Programmheftes

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A4
DO 12.01.2017
FR 13.01.2017
Sinfoniekonzert
Joshua Weilerstein Dirigent Markus Becker Klavier
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RING A4
DO 12.01.2017
FR 13.01.2017
20 UHR
NDR
GR. SENDESAAL
A4
NDR Radiophilharmonie
Joshua Weilerstein Dirigent
Markus Becker Klavier
Max Reger | 1873 – 1916
Klavierkonzert f-Moll op. 114 (1910)
I. Allegro moderato
II. Largo con gran espressione
III. Allegretto con spirito
Igor Strawinsky | 1882 – 1971
Der Feuervogel
Suite für Orchester (Fassung von 1919)
Introduktion – Tanz des Feuervogels –
Variation des Feuervogels
Reigen der Prinzessinnen
Höllentanz des Kaschtschej
Berceuse
Finale
SPIELDAUER: CA. 22 MINUTEN
SPIELDAUER: CA. 45 MINUTEN
PAUSE
Das Gelbe Sofa
19 UHR | NDR | GR. SENDESAAL
Claude Debussy | 1862 – 1918
Prélude à l’après-midi d’un faune (1892 – 94)
Moderation: Friederike Westerhaus (NDR Kultur)
Das nächste Mal am 16. und 17. Februar zu Gast:
der Pianist Francesco Piemontesi.
SPIELDAUER: CA. 12 MINUTEN
Das Konzert am 12.01.2017 wird live
auf NDR Kultur übertragen. (Hannover: 98,7 MHz)
Biografie
In Kürze
Das erste Konzert der NDR Radiophilharmonie im Jahr 2017 beginnt mit einem
imposanten Nachklang zum Max-Reger-Gedenkjahr 2016: der Aufführung von
Regers Klavierkonzert mit dem hannoverschen Pianisten Markus Becker, einem international führenden Reger-Interpreten. „Ich halte ihn für ein Genie“,
hatte einst Arnold Schönberg über seinen Zeitgenossen Reger konstatiert –
ein Genie mit Ecken und Kanten, bei dem Humor und Depression ganz nah
beieinanderlagen. Als Kapellmeister und Hochschullehrer war der gebürtige
Oberpfälzer zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Figuren
des deutschen Musiklebens, als Komponist blieb ihm eine dauerhafte Anerkennung verwehrt. Dabei war er äußerst produktiv und hinterließ, trotz seines frühen Todes 1916 als 43-Jähriger, ein umfangreiches und vielfältiges
Œuvre. Regers Musik ist komplex und gilt als schwer zugänglich. Er selbst war
sich dessen durchaus bewusst, über sein höchst anspruchsvolles Klavierkonzert schrieb er: „Mein Klavierconcert wird für Jahre noch unverstanden bleiben; die Tonsprache ist zu herb und zu ernst; es ist sozusagen das Pendant
zum Brahms’schen D-moll-Klavierconcert.“ Bei aller Herbheit ist dieses sehr
klang farbenreiche Werk jedoch voller Emotionen: etwa in der mitreißend
opulenten Gestik des ersten Satzes, in der filigranen Melodik des zweiten
Satzes – in den der Bach-Verehrer Reger Choralzitate verwoben hat – oder in
den schwungvoll-tänzerischen Einlagen des dritten Satzes. Wenige Jahre vor
Reger hatte in Frankreich der Klangmagier Claude Debussy die musikalische
Weltbühne betreten und 1894 mit dem „Prélude à l’après-midi d’un faune“
(nach dem Gedicht Mallarmés) eines der ersten, kompositorisch dem Impressionismus zugeordneten Orchesterwerke vorgelegt. Das Szenario: Ein Faun,
eine Flöte spielende mythologische Satyr-Gestalt zwischen Mensch und Ziege, gibt sich in der Nachmittagshitze seinen Träumen und erotischen Visionen
hin. „Einen genialen Sinn für Klang und Rhythmus“ bescheinigte Debussy einige Jahre später einem jungen russischen Kollegen: Igor Strawinsky. Ihm gelang 1910 – dem Uraufführungsjahr auch von Regers Klavierkonzert – in Paris
mit der anschließend als Orchestersuite eingerichteten Musik zum Ballett
„Der Feuervogel“ sein erster großer Erfolg. Dabei ließ die schillernd-farbige
„Feuervogel“-Komposition bereits jene perkussiv-motorischen Härten anklingen, die dann 1913 bei der Uraufführung von „Le sacre du printemps“ für
einen der berühmtesten Theaterskandale sorgten.
Joshua Weilerstein
Dirigent
Joshua Weilerstein ist 29 Jahre alt und einer der bemerkenswertesten jungen Dirigenten des internationalen Musiklebens. Seit 2015 ist er künstlerischer Direktor
des Orchestre de Chambre de Lausanne, in der Saison 2016/17 debütiert er nicht
nur bei der NDR Radiophilharmonie, sondern z. B. auch beim Concertgebouw Orchestra Amsterdam und beim London Philharmonic Orchestra. Weilerstein wurde
als Sohn einer Musikerfamilie in Rochester (New York) geboren. Er studierte in
Boston am New England Conservatory Orchesterleitung bei Hugh Wolff sowie Violine bei Lucy Chapman. 2009 wurde er zum Assistant Conductor des New York
Philharmonic ernannt und beim Malko-Wettbewerb für Nachwuchsdirigenten mit
dem 1. Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. Zahlreiche Einladungen an
die Pulte namhafter Orchester schlossen sich an. Weilerstein legt größten Wert
darauf, in seinen Konzerten sowohl traditionelles Repertoire zu dirigieren als auch
zeitgenössische und selten aufgeführte Werke vorzustellen. Darüber hinaus liegen
ihm eine offene Kommunikation mit seinem Konzertpublikum sowie musikalische
Education-Programme sehr am Herzen. Intensiv unterstützt er u. a. die Kinderund Familienprojekte des Orchestre de Chambre de Lausanne.
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Biografie
„Da muss sich das Publikum erst daran
gewöhnen“
Max Regers Klavierkonzert
hrfürchtig äußerte der Komponistenkollege Paul Hindemith über Max Reger:
„Er war der letzte Riese in der Musik. Ich bin ohne ihn gar nicht zu denken.“
Leicht hatte es Reger, zu dessen 100. Todestag im vergangenen Jahr vielerorts seine Musik verstärkt zu hören war, mit seinen Werken nicht. Er scheint ein
Komponist für Kenner und Liebhaber zu sein, der viel bewundert wurde, sich aber
dennoch nicht richtig durchsetzen konnte, denn dafür ist seine Musik zu komplex,
mitunter zu opulent und wenig fasslich und nicht leicht zugänglich. Als Komponist
war Reger ein Getriebener, unersättlich in seinem musikalischen Mitteilungsbedürfnis. Arnold Schönberg brachte wider alle Diskussionen zwei einfache Gründe
ins Spiel, die es seiner Meinung
nach unabdingbar machten, Regers Werke aufzuführen: „1. weil
„Max Reger, Kolberg 1913“,
er viel ge schrieben hat; 2. weil
gemalt von Franz Nölken (1884 – 1918).
er bereits tot ist und die Leute
sich noch nicht über ihn im Klaren sind (ich halte ihn für ein Genie).“ Geboren wurde Reger
1873 in der Oberpfalz. Mit 15
Jahren besuchte er eine Aufführung von Wagners „Parsifal“. Es
war ein Schlüsselerlebnis und
Reger beschloss, Musiker zu
werden. Er studierte zunächst
im thüringischen Sondershausen, später in Wiesbaden bei
Hugo Riemann, dessen Name
heute noch vielen durch sein
umfangreiches Musiklexikon ein
Begriff ist. Nach seiner Militär-
E
Markus Becker
Klavier
Markus Becker, der in Hannover einst im Knabenchor sang und später an der Musikhochschule bei Karl-Heinz Kämmerling Klavier studierte, ist heute als Pianist und
Kammermusiker sowie als Professor und Festivalleiter an der HMTMH eine der prägenden Musikerpersönlichkeiten der Stadt. Darüber hinaus überzeugt er im internationalen Konzertleben als maßgebender Pianist der Klavierliteratur von Bach bis
Rihm, als ideenreicher Programmgestalter und als profilierter Künstler, der im Jazz
seine zweite Heimat hat. Markus Becker ist zudem einer der führenden Max-RegerInterpreten unserer Zeit. Als legendär gilt bereits seine Gesamteinspielung des Klavierwerks Regers auf 12 CDs, die u. a. mit dem Echo-Klassik und dem Preis der
Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurde. Auch seine Zusammenarbeit
mit der NDR Radiophilharmonie ist auf mehreren CDs dokumentiert, die gemeinsame Einspielung der Klavierkonzerte George Antheils gilt als Referenzaufnahme. Bei
seinen jüngsten CD-Produktionen erweist sich Markus Becker einmal mehr als
enorm vielseitiger Künstler: Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ kombiniert mit
Jazzimprovisationen sowie Rostropowitschs Zugabenstücke – Werke von Debussy,
Prokofjew, Rachmaninow u. a. –, eingespielt mit dem Cellisten Alban Gerhardt.
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zeit kehrte Reger in die Heimat zurück. Hier entstanden die ersten großen Werke
für Orgel, wie die Choralfantasien oder die e-Moll-Suite op. 16. 1898 hörte er in der
Frankfurter Paulskirche den Organisten Karl Straube – er wurde sein Vorbild und
Wegweiser. Nach Stationen unter anderem am Konservatorium in München wurde
Reger 1907 Universitätsmusikdirektor in Leipzig und 1911 Hofkapellmeister in Meiningen, wo schon Hans von Bülow und Richard Strauss vor ihm wirkten.
Mitte dreißig war Reger, als im Mai 1910 in Dortmund ein dreitägiges Fest zu seinen
Ehren veranstaltet wurde. Heute wie damals eine große Ehre für einen noch
relativ jungen Komponisten – auch wenn Reger bereits wichtige musikalische Posten innehatte. Anwesend war auch die Pianistin Frieda Kwast-Hodapp, die unter anderem
seine Variationen und Fuge über ein Thema
„Als der liebe Gott den Humor verteilte,
von Johann Sebastian Bach op. 81 spielte.
habe ich halt zweimal ‚hier‘ geschrien.“
Schon einige Jahre zuvor hatte er ihr ein KlaMax Reger
vierkonzert in Aussicht gestellt. Nun wiederholte er sein Versprechen. Wenige Tage später
schrieb er an seinen engen Freund Hans von
Ohlendorff, dass er „10.000 Meilen tief in der Arbeit“ an einem neuen Konzert
stecke. Schon im Juni war der riesige erste Satz fertig und Anfang Juli lud er Karl
Straube ein, sich den zweiten Satz anzuhören, zwei Wochen später dann den dritten und letzten Satz. Das Manuskript enthielt die für Reger, der für seinen derben
Humor bekannt war, ganz typischen Worte: „Dieses Schweinszeug gehört Frau
Kwast. Das Oberschwein, Max Reger, bestätigt es.“
Im Dezember 1910 führte Frieda Kwast-Hodapp unter Arthur Nikisch das Klavierkonzert f-Moll op. 114, jenes prallvolle, etwa 40-minütigen Konzertstück (damit war
wohl das „Schweinszeug“ als umfangreiche „Schwarte“ gemeint) im Leipziger Gewandhaus erstmals auf. Reger war begeistert
und nannte seine Uraufführungspianistin liebevoll „Kwast-Hutab“. Anders reagierten je„Der will sich wohl an mir berühmt schimpfen!“
doch die Kritiker und das Publikum. Paul BekMax Reger über einen Kritiker
ker war von dem „kaleidoskopartigen Durcheinanderschütteln der Gedanken, die keinen
richtigen Anfang, keinen erkennbaren Schluß,
keinen organischen Zusammenhang haben“ irritiert. Walter Niemann, ein anderer
Kritiker, äußerte sich noch direkter: „So muß ich denn offen bekennen, daß mir das
nur im ersten Satz halbwegs erfundene, im übrigen schematisch er-Regerte,
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Brahms- und Liszt-Vertraute Klavierspielen mit entwickelter Vollgriff- und Wurftechnik vor keine sonderlichen Schwierigkeiten stellende F-moll-Konzert als eine
neue Fehlgeburt der in Inzucht verkommenden Reger-Muse erschienen ist!“ Auch
wenn man im Vergleich zu heutigen Rezensionen erkennen muss, wie wortgewaltige, vielleicht auch mutig und kontrovers damalige Kritiken sein konnten, so ist
doch der sehr persönlich verletzende Aspekt nicht zu unterschätzen. Reger jedenfalls war sehr gekränkt von diesen feindseligen Reaktionen. Resolut wirkte Reger
nicht nur durch seine Körperfülle, und sein mitunter derber Humor und seine Liebe zum Alkohol trugen zu seinem raubeinigen Image bei – dennoch, wie so oft,
steckte hinter der harten Schale, ein sanfter Kern.
In den folgenden Jahren resignierte Reger oft,
trank viel und sein Gesundheitszustand war
nicht der beste. Doch von seiner musikalischen Leistung blieb er überzeugt. Zwei Jahre
nach der Uraufführung des Klavierkonzerts
schrieb er an Herzog Georg II. von SachsenMeiningen: „Mein Klavierconcert wird für Jahre noch unverstanden bleiben; die Tonsprache ist zu herb und zu ernst; es ist sozusagen
das Pendant zum Brahms’schen D-moll-Klavierconcert; da muss sich das Publikum erst
daran gewöhnen.“ Den Kritikern, den „Eseln“,
warf er vor, dass sie nicht einmal – trotz allen
Sachverstands – erkannten, dass im Largo der
Choral „Wenn ich einmal soll scheiden“ Note
für Note als Hauptmelodie erscheint. „Schwitzen, schwitzen werden Sie“, prophezeite Reger seiner Uraufführungspianistin. Gleichzeitig verwies er aber auch darauf, dass „da gar
nichts drinnen steht, wo man sein ‚Klavierboxertum‘ zeigen kann.“ Frieda Kwast-Hodapp
war eine versierte Pianistin. Ihr konnte Reger
den extravaganten und sehr virtuosen Klavierpart zumuten. Vor allem konnte er von ihr
erwarten, dass sie sich mit diesem technisch
anspruchsvollen Part beschäftigte, ohne
dann im Konzert zu brillieren – denn das war
Der Dirigent und Gewandhauskapellmeister
Arthur Nikisch, Gemälde von Ida Gerhadi
(1900).
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von Reger nicht vorgesehen. Die Virtuosität steht hier nicht im Vordergrund, auch
wenn der Klavierpart gespickt ist mit gewaltigen Passagen in Oktaven und komplexen Figurationen in den Mittelstimmen. Reger erreicht so eine reichhaltige Klangfarbigkeit. Dass er dabei auf Techniken von Brahms und Liszt zurückgreift, hätte er
selbst nie verleugnen wollen. „Ich, der glühendste Verehrer J. S. Bachs, Beethovens
und Brahms, sollte also den Umsturz predigen! Was ich will, ist ja doch nur eine
Weiterbildung des Stils!“ Besonders der erste Satz verweist auf Brahms. Wie in
dessen d-Moll-Konzert beginnt auch Reger mit einem Paukenwirbel. Nach einer
kurzen Orchestereinleitung bricht das Klavier in Fortissmo-Oktaven hervor, woraus sich dann ein äußerst dramatischer Dialog zwischen Solist und Orchester entfaltet. „Molto tranquillo“ erklingt das zweite Thema mit seiner explizit lyrischen
Stimmung. Mit einem Monolog des Klaviers beginnt der zweite Satz. Neben der von
Reger selbst erwähnten Choralmelodie verwendet er noch weiter Choräle. „O Welt,
ich muss dich lassen“ aus der Matthäus-Passion ist in den Streichern zu hören, die
Oboen zitieren später „Vom Himmel hoch“.
Max Reger starb im Alter von nur 43 Jahren an einem Herzanfall. Er sollte nicht
mehr erleben, dass es der junge Rudolf Serkin war, der seinem Klavierkonzert zu
der Anerkennung verhelfen sollte, die er sich zu Lebzeiten vielleicht gewünscht
hätte. 1922 führte Serkin es mit dem Wiener Tonkünstler-Orchester unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler auf, und 1945 spielte er die US-Premiere in Minneapolis unter der Leitung von Dimitri Mitropoulos. Das amerikanische Publikum war
so begeistert, dass das Finale als Zugabe noch einmal gespielt wurde.
„Nach der Flöte des Fauns atmet die
europäische Musik anders“
Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“
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er Sprung von Regers Klavierkonzert zu Claude Debussys Meisterwerk ist
nicht allzu groß: Auch Debussy war – wenn auch auf ganz andere Weise – ein
Magier der Klangfarben und sein „Prélude à l’après-midi d’un faune“ („Vor-
spiel zum Nachmittag eines Fauns“) ist dafür ein frühes und ganz besonders
schönes Beispiel. „Die Musik dieses Vorspiels ist eine ganz freie Interpretation des
schönen Gedichts von Mallarmé“, so Debussy, der damit von vornherein das Missverständnis aus dem Weg räumte, es handle sich um reine Programmmusik. Er
wollte also keine Geschichte erzählen, sondern impressionistische Stimmungsbilder musikalisch evozieren.
Im Dezember 1894 wurde das „Vorspiel“ in der Société Nationale in Paris uraufgeführt. Der Dirigent Gustave Doret erinnert sich an das gebannt lauschende Publikum. Doch dem, was da so zart und bis dato ungehört die Besucher in den Bann
zog, war harte Arbeit vorausgegangen. Zwei Jahre komponierte Debussy an diesem Stück und die Proben waren alles andere als harmonisch. Ständig änderte
der Komponist noch Dinge, damit es so klang, wie er es sich vorgestellt hatte – eine
Nerven- und Zerreißprobe für die Musiker. Aber alles, was sich Debussy an Klangvaleurs und orchestralem Klangfarbenreichtum so nuancenreich vorstellte, musste durch das erste Hörerlebnis überprüft und korrigiert werden. Die Soloflöte verkörpert den Faun, der sich durch die flirrende Hitze elegant bewegt, musikalisch
frei von jeglicher Harmonik, in
absteigender Chromatik. Diese
Traumvision, in der der Faun an
François Bouchers Gemälde „Pan und Syrinx“ (1759)
einem schwülen Nachmittag
inspirierte Mallarmé zu dem Gedicht „L’Après-midi d’un faune“.
mit berauschenden Erinnerungen an schöne Nymphen,
die seine Begierde geweckt haben, aus dem Schlaf erwacht,
war geradezu prädestiniert für
die Bühne. 1912 brachten die
Ballets Russes das Stück als
Ballettversion heraus. Für den
Komponisten und Dirigenten
Pierre Boulez war das zehnminütige Stück ein Wegbereiter
der modernen Musik: „Nach der
Flöte des Fauns atmet die europäische Musik anders. Man
kann sagen, dass die moderne
Musik mit ,L’Après-midi d’un
faune‘ beginnt.“
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Russische Märchenwelten in neuartige
Klänge gesetzt
Igor Strawinskys Suite „Der Feuervogel“
st es in „L’Après-midi d’un faune“ die sagenumwobene Welt des Fauns – jenem
Lebewesen zwischen Mensch und Tier, das Mallarmé, angeregt durch das Gemälde „Pan und Syrinx“ von François Boucher, zu seinem Gedicht inspirierte –,
so ist es in „Der Feuervogel“ die verlockende Märchenwelt, die Igor Strawinsky musikalisch nachgezeichnet hat. Mit dem Ballett „Der Feuervogel“ gelang ihm der
weltweite Durchbruch. Bis dahin hatte er vor allem in St. Petersburg gewirkt. 1909
lernte der 27-Jährige Sergej Diaghilew kennen. Ein glücklicher Zufall, denn eigentlich wollte der große Ballett-Impresario zunächst Nikolaj Tscherepnin und nach
dessen Absage Anatoli Ljadow
mit einer Ballettmusik beauftragen. Nachdem auch Ljadow ihm
Bühnenbildentwurf von A. J. Golowin für die Uraufführung des
keine Zusage geben wollte, ging
Balletts „Der Feuervogel“ 1910 in Paris.
der Auftrag an den jungen Strawinsky. Aus der „dritten Wahl“
wurde noch weit mehr, denn danach erhielt er auch die Kompositionsaufträge zu „Petruschka“
und „Le sacre du printemps“.
Diaghilew wurde damit zu einem der wichtigsten Förderer
Strawinskys.
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Handlung wie folgt zusammengefasst: „Iwan Zarewitsch sieht eines Tages einen
wunderbaren Vogel ganz aus Gold und geflammtem Gefieder. Er verfolgt ihn, ohne
ihn fangen zu können. Ihm gelingt es nur, diesem eine seiner Federn auszureißen.
Die Verfolgung des Vogels hat ihn bis in den Herrschaftsbereich Kaschtschejs des
Unsterblichen geführt, des gefürchteten Halbgottes, der sich seiner bemächtigen
und ihn wie manchen Prinzen und manchen tapferen Ritter in Stein verwandeln
will. Aber die Töchter Kaschtschejs und die dreizehn Prinzessinnen, seine Gefangenen,
„Wissen Sie eigentlich, dass in Ihrer Nähe in Clarens ein junger
treten dazwischen und bemürussischer Musiker namens Igor Strawinsky lebt, der einen
hen sich, Iwan Zarewitsch zu
genialen Sinn für Klang und Rhythmus hat? Alles ist durch und
retten. Da kommt der Feuervodurch orchestral gedacht [...]. Allerdings stellt die Musik hohe
gel herbei, der die VerzaubeAnforderungen an die Ausführenden.“
rung löst. Das Schloss KaschClaude Debussy 1911 in einem Brief an Robert Godet
tschejs verschwindet, die jungen Mädchen, die Prinzessinnen,
Iwan Zarewitsch und die vom
Zauber befreiten Ritter ergreifen die kostbaren Goldäpfel seines Gartens.“ Musikalisch verpackt Strawinsky das Spiel zwischen Gut und Böse in diatonische und
chromatische Abschnitte. Zwischen diesen beiden Welten vermittelt der Feuervogel, der an beiden Sphären teilhat. Das Ballett arbeitete Strawinsky bereits ein Jahr
später zu einer Suite um. 1919 entstand dann eine weitere Version für ein kleineres
Orchester, in der er die üppige Orchesterbesetzung reduzierte. Inhaltlich ist jedoch alles enthalten, die schillernde Introduktion mit dem Tanz des Feuervogels und
ebenso der wilde Höllentanz Kaschtschejs. Hier wie im wunderbar furiosen Finale
zeigt Strawinsky in dieser Suite, wie sehr er es verstand, dank seiner perfekten Instrumentationskunst die Handlung des Balletts auch ohne Figuren auf der Bühne
lebendig werden zu lassen.
ANJA RENCZIKOWSKI
Der Librettist Michail Fokin ließ
zwei bekannte russische Volksmärchen im Ballett-Stoff zusammenfließen: „Der Feuervogel“ und „Der Zauberer
Kaschtschej“. Bei der Uraufführung im Jahr 1910 wurde die
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Foto: Harald Hoffmann
Konzertvorschau
Ihr nächstes Konzert im Ring A:
5. KONZERT RING A
DO 16.02.2017 | FR 17.02.2017
20 UHR
NDR | GR. SENDESAAL
NDR Radiophilharmonie
Andrew Manze Dirigent
Francesco Piemontesi Klavier
Johannes Brahms
Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15
Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 43
Karten erhalten Sie beim NDR Ticketshop
und bei den üblichen Vorverkaufskassen.
ndrticketshop.de
IMPRESSUM
Herausgegeben vom Norddeutschen Rundfunk
Programmdirektion Hörfunk
Bereich Orchester, Chor und Konzerte
NDR Radiophilharmonie
Bereich Orchester, Chor und Konzerte
Leitung: Andrea Zietzschmann
NDR Radiophilharmonie
Manager: Matthias Ilkenhans
Redaktion des Programmheftes:
Andrea Hechtenberg
Der Einführungstext ist ein Originalbeitrag
für den NDR. Nachdruck, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des NDR gestattet.
Fotos: Roland Schmidt (Umschlag, S. 6);
Felix Broede (S. 5); AKG-Images (S. 7, S. 9, S. 12);
The National Gallery, London (S. 11)
NDR | Markendesign
Gestaltung: Klasse 3b
Litho: Otterbach Medien KG GmbH & Co.
Druck: Nehr & Co. GmbH
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DIE KONZERTE DER NDR RADIOPHILHARMONIE
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