Erziehung und Bildung - Universität Paderborn

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Fakultät Kulturwissenschaften
Erziehungswissenschaftliches Institut
Universität Paderborn
Universität Paderborn
AG Tulodziecki
•
http://dimel.uni-paderborn.de/dimel/
33095 Paderborn
•
Server:
Einführungsveranstaltung
zu
Erziehung und Bildung
Sommersemester 2005
Dozent:
Veranstaltung:
Raum:
Büro:
Durchwahl:
E-Mail:
Sprechstunde:
Prof. Dr. Gerhard Tulodziecki
Dienstags 11.15 – 12.45 Uhr
H6.238
H6.325
(05251) 60 – 3582 oder 60-2973
[email protected]
Nach Ankündigung am Raum H6.325
Dozentin:
Veranstaltung:
Raum:
Büro:
Durchwahl:
E-Mail:
Sprechstunde:
Silke Grafe
Montags 9.15 – 10.45 Uhr
H6.238
H6.148
(05251) 60 – 2946
[email protected]
Montags 16.00 – 17.00 Uhr und nach Vereinbarung
Tutorin:
1. Veranstaltung:
Raum
2. Veranstaltung:
Raum
E-Mail:
Ilona Bisping
Mittwochs 11.15 – 12.45 Uhr
E0.206
Freitags 11.15 Uhr – 12.45 Uhr
H6.232
[email protected]
© Arbeitsgruppe „Allgemeine Didaktik und Medienpädagogik“, Fakultät für Kulturwissenschaften, Universität Paderborn
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Einführungsveranstaltung zu Erziehung und Bildung
Prof. Dr. G. Tulodziecki
S. Grafe
I. Bisping
Veranstaltungsübersicht
Termine
Inhalte
11.04. – 12.04.2005
Einführung / Inhalte / Arbeitsformen /Organisation
18.04. – 22.04.2005
Zur Frage der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
25.04. – 29.04.2005
Schulische Situationen aus lerntheoretischer Sicht
02.05. – 06.05.2005
Entwicklung von erwünschtem Verhalten
09.05. – 13.05.2005
Vorgehen bei unerwünschtem Verhalten
16.05.05* - 20.05.2005
Erweiterung durch Überlegungen von Motiven menschlichen
Handelns
23.05. – 27.05.2005
Verhalten bei Problemen, die Lernende haben
30.05. – 03.05.2005
Verhalten bei Problemen, die Lehrpersonen haben
06.06. – 10.06.2005
Modellvorstellung vom menschlichen Handeln - Bedeutung der
intellektuellen Entwicklung für das Handeln
13.06. – 17.06.2005
Bedeutung der sozial-moralischen Entwicklung für das Handeln
20.06. – 24.06.2005
Erziehungsziele und Handlungsanleitungen aus der Sicht
normativer Pädagogik
27.06. – 01.07.2005
Zur Begründung von Normen in der Erziehungswissenschaft I
04.07. – 08.07.2005
Zur Begründung von Normen in der Erziehungswissenschaft II
11.07. – 15.07.2005
Aufgaben und wünschenswerte Eigenschaften von Lehrpersonen
18.07. – 22.07.2005
Abschlussveranstaltung
* Ein Ausgleich/ Sondertermin wird mit der Gruppe vereinbart.
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Hinweise zur Veranstaltung:
–
Die gesamte Gruppe wird zu Beginn des Semesters gleichmäßig auf einzelne Teilgruppen
zu verschiedenen Terminen verteilt. Wir bemühen uns dabei Ihren Terminwünschen zu
entsprechen, können dies jedoch leider nicht garantieren. Deshalb gilt der von Ihnen gewünschte Termin zunächst nur für die erste Sitzung.
Teilnahmebedingungen
-
-
Bedingungen für den Erwerb eines Teilnahmescheins :
-
regelmäßige Anwesenheit (max. 2 Fehlstunden),
-
aktive Mitarbeit (vorbereitende Lektüre und Bearbeitung von Aufgaben im Seminar),
-
Führung und Abgabe einer Arbeitsmappe mit bearbeiteten Aufgaben
Studierende der Wirtschaftspädagogik erhalten zwei Credit-Points und einen BonusPunkte-Nachweis.
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Einführungsveranstaltung zu Erziehung und Bildung
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Lesetexte:
Text 1:
GAGE, N.L./BERLINER, D.C.: Pädagogische Psychologie. 5. Aufl., Weinheim: Psychologie Verlags Union 1996, S. 229 - 278 (zu Arbeitsblatt 2)
Text 2:
GAGE, N.L./BERLINER, D.C., a.a.O., S. 238 - 251 (zu Arbeitsblatt 3)
Text 3:
GAGE, N.L./BERLINER, D.C., a.a.O., S. 251 - 261 (zu Arbeitsblatt 4)
Text 4:
MASLOW, A.H.: Motivation und Persönlichkeit. 9. Aufl., Reinbek: Rowohlt
2002, S. 62 - 79 (zu Arbeitsblatt 5)
Text 5:
GORDON, T.: Lehrer-Schüler-Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule
löst. München: Heyne 2000, S. 49 - 80 (zu Arbeitsblatt 6)
Text 6:
GORDON, T., a.a.O., S. 110 - 138 (zu Arbeitsblatt 7)
Text 7:
TULODZIECKI, G.: Unterricht mit Jugendlichen. Eine handlungsorientierte
Didaktik mit Unterrichtsbeispielen. 3. Aufl., Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1996,
S. 51 - 73 (zu Arbeitsblatt 8)
Text 8:
KOHLBERG, L.: Kognitive Entwicklung und Moralische Erziehung. In:
Holtmann, A. (Hrsg.): Werte in der Politischen Erziehung – Moralisches Urteilen im Politischen Unterricht. Stuttgart: Metzler 1977, S. 68 - 73 (zu Arbeitsblatt 9)
Text 9:
KÖNIG, E./ZEDLER, P.: Einführung in die Wissenschaftstheorie der Erziehungswissenschaft. Düsseldorf: Schwann 1983, S. 115 - 125 (zu Arbeitsblatt
10)
Text 10:
KÖNIG, E./ZEDLER, P., a.a.O., S. 125 - 142 (zu Arbeitsblatt 11)
Text 11:
DIETRICH, T.: Zeit- und Grundfragen der Pädagogik. Eine Einführung in pädagogisches Denken. 8. Aufl., Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1998, S. 267 - 284
(zu Arbeitsblatt 12)
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Arbeitsblatt 1:
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Zur Frage der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
Zwei unterschiedliche Aussagen (vgl. Dietrich 1998, S. 25 ff.; Brezinka 1972, S. 26 ff.)
"Alles was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des
Menschen. ... Er vermischt und verwirrt Klima, Elemente und Jahreszeiten. Er verstümmelt
seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven. Er erschüttert alles, entstellt alles - er liebt die Mißbildung, die Monstren. Nichts will er so, wie es die Natur gemacht hat, nicht einmal den Menschen. Er muß ihn dressieren wie ein Zirkuspferd. Er muß ihn seiner Methode anpassen und
umbiegen wie einen Baum in seinem Garten."
(Rousseau 1762/1967, S. 107)
"Der Mensch ... ist von Natur, wenn er sich selbst überlassen wild aufwächst, träg', unwissend, unvorsichtig, unbedachtsam, leichtsinnig, leichtgläubig, furchtsam und ohne Grenzen
gierig, und wird dann noch durch die Gefahren, die seiner Schwäche, und die Hindernisse, die
seiner Gierigkeit aufstoßen, krumm, verschlagen, heimtückisch, mißtrauisch, gewaltsam,
verwegen, rachgierig und grausam. Das ist der Mensch, wie er von Natur, wenn er sich selbst
überlassen wild aufwächst, werden muß; er raubt, wie er ißt, und mordet, wie er schläft."
(Pestalozzi 1781/1981, S. 237 f.)
Informationen
Jean Jacques Rousseau (1712-1778)
1712
in Genf als Sohn eines Uhrmachers geboren, versuchte sich in mehreren
Berufen, z.B. Kupferstecher, Notenschreiber, Botschaftssekretär
1750
Abhandlung über die Wissenschaften und die Künste: Diese haben nicht zur
Läuterung der Sitten beigetragen, sondern die Seelen verdorben
1753
Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit der Menschen: Natur als das Positive/Kultur als das Negative
1762
Contrat social (Gesellschaftsvertrag)
1762
Emile ou de l´éducation: Erziehungsroman in fünf Büchern
(0-3/3-12/12-15/15- Heirat/ Mädchenerziehung)
1778
bei Paris gestorben
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Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827)
1746
in Zürich geboren, Besuch des Gymnasiums in Zürich
1768
Erziehung durch Landleben auf dem Gut Neuhof, nach Scheitern: Umwandlung
in eine Armenanstalt (1774): „Armenvater“ vom Neuhof bis 1779
1780
Abendstunde eines Einsiedlers (Gedanken zur Erziehung)
1781
Lienhard und Gertrud (Volksbuch zur Erziehung)
1793
Ja oder Nein? (Stellungnahmen zur französischen Revolution)
1799
Stanser Brief
1801
Wie Gertrud ihre Kinder lehrt: Bildung von Kopf, Herz und Hand
1800
Erziehungsinstitut in Burgdorf, dann Iferten (ab 1804)
1827
Tod in Brugg
Aufgaben:
(1)
Welcher Erfahrungshintergrund liegt den beiden Positionen zugrunde?
(2)
Welche Annahmen über den Menschen sind in den beiden Positionen enthalten?
(3)
Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Auffassungen für die Frage der Erziehung?
(4)
Wie beurteilen Sie die beiden Positionen?
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Arbeitsblatt 2: Schulische Situationen aus lerntheoretischer Sicht
Ein Beispiel aus der Unterrichtspraxis:
Eine Lehrperson hat eine Hausarbeit aufgegeben. Zum Beginn der nächsten Unterrichtsstunde
stellt sie fest, daß nur wenige Schülerinnen und Schüler die Hausarbeit ausgeführt haben, die
meisten haben sich nicht darum gekümmert.
a) Welche Reaktion von Lehrpersonen sind Ihnen dazu in Erinnerung?
b) Was "lernen" Schülerinnen und Schüler aufgrund solcher Reaktionen?
c) Wie sind solche Reaktionen aus lerntheoretischer Sicht einzuschätzen?
Informationen (vgl. Gage/Berliner 1996, Abschnitte 6.1 - 6.3 u. 6.9)
(1) Grundannahme:
Verhalten kann erlernt werden.
(2) Lernbegriff:
"Lernen kann als der Prozeß beschrieben werden, durch den ein Organismus sein Verhalten als Resultat von Erfahrung ändert." (1996, S. 230)
(3) Lernformen (auf der Basis behavioristisch orientierter Lerntheorien):
- respondentes Lernen (klassisches Konditionieren): Verbindung eines
unkonditionierten
Reizes mit einem neutralen Reiz, der dann die konditionierte Reaktion auslöst
- operantes Lernen (instrumentelles Lernen): Lernen durch Verstärkung von spontanem
Verhalten
- observationales Lernen (Lernen durch Beobachtung): Lernen durch stellvertretende
Verstärkung oder Bestrafung
Aufgaben:
Eine Lehrerin reagiert auf gemachte und nicht gemachte Hausaufgaben mit einer Strichliste,
die später für die Leistungsnote herangezogen wird.
Differenzieren Sie bei den folgenden Überlegungen nach Schülerinnen und Schülern, die
(1)
die Hausaufgaben gemacht haben und die
(2)
die Hausaufgaben nicht gemacht haben.
Erläutern Sie bitte wahrscheinliche Wirkungen aus der Sicht
a)
des respondenten Lernens,
b)
des operanten Lernens,
c)
des observationalen Lernens.
Ergänzende Literatur: Mietzel (1998), S. 125 - 177
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Arbeitsblatt 3: Entwicklung von erwünschtem Verhalten
Ein Beispiel aus der Unterrichtspraxis:
In einer Klasse sind 25 Schülerinnen und Schüler. 5 davon arbeiten regelmäßig im Unterricht
mit, 5 weitere hin und wieder. Der Rest wirkt uninteressiert.
a) Welche Reaktionen von Lehrpersonen sind Ihnen zu solchen Situationen in Erinnerung?
b) Wie sind einzelne Reaktionen aus der Sicht operanten Lernens einzuordnen?
c) Welche Reaktionen sind aus der Sicht operanten Lernens erfolgversprechend?
Informationen (vgl. Gage/Berliner 1996, Abschnitt 6.4 - 6.6)
(1) Modellvorstellung zum operanten Lernen:
Situation
Hinweisreiz
Verhalten
Reaktion
Konsequenz
Verstärkung
(2) Verstärkung von erwünschtem Lernen
Arten von Verstärkern
- primäre Verstärker
- sekundäre Verstärker
- positive Verstärker (Auftreten von etwas Angenehmem)
- negative Verstärker (Verschwinden von etwas Unangenehmem)
(3) Verstärkungspläne
- Festquotenpläne
- variable Quotenpläne
- Festintervallpläne
- variable Intervallpläne
(4) Kontingenz-Management
- Premack-Prinzip
- "Kontingenz-Verträge"
(5) Hinweisreize für erwünschtes Verhalten (Stimuluskontrolle):
- Informieren
- Vormachen
- Herstellen einer günstigen Situation
- Ankündigung einer Belohnung
- Belohnung eines Modells
- Androhung von Strafe bei Nicht-Ausführung
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Aufgaben:
(1)
Eine Lehrperson reagiert auf die mangelnde Beteiligung in folgender Weise:
a) Sie fordert die Schülerinnen und Schüler auf, intensiver mitzuarbeiten.
b) Sie verständigt sich mit den Schülern darauf, daß sie für einen bestimmten Zeitraum
auf die Vergabe von Hausarbeiten verzichtet, wenn sie besser mitarbeiten.
c) Sie lobt in besonderer Weise die Schülerinnen und Schüler, die mitarbeiten.
d) Sie vergibt in unregelmäßigen Abständen gute Noten für Schülerinnen und Schüler,
die mitgearbeitet haben.
e) Nach einer Phase intensiver Mitarbeit erhalten die Jugendlichen Zeit für eine Spiel.
Wie sind die Reaktionen aus der Sicht des operanten Lernens einzuordnen?
Unter welchen Bedingungen sind die Reaktionen erfolgversprechend?
(2)
Welche anderen Möglichkeiten bestehen? Wie sind sie einzuschätzen?
Ergänzende Literatur: Mietzel (1998), S. 125 – 177
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Arbeitsblatt 4: Vorgehen bei unerwünschtem Verhalten
Ein Beispiel aus der Unterrichtspraxis:
Einzelne Schülerinnen und Schüler stören durch unangemessene Bemerkungen oder Witze
ein Unterrichtsgespräch.
a) Welche Reaktionen von Lehrpersonen sind Ihnen zu solchen Situationen in Erinnerung?
b) Wie können die Reaktionen eingeordnet bzw. klassifiziert werden?
c) Wie beurteilen Sie die Reaktionen?
Informationen (vgl. Gage/Berliner 1996, Abschnitt 6.7):
(1) "Löschung" oder Extinktion
- Vermeiden von Verstärkungen
Probleme bei der Vermeidung von Verstärkungen
- Löschung erwünschter Verhaltensweisen
- Symptomverstärkung
- emotionale Reaktionen
- Vielfalt des Verhaltens
- Gefahr intermittierender Verstärkung
(2) Bestrafung
- Auftreten von etwas Unangenehmem
- Verschwinden von etwas Angenehmem
Vorteile von Bestrafung
- einfach
- viele Möglichkeiten
- unter Umständen sofortige hemmende Wirkung
- abschreckende Wirkung für andere
Nachteile/ Probleme von Bestrafung
- Situationen, in denen das unerwünschte Verhalten auftaucht, können sich wiederholen
- Hemmung, nicht Löschung
- ständige Kontrolle notwendig
- Strafender wird unter Umständen gefürchtet oder gehaßt
- Bestrafung kann als "paradoxe Verstärkung" wirken
(3) Andere Möglichkeiten:
- Veränderung der Situation
- Verstärken alternativer Verhaltensweisen
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Aufgaben:
Eine Lehrperson reagiert auf die störenden Einwürfe folgendermaßen:
a) Sie stellt in Aussicht, daß bei Unterlassung von Störungen die Pause um 10 Minuten verlängert wird, und führt diese Maßnahme bei positiver Situation durch.
b) Sie ändert die Unterrichtsmethode, indem sie nach kurzen Erläuterungen Gruppenarbeiten ausführen läßt.
c) Sie nimmt eine Eintragung ins Klassenbuch vor.
d) Sie verteilt konstruktive Aufgaben an die "Störenfriede". Bei positiver Ausführung werden sie dafür besonders gelobt.
e) Als Folge der Störung dürfen die „Störenfriede“ bei der nächsten Sportstunde bei einem
beliebten Spiel nicht mitmachen.
f) Sie geht mit den „Störenfrieden“ wegen ständiger Unruhestiftung zum Rektor/ Direktor
der Schule.
Wie sind diese Maßnahmen einzuordnen?
Wie sind die Maßnahmen zu beurteilen?
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Arbeitsblatt 5: Erweiterung von behavioristisch orientierten Modellvorstellungen
zum Lernen durch Überlegungen zu Motiven menschlichen Handelns
Ein Beispiel aus der Unterrichtspraxis:
Zwei Schülerinnen haben ein ähnliches Leistungsvermögen. Ihre Beiträge im Unterricht werden von der Lehrperson in vergleichbarer Weise kommentiert, meistens gelobt, manchmal
auch etwas korrigiert. Dennoch beteiligt sich eine Schülerin wesentlich häufiger am Unterricht als die andere.
Wie kann man dies erklären?
Informationen (vgl. Maslow 2000, Kapitel 4; Tulodziecki 1996, Abschnitt 2.3.1):
(1) Erweiterte Modellvorstellung zum operanten Lernen:
Situation
Spannungszustand
Motivation
Verhalten
Konsequenzen
Folgen
Bedürfnisse
Motive
(2) Bedürfnistheorie nach Maslow (vgl. Maslow 2000, S. 62 ff.; vgl. auch Tulodziecki 1996,
S. 55 ff.):
Bedürfnisse des Menschen
- grundlegende (physiologische) Bedürfnisse
- Sicherheitsbedürfnisse
- Zugehörigkeits- und Liebesbedürfnisse
- Achtungsbedürfnisse
- Selbstverwirklichungsbedürfnisse
Aufgaben:
(1)
Erklären Sie bitte auf der Basis der Bedürfnistheorie von Maslow den obigen Fall aus
der Unterrichtspraxis.
(2)
Zeigen Sie bitte mögliche Konsequenzen für die Lehrperson aus der Erklärung auf.
(3)
Analysieren Sie bitte das Phänomen des Klassenkaspers aus der Sicht der Bedürfnistheorie von Maslow.
(4)
Welche Bedeutung hat die um die Bedürfnisperspektive erweiterte Betrachtungsweise
generell
a) für das Verständnis von Verstärkungen?
b) für das Verständnis von Bestrafung?
c) für die Entwicklung erwünschter Verhaltensweisen?
d) für den Abbau unerwünschter Verhaltensweisen?
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Arbeitsblatt 6: Verhalten bei Problemen, die Lernende haben
Ein Fall aus der Unterrichtspraxis:
Mehrere Schüler klagen darüber, daß sie immer so viele Hausaufgaben aufbekommen.
a) Welche Reaktionen von Lehrpersonen auf solche oder ähnliche Klagen sind Ihnen in
Erinnerung?
b) Wie beurteilen Sie diese Reaktionen?
c) Wie würden Sie selbst reagieren?
Informationen (vgl. Gordon 2000, Kapitel III und IV):
(1) Ineffektive Konfrontationen:
- Lösungsbotschaften:
befehlen, kommandieren
warnen, drohen
moralisieren, predigen
belehren
raten, Lösungen anbieten
- herabsetzende Botschaften:
kritisieren, beschuldigen
Klischees verwenden
interpretieren, analysieren
loben, zustimmen
beruhigen, mitfühlen
sondieren, fragen, verhören
- indirekte Botschaften:
aufziehen, necken, sarkastisch sein, ablenken
(2)
Konstruktive Hilfen für Schülerinnen und Schüler mit Problemen
- passives Zuhören
- bestätigende Reaktionen
- „Türöffner“ verwenden
- aktives Zuhören
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Aufgaben:
(1) Nennen Sie bitte jeweils ein Beispiel für eine ineffektive Konfrontation zu dem obigen
Problem.
(2) Ein Schüler spricht seine Lehrerin mit dem Problem an, daß es ihm schwerfällt, den
Unterrichtsstoff zu lernen.
Drei mögliche Reaktionen der Lehrerin könnten in diesem Falle lauten:
a) Ich kann zwar verstehen, daß es Ihnen schwerfällt, alles zu lernen, was wir durchgenommen haben, aber denken Sie daran, andere haben es auch geschafft.
b) Sie meinen, daß es Ihnen schwerfällt, die behandelten Unterrichtsinhalte zu lernen?
c) Wenn Sie im Unterricht gut mitarbeiten und regelmäßig die Hausaufgaben machen,
wird es Ihnen bestimmt gelingen, die notwendigen Dinge zu lernen.
Wie lassen sich diese Reaktionen aus der Sicht des Ansatzes von Gordon charakterisieren?
Wie sind sie aus der Sicht von Gordon zu beurteilen?
(3) Analysieren Sie bitte die beiden folgenden Dialoge aus der Perspektive des Ansatzes von
Gordon.
S.: Warum müssen wir nur diese vielen naturwissenschaftlichen Gesetze lernen?
L.: Sie haben wohl wieder einmal kei- L.: Sie meinen, es fällt Ihnen schwer,
ne Lust zum Lernen!?
das alles zu lernen?
S.: Na ja, ich sehe den Sinn nicht
richtig ein.
S.: In gewisser Weise ja. Aber ich
sehe auch nicht den Sinn.
L.: Sie sollten wissen, daß Sie diese
Dinge später brauchen.
L.: Sie halten das alles für überflüssig?
S.: Dennoch finde ich es ein bißchen
viel.
S.: Nein, das auch nicht. Nur – wenn
ich all die Formeln für die nächste
Klausur auswendig lernen soll...
L.: Wann werden Sie denn endlich
wachsen. Sie sollten alt genug
sein, um einzusehen, daß man bestimmte Dinge lernen muß.
L.: Darum geht es nicht. Bei der Kla usur können Sie eine Formelsammlung benutzen.
S.: Dann bin ich beruhigt.
a) Charakterisierung des Dialogs in der linken Spalte
b) Charakterisierung des Dialogs in der rechten Spalte
(4) Nennen Sie bitte Vorzüge und Probleme des Ansatzes von Gordon.
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Arbeitsblatt 7: Zum Verhalten bei Problemen, die Lehrpersonen haben
Ein Fall aus der Unterrichtspraxis:
Eine Lehrperson empfindet es als Provokation, daß ein Schüler während der Unterrichtsstunde ständig in auffälliger Weise BRAVO liest, anstatt mitzuarbeiten.
a) Welche Reaktionen von Lehrpersonen in einem solchen oder ähnlichen Fall sind Ihnen
in Erinnerung?
b) Wie beurteilen Sie diese Reaktionen?
c) Wie würden Sie selbst reagieren?
Information (vgl. Gordon 2000, Kapitel V und VIII)
(1) Ineffektive Konfrontationen
- Lösungsbotschaften
- herabsetzende Botschaften
- indirekte Botschaften
(2) Effektive Konfrontation
- Ich-Botschaften:
- Bezeichnung des Verhaltens
- Benennen der Auswirkungen
- Äußern der Gefühle
- an geeigneter Stelle: „Umschalten“ auf Zuhören
(3) Konfliktbewältigung ohne Niederlagen
- Definition des Problems
- Sammlung möglicher Lösungen
- Wertung der Lösungsvorschläge
- Entscheidung
- Realisierung der Entscheidung
- Beurteilung des Erfolgs
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Aufgaben:
(1) Nennen Sie bitte jeweils Beispiele für ineffektive Kommunikation zu dem obigen
Problem (vgl. auch AB 5).
(2) Ein Lehrer fühlt sich dadurch gestört, daß zwei Schülerinnen während des Unterrichts
miteinander reden. Drei mögliche Reaktionen könnten in diesem Falle lauten:
a)
Ich kann zwar verstehen, daß es Ihnen schwerfällt, dem Unterricht konzentiert zu
folgen, aber das ist noch kein Grund zu stören.
b) Wenn Sie miteinander sprechen, kann ich mich nicht konzentrieren. Darüber ärgere
ich mich.
c)
Um in der Schule etwas zu lernen, ist es wichtig, sich auf den Unterricht zu konzentrieren. Unterlassen Sie bitte Ihre Gespräche.
Wie lassen sich diese Reaktionen aus der Sicht des Ansatzes von Gordon charakterisieren?
Wie sind sie aus der Sicht von Gordon zu beurteilen?
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(3) Analysieren Sie bitte die beiden folgenden Dialoge aus der Perspektive des Ansatzes von
Gordon.
L.: Herr Henze, wenn Sie in so auffälliger Weise Ihr Kaugummi kauen, dann werde ich abgelenkt und fühle mich provoziert.
S.: Ich brauche das, und bisher hat es noch niemanden gestört.
L.: Mich stört es aber.
L.: Sie brauchen das Kaugummi?
S.: Dann sehen Sie doch einfach d´rüber
weg, Dann ist es kein Problem.
S.: Naja, ich hab' mich so daran gewöhnt.
L.: Sie haben mir nicht vorzuschreiben, was L.: Sie meinen, es ist eine Gewohnheit und
ein Problem für mich ist. Also demnächst
deshalb ist es wichtig für Sie.
unterlassen Sie gefälligst Ihr provozierendes Kauen.
S.: Alter Griesgram!
S.: So wichtig eigentlich auch nicht.
L.: Hm.
S.: Vielleicht könnte ich es auch´mal ohne
versuchen
L.: Das würde mir sehr helfen.
a) Charakterisierung des Dialogs in der linken Spalte
b) Charakterisierung des Dialogs in der rechten Spalte
(4)
Eine Lehrerin fühlt sich dadurch gestört, daß mehrere Schülerinnen und Schüler
relativ regelmäßig nach ca. 25 Minuten Unterricht damit beginnen, sich zu unterhalten oder mit irgendwelchen Dingen zu spielen.
Wie könnte eine Konfliktbewältigung ohne Niederlagen aussehen?
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Arbeitsblatt 8: Modellvorstellung vom Handeln und Lebenssituation von Jugendlichen
Eine Erpressungssituation:
Olaf, 14 Jahre alt, ist mit seiner Mutter umgezogen. In der Schule hat er Thomas, Elke und
Kurt kennengelernt und auch gelegentlich an der alten Ziegelei - einem Ort, an dem sich Jugendliche häufiger zusammenfinden - getroffen. Kurt - als Anführer der Clique - hat stets
flotte Sprüche d'rauf und ist immer gut „bei Kasse“. Olaf bewundert Kurt und dieser scheint
Sympathie für Olaf zu empfinden. Jedenfalls wird Olaf eines Tages von Kurt angesprochen.
Er erklärt Olaf, daß sich die Clique schon längere Zeit Geld auf eine besonders Art verscha ffe: sie fordere von jüngeren Schülerinnen und Schülern, die aus dem benachbarten Wohnviertel stammen, „Schutzgeld“ dafür, daß diese das Wohnviertel der Clique auf dem Schulweg passieren dürften, ohne Angst haben zu müssen, verprügelt oder bestohlen zu werden.
Nun sei ein neuer Schülerjahrgang in die Schule gekommen, und einzelne der Neuen sollten
in den nächsten Tagen auf dem Nachhauseweg angehalten, von der Clique umzingelt und
darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie einen bestimmten Betrag an die Clique zu zahlen
hätten, wenn sie nicht riskieren wollten, in Zukunft auf dem Nachhauseweg Opfer von Prügeln oder Diebstählen zu werden. Olaf reagiert zunächst zurückhaltend, willigt schließlich
jedoch ein.
Wie kann die Einwilligung erklärt werden?
Informationen (vgl. Tulodziecki 1996, Kapitel 2):
(1)
Bedingungen menschlichen Handelns:
- Lebenssituation
- Bedürfnisse
- Kenntnis- bzw. Erfahrungsstand
- intellektuelles Niveau
- sozial-moralische Orientierung
(2)
Handlungsmodell:
Kenntnis- bzw.
Erfahrungsstand
Bedürfnisse
Spannungszustand
(Motivation)
Bedenken und
Bewerten von
Handlungsmöglichkeiten
Ausführen
einer
Handlung
Verarbeitung
von Handlungsergebnissen
bzw. -folgen
Situation
Niveau der
sozial-kognitiven
Entwicklung
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Bedeutung der intellektuellen Entwicklung für das Handeln
Information (vgl. Tulodziecki 1996, S. 68-73):
Stufen der intellektuellen Entwicklung (in Weiterführung von Überlegungen von Schroder/
Driver/ Streufert 1975):
Stufe 1: Fixiertes Denken
Stufe 2: Isolierendes Denken
Stufe 3: Konkret-differenziertes Denken
Stufe 4: Systematisch-kritierienbezogenes Denken
Stufe 5: Kritisch-reflektierendes Denken
Aufgaben:
(1)
Versuchen Sie bitte für die Erpressungssituation mögliche Gedanken von Olaf auch
verschiedene Stufen der intellektuellen Entwicklung zu formulieren.
(2)
Beurteilungen des Fernsehens von Schülerinnen und Schülern könnten folgendermaßen
aussehen:
a) Am Fernsehen finde ich „Verbotene Liebe“ und „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ super. Mir gefällt nicht die ständige Unterbrechung durch Werbung.
b) Am Fernsehen gefällt mir folgendes: Information, Unterhaltung, Abwechslung,
lehrreiche Sendungen. Nicht gut finde ich: brutale Filme, gute Filme werden zu spät
gesendet. Insgesamt hat es mehr Vorteile als Nachteile.
c) Fernsehen finde ich super.
Welchen Stufen sind diese Äußerungen zuzurechnen? Warum?
Formulieren Sie bitte für eine weitere Stufe eine Beurteilung.
(3)
Was müßte bei Unterrichtseinheiten zur Förderung der intellektuellen Entwicklung
beachtet werden? Wie könnten sie aussehen?
(4)
Auf welche der Faktoren des Handlungsmodells kann Schule Einfluß nehmen? Wie
könnte das geschehen?
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Arbeitsblatt 9: Bedeutung sozial-moralischer Entwicklung für das Handeln
Information (vgl. Kohlberg 1974, 1977; Tulodziecki 1996, S. 73 - 81;):
Phasen und Stufen der sozial-moralischen Entwicklung:
I.
Vorkonventionelle Phase
1. Orientierung an Bestrafung und Gehorsam
2. Instrumentell-relativistische Orientierung
II.
Konventionelle Phase
3. Orientierung an personengebundener Zustimmung
4. Orientierung an Recht und Ordnung
III.
Postkonventionelle Phase
5. Legalistische oder Sozialvertrags-Orientierung
6. Orientierung an allgemeingültigen ethischen Prinzipien
Aufgaben:
(1)
Ordnen Sie bitte für den folgenden Fall die angegebenen Argumente den Stufen sozialmoralischer Entwicklung nach Kohlberg zu.
Eine Lehrerin bemerkt bei der Korrektur einer Klassenarbeit, daß mehrere Schülerinnen
und Schüler voneinander abgeschrieben haben. In der darauffolgenden Stunde
thematisiert sie das Abschreiben bei Klassenarbeiten. Sie läßt die Schülerinnen und
Schüler verschiedene Pro- und Contra-Argumente nennen. Folgende Argumente
könnten geäußert werden:
Pro:
a) Ich habe die anderen doch auch schon mal abschreiben lassen, dann kann ich nun
auch von ihnen abschreiben.
b) Solange man nicht erwischt wird, ist doch nichts dabei.
c) Wenn ich nicht mitmache, dann sind meine Mitschüler enttäuscht und stempeln
mich als Streber ab.
Contra:
a) Es ist unfair abzuschreiben, weil man mit einer besseren Note Erwartungen weckt,
die man nachher nicht einhalten kann.
b) Wenn alle voneinander abschreiben, verlieren Klassenarbeiten ihren Sinn. Zensur
und Zeugnis können dann z.B. nicht mehr für die Studienplatzvergabe genutzt
werden.
c) Vom Abschreiben profitieren nur diejenigen, die nicht gelernt haben.
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(2)
Formulieren Sie bitte für die Erpressungssituation auf dem Arbeitsblatt 8 je ein Pro- und
Contra-Argument für möglichst viele Stufen.
(3)
Welche Deutungsmöglichkeiten liefert das Stufenkonzept von Kohlberg
a) für die Verhaltensmodifikation?
b) für den Ansatz von Gordon?
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Arbeitsblatt 10:
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Erziehungsziele und Handlungsanleitungen aus der Sicht
normativer Pädagogik
Fragestellung:
Welche Erziehungsziele sollten in der Schule verfolgt werden?
Welche Erziehungsmaßnahmen sind für die Schule angemessen?
Wie lassen sich Erziehungsziele und Erziehungsmaßnahmen begründen?
Informationen:
Die Auffassung von August Hermann Francke (1663-1727):
"Die Ehre Gottes muß in allen dingen/ aber absonderlich in Aufferziehung und Unterweisung
der Kinder als der Haupt-Zweck immer für Augen seyn so wohl dem Praeceptor, als den Untergebenen selbst.
...
Denn das menschliche Hertz ist ohne dem geneigt aus sich selbsten einen Abgott zu machen /
und sich der Bauch-Sorge zu ergeben / oder gute und wollüstige Tage zusuchen ...
Am meisten ist wohl daran gelegen / daß der natürliche Eigen Wille gebrochen werden. Daher
am allermeisten hierauff zu sehen. Wer nur deßwegen die Jugend unterrichtet / daß er sie gelehrter mache ... vergisset das beste / nemlich den Willen unter den Gehorsam zubringen ...
Die wahre Gottseligkeit wird der zarten Jugend am besten eingeflößet (a) durch das gottselige
Exempel des Praeceptoris selbsten/ wie auch der Eltern ...
Die Catechisatio oder kurtze und deutliche Einleitung zu der haupt Summa der Christlichen
Lehre / so sie recht fürgenommen wird / ist auch nicht ein geringes Mittel zur Einpflantzung
der wahren Gottseligkeit. ...
Verheissungen und Drohungen seynd auch jede zu gehöriger Zeit nöthig / doch sind allein die
Verheissungen dem Wege des Evangelii gemäß / und müssen demnach solche allen Drohungen sehr weit fürgezogen werden / als davon auch weit grössere Frucht zu hoffen ist. ...
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Hiernechst ist zu mercken / daß insonderheit drey Tugenden seynd / welche man vor allen
suchen muß denen Kindern bey noch zarten Jahren einzupflantzen / ... / nemlich: Liebe zur
Wahrheit / Gehorsam und Fleiß. Da denn die entgegengesetzte Laster ... vermieden werden
/ nemlich Lügen / Eigen-Wille und Müssig-gang. ...
Das Gebet ist ohne allem Streit eines der fürnehmsten Stücke unsers Christenthumbs ... Und
da ist (1) vonnöthen / daß man ja fleißig auff die Kinder acht habe / daß sie ihre Gebetlein mit
Andacht und Auffmerksamkeit aussprechen ...
Einige sind der Meynung / man soll Kinder nur bloß durch liebreiches Ermahnen zurechte
bringen / und wollen nicht gestatten / daß man sie mit Ruthen / oder sonst etwas scharff züchtigen sollte / wenn die Worte nicht hinlänglich scheinen. Die Erfahrung ist aber hierinnen der
beste Lehrmeister / daß man die Ruthe nicht gar von der Kinder-Zucht verbannen könne / zum
wenigsten / wenn die Kinder schon verzärtelt / alt / und in ihrem eigenen Willen schon
verstärcket sind / und so lange / biß sie sich selbsten überwunden haben / und ohne Zwang
einer liebreichen Anführung folgen." (1702/1969, S. 124 ff.)
August Hermann Francke (1663-1727)
Wirkungsstätte:
Universität Halle
Hallesches Weisenhaus (Gründung 1698)
-
Lateinschulen und deutsche Schulen
-
Heime/ Internat nach Ständen gegliedert (Adel/Bürgertum/Waisen) allerdings stand begabten Waisenkindern Zugang zur Lateinschule offen
-
Wirtschaftseinrichtungen b(z.B. Apotheke, Krankenhaus, Buchhandlung,
Druckerei, landwirtschaftliche Güter)
Hauptschrift:
Kurzer und einfältiger Unterricht, wie Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen Klugheit anzuführen sind
Position:
-
gegen Schulphilosophie, Orthodoxie, scholastische Theologie
-
gegen Buchgelehrsamkeit
-
für realistische und praktische Bildung sowie religiöse Erweckung
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Aufgaben:
(1)
Welches sind Erziehungsziele?
(2)
Welche Begründungen sind erkennbar oder zu vermuten?
(3)
Welche Erziehungsmaßnahmen werden vorgeschlagen?
(4)
Welche Begründungen sind erkennbar oder zu vermuten?
(5)
Sind die Erziehungsziele, Erziehungsmaßnahmen und die Begründungen angemessen?
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Arbeitsblatt 11: Zur Begründung von Normen in der Erziehungswissenschaft
Unterschiedliche Argumentationen zur Normfrage
In einem Gespräch über Normen in der Erziehung begründen einzelne Gesprächsteilnehmer
a) das Erziehungsziel "Mündigkeit" damit, daß sich dieses Ziel im Gang der Geschichte seit
der Aufklärung durchgesetzt bzw. bewährt habe,
b) die Forderung, Jugendlichen Kritikfähigkeit zu vermitteln, mit dem Hinweis, daß dies
notwendig sei, um ökonomische Interessen und ungerechtfertigte Herrschaftsstrukturen in
unserer Gesellschaft zu durchschauen und selbstbestimmt handeln zu können,
c) das Erziehungsziel "Sittlichkeit" damit, daß mit Hilfe der Vernunft erkannt werden könne,
daß dieses Ziel für alle Menschen zu allen Zeiten wichtig sein,
d) die Forderung, Jugendliche mit sozial-moralischen Konfliktfällen zu konfrontieren, damit,
daß sich in Untersuchungen gezeigt habe, daß dadurch eine Anhebung des sozialmoralischen Urteilsniveaus erreicht werden könne,
e) das Erziehungsziel "Selbstverwirklichung in sozialer Verantwortung" damit, daß sich eine
Arbeitsgruppe der Kultusministerkonferenz, in der Vertreter unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche diskutiert hätten, auf dieses Ziel geeinigt habe und bei diesem ziel
außerdem die Chance gegeben sein, sich mit den Jugendlichen zu verständigen.
Wie kann man die Argumentationsmuster, die mit den entsprechenden Begründungen verbunden sind, charakterisieren?
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Informationen (vgl. König/Zedler 1983, Kap. 5):
Man kann verschiedene wissenschaftstheoretische Richtungen zur Frage der Normbegründung unterscheiden:
- die normative Pädagogik,
- die geisteswissenschaftliche Pädagogik,
- die empirische Erziehungswissenschaft,
- die emanzipatorische Pädagogik,
- die Konsenstheorie.
Ergänzende Literatur: König/ Zedler (1998), S. 36 - 40; 44 - 100; 124 - 128
Aufgaben:
(1) Erläutern Sie bitte die Grundposition der verschiedenen Richtungen zur Normbegründung
- normative Pädagogik
- geisteswissenschaftliche Pädagogik
- empirische Erziehungswissenschaft
- emanzipatorische Pädagogik
- Konsenstheorie
(2) Ordnen Sie bitte die obigen Beispielbegründungen verschiedenen Richtungen der Pädagogik zu
(3) In welcher Weise würden sich Pädagogen bzw. Erziehungswissenschaftler der verschiedenen Richtungen mit dem Thema "Gewalt in der Schule" auseinandersetzen?
(4) Nennen Sie bitte einzelne Schulnormen, die von Schülerinnen und Schülern möglicherweise verletzt werden. Wählen Sie ein Beispiel aus. Wie sähe eine Argumentation gemäß
den einzelnen Richtungen der Normbegründung in der Pädagogik auf die Frage aus, warum man die entsprechende Norm einhalten sollte. Worin liegen die Vorzüge und Probleme der verschiedenen Argumentationen?
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Arbeitsblatt 12: Aufgaben von Lehrpersonen
Fragestellung:
a) Welche Aufgaben hat eine Lehrperson in Schule und Unterricht?
b) Kann man den Lehrberuf erlernen oder muß man zur Lehrerin bzw. zum Lehrer geboren
sein?
Informationen (vgl. Dietrich 1998, Kapitel 12):
(1) Aufgaben gemäß Strukturplan für das Bildungswegen (vgl. Deutscher Bildungsrat 1970,
S. 217 ff.):
- Lehren
- Erziehen
- Beurteilen
- Beraten
- Innovieren
(2) Strukturbild des idealen Lehrers nach Dietrich (2000, S. 267 ff.):
- Kontaktfähigkeit und Mitmenschlichkeit
- Empfänglichkeit für Werte und Normen
- Annahme von Kindern und Jugendlichen
- pädagogischer Takt
- Allgemeinbildung und Fachkenntnisse
- Fähigkeit interessant und produktiv zu unterrichten
- Fähigkeit, Disziplin zu halten
- Fähigkeit zu distributiver Aufmerksamkeit
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Aufgaben:
(1) Diskutieren Sie bitte folgende Fragen:
Welche Voraussetzungen sollten Studierende der Lehrämter im Hinblick auf die Eigenschaften (nach Dietrich) bereits ins Studium einbringen?
a) Kontaktfähigkeit und Mitmenschlichkeit?
b) Empfänglichkeit für Werte und Normen?
c) Annahme von Kindern und Jugendlichen?
d) pädagogischer Takt?
e) Allgemeinbildung und Fachkenntnisse?
f) Fähigkeit, interessant und produktiv zu unterrichten?
g) Fähigkeit, Disziplin zu halten?
h) Fähigkeit zu distributiver Aufmerksamkeit?
(2) Bis zu welchem Grad sind die Eigenschaften bzw. Fähigkeiten nach Ihrer Meinung im
Studium erlernbar? Was ist möglicherweise kaum oder nur sehr schwer erlernbar?
(3) Welche anderen Möglichkeiten bestehen, wichtige Eigenschaften, Fähigkeiten zu erwerben?
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Zitierte Literatur:
ADAMEIT, H., u.a.: Grundkurs Verhaltensmodifikation. Ein handlungsorientiertes einführendes Arbeitsbuch für
Lehrer und Erzieher. 2. Aufl., Weinheim: Beltz 1980
BREZINKA, W.: Von der Pädagogik zur Erziehungswissenschaft. Eine Einführung in die Metatheorie der Erziehung. 2. Aufl., Weinheim: Beltz 1972
DEUTSCHER BILDUNGSRAT (Hrsg.): Strukturplan für das Bildungswesen. Empfehlungen der Bildungskommission. Stuttgart: Klett 1970
DIETRICH, Th.: Zeit- und Grundfragen der Pädagogik. Eine Einführung in pädagogisches Denken. 8. Aufl.,
Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1998
DILTHEY, W.: Gesammelte Schriften. Band VI. Stuttgart: 1958
FRANCKE, A.H.: Kurzer und einfälliger Unterricht, wie die Kinder zur wahren Gottseligkeit und christlichen
Klugheit anzuführen sind (1702). In: Peschke, E. (Hrst.): August Hermann Francke. Werke in Auswahl.
Berlin: Luther-Verlag 1969, S. 124 - 150
GAGE, N.L. / BERLINER, D.C.: Pädagogische Psychologie. 5. Aufl., Weinheim: Psychologie Verlags Union
1996
GAMM, H.J.: Die materialistische Pädagogik. In: Gudjons, H. / Teske, R. / Winkel, R. (Hrsg.): Erziehungswissenschaftliche Theorien. Hamburg: Bergmann + Helbig 1980, S. 41 - 54
GORDON, T.: Lehrer-Schüler-Konferenz. Wie man Konflikte in der Schule löst. München: Heyne 2000
HERZIG, B. (1998): Förderung ethischer Urteils- und Orientierungsfähigkeit. Grundlagen und schulische Anwendungen. Münster, New York: Waxmann
KOHLBERG, L.: Zur kognitiven Entwicklung des Kindes. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1974
KÖNIG, E. / ZEDLER, P.: Theorien der Erziehungswissenschaft. Weinheim: Deutscher Studien Verlag 1998
KÖNIG, E. / ZEDLER, P.: Einführung in die Wissenschaftstheorie der Erziehungswissenschaft. Düsseldorf:
Schwann 1983
MASLOW, A.H.: Motivation und Persönlichkeit. 9. Aufl., Reinbek: Rowohlt 2002
MIETZEL, G.: Pädagogische Psychologie des Lehrens und Lernens. Göttingen u.a.: Hogrefe 1998
PESTALOZZI, J.H.: Lienhard und Gertrud (1781). Hrsg.: Rehle, A. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1991
REISCHMANN, J.: Leichter lernen - leicht gemacht. Arbeitstechniken für Schule und Studium, Fortbildung und
Examensvorbereitung. 4. Aufl., Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1991
ROUSSEAU, J.J.: Emile ou de l'education (1762). Stuttgart: Reclam 1963
SCHRODER, H.M. / DRIVER, M.J. / STREUFERT, S.: Menschliche Informationsverarbeitung. Die Strukturen
der Informationsverarbeitung bei Einzelpersonen und Gruppen in komplexen sozialen Situationen. Weinheim: Beltz 1975
TULODZIECKI, G.: Unterricht mit Jugendlichen. Eine handlungsorientierte Didaktik mit Unterrichtsbeispielen.
3. Aufl. Bad Heilbrunn/ Hamburg: Klinkhardt/ Handwerk und Technik 1996
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I. Bisping
Dozentin/ Dozent: ___________________________
Arbeitsmappe von ___________________________ Matr. Nr. _______________________
Inhaltsverzeichnis der Arbeitsmappe
AB 1: Zur Frage der Erziehungsbedürftigkeit des Menschen
o Lösung der Aufgaben
AB 2: Schulische Situationen aus lerntheoretischer Sicht
o Lösung der Aufgaben
AB 3: Entwicklung von erwünschtem Verhalten
o Lösung der Aufgaben
AB 4: Vorgehen bei unerwünschtem Verhalten
o Lösung der Aufgaben
AB 5: Erweiterung der behavioristisch orientierten Modellvorstellung zum Lernen durch
Überlegungen von Motiven menschlichen Handelns
o Lösung der Aufgaben
AB 6: Verhalten bei Problemen, die Lernende haben
o Lösung der Aufgaben
AB 7: Verhalten bei Problemen, die Lehrpersonen haben
o Lösung der Aufgaben
AB 8: Modellvorstellung vom menschlichen Handeln
– Bedeutung der intellektuellen Entwicklung für das Handeln
o Lösung der Aufgaben
AB 9: Bedeutung der sozial-moralischen Entwicklung für das Handeln
o Lösung der Aufgaben
AB 10: Erziehungsziele und Handlungsanleitungen aus der Sicht normativer Pädagogik
o Lösung der Aufgaben
AB 11: Zur Begründung von Normen in der Erziehungswissenschaft
o Lösung der Aufgaben
AB 12: Aufgaben und wünschenswerte Eigenschaften von Lehrpersonen
o Lösung der Aufgaben
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