Berliner Kampagne für ein trägerübergreifendes Beratungs‐ und Testangebot zu HIV/Aids, Syphilis und HCV Ein Kooperationsprojekt der Berliner Aids‐Hilfe e.V., der Schwulenberatung Berlin gGmbH/Pluspunkt, Mann‐O‐Meter e.V. und Fixpunkt e.V. in Zusammenarbeit mit dem PARITÄTISCHEN Wohlfahrtsverband Berlin Zwischenbericht und Fazit September 2011 – November 2012 im Auftrag des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Landesverband Berlin e.V. mit freundlicher Unterstützung der Mai 2013 earbeitet von: Jochen Drewes, Wissenschaftlicher Mitarbeiter FU Berlin Mit Unterstützung von: Ute Hiller, Berliner Aids‐Hilfe e.V. Astrid Leicht, Fixpunkt e.V. Stephan Jäkel, Schwulenberatung gGmbH/Pluspunkt Marcus Behrens, Mann‐O‐Meter e.V. und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der beteiligten Projekte Herausgeber: Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Brandenburgische Str. 80 10713 Berlin Referat Gesundheit/Suchthilfe/HIV, Aids Ansprechpartnerin: Heike Drees, Tel. 030 86001‐168 Seite | 2 Inhaltsverzeichnis Vorwort .................................................................................................................................................... 4 Bedeutung von HIV‐, Syphilis‐ und HCV‐Tests ......................................................................................... 7 Zielgruppen und Ziele der Berliner Testkampagne ............................................................................... 10 Die beteiligten Projektträger ................................................................................................................. 11 Vorgehen der Evaluation ....................................................................................................................... 20 Ergebnisse der Evaluation ..................................................................................................................... 21 Zusammenfassung und Fazit ................................................................................................................. 30 Literaturhinweise .................................................................................................................................. 32 Seite | 3 Vorwort Der vorliegende Bericht ist das Zwischenfazit der 2011 gestarteten „Berliner Kampagne für ein trägerübergreifendes Beratungs‐ und Testangebot zu HIV/Aids, Syphilis und HCV“ für den Testzeitraum September 2011 bis November 2012, finanziert von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Die Kampagne ist ein Kooperationsprojekt der Berliner Aids‐Hilfe e.V., der Schwulenberatung Berlin gGmbH mit ihrem Projekt Pluspunkt, Mann‐O‐Meter e.V. und Fixpunkt e.V., die an verschiedenen Standorten im Verbund durchgeführt wird. Die Qualität der Berliner Testkampagne wird von einer kontinuierlichen Arbeitsgruppe sichergestellt und weiter entwickelt. Die beteiligten Projektträger nehmen an Ringversuchen der Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien e.V. teil. Über den gesamten Zeitraum der Kampagne werden Daten gesammelt und im Auftrag des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes extern wissenschaftlich ausgewertet. Ein zentrales Ziel des Beratungs‐ und Testangebotes ist, dass Menschen ihr Risiko einer Infektion kennen bzw. über ihre Infektion informiert sind und mit Unterstützung der beteiligten Projekte präventive und gesundheitsförderliche Handlungsoptionen entwickeln können. Die Berliner Testkampagne endet 2014. Im „Entwicklungskonzept für die Prävention von HIV/Aids, sexuell übertragbaren Infektionen und Hepatitiden in Berlin“ (Prof. Dr. Rolf Rosenbrock, Oktober 2010), das 2010 im Auftrag der damaligen Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz erstellt wurde, empfiehlt der Gesundheitsexperte Rolf Rosenbrock für sexuell aktive Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), einen jährlichen Test auf HIV, andere sexuell übertragbare Infektionen (STI) und Hepatitis C. „Prävention ist eine Daueraufgabe – und eine Bringeschuld: Wenn eine maximale Reduktion der Neu‐ Infektionen angestrebt wird, müssen die Botschaften so nah an die Adressaten herangetragen werden, wie es möglich ist (…).“ Genau da setzt die Berliner Testkampagne an: den Lebenswelten der Hauptzielgruppen. Die Auswertung der Daten im Zeitraum September 2011 bis November 2012 zeigt, dass innerhalb von 15 Monaten mehr als 5.000 Mal bei den teilnehmenden Projekten nach einem Infektionsrisiko auf eine HIV‐, und/oder Syphilis‐ und/oder HCV‐ Infektion getestet wurde. Frühzeitig erkannte Infektionen durchbrechen die Infektionskette, wirken primärpräventiv und führen zu besseren Behandlungsmöglichkeiten. Laut Schätzung des Robert Koch‐Instituts (RKI) leben in Berlin Ende 2012 etwa 15.000 Menschen mit HIV. Die geschätzte Zahl der Neuinfektionen mit HIV wird in Berlin 2012 mit 450 Personen angegeben, davon sind 380 Männer, die Sex mit Männern haben. Häufig liegen mehrere Jahre zwischen einer Infektion mit dem HI‐Virus und der Diagnose. Die Anzahl bisher nicht aufgedeckter HIV‐Infektionen in Berlin schätzt das RKI 2012 mit etwa 2.300 Personen. (HIV/Aids in Berlin – Eckdaten der Schätzung – Epidemiologische Kurzinformationen des Robert Koch‐Instituts Stand: Ende 2012*). In Berlin haben effektive, nachhaltige Präventionsmaßnahmen und ein großes Engagement der Selbsthilfe und Betroffenengruppen dazu geführt, dass sich die Situation der Aidspandemie günstiger entwickelt hat als in anderen Regionen Europas. Dennoch gibt es auch in Berlin weiterhin Seite | 4 Neuinfektionen und Trends, die sorgfältig zu beobachten sind und denen entgegengewirkt werden muss, z.B. die Verbreitung von Hepatitis C bei MSM. Laut Rosenbrock erfordert „die Zunahme sexuell übertragbarer Infektionen (STI) (sowie ihre wechselseitigen Interferenzen mit HIV) sowie die Zunahme von Hepatitis‐C‐Infektionen v.a. bei IDU und HIV‐positiven MSM (…) die Umstellung und Erweiterung der Präventionsbotschaften über die safer‐sex‐ und safer‐use‐Botschaften hinaus (in Hinblick auf Hepatitis C zum Beispiel die strikte Vermeidung von Utensilien und Substanzen, die mit Blut in Berührung gekommen sein könnten). Eine solche Strategie der Risikoreduzierung sollte von der Aufforderung zu einem (mindestens) jährlichen Test auf STI und Hepatitis C begleitet sein.“ Mit der Inanspruchnahme des Angebotes von Beratung und Tests bei den vier beteiligten Projekten seit Einführung der Testkampagne sind wir mehr als zufrieden. Die Zahlen weisen auf eine hohe Testbereitschaft in Berlin hin. Das Testangebot muss unbedingt in Verbindung mit „einer ausführlichen Prä‐ und Post‐Test‐ Beratung inkl. Risikoanamnese und Erörterung möglicher Hinderungsgründe für präventives Verhalten angeboten werden“, so Rosenbrock. Die Berliner Testkampagne erfüllt diese Forderung in vorbildlicher Weise. Im Berichtszeitraum wurden 53 HIV‐Infektionen, 52 Syphilis‐Infektionen und 30 HCV‐Infektionen gefunden. Zwar haben die Behandlungsmöglichkeiten die Situation dramatisch entspannt, dennoch bleibt „ein HIV‐Test ein oft dramatisch erlebtes ‚life‐event‘“. Rosenbrock fordert deshalb, dass „es für Menschen mit positivem Test sofortigen Zugang zu psychosozialer Unterstützung bei der Bewältigung der Diagnose geben (muss)“. Auch in dieser Hinsicht sind die Projekte in der Berliner Testkampagne optimal aufgestellt und fachlich kompetent. Das vorliegende Zwischenfazit beweist, dass mit der Berliner Testkampagne eine vielfältige Klientel erreicht wird. Die Testsuchenden sind mit einem durchschnittlichen Alter von knapp 33 Jahren eher jünger, sie weisen mit 30% einen hohen Anteil von Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Migrationshintergrund auf, schwule und bisexuelle Männer sind die Hauptnutzergruppe. Seit Ende 2012 wurde die Testkampagne noch stärker als bisher auf diese Zielgruppe fokussiert. Wie bei anderen Gesundheitsangeboten auch, werden mit der Testkampagne vor allem Personen mit einem höheren Bildungsniveau erreicht, die in der Regel offener und selbstverständlicher mit Gesundheitsthemen und persönlichen Anliegen in Bezug auf ihre Gesundheit und ihr Gesundheitsverhalten umgehen und entsprechend Angebote annehmen. Es muss diskutiert werden, wie diejenigen, die als sozial benachteiligt gelten, noch besser mit Präventionskampagnen erreicht werden können. Aus der zahlenmäßigen Betrachtung wird deutlich, dass die Testkampagne bereits jetzt ein Erfolg ist. Sie verzeichnet einen kontinuierlichen Zuwachs. Die Zahl der monatlichen Nutzerinnen und Nutzer hat sich seit Beginn der Kampagne verdoppelt. Die Testbereitschaft ist wohl auch deshalb so hoch, weil nicht nur die Anonymität gewährleistet ist sondern auch nutzerorientierte Öffnungszeiten und eine gute Erreichbarkeit des Angebotes sichergestellt werden konnten. Die nahezu sofortige Ergebnismitteilung ist für viele Nutzerinnen und Nutzer ein wichtiges Kriterium. Die Berliner Testkampagne darf kein einmaliges und befristetes Angebot bleiben. Diagnostische Tests sind essentieller Bestandteil einer modernen und effektiven Präventionsstrategie, die international Seite | 5 anerkannt und von der Welt‐Gesundheits‐Organisation (WHO) sowie vom European Center of Disease Control empfohlen werden. Aids‐bedingte Todesfälle sowie die Folgen von Hepatitis‐C‐ Infektionen können durch das frühzeitige Erkennen einer Infektion bzw. dem Wissen über das Vorliegen einer blut‐ bzw. sexuell übertragbaren Infektion und einem damit einhergehenden rechtzeitigen Therapiebeginn drastisch gesenkt werden. Früherkennung rettet Leben und kann die Anzahl der Menschen, die in Berlin an HIV/Aids oder den Folgen einer Hepatitis C‐Infektion erkranken verringern. Das ist das Ziel der Berliner Testkampagne und mit diesem Bemühen darf nicht nachgelassen werden! HIV‐Infektionen, Aids und Virushepatitiden gehören weltweit zu den größten Gesundheitsproblemen unserer Zeit. Dank medizinischer Möglichkeiten und der medikamentengestützten Therapie ist HIV bzw. Aids – wie andere chronische Krankheiten – inzwischen wesentlich besser behandelbar, aber nach wie vor nicht heilbar! Ebenfalls deutlich verbessert haben sich die Behandlungsmöglichkeiten einer Infektion mit Hepatitis C. Dennoch müssen weiterhin alle Anstrengungen unternommen werden für eine wirksame und nachhaltige Prävention und für eine Früherkennung, die die Chancen für eine erfolgreiche Behandlung deutlich erhöhen und individuelle und gesellschaftliche Folgekosten senken. Das frühzeitige Wissen über eine vorliegende Infektion kann mit (Schnell‐)Testverfahren hergestellt werden. Mit dem Angebot von Beratung und Schnelltest werden in Berlin neue Wege der Prävention für die Zielgruppen beschritten und weiterentwickelt. Das Berliner Testangebot passt deshalb genau in das Aktionsprogramm Gesundheit, auf das sich die Berliner Regierungspartner in ihrer Koalitionsvereinbarung verständigt haben. Eine Weiterfinanzierung und Absicherung des passgenauen Präventionsangebotes im Verbund der qualifizierten Projekte aus Mitteln des Landes Berlin ist ab 2014 sehr zu wünschen. Berlin, den 1. Juni 2013 Barbara John Paritätischer Wohlfahrtsverband Landesverband Berlin e.V. Seite | 6 Bedeutung von HIV‐, Syphilis‐ und HCV‐Tests Die Rolle des HIV‐Antikörpertests in der HIV‐Prävention hat in den vergangenen zehn Jahren eine starke Veränderung erfahren, die sich in erster Linie durch die epochalen medizinischen Fortschritte in der Behandelbarkeit der HIV‐Infektion und die damit einhergehende medizinische und gesellschaftliche Normalisierung von HIV/AIDS erklärt. Als im Jahr 1984 der erste Test zur Detektion von HIV‐Antikörpern entwickelt wurde, standen Ärzte und Wissenschaftler dieser Erkrankung völlig hilflos gegenüber. Zwar waren die Übertragungswege und auch der Lebenszyklus des Retrovirus HIV mittlerweile weitgehend bekannt, jedoch waren medikamentöse oder andere therapeutische Möglichkeiten, um den fortschreitenden Verfall des Immunsystems und die Entwicklung der Erkrankung zum Vollbild AIDS aufzuhalten, nicht existent. Entsprechend wies die Diagnose „HIV positiv“ durch einen HIV‐Antikörpertest zwar massive Nachteile auf, insbesondere auch hinsichtlich sozialer und psychologischer Konsequenzen, jedoch hatte sie keine Vorteile in medizinischer Hinsicht. Aus diesem Grund standen AIDS‐Aktivisten und mit der Selbsthilfebewegung sympathisierende Wissenschaftler dem HIV‐Test in jener Zeit eher ablehnend gegenüber (vgl. z.B. Rosenbrock, 1994, 2000). Mit der Entwicklung wirksamer und mittlerweile auch weitgehend nebenwirkungsfreier antiretroviraler Medikamente zur Behandlung der HIV‐Infektion hat sich das Krankheitsbild der HIV‐ Infektion drastisch verändert. Die verfügbaren Medikamente sind zwar nicht in der Lage, HIV zu heilen, also das HI‐Virus vollständig aus dem Körper der Patientin bzw. des Patienten zu eliminieren, aber durch die fast gänzliche Unterdrückung der Virusreplikation im Wirtskörper wird die ansonsten unausweichliche Progression der Erkrankung hin zum Vollbild AIDS und letztendlich zum Tode in der Regel vermieden. Das durch das Virus angegriffene Immunsystem erholt sich wieder und ermöglicht der Patientin bzw. dem Patienten im Idealfall ein weitgehend beschwerdefreies Leben. Die Einführung der antiretroviralen Kombinationstherapien im Jahr 1996 hat auf diese Weise zu einer massiven Senkung von Morbidität und Mortalität unter den Menschen, die mit HIV leben, geführt. Besonders deutlich versinnbildlicht die gestiegene Lebenserwartung von Menschen mit HIV diesen medizinischen Fortschritt. In einer kürzlich veröffentlichten Modellrechnung beträgt die projizierte Lebenserwartung eines schwulen Mannes in Großbritannien, der sich im Jahr 2010 im Alter von 30 Jahren mit HIV infiziert, 75 Jahre, wenn die HIV‐Infektion frühzeitig diagnostiziert und behandelt wird. Im Vergleich zu der projizierten Lebenserwartung von 82 Jahren für eine entsprechende HIV‐ negative Person, liegt der Verlust an Lebensjahren bedingt durch die HIV‐Infektion bei sieben Jahren, ungefähr vergleichbar mit dem Verlust durch andere chronische Erkrankungen, wie z.B. Diabetes (Nakagawa et al., 2012). Diese veränderte (medizinische) Realität der HIV‐Infektion bedeutete auch große Veränderungen hinsichtlich der Möglichkeiten der HIV‐Sekundärprävention, deren Ziel nun vor allem in der Bewahrung der Lebensqualität der Betroffenen besteht. Eine zentrale Funktion bei der Erreichung dieses Ziels nimmt nun die Diagnose der HIV‐Infektion ein, ohne die eine medizinische Versorgung der Betroffenen nicht eingeleitet werden kann. Besonders wichtig ist dabei auch eine frühzeitige Erkennung der HIV‐Infektion zu einem Zeitpunkt, an dem die HIV‐Infektion noch nicht fortgeschritten ist und keine Verschlechterung des Immun‐ und Gesundheitszustandes bereits eingesetzt hat. Solche „Spätdiagnosen“ sind nicht nur mit einer ungünstigeren medizinischen Prognose verbunden, da diese Seite | 7 Patienten gesundheitlich weit weniger von einer antiretroviralen Therapie profitieren und bereits eingetretene Schädigungen eventuell irreversibel sein können, sondern sie stellen auch einen Kostenfaktor für das Versorgungssystem dar. Wie eine kanadische Studie zeigt, liegen die medizinischen Behandlungskosten für eine spät diagnostizierte HIV‐Infektion doppelt so hoch wie die durchschnittlichen Kosten, die eine HIV‐Infektion verursacht (Krentz, Auld & Gill, 2004). In Deutschland leben nach Schätzungen des Robert‐Koch‐Instituts ungefähr 14.000 Menschen, die nicht von ihrer HIV‐Infektion wissen ‐ ein Anteil von 18 % aller HIV‐Infizierten in Deutschland. Auch wenn dieser Anteil niedriger liegt als in anderen westeuropäischen Ländern (vgl. Hamers & Phillips, 2008), ist es doch auch in Deutschland vor allem im Interesse dieser Personen wichtig, niedrigschwellige HIV‐Testangeboten stärker als bisher verfügbar zu machen (siehe auch das Votum des Nationalen AIDS‐Beirats, 2012). Die erstarkte Bedeutung des HIV‐Tests beschränkt sich allerdings nicht auf die HIV‐ Sekundärprävention. Der HIV‐Test spielt heute auch eine wichtige Rolle in der Primärprävention der HIV‐Infektion. Dies gilt zum einen, wenn der HIV‐Test mit einer Beratung verknüpft ist, wie es heute in den meisten Settings, in denen er angeboten wird, üblich ist. Diese Testberatung stellt die Möglichkeit für eine intensive personalkommunikative primärpräventive Intervention dar, in der sowohl allgemeine Wissenslücken zu HIV und anderen STI, sowie Fragen zum individuellen Risikomanagement thematisiert, als auch Impulse zu Verhaltensänderung und Risikoreduktion gegeben werden können. Der Beratungsaspekt wird vor allem bei den sogenannten Beratungs‐ und Testangebote betont, wie sie auch im Rahmen der Berliner Testkampagne, aber auch von Gesundheitsämtern und anderen Einrichtungen bundesweit realisiert werden. Ein weiterer primärpräventiver Effekt einer HIV‐Diagnose ergibt sich als Konsequenz der überproportionalen Beteiligung von Menschen mit nicht‐diagnostizierten HIV‐Infektionen am Infektionsgeschehen. Der Schätzung einer US‐amerikanischen Studie zufolge ist die HIV‐ Übertragungsrate unter HIV‐Infizierten, die ihren HIV‐Serostatus nicht kennen, 3,5 mal höher als unter denen mit einer diagnostizierten HIV‐Infektion. Konkret würde dies bedeuten, dass mindestens 50 % der Neuinfektionen in den USA auf die 25 % der HIV‐Infizierten zurückzuführen sind, die ihren Status nicht kennen (Marks, Crepaz & Janssen, 2006). Für diesen Befund können zwei Erklärungen herangezogen werden. Einerseits existieren Unterschiede im sexuellen Risikoverhalten zwischen beiden Gruppen, die darauf hinweisen, dass mit einer HIV‐Diagnose die Betroffenen ihre Risikoverhaltensweisen verändern, um ihre Sexualpartnerinnen und ‐partner vor einer HIV‐Transmission zu schützen. Der Umfang dieser Reduktion des Risikoverhaltens wird in einer anderen US‐amerikanischen Studie auf 68 % geschätzt (Marks, Crepaz, Senterfitt & Janssen, 2005). Dieser Effekt wird sogar noch verstärkt durch die massive Senkung der Infektiösität von Menschen mit HIV als Konsequenz einer effektiven antiretroviralen Therapie. Diese Reduktion der Wahrscheinlichkeit, mit der das HI‐Virus übertragen werden kann, liegt empirischen Studien zufolge bei bis zu 96 % (Cohen et al., 2011), und erreicht damit auf Populationsebene eine ähnliche Wirkung wie die konsistente Nutzung von Kondomen. Ein Umstand, der den Nationalen AIDS‐Beirat zu dem Votum veranlasst, „dass bei vorliegender HIV‐Infektion eine effektive antiretrovirale Therapie eine Seite | 8 HIV‐Übertragung verhindert.“ (Nationaler AIDS‐Beirat, 2012). Auf diese Weise wird die antiretrovirale Therapie selbst zu einer bedeutenden Strategie in der HIV‐Primärprävention (vgl. Cohen & Gay, 2010). Bei der Syphilis, auch Lues genannt, handelt es sich um eine bakterielle, sexuell übertragbare Infektion, die anders als die HIV‐Infektion, durch die Behandlung mit einem Antibiotikum relativ leicht heilbar ist. Ein Test auf Syphilis ist auch deshalb wichtig, weil die Infektion lange unentdeckt bleiben kann, die langwierigen gesundheitlichen Konsequenzen der Erkrankung jedoch drastisch sind. Die Syphilis ist von wichtiger Bedeutung für die Kontrolle der HIV‐Epidemie in Deutschland, da das Vorliegen einer Syphilis‐Infektion mit erhöhter Transmissionswahrscheinlichkeit des HI‐Virus einhergeht. Diese Verstärkung der Infektiösität gilt sowohl für HIV‐negative als auch für HIV‐positive Personen. Selbst bei effektiv antiretroviral behandelten HIV‐Positiven mit einer Viruslast unter der Nachweisgrenze können die entzündlichen Prozesse, die mit einer Syphilis‐Infektion verbunden sind, dazu führen, dass die Person trotz Therapie das Virus wieder sexuell übertragen kann. Die Bedeutung der Syphilis für die Entwicklung der HIV‐Pandemie in Deutschland wird als hoch eingeschätzt. Aus Sicht des Robert‐Koch‐Instituts (2008) ist der deutliche Anstieg der HIV‐Inzidenz unter schwulen und anderen MSM Anfang dieses Jahrtausends unter anderem auf zeitlich vorhergehende Syphilis‐ Ausbrüche in dieser Population zurückzuführen. Die Aufdeckung und Behandlung von Syphilis‐ Infektionen stellt somit auch einen wichtigen Beitrag zur Primärprävention von HIV dar. Die Hepatitis C ist eine virusbedingte Entzündung der Leber, die in den meisten Fällen chronisch verläuft. Anders als gegen Hepatitis A und B gibt es keine schützende Impfung. Dank rasanter medizinischer Fortschritte kann sie sehr gut behandelt und sehr häufig auch geheilt werden. Eine Re‐ Infektion nach einer Therapie oder einer Spontanheilung ist möglich, da sich keine Immunität ausbildet. Eine HIV/HCV‐Koinfektion wirkt sich beschleunigend und erschwerend auf den HCV‐ Krankheitsverlauf aus. Die medizinische Therapie verursacht verhältnismäßig hohe Kosten (zwischen 30.000 und 70.000 Euro pro Behandlung). Hepatitis C ist in Deutschland weitverbreitet. Etwa 500.000 Menschen leben in Deutschland mit einer chronischen Hepatitis C. In Deutschland werden jährlich mehr als 5.000 HCV‐Infektionen neu gemeldet. Berlin ist dabei bundesweit Spitzenreiter mit jährlich mehr als 500 Hepatitis C‐ Erstmeldungen (Inzidenz von17, 0 auf 100.000 Einwohner/innen). In 70 % der Fälle ist die Injektion von Drogen der wahrscheinliche Ansteckungsweg (Robert‐Koch‐Institut, 2013a, 2012a). Aus diesem Grund ist die Hepatitis C‐Prävalenz unter den injizierenden Drogengebraucherinnen und Drogengebrauchern in Berlin enorm hoch. Die in 2011 vom RKI durchgeführte DRUCK‐Studie zeigt, dass die Prävalenz von HCV‐Antikörpern (die auf eine aktuelle aber auch eine ausgeheilte HCV‐ Infektion verweisen können) in dieser Population bei 52,5 % und die Prävalenz akuter oder chronischer HCV‐Infektionen bei 37,1 % liegt (Robert‐Koch‐Institut, 2012b). Andere Übertragungswege, die weit weniger gut erforscht sind, betreffen wahrscheinlich auch die gemeinsame Nutzung von Utensilien zur nasalen Applikation von Drogen (Aaron et al., 2008). Zudem richtet sich die Aufmerksamkeit der Epidemiologie in den letzten Jahren zunehmend auf Männer, die Sex mit Männern haben, insbesondere diejenigen, die HIV‐positiv sind (Bradshaw, Matthews & Danta, 2013, Schmidt et al., 2011). Seite | 9 Europäische Fachbehörden und das Robert Koch‐Institut empfehlen bei injizierenden Drogengebraucher/innen ein routinemäßiges Angebot von Tests auf HCV und ggf. HBV (Hepatitis B) auf freiwilliger Basis, das mit Weiterleitung zur Therapie verbunden sein sollte. Testangebote werden als wichtige Gelegenheit zur Beratung und Information zu Risiken und Schutzmöglichkeiten bzw. zur Therapie gewertet (ECDC, EMCDDA, 2011). Da mit einem HCV‐Antikörpertest sowohl im Schnelltest‐ oder im Labortestverfahren nur festgestellt wird, ob jemand bisher bereits mit dem Virus in Kontakt gekommen ist, ist es bei Drogengebraucherinnen und Drogengebrauchern besonders wichtig, ein PCR‐Verfahren zur Detektion von Virusmaterial zu nutzen. So kann festgestellt werden, ob aktuell eine akute oder chronische HCV‐Infektion mit Behandlungsbedarf vorliegt. Zielgruppen und Ziele der Berliner Testkampagne Die Berliner Testkampagne ist ein trägerübergreifendes Beratungs‐ und Testangebot zu HIV/AIDS, Syphilis und HCV. Es wurde gemeinschaftlich von vier regionalen Einrichtungen, der Berliner Aids‐ Hilfe, Fixpunkt, Mann‐O‐Meter und Pluspunkt, konzipiert und abgestimmt. Dabei stellt die Kampagne einen Ausbau bereits kontinuierlich oder punktuell in den beteiligten Einrichtungen realisierter Testangebote dar, mit der Absicht einer dauerhaften Etablierung dieses erweiterten Angebotes in Berlin. Das übergeordnete Ziel der Berliner Testkampagne besteht in der Aufklärung und Beratung über die Möglichkeiten der HIV‐, Syphilis‐ und HCV‐Schnelltests und die Erhöhung der Testmotivation in definierten Zielgruppen. Die so zu erreichenden Zielgruppen der Kampagne zeichnen sich dadurch aus, dass sie epidemiologisch überdurchschnittlich von HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen (STI) betroffen sind. Diese in besonderem Maße vulnerablen Gruppen umfassen vor allem 1) schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), 2) Menschen, die sich in Settings bewegen, in denen ein erhöhtes heterosexuelles Übertragungsrisiko besteht (z.B. Prostitution), 3) Menschen mit Migrationshintergrund und aus Hochprävalenzregionen, sowie 4) Drogenkonsumentinnen und Drogenkonsumenten (injizierende Drogengebrauchende, Drogenabhängige). Innerhalb dieser Zielgruppen sollen vor allem diejenigen Personen erreicht werden, die bisher nicht getestet wurden, deren letzter Test bereits länger zurück liegt, bei denen eine konkrete Risikosituation vorliegt, die ein eventuelles Restrisiko im Rahmen ihres Safer Sex‐/Use‐ Managements abklären wollen und die, die Angebote des öffentlichen Gesundheitsdienstes nicht annehmen. Konkrete Ziele bezüglich dieser Zielgruppen sind 1) die Aufklärung und Beratung über HIV, Syphilis und HCV sowie über die Möglichkeiten, diese Infektionen mit Schnelltests und anderen Test‐ verfahren zu diagnostizieren, 2) die Erhöhung der Testmotivation, 3) die Früherkennung von HIV‐, Syphilis‐ und HCV‐Infektionen und die Verweisung der betroffenen Personen in das medizinische Versorgungssystem, als Beitrag zu Sekundär‐ und Primärprävention dieser Erkrankungen. Als distale Ziele will die Kampagne einen Beitrag leisten, um 4) die AIDS‐ und HCV‐bedingte Mortalität in Berlin zu reduzieren und 5) die Inzidenz von HIV, Syphilis und HCV in Berlin zu senken. Seite | 10 Die beteiligten Projektträger Berliner Aids‐Hilfe e.V. Die Berliner Aids‐Hilfe e.V. (BAH) ist ein 1985 gegründeter gemeinnütziger Verein und Träger der größten Beratungsstelle zu HIV/Aids in Berlin sowie Kontakt‐ und Begegnungszentrum für Menschen mit HIV/Aids, Angehörige und Multiplikatoren. Die Hauptaufgaben liegen in der allgemeinen Information und Aufklärung zu HIV/Aids, Beratung, Betreuung und Unterstützung von Menschen mit HIV/Aids sowie der Prävention in den von HIV betroffenen Gruppen. Seit 2006 bietet die BAH in ihren Räumen einen anonymen HIV‐Antikörpertest als Labortest an, seit 2009 auch als Schnelltest. Mit Beginn der Berliner Testkampagne 2011 wurde das Angebot um einen Syphilis‐Antikörpertest erweitert, im Rahmen der IWWIT‐Testwochen der Deutschen AIDS‐Hilfe 2013 wurde eine sechswöchige Pilotphase für Abstrich‐Tests auf Chlamydien und Gonokokken umgesetzt. Der Test in der BAH ist insbesondere ein niedrigschwelliges Präventionsangebot für Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) und das Testangebot des öffentlichen Gesundheitswesens nicht annehmen. Personen mit einem positiven Testbefund erhalten die Chance zu frühzeitiger medizinischer Behandlung und psychosozialer Unterstützung. Personen mit einem negativen Testbefund erweitern ihre Kompetenz zu einem Infektionsrisiken mindernden Verhalten. Die Tests werden wöchentlich an zwei Tagen durchgeführt: Dienstag 17 – 20 Uhr nur für schwule sowie bisexuelle Männer sowie deren Partnerinnen auch ohne Voranmeldung, Mittwoch 15 – 18 Uhr für Frauen und Männer nur mit Voranmeldung. Für die Durchführung der STI‐Tests stehen in der BAH ein den hygienischen und medizinischen Standards entsprechender Raum für die Blutabnahme sowie zwei separate Beratungsräume zur Verfügung. Nach einem Vorgespräch ist die zum Test angemeldete Person in der Lage, eine informierte Entscheidung zu treffen, ob der Test zu diesem Zeitpunkt durchgeführt werden soll. Das Gespräch umfasst u.a. eine Darstellung und Beurteilung des Infektionsrisikos, die Information zu Übertragungswegen und Übertragungsrisiken, die Bestimmung des geeigneten Zeitpunkts für den Test sowie das geeignete Testverfahren. Die Befundmitteilung erfolgt beim Schnelltest unmittelbar, beim Labortest nach einer Woche im persönlichen Beratungsgespräch. Im Falle eines positiven Testbefundes erhält die getestete Person u.a. Informationen zu Behandlungsmöglichkeiten, zu weiteren Beratungs‐ und Hilfsangeboten sowie ggf. Krisenintervention und wird zur weiteren Befundklärung bzw. Behandlung an Arztpraxen weitervermittelt. Die Beratung erfolgt durch zwei BeraterInnen der Berliner Aids‐Hilfe, die Blutentnahme und Interpretation des Testergebnisses durch einen Arzt. Die BAH ist Teilnehmerin an Ringversuchen zu HIV‐ und Syphilis‐Schnelltests (INSTAND e.V., Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien e.V.) Seite | 11 Tests in der Berliner Aids‐Hilfe ‐ Fallbeispiele MSM, diskordant Mann, 32 Jahre, Akademiker, berufstätig, lebt in einer festen, monogamen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Der HIV‐positive Lebenspartner ist in der ART unter der HIV Nachweisgrenze. Der Testwillige ist der aktive Part beim Sex. Die beiden verwenden kein Kondom. Jährlich lässt er sich testen. Durch seinen Lebensgefährten und dessen behandelnden Arzt ist er gut informiert. MSM, geplatztes Kondom ‐> PEP Mann, 37 Jahre, berufstätig, lebt in einer festen, offenen, gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Der Partner ist HIV‐negativ. Die Absprache des Paares, bei sexuellem Verkehr mit anderen Männern Safer Sex zu praktizieren, halten beide offenbar ein. Der Ratsuchende kommt zum Test, da es bei einem anonymen Kontakt, bei dem er den passiven Part hatte, zu einem „Unfall“ kam. Das Kondom platzte. Im Beratungsgespräch schätzen wir das reelle Risiko mit dem Klienten ab, informieren über das Testverfahren und den Ablauf, und beraten zu den Folgen eines reaktiven Testergebnisses. Von der Möglichkeit einer PEP hatte er keine Kenntnis. MSM, ungeschützter Verkehr Mann, 22 Jahre, Student, hatte vor einem Tag, nach einer Party, ungeschützten Verkehr mit einem ihm unbekannten Mann und unbekannten Gesundheitsstatus. Er ist ängstlich. Von der Möglichkeit einer PEP (Postexpositionsprofilaxe) wusste er nichts. Da er im für eine PEP empfohlenen Zeitraum bei uns erschien, wird er über diese Möglichkeit informiert und dazu beraten. Er entscheidet sich am Ende für eine PEP, die wir telefonisch mit der Immunologischen Tagesklinik im VIVANTES Auguste‐ Viktoria‐Klinikum für ihn im Anschluss an die Beratung vereinbaren. Freier, heterosexuell Mann, 43 Jahre, verheiratet, hatte eine Hure besucht. Nach seinen Schilderungen war der Kontakt nicht riskant. Die Frau hatte ohne Fragen zu stellen ein Kondom verwendet. Seine Sorge um ein Risiko und einer evtl. HIV‐Infektion entsprang einem schlechten Gewissen seiner Frau gegenüber. Ein HIV‐Schnelltest sollte ihm Entlastung bringen. Männlicher Escort‐Service Mann, 22 Jahre, aus Südamerika, ohne Krankenversicherung, kam nach einem übergriffigen Erlebnis in die Beratung. Ein Dolmetscher war für die Beratung vonnöten. Bei einer Party, zu der er einen Kunden begleitet hatte, wurden ihm Drogen in das Getränk gemixt. Infolgedessen fühlte er sich willenlos. Es kam zu vielfachem Analverkehr, dabei wurde er im Enddarmbereich verletzt. Der nach eigenen Angaben beim Analverkehr sonst aktive junge Mann war durch das Erleben sichtlich schockiert. Die Situation lag erst wenige Tage zurück. Die HIV‐ und Lues‐Schnelltests waren negativ, waren aber für die aktuelle Situation nicht aussagekräftig. Wir vereinbarten mit einer HIV‐ Schwerpunktpraxis einen Termin für die Akutbehandlung. Eine begleitende Beratungsreihe haben wir ihm zusätzlich angeboten. Seite | 12 Frau mit zwei Kindern Frau, 36 Jahre, Mutter von zwei Kindern 6 und 8 Jahre, kam ohne Voranmeldung in die Testsprechstunde. Sie trennte sich vor fünf Wochen von ihrem Ehemann, nachdem sie erfahren hatte, dass er trotz gegenteiligen Versprechens weiterhin Prostituierte besuchte. Auf Nachforschungen erfuhr sie von einer Freundin, dass er auch seit langem Männersaunen aufsuchte. In der Ehe verkehrten sie geschlechtlich nur ungeschützt vaginal und anal. Die Frau war in einer akuten psychischen Krise und hatte hochgradige Angst, sie und ihre Kinder könnten „mit Aids infiziert“ sein. Nach einem ausführlichen Beratungsgespräch vereinbarten wir eine PCR und boten bis zum abschließenden Antikörpertest Unterstützung durch unsere Frauensprechstunde an. EU‐Ausländer (Tourist) 26 jähriger nicht geouteter homosexueller Mann aus Tschechien, ist zum CSD in Berlin. Da er aus einer kleinen Stadt kommt und dort jeder jeden kennt, nutzt er den Besuch in Berlin, sich auf HIV testen zu lassen. Der junge Mann, der als Kellner arbeitet, spricht englisch. Nach seinen Angaben gab es in der Vergangenheit mehrfach Risikosituationen. Es ist sein erster Gesundheitscheck. Wir erörtern mit ihm das Testverfahren und die Konsequenz, eines evtl. positiven Schnelltestes. Das Angebot des Syphilis‐Schnelltestes nimmt er auch an. Verlöbnistest/Neue Partnerschaft Frau, 24 Jahre, hat nach einer längeren Zeit des Single‐Daseins einen neuen Partner und bis dato mit ihm geschützten Geschlechtsverkehr. Sie möchte mit der zurückliegenden Zeit abschließen und guten Gewissens auf das Kondom in der Partnerschaft verzichten. Fixpunkt e.V. Fixpunkt e.V., gegründet 1989, verfügt über eine langjährige Erfahrung im Bereich der Gesundheits‐ förderung von (injizierenden) Drogengebraucher/innen. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Prävention von Infektionskrankheiten, insbesondere von HIV und Hepatitis C. Die Hauptaufgaben von Fixpunkt e.V. liegen in der aufsuchenden bzw. niedrigschwelligen Infektionsprophylaxe und Drogenhilfe. Das Angebotsspektrum umfasst die Vergabe von sterilen bzw. hygienischen Utensilien zum Drogenkonsum, die Spritzenentsorgung, sozialarbeiterische und medi‐ zinische Information und Beratung bzw. Behandlung bei drogenassoziierten Gesundheitsrisiken und ‐ problemen, die pflegerische Beaufsichtigung des Drogenkonsums in Drogenkonsumräumen bzw. einem Drogenkonsummobil und die Prävention von Drogennot‐ und Todesfällen durch Erste‐Hilfe‐ Trainings und Naloxon‐Verschreibung. Die vielfältigen niedrigschwelligen zielgruppenspezifischen Angebote des Trägers ermöglichen eine lebensweltorientierte Präventionsarbeit und einen guten Zugang zur Zielgruppe, die vom öffentlichen Gesundheitsdienst nur schwer oder gar nicht erreichbar ist. Der Träger verfügt über vielfältige Kompetenzen in der Entwicklung von Pilot‐ und Modellprojekten mit externer Begleitung. Fixpunkt ist national wie international mit anderen innovativen Trägern aus dem Bereich der „Harm Reduction“ vernetzt. Seite | 13 „Testerfahrungen“ hat Fixpunkt seit den 1990er Jahren im Rahmen einer Impfkampagne gegen Hepatitis A und B für Drogengebraucher/innen, bei der auch Hepatitis C‐Antikörper bestimmt wurden. Zu diesem Zeitpunkt war die Hepatitis C und ihre Verbreitung unter Drogengebrauchenden und in der Drogenhilfe noch völlig unbekannt und das Angebot fand noch nicht unter dem Label „Testsprechstunde“ statt, aber selbstverständlich wurde zum Laborergebnis beraten. Testsprechstunden mit qualifizierter Testvor‐ und Nachberatung werden seit November 2009 angeboten und konnten sukzessive ausgebaut werden. Zu den HCV‐Labortests kamen (in zeitlicher Abfolge genannt) HCV‐PCR‐Testungen, HCV‐Schnelltests, HIV‐Schnell‐ und Labortests und schließlich Syphilis‐Labortest. Der Auf‐ und Ausbau des Testangebots wurde durch Förderungen des Landes Berlin, des Bundesministeriums für Gesundheit, der MacAids‐Stiftung, der Deutschen Aidshilfe und zuletzt durch die Lottostiftung Berlin möglich. Mit Beginn der aktuellen Testkampagne hat Fixpunkt im Oktober 2011 das Testangebot nochmals erweitert und bietet seitdem einen Syphilis‐Labortest an. Das Testangebot richtet sich vorrangig an Menschen, die Drogen gespritzt oder gesnieft haben oder/und mit Hepatitis C‐ Infizierten zusammenleben sowie an Männer, die Sex mit Männern haben. Die Testsprechstunden werden von einer Pflegefachkraft und einer Ärztin/einem Arzt durchgeführt. Das gesamte Testprocedere, also die Testvorberatung, Testdurchführung und Testnachberatung liegen in einer Hand, d. h. es wird entweder von der Pflegefachkraft oder der Ärztin/dem Arzt durchgeführt. Dieses Vorgehen wird sowohl von den Mitarbeiter/innen, als auch von den Nutzer/innen des Angebots sehr positiv bewertet. In 2012 hat Fixpunkt durchgehend einmal in der Woche Testsprechstunden an drei Standorten in Berlin angeboten: in der Kontaktstelle „Birkenstube“ mit integriertem Drogenkonsumraum, in der Kontaktstelle „SKA“ ebenfalls mit integriertem Drogenkonsumraum und in einem eigens eingerichteten „Testmobil“ am Standort Zoo in der Jebensstraße. Außerdem fanden Testaktionswochen in der MUT‐Praxis am Ostbahnhof und im KLIK, einer Kontaktstelle für obdachlose Jugendliche und junge Erwachsene, statt. Fixpunkt‐Specials: Zusammenfassung Hepatitis C‐Beratung und Diagnostik Drogenkonsumspezifische Risiko‐ und Präventionsberatung Beratung und Testung von einer Fachkraft durchgeführt Testsprechstunden bedarfsorientiert an verschiedenen Standorten Tests bei Fixpunkt ‐ Fallbeispiele (* alle Namen geändert) Sandra* S., heute 26 Jahre alt, konsumiert nach einer intensiven Partydrogen‐Zeit seit 5 Jahren auch Heroin, zuerst rauchend/ nasal, seit etwas mehr als vier Jahren vor allem intravenös. In den letzten Jahren hat S. verschiedene Entgiftungen gemacht, ein Therapieversuch wurde erfolglos abgebrochen. Seit einem Jahr ist S. bei fortdauerndem (unregelmäßigen) intravenösen Heroin‐Konsum auf dem ersten Arbeitsmarkt tätig. Seite | 14 Der Kontakt zur Klientin kam erstmals vor etwa vier Jahren im Rahmen ihrer Nutzung des Drogenkonsummobils zustande. Damals erfolgte auch eine intensive Beratung bezüglich Infektionsprophylaxe und Safer‐Use bei intravenösem Konsum. Vor drei Jahren wurde S. zum ersten Mal bei Fixpunkt im Rahmen des seinerzeitigen FipC‐Projekts mit negativem Ergebnis auf HCV‐Antikörper getestet. Seit diesem Test hat sich S. regelmäßig bei Fixpunkt auf HCV‐Antikörper testen lassen, mit weiterhin negativem Ergebnis, der letzte Test fand im Januar 2013 statt. Jede Testung war mit einer intensiven Beratung zu Safer‐Use verknüpft. Seit Erweiterung des Angebots um die Möglichkeit des HIV‐Tests hat sich S., die vor ihrer jetzigen Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt zur Finanzierung ihres Konsums regelmäßig als Sexarbeiterin tätig war, bereits zwei Mal mit jeweils negativem Ergebnis auf HIV‐Antikörper testen lassen. S., unterstützt durch gute Beratung, idealerweise verknüpft mit einem niedrigschwelligen Testangebot, ist ein Beispiel dafür, dass auch Jahre andauernde Lebensphasen mit regelmäßigem intravenösen Drogenkonsum und Sexarbeit ohne eine Infektion mit HCV oder HIV möglich sind. Vladimir* V., heute 37 Jahre alt und aus Russland stammend, konsumiert seit 8 Jahren Heroin und andere Opiate intravenös. Seit zwei Jahren lebt V. illegalisiert in Berlin. V. hat in dieser Zeit keinerlei Kontakt zu staatlichen Beratungsstellen gehabt, ist nicht krankenversichert und erhält keinerlei staatliche Unterstützung. Seine Deutschkenntnisse sind minimal, soziale Kontakte sind vor allem in der Szene russischsprachiger Drogengebraucher/innen vorhanden. V. kommt mit einem Freund zur Testsprechstunde, um sich auf HIV und HCV testen zu lassen. Die letzte Testung auf HIV und HCV, seinerzeit in Russland durchgeführt und mit negativem Ergebnis, liegt etwa 7 Jahre zurück. In Russland hatte V. infolge des unzureichenden Zugangs zu sterilem Spritzbesteck zahlreiche Risikosituation für HIV und HCV beim intravenösen Konsum. Beratung und Testung erfolgen durch einen russischsprachigen Arzt. Sowohl der Schnelltest auf HIV‐ AK als auch der Schnelltest auf HCV‐AK sind reaktiv. Labortests bestätigen das Vorliegen einer HIV‐ Infektion (Bestätigungstest auf AK) und einer aktuellen HCV‐Infektion (positive PCR). Es gelingt, V. kurzfristig in die spezialisierte Beratung der Berliner AIDS‐Hilfe zu vermitteln. Weitere Untersuchungen dort zeigen, dass die Zahl der CD4‐Zellen infolge der HIV‐Infektion bereits massiv gesunken ist. Der Berliner AIDS‐Hilfe gelingt es, eine zumindest vorläufige Legalisierung der Lebensverhältnisse von V. in Berlin zu erreichen, und damit innerhalb sehr kurzer Zeit sowohl eine Unterbringung in Substitution als auch die dringend notwendige Behandlung der HIV‐ und HCV‐ Infektion zu ermöglichen. Markus* M. ist heute 34 Jahre alt und konsumiert seit 12 Jahren Heroin, unterbrochen durch Clean‐Phasen. Seit ca. drei Jahren kommt es verstärkt zu Mischkonsum (v.a. Heroin, Kokain, Benzodiazepine), verbunden mit zahlreichen Risikosituationen bezüglich einer möglichen HCV‐ und HIV‐Infektion. Seite | 15 Vor etwa einem Jahr wird M. von Fixpunkt zwar negativ auf HIV, aber positiv auf HCV getestet (reaktiver Schnelltest, positive PCR). Nachdem eine zügige Vermittlung in ärztliche Betreuung verbunden mit Substitution gelingt, werden aufgrund der hohen Viruslast und sehr schlechter Leberwerte sofort Vorbereitungen für einen zügigen Beginn einer Interferon‐Therapie begonnen. M. wird im Rahmen der Therapievorbereitung auf Antidepressiva eingestellt. Eine überraschende Festnahme mit anschließendem achtmonatigem Gefängnisaufenthalt unterbricht diesen positiven Prozess. Seit seiner Entlassung vor etwa vier Monaten ist M. obdachlos und nicht krankenversichert bei hohem Konsum verschiedener Substanzen. Versuche einer erneuten Vermittlung in Substitution bzw. Aufnahme in die gesetzliche Krankenkasse über die Anbindung beim Jobcenter waren bislang nicht erfolgreich. Mann‐O‐Meter e.V. Mann‐O‐Meter ist seit 1986 Berlins schwules Informations‐und Beratungszentrum mit Information und Beratung rund um das schwule Leben. Mann‐O‐Meter versteht sich dabei als AIDS‐Hilfe Einrichtung. In der Arbeit verfolgt Mann‐O‐Meter einen sowohl verhaltens‐ als auch verhältnispräventiven Ansatz. Ganz konkret bedeutet dies, dass Männer, die Sex mit Männern haben, über HIV und AIDS aufgeklärt werden, zu ihrem Safer‐Sex‐Management beraten und auch in schwierigen Lebenslagen, die das Risiko einer Infektion begünstigen, unterstützt werden. Unter dem Dach von Mann‐O‐Meter ist Maneo beheimatet, das Opfer antischwuler Gewalttaten begleitet, es erfolgt Arbeit in den Haftanstalten Berlins, in der Jugendarbeit ist Mann‐O‐ Meter mit 2 angeleiteten Gruppen aktiv sowie in der Altenarbeit. Außerdem wird unterschiedlichen Selbsthilfegruppen die Möglichkeit geboten, im Zentrum von Mann‐O‐Metern einen Gruppenraum kostenfrei zu nutzen (so z.B. den Anonymen Alkoholikern, den sexuell Zwanghaften oder den Narcotic Anonymous). Mann‐O‐Meter hat sich dabei immer den Herausforderungen gestellt, die in der Prävention durch einen Wandel der Krankheit AIDS nötig waren bzw. sind. Das sogenannte neue AIDS und die lange Zeit der Bedrohung durch die HIV‐Infektion für schwule Männer als die Hauptbetroffenengruppe der Pandemie fordern ein differenziertes Vorgehen in der Prävention: Neben der Wissensvermittlung rund um HIV muss stärker darauf gesetzt werden, wie dieses Wissen im eigenen Sexleben umgesetzt werden kann. Denn erfahrungsgemäß sind schwule Männer zum überwiegenden Teil gut über HIV informiert. Trotzdem kann es dem einen oder anderen in bestimmten Situationen oder Lebenslagen passieren, dass er sich nicht schützen kann und ein HIV‐Infektionsrisiko eingeht, auch, wenn dies gar nicht in seinem Sinne ist. Gerade für diese Männer ist es schwierig, diesen als "Fehltritt" erlebten Ausrutscher überhaupt zu thematisieren, weil ein solches Verhalten für sie schambesetzt ist. Genau an dieser Gemengelage zwischen Wissen und psychischer Verarbeitung setzt Mann‐O‐Meter mit dem Schnell‐Testangebot für die Zielgruppe an, das der Träger bundesweit als erstes Projekt 2007 etabliert hat. In einem qualifizierten Setting ist es seither möglich, sich bei Mann‐O‐Meter auf HIV testen zu lassen. Auch hier gingen die Entwicklungen weiter, so dass nunmehr Tests auf HIV, Syphilis, Chlamydien und Gonokokken angeboten werden können, wobei die beiden letztgenannten Tests aufgrund der finanziellen Situation voraussichtlich nicht dauerhaft etabliert werden können. Seite | 16 Möchte sich ein schwuler bzw. bisexueller Mann im Zentrum von Mann‐O‐Meter testen lassen, so findet er sich von Anbeginn an in einem verbindlichen, anonymen und gut strukturierten Setting. Ein ehrenamtlicher Mitarbeiter nimmt ihn in Empfang, erläutert den Ablauf und gibt einen Fragebogen, ein Informationsblatt sowie die Teilnahmenummer heraus. Nach dem Ausfüllen des Fragebogens, der unter anderem mit offenen, qualitativen Fragen die anschließende Beratung vorbereitet und zum Nachdenken über das eigene Risikomanagement anregen soll, wird der Nutzer von einem Berater abgeholt. Die Berater, die bei Mann‐O‐Meter arbeiten, sind Psychologen bzw. Therapeuten und verfügen somit über geeignete therapeutisch‐beraterische Methoden, um neben der Informationsvermittlung dem Nutzer auch bei der Verarbeitung bzw. Aufarbeitung eines möglichen HIV‐Infektionsrisikos hilfreich zur Seite zu stehen. Nach der Beratung wird der Nutzer zum Arzt geleitet, der den Test durchführt. Anschließend kann er im Café Platz nehmen und auf sein Ergebnis warten. Dieses wird ihm vom gleichen Berater mitgeteilt, der ihn schon vor dem Test beraten hat. Sollte der Nutzer im Anschluss noch Bedarf haben, sich in seinem Safer‐Sex‐Management professionell unterstützen zu lassen, kann er hierzu mit diesem Berater über das Testsetting hinaus bis zu drei weitere Termine vereinbaren. Sollte der Test positiv ausfallen, sind die Berater bei Mann‐O‐Meter in der Lage, eine qualifizierte Krisenbegleitung zu gewährleisten. In diesem Fall wird dem Nutzer zu einem Labor‐Bestätigungstest geraten, da der Schnelltest in seltenen Fällen falsch positiv ausfallen kann. Insbesondere wird auch auf die Angebote für HIV‐infizierte Menschen in Berlin aufmerksam gemacht und mit dem Klienten geklärt, was jetzt wichtig für ihn ist. Aus den Rückmeldungen zum Angebot geht hervor, dass sich schwule bzw. bisexuelle Männer im Testsetting von Mann‐O‐Meter sehr gut aufgehoben fühlen und es bei aller Brisanz der Thematik gerne nutzen. Tests bei Mann‐O‐Meter – Fallbeispiel (Daten verfremdet) Rüdiger, 42 Jahre, erfolgreicher Bankkaufmann, hat sich lange gefragt, ob er einen Test machen lassen soll oder nicht. Letztlich will er ihn machen, weil er noch nie einem gemacht hat. Er wirkt in der Beratung zu Beginn sehr aufgeregt, spricht sehr schnell und rutscht unruhig auf seinem Sessel hin und her. Auf dem Fragebogen hat er angegeben, noch keinen Risikokontakt in Bezug auf eine HIV‐Infektion gehabt zu haben. Er will eigentlich nur sehen, ob alles in Ordnung ist. Er ist gut informiert und kennt sich auch mit Details hinlänglich aus (z. B. das Risiko bei oralem Verkehr). Befragt, wie zufrieden er denn mit seinem Safer‐Sex‐Leben so sei, bricht es aus ihm heraus: Eigentlich könne er nur betrunken den Sex haben, den er sucht. Dann geht er in die Darkrooms und kann sich fallen lassen. Und eigentlich möchte er das gar nicht, denn er will gerne in einer festen, monogamen Partnerschaft leben. Aber es sei in Berlin so schwierig, einen Partner zu finden. Im Laufe der ca. 45 minütigen Beratung stellte sich heraus, dass Rüdiger seit langem unter seiner schwulen Identität und unter den Erfahrungen leidet, die er auch in der schwulen Community gemacht hat. Nach einer kurzen Phase der Beruhigung in der Beratung entscheidet er sich, jetzt auf Seite | 17 jeden Fall den Test machen zu wollen. Sein Ergebnis auf HIV ist negativ. In der Nachtestberatung wird geklärt, was weitere Schritte für ihn sein können. Der Berater macht noch zwei weitere Termine mit ihm aus und Rüdiger beginnt parallel dazu, nach einem Therapeuten zu suchen. Schwulenberatung Berlin gGmbH/Projekt Pluspunkt Pluspunkt, Beratungsstelle für Menschen mit HIV/Aids und Hepatitis im Prenzlauer Berg, ist ein Projekt der Schwulenberatung Berlin gGmbH. Seit über 20 Jahren stellt Pluspunkt sich den verändernden Bedürfnissen und Bedarfen und bietet Informationen und Unterstützung bei sozialrechtlichen, psychosozialen und medizinischen Fragen. Die Akzeptanz unterschiedlicher Lebensstile, solidarisches Arbeiten, die Orientierung an der individuellen Lebenssituation und eine ressourcenorientierte Suche nach angemessenen Lösungen sind die Grundlagen der Arbeit. Mit der engen Anbindung an die Schwulenberatung Berlin, einem vielfältigen Angebot für die Zielgruppen und guter Vernetzung mit anderen Projekten, Beratungsstellen und Einrichtungen ist Pluspunkt ein wichtiger Bestandteil der Versorgung in Berlin. Pluspunkt bietet seit dem Beginn der „Berliner Kampagne für ein trägerübergreifendes Beratungs‐ und Testangebot zu HIV/Aids, Syphilis und HCV“ im Herbst 2011 ein eigenes Testangebot an. Für die Durchführung des Testangebotes wurden mit Zustimmung der Senatsverwaltung für Gesundheit geeignete Räume in Prenzlauer Berg angemietet. Das Testangebot bei Pluspunkt konnte ab Oktober 2011 starten und findet in Absprache mit den anderen Testangeboten der Testkampagne immer montags von 17:00 bis 20:30 Uhr statt. Das Testangebot wurde schnell sehr gut angenommen, so dass seit Dezember 2012 das Angebot ausschließlich den Hauptzielgruppen Schwule und andere MSM zur Verfügung steht und nicht –wie ursprünglich geplant‐ allen Menschen, die ein mögliches Infektionsrisiko haben bzw. hatten. Das Testangebot wird von einem Empfangsmitarbeiter, zwei Beratenden und einem/einer Arzt/Ärztin durchgeführt. Der Testnutzer enthält am Empfang eine Nummer und einen Fragebogen, mit der Bitte diesen auszufüllen. Der ausgefüllte, anonyme Fragebogen mit Stammdaten und Risikobeschreibungen wird zum einen für die trägerübergreifende Begleitevaluation genutzt, vor allem aber dient es einer (inneren) Vorbereitung des Testteilnehmers auf das Beratungsgespräch. Das Beratungsgespräch ist zentraler Bestandteil des Testangebotes bei Pluspunkt. Es gibt dem Testnutzer die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Informationen zu Übertragungswegen, der HIV‐, Syphilis‐ und HCV‐ Infektion selber und dem Schutz davor zu erhalten. Auch andere STIs sind meist Inhalt des Gesprächs. Oft wird die Situation genutzt, dass eigene Risikomanagement zu reflektieren und den Wissenstand aufzufrischen. Im Gespräch wird deutlich, ob und welcher Test sinnvoll ist, auch die diagnostischen Grenzen der jeweiligen Tests werden dargelegt. Zur Verfügung stehen sowohl Schnelltests für HIV, Syphilis und HCV als auch Labortests für HIV und Syphilis. Die Blutentnahme und Schnelltestung wird von dem/der Arzt/Ärztin durchgeführt, die Ergebnismitteilung erfolgt durch die Beratenden. Die Ergebnismitteilung der HIV‐Tests, sowohl Schnelltest als auch Labortest, findet ausschließlich im Seite | 18 persönlichen Gespräch statt. Testergebnisse des Syphilis‐Labortests können auch telefonisch abgefragt werden. Bei einem reaktiven HIV‐Schnelltest nehmen sich Beratenden die entsprechend Zeit, um dem Testnutzer das Ergebnis mitzuteilen. Das reaktive Ergebnis des Schnelltests muss durch einen Labortest bestätigt werden. Bei einem bestätigten HIV‐positiven Testergebnis besteht die Möglichkeit, weitere Gespräche anzubieten, an HIV‐Schwerpunktpraxen oder andere weitergehende Hilfen zu vermitteln oder eine Krisenintervention durchzuführen. Alle Testteilnehmer haben die Möglichkeit, das Beratungsangebot von Pluspunkt generell zu nutzen, z.B. um die Angst vor HIV zu bewältigen oder um für ein als hoch empfundenes Risikoverhalten einen Umgang zu finden. Bei reaktiven Syphilis‐Schnell‐ und Labortests sowie bei reaktiven HCV‐Schnelltests wird zur weiteren Befundklärung an niedergelassene Arztpraxen weiterverwiesen. Pluspunkt beteiligt sich an der Qualitätssicherung der Deutschen Aidshilfe e.V. zum Syphilis‐Schnell‐ test. Pluspunkt ist seit 2013 Teilnehmer an Ringversuchen zu HIV‐ und Syphilis‐Schnelltests (INSTAND e.V., Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien e.V). Tests bei Pluspunkt – Fallbeispiel Hermann und Paul (Namen geändert) möchten eine gemeinsame Beratung. Beide wirken sehr angespannt, Hermann hat offensichtlich bis kurz vor dem Gespräch noch geweint. Darauf angesprochen, erzählen beide, dass Paul durch seinen Hausarzt in Westdeutschland in der vergangenen Woche von seinem positiven HIV‐Test‐Ergebnis erfahren hat. Beide sind miteinander verpartnert, leben aber aus beruflichen Gründen in unterschiedlichen Städten. Sie leben monogam, haben aber gelegentliche gemeinsame sexuelle Kontakte mit einer dritten Person. Beim letzten Treffen vor einem halben Jahr hat Paul Sperma in den Mund bekommen. Vor einer Woche bekamen dann beide eine SMS, in der der Sexpartner das Paar von seiner festgestellten HIV‐Infektion informiert hat. Daraufhin hat Paul sich testen lassen, mit positivem HIV‐Befund. Als sie am Montag zu Pluspunkt kommen, haben beide einige schwere Tage hinter sich, mussten sowohl die feststehende HIV‐Infektion des einen begreifen und verarbeiten, als auch die als sehr zermürbend empfundene Unklarheit über den HIV‐Status des anderen aushalten. Paul ist weniger besorgt wegen seiner gesundheitlichen Situation. Er hatte sich informiert und konnte auch im Gespräch noch einmal Informationen bekommen, die seine Infektion als behandelbare, chronische Infektion relativieren. Bei seinem etwas älteren Freund aber sitzen die Bilder der seinerzeit zumeist tödlichen Erkrankung mit einem sterbenden Tom Hanks im Film „Philadelphia“ und der Plakate der Firma Benetton tief. Beide teilen die Angst und die Fragen, wie ihr Umfeld auf die Infektion reagieren wird, welchen moralischen Vorwürfen sie ausgesetzt sein werden und ob sie noch als integre Personen wahrgenommen werden. Das Paar hat einen sehr offenen und nahen Bezug miteinander. Aber jedes Ergebnis des anstehenden Tests bei Hermann bringt eigene Probleme mit sich. Beide hoffen zwar sehnlichst auf ein negatives Ergebnis für Hermann, das Thema „HIV“ mit allen Fragen und Ängsten ist mit dem positiven Testergebnis bei Paul bereits unweigerlich in der Beziehung. Ein weiteres positives Ergebnis Seite | 19 erschwert die Situation, ein negatives aber bringt neben der Erleichterung auch eine Verstärkung des „allein‐sein‐Gefühls“ von Paul. Unabhängig vom Ausgang des Tests möchten beide weiterhin Beratungen bei Pluspunkt nutzen. Sexuelle Kontakte miteinander, bei denen eine Infektion hätte stattfinden können, liegen bereits mehr als drei Monate zurück. Das Ergebnis des durchgeführten Tests ist negativ. Vorgehen der Evaluation Die Evaluation erfolgt als ein zentrales Element der Qualitätssicherung der Berliner Testkampagne. Sie dient der übergreifenden Dokumentation und Auswertung der Basisdaten zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und den durchgeführten Testverfahren. Auf der Grundlage dieser an die Träger rückgemeldeten Informationen kann eine Entscheidung über den Grad, zu dem die Ziele der Testkampagne erreicht wurden, getroffen werden. Die Evaluation trägt auf diese Weise auch zur Identifikation von Optimierungspotenzialen bei. Zu diesem Zweck wurden gemeinschaftlich zwei einheitliche Erhebungsbögen entwickelt, die die Datenbasis für die Evaluation darstellen. Der Teilnehmerbogen erfasst unter anderem Informationen zu soziodemographischen Charakteristika der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, zu ihren Testgründen und bisherigem Testverhalten. Dieser Bogen wird von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vor dem Beginn der Beratung ausgefüllt. Der zweite Bogen dient der Dokumentation der durchgeführten Testverfahren, der Ergebnisse und eventueller weiterer unternommener Schritte. Dieser Dokumentationsbogen wird von den Beraterinnen und Beratern nach dem Ende des Test‐ und Beratungsvorgangs und nach Vorliegen aller Testergebnisse ausgefüllt. Die Bögen enthalten keine persönlichen Daten, die eine Identifikation der Testsuchenden erlauben würden. Beide Bögen werden miteinander verknüpft und zur Dateneingabe an den Verantwortlichen für die Evaluation verschickt. Die Auswertung der Daten erfolgt mit der Software SPSS. Die vorliegende Zwischenauswertung bezieht sich auf die im Zeitraum vom 1. September 2011 bis zum 30. November 2012 im Rahmen der Kampagne durchgeführten Beratungen und Tests. Im Herbst 2014 wird ein Abschlussbericht vorgelegt, der neben einer Fortschreibung der in diesem Zwischenbericht dokumentierten Daten auch qualitative Daten umfasst.1 1 Für ihre Unterstützung wird Julia Rivolier, Sabine Stark und Jennifer Ebert gedankt. Seite | 20 Ergebnisse der Evaluation Insgesamt berichten die vier teilnehmenden Einrichtungen von einer Gesamtteilnehmerzahl von über 4.500 Personen im Zeitraum vom 1. September 20112 bis zum 30. November 2012. Diese Zahl steigt im Verlauf des Berichtszeitraums stark an, von insgesamt 221 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im September 2011 bis zu fast 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im November 2012. Insbesondere die Zahl der Nutzerinnen und Nutzer von Fixpunkt und Pluspunkt steigt deutlich an, also der Einrichtungen, die vor dem Beginn der Kampagne kein regelmäßiges eigenes Testangebot vorgehalten haben. Tabelle 1: Teilnehmerzahlen (Beratung & Test, und nur Beratung) im Zeitverlauf Gesamter Zeitraum September 2011 Oktober 2011 November 2011 Dezember 2011 Januar 2012 Februar 2012 März 2012 April 2012 Mai 2012 Juni 2012 Juli 2012 August 2012 September 2012 Oktober 2012 November 2012 Gesamt Berliner Aids‐ Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐Meter Pluspunkt 4.542 221 210 278 202 320 309 334 309 268 284 341 374 323 373 396 1.922 112 114 155 85 150 171 161 163 120 100 114 121 114 121 111 718 0 9 26 26 47 31 21 35 34 39 62 97 84 95 112 1.255 99 78 80 62 89 64 103 66 85 93 96 99 76 64 101 647 0 9 17 29 34 43 49 45 29 52 69 57 49 93 72 Für 4.415 dieser Personen liegen Daten aus den Teilnehmer‐ und Dokumentationsbögen vor, auf die sich die folgenden Darstellungen beziehen. Durchschnittlich waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer 32,5 Jahre alt. Wie die Tabelle 2 zeigt, sind Personen im Alter zwischen 20 und 29 Jahre am stärksten unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vertreten. Zwischen den Einrichtungen finden sich leichte Unterschiede in der Altersverteilung. 2 Für die beiden Einrichtungen Pluspunkt und Fixpunkt: 1. Oktober 2011 bis 30. November 2012. Seite | 21 Tabelle 2: Altersverteilung der Teilnehmer (N=4.321) Gesamt Berliner Aids‐ Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐Meter Pluspunkt jünger als 20 Jahre 20 bis 29 Jahre 30 bis 39 Jahre 40 bis 49 Jahre 50 bis 59 Jahre 60 Jahre und älter 2,8 % 44,2 % 31,6 % 15,0 % 4,5 % 1,9 % 3,9 % 51,0 % 28,1 % 12,0 % 3,5 % 1,6 % 2,2 % 50,6 % 32,0 % 12,3 % 2,6 % 0,3 % 1,5 % 33,7 % 34,2 % 20,0 % 7,2 % 3,5 % 2,7 % 39,0 % 36,3 % 17,1 % 3,9 % 0,9 % Mit 74,9 % ist die überwiegende Zahl der Teilnehmer männlich, 24,7 % sind weiblich, die übrigen 0,4 % definieren sich als trans‐ oder intersexuell, oder durch keine der vorgegebenen Kategorien. Wird die sexuelle Orientierung betrachtet, zeigt sich, dass es sich bei den männlichen Teilnehmern überwiegend um schwule und bisexuelle Männer handelt. Diese Gruppe umfasst mehr als die Hälfte der gesamten Teilnehmerzahl. Heterosexuell identifizierte Männer stellen etwas über ein Fünftel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, und Frauen genau ein Fünftel, dar. Unter den weiblichen Teilnehmerinnen sind allerdings kaum lesbische Frauen, diese machen nur 0,5 % der Gesamtteilnehmerzahl aus. Deutlich unterscheidet sich die Teilnehmerstruktur der vier Einrichtungen hinsichtlich der sexuellen Orientierung. Das Testangebot von Mann‐O‐Meter, als „schwules Informations‐ und Beratungszentrum“, das sich an schwule und andere Männer, die Sex mit Männern haben, richtet, wird fast ausschließlich von schwulen und bisexuellen Männern in Anspruch genommen. In den anderen Einrichtungen liegt der Anteil dieser Zielgruppe deutlich niedriger. Während schwule und bisexuelle Männer bei Pluspunkt knapp über die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer darstellen, sind es bei der Berliner Aids‐Hilfe ungefähr 30 % und bei Fixpunkt etwas mehr als ein Fünftel. Die Berliner Aids ‐Hilfe weist einen überdurchschnittlichen Anteil von Frauen und heterosexuellen Männern auf, beide Gruppen stellen ungefähr ein Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer dar. Die Teilnehmerstruktur von Fixpunkt zeichnet sich durch einen Schwerpunkt bei den heterosexuell identifizierten Männern ab, aber auch weibliche Teilnehmerinnen sind im Vergleich zu den Gesamtteilnehmern überdurchschnittlich vertreten. Pluspunkt weist hingegen eine Teilnehmerstruktur auf, die ungefähr der Struktur der Gesamtteilnehmerzahl entspricht. Tabelle 3: Sexuelle Orientierung der Teilnehmer (N=3.448) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt schwule und bisexuelle Männer heterosexuelle Männer hetero‐, bisexuelle, lesbische Frauen anders 56,1 % 22,7 % 20,3 % 0,9 % 29,5 % 34,6 % 35,4 % 0,5 % 22,3 % 44,9 % 31,8 % 0,9 % 98,3 % 0,2 % 0,0 % 1,5 % 51,9 % 26,4 % 21,2 % 0,5 % Als (einziger) Indikator für den sozioökonomischen Status der Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurde der höchste erreichte allgemeinbildende Schulabschluss erhoben. Es zeigt sich, dass die Seite | 22 Testangebote überwiegend von Personen mit Hochschulreife bzw. Fachhochschulreife genutzt werden. Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem niedrigeren Bildungshintergrund sind in allen Projekten deutlich unterrepräsentiert, allein Fixpunkt erreicht einen höheren Anteil an gering gebildeten Personen. Tabelle 4: Höchster allgemeinbildender Schulabschluss der Teilnehmer (N=3.392) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt kein Abschluss/Hauptschulabschluss Realschulabschluss/Mittlere Reife (Fach‐) Hochschulreife anderer Abschluss/geht noch zur Schule 4,9 % 13,4 % 80,3 % 2,8 % 12,8 % 82,1 % 13,5 % 14,7 % 70,9 % 4,1 % 13,0 % 82,0 % 3,8 % 14,0 % 80,7 % 1,4 % 2,2 % 0,9 % 0,9 % 1,6 % Die Mehrheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist berufstätig. Mehr als ein Viertel befindet sich noch in Ausbildung, dabei handelt es sich vor allem um Studierende. Arbeitslose sind zu einem Zehntel unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern vertreten. Auch hinsichtlich des beruflichen Status weicht die Teilnehmerstruktur von Fixpunkt von den anderen Projekten ab. Hier lassen sich vergleichsweise deutlich mehr Arbeitslose testen als in den anderen Projekten. Tabelle 5: Beruflicher Status der Teilnehmer (N=3.407) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt SchülerIn StudentIn Auszubildende berufstätig arbeitslos RentnerIn Bundesfreiwilligendienst/FJS 2,0 % 23,1 % 2,8 % 59,4 % 10,3 % 2,1 % 0,3 % 3,2 % 29,5 % 4,1 % 55,0 % 6,2 % 1,8 % 0,2 % 2,3 % 25,3 % 3,0 % 40,6 % 27,4 % 0,9 % 0,5 % 1,0 % 17,8 % 2,1 % 67,8 % 7,7 % 3,3 % 0,2 % 1,7 % 20,6 % 2,0 % 63,6 % 10,7 % 1,1 % 0,3 % Ungefähr 30 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben einen Migrationshintergrund, das heißt, sie sind entweder selbst nicht in Deutschland geboren oder die vorwiegend gesprochene Sprache in ihrem Elternhaus ist nicht Deutsch. Am häufigsten sind Personen vertreten, die aus westeuropäischen Staaten stammen, also allen europäischen Staaten außer den ehemaligen Warschauer Pakt‐Staaten und Ex‐Jugoslawien. Auf Platz zwei der Herkunftsregionen liegt Osteuropa, darunter fallen an dieser Stelle alle ehemaligen Warschauer Pakt‐Staaten und die Staaten Ex‐ Jugoslawiens. Unterschiede zwischen den Projekten, hinsichtlich des Anteils von Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Migrationshintergrund, fallen eher gering aus: Die Berliner AIDS‐Hilfe zählt einen insgesamt unterdurchschnittlichen Anteil von Migrantinnen und Migranten, Fixpunkt verweist auf einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus osteuropäischen Staaten und Mann‐O‐Meter wird von einem überdurchschnittlichen Anteil von Personen aus westeuropäischen Staaten besucht. Seite | 23 Tabelle 6: Migrationshintergrund der Teilnehmer (N=3.465) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt kein Migrationshintergrund mit Migrationshintergrund Herkunftsregionen West‐, Nord‐, Südeuropa [alte EU‐ Länder und Schweiz, etc.] Osteuropa [EU‐Ostererweiterung und Nicht‐EU‐Staaten, inkl. Russland, Ex‐ Jugoslawien] Türkei, Nordafrika, Naher Osten Nordamerika Süd‐ und Mittelamerika Asien Afrika Australien 71,1 % 29,9 % 77,8 % 22,2 % 69,5 % 30,5 % 64,8 % 35,2 % 72,5 % 27,5 % 10,9 % 7,3 % 9,9 % 14,6 % 10,8 % 6,8 % 5,1 % 10,1 % 7,2 % 6,1 % 3,4 % 3,0 % 1,9 % 1,8 % 0,8 % 0,5 % 4,7 % 1,8 % 1,2 % 1,1 % 0,7 % 0,2 % 3,2 % 3,2 % 1,4 % 1,4 % 1,0 % 0,4 % 2,9 % 4,5 % 2,6 % 2,0 % 0,5 % 0,9 % 2,0 % 2,0 % 2,2 % 2,8 % 1,1 % 0,5 % Für alle Einrichtungen stellt das Internet das wichtigste Medium dar über das die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von dem besuchten Testangebot erfahren haben, insgesamt geben dies zwei Drittel der Testsuchenden an. Bei der Berliner Aids‐Hilfe und Fixpunkt war dieser Anteil sogar deutlich höher: Ungefähr drei Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in diesen Einrichtungen nutzten diese Informationsquelle. Über Mundpropaganda von Freundinnen und Freunden sowie Bekannten fanden mehr als ein Fünftel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu dem besuchten Testangebot. Mundpropaganda spielt naturgemäß eine größere Rolle für jene Einrichtungen, die bereits seit längerer Zeit Testangebote vorhalten, was den diesbezüglichen Unterschied zwischen der Berliner Aids‐Hilfe und Mann‐O‐Meter einerseits und Fixpunkt sowie Pluspunkt andererseits erklärt. Die drittwichtigste Informationsquelle stellen Magazine, vor allem Anzeigen in der lokalen schwulen Presse (z.B. Siegessäule) dar, über die mehr als ein Zehntel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf das jeweilige Angebot aufmerksam wurden. Diese an eine schwule Zielgruppe gerichteten Magazine spielen dabei eine deutlich größere Rolle für Mann‐O‐Meter und Pluspunkt als für die Berliner Aids‐ Hilfe und Fixpunkt. Letztere Einrichtung erreicht keine oder keinen der eigenen Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf diesem Wege. Stattdessen spielt der Zugang über die Einrichtung selbst für Fixpunkt eine überdurchschnittliche Rolle. Hier wird ein beträchtlicher Anteil der Testsuchenden aus der bereits aus anderen Gründen betreuten Klientel rekrutiert. Die Information über eine (andere) Beratungseinrichtung wurde aus den offenen Nennungen in der Antwortoption „anders“ extrahiert. Hier handelt es sich durchaus zu einem substanziellen Anteil um Verweisungen zwischen den vier an der Testkampagne beteiligten Einrichtungen. Seite | 24 Tabelle 7: Kenntnis des Testangebots (N=3.439, Mehrfachantworten möglich) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt Internet Mundpropaganda Magazine Flyer/Plakat Einrichtung selbst („hier“) Beratungseinrichtung Arztpraxis anders 65,1 % 21,1 % 13,3 % 5,9 % 4,0 % 2,2 % 1,4 % 6,2 % 78,6 % 25,0 % 2,6 % 3,8 % 1,8 % 0,5 % 1,1 % 4,6 % 72,2 % 12,5 % 0,0 % 4,0 % 12,2 % 3,6 % 1,2 % 4,0 % 54,4 % 23,8 % 25,2 % 10,1 % 3,7 % 1,8 % 1,6 % 5,5 % 57,5 % 15,2 % 18,1 % 2,9 % 2,8 % 4,9 % 1,8 % 11,8 % Die letztendliche Entscheidung für die Wahl einer Einrichtung kann aufgrund einer Reihe von Charakteristiken des Testangebots erfolgen. Der von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit Abstand am häufigsten genannte Grund war das Angebot von Schnelltests, 70 % der Testsuchenden hatten sich für das besuchte Testangebot aus diesem Grund entschieden. Die Anonymität von Beratung und Test war der am zweithäufigsten genannte Grund, der von etwas weniger als der Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer genannt wird. An dritter und vierter Stelle werden mit den Öffnungszeiten und der Erreichbarkeit Service‐Aspekte genannt. Diese spielen eine überdurchschnittliche Rolle bei den Nutzerinnen und Nutzern von Pluspunkt, und eine unterdurchschnittliche Rolle bei der Berliner Aids‐Hilfe. Die Kompetenz der Beratung nennen ebenfalls mehr als ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer als Grund für ihre Auswahl des Testangebots, dieser Grund spielt unter den Nutzerinnen und Nutzern der Berliner AIDS‐Hilfe eine höhere Rolle als in den anderen Einrichtungen. Die Akzeptanz der eigenen Lebensweise ist vor allem den fast ausschließlich schwulen und bisexuellen Nutzern von Mann‐O‐Meter wichtig. Tabelle 8: Gründe für die Auswahl der Einrichtung (N=3.054, Mehrfachantworten möglich) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt weil es hier einen Schnelltest gibt weil Beratung und Test hier anonym sind weil mir die Öffnungszeiten passen weil es für mich gut erreichbar ist weil ich hier auf die Kompetenz der Beratung vertraue weil hier meine Lebensweise akzeptiert wird weil ich mich hier schon einmal habe testen lassen anderer Grund 70,1 % 64,2 % 72,2 % 72,4 % 75,0 % 46,6 % 47,7 % 36,3 % 52,4 % 44,1 % 32,4 % 26,7 % 24,4 % 17,0 % 31,6 % 30,0 % 31,9 % 29,2 % 46,9 % 37,0 % 26,7 % 35,8 % 17,2 % 23,6 % 22,5 % 15,0 % 8,3 % 13,3 % 24,6 % 13,7 % 13,9 % 11,6 % 4,3 % 26,9 % 6,1 % 2,5 % 4,0 % 3,2 % 1,7 % 0,8 % Als mögliche Gründe für die Entscheidung überhaupt einen Test durchführen zu lassen, wurden drei Optionen erfragt, das Vorliegen einer Risikosituation, die Routinekontrolle und das Eingehen einer neuen Beziehung. Die verschiedenen Testgründe schließen sich nicht aus, so dass die Testsuchenden teilweise mehr als einen Grund genannt haben. Eine Risikosituation als Testgrund nennen mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, überdurchschnittlich häufig die Nutzerinnen und Seite | 25 Nutzer von Fixpunkt. Fast 30 % bezeichnen ihren Testwunsch als Routinekontrolle, dies spielt besonders unter den Nutzerinnen und Nutzern von Pluspunkt eine Rolle. Einen sogenannten „Verlobungstest“ zum Abklären des HIV‐Serostatus zu Beginn einer neuen Beziehung wünschen ein knappes Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Dies spielt bei dem Klientel der Berliner Aids‐ Hilfe eine überdurchschnittliche Rolle und bei Mann‐O‐Meter eine unterdurchschnittliche. Tabelle 9: Gründe für die Testdurchführung (N=3.875, Mehrfachantworten) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt Risikosituation Routinekontrolle neue Beziehung anders 54,3 % 28,5 % 24,1 % 19,6 % 55,7 % 25,8 % 34,5 % 11,6 % 63,1 % 25,7 % 23,9 % 3,3 % 50,4 % 26,2 % 7,0 % 43,5 % 50,7 % 41,9 % 31,8 % 7,9 % Die Erreichung von Personen, die sich bisher noch nie auf HIV oder andere STI haben testen lassen, stellt ein prioritäres Ziel in sekundär‐ und primärpräventiven Strategien der Bekämpfung der HIV‐ Epidemie dar. Nicht nur überhaupt auf HIV und STI getestet zu sein, ist wichtig, sondern auch regelmäßige Tests. Dies betrifft vor allem sexuell aktive Menschen, insbesondere schwule und andere MSM. Letzteren empfiehlt die Deutsche AIDS‐Hilfe einen jährlichen Gesundheitscheck mit Tests auf HIV und andere STI, bei einer Frequenz von mehr als zehn Partnern im Jahr sogar zusätzlich einen halbjährlichen Check auf Syphilis und andere STI (vgl. Deutsche AIDS‐Hilfe, 2011). Die Angebote der Berliner Schnelltestkampagne erreicht einen Anteil von mehr als einem Viertel an Ersttestern, also Personen, die sich noch nie auf HIV haben testen lassen. Dazu kommen mindestens weitere 40 %, die keinen aktuellen HIV‐Test berichten, deren letzter HIV‐Test also mehr als 12 Monate zurück liegt. Insgesamt liegt der letzte HIV‐Test unter allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich bereits haben testen lassen und das Datum des letzten HIV‐Tests angegeben haben, durchschnittlich 33 Monate zurück. Der Anteil der erreichten Ersttesterinnen und ‐tester schwankt deutlich zwischen den Einrichtungen, wie Tabelle 10 zeigt. Allerdings sind diese Unterschiede vor allem auf die Unterschiede in der Nutzerstruktur der Testangebote zurückzuführen, da sich das HIV‐Testverhalten deutlich nach der sexuellen Orientierung unterscheidet, wie Tabelle 11 zeigt. Der Anteil der Ersttester unter den schwulen und bisexuellen Testsuchenden liegt mit 14 % deutlich niedriger als bei den heterosexuellen männlichen und den weiblichen Testsuchenden. Mehr als ein Drittel der schwulen und bisexuellen Männer kann auch einen aktuellen HIV‐Test vorweisen, diese Gruppe zeigt sich also als deutlich testfreudiger als heterosexuelle Männer und Frauen. Der vergleichsweise geringe Anteil von Ersttestern unter den Testsuchenden bei Mann‐O‐Meter ist entsprechend auf die fast ausschließlich schwule und bisexuelle Klientel dieser Einrichtung zurückzuführen. In Deutschland liegt der Anteil der noch nicht auf HIV getesteten Personen unter schwulen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben, Surveydaten zufolge bei 30 %, in den Metropolen mit mehr als einer Million Einwohnern bei 20 % (Bochow et al., 2012), einen aktuellen HIV‐Test weisen ca. 40 % der MSM in Millionenstädten auf (Drewes & Kleiber, unveröffentlichte Daten). In der Allgemeinbevölkerung liegt dieser Anteil bundesweit bei ungefähr 40 %, einen aktuellen HIV‐Test Seite | 26 weisen 12 % auf, Angaben für Millionenstädte liegen leider nicht vor (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2011). Tabelle 10: HIV‐Testverhalten (N=3.344) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt Ersttester bereits getestet darunter aktueller Test (< 13 Monate) kein aktueller Test (> 12 Monate) Datum fehlt 26,7 % 73,3 % 24,3 % 40,8 % 8,2 % 37,3 % 62,7 % 15,2 % 42,2 % 5,4 % 32,3 % 67,7 % 17,8 % 35,9 % 14,0 % 14,5 % 85,5 % 36,6 % 40,4 % 8,6 % 26,4 % 73,6 % 22,7 % 43,6 % 7,3 % Tabelle 11: HIV‐Testverhalten nach sexueller Orientierung (N=3.082) Gesamt schwule und bisexuelle Männer heterosexuelle Männer Frauen Ersttester bereits getestet darunter aktueller Test (< 13 Monate) kein aktueller Test (> 12 Monate) Datum fehlt 26,7 % 73,3 % 24,3 % 40,8 % 8,2 % 14,3 % 85,7 % 36,3 % 41,2 % 8,2 % 42,4 % 57,6 % 11,4 % 40,9 % 5,3 % 41,3 % 58,7 % 12,1 % 42,6 % 4,0 % Diese Ausführungen gelten auch für die Unterschiede hinsichtlich des Testverhaltens auf andere STI der Testsuchenden zwischen den vier Einrichtungen. Insgesamt ist der Anteil der Personen, die sich noch nie auf STI haben testen lassen, doppelt so hoch wie der Anteil der bisher nicht auf HIV getesteten. Auch hier hat sich ein deutlich größerer Anteil unter den Nutzern von Mann‐O‐Meter bereits auf STI testen lassen ‐ ein Befund der wiederum das intensivere Testverhalten von schwulen und bisexuellen Männern widerspiegelt. Tabelle 12: STI‐Testverhalten (N=3.066) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt bisher kein STI‐Test bereits auf STI getestet weiß nicht 53,0 % 41,4 % 5,6 % 64,8 % 29,8 % 5,4 % 64,2 % 30,9 % 4,8 % 36,1 % 58,4 % 5,5 % 51,1 % 42,1 % 6,8 % Die Lebenszeitprävalenz für Syphilis, also der Anteil der Testsuchenden, der von mindestens einer diagnostizierten Syphilis in der Vergangenheit berichtet, liegt bei 3,7 %. Dieser Anteil ist unter den Nutzerinnen und Nutzern von Mann‐O‐Meter und Pluspunkt deutlich höher als unter denen der Berliner Aids‐Hilfe und Fixpunkt. Auch hier ist der Unterschied wieder auf die Nutzerstruktur der Einrichtungen zurückzuführen, genauer auf den unterschiedlichen Anteil, den schwule und bisexuelle Männer unter den Testsuchenden ausmachen. Denn, wie Tabelle 14 zeigt, sind es fast ausschließlich die Männer, die Sex mit Männern haben, die von Syphilis‐Diagnosen berichten, so dass die Seite | 27 Lebenszeitprävalenz in dieser Gruppe bei 7,1 % liegt, bei den männlichen heterosexuellen Testsuchenden sowie den weiblichen Testsuchenden nur bei 0,1 % bzw. 0,2 %. Tabelle 13: Syphilis‐Lebenszeitprävalenz (N=3.203) Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt bisher keine Syphilis Syphilis lag bereits vor weiß nicht 89,3 % 3,7 % 7,0 % 90,3 % 1,6 % 8,1 % 88,5 % 1,7 % 9,8 % 93,1 % 5,8 % 1,1 % 81,7 % 5,4 % 12,8 % Tabelle 14: Syphilis‐Lebenszeitprävalenz nach sexueller Orientierung (N=3.022) Gesamt schwule und bisexuelle Männer heterosexuelle Männer Frauen bisher keine Syphilis Syphilis lag bereits vor weiß nicht 89,3 % 3,7 % 7,0 % 88,5 % 7,1 % 4,5 % 88,1 % 0,1 % 11,8 % 91,0 % 0,2 % 8,8 % Nicht bei allen Nutzerinnen und Nutzern der Testkampagne wurde auch ein Test durchgeführt. Unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, für die Daten vorliegen, betrifft dies 5,4 %. Da auch nicht für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Testkampagne Fragebogendaten vorliegen, beziehen sich die folgenden Zahlen zu den durchgeführten Testungen auf die vollständigeren Dokumentationen der beteiligten Einrichtungen. Abweichungen zwischen den im Folgenden berichteten Daten und den bereits aufgeführten Ergebnisse sind auf diesen Umstand zurückzuführen. Demnach hat die Berliner Testkampagne von September 2011 bis November 2012 3.928 HIV‐ Schnelltests und 214 HIV‐Labortests durchgeführt, d.h. fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich auf HIV testen lassen. Der nicht in allen Einrichtungen vorgehaltene HIV‐Labortest spielt dabei kaum eine Rolle. Weiterhin haben sich 1.379 Personen auf Syphilis testen lassen, davon 1.197 mit einem Schnelltest und 182 mit einem Labortest. HCV‐Tests wurden fast ausschließlich in den Einrichtungen Fixpunkt und zu einem geringeren Teil Pluspunkt durchgeführt. Dabei handelt es sich um 339 HCV‐Schnelltests und 33 Labortests oder PCRs. Tabelle 15: durchgeführte Testverfahren HIV‐Schnelltest HIV‐Labortest Syphilis‐Schnelltest Syphilis‐Labortest HCV‐Schnelltest HCV‐Labortest/PCR Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt 3.928 214 1.197 182 339 33 1.640 121 136 8 5 5 557 7 0 65 259 28 1.201 0 975 4 0 0 530 86 96 105 75 0 Seite | 28 Tabelle 16 zeigt die Anzahl der positiven bzw. reaktiven Testergebnisse für alle Testverfahren. Dabei sind in der Tabelle falsch‐reaktive Schnelltestergebnisse nicht aufgeführt. Allerdings sind nicht für alle Schnelltestergebnisse die Ergebnisse der Bestätigungstests bekannt, da diese teilweise nicht in der Einrichtung selbst durchgeführt wurden, da sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für eine Durchführung in einer ärztlichen Praxis oder einem anderen Setting entschieden haben. Die tatsächliche Anzahl bestätigter reaktiver Schnelltests liegt also eventuell niedriger als hier berichtet. Demnach wurden im Zeitraum dieses Berichts 51 HIV‐Schnelltests gezählt, die entweder bestätigt reaktiv oder unbestätigt waren. Die meisten reaktiven HIV‐Schnelltests wurden von Mann‐O‐Meter und der Berliner Aids‐Hilfe berichtet. Mann‐O‐Meter zählt 26 reaktive HIV‐Tests und zusätzlich einen falsch‐reaktiven HIV‐Schnelltest, der sich im Bestätigungstest als negativ erwies. Die Berliner Aids‐ Hilfe hatte 18 reaktive HIV‐Schnelltests und zusätzlich zwei falsch‐reaktive Ergebnisse. Deutlich weniger, nämlich sechs reaktive HIV‐Schnelltests, berichtet Pluspunkt, dazu kommen ebenfalls zwei falsch‐reaktive Tests. Pluspunkt hatte als einzige Einrichtung auch unter den durchgeführten HIV‐ Labortests zwei positive Ergebnisse. Bei Fixpunkt waren zwei der durchgeführten HIV‐Schnelltests reaktiv. Die Anzahl der bestätigt oder unbestätigt reaktiven Syphilis‐Schnelltests beläuft sich auf 47. Die überwiegende Anzahl dieser Fälle wurde von Mann‐O‐Meter gemeldet, die ein zusätzliches falsch‐ reaktives Ergebnis berichten. Acht Fälle wurden von der Berliner AIDS‐Hilfe und zwei von Pluspunkt gemeldet. Von den insgesamt fünf positiven Syphilis‐Labortests wurden vier von Pluspunkt und einer von Fixpunkt gemeldet. HCV‐Infektionen wurden ausschließlich von Fixpunkt berichtet. Bei einem Teil der reaktiven HCV‐ Schnelltests konnte mittels eines HCV‐PCR‐Labortests von Fixpunkt überprüft werden, ob die Infektion ausgeheilt ist. Zudem wurden auch ausschließlich PCR‐Untersuchungen veranlasst, wenn ein/e Ratsuchende/r, dem ein HCV‐Antikörper‐positives Ergebnis bereits bekannt war, wissen wollte, ob die HCV zwischenzeitlich ausgeheilt ist. Die differenzierende Detailauswertung konnte noch nicht abgeschlossen werden. Tabelle 16: bestätigt positive Tests HIV‐Schnelltest HIV‐Labortest Syphilis‐Schnelltest Syphilis‐Labortest HCV‐Schnelltest Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt 51 2 47 5 24 18 0 8 0 0 2 0 0 1 24 26 0 37 0 0 6 2 2 4 0 Insgesamt ist es im Rahmen der Berliner Testkampagne gelungen, höchstens 53 HIV‐Infektionen aufzudecken, die Betroffenen zu beraten und an das medizinische Versorgungssystem zu verweisen. Dies bedeutet eine Prävalenz von 1,3 % positiver HIV‐Tests bezogen auf alle im Rahmen der Kampagne durchgeführten HIV‐Schnell‐ und Labortests. Fast genauso viele Syphilis‐Infektionen wurden aufgedeckt, höchstens 52. Angesichts der deutlich geringeren Anzahl von insgesamt durchgeführten Syphilis‐Tests entspricht dies einer Prävalenz von 3,8 %. Die Anzahl der aufgedeckten Seite | 29 HCV‐Infektionen wird vorläufig auf 30 geschätzt, das würde insgesamt einer Prävalenz von 8,1 % entsprechen. Tabelle 17: Anzahl diagnostizierter Infektionen und Prävalenzen Gesamt Berliner Aids‐Hilfe Fixpunkt Mann‐O‐ Meter Pluspunkt HIV ‐ aufgedeckte Infektionen HIV‐Prävalenz Syphilis ‐ aufgedeckte Infektionen Syphilis‐Prävalenz HCV ‐ aufgedeckte Infektionen HCV‐Prävalenz 53 1,3 % 52 3,8 % ca. 30 ca. 8,1 % 18 1,0 % 8 5,6 % 0 0 % 2 0,4 % 1 1,5 % ca. 30 ca. 10,5 % 26 2,2 % 37 3,8 % 0 0 % 8 1,3 % 6 3,3 % 0 0 % Laut der Dokumentation des Robert‐Koch‐Instituts wurden für den Berichtszeitraum, also vom 1.9.2011 bis zum 30.11.2012 für Berlin 468 HIV‐Diagnosen gemeldet, bei denen es sich um bestätigte Erstdiagnosen handelt, sowie weitere 139, bei denen unklar ist, ob es sich um Erstdiagnosen handelt (U. Marcus, persönliche Mitteilung). In einer Größenordnung von 10% der Neumeldungen bei HIV und 4 % der erstgemeldeten HCV trägt die Testkampagne im Berichtszeitraum zur Detektion von bislang nicht bekannten Infektionen in der Stadt bei. Zusammenfassung und Fazit Die Berliner Testkampagne, ein Zusammenschluss von vier regionalen Einrichtungen, der Berliner Aids‐Hilfe e.V, Fixpunkt e.V, Mann‐O‐Meter e.V. und Schwulenberatung Berlin gGmbH mit dem Projekt Pluspunkt, wurde mit dem Ziel ins Leben gerufen, ein niedrigschwelliges, umfassendes Beratungs‐ und Testangebot zu HIV, Syphilis und HCV für verschiedene Zielgruppen anzubieten. Das zwischen den Kooperationspartnern einheitlich abgestimmte Konzept sah die Etablierung eines kontinuierlichen Angebots von Beratungs‐ und Testmöglichkeiten an jedem Wochentag an verschiedenen Orten in Berlin vor. Mit diesem Konzept ist es den beteiligten Einrichtungen gelungen, im Zeitraum vom 1. September (bzw. 1. Oktober) 2011 bis zum 30. November 2012, über 4.000 Personen zu beraten und zu testen. Der zahlenmäßige Erfolg des Konzepts zeigt sich auch in den kontinuierlichen Zuwächsen der Teilnehmerzahlen, die fast eine Verdoppelung von ungefähr 200 Nutzerinnen und Nutzern zu Kampagnenbeginn auf ungefähr 400 Nutzerinnen und Nutzer zum Ende des hier betrachteten Evaluationszeitraums bedeutet. Die Kampagne erreicht dabei eine vielfältige Klientel. Die Testsuchenden sind mehrheitlich jünger mit einem durchschnittlichen Alter von knapp 33 Jahren. Es werden vor allem Personen mit einem hohen Bildungsstatus erreicht, vier Fünftel besitzen die Hochschulreife bzw. die Fachhochschulreife. Und mit 30 % weist ein hoher Anteil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Migrationshintergrund auf. Schwule und bisexuelle Männer stellen die Hauptnutzergruppe der Kampagne dar, mehr als die Hälfte aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer bezeichnen sich als dieser Nutzergruppe zugehörig. Seite | 30 Heterosexuelle Männer und Frauen machen jeweils mehr als einem Fünftel der Klientel aus. Dabei unterscheidet sich die Nutzerstruktur deutlich zwischen den beteiligten Einrichtungen ‐ ein Umstand, der maßgeblich auf die unterschiedlichen Zielgruppen der jeweiligen Träger zurückzuführen ist. Die Konzentration auf Schnelltests für HIV, Syphilis und HCV erweist sich als ein zentraler Erfolgsfaktor der Kampagne. Für die überwiegende Mehrheit der Testsuchenden bestand in dem Angebot von Schnelltests der entscheidende Grund, sich für das besuchte Testangebot zu entscheiden. Eine Rolle bei diesem Entscheidungsprozess spielte für viele aber auch die Gewährleistung von Anonymität und Serviceaspekte, wie passende Öffnungszeiten und gute Erreichbarkeit. Von dem besuchten Testangebot hat die Mehrheit von zwei Drittel der Nutzerinnen und Nutzer über das Internet erfahren. Bereits ein Fünftel der Testsuchenden wurde allerdings auch über Mundpropaganda zu dem Testangebot geführt. Die Testangebote der Kampagne werden hauptsächlich von Personen genutzt, die eine wahrgenommene Risikosituation abklären wollen. Aber auch Routine und der Beginn einer neuen Beziehung werden als Testgrund angegeben. Dabei berichten etwas mehr als ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie sich bisher noch nicht auf HIV haben testen lassen. Dieser Anteil variiert stark nach der sexuellen Orientierung der Testsuchenden. Unter den schwulen und bisexuellen Teilenehmern sind nur 14 % bisher ungetestet, unter den heterosexuellen Männern und den Frauen sind es jeweils ungefähr 40 %. Diese Anteile entsprechen annähernd den Anteilen, wie sie in den jeweiligen Populationen der schwulen und bisexuellen Männer, sowie der Allgemeinbevölkerung in Berlin zu erwarten wäre. Deutlich höher liegt jedoch der Anteil der Testsuchenden, die sich bisher nicht auf STI haben testen lassen, dies trifft auf über die Hälfte aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu. Eine diagnostizierte Syphilis berichten ungefähr 4 % aller Testsuchenden, diese liegen aber fast ausschließlich in der Gruppe der schwulen und bisexuellen Männer vor, die hier eine Lebenszeitprävalenz von 7 % erreichen. Insgesamt wurden fast 4.000 HIV‐Schnelltests und weitere ca. 200 HIV‐Labortests durchgeführt. Das verdeutlicht, dass die Nutzerinnen und Nutzer vor allem wegen des Wunschs nach einem Test auf HIV die Testangebote aufsuchen. Fast jeder Testsuchende hat einen HIV‐Test gemacht. Syphilis‐Tests, von denen fast 1.200 Schnelltests und ca. 180 Labortests durchgeführt wurden, spielen eine deutliche kleinere Rolle und wurden hauptsächlich unter den ausschließlich schwulen und bisexuellen Nutzern von Mann‐O‐Meter durchgeführt. Eine zahlenmäßig noch geringere Rolle spielt der Test auf HCV, von dem fast 340 Schnelltests und ca. 30 Labortests durchgeführt wurden. Diese wurden überwiegend bei dem Träger Fixpunkt durchgeführt, der sich vor allem an Drogenkonsumierende richtet. Im Rahmen der Berliner Testkampagne ist es gelungen (höchstens) 53 HIV‐infektionen aufzudecken, das bedeutet, dass 1,3 % der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die sich auf HIV haben testen lassen, HIV‐positiv waren. Fast genauso viele Syphilis Infektionen, nämlich 52, konnten diagnostiziert werden, ein Anteil von 3,8 %. Deutlich höher liegt der Anteil der ungefähr 30 diagnostizierten HCV‐ Infektionen, dieser beträgt 8,1 %. In einer Größenordnung von 10% der Neumeldungen bei HIV und 4 % der erstgemeldeten HCV trägt die Testkampagne im Berichtszeitraum zur Detektion von bislang nicht bekannten Infektionen in der Stadt bei. Seite | 31 Literaturhinweise Aaron, S., McMahon, J. M., Milano, D., Torres, L., Clatts, M., Tortu, et al. (2008). Intranasal transmission of hepatitis C virus: virological and clinical evidence. Clinical Infectious Diseases, 47, 931‐934. Attia, S., Egger, M., Muller, M., Zwahlen, M. & Low, N. (2009). 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