Wenn die Hände taub werden

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Juni /Juli 12
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ANATOMIE
Hände
taub werden
Wenn die
Kribbeln und Taubheitsgefühle in den
Fingern und Händen sind unangenehm
und beängstigend zugleich. Solche Beschwerden treten recht häufig auf, bei
Frauen dreimal häufiger als bei Männern.
Nicht immer ist die Ursache das Karpaltunnel-Syndrom (CTS). Regelmässige Yogapraxis und komplementärtherapeutische Massnahmen können helfen, die
Ursachen im Bereich des MuskelskelettSystems zu beseitigen und die Symptome
zu lindern.
Schultern und der Arme kontrollieren und versorgen. Aus
diesem Nervengeflecht entspringen drei grosse Armnerven: der Speichennerv (Nervus radialis), der Ellennerv
(Nervus ulnaris) und der Mittelnerv (Nervus medianus),
die unterschiedliche Teile des Arms, der Hände und der
Finger versorgen (siehe Grafik). Je nachdem, an welchem
Teil der Hand die Sensibilitätsstörung auftritt, wird deutlich, welcher der drei Armnerven betroffen ist.
Die Ursache der Beschwerden ist in den meisten Fällen
eine Kompression des sensorischen Nervenstrangs oder
der Nervenwurzel. Schulmedizinisch werden folgende
Ursachen unterschieden:
• Raumforderung im Schädel, z.B. durch einen Hirntumor (Druck auf die Nervenwurzel)
• Ausstrahlende Symptome, die von der Wirbelsäule im Bereich des 5. Halswirbels bis zum 1. Brustwirbel ausgehen
• Störung im Bereich des Handgelenkes.
Text: Sonja Krenger*
Auch ein Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen
(Magnesium, Vitamin B1, B6 und B12) kann zu Hautkribbeln und Taubheitsgefühlen führen.
Gehen die Beschwerden vom Nacken aus, kommen als
Ursachen degenerative Erscheinungen der Wirbelsäule
oder ein Problem des Muskel-Skelett-Systems in Frage.
Bei einer Osteoporose der Wirbelsäule oder durch den
Elastizitätsverlust der Bandscheibe verengt sich der
wischen dem 5. Halswirbel und dem 1. Brustwirbel, am Übergang vom Nacken zum Rumpf, befindet sich der Plexus brachialis, ein Nervengeflecht von Spinalnerven, welche die komplexen
Funktionen und Bewegungsabläufe des Nackens, der
Z
PERIPHERES NERVENSYSTEM
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Durchgang zwischen den einzelnen Wirbeln (Foramina),
aus denen die Spinalnerven austreten.
In der Nacht tuts weh
Beim Karpaltunnel-Syndrom gehen die Beschwerden
vom Handgelenk aus. Erste Symptome sind meist nächtlich auftretende Schmerzen, die von der Hand aus in den
Arm ausstrahlen. Der Karpaltunnel ist eine bindegewebige, tunnelartige Sehnenscheide, durch die der Mittelnerv
sowie die Beugesehnen der Hand verlaufen. Die Innenseite der Sehnenscheide ist mit einem Flüssigkeitsfilm überzogen, damit die Sehnen mühelos gleiten können. Druck
im Innenraum entsteht einerseits durch Vermehrung des
bindegewebigen Inhalts oder durch vermehrte Wassereinlagerungen z.B. während der Schwangerschaft oder bei
einer Langzeiteinnahme von Cortison.
Als Ursache für Schmerzen kommt auch eine Sehnenscheidenentzündung durch Überbeanspruchung des
Handgelenks in Frage. Bevor ein chirugischer Eingriff in
Betracht gezogen wird, sollten verschiedene schonende
Massnahmen ausprobiert werden: z.B. Ruhiggestellen der
Hand oder die Einnahme von wassertreibenden Tees aus
Brennesseln, Holunder oder Lindenblüten. Beim chirurgischen Eingriff wird der Karpaltunnel in Längsrichtung
aufgeschlitzt, um den Druck auf den Nerv zu lösen.
So oder so – wenn Taubheitsgefühle oder Schmerzen
längere Zeit andauern, empfiehlt es sich, die Ursachen
durch bildgebende Diagnostik wie ein CT oder ein MRI
abklären zu lassen. So kann die passende Therapie gefunden werden.
Mit Blöcken arbeiten
Wenn anatomische oder degenerative Ursachen ausgeschlossen werden konnten und die Beschwerden durch
chronische Muskelverspannungen oder eine Fehlhaltung
verursacht werden – was in der Praxis sehr häufig vorkommt –, kann gezieltes, ausdauerndes Üben, aufmerksa-
mes Beobachten und Geduld nachhaltig Besserung bringen. Fähigkeiten also, die Sie als Yoga-Übende bereits
kennen und erworben haben.
Worauf Sie im Yoga achten sollten: Wenn Sie akute Beschwerden am Handgelenk haben, verzichten Sie auf
Stützübungen, bis die Schmerzen abklingen oder verwen-
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ANATOMIE
den Sie Blöcke unter den Händen, um den Druck aufs
Handgelenk zu reduzieren. Achten Sie darauf, dass die
Handstellung wie unten beschrieben genau nach vorn
ausgerichtet ist.
Als Komplementärtherapeutin betrachte ich Beschwerden immer mit einem ganzheitlichen Blick auf den gesamten Körper. Bei Schmerzen an den Händen, Ellbogen
und Schultern schaue ich mir die Wirbelsäule, die Beckenhaltung und den Schultergürtel sehr genau an.
Bei einem übermässig gerundeten Brustwirbelbereich
und eingefallenen Schultern sind gewisse Muskeln am
oberen Rücken ständig gedehnt, während ihre Gegenspieler am Kraft und Spannung verlieren. Sehr häufig stelle
ich fest, dass die Muskulatur, welche die Arme hebt, falsch
eingesetzt wird: Fehlende Kraft wird kompensiert durch
Anspannung des Trapezmuskels und Anhebung des
Schulterblattes.
Bei Fehlhaltungen treten sehr häufig Muskelverspannungen im Bereich des Trapezmuskels oder der tieferliegenden Muskelschichten der Nackenmuskulatur auf. Genau in diesem Bereich verlaufen die drei Armnerven, die
dadurch komprimiert werden können und die Sinnesstörung in den Armen oder Händen verursachen.
Für die Korrektur von
Fehlhaltungen und die Regulation von muskulären
Disbalancen der HandEllbogen-Schulterachse
sind Stützübungen, wie
abwärtsblickender Hund,
Katze, Brett oder Übungen im Vierfüsserstand sehr hilfreich. Sie fördern die Kraft in Schultern, Armen und
Händen. Eine präzise Stellung der Hände und aller drei
Gelenke der oberen Extremität ist unerlässlich für die
Korrektur von muskulären Disbalancen.
Legen Sie besonderes Augenmerk darauf, dass die Hände immer schulterbreit stehen, mit gespreizten Fingern
und den Mittelfingern, die genau geradeaus zeigen. Nach
Möglichkeit sind alle Finger möglichst gestreckt und mit
Bodenkontakt an allen Fingergrundgelenken, speziell
dem Daumen und dem Zeigefinger. Wir erzeugen damit
etwas mehr Druck auf den inneren Teil des Handgelenks.
Die Ellbogeninnenseite wird leicht nach vorn, die Bizepsmuskulatur leicht auswärts gedreht, sodass die Schulterblätter nach unten und dicht an die Rippen gezogen
werden. So bleibt der Bereich Schulter/Schlüsselbein vorn
breit und geöffnet. Lassen Sie sich von Ihrer Yogalehrerin
oder Ihrem -lehrer anleiten und korrigieren.
Aufrecht werden
Auch eine aufrechte Körperhaltung ist sehr wichtig. Trainieren Sie Ihre Rumpf-Stützmuskulatur und mobilisieren
Sie die Brustwirbelsäule durch sanftes, leichtes Rückbeugen, z.B. mit der Kobra. Die Ellbogen sollen dicht an den
Brustkorb gezogen werden, die Schultern nach hinten gedreht, die Schulterblätter dicht beieinander.
Alle Übungen, die den vorderen Teil des Schultergelenkes, also die Linie vom Schlüsselbein zum Schulterkopf
öffnen, sollen regelmässig durchgeführt werden, z.B. solche, bei denen die gestreckten Arme mit verschränkten
Fingern hinter dem Körper
gehalten werden. Dabei
werden die Muskeln des
Schulterblattes zusammengedrückt, was die Verspannung dort löst, während
die Brust und vorderen
Rippen geöffnet und angehoben werden. Wenn Sie in
dieser Haltung eine Vorbeuge machen, soll die Schulterblattmuskulatur unbedingt angespannt bleiben. Sonst sacken die Schultern nach vorn.
Chronisch verspannte Muskeln müssen manuell gelöst
werden. Begeben Sie sich dafür in die Hände eines gut
ausgebildeten manuellen Therapeuten. Besonders emp-
«Beim Karpaltunnel-Syndrom
gehen die Beschwerden vom
Handgelenk aus.»
PERIPHERES NERVENSYSTEM
fehlenswert sind Rolfing, Shiatsu, Polarity und Akupunkturmassage nach Penzel, denn diese arbeiten am gesamten
Körper mit allen Geweben, nicht nur an den Muskeln.
Faszien, also die Haut, die die Muskeln umgibt, und das
Bindegewebe spielen eine wichtige Rolle. Die drei letztgenannten Methoden arbeiten mit dem Energiesystem und
energetischen Blockaden, die im Fall von Muskelverspannungen und Fehlhaltungen immer vorliegen.
Energetisch sind Arme und Hände mit dem Herzchakra verbunden. Bei einer eingefallenen Haltung der Brust
wird die Funktion dieses Chakras beeinträchtigt. Liegen
die Beschwerden im Bereich der Nackenwirbel, könnte
auch ein Besuch bei einem Osteopathen angezeigt sein.
Eule
Gern stelle ich Ihnen abschliessend eine ausgezeichnete
Selbsthilfeübung aus meiner Methode vor, die hilft, Verspannungen des Trapezmuskels zu lockern.
Greifen Sie mit der rechten Hand und festem Griff den
Muskel zwischen Ihren Schultern und dem Nacken auf
der linken Körperseite. Atmen Sie ein und drehen Sie den
Kopf langsam, so weit Sie können, zur linken Seite (zur
Hand auf der Schulter). Atmen Sie aus und drehen Sie
den Kopf langsam zur Gegenseite. Drehen Sie den Kopf
jeweils dreimal nach rechts und nach links und versuchen
Sie, die Bewegung mit der Atmung zu koordinieren. Hal-
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ten Sie dabei die Nacken- und Schultermuskulatur entspannt und das Kinn parallel zum Boden.
Drehen Sie Ihren Kopf dann zurück zur Mitte. Atmen
Sie erneut ein und heben dabei das Kinn leicht nach oben.
Atmen Sie aus und senken Sie das Kinn Richtung Brust.
Diese Bewegung wiederholen Sie ebenfalls dreimal. Wenn
der Kopf in der Mitte angekommen ist, lösen Sie die rechte Hand und legen sie auf dem Oberschenkel ab. Spüren
Sie für einen kurzen Moment nach.
Legen Sie nun die linke Hand mit festem Druck auf die
rechte Schultermuskulatur. Atmen Sie ein und drehen Sie
den Kopf ganz langsam nach rechts in Richtung der
Hand. Mit der Ausatmung drehen Sie den Kopf zurück
zur linken Schulter. Wiederholen Sie dies dreimal und
führen den Kopf dann zur Mitte. Mit der nächsten Einatmung heben Sie das Kinn leicht nach oben, mit einer
Ausatmung senken Sie das Kinn und ziehen den Hinterkopf leicht nach hinten. Wiederholen Sie dies dreimal
und führen den Kopf dann in die Mitte. Lösen Sie die
Hand und legen Sie sie auf den Oberschenkel. Spüren Sie
kurz nach.
Die Übung kann im Stehen oder Sitzen gemacht werden.
*Die Autorin arbeitet als Komplementärtherapeutin OdA KT mit der
Methode Polarity in eigener Praxis in der Stadt Zürich und unterrichtet therapeutischen Yoga. Sie ist Aktivmitglied des Polarity Verbandes Schweiz und Mitglied von Yoga Schweiz. www.energieort.ch
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