wir nun zu dem Eigentlichen Objekt unserer Betrachtungen zurück. Auch die Inhalte der
Beschriftungen von Totenstelen weisen über die Jahrhunderte eine große Vielseitigkeit auf. Sie
reichen von Anweisungen an die Verwandtschaft, den Opferdienst betreffend, über sogenannte
Opferlisten, über Opfergebete und anderen religiösen Textzitaten, bis zu Bekundungen des
Verstorbenen über einen makellosen Lebenswandel, eine magische Maßname zur Erleichterung des
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Herzens, welches beim Totengericht gegen die Maat abgewogen wird . Das Herz ist Sitz von
Verstand und Gefühl der Person, also eigentlich das, was wir als Persönlichkeit bezeichnen würden.
Die Maat ist die Personifikation der Ordnung und der Gerechtigkeit. Auch der Text auf der Rückseite
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der Stele des Ankh-F-N-Khensu zielt auf eine solche Erleichterung des Herzens ab: "O mein Herz
von meiner Mutter, O Herz, das mein war, solang ich auf der Erde weilte: Erhebe Dich als mein Zeuge
nicht gegen mich, stelle Dich mir nicht als mein Richter entgegen, klage mich nicht an in der
Gegenwart des Großen Gottes, des Herrn des Westens, denn ich vereinte mich mit dem Land des
Großen Westens, als ich noch auf Erden gedeihte. (...)" Die ersten Sätze verdeutlichen exemplarisch,
dass das Herz als ein eigenes, selbstständiges Wesen angesehen im Menschen wird. Das Land des
Großen Westens ist natürlich das Totenreich. Der Westen (Amentet) ist der Ort, wo die Sonne
untergeht. In diese Symbolik spielt der Umstand mit rein, dass der Ägypter nicht zu sagen vermag, wo
der Horizont tatsächlich aufhört. Hier spielt also die Idee des Unbekannten mit hinein. Die Einwohner
des Westens (Amenty) sind die Toten. Der Herr des Westens ist natürlich der Totengott. Das können
verschiedene Götter sein. Sehr oft ist das erwartungsgemäß Osiris. Auch Hathor wird gelegentlich als
Herrin des Westens angesprochen, welche die Toten in Empfang nimmt und mit kühlem Tranke labt.
Im vorliegenden Falle wird Re-Harachte gemeint sein, denn links neben ihm ist das Zeichen des
Westens abgebildet. Der Tote schein also die Himmelfahrt zu Re anzustreben.
7
Die sich hieroglyphisch einfach als "Gabe" lesen lassen.
8
Das mutet schon fast wie ein Vorläufer des Ablasshandels an. Diese Bekundungen haben ein primär Magisches Anliegen. In
aller Regel sind auch dies Zitate aus kanonischen Texten. Ein größerer Teil ist uns dank in Königsgräbern beigelegter
Buchrollen überliefert, die man allgenein unter dem Begriff "Totenbücher" zusammenfasst.
9
Laut Peter Munro ("Die ägyptischen Totenstelen", S. 187, Glückstedt 1973) Ausschnitte aus Hymnen, bzw. Gebete und
Totenbuchtexten.
Der Text führt mit einem weiteren Zitat in Richtung
Himmel (Totenbuch: Spruch 2): "O Einzigartiger, der im
Mond erstrahlt, (...)". Hier ist schwer zu sagen, ob
Links die Hieroglyphe für "Stern", "Zeit", "Stunde"
(N14), rechts die Hieroglyphe für "Unterwelt" bzw.
Horus als Lichtgott und Begleiter der Toten gemeint
"Jenseits" (N15). Der Name des Ortes ist der
sein könnte oder etwa der thebanische Mondgott
Name der Göttin: Duat. In der Hieroglyphe spiegelt
Chons, bzw. Khensu, oder dem Mond als Symbol des
sich offensichtlich die alte Auffassung wieder, die
Werdens und als Nachtsonne. "(...) der verstorbene
den Sternen am Nachthimmel die Ba-Seelen der
Toten erkennt.
Ankh-F-N-Khensu hat die Vielheit verlassen und ist
zurückgekehrt unter die, die im Licht sind.(...)" Mit
"Vielheit" ist in dem Falle wohl das Erdenvolk gemeint (aSA.t). Das Wort "Licht" ist mit der
Sonnenstrahlenhieroglyphe geschrieben und wäre demnach auch als "Sonnenvolk", ein Begriff des
heliopolitanischen Re-Kultes, zu interpretieren (siehe Kasten). "(...) Er öffnete den Wohnort der
Sterne. (...)" Dies ist eine Metapher, die auf den alten Volksglauben zurückgeht, nach dem die BaSeelen der Toten als Sterne am Busen der Nut genährt werden. Die Begriffe Sternenhimmel, Jenseits
und Gegenhimmel bzw. Unterwelt (Dat, Duat) gehen ineinander über (siehe Kasten). "(...) Jetzt ist der
verstorbene Ankh-F-N-Khensu fortgeschritten, alles zu tun, was er will, auf der Erde unter den
Lebenden." Das Ba hat die Wahl, jederzeit vom Jenseits ins Diesseits hin- und herzuwandern. Die
"Sprüche vom Herausgehen am Tage" ist der eigentliche Titel des ägyptischen Totenbuches.
Die Inschrift der Vorderseite: "O Erhabener! (...)" Natürlich ist Re-Harachte gemeint. Im Folgenden
wird er als Götterkönig angesprochen: "(...) Ich preise die Größe deiner Macht, o gewaltiger Geist, der
selbst unter den Göttern Furcht verbreitet, der auf dem Thron seiner Größe erscheint und die Wege
des Ba öffnet, dem Ach und dem Schatten, der das Licht (Sonnenstrahlen) empfing, der gerüstet ist.
(...)" Mit dem Wissen der vorhergehenden Absätze und den Info-Kästen über Licht, Ba und Ach sollte
sich ein weiterer Kommentar zu diesem Satz erübrigen. "(...) Bereite meinen Weg an den Ort, an dem
Ra, Atum, Chepre und Hathor wohnen. (...)". Die Sonne ist Chepre am Morgen, Re(-Harachte) zu
Mittag und Atum am Abend. Als vierte Station gesellt sich auf der Steleninschrift Hathor hinzu. Man
beachte, dass Hathor wie auch Nut sowohl Muttergöttinnen, als auch Totengöttinnen sind. Wenn die
Nut die Sonne verschluckt hat, dann wandert diese während der Nacht durch den Körper der Nut um
dann morgens wiedergeboren zu werden. Dieser Vorstellung steht alternativ die Idee des
Gegenhimmels, der sich unter der Erde befindet gegenüber. Der Gegenhimmel bzw. die Unterwelt
selber, die Dat, wird ebenfalls als Göttin personifiziert. Und all diese Göttinnen haben mit Wasser zu
tun. Dem Wasser hängt die Idee des Nicht-Seins an (vgl. Trümpfe XII und XIII). In den drei Stationen
Chepre, Ra, Atum haben manche Forscher den Ursprung des Rätsels der thebanischen Sphinx der
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Ödipussage gesehen. Und in der Tat ist und die Gleichsetzung des Tages mit den Lebensaltern aus
dem alten Ägypten überliefert. Die Sonne begibt sich mit ihrem Untergang sozusagen in ihr Grab (vgl.
Trumpf IX). Bei jeder Nachtfahrt regeneriert sich die Sonne vollständig. Am Morgen wird sie neu
geboren (vgl. Trumpf XVIII). Aus dieser Vorstellung sind auch die Sonnenkinder entstanden, wie wir
sie in den Gestalten des Harpokrates oder des Harsiesis wiedererkennen. In der Jenseitsvorstellung
des Re-Kultes werden die Toten auf der Barke der Sonne gen Himmel gefahren (vgl. Trumpf XX). Hier
werden Metaphern verschiedener Jenseitsvorstellungen parallel benutzt, offenbar um das Anliegen
des Verstorbenen zu unterstreichen.
Der letzte Satz illustriert das Kastendenken der ägyptischen Priesterschaft: "(...) Ich, der Verstorbene,
der Priester des Mentu, dem Herrn von Theben, Ankh-F-N-Khensu, Sohn des gleichrangigen Mannes
Bes-n-Maut, Sohn der Priesterin von Amoun-Ra, der Herrin des Hauses Ta-Nech." Wenn man sich
vergegenwärtigt, dass der Pharao selber eigentlich der Alleinige ist, der mit den Göttern verkehrt,
dann ist es nachvollziehbar, dass die Priesterschaft, die in Vertretung des Königs agiert, nur von
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edelstem Geschlecht sein darf . Month oder Mentu ist der Ortsgott von Hermonthis (ägyptisch Juni),
der alten Hauptstadt des 4ten oberägyptischen Gaus Theben. Der Hauptgott der im Mittleren reich
gebauten Reichshauptstadt Theben Amun, vermochte den alten Falkengott Month nie gänzlich zu
verdrängen.
Stele und Botschaft
Der Grund, warum ich die den Inhalt der Stele hier so detailliert wiedergebe, ist nicht etwa der, dass er
außergewöhnlich ist, sondern umgekehrt der, dass die hier auftauchenden Motive so typisch sind,
sodass sie mir als tiefergehende Einführung in die ägyptische Denke geeignet erscheinen. Wenn wir
uns noch einmal allgemein den Sinn und Zweck von Totenstelen vergegenwärtigen, sowie der Inhalt
10
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Ähnlich reden wir auch vom Lebensabend.
Diese aristokratsich-elitäre Haltung spiegelt sich scheinbar im L220 wieder und scheint auch in den Realsatiren um
nachträgliche Herkunftsaufbesserungen, wie dem feilschen um Hochgrade und Legitimationen innerhalb der hermetischen
Orden ihr Echo zu finden.
der Inschriften noch einmal betrachten, so ergibt sich dass Bild eines hochgestellten thebanischen
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Priesters der Spätzeit , der genau wie seine Zeitgenossen auf eine gelungene Fahrt ins Jenseits
abzielt und sich dabei auch nicht scheut, seine Ziele von mehreren Seiten magisch abzusichern.
Crowley hat sich die Inschrift der Stele übersetzen lassen und verfasste ein auf die Inschrift
bezogenes Poem, welches er nachträglich "mit Erlaubnis von Aiwass" in das L220 einfügt. Crowley
kommentiert diese folgendermaßen: "Die Passage, die nun folgt scheint eine dramatische Darstellung
der Szene zu sein, die auf der Stele gezeigt wird. Die Interpretation ist die, dass Ankh-F-N-Khensu die
Details der magischen Formel des Ra-Hoor-Khuit zu meiner Unterstützung festgehalten hat. Diese Art
und Weise die Jahrhunderte miteinander zu verbinden, ist dem gebildeten Magier nichts fremdes.
Aber mit dem Blick des Adepten im Mystizismus auf den wahren Charakter der Zeit verschwindet das
Rätsel im Ganzen." Er scheint weder Sinn und Zweck der Stele, noch den der Inschrift verstanden zu
haben.
(...)
12
Anchenkhensu gehörte einem alten Clan von Monthu-Priestern an.
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