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Funkkolleg
9. Vom Schall zum Sinn - Die Neurobiologie des Hörens
Samstag, 2. Dezember 2006, 9:30 Uhr
Hören heißt immer auch erkennen. Menschen, die unter einer "Seelentaubheit" leiden, einer akustischen
Agnosie, sind nicht in der Lage, die Bedeutung von Gehörtem zu erfassen, für sie bleibt alles nur
Geräusch. Die Ursache dieser Störung liegt im Gehirn.
Sinnsuche mit den Ohren
Henning Scheich gehört zu den führenden Hör-Forschern in Deutschland, und er ist ein leidenschaftlicher
Verfechter einer neuen Kultur des Hörens. Nichts fördert unsere Vorstellungskraft und unsere Phantasie
so sehr, wie das Hören und das Zuhören, davon ist Scheich zutiefst überzeugt. Die Erfolgsgeschichte der
menschlichen Kultur ist für ihn eine Erfolgsgeschichte des Hörens.
Die biologische Basis dieser Erfolgsgeschichte erforscht Henning Scheich in Magdeburg, am LeibnizInstitut für Neurobiologie. Hören, sagt er, ist von Anfang an kreativ. Wir öffnen die Ohren und machen
uns auf die Suche nach Sinn. Wo in unserem Gehirn der Schall seinen Sinn bekommt, diese Frage bringt
allerdings selbst den Fachmann in Verlegenheit.
Die 30 Themen des Funkkollegs im Überblick, Beiträge zum Nachlesen
In der Großhirnrinde sitzt der primäre Hörcortex
Scheich und seine Arbeitsgruppe versuchen trotzdem Antworten zu geben. Eine bestimmte Stelle des
Gehirns haben sie dabei besonders im Visier. Sie ist nicht größer als ein Daumennagel und liegt tief
versteckt in einer Windung der Großhirnrinde. Sie scheint ein Dreh- und Angelpunkt des Hörens zu sein,
Anfang und Ende vieler wichtiger Hör-Prozesse. Ihr Name: primärer Hörcortex.
Eine Stelle, aber in doppelter Ausfertigung, denn in jeder unserer beiden Gehirnhälften gibt es solch
einen primären Hörcortex: im linken Schläfenlappen und im rechten Schläfenlappen.
Der linke Hörcortex wird von beiden Ohren mit Informationen beliefert, bevorzugt jedoch vom rechten
Ohr. Das rechte Ohr informiert zwar auch den rechten Hörcortex, aber im rechten Hörcortex hat das
linke Ohr mehr Gewicht.
Die Zeit wird im Ohr gefühlt
Wenn die Informationen vom Innenohr her im den Schläfenlappen im Hörcortex ankommen, dann haben
sie schon eine ganz außergewöhnlich lange Reise durch unser Gehirn hinter sich.
Seinen Anfang nimmt der Ton in dem kleinen knöchernen Wunderwerk des Innenohrs, wo
Haarsinneszellen aus Schwingungen Nervenimpulse machen. Diese Nervenimpulse werden nicht
schnurstracks weiter gereicht in die Großhirnrinde, sondern erst einmal hin- und hergeschaltet. Der Sinn
dieser vielen Unterbrechungen und Umwege: Sie sind die Grundlage für unser Gefühl für Zeit. Es ist
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nämlich das Ohr, mit dem wir Zeit empfinden.
Das Hirn bastelt sich sein Hör-Objekt selbst zusammen
Schon in der Großhirnrinde reagieren die Nervenzellen auf Bedeutung. Und hier kommt auch das Wort
Seele ins Spiel: Für Henning Scheich ist der Hörcortex die Seele unseres Hör-Systems, mit vielen
überraschenden Eigenschaften: "Er ist kein reiner Analysator, sondern ein Interpret".
Hören heißt demnach erkennen. Aber nicht immer stimmen unsere Phantasien, nicht immer generieren
wir die richtigen Bedeutungen. Oft interpretieren wir Geräusche einfach falsch. Denn unser Gehirn
ergänzt etwa fehlende Informationen immer so, wie es am plausibelsten erscheint. Aus wirren SchallInformationen werden so klar konturierte Hör-Objekte. Wir sind immer darauf aus, eindeutige, gut
erkennbare Gestalten herzustellen.
Es gibt aber auch Situationen, da scheitern wir bei der Sinn-Konstruktion. Und es gibt Menschen, denen
der Sinn beim Hören prinzipiell verschlossen bleibt. Sie leidern nach einer Verletzung des Gehirns unter
einer „Seelentaubheit“, das heißt, sie können hören, aber nicht verstehen. es gibt Patienten mit
Hirnverletzungen, die einen Teil ihrer akustischen Umwelt gut verstehen und einen anderen gar nicht.
Der Weg vom Schall zum Sinn – er geht über viele weitverzweigte Netzwerke und über viele Stationen
im Gehirn – und ist noch lange nicht vollständig erforscht. Aber ein paar Grund-Prinzipien scheinen klar.
Der Cocktail-Party-Effekt kommt von links
Klar ist zum Beispiel, dass die Suche nach Bedeutung eine Rechts/Links-Geschichte ist. Unser Hörsystem
besitzt die Freiheit, sich in der rechten Großhirnrinde anders zu spezialisieren als in der linken. Wir
kennen es alle: Alle reden durcheinander, auf einem Fest, am Familientisch, in der Schulpause, und
trotzdem können wir uns gut auf einen einzelnen Gesprächspartner konzentrieren. Wir hören klar und
deutlich seine Stimme aus dem Gewirr der übrigen heraus. Hörforscher bezeichnen dieses Phänomen als
Cocktail-Party-Effekt, und so wie es aussieht, ist dieser Effekt hauptsächlich eine Links-Geschichte.
Viele Zentren im Gehirn haben einen Einfluss darauf, was im Hörcortex passiert
Henning Scheich und seine Arbeitsgruppe wollten mehr darüber wissen, wie unserem Gehirn diese
Meisterleistung gelingt – sie simulieren dafür eine Cocktailparty im Kernspin-Tomographen.
Während die Versuchspersonen in der Röhre liegen, bekommen sie über Kopfhörer Folgen von Tönen
vorgespielt, die abwechselnd von verschiedenen Musikinstrumenten stammen, zum Beispiel von einem
Klavier und von einer Klarinette. Die Aufgabe der Versuchspersonen ist es, sich ganz auf die Tonfolge
eines Instrumentes zu konzentrieren und die Unterbrechungen durch das andere zu ignorieren. Ein
Ergebnis haben die Messungen im Kernspin-Tomographen schon gebracht: Die linke Gehirnhälfte wird
bei dieser Aufgabe ganz besonders aktiv. Es scheint hauptsächlich darauf anzukommen, Sequenzen zu
erkennen, zeitliche Muster von akustischen Ereignissen richtig zu erfassen und zuzuordnen.
Der linke und der rechte Hörcortex machen sich also auf unterschiedliche Art und Weise auf die Suche
nach Zusammenhängen, nach Sinn und Bedeutung. Ihre Arbeitsergebnisse tauschen sie dann
untereinander aus - über den Balken, die Querverbindung zwischen den beiden Gehirnhälften. Und sie
leiten sie weiter nach vorne, an viele andere Regionen der Großhirnrinde. Von dort fließen Informationen
dann wieder zurück zum Ausgangspunkt, zurück zu der Stelle, wo in der Großhirnrinde alles begonnen
hat, zurück zum Hörcortex, dem großen Analytiker und Interpreten.
Ob das auch ein Ort ist, an dem aus den unterschiedlichen Arbeitsergebnissen ein einheitliches HörObjekt konstruiert wird? Fest steht auf alle Fälle: Viele Zentren im Gehirn haben einen Einfluss darauf,
was im Hörcortex passiert.
Ohr an Gehirn - Gehirn an Ohr
Hören heißt erkennen, Hören heißt Bedeutung erzeugen, und zwar ganz von Anfang an. Je nachdem, ob
uns etwas wichtig erscheint, ob uns etwas stört, ob uns etwas egal ist, ändert sich alles – im Gehirn,
und vielleicht sogar schon im Innenohr. Was das Ohr dem Gehirn meldet, wird beeinflusst von dem, was
es selber vom Gehirn erfährt. Was der Hörcortex höheren Hirnzentren meldet, wird beeinflusst von dem,
was der Hörcortex selber von den höheren Hirnzentren erfährt. Es sind Wechselspiele und
Wechselwirkungen, die einen ins Staunen versetzen können.
Von Regina Oehler
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