1 Ringvorlesung Was ist Allgemeine Psychologie? Ich werde mich

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Ringvorlesung
Was ist Allgemeine Psychologie?
Ich werde mich bei der Beantwortung dieser Frage sehr kurz zu halten versuchen. Am
einfachsten ist es zunächst, wenn man Probleme auflistet, mit denen sich die Allgemeine
Psychologie beschäftigt. Also: In der Allgemeine Psychologie werden Fragen der
Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, des Gedächtnisses und des Lernens, des Denkens
und Problemlösens, des Sprechens und Sprachverstehens, der Emotion, der Motivation,
der Psychomotorik (interne Steuerung von Handlungsabläufen) und – last but not least,
weil das im Zusammenhang der modernen und letztlich interdisziplinär angelegten
Kognitions- bzw. Neurowissenschaften von großer Bedeutung ist – des Bewusstseins
behandelt.
Von anderen Teilgebieten der Psychologie, mit denen Sie im Laufe der Ringvorlesung
vertraut gemacht werden sollen, lässt sich die Allgemeine Psychologie in etwa wie folgt
abheben (womit auch die Spezifizierung allgemein verständlich werden soll):
1. Die Allgemeine Psychologie interessiert sich nicht primär für die Unterschiede zwischen
einzelnen Menschen bzw. einzelnen Menschengruppen – das fällt sozusagen in das Gebiet der
Differenziellen Psychologie.
2. In der Allgemeinen Psychologie wird nicht primär darauf abgezielt, die psychische
Veränderung der Menschen im Lebenslauf abzuklären – eben das ist die Aufgabe der
Entwicklungspsychologie.
3. Die Allgemeine Psychologie untersucht nicht primär die Interaktion zwischen Individuen,
wie die Sozialpsychologie es tut.
4. In der Allgemeinen Psychologie geht es nicht primär um die praktische Umsetzung
psychologischen Wissens. (Womit nicht gesagt ist, dass nicht auch aus dem gesellschaftlichen
Zusammenleben aufgeworfene praktische Probleme zum Untersuchungsgegenstand der
Allgemeinen Psychologie gemacht werden können).
Ohne Geringschätzung der anderen Teilgebiete lässt sich wohl behaupten, dass die
Allgemeine Psychologie (zusammen mit der mittlerweile als selbständige Teildisziplin aus
der Allgemeinen Psychologie ausdifferenzierten Biologischen Psychologie) das
Grundlagenfach der Psychologie darstellt. Erkenntnisse der Allgemeinen Psychologie zählen
also zum Grundbestand psychologischen Wissens.
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Da meine Ausführungen bislang ohnehin sehr grob waren (ihr Charakter als Einführung mag
das entschuldigen), kann ich es mir wohl leisten, noch eine weitere Grobheit (Ungenauigkeit)
hinzuzufügen: In methodischer Hinsicht war und ist in der Allgemeinen Psychologie die
experimentelle Methode das zentrale Forschungsinstrument. Genauer: Der
überwiegende Teil des Wissensbestand der Allgemeinen Psychologie beruht auf
experimentellen Befunden.
Allerdings werden in der Psychologie sehr verschiedene Forschungsinszenierungen mit dem
Etikett „experimentell“ bezeichnet. Das u. a. auch zu zeigen, will ich mich nun im Hauptteil
meiner Ausführungen im Rahmen dieser Ringvorlesung bemühen. Als es darum ging, für die
Ringvorlesung ein neues Skriptum vorzubereiten, haben wir uns dazu entschieden, in das so
weite Gebiet der Allgemeinen Psychologie exemplarisch anhand eines Teilgebiets
einzuführen. Wir haben uns Gedächtnis und Erinnern entschieden, erstens, weil es sich
dabei um sehr vielschichtige Phänomene handelt und zweites, weil diese Phänomene nicht nur
in der Psychologie, sondern auch in zahlreichen anderen Wissenschaftsdisziplinen eine
zentrale Rolle spielen: z. B. in der Kunstgeschichte, in den Geschichtswissenschaften, in
Sprachwissenschaft und Semiotik, in der Medientheorie, in Philosophie und Pädagogik, in
Neurobiologie und Psychiatrie etc.
Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, wie ein Leben aussehen würde ohne Gedächtnis und
Erinnerung. Ohne Gedächtnis gibt es kein Wissen. Wenn wir nichts über die Welt, in der wir
leben, wissen würden, wäre alles um uns herum neu. Nichts um uns herum würden wir
kennen, nicht um uns herum würden wir erkenne: die Menschen um uns herum, die Objekte,
die Gegenstände, die Buchstaben auf der Projektionswand hinter mir – nichts hätte Sinn und
Bedeutung für uns. Jeder Tag brächte nichts anderes als eine Abfolge momentaner Eindrücke,
die wir weder untereinander verknüpfen, noch mit vergangenen Erfahrungen in Verbindung
bringen könnten. Tatsächlich geht es ja bei Gedächtnis und Erinnern auch um Zeit, um
Zeiterleben, also darum, aktuelles Erleben mit vergangenem Erleben zu verbinden, darum,
Kontinuität herzustellen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, woraus erst die Vorstellung
von einem Morgen, der Begriff von „Zukunft“ entstehen kann. Ohne Gedächtnis gäbe es diese
Erfahrung der Kontinuität nicht und damit kein Ich, und das nicht, was wir mit Begriffen wie
„Identität“ und „Person“ zu begreifen versuchen.
Angesichts dessen, dass Orientierung in der Welt, also die Konstituierung von Sinn und
Bedeutung untrennbar verknüpft ist mit psychischen Funktionen und Leistungen, die wir mit
dem Konzept des Gedächtnisses verbinden, sind die Anfänge der Gedächtnisforschung in der
Psychologie doch einigermaßen erstaunlich. Sie gehen zurück auf Hermann Ebbinghaus
(1850-1909) (2 Folien: mit etwa 24 Jahren und zwei Jahr vor seinem Tod), der mit seiner
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kleinen Schrift Über das Gedächtnis zum wegbereiter einer streng an
naturwissenschaftlichen Standards ausgerichteten wissenschaftlichen Psychologie wurde.
Diese Anfänge sind deshalb erstaunlich, weil Ebbinghaus Gedächtnisprozesse ausgerechnet
über das Behalten von sinnfreiem Material untersucht hat.
Schauen wir uns einmal dieses Material, die berühmten „sinnlosen Silben“ an. Hier sehen Sie
eine Seite aus dem Silbenheft, das Ebbinghaus angelegt hat: Sie sehen gleich, dass die
Silben so sinnlos nicht sind: gleich in der ersten Zeile kommt „maut“ vor, in der dritten Zeile
z. B. steht „joch“, in der vierten „kur“ etc. Also: nicht sinnlose Silben, sondern sinnlose
Silbenreihen – damit hat Ebbinghaus experimentiert. Das Konstruktionsprinzip der einzelenen
Silben denkbar einfach: Konsonant-Vokal-Konsonant. Aus der Tafel sehen Sie, dass
Ebbinghaus dabei nicht von Buchstaben, sondern von Lauten ausgegangen ist. Auf der
folgenden Folie sind alle von ihm benutzten Anlaute, Vokallaute und Auslaute
dargestellt. Aus diesem Ausgangsmaterial lassen sich insgesamt 2299 verschiedene Silben
konstruieren, viele davon sind – wir haben es gesehen – bedeutungstragend. Nur 8 Silben –
Wörter aus der Gossensprache – wurden von ihm eliminiert.
Die einzelnen Silben wurden nun nach dem Zufallsprinzip zu unterschiedlich langen Reihen
kombiniert, von denen Ebbinghaus annahm, dass sie – wenn sie nur gleich lang sind, d. h. aus
der gleichen Anzahl von Silben bestehen – gleich schwer bzw. gleich leicht zu erlernen sind.
Ebbinghaus experimentierte mit sich selbst, also im Selbstversuch. Er las sich jede der in
einem Heft aufgeschriebenen Silbenreihen vom Anfang bis zum Ende mit halblauter Stimme
vor, und zwar so lange, bis er sie fehlerfrei – mangels objektiver Kontrolle musste er das
einschränken auf: „mit dem Gefühl der Fehlerfreiheit“ reproduzieren konnte. Nach jedem
Lesedurchgang (nach jeder Widerholung) schob er einen auf einer Schnur aufgefädelten
Knopf von links nach rechts weiter. Nach dem fehlerfreien Reproduzieren einer Reihe zählte
er die verschobenen Knöpfe und hielt das Ergebnis (die Anzahl der benötigten
Lernwiederholungen) schriftlich fest. Dann ging er zur nächsten Reihe über.
Kommen wir zu den Ergebnissen dieser Untersuchungen, die trotz der vielen methodischen
Einwände, die gegen Ebbinghaus erhoben wurden, in zahlreichen Nachfolgeuntersuchungen
bestätigt wurden
1. das Gesetz von Ebbinghaus, das eine gesetzmäßige Beziehung zwischen Umfang des
Lernmaterials und dem Lernaufwand postuliert: Jede Zunahme des Lernaufwands macht
eine überproportionale Steigerung des Lernaufwands notwendig. + 2 Folien mit dem
Material
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2. Schauen Sie nochmals die erste Zeile der Ergebnistafel an: Eine aus 7 Silben bestehende
Reihe konnte Ebbinghaus nach nur einmal durchlesen fehlerfrei reproduzieren. Die
Gedächtnisspanne war erfunden. Auch dieser Befund hat gehalten: Die Kapazität des
Kurzzeitgedächtnisses – so sagen wir heute – ist begrenzt: sie beträgt in etwa 7 unverbundene
Einheiten. Ich werde darauf später nochmals zurückkommen.
3. Das bekannteste Untersuchungsergebnis von Ebbinghaus stellt die so genannte
Vergessenskurve dar. Um zu verstehen, worum es dabei geht, ist es notwendig, das Verfahren
ihrer Herstellung zu erörtern – jenes Verfahren, das Ebbinghaus als die Ersparnismethode
bezeichnete. Ebbinghaus ermittelte den Aufwand an Lernwiederholungen, der notwendig ist,
um 8 13silbige nach der geschilderten Art und Weise zu lernen. Also jede Reihe solange vor
sich hersagen, bis sie fehlerfrei reproduziert werden kann; dann Übergang zur nächsten Reihe.
Den für alle 8 Reihen ermittelten Lernaufwand setzte er dann in Beziehung zum Aufwand, der
notwendig ist, dieselben 8 13silbigen Reihen nach dem Verstreichen verschiedener
Zeitintervalle wieder zu lernen. Die Resultat seiner Versuche sind in der folgenden Grafik
(Vergessenskurve) dargestellt – erklären!
So, jetzt können wir versuchen, uns klar zu machen, was das bedeutet. Wir lernen in der von
Ebbinghaus angegeben Art eine sinnlose Silbenreihe. . In dem Moment, wo wir sie frei vor
uns hersagen können, ist sie klar in unserm Bewusstsein. Während wir die nächste Reihe
lernen, entschwindet die vorangegangene aus unserem Bewusstsein, sie sinkt – wie
Ebbinghaus sagte – unter die Bewusstseinsschwelle hinab. Das heißt: Sie ist nicht mehr
spontan reproduzierbar. Das gilt nach dem Ende der Prozedur für alle Reihen. Nichts von
dem, was wir da gelernt haben, ist nach 20 Minuten mehr reproduzierbar. Dennoch muss es
noch irgendwie vorhanden sein. Sonst könnten wir uns die Lernersparnis nach 20 Minuten, 1
Stunde, 9 Stunden, einem Tag zwei Tage etc. nicht erklären. Ebbinghaus hat also
experimentell gezeigt, dass das, was einmal in unserem Bewusstsein war, nicht zu bestehen
aufhört, wenn es nicht mehr in unserem Bewusstsein ist. Weil es nicht mehr in unserem
Bewusstsein ist, können wir zwar nicht wissen, dass es noch existiert. Wir können aber sein
Fortbestehen demonstrieren, und zwar eben an den Wirkungen, die es auf spätere
Lernprozesse ausübt.
Allgemein formuliert: Inhalte, die wir uns durch Lernen aneignen, üben – sind sie einmal
angeeignet – gleichsam von sich aus eine Wirkung auf künftige Lernprozesse aus. Wobei –
wie Ebbinghaus gezeigt hat – die Stärke dieser Wirkung von zumindest zwei verschiedenen
Faktoren abhängt. Sie ist eine Funktion des Aufwandes, den wir in die ursprüngliche
Aneignung Lernstoffes investiert haben, und der Zeit, die zwischen Aneignung und Neulernen
des Lernstoffes vergangen ist.
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So jetzt haben Sie die erste Etappe unseres Kurses schon gemeistert. Die zweite Etappe der
Entwicklung der Gedächtnispsychologie ist untrennbar mit dem Namen Sir Frederick
Bartlett (1886 – 1969) verbunden, der an der von Ebbinghaus begründeten (und bis heute
fortwirkenden) Tradition der Gedächtnisforschung in der Psychologie heftige Kritik übte.
Bartletts Argument lässt sich in aller Kürze etwa wie folgt zusammenfassen: Wenn
Ebbinghaus in der Absicht, Gedächtnisprozesse an sich zu untersuchen, vom Sinngehalt des
Lernmaterials abstrahiert, dann abstrahiert er genau von dem, was im eigentlichen die
Funktion von Gedächtnisprozessen ausmacht: nämlich Sinn und Bedeutung zu konstruieren.
An Bartletts methodischem Ansatz besticht zunächst die im Vergleich zu Ebbinghaus
grundsätzlich andere Auffassung der experimentellen Methode: Auf Quantifizierungen wird
völlig verzichtet. Ihm ging es um die qualitative Interpretation von Erzählungen und
Zeichnungen, die seine Versuchspersonen unter experimentellen Bedingungen herstellen
mussten.
Wie sahen nun diese experimentellen Verfahren aus, die Bartlett zu seinen Zwecken – zur im
Vergleich zu Ebbinghaus: mehr lebensnahen – Untersuchung von Gedächtnisprozessen
erfunden hat? Bartlett gab seinen Versuchspersonen einfach eine Geschichte vor, die sie
zweimal hintereinander still für sich durchlesen sollte. Das Besondere daran war, dass es es
sich dabei um einen für europäische Leser und Leserinnen fremdartige Erzählung aus dem
Geschichtenschatz nordamerikanischer Indianer handelte. Der Text – ich habe ihn für Sie in
einer deutschen Übersetzung ins Internet gestellt, Sie können also die Bartlettschen Versuche
selbst nachstellen – trug den Titel The War of the Ghosts – eine Geschichte, die aufgrund der
uns als etwas unzusammenhängend erscheinenden Erzählstruktur und der magischen
Erzählelemente, die er enthält, für uns alles andere als leicht zu verstehen ist. Nach 15
Minuten sollten die Versuchspersonen den Text schriftlich nacherzählen. Die
Nacherzählungen, die Bartlett dabei erhielt, waren in der Regel wesentlich kürzer als das
Original, Eigennamen wurden nicht richtig erinnert, Details wurden ausgelassen etc. Das
alleine ist für sich noch nicht besonders bemerkenswert. (Obwohl man natürlich auch hier
schon anmerken könnte, ob es – wenn es so selbstverständlich ist, dass unsere Erinnerungen
fehlerhaft sind, es überhaupt sinnvoll ist, zu Untersuchung von Gedächtnisprozessen
ausgerechnet den Maßstab des fehlerfreien Reproduzierens anzulegen – wie Ebbinghaus es
eben getan hat!)
Bartlett interessierte sich aber für eine besondere Art von Fehler in den Reproduktionen: Für
den Leser verwirrende Details – insbesondere aber die „magischen Erzählelemente“ - wurden
einfach weggelassen, andere, für den Leser plausible Details wurden hinzugefügt. Im Ganzen
erhielt die Erzählung bei der Reproduktion eine Art von logisch-rationaler Neuordnung: In
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der Erinnerung glichen Leser das Gelesene sozusagen ihrer eigenen Erfahrungswelt, ihren
eigenen Erwartungen an logischen Geschichten an. Das „Fremde“ wurde nostrifiziert. Es
erwies sich gerade nicht als – buchstäblich – „merkwürdig“, sondern gab Anlass für
Nacherzählungen, die für die Versuchspersonen Sinn ergaben und – auch das ist
bemerkenswert – ihren eigenen Interessen und Bedürfnissen entgegenkamen. Bartlett sprach
von einer starken Tendenz zur Rationalisierung, die in den Reproduktionen sichtbar wurde:
Wann immer etwas verwirrend oder unbegreiflich ist, wird es weggelassen oder „erklärt“, d.
h. umgedeutet.
Die eigentliche Pointe in der von Bartlett vorgeschlagenen Methode ist, dass er seinen
Versuchspersonen – und zwar in ganz unregelmäßigen Zeitabständen – immer wieder eine
Nacherzählung derselben Geschichte abverlangte (Methode der wiederholten
Reproduktion). Dabei konnte er zeigen, dass die bei der ersten Reproduktion von jeder
Versuchsperson je individuell erzeugte Form oder Struktur der Nacherzählung über alle
späteren Reproduktionen hinweg weitgehend unverändert bestehen bleibt (Bartlett sprach in
diesem Zusammenhang von einer “persistence of form“). Die Versuchspersonen bringen also
die verwirrende Ursprungsgeschichte durch Auslassungen und Umdeutungen in eine neue
Form, in eine neue Ordnung; sie arrangieren das Material zu einer neuen Geschichte. Diese
neue allgemeine Form der Nacherzählung bleibt dann über relativ lange Zeiträume stabil
erhalten, sie wird, um die Sache auf den Punkt zu bringen, also gut erinnert. Bartlett nannte
diese neukonstruierte Form oder Struktur der Nacherzählung ein Schema: Er definierte diesen
Begriff zunächst sehr allgemein als aktive Organisation vergangener Reaktionen oder
Erfahrungen; in der Anwendung auf seine Gedächtnisexperimente erhielt das Schema aber
eine mehr auf das Kognitive eingeengte Bedeutung: Es handelt sich um eine Art organisierte
Wissenseinheit, um ein geordnetes Wissen über einen bestimmten Realitätsbereich (z. B. über
den Aufbau von Geschichten in unserer Kultur), das uns die Identifizierung komplexer
Sachverhalte und damit Orientierung in der Welt ermöglicht. Solche Schemata erleichtern uns
das Behalten und das Erinnern von Erlebnissen oder neu angeeignetem Wissen: Was an
Details z. B. in einer gelesenen Geschichte den vorhandenen Schemata entspricht, den
vorhandenen Erwartungshaltungen also konform geht, wird behalten, also richtig
reproduziert. Und umgekehrt: was quer läuft zu den vorhandenen Schemata, wird –
schemagerecht – umgedeutet oder „vergessen“, d. h. weggelassen. Die Bartlettsche Theorie
als Formel ausgedrückt: Die Fakten, Details, die Versuchspersonen in
Gedächtnisexperimenten (aber auch Augenzeugen von z. B. Autounfällen, wie wir gleich
sehen werden) „erinnern“, sind stets konsistent mit den vorhandenen Schemata – ganz gleich
ob diese Fakten und Details mit den realen Situationen, auf die sie bezogen sind,
übereinstimmen oder nicht.
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Gedächtnis- und Erinnerungsleistungen sind keine bloß reproduktiven Tätigkeiten, sondern
produktive oder konstruktive Leistungen. Gedächtnis ist also ein Aspekt aktiven, kreativen
Denkens. Nicht zuletzt aufgrund methodischer Vorbehalte, die die Fachwelt viele Jahrzehnte
lang – sofern sie sie überhaupt zur Kenntnis nahm – gegen die Bartlettschen
Gedächtnisexperimente hegte, fand diese Einsicht keine Resonanz in der modernen
Gedächtnisforschung. Zu Beginn der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts begann sich dies zu
ändern. Teile der Bartlettschen Theorie wurden nun rezipiert und den gerade geltenden
methodischen Standards gemäß in experimentelle Inszenierungen übersetzt. Bekannt
geworden sind etwa die Experimente, die die amerikanische Psychologin Elisabeth Loftus
1979 publiziert hat und die vor allem in Hinblick auf die Einschätzung der Glaubwürdigkeit
von Augenzeugenberichten interessant sind. In einer der Untersuchungen hat Loftus ihren
Versuchspersonen einen Film von einem Autounfall gezeigt. Einer Gruppe wurde nach dem
Film die Frage gestellt:
How fast were the cars going when they smashed into each other? (Wie schnell fuhren
die Autos, als sie ineinander krachten?)
Die andere Gruppe wurde dagegen gefragt:
How fast were the cars going when they contacted each other? (Wie schnell fuhren die
Autos, als sie sich berührten?).
Die Versuchspersonen in VG 1 schätzten die Geschwindigkeit durchschnittlich auf 65 km/h,
die Versuchspersonen in VG 2 entsprechend geringer, auf 50 km/h. Etwa eine Woche später
wurden alle Versuchspersonen gefragt, ob sie bei dem Unfall im Film gesehen haben, dass
Glas zersplittert ist. Im Film waren keine Glassplitter zu sehen gewesen. Trotzdem
beantwortete etwa ein Drittel der Versuchspersonen aus VG 1 diese Frage mit ja; gegenüber
nur 14 % in der VG 2. Die unterschiedlichen Informationen, die die beiden Versuchsgruppen
allein durch die Wortwahl bei der Frage nach der Geschwindigkeit der Autos erhielten – in
Anlehnung an Bartlett könnten wir sagen, dass dadurch zwei verschiedene Schemata generiert
wurden – beeinflussten also maßgeblich das, was die Augenzeugen tatsächlich gesehen zu
haben meinten.
Dieser – mehr auf individuelle Gedächtnisleistungen bezogene – Teil der Theorie Bartletts ist
also in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren von der Fachwelt gleichsam neu
entdeckt worden. Ein anderer Aspekt der Bartlettschen Konzeption harrt noch einer weiteren
Ausarbeitung: In seinem berühmten Buch hat er neben der Methode der seriellen
Reproduktion ein zweites Untersuchungsverfahren ausprobiert: die Methode der seriellen
Reproduktion. Dieses Verfahren erinnert ein wenig an das Kinderspiel „Stille Post“. Die
Reproduktion einer Nacherzählung einer ersten Versuchsperson wird einer zweiten
Versuchsperson vorgelegt, die von ihr produzierte Nacherzählung einer dritten, deren
Reproduktion der Nacherzählung der zweiten einer vierten Versuchsperson usf. Bartlett
konnte in solchen Versuchsreihen auf den umstand aufmerksam machen, dass die von ihm
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postulierten Schemata sozusagen kulturell normiert sind. Eindrucksvoll gelang ihm das mit
derart seriell dargebotenem visuellem Material. Fremdartige Stimuli werden relativ rasch in
konventionelle, d. h. allgemein in einer Kultur akzeptierte Formen übergeführt (Beispiele – 2
Folien)
Ich kommen jetzt zu den zeitgenössischen Konzeptionen in der Gedächtnispsychologie.
Diese zeitgenössische Gedächtnisforschung ist durch und durch geprägt durch den
Informationsverarbeitungsansatz, wie er in den sechziger und siebziger Jahren im Zuge der so
genannten kognitiven Wende der Psychologie allgemein durchgesetzt wurde. Aus
Zeitgründen kann ich darauf nicht eingehen. Ich glaube aber, dass davon in der Einführung
zur Ringvorlesung ohnehin schon die Rede war.
Eine der Hauptresultate der modernen, im weitesten Sinne einem
„Informationsverarbeitungsansatz“ verpflichteten, kognitive Gedächtnisforschung ist denn
auch unmittelbar aus dieser Computermetapher abgeleitet: die Differenzierung
verschiedener Gedächtnissysteme. Also: Gedächtnis wird jetzt nicht mehr als eine
undifferenzierte Einheit aufgefasst, sondern als eine Struktur, die aus mehreren, funktional
unterschiedlichen Teilsystemen mit spezifischen Eigenheiten und Aufgaben besteht. Zunächst
wurden nur zwei solcher Gedächtnissysteme unterschieden: das Kurzzeit- und das
Langzeitgedächtnis. Die Analogie zur Computerwelt ist offensichtlich: Das
Kurzzeitgedächtnis entspricht dem Arbeitsspeicher, das Langzeitgedächtnis dem festen
Speichermedium – also Festplatte, CD-Rom oder Diskette. In der heutigen
Gedächtnispsychologie geht man allerdings von drei verschiedenen Gedächtnissystemen aus:
Es wird zusätzlich ein sogenanntes sensorisches Gedächtnis postuliert, das dem Kurzzeitund Langzeitgedächtnis vorgelagert sein soll. In der folgende Abbildung ist ein typisches
Mehr-Speicher-Modell schematisch dargestellt.
Die klassische Studie zur Demonstration der erstaunlich großen Kapazität des
Ultrakurzzeitgedächtnisses stammt von George Sperling (1960). Das von ihm entwickelte
Verfahren ist eigentlich recht einfach:
Er verwendete z. B. Reizvorlagen, die aus drei Reihen von je drei bzw. je vier Konsonanten
bestanden. (vgl. Abbildungen) Diese Muster wurden mit Hilfe eines Apparats
(„Tachistoskop“) sehr kurz dargeboten (Die Darbietungsdauer betrug 0,05 sec.), die Vpn
sollten danach wiedergeben, was sie gesehen hatten: bis zu vier Buchstaben konnten fehlerfrei
reproduziert werden (unabhängig davon, ob man mit neun oder zwölf Buchstaben
experimentierte). Wenn man aber nun mit Sperling ein sensorisches Register postuliert, dann
kann man davon ausgehen, dass dessen Inhalte so kurzfristig bestehen, dass sie uns während
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des Aussprechens der Buchstaben – das Aussprechen von vier Buchstaben nimmt in etwa ein
bis zwei Sekunden in Anspruch – auch schon entschwinden. Der Inhalt des sensorischen
Registers zerfällt also schneller, als wir ihn wiedergeben können. Wie kann man das zeigen?
Indem man ein anderes Wiedergabeverfahren verwendet: statt einem
„Ganzberichtsverfahren“ ein „Teilberichtsverfahren“. Eine mögliche Variante eines
solchen Teilberichtsverfahrens sieht so aus: Nach der Reizdarbietung spielen wir den
Versuchspersonen einen von drei deutlich verschieden hohen Tönen vor. Beim hohen Ton
sollen sie die erste Buchstabenreihe, beim mittleren die zweite, beim tiefen Ton die dritte
wiedergeben. Dabei können die Versuchspersonen fast immer alle oder nahezu alle
Buchstaben einer Dreier und sogar einer Viererreihe richtig angeben. Da sie erst nach der
Reizdarbietung erfahren, welche Reihe sie wiedergeben sollen, kann angenommen werden,
dass fast alle dargebotenen Buchstaben (bei Viererreihen sind das 12!) gleichzeitig im
sensorischen Register enthalten waren. Sperling folgerte daraus, dass es erstens Sinn macht,
ein solches sensorisches Register anzunehmen und zweites, dass die Kapazität – also das
Fassungsvermögen dieses Speichers – beachtlich groß ist. Erinnern Sie sich daran, was ich
Ihnen das letzte Mal als das Gesetz von Ebbinghaus vorgestellt habe: Jede Zunahme des
Lernstoffs macht eine unverhältnismäßig große Steigerung des Lernaufwands notwendig.
Hier ist noch einmal die entsprechende Ergebnis-Tabelle: Ebbinghaus brauchte zur
Erlernung einer aus zwölf Silben bestehenden Reihe 16 bis 17 Wiederholungen.
Die klassische Studie über die schon mehrmals erwähnte Limitierung der Kapazität des
Kurzzeitgedächtnisses stammt von George A. Miller (1956). Seit dem Erscheinen dieser
Arbeit geistert diese Formel durch sämtliche Lehrbücher der Psychologie: Der Umfang des
Kurzzeitgedächtnisses umfasst 7 (+/- 2) unverbundene Einheiten. Was aber sind
unverbundene Einheiten?
Schauen Sie sich einmal das folgende Beispiel an:
OSZ – EBM – WAH – SHB. Können Sie sich die Buchstabenfolge nach einmaligen
Durchlesen merken? Vermutlich nicht. Es gelingt Ihnen aber sicher, wenn die Buchstaben
anders gruppiert, anders kodiert werden: OSZE, BMW, AHS, HB. Jetzt handelt es sich nicht
mehr um 14 einzelne Buchstaben, sondern um bekannte Abkürzungen. 14
Informationselemente wurden durch diesen Vorgang auf nur vier unabhängige Einheiten
reduziert. Miller bezeichnete in seiner einflussreichen Arbeit aus 1956 eine
bedeutungstragende Einheit als „Chunk“. Die Buchstabenfolge O, S, Z, E sind 4 Chunks,
die Abkürzung OSZE ist nur ein Chunk. Der Vorgang der Gruppierung heißt daher
„Chunking“. Seine Funktion ist klar: Durch Chunking wird eine erhebliche
Kapazitätserweiterung des Kurzzeitgedächtnisses erreicht.
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Ich komm zum Schluss meiner Ausführungen noch kurz auf das dritte Speichersystem zu
sprechen: auf das Langzeitgedächtnis. Mehr als ein paar kursorische Bemerkungen gehen sich
heute dazu nicht mehr aus. Die uns Psychologen leitende Kernfrage lautet: Wie ist unser
Wissen über die Welt in diesem Speichersystem repräsentiert? Oder besser: Wie sollen wir
uns vorstellen, dass unser Wissen über die Welt im Langzeitgedächtnis organisiert ist.
Wichtig ist zunächst, dass wir uns klar machen, dass wir sehr verschiedene Dinge wissen.
Grob unterscheiden wir das Wissen über Fakten und Ereignisse, das wir uns im Laufe unseres
Lebens angeeignet haben, und das Wissen, wie man etwas tut (Schifahren z. B. oder
Autofahren etc.). Ersteres wird mit dem Begriff des deklarativen Gedächtnisses, letzteres
unter dem Begriff des prozeduralen Gedächtnisses erfasst.
In Bezug auf das, was heute als deklaratives Gedächtnis bezeichnet wird, hat der kanadische
Psychologe Endel Tulving die Notwendigkeit betont, zwischen einem semantischen und
einem episodischen Gedächtnis zu unterscheiden. Das semantische Gedächtnis soll – wie
eine Art geistiges Wörterbuch – unseren ganzen Wortschatz enthalten (also Wörter und ihre
Bedeutung), verschiedene Sets von Regeln (z. B. grammatische, logische, mathematische)
sowie erlerntes Wissen über Sachverhalte aus verschiedenen Wissensgebieten (z. B.
chemische Formeln, historische und geographische Daten, Wissen über Tiere, Autos,
Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände, Fußball etc.).
Das episodische Gedächtnis soll hingegen Erinnerungen an konkrete persönliche Ereignisse
repräsentieren. Es enthält also sozusagen Informationen darüber, was wir wann und wo erlebt
haben (z. B. über den gestrigen Abend im Beisl). Alles das, was sich uns im Alltag ergeben
hat – ganz gleich, ob lebensgeschichtlich bedeutsam oder völlig trivial – alles das, was wir an
konkreten Lebens- und Handlungserfahrungen gemacht haben, kann Inhalt des episodischen
Gedächtnisses werden. Sehr oft – wenn auch, wie ich glaube, zu unrecht – wird das
episodische Gedächtnis auch als autobiografisch bezeichnet. Zu unrecht deshalb, weil
autobiographisch mehr auf das lebensgeschichtlich Relevante abzielt. Also: Von
autobiografischem Gedächtnis sollte man ausschließlich im Hinblick auf die Fähigkeit
sprechen, das eigene Leben nach bestimmten Relevanzgesichtspunkten zu strukturieren. Es
geht dabei also um eine Art mentale Repräsentation unserer Lebensgeschichte – wobei mit
Lebensgeschichte nicht der objektive Lebenslauf, sondern eine Art Selbst-Erzählung des
eigenen Lebens (und zwar in Form einer Aneinanderreihung von subjektiv als bedeutsam
erachteter Episoden) gemeint ist. Die Funktion solcher Selbsterzählungen liegt auf der Hand:
Lebens- und Handlungsorientierung, Identitätsbildung. Das so verstandene autobiografische
Gedächtnis ist ein hoch interessantes Thema – leider wird es in seiner Bedeutung von einem
großen Teil der auf dem Gebiete des Gedächtnisses arbeitenden Psychologen (aus
methodischen Gründen, wie ich vermute) nicht gebührend zur Kenntnis genommen.
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Tulvings Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil er auf damit auf ein Hauptmanko aller
bisherigen Gedächtnisforschung hinweisen wollte: dass nämlich unser sprachliches Wissen in
der bisherigen experimentellen Gedächtnispsychologie kaum noch untersucht wurde. Diese
Kritik zeitigte rasch Wirkungen: Im Anschluss an Tulving begann sich die Forschung immer
mehr jener Grundfrage zuzuwenden: Wie ist unser sprachliches Wissen im Gedächtnis
strukturiert? In diesem Kontext ist dann auch Bartletts Schema-Theorie aus den dreißiger
Jahren wieder aktuell geworden. Doch davon werde ich Ihnen dann im Fortgang meiner
Vorlesungen über Allgemeine Psychologie ausführlicher berichten.
Für heute danke ich für Ihre Aufmerksamkeit.
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