Bakterien im Hund Teil 2 - Hund - Beziehung

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Bakterien im Hund – Über Antibiotika,
Darmflora & Co., 2. Teil
Quelle: https://www.facebook.com/DOGnews.dieSeite/posts/1064527316977195
Von Anna Hitz -
Auch durch die Muttermilch bekommen die Welpen wichtige Antikörper. Foto: David
Büttner
Nie wieder sind Welpen so gut geschützt wie im Bauch ihrer Mutter. Foto: Ivan Montero
Ausgewogene Ernährung ist wichtig für eine gesunde Darmflora. Foto: Javier Brosch
Alles, was ein Welpe so ins Maul nimmt, beeinflusst seine Darmflora. Foto: K.- P. Adler
Auch beim Hund gilt in Bezug auf Antibiotika der Spruch „so viel wie nötig, so wenig wie
möglich“, denn sie verändern die Darmflora deutlich. Foto: karelnoppe
Wenn wir denken, unser Hund kann ohne uns nicht leben, ist das nichts im Vergleich dazu,
wie es den Bakterienkulturen ohne ihren heimischen Darm geht. Viele der Bakterien, die in
Hund und Mensch heimisch sind, gehen zugrunde, wenn man sie heraustransportiert. Das
macht sie für die Forschung schwierig, denn da nützen auch sorgfältig zubereitete Nährböden
nichts. Wo Hautkeime sich fröhlich verbreiten, da verenden Darmbakterien.
Wie kommt die Darmflora in den Hund?
Menschenbabys, Welpen und keimfreie Mäuse haben etwas gemeinsam; solange sie im
Mutterleib versorgt werden, sind sie absolut steril. Während der gesamten Trächtigkeit
kommen Welpen nur mit ihrer Mutter in Kontakt, ihre Nahrung wird sorgfältig vorverdaut
und der Sauerstoff vorgeatmet. Alles, was die Welpen aufnehmen, wird von der mütterlichen
Lunge und ihrem Darm vorgereinigt. Die Welpen sind in einer Fruchtblase und einer muskulären Gebärmutter gut geschützt. Hier hat absolut nichts und niemand Zutritt. Dieser Zustand
ist einmalig und unwiederbringlich.
Die Oberflächen von Körperzellen eignen sich wunderbar zum Ansiedeln für Bakterien. Das
ist kein Zufall, bedenkt man, dass sich die Bakterien schon seit Jahrtausenden mit ihren
bevorzugten „Lebenspartnern" mitentwickeln. Sobald also die schützende Fruchtblase platzt,
startet die Besiedlung des Welpen. Zuallererst einmal mit den ausgesuchten Bakterien, die
sich im Geburtskanal der Mutter aufhalten dürfen, die sogenannte vaginale Schutzflora. Sie
besteht zu einem großen Teil aus Laktobazillen, die Milchsäure herstellen und somit gleich
eine saure Sicherheitskontrolle bieten. Das ist von immenser Bedeutung für die Gesundheit
unseres Welpen. Denn die Vaginalflora der Mutterhündin, die warme Mutterzunge, ein paar
Haut- und Fellkeime – und, wie es beim Züchter aussieht – bieten dem Welpen den ersten
Schutz überhaupt. Der sterile Magendarmtrakt von neugeborenen Welpen wird innerhalb von
Stunden nach der Geburt mit Bakterien kolonialisiert, die im Geburtskanal und der
umgebenden Umwelt vorhanden sind. Nach 24 Stunden lassen sich mehr als 108 KBE/g
(Koloniebildende Einheit) aerobe und anaerobe Bakterien im Darm zählen. In den ersten
Wochen nach der Geburt sind aerobe und anaerobe Bakterien im gleichen Verhältnis, doch im
Erwachsenenalter sind die anaeroben in der Überzahl.
Die Präsenz von Darmbakterien im frühen Leben ist wichtig, um eine orale Toleranz für
kommensale (s.u.) Bakterien und Nahrungsmittel-Antigene zu etablieren und um eine
unangemessene Antwort des Immunsystems zu verhindern, die zu chronischen Magen-DarmEntzündungen führen kann. Ein Kommensale ist, im Gegensatz zum Parasiten, ein
Lebewesen, das sich von den Nahrungsrückständen eines Wirtsorganismus‘ ernährt, ohne
diesen zu schädigen.
Von nützlichen Helfern
Einige der Bakterien schützen bereits vor schlechten Eindringlingen, einfach nur deswegen,
weil sie schon da sind. Andere legen gleich mal los und trainieren das Immunsystem des
Neugeborenen. Und wieder andere Keime sind sehr nützlich, denn sie helfen dem Welpen die
noch ungewohnte Muttermilch zu verdauen.
Bevor der Welpe das erste Mal an der Zitze gesaugt hat, hat die Besiedelung des Welpen also
schon längst begonnen. Nach zwanzig Minuten haben einige Bakterien bereits die nächste
Generation gegründet. In den jungen Därmen wird fleißig kolonialisiert, denn wer zuerst
kommt, hat auch größere Chancen zu bleiben. Natürlich kann sich das noch ändern, je
nachdem, was dem neugierigen Welpen vor die Nase kommt oder ins Maul rutscht.
Ein Augenmerk sollten wir vielleicht noch auf die Hundemama und ihre Muttermilch richten.
Die Hündin bildet zu Beginn einen wunderbaren, natürlichen Schutz für ihre Welpen. Da die
ersten Bakterien von der Mutterhündin kommen, ist es für den Welpen auch am einfachsten,
mit diesen weiterzumachen. So werden die ersten Stämme auch richtig stark, was das
Immunsystem auf Vordermann bringt und den Stoffwechsel begünstigt. Spannend hierbei ist,
dass sinnvolle Darmbakterien über Generationen weitergegeben werden können. Also eine
Hundemutter, die Weizen- und Milchprodukte gut verträgt, kann diese Bakterienstämme an
ihre Welpen mitgeben, die dann wiederum selber gut mit diesen Nahrungsmitteln
zurechtkommen.
Aber nicht nur auf die Hundemama, sondern auch die Gegend, wo sie lebt, und die dadurch vorkommenden Nahrungsmittel sind Bakterien spezialisiert. So kann es gut sein, dass Hunde,
die bei Fischern leben und so über Generationen viel Fisch bekommen haben, Fisch als
Nahrung viel besser vertragen als ihre Verwandten im Landesinneren, die bei einem Jäger
Wild bekommen.
Die Muttermilch selbst ist ein ausgeklügeltes Produkt der Natur. Wer seine Hündin
ausgewogen ernährt, kann sich jetzt entspannt zurücklehnen. Die Muttermilch schneidet
besser ab als alle Nahrungsergänzungsmittel. Sie hat alles, weiß alles und kann alles.
Zusätzlich versorgt sie die Welpen mit etwas Immunsystem der Mutter. Denn in der
Muttermilch sind Antikörper, die schädliche Bakterienbekanntschaften abfangen können.
Der Kaiserschnitt
Ein Thema, das die Wissenschaftler bisher bei Menschen mehr bewegt als bei Hunden, ist der
Kaiserschnitt. Auch bei Hunden ist diese Form der Geburt zunehmend ein Thema. Neben
Geburtsproblemen gehört vor allem bei Rassen mit sehr großen Köpfen und schmalen
Becken, wie zum Beispiel dem Mops oder dem Boxer, der Kaiserschnitt schon fast zum
Standardverfahren. Für diese Form der Geburtshilfe werden die Mutterhündin und somit auch
die Welpen narkotisiert. Innerhalb von 20 Minuten werden die Welpen entnommen und dann
von menschlichen Helfern trocken gerubbelt, die Atmung angeregt, die Nabelschnur
durchtrennt, die Nachgeburt entfernt und die Welpen warm gehalten. Etwa nach zwei Stunden
können die Welpen erstmals bei der Hundemutter angelegt werden.
Solche Welpen kommen in ihren ersten Lebensstunden vor allem mit Latexhandschuhen,
etwas Haut anderer Menschen und den Materialien in der Tierarztklinik in Kontakt.
Dementsprechend werden die Hundewelpen vor allem von Haut- und Umgebungsbakterien
besiedelt und müssen sich ihre Darmflora daraus zusammenbasteln. Auf die spezifischen
Keime ihrer Mutter müssen sie erstmal verzichten.
Von Menschen weiß man, dass es bei Kaiserschnittkindern viele Monate dauert, bis sie
normale Darmbakterien haben. Erst ab dem siebten Lebensjahr kann man kaum noch
Unterschiede zwischen der Darmflora normal entbundener Kinder oder der von Kaiserschnittbabys ausmachen. Zudem haben sie ein erhöhtes Risiko Allergien oder Asthma
zu entwickeln. Aber auch schlechte Ernährung, unnötiger Einsatz von Antibiotika, zu viel
Sauberkeit oder zu viele ungute Keime können schlechte Anfangszusammensetzungen im
Darm kreieren.
Wie bleiben Bakterien im Gleichgewicht
Damit die Darmflora in der sogenannten Eubiose (einem gesunden Gleichgewicht) bleibt, ist
ein gut zusammengesetztes Futter ausschlaggebend. Dadurch werden die vorteilhaften
Bakterienstämme miternährt, breiten sich aus und verhindern die Ansiedlung ungesunder
Bakterien. Hier kann man beispielsweise darauf achten, dass dem Futter FructoOligosaccharide (deklariert als FOS) beigefügt sind. FOS stimuliert das Wachstum von
Bifidobakterien. Aber auch Inulin (wird aus Chicorée oder Artischocken gewonnen) oder
Galactooligosaccharide (GOS) sind förderlich. Noch weniger verbreitet, aber auch als
nützlich gelten Mannan-Oligosaccharide (aus der Hefezellwand), die durch Mikroorganismen
fermentierbaren Disacchariden Laktose und Lactulose oder die wiederum in Futtermitteln
verbreiteten pektinreichen Verarbeitungsprodukte der Zuckerrübe (Trockenschnitzel). Kleiner
Tipp: Falls der eigene Hund zur Magenblähung bzw. –drehung neigt, kann die zusätzliche
Gabe von Fett nützen. Denn auch Fette wirken auf die Mikrobiota, haben aber auf diese einen
eher beruhigenden Effekt.
Falls die Waage dann doch mal ins Negative kippt, vielleicht durch massive Fütterungsfehler
oder Infektionen, spricht man von Dysbiose. Bei einer Dysbiose kann es sein, dass sich
Bakterien plötzlich in eher bakterienarmen Gegenden ansiedeln oder dass eine übermäßige
Bildung von Stoffwechselprodukten schädlich wirkt. Falls also der Hund trotz aller
Untersuchungen und Diäten noch immer Durchfall hat, kann man den Tierarzt bitten, den Kot
mikrobiologisch zu untersuchen. Schuld könnte ein Bakterium namens Clostridium
perfringens Typ A sein.
Proteingehalt
Die übermäßige Besiedelung des Magen-Darm-Trakts durch Cl. perfringens kann durch ein
Futter mit zu hohem Eiweißgehalt entstehen. Bei einseitig zusammengesetztem Futter mit
hohem Eiweißgehalt, vor allem, wenn es sich dabei um bindegewebereiche Produkte handelt,
nimmt die Zahl eiweißspaltender Bakterien wie dem Cl. perfingens um mehrere
Zehnerpotenzen zu. Dies auf Kosten der nützlichen und beschützenden Bakterien und zu
Gunsten von Enterotoxinen. Enterotoxine sind Gifte, die den Darm angreifen und
Nahrungsmittelvergiftungen begünstigen. Da reicht es manchmal aus, dass der Hund nicht
ganz einwandfreies Futter zu sich nimmt, um den Magen-Darm-Trakt erkranken zu lassen.
Antibiotika
Auch nicht ganz harmlos, jedoch oft sehr sinnvoll, ist die Gabe von Antibiotika. Diese
Medikamente töten gefährliche Krankheitserreger sehr zuverlässig ab und alles, was noch im
Entferntesten ähnlich aussieht. Antibiotika wirken folglich gegen gefährliche und gegen gute
Bakterien. Sie werden gelöchert, vergiftet und zeugungsunfähig gemacht. Antibiotika sind im
Kampf gegen Bakterien sehr effizient und sollen, wenn es angebracht ist, absolut verwendet
werden. Übrigens werden bestimmte Antibiotika von den Bakterien auch selber hergestellt.
Trotzdem sollte man bei Antibiotika, auch beim Hund, den Spruch „so viel wie nötig, so
wenig wie möglich" berücksichtigen, denn sie verändern die Darmflora deutlich: Die Vielfalt
der Darmmikroben nimmt ab und auch ihre Fähigkeiten können sich verändern, zum Beispiel,
ob Vitamine hergestellt werden oder welche Nahrung verwertet wird. Das liegt daran, dass die
Tabletten über das Maul erst einmal in den Magen und Darm wandern, dort ihre tödliche
Wirkung auf Mikroorganismen entfalten und erst danach in den Blutkreislauf gelangen, um an
die wirklichen Problemstellen zu gelangen.
Trotzdem sollte man, wenn der Hund es nötig hat, die ganze verschriebene Antibiotikakur
verabreichen. Denn Antibiotika töten selten alle Bakterien, sondern in der Regel gewisse
Gemeinschaften. Wenn es jetzt aber doch ein paar Überlebende gibt, fördert dies eine
sogenannte Resistenzbildung. Denn die Bakterien, die eine Antibiotikakur durch eine kluge
Technik überlebt haben, geben diese Technik an ihre Nachkommen weiter. Und da es nur eine
begrenzte Anzahl von Antibiotika gibt, kann es durchaus sein, dass nach mehreren
Antibiotikakuren nur noch solche Bakterien den Darm bevölkern, die mit allen Kuren vertraut
sind. Sprich, es gibt dann kein wirksames Mittel mehr, um gegen die feindlichen Bakterien
vorzugehen, und das kann je nach Krankheit tödlich enden. Eben deshalb muss die ganze Kur
verlässlich verabreicht werden, denn dann werden wirklich alle Bakterien vernichtet, wodurch
sich auch keine Resistenz bilden kann.
Übrigens ist es aus diesem Aspekt heraus sinnvoll, auf eine gute Fleischqualität von
sorgfältigen Schlachtbetrieben zu achten. Denn die oft nötigen Antibiotikabehandlungen bei
der Massentierhaltung für die Fleischgewinnung führen ebenfalls, so wie eine nicht
abgeschlossene Antibiotikakur, zur Resistenzbildung.
Neue Therapien
Doch was geschieht, wenn das Innenleben unseres Hundedarms in den eines anderen
transportiert wird. Klingt abwegig? Es gibt Fälle in der Tier- und Humanmedizin, wo genau
das getan wurde, um aussichtslose Darmpatienten zu kurieren. Wissenschaftler wären nicht
Wissenschaftler, wenn sie jetzt nicht herausfinden wollten, wie das funktioniert. Im
Zusammenhang mit dem Darm forschen sie gerne an keimfreien Mäusen. Das sind die
saubersten Lebewesen der Welt. Sie werden durch keimfreie Kaiserschnitte geboren,
verbringen ihre Zeit in desinfizierten Gehegen und leben von dampfsterilisierter Nahrung. Sie
sind absolut unnatürlich und in der Natur nicht überlebensfähig. Diese Mäuse sind extrem
anfällig, weshalb sie nur in sterilen Zimmern überleben können. An ihnen beobachten
Forscher, was ein arbeitsloses Immunsystem so tut. Aber auch ihr Verhalten, denn das ist für
Mäuse sehr seltsam. Sie sind oft hyperaktiv und verhalten sich auffallend unvorsichtig. Sie
essen mehr als ihre normal besiedelten Kollegen und brauchen länger beim Verdauen. Sie
haben riesige Blinddärme, verkümmert-unzottige Darmschläuche mit wenig Blutgefäßen und
weniger Immunzellen. Flößt man ihnen Darmbakteriencocktails anderer Mäuse ein, kann man
Erstaunliches beobachten. Bekommen sie Bakterien von Typ-2-Diabetikern, entwickeln sie
kurze Zeit später selbst die ersten Probleme beim Zuckerstoffwechsel. Bekommen keimfreie
Mäuse Darmbakterien übergewichtiger Menschen, werden sie viel eher selbst übergewichtig,
als wenn sie die Keimlandschaft Normalgewichtiger erhalten. Aber auch einzelne Bakterien
werden verabreicht, die dann im Alleingang die Keimfreiheit rückgängig machen, das
Immunsystem ankurbeln, den Blinddarm auf Normalgröße zusammenschrumpfen und das
Essverhalten normalisieren. Solche Resultate machen neugierig auf mehr. Und
Wissenschaftler sind von Natur aus neugierig. Weiter geht‘s im dritten und letzten Teil im nächsten Heft.
Anmerkung: Die Literaturhinweise zu dieser Artikelserie finden Sie beim Teil 1 in Heft
4/2015.
Autorin:
Anna Hitz
lic. phil. Anna Hitz ist mit Irish Terriern aufgewachsen und beteiligt sich seit vielen Jahren an
der Aufzucht von Welpen. Seit 1998 arbeitet sie in einer Hippotherapiepraxis, hat 2011 das
Lizenziat in Germanistik erreicht und schreibt seit 2011 Beiträge für diverse Hundemagazine.
Heute hält sie einen Irish Terrier, ein italienisches Windspiel und eine spanische Windhündin.
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