Narzißmus - Dr. Heines

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Narzißmus
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Diesen Monat stelle ich als Newsletter zwei Buchtips ein. Wegen seiner Allgemeingültigkeit kann Ihnen
die Beschreibung des Narzißmus-Syndroms vielleicht die Augen für eine generelle und/oder individuelle
Problematik öffnen. Auf jeden Fall lohnt es sich, das ganze Buch zu lesen, denn es ist aus Erfahrung
geschrieben und enthält viele Beispiele.
Was den generellen Aspekt angeht: Die Auseinandersetzungen mit den Vorgaben der Leistungsgesellschaft haben gerade erst begonnen – nicht zuletzt ausgelöst durch die Finanz- und Wirtschaftskrise.
So wurde beispielsweise bei Scobel in der gleichnamigen Sendung auf 3SAT am 28. 5. d. J. unser Modell
von Altern aus verschiedenen Blickwinkeln hinterfragt. Das Fazit dieser Sendung:
Selbst unser Bild von alten Menschen wird noch von dem Leitgedanken der Wiedereingliederung in den
Arbeitsprozeß getragen – im Gegensatz zu der Haltung alten Menschen gegenüber, wie man sie in Japan
findet. Dort unterstützt man – auch bei alten Menschen noch - die Bestrebungen zur Selbstständigkeit.
Die Folge ist, daß Japaner wesentlich älter werden als die Menschen im Rest der Welt.
In westlichen Gesellschaften findet statt einer Förderung zur Unabhängigkeit eine Begünstigung der Abhängigkeit statt. Nicht umsonst sind ‚Demenz’ und ‚Pflegebedürftigkeit’ in aller Munde.
Das japanische Beispiel zeigt, daß es durchaus auch anders geht. Ein Blick über den Tellerrand hinaus ist
immer sinnvoll und nützlich.
Desweiteren stelle ich einen Auszug aus der Rezension eines Buches vor, welches vom ‚öffentlichen
Menschen’ , also von Medienstars – das sind Narzißten im obigen Sinne – und Medienopfern handelt. Wie
schnell Stars zu Opfern werden, erleben sie tagtäglich in den Medien. Die Mechanismen funktionieren
meist nach dem Muster des Zauberlehrlings in Goethe’s Faust: „Die Geister, die ich rief, werde ich nicht
mehr los!“
Hier die angekündigten Auszüge:
Die narzißtische Gesellschaft
Viele Menschen in den westlichen Industrienationen haben Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl, allerdings entwickelt nur ein Teil davon eine eigentliche narzißtische Persönlichkeitsstörung. Beispielsweise findet man bei Suchtkranken – Träger einer unserer modernen
Seuchen - sehr häufig eine narzißtische Störung.
Die Ursachen für die Krankheit liegen – wie könnte es anders sein – in der frühen Kindheit.
In der westlichen Welt müssen allerdings auch im weiteren Lebensverlauf Symptome
narzißtischer Störungen entwickelt werden, wenn man in ihr bestehen will.
Der gesunde Narzißmus
Jeder Fortschritt trägt den Versuch der Selbstverwirklichung in sich. Gesunder Narzißmus –
gesunde Selbstliebe – ist eine wesentliche Triebfeder jeder Weiterentwicklung, jeder Forschung und aller Leistungen der Menschen. Ohne die konstruktive Seite dieser Energie
würde menschliches Zusammenleben nicht funktionieren. Daher ist es wichtig, daß viele
Menschen in einem sozialen Gebilde, besonders aber die, die leiten und führen, ein echtes,
starkes Selbstwertgefühl besitzen, damit sie nicht selbst bedürftig sind und auf krankhafte
Weise zu Massenverführern werden, um die eigene Minderwertigkeit zu kompensieren.
Hitler, Mussolini, Stalin, Tito u. v. a. sind - nur extreme - Negativbeispiele.
Das Festhalten an Macht um der Macht willen ist ein deutlicher Hinweis auf eine
narzißtische Störung. Die meisten Politiker der Welt sind mehr oder weniger stark davon
befallen. 2
Unsere Gesellschaft fördert die Entwicklung eines falschen Selbst …
Maßlosigkeit sowie eine ausbeuterische Haltung sich selbst und anderen gegenüber prägen
das Lebensgefühl unserer Gesellschaft - beides sind typische Kennzeichen eines krankhaften Narzißmus. Dazu gehören auch der rücksichtslose und selbstsüchtige Umgang mit den
Rohstoffen der Erde, die Zerstörung der Umwelt und der exzessive Abbau von Rohstoffen.
Leere und Langeweile nannten wir als weitere Symptome. Um sie zu überwinden und um
sich selbst zu spüren, werden zunehmend stärkere Reize gesucht. Durch das Leben in Extre1
gekürzter und leicht überarbeiteter Auszug aus: Heinz-Peter Röhrer: ‚Narzißmus – Das innere Gefängnis’ –
München: dtv 2009
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Berlusconi, Bush, Putin, Sarkoszy, Schröder sind zeitgenössische Beispiele.
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men, durch Perfektionismus und Vollkommenheitswahn entfernt sich der ‚angepaßte’ Mensch
immer weiter von seinen wahren Gefühlen.
Die klare, emotionslose Betrachtung einer Sachlage ist das Ziel in unserer technischen
Zivilisation und wird vielfach trainiert. Intellektualität ist gefordert, sie allein erscheint gesellschaftsfähig. ‚Cool sein’ ist eine Devise schon der Jugendlichen. Gefühle werden sorgsam
versteckt, kontrolliert und beherrscht. Dies führt nicht nur zu einem deutlichen Mangel an Lebendigkeit und Kreativität. Das Klima in der Gesellschaft wird zunehmend kälter und rücksichtsloser.
… und fördert eine Haltung, die in Krisen führen muß
Das wesentliche Problem des Menschen in der Leistungsgesellschaft ist die fehlende Beziehungsfähigkeit. Ohne Liebe zu den Mitmenschen gewinnen Phänomene wie die rücksichtslose
Gewinnmaximierung ohne Berücksichtigung der Arbeitnehmer die Oberhand. Der Narzißt
erfüllt vorzüglich die Bedingungen, die in der Wirtschaft gefragt sind, und hat alle Chancen,
Karriere zu machen.
Ein weiterer wesentlicher Faktor ist der Werteverlust in den westlichen Industrienationen.
Die Jagd nach materiellem Besitz, Status und Anerkennung treibt die Welt in Krisen.
Es gibt allerdings eine kleine Gegenströmung, die den Bezug zum transzendenten Bereich
sucht, die Sinn, Frieden, Wahrheit, Gerechtigkeit anstrebt, der die Zuneigung zur Natur und
zu allen Lebewesen wesentlich ist. Die Hinwendung zum Buddhismus beruht auf solchen
Bestrebungen.
Ob sie die herrschenden gesellschaftlichen Werte beeinflussen kann, muß die Zukunft
weisen. Zurzeit ist eine Trendwende noch nicht in Sicht.
Im Gegenteil: Das Phänomen der Entsolidarisierung läßt sich weltweit beobachten. Jeder
schaut auf seinen Vorteil. Soziales Engagement wird vielfach sogar diskriminiert oder als
‚spinnig’ abgetan. An dieser generellen Fehlhaltung ändern auch die einzelnen Auszeichnungen von persönlich getragenen Initiativen nichts. Sie haben eher eine Alibi-Funktion und
dienen der medialen Beruhigung.
Fitneß als Sucht
Auf ein typisches Beispiel für die narzißtische Problematik in unserer Gesellschaft soll etwas
näher eingegangen werden.
Mit kosmetischen Operationen versuchen immer mehr Menschen, ihren Körper zu einem
Statussymbol zu machen. Aussehen und körperliche Fitneß finden eine überwertige
Beachtung. Viele trainieren in Fitneßzentren bis zur völligen Erschöpfung und achten penibel
auf ihre Ernährung. Die Konzentration auf jede Nuance des Körpers, die Beachtung kleinster
Fehler und Makel verursachen Streß und das Gefühl der Unzulänglichkeit.
Ein Ziel, ein Ankommen, ist nicht in Sicht. Nie kann gesagt werden: „Jetzt bin ich fit genug!“, denn Fitneß ist immer relativ und läßt sich scheinbar beliebig steigern.
Hinzu kommt bei exzessiv Trainierenden eine Hormonausschüttung: Das Endorphin ist ein
körpereigenes Aufputschmittel mit euphorisierender Wirkung. Da dieser Zustand als äußerst
angenehm erlebt wird, eignet er sich auch, um Frustration, erlittene Demütigung, innere Leere oder andere emotionale Probleme zu kompensieren. Sport und Training werden zum
Suchtmittel. Sie dienen der Kompensation von Herabsetzungen im Beruf oder in der Partnerschaft.
Toller Körper, kaputte Seele
Die Folge dieses Mißbrauchverhaltens sind Wahrnehmungsstörungen. Ähnlich, wie Magersüchtige sich trotz objektiven Untergewichts als zu dick erleben, fühlen sich Sportsüchtige
ständig als unzulänglich bezüglich ihrer Fitneß. Sie verlieren zunehmend das Gefühl für ihren
Körper und erleben einen Kontrollverlust, indem sie auf zwanghafte Weise ihren Sport
ausüben. In diesem Zusammenhang ist auch die Rede von Sport-Bulimie.
Bulimie ist eine süchtige Form des Eßverhaltens. Die Betroffenen nehmen große Nahrungsmittelmengen zu sich, die anschließend wieder erbrochen werden, um sich vor Gewichtsproblemen zu schützen. Betroffene rutschen leicht in dieses süchtige Verhalten: Sie wiederholen es zwanghaft, und die bedarfsangepaßte Nahrungsaufnahme geht verloren.
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Im Falle der Sportbulimie wird in exzessiver Weise Sport eingesetzt, um Höchstleistungen zu
erbringen beziehungsweise Alterungsprozesse zu verhindern.
Ein Patient, der diesen Versuch der Selbstbestätigung bis zum Exzeß betrieben hatte, formulierte sein Motto: Toller Körper, kaputte Seele!
Medienstars und Medienopfer
Die Schattenseite des Narzißten-Daseins
Er ist ein Opfer der Medien geworden, meint der Schweizer Psychiater, Psychotherapeut und
Psychoanalytiker Mario Gmür, der sich auf die Behandlung von Menschen spezialisiert hat,
die unter dem Medienopfersyndrom leiden. So bezeichnet er das Phänomen, wenn das
Im-Rampenlicht-Stehen für den Akteur negative psychische Folgen hat.
Nichtsahnend spielte der 48-jährige Friseur S. Billard. Plötzlich stürmte eine Sondereinheit der Kripo den Billardsalon und verhaftete den unbescholtenen Familienvater wegen einer Serie von Vergewaltigungen. Der Irrtum der Fahnder war
bald aufgeklärt: Der eineiige Zwillingsbruder des Friseurs war der gesuchte Täter.
Die Presse brachte ein Foto von S. auf der Titelseite und fragte: „Wird der Bruder
auch Frauen überfallen?“ Der unversehens in die Schlagzeilen geratene S.
verlor Kundinnen und entwickelte eine ängstlich-depressive Symptomatik. Er litt
unter Herzrasen, Migräneanfällen und Schlafstörungen. Aus Angst vor Ablehnung zog er sich ganz aus dem gesellschaftlichen Leben zurück, wurde medikamentenabhängig. Einige Jahre später machte er Konkurs und nahm sich - nach
mehreren Entziehungskuren - das Leben.
Die Grenze zwischen privater und öffentlicher Sphäre wird verwischt
In seinem Buch gibt Gmür einen Überblick zur Entwicklung der Medientechnik, liefert einen
profunden Abriss der gängigen kultur- und medientheoretischen Ansätze und referiert die
Kernthesen von bedeutenden Theoretikern wie Paul Virilio, Marshall McLuhan und Roland
Barthes. Er findet die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verwischt und beklagt, daß immer mehr Unbekannte zu Medienakteuren werden.
Gmürs Kritik an den postmodernen Massenmedien lautet:
Das Abnorme wird banalisiert, das Gewöhnliche wird dramatisiert
Die Folge sei ein narzißtischer, ich-schwacher Menschentypus, der, orientierungslos und
innerlich verflacht, nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden könne.
You tube und ähnliche ‚Provider’ haben RTL und andere nachahmende Privatsender inzwischen weit hinter sich gelassen, was Exhibitionismus und Voyeurismus angeht. In den Betreibern der jeweiligen Internet-Seiten kann man ‚Dealer’ für die ‚narzißtische Sucht’ sehen.
Die Porno-Branche lebt von narzißtischen Exhibitionisten und -innen einerseits und
Voyeuren andererseits. Die ersten bieten den ‚Stoff’, die anderen sind die ‚abhängig
Süchtigen’. So gesehen sind Narzißmus mit ‚Selbstveröffentlichung um jeden Preis’ und
impotente Geilheit Zwillinge.
Selbst potentielle Amok-Läufer, Selbstmord-Attentäter und andere verwahrloste und irregeleitete Menschen - Narzißten eben - ‚produzieren’ sich inzwischen öffentlich.
Diese Phänomene sind Alltag geworden – wie Gmür vorausgesagt hat: „Das Abnorme wird
banalisiert. Das Banale wird dramatisiert!“
So konnte auch ‚Second Life’ zum Renner werden.
Medienopfer sind Traumaopfern vergleichbar
Besonders im Sensationsjournalismus, im voyeuristisch-exhibitionistischen Spiel mit Scham
und Schuld, Intimität und Offenheit, wird mancher Akteur zum Opfer.
Neben der umfangreichen Problemanalyse enthält der Text einige Exkurse (etwa zur Entstehungsgeschichte von Klatsch oder zur Psychologie der Scham). Gmür konstatiert eine gesellschaftliche Entwicklung und beschreibt ihre katastrophalen Folgen.
Mario Gmür: Der öffentliche Mensch – Medienstars und Medienopfer – München: dtv 2002
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