schul|bank - Bundesverband deutscher Banken

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schul|bank
Ausgabe 04 2015
Wirtschaft für den Unterricht
Arbeitskosten
Arbeitskosten in Europa steigen moderat S. 2
Rente
Rentenbezugsdauer deutlich gestiegen
S. 3
Ölpreisbaisse – Ursache und Folgen
S. 4
Foto: Dieter Schütz/pixelio
Im Fokus
Investitionen
Deutsche Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland
Die deutschen Unternehmen wollen verstärkt im Ausland in-
Im Ergebnis werde so auch der Standort Deutschland abermals
vestieren. Die Gründe sind unterschiedlich.
von den Auslandsinvestitionen profitieren, erwartet der DIHK.
Mit den zusätzlichen Aufträgen könnten einer Hochrechnung
Mehr deutsche Unternehmen als je zuvor wollen im Ausland
zufolge etwa 40.000 Industriearbeitsplätze im Inland entstehen.
investieren – dies ist das Ergebnis einer Untersuchung des
Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Von
Produktionskosten im Inland
2.500 befragten Firmen aus dem verarbeitenden Gewerbe, da-
Doch zugleich sind für eine neuerdings wieder wachsende Zahl
runter Kleinbetriebe ebenso wie Großunternehmen, kündigten
von Unternehmen hohe Produktionskosten im Inland der ent-
47 Prozent an, dass sie in diesem Jahr ihre Auslandsaktivitä-
scheidende Anlass, im Ausland zu investieren: Immerhin 23 Pro-
ten stärken wollen. Der im Vergleich mit früheren Erhebungen
zent der im Ausland engagierten Firmen führten Kostengründe
schon recht hohe Vorjahreswert von 45 Prozent wurde damit
für ihre Pläne an. Dieses Motiv hatte vor zehn Jahren einmal
nochmals übertroffen.
eine sehr große Rolle gespielt und war dann zeitweilig in den
Hintergrund gerückt. Seit 2013 aber gewinnt das Thema Kosten
Hohe Auslandsinvestitionen sind nicht zwangsläufig vertane
wieder an Bedeutung, wie die Studie belegt. Unter den mittel­
Chancen für die inländische Entwicklung. Im günstigsten Fall le-
ständischen Firmen führten 28 Prozent dieses Motiv an. Die
gen die Unternehmen damit die Grundlagen für weitere erfolg-
Verlagerung aus Kostengründen bedeutet Investitionsverzicht
reiche Exporte aus heimischer Produktion. Tatsächlich überwiegt
und zumindest mittelfristig weniger Beschäftigung an heimi-
für die deutliche Mehrheit der Firmen weiter das Motiv, auf den
schen Standorten, warnt der DIHK. Die Unternehmen sicherten
ausländischen Absatzmärkten – allen voran bei den großen EU-
sich damit indes ihre Handlungsfähigkeit, wenn in Deutschland
Nachbarn, aber auch in China und Nordamerika – besser Fuß zu
Energiepreise, Arbeits- und Bürokratiekosten zu hoch sind oder
fassen, wie die Erhebung belegt. Knapp die Hälfte plant, Vertrieb
weiter steigen. Insgesamt würden die diesjährigen Auslands-
und Kundendienst vor Ort zu stärken, gut 30 Prozent investie-
investitionen der deutschen Unternehmen zu einem Aufbau
ren dort in die Produktion, um Märkte besser zu erschließen.
von 200.000 Arbeitsplätzen im Ausland führen.
Arbeitskosten
zählen. Die Lohnstückkosten wiederum bezeichnen den An-
Arbeitskosten in Europa steigen
moderat
teil der Arbeitskosten, die auf eine Produkteinheit entfallen.
Sie sind somit ein Schlüsselfaktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, wenngleich diese auch von den
Die Höhe der Arbeitskosten in den verschiedenen europäi-
Kapitalkosten (z.B. Zinsen auf Darlehen und Dividenden auf
schen Ländern unterscheidet sich nach wie vor erheblich
Eigenkapital) und nicht preisrelevanten Faktoren wie Inno-
voneinander.
vation und der Positionierung des Produkts auf dem Markt
beeinflusst wird. Um die durchschnittlichen Lohnstückkosten
In Deutschland sind die Arbeitskosten im vergangenen Jahr
in einer Volkswirtschaft zu errechnen, werden die Arbeits-
moderat um 1,5 Prozent gestiegen, wie Zahlen vom europäi-
kosten je Arbeitnehmer ins Verhältnis gesetzt zur erbrachten
schen Statistikamt Eurostat zeigen. Damit liegt die Steigerung
Wirtschaftsleistung je Erwerbstätigen (Produktivität).
etwa auf EU-Durchschnittsniveau, das 1,4 Prozent betrug. Deutlich höher ist der Anstieg in den baltischen Ländern (Estland
Unterschiedliche Entwicklung von Arbeitskosten in Europa
zum Beispiel mit 6,6 Prozent) oder im Vereinigten Königreich
Angaben in Prozent
(6,7 Prozent). In einigen Ländern wurde Arbeit sogar billiger,
Veränderungen der Arbeitskosten1) pro Stunde 2014 im Vergleich zu 2013
-4,2
Norwegen
wie in Tschechien (-3,8 Prozent) oder Norwegen (-4,2 Prozent).
-3,8
Tschechien
Griechenland
Spanien
Frankreich
Italien
EU
Deutschland
Österreich
Rumänien
Estland
Vereinigtes Königreich
Betrachtet man die absolute Höhe der Arbeitskosten in Euro,
fällt auf, wie stark die Unterschiede innerhalb Europas noch immer sind: Norwegen liegt trotz Rückgang weiter an der Spitze
mit rund 54 Euro pro Stunde. Am anderen Ende befinden sich
Bulgarien (3,80 Euro) und Rumänien (4,60 Euro).
Lohnstückkosten
Arbeitskosten setzen sich aus den Kosten für Löhne und Gehälter sowie den Lohnnebenkosten zusammen, zu denen vor
3,2
5,5
6,6
6,7
1) gesamte Wirtschaft ohne Landwirtschaft und öffentliche Verwaltung
Quelle: Eurostat.
allem die vom Arbeitgeber zu entrichtenden Sozialbeiträge
35,1 %
0,3 0,4
0,7 0,7 1,4 1,5
gegenüber
weniger als im Januar 2014. Einen stärkeren Rückgang gab
dem Vorjahres-
es zuletzt im Oktober 2009, als die weltweite Finanzkrise
monat sind im
die Ausfuhren drosselte. Der heftige Einbruch kommt über-
Januar die deutschen Exporte nach Russland nicht zuletzt
raschend, sagen Experten für 2015 doch einen nicht mehr
wegen der westlichen Sanktionen eingebrochen. Damit sum-
ganz so starken Rückgang voraus. Deutschland liefert vor
mierten sie sich im ersten Monat des Jahres auf nur noch
allem Maschinen, Fahrzeuge und chemische Produkte nach
knapp 1,44 Milliarden Euro – das ist gut eine Milliarde Euro
Russland.
um
Lektüre-Tipp:
Philipp Ther: Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des
­neoliberalen Europa, Suhrkamp Verlag, Berlin 2014, 431 Seiten, 26,95 €
Eine beeindruckende Analyse des ökonomischen Transfor-
teressiert ist als am konkreten Alltag und an seinem Wan-
mationsprozesses im östlichen Mitteleuropa hat der His-
del. Besonders informativ ist der Vergleich zwischen den
toriker Philipp Ther mit seinem jüngst auf der Leipziger
beiden Hauptstädten Berlin und Warschau, die sich nach
Buchmesse ausgezeichneten Buch „Die neue Ordnung auf
1990 unterschiedlich entwickelt haben. Einzig der Ansatz
dem alten Kontinent“ vorgelegt. Thers Bewertungen sind
Thers, die Geschichte Ostmitteleuropas als ein Kapitel zur
aktuell, klar und anregend und sorgen für eine spannende
Geschichte des Neoliberalismus zu begreifen, ist nicht
Lektüre, wobei der Autor weniger an Grundsätzlichem in-
durchweg überzeugend.

Finanzmärkte im Blick
Wirtschaft Chinas so wenig zu wie seit sechs Jahren nicht mehr,
DAX gibt leicht nach
was auch negative Spuren an den asiatischen Börsen hinterließ.
Derweil setzte sich der Ansturm auf deutsche Bundesanleihen
Nach einem fulminanten ersten Quartal mit neuen Rekordstän-
fort. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen fiel Mitte April
den hat der DAX Mitte April zumindest zeitweilig den Rückwärts-
erstmals unter die Marke von 0,1 Prozent. Hauptgrund sind die
gang eingelegt und ist wieder unter die 12.000-Punkte-Grenze
Anleihekäufe der Europäi-
gefallen. Ob diese Korrektur von längerer Dauer ist, weil die Kur-
schen Zentralbank (EZB), die
se zuvor zu lange gestiegen waren und eine Überhitzung drohte,
die ohnehin hohe Nachfrage
Dauer ist oder ob es noch
oder ob es noch Luft nach oben gibt – darüber gehen die Mei-
nach deutschen Staatspapie-
nungen naturgemäß auseinander. Als Belastung für den Index
ren und deren Kurse weiter
Luft nach oben gibt – darüber
sahen einige Analysten, dass EZB-Chef Mario Draghi die Speku-
steigen lassen. Weil die EZB
lationen um ein vorzeitiges Auslaufen der geldpolitischen Stüt-
vorhat, ihre Anleihekäufe
zungsmaßnahmen aus ihrer Sicht nicht ganz ausräumen konnte,
mindestens bis September
auch wenn er ankündigte, die Wertpapierkäufe trotz Anzeichen
2016 fortzuführen, rechnen viele Marktbeobachter mit einer
einer konjunkturellen Erholung vollständig durchzuführen. Eini-
Fortsetzung dieser Tendenz. Ein Fall der Zehnjahresrendite unter
ge Beobachter führten die Kursverluste auch auf die Furcht vor
null Prozent gilt unter vielen Experten lediglich als eine Frage
einem baldigen Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone
der Zeit. Schon jetzt rentieren deutsche Staatsanleihen mit Lauf-
zurück. Und schließlich: Im ersten Quartal des Jahres legte die
zeiten von bis zu acht Jahren im Minus.
Rente
»Ob die Korrektur von längerer
gehen die Meinungen naturgemäß auseinander.«
rung: Die Beitragszahler müssen das Ruhegeld von immer mehr
Rentenbezugsdauer deutlich
gestiegen
Senioren finanzieren. Allein zwischen 1995 und 2013 ist die Zahl
der Rentner um gut ein Viertel auf 20,6 Millionen gestiegen. Da
viele ältere Mitbürger nicht nur die eigene staatliche Altersver-
Die Menschen in Deutschland sind in den vergangenen Jahr-
sorgung beziehen, sondern auch Witwen- oder Witwerrenten
zehnten immer älter geworden. Weil sie die zusätzlichen
bekommen, muss die Rentenversicherung inzwischen Monat
Jahre überwiegend im Ruhestand verbringen konnten, hat
für Monat mehr als 25 Millionen Renten überweisen.
sich die Zahl der Rentner erhöht.
Länger in Rente
Der gestiegenen Lebenserwartung sei Dank, können diejenigen
Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die heute in den Ruhe-
Durchschnittliche Rentenbezugsdauer von Männern und Frauen in Jahren
stand gehen, deutlich länger Rente beziehen als dies vor 50 Jah1960
ren der Fall war. Mitte der 1960er Jahre beispielsweise bekamen
westdeutsche Männer im Schnitt rund zehn Jahre lang ihre ge-
1970
setzliche Rente ausgezahlt – mittlerweile sind es 17 Jahre. Die
deutschen Rentnerinnen beziehen inzwischen durchschnittlich
1980
sogar mehr als 21 Jahre lang ihr gesetzliches Ruhegeld – verglichen mit 1960 bedeutet das ein Plus von knapp elf Jahren. Die
1990
hinzugewonnenen Lebensjahre waren für die Bundesbürger bislang also fast gleichbedeutend mit zusätzlichen Rentenjahren.
2001
Zwar ist das durchschnittliche Alter, in dem die Bundesbürger
2010
in Rente gehen, in den vergangenen Jahren wieder gestiegen.
Doch weil es zuvor rückläufig war, sind die heutigen Neurentner
2011
mit gut 64 Jahren gerade einmal so alt wie jene Bundesdeutschen, die in den 1960er Jahren in den Ruhestand gingen.
2012
Zahl der Rentner gestiegen
2013
Weil aber nicht nur die Ruheständler länger leben, sondern auch
9,6
10,6
10,3
Männer
Frauen
12,7
11,0
13,8
13,9
17,2
13,8
18,9
16,2
20,9
16,0
20,6
16,7
21,3
17,0
21,5
Bis 1990: Westdeutschland. Altersrenten und Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit, ohne Hinterbliebenenversorgung
Quelle: Deutsche Rentenversicherung.
stets neue Rentner nachrücken, hat das Konsequenzen für das
im Umlageverfahren organisierte System der Rentenversiche
bankenverband
Im Fokus
Energie
Ölpreisbaisse – Ursachen und Folgen
Seit Mitte vergangenen Jahres hat sich der Rohölpreis zeit-
zu kürzen. Im Ergebnis übersteigt das Angebot die Nachfrage
weise mehr als halbiert. Den Ölverbrauchern beschert der
um etwa 1,0 bis 2,0 Millionen Barrel am Tag. Zurückzuführen
Preissturz unerwartete Gewinne, den Ölproduzenten kräfti-
ist dies auch darauf, dass sich die Nachfrage Chinas und der
ge Einnahmeausfälle.
Schwellenländer seit etwa 2013 nicht ganz so dynamisch wie
erwartet entwickelt. Im OECD-Raum stagniert die Nachfrage
Während der Ölpreis für die Sorte Brent Ende Juni 2014 noch
nach Öl ohnehin. All das führt zu der beispiellosen Situation,
bei über 110 US-Dollar pro Barrel lag, ist er bis Januar 2015 zeit-
dass in Zeiten enormer Krisen in den Hauptproduzentenregi-
weise bis auf 45 US-Dollar gesunken. Seitdem bewegen sich die
onen die Ölpreise schwächeln. Neben zyklischen können auch
Barrelpreise in einem Band zwischen 48 und 60 US-Dollar. We-
strukturelle Faktoren, z.B. die größere Rolle von Kondensaten
nig spricht gegenwärtig für schnell steigende Ölpreise – und
und Erdgas, den aktuellen Preisverfall erklären. Sie stützen
das obwohl es in den wichtigsten Förderregionen erhebliche
auch die Erwartung einer über mehr als ein Jahr anhaltenden
geopolitische Risiken gibt.
Preisbaisse. Entscheidend für die weitere Entwicklung sind nun
die Anpassungsreaktionen der großen Förderländer und Pro-
Die globale Ebene – Ursachen des Preisverfalls
duktionsunternehmen. Schon wird sichtbar, dass kostspielige
Einen vergleichbaren Preisverfall haben die Ölmärkte bereits
Investitionsprojekte auf die lange Bank geschoben werden, so
1986, 1998 und während der Wirtschafts- und Finanzkrise
dass mittel- bis langfristig wieder Angebotslücken und Versor-
2008/09 erlebt. Nach dieser letzten Tiefpreisphase stieg der Öl-
gungsengpässe entstehen dürften.
preis, getrieben von der boomenden Nachfrage in den Schwellenländern, zwischen 2010 und 2013 kontinuierlich an, womit
Die Rolle Saudi-Arabiens
sich auch der Anreiz erhöhte, in immer komplexere Erdöl- und
Die OPEC trachtete in der Vergangenheit stets danach, die Pro-
Erdgasförderprojekte zu investieren. In den USA wurde die Tech-
duktion der Marktnachfrage anzupassen und die Preise so zu
nik des hydraulic fracturing mit der des horizontalen Bohrens
stabilisieren. Saudi-Arabien war der entscheidende „Swing Sup-
(Fracking) kombiniert, was den Schieferöl- und -gasboom aus-
plier“, der mit seinen freien Förderkapazitäten auf Engpässe
löste. Unter dem Eindruck einer über viele Jahre rasant steigen-
reagieren konnte. Das Königreich ist gegenwärtig aber nicht
den Nachfrage in Asien gingen die Marktteilnehmer von einem
bereit, die alleinigen Lasten zu tragen, um die Preise zu sta-
anhaltend hohen Preisniveau aus, zumal zu erwarten war, dass
bilisieren. Folglich wurde auf der OPEC-Sitzung Ende letzten
sich die leicht zugänglichen Felder mit niedrigen Förderkosten
Jahres beschlossen, die Fördermengen des Kartells trotz des
erschöpfen würden und zunehmend geologisch, klimatisch und
Überangebots auf den Weltmärkten nicht zu reduzieren.
technisch komplexe Vorkommen erschlossen werden müssten.
Schon zuvor hatte Saudi-Arabien asiatischen Staaten und den
Doch dann setzte der Preisverfall ein. Wie war das möglich?
USA Preisabschläge gewährt, um seine Marktanteile zu ver-
Zunächst einmal weil sich das Angebot erhöht hat. Durch die
teidigen. Das Kalkül Saudi-Arabiens ist vielschichtig: Die Füh-
Fracking-Revolution hat die Rohölförderung in den USA seit
rungsmacht unter den OPEC-Ländern will auf kurze Sicht ihre
2008 um mehr als ein Drittel zugenommen. Auch in anderen
dominante Position am Markt bewahren und langfristig eine
Ländern wird kräftig gefördert. Aktuell speist sich das Welt-
stabile Weltnachfrage nach Rohöl auf hohem Niveau sicherstel-
marktangebot von circa 93 Millionen Barrel pro Tag (b/d) zu
len. Saudi-Arabien und die verbündeten arabischen Golfstaaten
gut 30 Millionen b/d aus der Fördermenge der Organisation
fördern zu den niedrigsten Kosten, verfügen über die größten
erdölexportierender Länder (OPEC). Davon werden 21,7 Milli-
und am weitesten in die Zukunft reichenden Reserven und
onen b/d im Mittleren Osten gefördert; über 10 Millionen b/d
haben daher trotz notwendiger hoher Investitionen im Ener-
steuern jeweils die USA und Russland bei. Je mehr der Preis ver-
giesektor einen langen Atem, um eine Tiefpreisphase durch-
fiel, desto mehr versuchten Produzenten und Exporteure, den
zustehen. Erklärtes Leitziel ist es nun, die Marktkräfte wirken
Gewinnverlust über höhere Mengen zu kompensieren. Russ-
zu lassen: Produzenten mit hohen Förderkosten und Grenzan-
land beispielsweise fördert auf Höchstniveau. Innerhalb der
bieter sollen aus dem Markt gedrängt werden, so dass sich die
OPEC erodierte die Kartelldisziplin: Der Iran produziert über
Märkte einpendeln können. Sporadisch auftretende längerfris-
seiner Quote, der Irak, nicht an Quoten gebunden, verzeich-
tige Niedrigpreisphasen sollen Öl-Substitutionsprozessen ent-
net steigende Förderraten. Venezuela, Nigeria, Algerien oder
gegenwirken und damit garantieren, dass die Golfstaaten auch
Ecuador haben keinen wirtschaftlichen Spielraum, die Mengen
künftig Abnehmer für ihr Öl finden.

Im Fokus
Fracking und die gewachsene Rolle der USA
Profiteure des Preisverfalls
Und tatsächlich: Ernüchtert von den gesunkenen oder zumin-
Die EU und Deutschland gehören zweifellos zu den Nutznie-
dest unsicher gewordenen Renditeaussichten stellen Inves-
ßern des Ölpreissturzes. Mussten die EU-Mitgliedstaaten im
toren weltweit Öl- und Gasförderprojekte auf den Prüfstand.
Jahr 2013 bei einem Durchschnittspreis von 109 US-Dollar pro
Dies gilt auch für die nordamerikanische Öl- und Gaswirtschaft.
Barrel 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Ölimporte
Infolge der niedrigeren Preise sind in den USA die Bohrakti-
aufwenden, wird die Ölrechnung 2015 und vermutlich auch
vitäten allein in diesem Jahr um 40 Prozent zurückgegangen.
2016 deutlich niedriger ausfallen. Von dem Preisverfall profi-
Allerdings ist die Effizienz der Bohrungen zugleich signifikant
tieren Europa und Deutschland auf zweifache Weise: Erstens
gestiegen, weswegen die Fördermenge weiter ansteigt. Zwar
steigen – dank niedriger Kosten für Wärme und Verkehr – die
scheiden kleine Wettbewerber aus der Förderung aus, inter-
Realeinkommen, so dass die privaten Haushalte ihren Konsum
nationale Unternehmen aber steigen zunehmend ein. Sie
ausweiten können. Zweitens sinken die Beschaffungs- und Her-
schätzen an der Schiefer- bzw. Tight-Ölförderung, dass Förder-
stellungskosten der Unternehmen. Je nach Marktlage können
mengen und Risiken überschaubar sind, eine leistungsfähige
sie ihre Produktion steigern, ihre Gewinne erhöhen und gege-
Service-Industrie besteht und Reaktionszeiten relativ kurz sind.
benenfalls Erweiterungsinvestitionen vornehmen. Insgesamt
Haben große Felder eine Vorlaufzeit von fünf bis 15 Jahren, las-
wirkt der Preisverfall für Rohöl als ein positiver Angebotsschock
sen sich Fracking-Bohrungen in den USA binnen weniger Mo-
auf die Volkswirtschaften Europas. Allerdings ist Europa von
nate realisieren.
der Preisbaisse weniger begünstigt als etwa die sehr viel ölintensiveren Schwellenländer. Zudem hat der Euro parallel zum
Die Technologie-Revolution des Fracking schafft neue Realitä-
Ölpreisverfall seit Juni 2014 gegenüber dem US-Dollar deutlich
ten. Bei anziehenden Ölpreisen werden sich Investoren wieder
an Wert verloren. Die Terms of Trade haben sich daher für die
verstärkt engagieren. Allerdings erwartet die Internationale
Länder der Eurozone nur halb so stark verbessert wie etwa für
Energieagentur (IEA), dass der Höhepunkt des per Fracking ge-
die USA.
förderten Öls um 2020 erreicht sein wird und danach die Förderkurve abfällt. Wird jetzt vorübergehend weniger gefördert,
Die ölimportierenden Schwellenländer dürften aus mehreren
verschiebt sich der »Peak« entsprechend nach hinten.
Gründen die größten Profiteure der Ölpreisbaisse sein. Erstens
ist die Energieintensität ihrer Volkswirtschaften generell sehr
Folgen des Preisverfalls
hoch. Zweitens können die aufgrund geringerer Kosten für
Die Austauschrelationen im Welthandel – die Terms of Trade –
Energie und Dünger gefallenen Nahrungsmittelpreise für reale
haben sich infolge des Preissturzes auf den Ölmärkten dras-
Einkommensgewinne breiter Bevölkerungsschichten sorgen.
tisch verändert. In der Konsequenz findet international eine ge-
Drittens haben die gesunkenen Ölrechnungen einen aktivie-
waltige Umverteilung der Einkommen von Ölproduzenten zu
renden Einfluss auf die Zahlungsbilanz, die sich oft chronisch
Ölverbrauchern, von Nettoexporteuren zu Nettoimporteuren
im Defizit befindet. Die positiven Effekte sind generell umso
statt. Der konjunkturelle Impuls, der von dieser Umverteilung
größer, je höher der Anteil der Öl- und Gasimporte am Brutto-
ausgeht, ist für die Weltwirtschaft deutlich positiv, da die Im-
inlandsprodukt ausfällt.
portländer im Durchschnitt einen höheren Anteil ihres Bruttonationaleinkommens konsumieren als die Exportländer und da
Die Ölexportländer als Verlierer
Letztere zur Kompensation ihrer Einkommensverluste Erspar-
Die großen Verlierer der Ölpreisbaisse sind hingegen die tra-
nisse auflösen. Simulationsrechnungen des IWF zufolge führt
ditionellen Ölförderländer mit ihren Rentenökonomien. Die
eine 45-prozentige Preissenkung für Rohöl in den Jahren 2015
Öl- und Gaswirtschaft befindet sich meist in staatlicher Hand,
und 2016 zu einem Anstieg des Weltbruttosozialprodukts von
weswegen sich durch einbrechende Gewinne auch die Trans-
jährlich 0,3 bis 0,8 Prozent.
fers an den Staat unmittelbar verringern. Die negativen Effekte
fallen umso stärker ins Gewicht, je größer der Anteil von Öl und
Wie sich die Ölpreisbaisse ökonomisch auf die einzelnen
Gas an der nationalen Wertschöpfung, an Exporten, Devisener-
Volkswirtschaften auswirkt, hängt aber von verschiedenen
lösen und den Staatseinnahmen ist. Gemessen an diesen Krite-
Faktoren ab. Dazu zählen unter anderem der relative Anteil
rien stehen neben Russland, das unter einer Mehrfachkrise lei-
der ölbasierten Produktion an der nationalen Wertschöpfung,
det, insbesondere afrikanische Länder, der Irak und Venezuela
die Höhe der Importe oder Exporte, das aktuelle konjunkturel-
unter starken Anpassungszwängen. Die gefallenen Einnahmen
le Umfeld und nicht zuletzt die Reaktionen der Marktakteure
haben in den Exportländern die Spielräume sowohl für eine
und der Politik. Die wirtschaftlichen Effekte des Preisverfalls
klientelistische Verteilungspolitik als auch für eine petrofinan-
sind je nach Land und Region sehr unterschiedlich.
zierte offensive Außenpolitik dramatisch eingeengt.

bankenverband
Bargeld
 Milliarden D-Mark werden immer noch gehortet
Über 13 Jahre nach Einführung des Euro-Bargeldes schlum-
als Erinnerung aufgehoben haben. Bei den Münzen handelt es
mern noch immer fast 13 Milliarden DM irgendwo in privaten
sich insbesondere um Fünf- und Zehnmarkstücke (über 4 Milliar-
Heimen – davon 6,1 Milliarden DM an Banknoten und 6,8 Milli-
den DM). Davon dürfte ein beachtlicher Teil nicht mehr existie-
arden DM an Münzen. Was tun damit? In den Filialen der Deut-
ren, da es sich in den vergangenen Jahren aufgrund des hohen
schen Bundesbank können die Münzen und Banknoten nach
Silberpreises lohnte, diese Münzen einzuschmelzen, soweit sie
wie vor in Euro getauscht werden – zum offiziellen Kurs von
aus Silber bestehen. Ein erheblicher Teil an Münzen findet sich
ein Euro = 1,95583 DM. Der Umtausch dort ist weiterhin unbe-
auch in Schatullen von Sammlern. Von den kleineren Münznomi-
grenzt und kostenfrei möglich.
nalen dürften viele schlicht und einfach verloren gegangen sein.
Wo aber befinden sich die vielen Scheine und Münzen? Ein Teil
Steigendes Interesse an Immobilien
ist wahrscheinlich noch in deutschen Haushalten „versteckt“.
Generell hat das „billige“ Geld zu einem gestiegenen Interesse
Nicht selten werden ganze Mengen an D-Mark bei Wohnungs-
an Immobilien nicht nur zur Eigennutzung, sondern auch als
auflösungen gefunden. Viele Banknoten sind von den Millionen
Geldanlage geführt. Trotz der sehr günstigen Konditionen soll-
Touristen aus aller Welt, die Deutschland vor der Euro-Einfüh-
te aber ein Immobilienerwerb nicht überstürzt erfolgen. Der
rung besucht haben, mit in ihr Heimatland genommen worden
Kauf eines Hauses oder einer Eigentumswohnung ist eine lang-
und kleben womöglich als Souvenir in einem Fotoalbum. Auch
fristige Investition, mit der man sich in der Regel auch finanziell
allerhand Deutsche werden sich den einen oder anderen Schein
auf lange Zeit bindet.
Verbraucher
Wie die Deutschen sparen
Weniger Sparen, mehr
Konsumieren
Angaben in Prozent1) 2015
Sparbuch / Spareinlagen
53
Sparen auf Girokonto
Das niedrige Zinsniveau nimmt den Deutschen ein wenig die
44
Bausparvertrag
Lust am Sparen und stachelt den Konsum an – das geht aus
37
Lebensversicherung
mehreren Umfragen hervor, die kürzlich veröffentlicht wor-
35
Kurzfristige Geldanlagen
den sind.
So hat die Direktbank der Commerzbank, die Comdirect, bei
der Befragung von 1.600 Bundesbürgern ermittelt, dass diese
28
Immobilien
25
Riester-Rente
25
Investmentfonds
nur noch 7,0 Prozent ihres verfügbaren Haushaltsnettoein-
19
Aktien
kommens zurücklegen, nachdem es Anfang des Jahres noch
13
Festverzinsl. Wertpapiere
7,3 Prozent waren. 80 Prozent der Befragten rechnen mit kei-
Andere Sparformen
nem baldigen Ende der Niedrigzinsphase, mehr als ein Drittel
befürchtet sogar noch einen weiteren Rückgang.
6
3
Quellen: TNS Deutschland/Verband der Privaten Bausparkassen.
1)
Mehrfachnennungen möglich
Konsumlust gestiegen
Nach einer Umfrage von TNS Deutschland, die der Verband
nur noch 61 statt 64 Prozent der Bürger Geld zurück. Dass die
der Privaten Bausparkassen in Auftrag gegeben hat, sparen die
Deutschen sich in Konsumlaune befinden, geht auch aus einer
Deutschen stärker für Konsumausgaben und deshalb kurzfristi-
Umfrage des Verbraucherfinanzierers Credit Plus unter 2.000
ger als früher: Für 65 nach zuvor 59 Prozent ist inzwischen der
Bürgern hervor. Rund drei Viertel möchten ihr Geld demnächst
Konsum das wichtigste Sparziel. Für die Altersvorsorge legen
in neue Möbel oder ein Auto investieren.
Impressum | Herausgeber: Bundesverband deutscher Banken e.V., Postfach 04 03 07, 10062 Berlin | Verantwortlich: Iris Bethge
Redaktion: Dr. Henrik Meyer, Annette Matthies-Zeiß (Assistenz), Telefon +49 30 1663-1293, schulbank@bdb.de, schulbank.de
Druck: Druckstudio GmbH, Professor-Oehler-Straße 10-11, 40589 Düsseldorf | Gestaltung: KD1 Designagentur, Köln
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