Grundlagen der Medizinischen Mikrobiologie Kurs 2 (1)

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Grundlagen der Medizinischen Mikrobiologie - Erreger-Wirt-Beziehung
Nur ein kleiner Teil aller in der Natur vorkommenden Mikroorganismen kann
Krankheiten beim Menschen verursachen
pathogene Mikroorganismen; der
Mensch muss prinzipiell empfänglich sein, zusätzlich muss individueller Stamm
virulent und individueller Mensch anfällig sein Infektion/Infektionskrankheit.
Bakterielle Erreger können oft – aber nicht immer – kultiviert werden.
Erreger oder Besiedler
Der Mensch besitzt mehr Bakterien als Körperzellen. Eine entscheidende Frage
ist deshalb, ob ein isoliertes Bakterium tatsächlich den Erreger darstellt.
Hauptaufgabe der Medizinischen Mikrobiologie
Die Hauptaufgabe der medizinischen Mikrobiologie ist die Verarbeitung von
Patientenmaterial zum Erregernachweis entsprechend den klinischen Angaben.
Prinzipiell unterscheidet man zwei Arten von Untersuchungsproben:
Normalerweise sterile Materialien wie Blutkulturen, Liquor und Punktate.
Materialien, die normalerweise schon Bakterien enthalten.
Die isolierten Bakterien werden identifiziert, so weit es sich um potentielle Erreger
handelt. Wenn nötig, wird die Resistenzprüfung durchgeführt. Der Arzt erhält
einen Bericht mit speziellen Hinweisen.
Bei Materialien, die Normalflora enthalten, müssen pathogene Keime selektiv
gesucht und kultiviert werden können. Klassisches Beispiel: Mycobacterium
tuberculosis aus dem Sputum. Neue gentechnologische Methoden wie die
Hybridisierung und die Polymerase Chain Reaction (PCR) haben die gezielte
Suche nach Erregern aus solchen Materialen entscheidend erleichtert,
beispielsweise in respiratorischen Materialien die Suche nach Mycoplasma
pneumoniae, Chlamydia pneumoniae und Bordetella pertussis.
Präanalytik
Entscheidend für eine gute Mikrobiologie ist die richtige Entnahme und der richtige
Transport (siehe Auftragsformular IMM).
Materialien mit Normalflora
Die folgende Zusammenstellung zeigt die
Untersuchungen von Materialien mit Normalflora.
sinnvollen
Bereich
Sinnvolle Untersuchungen
Unnötige Untersuchungen
Nebenhöhlen
Rachenabstrich
Sputum
Sinuspunktat
Streptokokken Gruppe A
M. tuberculosis
Nasenabstriche
allgemeine Bakteriologie
allgemeine Bakteriologie
und
unnötigen
Rachenabstriche sind sinnvoll für die gezielte Suche nach Streptokokken der
Gruppe A. Die Kultur dauert 24-48 Stunden. Allerdings stehen heute dafür
einfache Schnellteste zur Verfügung, die in der Praxis durchgeführt werden
können. Rachenabstriche können auch direkt mikroskopisch auf Plaut-VincentFlora untersucht werden. In Spezialfällen dient die Kultur der Rachenabstriche
dazu, Träger von Meningokokken, Diphtheriebakterien und - bei
Immunsuppression- von Enterobakteriaceen zu finden. Die Entnahme von
Nasenabstrichen dient der Suche von Trägern von Staphyolococcus aureus.
Hingegen sind Nasenabstriche ungenügend für die Diagnose einer Sinusitis. Für
die Erregerdiagnose einer Sinusitis ist leider ein Sinuspunktat erforderlich,
welches in einem anaeroben Transportmedium versandt werden muss.
Bei einer Bronchitis erfolgt in der Regel keine spezifische Diagnostik. Viel
wichtiger ist die Kenntnis der Epidemiologie, wozu das Bulletin des BAG hilfreich
ist.
Der Erregernachweis bei einer Pneumonie wird leider zu oft aus dem Sputum
versucht. Der Versand von Sputen (TBC ausgenommen) für die Erregersuche ist
nicht hilfreich, da entweder der Erreger auf dem Transport abstirbt
(Pneumokokken) oder durch die Normalflora überwuchert wird; auf jeden Fall ist
o
ein schneller Transport wichtig, allenfalls bis dahin Lagerung bei 4 C.
Im Labor wird das Sputum und Trachealsekret auf Epithelzellen untersucht, um
die Kontamination mit Mundflora zu beurteilen. Das Vorliegen von Leukozyten
spricht eher für eine Infektion als für eine Kolonisation. Die Untersuchung der
respiratorischen Materialien muss semiquantitativ oder sogar (bronchoalveoläre
Lavagen) quantitativ erfolgen. Bei einer Pneumonie findet man 105 -106 Bakterien
pro ml Sekret; je nach Entnahmeart muss die Vorverdünnung berücksichtigt
werden.
Potentielle Erreger können auch nur Besiedler sein.
Bereich
Haut
Wunden
Stuhl
Harnwegsinfekt
Genital
Sinnvolle Untersuchungen
Pilze
tief (inclusive Anaerobier)
gezielt
Pyelonephritis
Cervikalabstrich
Unnötige Untersuchungen
allgemeine Bakteriologie
oberflächlich
ungezielt
erstmalige Cystitis bei Frau
Vaginalabstrich
Normalerweise sterile Proben
Bei normalerweise sterilen Materialien muss das Labor die optimalen
Kulturbedingungen anwenden, um auch unerwartete Erreger zu finden,
beispielsweise schwer züchtbare Bakterien aus der Blutkultur.
Hautkeime, die aus normalerweise sterilen Materialien isoliert werden, dürfen
nicht immer ohne weiteres als Kontaminanten unterdrückt werden (Koagulasenegative Staphylokokken, Propionibacterium acnes).
Eine gute Kommunikation zwischen Klinik und Labor erleichtert oft die
Beurteilung, ob ein isoliertes Bakterium ein Erreger oder ein Besiedler ist.
Aufgabe des Arztes
Die Indikation einer bakteriologischen Untersuchung und die Entnahme des
Materials sind entscheidend für eine korrekte mikrobiologische Untersuchung. Im
optimalen Fall sollte dem Kliniker die Sensitivität und die Spezifität einer
Untersuchung bekannt sein, damit das mikrobiologische Resultat Therapierelevant interpretiert werden kann.
Normalflora (nur wichtigste Nennungen)
Haut: Koag.-neg. Staphylokokken, Corynebakterien, Pilze
Mundhöhle: vergrünende Streptokokken, apathogene Neisserien, Anaerobier
Oberer Respirationstrakt: ähnlich zu Mundhöhle
Urethralflora: Corynebakterien, Koag.-neg. Staphylokokken, vergrünende Streptokokken
Genitalflora bei der Frau: Lactobazillen
Darm: Anaerobier, Enterokokken, Enterobakteriaceen
R. Zbinden, Prof Dr. med. et lic. phil. II, Institut für Med. Mikrobiologie, Uni Zürich. Juli 2015
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