Vom Haus auf dem Felsen

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Vom Haus auf dem Felsen
Werte und Visionen einer zukunftsfähigen
Gesellschaft
Jenaer Arbeitskreis „Zukunftsfähige Gesellschaft“ 2010
Inhalt
Vom Haus auf dem Felsen .................................................................................. 3
Freiheit- Sicherheit.............................................................................................. 3
Gebote, Tugenden, Werte -Was bestimmt unser Zusammenleben?................... 4
Werte aus christlich- humanistischer Sicht......................................................... 9
Projekt Weltethos .............................................................................................. 10
Neoliberales Menschenbild und Werteverfall .................................................. 11
Ein neues, anderes Menschenbild – .................................................................. 12
Das Menschenbild einer solidarischen Gesellschaft......................................... 12
Schöpfungsrettende Lebensstile........................................................................ 12
Was ist Ökonomie/ Wirtschaft? ........................................................................ 14
Unsere Lebensgrundlage und ihre Bewahrung................................................. 15
Leitbilder einer zukunftsfähigen Gesellschaft .................................................. 17
Aufbruch zu neuen Ufern.................................................................................. 22
Diese Broschüre basiert auf der Ausstellung „Vom Haus auf dem Felsen
Werte und Visionen einer zukunftsfähigen Gesellschaft“ vom 3.7.-30.7.2010 in der
Stadtkirche St. Michael Jena, die gestaltet wurde durch:
Jenaer Arbeitskreis „Zukunftsfähige Gesellschaft“
www.JAK-ZG.de
Ettig Christa
Gildner, Artur
Häßelbarth, Horst
Hanemann, Karin
Hanemann, Rainer
Mattig, Günther
Neuper, Horst
Oberländer, Hans-Ulrich
Oswald, Dr. Barbara
Placke, Dr. Ulrich
Schmidt, Gotthard
Scholz, Günter
Sommer, Thomas
Strauß, Michael
Kontakt: Melanchthonhaus
Hornstr. 4
07745 Jena
www.melanchthonhaus.de
Mail:
[email protected]
______________________________________
Sie können durch eine Spende die Arbeit des Jenaer
Arbeitskreises unterstützen:
Ev. Melanchthongemeinde,
Kto-Nr. 55921, BLZ 83053030, SPK Jena,
Verwendungszweck: JAK
Diese und die Ausstellungen „Es sollte kein Armer unter Euch sein“,
„Segen und Fluch des Geldes“ und „Es gibt Alternativen“ verleihen wir Ihnen gern oder
senden Ihnen diese als doc- Dateien zum Ausdrucken.
Sie dürfen diese Texte kopieren und weitergeben
2
Vom Haus auf dem Felsen
Werte und Visionen einer zukunftsfähigen Gesellschaft
Wir leben in einer Zeit, in der wir scheinbar immer mehr die Orientierung verlieren. Dabei stehen
viele Fragen im Raum, z. B. nach dem Sinn des Lebens, was eigentlich richtig oder falsch ist, wie
und wofür ich handeln soll. Jeder wird eine andere Antwort finden, aber wichtig und richtungsweisend bei der Suche danach sind Wertorientierungen. Momentan scheinen säkulare Glückserwartungen, Wissenschafts- und Technikgläubigkeit ideellen Werten voranzugehen. Wissenschaft und
Technik vermochten unseren Lebensstandard und unsere Lebensqualität zu verbessern, allerdings
auf Kosten eines riesigen Ressourcenverbrauchs und maßloser Umweltzerstörung, wie dem Leid
vieler Menschen. Alles scheint machbar, alles beherrschbar, regulierbar. Aber können wir uns wirklich wie Münchhausen selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen? Oder brauchen wir zum Zusammenleben, zur Orientierung im Leben verbindliche Normen?
Prägende Elemente der derzeitigen Gesellschaft, der Wirtschaft sind Konkurrenz, Gier, Eigennutz
und ungebremstes Gewinnstreben. Aus neoliberaler Sicht ist die Konkurrenz der effektivste Steuerungsmechanismus und Hauptleitwert für die Wirtschaft und die Gesellschaft. „Die soziale Verantwortung eines Unternehmens besteht darin, seine Gewinne zu erhöhen“ meinte Milton Friedmann.
Das Eigeninteresse würde zur Verbesserung des Allgemeinwohls führen. Doch wird hierbei Individualismus mit Egoismus verwechselt. Es geht dabei um die freie, ungebremste Entfaltung wirtschaftlicher Kräfte, es geht um Reichtum für Wenige zu Lasten von Vielen, national wie auch international, aber nicht um Gerechtigkeit.
Neoliberale Wirtschaftspolitik sorgt insbesondere durch Steuer- und Zinspolitik sowie freien Kapitalverkehr für leere öffentliche Kassen. Der Staat wird handlungsunfähiger und ist so immer weniger in der Lage, seine gemeinwohldienlichen Aufgaben zu leisten. Politik wird erpressbar und korrumpierbar. Immer mehr Menschen werden in ihren Menschen-rechten verletzt, systematisch enteignet. Weltweit vergrößert sich die Schere von Arm und Reich. Das von einer ungebremsten
Wachstumsideologie geprägte neoliberale Menschenbild geht davon aus, dass der Mensch als
Herr der Schöpfung sich ungezügelt der Natur und ihrer Ressourcen bedienen könne. Das Überleben der Menschheit ist durch die sich abzeichnenden Entwicklungen in Frage gestellt.
Ein Haus auf tragfähigem Untergrund mit stabilem Fundament – bildhaft vermittelt die Bibel wesentliche Erfordernisse und Grundlagen. Baugrund und das darauf errichtete Fundament sind dabei wesentlich. Genügen diese den Anforderungen nicht, besteht die Gefahr, dass das Bauwerk
einstürzt. Gleiches gilt für gesellschaftliche Belange. Eine wesentliche Grundlage bilden dabei
Werte. Wir benötigen auch tragfähige visionäre Gesellschaftsentwürfe, wie Menschen auskömmlich leben, ihre Grundbedürfnisse befriedigen können und wie die Natur, unsere natürliche Lebensgrundlage bewahrt wird. Und wir benötigen eine neue Ethik, ein neues Menschenbild.
Anstelle des einseitigen selbstbezogenen Individualismus muss zukünftig ein ganzheitlich und ethisch denkender und handelnder Mensch mit Verantwortung für die Zukunft treten.
Freiheit- Sicherheit
Freiheit widersetzt sich einer allgemeingültigen Definition, sie ist immer auch eine persönliche Sache
Zwei wichtige, übergreifende Aspekte sollen hervorgehoben werden:
• Handlungsfreiheit und Freiheit von Zwängen (Kategorischer Imperativ?!)
• „Völlige Freiheit“ bedeutet Beziehungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit?
• Jeder Mensch braucht Rahmenbedingungen zum Leben und für seine Freiheit
König und Bettler können auf völlig unterschiedliche Art frei oder unfrei sein - es kommt auf die
Ausgewogenheit dieser Bedingungen an.
Freiheit und Sicherheit gehören zusammen, sind aber auch widersprüchliche Begriffe
• Versorgungssicherheit
• Sozialversicherungen (Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung)
3
• Rechtssicherheit
• Eigentumsrechte
• Technische Sicherheit
• Staatswesen
• Familie, Freundschaften
• Ersparnisse
…. diese Liste wäre fast beliebig zu erweitern.
Absolute Sicherheit kann es nicht geben – der Spruch „Die Rente ist sicher“ erinnert immer wieder
daran.
Um ein gesundes Ausmaß der Sicherheiten muss immer wieder gerungen werden
Hinter diesen wenigen Sätzen und Stichworten stehen viele Beispiele und persönliche Erfahrungen
wie Überlegungen. Wünschenswert wäre der Austausch mit Andersdenkenden!
Gebote, Tugenden, Werte -Was bestimmt unser Zusammenleben?
Gebote
Es wird viel von Werten gesprochen. Aber wie bei allem, wovon viel gesprochen wird, kann man
auch sehr gut aneinander vorbeireden, indem zwar die gleichen Begriffe verwendet werden, aber
diese vom Inhalt her anders besetzt sind.
Seit Menschen in immer größeren Gruppen zusammenleben, war es unumgänglich, dass Regeln
für das Zusammenleben aufgestellt wurden.
Unsere Wurzeln stammen aus der jüdischen Überlieferung und dem Christentum. Ohne ein gewisses Grundwissen darüber können wir vieles in unserer derzeitigen Gesellschaft nicht verstehen.
Zunächst lag der Schwerpunkt auf Geboten.
Nach der Wikipedia ist ein Gebot:
„Ein Gebot ist eine verbindliche Anweisung, die in bejahender oder auch in der verneinenden Form
des Verbots gefasst sein kann. Nicht jedes Gebot hat auch Gesetzeskraft. Berühmt ist das Beispiel
der Zehn Gebote, die nach der Bibel Mose auf dem Berg Sinai von Gott erhielt. Sie sind maßgebend für gläubige Juden und Christen.
Zitat: „Gebieten aber ist nicht schlechthin ein Überzeugen und nicht schlechthin ein Zwingen, sondern eine feine Mischung aus beidem. Moralische Führung und materieller Druck sind aufs innigste
verschmolzen in jedem Akt des Gebietens“. - José Ortega y Gasset (Aufbau und Zerfall Spaniens,
1921)“
So sind die Gebote in zwei Fassungen im 2. Buch Mose Kapitel 22 und im 5. Buch Mose, Kapitel 5
überliefert.
Nicht zuletzt aufgrund der restriktiven Fassung und der aus heutiger Sicht nicht hinnehmbaren
Fehl-Auslegungen der Gebote im Interesse des Machterhaltes von Kirche und Staat gab und gibt
es immer Widerstand gegen die Gebote. So konnte sich die vermögende Oberschicht aus weltlichen- und Kirchenadel durch Ablass freikaufen. Derartige Missstände führten dann auch zur Reformation.
Die Nationalsozialisten unter Hitler zählten zu den prominentesten Gegnern der Gebote /2/. Dagegen gab es auch bedeutende Befürworter der Gebote, wie Lukas Cranach (großes Wandbild des
Gerichtssaales zu Wittenberg 1526) oder Thomas Mann, der die 10 Gebote als „Grundweisung
und Fels des Menschenanstandes unter den Völkern der Erde“ bezeichnete. /2/, /3/.
Daneben gab und gibt es zahlreiche Kopien und Plagiate der Gebote, so zum Beispiel „Die zehn
Gebote der sozialistischen Moral“, die Ulbricht auf dem 5. Parteitag der SED 1958 beschließen ließ
/4/, /2/.
Ausgelegt wurden die Gebote aus christlicher Sicht durch die Lehre Jesu (Bergpredigt und Gleichnisse) und das Leben Jesu. Schwerpunkt liegt hier auf der Liebe zu Gott, dem Nächsten und zu
sich selbst als Einheit (so genanntes Doppelgebot der Liebe).
Nach Köckert /2/ geht es bei den Geboten der Bibel nicht lediglich um die Sondermoral einer religiösen Randgruppe und eine Aufgabe derselben hätte weit reichende negative Konsequenzen.
Deshalb lohnt sich eine weitere, eingehende Beschäftigung mit den Geboten der Bibel.
4
Tugenden
Ein weiterer Aspekt bei der Entstehung unserer Ethik waren Tugenden, wie sie in der Antike in
Griechenland vertreten wurden.
Unter Tugend versteht man laut Wikipedia
„Unter Tugend versteht man eine Fähigkeit und innere Haltung, das Gute mit innerer Neigung (d.
h. leicht und mit Freude) zu tun. Im allgemeineren Kontext bezeichnet man mit Tugend den Besitz
einer positiven Eigenschaft.“ /5/.
Dieser Artikel gibt einen guten Einblick über die unterschiedlichen Begriffe und Kategorien der Tugend (siehe hierzu auch „Tugendethik“, /6/).
Aristoteles unterscheidet zwischen Verstands-Tugenden und ethischen Tugenden (auch KardinalTugenden. Die wichtigsten ethischen Tugenden bei Aristoteles sind die Klugheit, die Mäßigung,
die Tapferkeit und die Gerechtigkeit. /6/.
Kardinaltugenden.
Zunächst waren diese Tugenden nicht einheitlich belegt. Laut /7/ stammt die erste Überlieferung
vom griechischen Dichter Aischylos. Er verwendet die Tugenden Verständigkeit, Frömmigkeit,
Tapferkeit und Gerechtigkeit.
Platon übernahm die Vierergruppe, ersetzte aber die Frömmigkeit durch die Klugheit oder Weisheit
/7/.
Diese Tugenden wurden in der damaligen Welt kommuniziert und finden sich auch in 2 Stellen in
den apokryphen Büchern der Bibel wieder, nämlich im Buch der Weisheit (8.7) und im 4. Buch der
Makkabäer (1.18).
Einen Anklang daran findet man bei Paulus im 1. Korinther-Brief im so genannten „Hohelied der
Liebe“ 1. Kor. 13, wo Paulus Glaube, Hoffnung und Liebe als höchste Tugenden darstellt (Anklang an das Doppelgebot der Liebe durch Jesus Markus 12, 29- 31). Hiermit etablieren sich die 3
christlichen Tugenden. Im katholischen Kontext wurden die Tugenden zu sieben Kardinaltugenden.
Diese sind: Die Gerechtigkeit, die Weisheit, die Tapferkeit, die Mäßigung, der Glaube, die Liebe und die Hoffnung.
Dem wurden die sieben Todsünden gegenübergestellt. Siehe hierzu auch den Katechismus der
katholischen Kirche.
In der Neuzeit wurde die Tugend-Ethik unter Anderem durch Immanuel Kant weitergeführt.
Werte
Seit der Aufklärung traten zunehmend Werte an die Stelle, die bisher Gebote und Tugenden eingenommen hatten. Unter Werten versteht man nach der Wikipedia zunächst:
„Das Wort Wert ist ein Prädikat, das substantiell oder attributiv verwendet werden kann, d. h.,
es ist zu unterscheiden, ob etwas ein Wert ist oder ob etwas einen Wert hat. Dementsprechend
wird auch von äußeren (attributiven) oder inneren (substantiellen) Werten gesprochen.
In der substantiellen Verwendung ist ein Wert etwas, von dem behauptet wird, dass es in bestimmter Weise und in einem bestimmten Grad zur äußeren oder inneren Existenzerhaltung eines Lebewesens beiträgt, wobei unter Lebewesen ganz allgemein ein System mit einem Überlebensproblem zu verstehen ist. So ist etwa ein Eimer voll Hafer ein Wert für ein Pferd, ein Brot ist ein Wert für
einen Menschen zur Erhaltung seiner äußeren Existenz oder die Treue zu einem Menschen ist ein
Wert zur Erhaltung seiner inneren Existenz.
Die attributive Verwendung des Prädikats Wert ist vermutlich erst im Zuge des Tauschhandels und
des später eingeführten Geldverkehrs entstanden; denn dann hat ein Pferd etwa den Wert von 10
Schafen oder ein Geldstück hat den Wert von einem Brot. Und in diesem attributiven Sinn sprechen wir heute in den Wissenschaften, in denen quantitative Begriffe verwendet werden, davon,
dass eine Größe einen Zahlenwert hat.“.
5
Auch hier ist der Begriff des Wertes sehr vielschichtig besetzt und es ist ratsam, immer nachzufragen, um welche Art von Wert es sich handelt, wenn über Werte diskutiert wird.
Der Begriff des Wertes ist über die Wirtschaftswissenschaften in die Ethik übernommen worden,
was nicht unproblematisch ist. Ethische Werte sind oft nicht messbar, je nach Zugehörigkeit zu
einzelnen sozialen Schichten unterschiedlich bewertet (was dem Einen zum Vorteil gereicht, benachteiligt Andere). Oft wurden Werte auch vorgegeben, um bestimmte Ziele dahinter zu verstecken, kaschieren.
Wissenschaftlich befasst sich die Wertphilosophie mit Werten (siehe /9/. Diese wurde durch H.
Lotze (siehe /10/) ende des 19. Jahrhunderts gegründet. Weitere Vertreter der Wertphilosophie
sind: Max Scheler, Heinrich Rinckert und Nicolai Hartmann.
Laut dem Lexikon „wissen.de“ bedeutet
„Wertphilosophie
durch H. Lotze Ende des 19. Jahrhunderts begründete philosophische Denkschule. Lotze versuchte eine Verbindung zwischen positivistischem Naturalismus und spekulativem Idealismus zu erreichen, indem er einen neuen Bereich der Werte einführte, deren Wirklichkeitscharakter als „Gelten“
bezeichnet wurde. – In der heutigen Wertphilosophie lassen sich verschiedene Richtungen unterscheiden: der Wertabsolutismus sieht in den Werten absolute, vom Menschen unabhängige Gegebenheiten; für den Wertidealismus sind sie
ideale Gebilde ähnlich den platonischen Ideen (daher auch Wertplatonismus); für N. Hartmann, M.
Scheler haben sie dabei ein ideales „Ansichsein“, während der Neukantianismus, wie W. Windelband, H. Rickert, ihnen nur ein „Gelten“ zuerkennt. Für den Wertrealismus sind Werte objektive
Charaktere an und im Wirklichen. Demgegenüber erkennt der Wertrelativismus Werte nur in Bezug
auf den Menschen an; Werte sind Korrelate subjektiver Wertung und Beurteilung; im Wertpsychologismus wird nur ein empirisches
subjektives Werten anerkannt.“ /9/.
Aus obigem Artikel sind der Streit und die unterschiedliche Sicht über Werte im Lager der Philosophen klar zu erkennen, wobei es oft auch schwierig ist, einige Philosophen ganz klar einem der
Lager zuzuordnen.
Es wird umso schwieriger, je weniger Werte als absolut und verbindlich angesehen werden, zu
einem gemeinsamen Kontext zu kommen.
Werte, Tugenden oder Gebote in anderen Kulturen und Religionen
Das Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung erfordert einen Konsens über verbindliche Werte, Gebote, eine bindende Moral (Menschenrechte), die
auch überall einklagbar sein sollten. Um nach Gemeinsamkeiten zu suchen folgt ein kleiner Exkurs
nach moralischen Werten, Geboten, Tugenden. Natürlich kann das nur ein kleiner Ausschnitt sein,
der keineswegs vollständig ist.
Jüdische Religion
Die jüdische Religion spricht von der Mitzwa. Dies ist eine Sammlung aus Geboten, die entweder
aus der Bibel stammen oder von den Rabbinern festgelegt wurden /11/.
Nach /11/ wird die Zahl der in der Tora (den 5 Büchern Mose) enthaltenen Gebote mit 613 angegeben. Diese, die so genannten Mitzwot, teilen sich auf in 365 Verbote und 248 Gebote.
Christentum
Im Artikel „Die Zehn Gebote“ wird in der wikipedia gut auf die unterschiedlichen Auslegungen im
Christentum hingewiesen /12/. Matthias Köckert stellt die Gebote vor und geht auch auf deren Wirkung im Judentum und Islam ein. Hermann Deuser legt in seinem Buch den Schwerpunkt auf eine
aktuelle Ethik, theologisch begründet in den Geboten /13/ und Frère John von Taizé stellt die Gebote sehr und ihre Anwendung sehr praxisnah dar /14/.
6
Islam
Auch im Koran gibt es Bezüge zu den Geboten. Das verwundert nicht, da Islam „Unterwerfung“
unter (einen gebietenden Gott, Allah) bedeutet.
In der Sure 17 sind nach /12/ die Zehn Gebote in anderer Reihenfolge und Bewertung enthalten.
Weitere Zitate der Gebote der Bibel im Koran sind nach /12/
-
-
-
zum 1. Gebot: Suren 3:89; 7:138; 17:22; 39:1-15; 112:2õ4. Ein explizites Bilderverbot gibt
es nicht; dieses wird aber aus dem häufig wiederholten Verbot der Bilderverehrung abgeleitet und zum Verbot, Gottes Namen zu missbrauchen: Suren 11:18; 39:32; 39:60
zur Heiligung des Ruhetags: Der Freitag ist im Islam kein arbeitsfreier Feiertag, sondern
nur ein Tag für ein gemeinsames Gebet.
zur Achtung der Kinder gegenüber ihren Eltern: Suren 6:151, 17:23, 29:8, 31:14, 46:15;
aber auch Verantwortung der Eltern gegenüber ihren Kindern: 6:15
zum Tötungsverbot: Der Koran schränkt das allgemeine Recht auf Leben ein und knüpft es
an Bedingungen
zum Ehebruchverbot: Der Koran übernimmt es (s. o.), gibt dem Mann aber deutliche Vorrechte in Bezug auf die eheliche Treuepflicht. Er erlaubt ihm Polygamie und Sklavinnen als
Konkubinen.
zum Verbot des Stehlens: Suren 4:29, 5:38
zum Verbot des Lügens: Suren 17:36; 24:4
Buddhismus
Der Buddhismus kennt keinen persönlichen Gott, der eine Rechtsordnung offenbart hat. Hier gelten nach /12/ Verhaltensweisen.
„Von fünf Verhaltensweisen Abstand zu nehmen verpflichtet sich jeder Buddhist als Laie oder
Mönch,
nämlich vom:
Töten aller fühlenden Wesen, d.h. Menschen und Tieren
Nehmen von Nichtgegebenem (Stehlen)
sexuellem Fehlverhalten
unwahrer Rede (Lügen)
berauschenden Getränken (oft ausgedehnt auf alle Rauschmittel).
Dieses Handeln wird nicht als Sünde oder Unrecht verboten und bestraft, sondern hinsichtlich der
zugrunde liegenden und einsehbaren Motivation abzulehnen empfohlen. Dabei geht es um das
Vermeiden allen Handelns, das einen selbst und andere schädigt, sowohl in diesem Leben als
auch nach einer Wiedergeburt.
Andere Lehrreden des Buddha, die im jüngeren Mahayana eine stärkere Rolle spielen als im älteren
Theravada, zählen zehn unheilsame Handlungen auf:
Töten, Stehlen, sexuelles Fehlverhalten, Lügen, Zwietracht säen, verletzende Rede, sinnlose
Rede, Habgier, Böswilligkeit und verkehrte Ansichten. “ /12/
Der Schwerpunkt im Buddhismus liegt auf Tugenden /5/.
China
Auch im alten China gab es schon interessante Ansätze einer Ethik. Einer der wichtigsten Lehrer
war Konfuzius:
Lehre
Wenn du einen Würdigen siehst, dann trachte ihm nachzueifern. Wenn du einen Unwürdigen
siehst, dann prüfe dich in deinem Innern!
Der Edle
7
Das einflussreichste Werk der ostasiatischen Geistesgeschichte ist das Lúny.. Es enthält die vier
Grundbegriffe des Konfuzius:
Mitmenschlichkeit
Gerechtigkeit,
Kindliche Pietät,
und Riten
.
Das menschliche Ideal ist für Konfuzius der Edle, er strebt danach, die vier Tugenden zu verwirklichen. Dabei stellen diese für Konfuzius' lediglich ein Ideal dar, das niemals zu erreichen ist. Dies
tritt in den Lúny. ebenfalls hervor, wenn es über den Meister selbst heißt: „Ist das nicht jener Mann,
der weiß, dass seine Ideen nicht zu verwirklichen sind, aber dennoch nicht davon ablässt?“ Auch
Konfuzius selbst beansprucht nicht, dieses Ideal zu erfüllen.“ /16/
Kategorisierung der ethischen Positionen
Die Vielzahl der im Verlauf der Philosophiegeschichte eingenommenen ethischen Positionen wird
für gewöhnlich in deontologische und teleologische Richtungen eingeteilt, wobei aber die jeweilige
Zuordnung oft umstritten ist. Die Unterscheidung geht zurück auf C. D. Broad und wurde bekannt
durch William K. Frankena:“ /15/
Ethische
Richtung
Aristoteles
Epikur
Stoa
Utilitarismus
Wertethik
Kant
Diskursethik
Vertragstheorien
Rawls
Handlungsprinzip
Handlungsziel
Entfaltung seines telos
-
das Gute
die naturgemäße Lust
Leben im Einklang mit der Natur
das größte Glück der größten Zahl
die durch phänomenologische Schau erkennbaren Werte der Gegenstände
Heiligkeit und Glückseligkeit
Verallgemeinerungsfähigkeit
der Handlungsmaxime
Rechtfertigbarkeit seiner Handlungsmaxime im Diskurs
Übereinkunft in einem (virtuellen) Gesellschaftsvertrag
Urzustand; Schleier der Unwissenheit
Transformation der realen Kommunikationsgemeinschaft in eine ideale
Überwindung des Naturzustandes
bürgerliche Freiheiten; demokratische
Gleichheit
Diese der Wikipedia /15/ entnommene Tabelle liefert einen Überblick über die Ethik und deren
Entwicklung in der Geschichte. Online kann man sich dann zu den einzelnen Themen weiter vorarbeiten.
Literatur:
/1/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Gebot_(Ethik)“
/2/ Mathias Köckert, „Die zehn Gebote, Verlag C.H. Beck oHG, 2007,
/3/ Thomas Mann, Das Gesetz, Thomas Mann, Die Erzählungen, S. Fischer, Frankfurt am Main
2005, S. 838 –905
/4/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Zehn_Gebote_der_sozialistischen_Moral“
/5/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Tugend“
/6/ Von http://de.wikipedia.org/wiki/Tugendethik
/7/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Kardinaltugend“
/8/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Wert“
/9/ © 2000-2007 Wertphilosophie, wissen.de GmbH, München, Alle Rechte vorbehalten
powered by NIONEX
8
/10/ Lotze, Rudolf Hermann © 2000-2007 wissen.de GmbH, München, Alle Rechte vorbehalten;
powered by NIONEX
/11/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Mitzwa“
/12/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Zehn_Gebote“
/13/ Hermann Deuser, „Die Zehn Gebote, Kleine Einführung in die theologische Ethik“, Phil. Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 2002, Universalbibliothek Nr. 18233
14/ Frère John von Taizé „Weg zur Freiheit Die zehn Gebote“ Verlag Neue Stadt München, Zürich,
Wien, 2007
/15/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Ethik“
/16/ Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Konfuzius“
Werte aus christlich- humanistischer Sicht
Christlicher Glaube steht im Zusammenhang mit einer ethischen Grundorientierung, die anregt,
Liebe, Freude und Frieden zu leben und weiterzugeben. Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes, eingebettet in die gesamte Schöpfung und auf sie angewiesen.
Wir leben in einer Gemeinschaft und diese bedarf der Solidarität. Als wesentliche Grundlage von
Beziehungen steht die Liebe zu sich selbst und die Nächstenliebe „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,39). Ausgehend davon, sich selbst und andere anzunehmen, sich
selbst erkennen und zu lieben, wird jeder auch andere nicht anders behandeln als er es selbst von
ihnen erwartet. Anders ausgedrückt, heißt es „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun
sollen, das tut ihr ihnen auch“ (Mt 7, 12), die große Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit und Friedfertigkeit innewohnend. Jeder andere Mensch hat das gleiche Recht wie ich und deshalb ist Leben
so zu gestalten, dass allen Menschen möglichst umfassende und gerechte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ermöglicht wird. Allen Menschen wird Würde und Wert zugesprochen. Der
Mensch ist immer Mit-Geschöpf in einer Mit-Welt und gleichzeitig auch Mit-Mensch zusammen mit
allen anderen.
Daraus leiten sich nicht nur Handlungsoptionen für jeden Einzelnen, sondern auch Regeln für das
Wirtschaftsleben ab, wie das Prinzip der Gleichwertigkeit der Partner als Basis einer Solidarischen
Ökonomie ab.
Die Grundforderung ist bereits im Alten Testament eindeutig definiert: „Es sollte überhaupt kein
Armer unter Euch sein“ (5. Mose 14+15). Bereits vor über 2000 Jahren wurde der Zusammenhang zwischen Finanzwirtschaft und der Verarmung breiter Volksschichten klar erkannt und erstaunlich weitsichtig und weitgehend werden Änderungsvorschläge gemacht, wie regelmäßige
Entschuldung und Zinsverbot. In diesem Zusammenhang steht auch die Frage nach dem Sinn des
Lebens, nicht materielles, unendlicher Wohlstand soll im Vordergrund stehen. Im Gegenteil, es
wird vor Habgier gewarnt: „Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des
Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluss
lebt.“ (Lk 12,15) Natürlich benötigen wir zum Leben die Deckung eines die Existenz sichernden
Grundbedarfes an Nahrung, Kleidung und Wohnraum. Und wir brauchen um leben zu können,
ohne seelisch krank zu werden, auch ein gewisses Maß an Sicherheit. Aber, je gesicherter wir uns
in dieser Welt einzurichten versuchen, desto deutlicher und schmerzlicher wird der Verlust. Maßvoller Besitz ist grundsätzlich nicht schädlich, sondern die Gier immer mehr haben zu wollen. Viele
Menschen sind unzufrieden, wollen immer mehr haben, möglichst nichts abgeben oder auch nicht
für andere, ärmere, benachteiligte eintreten. Auf Kosten anderer soll man sich nicht bereichern
und das eigene Gewissen befragen: „Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück.“ (Lk19,8)
Warnend und wachrüttelnd heißt es: „Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als
dass ein Reicher ins Reich Gottes komme.“ (MT 19,24) Was ist im Leben eigentlich wirklich wichtig?- Gerechtigkeit, Frieden auch mit sich selbst, Gemeinschaft mit anderen Menschen, Glück und
Freude und auch Dankbar sein können.
Wertvorstellungen beschreiben die alttestamentlichen Vorschriften wie die 10 Gebote oder die
neutestamentliche Bergpredigt mit den Seligpreisungen und der Goldenen Regel der Nächstenliebe mit ihrem nach wie vor praktischen Bezug zum heutigen Leben.
9
Mit einer beachtlichen Klarheit werden Probleme menschlichen Denkens und Handelns erkannt
und benannt. Zur Entscheidung steht herausfordernd „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt 6, 24), es steht die Frage danach, was ich persönlich als wesentlich im Leben ansehe!
Dies führt zu einer kritischen Betrachtung über den Anspruch, die Ziele und Werte meines Lebens.
Stehen Machtstreben, Gewinnsucht, Konsumzwang oder Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe im
Mittelpunkt?
Folgende weitere Aspekte einer Annäherung an christliche Werte sollen als Gedankenanregungen
dienen. Die Würde des Menschen und die Beziehung zwischen Generationen bestimmt das 4.
Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren“ (2. Mose, 20,12). Fürsorge in einer oder
durch eine Solidargemeinschaft sind die Leitsätze. Gedankenansätze gab es schon in den 1950-er
Jahren für eine Einbeziehung aller Generationen in einem ausgleichenden Sozialsystem mit dem
Generationenvertrag (Schreiberplan), der leider nur einseitig verwirklicht wurde.
Scheinbar selbstverständlich für das menschliche Miteinander und Untereinander und doch auf
vielen Ebenen missachtet, schreibt das 5. Gebot vor „Du sollst nicht töten“ (2. Mose 20, 13/ Mt.
5,21-26). Das Leben ist zu achten und zu schützen, Feindbilder sind abzubauen. In diesem Zusammenhang stehen gleichfalls psychische oder soziale Verletzung und Vernichtung wie durch
Rufmord oder Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit. Es gilt den Anderen in seinem Anderssein zu
akzeptieren und darüber hinaus Möglichkeiten einseitigen, zuvorkommenden Handelns zu entwickeln und auszuführen.
Nicht weniger bedeutungsvoll erscheint das 7. Gebot „Du sollst nicht stehlen“ (2. Mose 20,14).
Einerseits ist das Eigentum des anderen zu bewahren und zu achten, aber andererseits auch sich
nicht zu Lasten anderer zu bereichern wie es durch Zins- und Zinseszins sowie Spekulationsgewinne, unangemessene Gehälter und Managerabfindungen erfolgt.
Diese christlich-humanistischen Wertvorstellungen stellen Leitlinien, Orientierungshilfen, Wegweiser, Grundsätze, Wertmaßstäbe mit sozialer Dimension, Gewaltlosigkeit, Friedfertigkeit, Gerechtigkeit, Mitgefühl, Aufrichtigkeit dar. Es sind Regelungen zum Bewahren der gesamten Schöpfung,
zur Gestaltung des Lebens in Würde und der uns geschenkten Freiheit. Die Gemeinschaft darf
sich nicht abfinden mit Verhältnissen in denen Menschen unterdrückt werden. Und nicht zuletzt
dienen sie der Erinnerung des Menschen an seine (soziale) Verantwortung sowie zur Neuorientierung unseres diesbezüglichen Verständnisses und eröffnen uns damit eine Perspektive für einen
gesellschaftlichen Wandel und Alternative zu Werten, die uns in ihrer Missachtung des Lebens in
die selbst verursachte Krise geführt haben wie grenzenloses Wachstum, Gier und Geiz.
Projekt Weltethos
Bei seinen Studien und Beobachtungen der Weltreligionen kam Hans Küng zu dem Ergebnis, dass
es trotz der Unterschiede in Glauben, Lehre und Ritual auch Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen, insbesondere viele gemeinsame ethische Maßstäbe gibt. Küng stellte sich die Frage nach
Maßstäben des Lebens und Handelns, Lebenseinstellungen und Lebensarten, nach dem Sinn des
Lebens, nach einem gemeinsamen Grundethos. Den gemeinsamen ethischen Grundstandard
1
fasste er in Analogie zu Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltfinanzsystem unten Begriff „Weltethos“
zusammen. Er eröffnete damit einen neuen interreligiösen- und interkulturellen Dialog, der im
Dienst einer weltweiten Verständigung mit dem Ziel eines gemeinsamen Menschheitsethos, in
dem alle Menschen in allen Kulturen ihr Gemeinsames finden können, steht.
Zwei Grundprinzipien für ein humanes Ethos werden benannt:
1.
Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden und
2.
die so genannte goldene Regel, was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem
anderen zu bzw. in der biblischen Fassung: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Mt 7, 12)
1
Küng, Hans - Projekt Weltethos, München 1990
10
Weiterhin werden vier unverrückbare Weisungen festgelegt:
1.
Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben
2.
Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
3.
Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
4.
Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und
Frau
Keine neue Weltordnung ohne ein Weltethos, meint Hans Küng, denn:
• Wir alle haben eine Verantwortung für eine bessere Weltordnung.
• Unser Einsatz für die Menschenrechte, für Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung
der Erde ist unbedingt geboten.
• Unsere sehr verschiedenen religiösen und kulturellen Traditionen dürfen uns nicht hindern, uns
gemeinsam aktiv einzusetzen gegen alle Formen der Unmenschlichkeit und für mehr Menschlichkeit.
• Die in dieser Erklärung ausgesprochenen Prinzipien können von allen Menschen mit
ethischen Überzeugungen, religiös begründet oder nicht, mitgetragen werden.
• Wir aber als religiöse und spirituell orientierte Menschen, die ihr Leben auf eine letzte Wirklichkeit
gründen und aus ihr in Vertrauen, in Gebet oder Meditation, in Wort oder Schweigen spirituelle
Kraft und Hoffnung schöpfen, haben eine ganz besondere Verpflichtung für das Wohl der gesamten Menschheit und die Sorge um den Planeten Erde. Wir halten uns nicht für besser als andere
Menschen, aber wir vertrauen darauf, dass uns die uralte Weisheit unserer Religionen Wege auch
für die Zukunft zu weisen vermag.
Besonders unter dem Gesichtspunkt der fortschreitenden Globalisierung besonders in der Wirtschaft und im Finanzwesen mit allen daraus resultierenden Problemen bedarf es eines übergreifenden, verbindenden Weltethos. Als wesentliche Voraussetzung zur Umsetzung sieht Küng im
Wandel des Bewusstseins. Jeder Einzelne habe nicht nur eine unverletzliche Würde und unveräußerliche Rechte; er habe auch eine unabweisbare Verantwortung für das, was er tut und nicht tut.
Neoliberales Menschenbild und Werteverfall
Das neoliberale Menschenbild ist ein auf den Markt ausgerichtetes und in diesem Sinne wirtschaftsorientiert. Bedürfnisse und Fähigkeiten des Menschen zur Solidarität, zum Teilen, sinnvollen Verzicht, zur Liebe und spirituellen Sinnfindung werden kaum zur Kenntnis genommen, eher
ignoriert. Der Mensch wird als Humankapital angesehen, d. h. jeder einzelne Mensch wird zu einem für sich selbst verantwortlichen Unternehmen. Das oberste Ziel jedes Menschen im Sinne des
Sozialdarwinismus sei die persönliche Gewinn- und Nutzenmaximierung, die nur mit Eigenschaften
wie Habgier, Egoismus und Aggressivität erreicht werden könne. Dieser „homo oeconomicus“ ist
heute im Kapitalismus das dominierende Menschenbild.
Besitzt ein Mensch diese Fähigkeiten nicht, sei er nicht marktfähig, an seiner misslichen Lage
selbst schuld und könne nicht überleben. Damit erhalten diese Eigenschaften einen ganz neuen
Stellenwert, werden nicht mehr zu den „Untugenden“ gezählt, sondern zu korrekten, erstrebenswerten Charaktereigenschaften, scheinbar unerlässlich für diese Gesellschaft.
Das neoliberale Menschenbild ist dem Individualismus verpflichtet, das die Menschen, zumindest
theoretisch, mit umfassender Handlungsfreiheit und Orientierungsmöglichkeiten ausstattet. Eingeschränkt wird diese Grenzenlosigkeit durch die Herrschaft von Marktgesetzen, die über das Wohl
der Menschen bestimmen. Wesentliches Kriterium für den Menschen ist eine Kosten- und Nutzenüberlegung. Es gibt nach dieser Philosophie kein Gesamtinteresse, denn die Gesellschaft ist ein
Zusammenspiel widerstreitender Bedürfnisse und Interessen, die in Konkurrenz untereinander
letztendlich einer größeren Anzahl von Menschen zum Wohl diene. Die eigenen Ziele haben Vorrang vor Staat und Gesellschaft. Gemeinwohl und Solidarität haben keine Priorität, werden im Gegenteil stetig abgebaut, was letztendlich das Gemeinschaftsgefüge einer Gesellschaft zerstört. Ein
außerhalb des Ökonomischen bestimmtes Denken und Handeln, christlich-humanistisch und
staatsbürgerlich motiviert, würde durch entsprechende Vorgaben oder Gesetze den Handlungsspielraum angeblich nur einschränken. Die Dominanz dieses Denkens ist eine wesentliche
Ursache der heute unsere Existenz bedrohenden Probleme wie der grenzenlosen Ausbeutung von
Mensch und Umwelt.
11
Wir leben in einer Zeit, in der wir offensichtlich immer mehr tragfähige Wertorientierungen und damit den Mitmenschen aus den Augen verlieren. Hinter ökonomischen Werten wie Geld und Besitz
treten ethische Maßstäbe in den Hintergrund.
Ein neues, anderes Menschenbild –
Das Menschenbild einer solidarischen Gesellschaft
Die ökologischen Herausforderungen erfordern eine neue Ethik, ein neues Menschenbild.
Anstelle des einseitigen selbstbezogenen Individualismus muss zukünftig ein ganzheitlich und ethisch denkender und handelnder Mensch mit Verantwortung für die Zukunft treten.
Dem Menschen sind sowohl egoistische Anlagen gegeben wie das Streben nach Selbstbehauptung, Eigennutz und Bereicherung als auch Bedürfnisse und Gaben der Solidarität, der
Verantwortung, des sinnvollen Verzichts, der Nächstenliebe und der spirituellen Sinnsuche. Der
Mensch ist gleichermaßen Individual- und Sozialwesen, das nach Selbstverwirklichung strebt,
gleichzeitig ebenso Verantwortung für sich und seine Mitmenschen trägt. Beide Anlagen sind lebensnotwendig, müssen aber in ein gesundes Verhältnis zueinander gebracht werden, in deren
Mitte die selbstbezogenen Bestrebungen nicht die solidarischen und gemeinschaftsförderlichen
Gaben behindern und einengen dürfen.
Neuere Erkenntnisse der Neurobiologie und Glücksforschung bestätigen, dass gelingendes Leben
eher in Verantwortung, Beteiligung, Kooperation, in Empathie, Wertschätzung, Nächstenliebe und
spiritueller Sinnfindung als in Egoismen, eigennütziger Bereicherung, Gewalt, und Konkurrenz zu
erreichen ist.
Grundwerte sind
Menschenwürde
Freiheit
Gerechtigkeit
Toleranz
Vertrauen
Hilfsbereitschaft
Liebe
Haben-Mentalität zugunsten der Sein-Mentalität reduzieren
Sicherheit, Selbstvertrauen mit einem Bedürfnis nach Liebe, Solidarität mit der Mitwelt
dem eigenen Leben Sinn geben
Geben und Teilen, nicht Horten und Ausbeutung anderer
Liebe und Ehrfurcht vor dem Leben
Gier, Hass, Illusionen abbauen
Egoismus und Eitelkeit abbauen und überwinden
Fähigkeit zu kritisch-reflektierten Denken entwickeln
Entfaltung der eigenen Persönlichkeit mit entwickeltem Selbstbewusstsein
Schöpfungsrettende Lebensstile
Ein religiöser Beitrag zur Werte-Debatte
Eingangsthese:
Schöpfungsbewahrendes Handeln sollte zu den höchsten christlichen Tugenden zählen und stellt
als Inbegriff von gelebter Nachfolge Jesu wahrhafte Frömmigkeit dar.
Christlicher Glaube befreit von Zwängen, erlangtes Gottvertrauen überwindet Ängste und verhilft
zu tätigem Mitgefühl. Jesu Vorbild mit seiner Option für die Armen und Ausgegrenzten bildet
fruchtbaren Boden zur Entwicklung eines Bewusstseins, mitverantwortlich für die wunderbare
Schöpfung mit ihrer Vielfalt und Vernetztheit zu sein.
Was ist gutes und richtiges Handeln? Angesichts
12
•
des individuell und strukturell zu beobachtenden Frevelns an der Schöpfung, Klimawandel,
Naturschädigung, Artensterben, Zukunftsunfähigkeit der Gesellschaft als Ganzes nach sich ziehend
•
einer Welt mit Hunger und existenzieller Not bei immer mehr Menschen einerseits und
abstrusem Reichtum Weniger andererseits
•
einer Welt, in der Kriege immer noch stattfinden
•
einer eigenartigen Fortschrittsgläubigkeit, ungebrochen lebensfeindliche Techniken unterstützend, wodurch Machbares eingeführt wird, ohne dessen Verantwortbarkeit zu hinterfragen
•
eines Kulturverfalls, in dessen Folge ethische Wertvorstellungen verkümmern.
Die Praxis zeigt, dass für Einsichten, welches Verhalten beziehungsweise Handeln gut und richtig
ist, gesunder Menschenverstand häufig nicht ausreicht. Sondern im Einzelnen Sachverhalte so
komplex oder kompliziert sind, dass man sich die mit mitunter zeitlich aufwendigen Recherchen
verbundene Mühe machen muss, mit Hilfe kritisch-reflektierten Denkens – für Immanuel Kant Voraussetzung für Mündigkeit – zu notwendigen Einsichten bzw. Überzeugungen zu gelangen.
Es heißt, Gottes Wege seien unerforschlich. Doch dürfen wir annehmen, dass wir als Mitgeschöpfe
SEINEM Willen entsprechen, wenn wir seine Schöpfung pflegen, deren Kreislauf- und dynamischen Prozesse nur in zulässigem Maße belasten und zur Zunahme evolutionärer Komplexität
beitragen.
Was kann ich als Einzelner tun? Ich sollte zu einem schöpfungsrettenden Lebensstil gelangen angesichts der schlimmen Ist-Zustände mit aller Konsequenz. Zum Beispiel ist bereits heute individuell ein 100 % klimaneutrales Leben ohne Komfortverzicht möglich, wenn man sich die für Wohnen,
Mobilität, Haushalt und Stoffströme erforderliche Elektrizitätsmenge aus Erneuerbaren Energiewandlungstechniken beschafft. Aber das reicht nicht. Zur Überwindung der lebensfeindlichen
Strukturen, hauptsächlich geprägt von Finanzkapitalmächten und globalem neoliberalen Wirtschaften, gehört intelligentes Einmischen mit allen individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten, gegebenenfalls Fachkompetenz, gepaart mit Beharrlichkeit. Schöpfungsgerechtes „Vorleben“ dürfte eher
zum Nachahmen ermuntern als moralische Appelle. Solch aktives Handeln sollte zum unverzichtbaren Bestandteil eines modernen Glaubensverständnisses von Frömmigkeit zählen und könnte
als Inbegriff von christlicher Nächstenliebe – die Schöpfung als Ganzes eingeschlossen – begriffen
werden.
Einige Zitate hierzu
Wir müssen eine Ethik des Lebens in der technischen Welt entwickeln. Ihre Grundlage ist nicht
neu. Die alte Ethik der Nächstenliebe reicht aus, wenn wir sie auf die Realität der neuen technischen Welt anwenden. Es gibt eine eigentümliche Faszination der Technik, eine Verzauberung der
Gemüter, die uns dazu bringt, zu meinen, es sei ein fortschrittliches und ein technisches Verhalten,
dass man alles, was technisch möglich ist, auch ausführt. Mir scheint das nicht fortschrittlich, sondern kindisch. Es ist das typische Verhalten einer ersten Generation, die alle Möglichkeiten ausprobiert, nur weil sie neu sind, wie ein spielendes Kind oder ein junger Affe (...) Wir müssen also
ein Bewusstsein für den richtigen, den „verantwortbaren“ (Anm. Autor) Gebrauch der Technik gewinnen, wenn wir in der technischen Welt menschenwürdig überleben wollen. Deshalb dürfen
(technische) Geräte nur zum Nutzen, nicht zum Schaden der Menschen gebraucht werden. (Auszug Text EKG, S.1089)
Carl Friedrich v. Weizsäcker
Wer den Willen Gottes erfüllt, führt ein erfülltes Leben – was kann es Großartigeres geben?
Klaus-Peter Hertzsch
Haben wir es nicht alle schon als beglückend erlebt, wenn wir einmal richtig machen, was wir tief
innen als richtig empfinden? Und kennen wir nicht alle das flaue Gefühl – mit Ausreden verdrängt
13
und doch nicht unterzukriegen wenn wir uns gegen dieses Empfinden entscheiden? Wenn das
Göttliche doch auch in uns ist, so werden wir Resonanz spüren, sobald wir uns ihm zuwenden
durch die Art unseres Handelns. Und wir werden Unbehagen spüren, wenn wir uns von ihm abwenden. Dann wäre unter moralischem Handeln nicht mehr das erzwungene Erfüllen von Auflagen
zu verstehen. Vielmehr wäre moralisches Handeln als beglückende Teilhabe am Göttlichen zu
begreifen: als aktives Handeln auf Gott hin, tief ehrlich und freiwillig.
Klaus Simon
Wir sind privilegiert, in der spannendsten Phase der Menschheitsentwicklung leben zu dürfen –
nutzen wir die Chance!
Jakob v. Üxkuell
Ich glaube an die geistige Evolution als Teil des Schöpfungsplanes mit dem Vermögen der Menschen, aus Fehlern und Irrtümern zu lernen und so Krisen wie die Gegenwärtige zu überwinden.
Durch unser Mittun kann sich Jesu Verheißung vom Reich Gottes erfüllen, eine Gesellschaft in
Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und geübtem verantworteten Umgang mit den eigenen Freiheiten.
Hans-Ulrich Oberländer
Weil ich auf die Kraft der Weisheit und des Geistes vertraue, glaube ich an die Zukunft der
Menschheit.
Albert Schweitzer
Was ist Ökonomie/ Wirtschaft?
Wirtschaft charakterisiert alle Handlungen von Menschen zur Erhaltung und Sicherung und Förderung des Lebens und Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen unter Nutzung vorhandener
Ressourcen.
Den Begriff Ökonomie (oikofiomia) prägte Aristoteles. Er unterschied allerdings zwischen Ökonomik (Hausverwaltungskunst), der Ökonomie, die für den Bedarf produziert und Chrematistik (Kunst
des Gelderwerbs), bei der das Geld im Mittelpunkt steht.
Ziel der Philosophie und Ethik ist für ihn die Beschäftigung mit der Frage nach dem guten Leben,
dem Glück des einzelnen Menschen und der bestmöglichen Ordnung des Allgemeinwesens. Die
Aufgabe der Ökonomie ist für das Überleben des Menschen (Ökonomie = Schauplatz der Notwendigkeit) und Sache der Politik für gutes Leben und Glück zu sorgen.
Ökonomie darf nicht den Menschen beherrschen, daher dürfe die Funktion des Geldes nur als
Tauschmittel und zur Vermeidung von Wuchergeschäften bestehen.
Beiden Denkansätzen liegen unterschiedliche Ethiken und Menschenbilder, sowie Vorstellungen
von der Aufgabe der Wirtschaft zugrunde.
„Eine wissenschaftliche Lehre, die den Namen ökonomische Theorie verdienen würde, gibt es
noch nicht“, meinen Heinsohn und Steiger . Nach derzeitiger Wirtschaftslehre solle der Mensch
handeln um seinen „Nutzen“ zu maximieren, der Markt reguliere. In entwickelten Ländern sinkt
heute die Lebensqualität für breite Schichten, zunehmend auch für die Mittelschicht ein Zeichen
des Versagens einer Wirtschaft, die nur den Interessen Weniger dient. Deshalb ist die derzeitige
Ökonomie mit Wirtschaftswachstum und Gewinnmaximierung zu hinterfragen. Im Mittelpunkt müssen Wohl und Befriedigung von Grundbedürfnissen aller Menschen, Solidarität, soziale Sicherheit,
Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Kooperation, die Maximierung von Lebensfreude, Vertrauen spendenden Rahmenbedingungen, der Zufriedenheit, der Lebensqualität und des subjektiven Wohlbefindens stehen. George Bernard Shaw meint, „Ökonomie ist die Kunst, das Beste aus unserem
Leben zu machen“.
Gebraucht wird eine
Wirtschaft, die dem Leben dient, eine solidarische, lebensdienliche Ökonomie!
14
Unsere Lebensgrundlage und ihre Bewahrung
Nur innerhalb des Spielraums, den die Natur als Lebensgrundlage bereitstellt, ist wirtschaftliche
Entwicklung und soziales Leben für alle dauerhaft möglich.
Im Verlauf der Evolution haben sich in der Natur hochkomplexe Kreislaufprozesse herausgebildet,
aus denen sich unser Planet in bestaunenswerter Lebensvielfalt und Schönheit präsentiert und
ständig weiterentwickelt.
Wirtschaftswachstum lautet ein Grundanliegen derzeitiger Politik. Der Mensch nimmt dabei gravierende Veränderungen im Naturkreislauf vor. Die schädigenden Wirkungen des Wirtschaftens durch
Ressourcenverbrauch, Übernutzung vorhandener Flächen, Einbringung von Schadstoffen und
Verunreinigungen wurden der Natur bisher übermäßig zugemutet.
Anhand verschiedener Parameter wie dem „Ökologischen Fußabdruck“, dem „ökologischen
Rucksack“ oder dem „virtuellen Wasser“ wird versucht, die Belastung unseres Ökosystems zu
verdeutlichen,.
Mit virtuellem Wasser wird die Wassermenge bezeichnet, die nach einer umfassenden
Bilanz als tatsächlich verbrauchte Menge pro Produkt anfällt. In die Bilanz geht auch der auf den
ersten Blick verdeckte Wasserverbrauch ein. Zum Beispiel fällt bei der Erzeugung von Rindfleisch
nicht nur der Verbrauch von Trinkwasser für die Tiere an, sondern auch die Bewässerung von Futterpflanzen.
Die Berechnung des virtuellen Wassers ermöglicht auch, den internationalen Transfer von in Produkten gebundenem Wasser zu untersuchen. Deutschland exportiert virtuelles Wasser, das in der
Industrieproduktion verbraucht wird und importiert virtuelles Wasser vor allem in Agrarprodukten.
In der Bilanz gehört Deutschland zu den zehn größten Importeuren von virtuellem Wasser. Danach
verbraucht jeder Deutsche pro Tag rund 4000 Liter Wasser, d.h. 1.545 m³ pro Kopf und Jahr.
Quelle: Wikipedia, virtueller Wasserverbrauch
Unter dem Ökologischen Fußabdruck wird die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig
ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen zu ermöglichen. Das schließt Flächen
ein, die zur Produktion seiner Kleidung und Nahrung oder zur Bereitstellung von Energie, aber
z. B. auch zum Abbau des von ihm erzeugten Mülls benötigt werden.
15
Nach Daten des Global Footprint Network und der European Environment Agency. werden weltweit bei gegenwärtigem Verbrauch durchschnittlich 2,2 ha (Hektar) pro Person beansprucht, es
stehen allerdings lediglich 1,8 ha pro Person zur Verfügung.
Heute nutzt die Menschheit Ressourcen von 1,4 Planeten. Das bedeutet, dass die Erde über ein
Jahr und vier Monate braucht, um den Verbrauch der Menschheit eines Jahres zu decken.
Wenn wir moderate UN-Szenarien der verschiedenen UN-Organisationen zusammenzählen – Bevölkerungs- und Konsumtrends sowie eine weitere Steigerung der Ernteerträge – dann zeigt es
sich, dass wir im Jahr 2050 einen Ressourcenverbrauch hätten, der dem Doppelten Regenerationsvermögen unseres Planeten entspräche.
Der ökologische Rucksack drückt die Menge an Ressourcen aus, die bei Herstellung, Gebrauch
und Entsorgung eines Produktes oder einer Dienstleistung verbraucht werden und zeigt damit die
ökologischen Folgen.
Europas ökologischer Rucksack beträgt derzeit etwa 120 Kg/Pers./Tag; nachhaltig wären 15
Kg/Pers./Tag, im Vergleich Afrika mit 7 Kg/Pers./Tag.
Die Grenzen des Wachstums zeigte
der Club of Rome schon 1972 auf.
Das benutzte Weltmodell diente der
Untersuchung von fünf Tendenzen mit
globaler Wirkung: Industrialisierung,
Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zerstörung von Lebensraum.
Im Jahr 2004 wurde das 30- Jahre
Update veröffentlicht. In den meisten
der errechneten Szenarien ergibt sich
ein Überschreiten der Wachstumsgrenzen und ein anschließender Kollaps („overshoot and collapse“) bis
spätestens 2100.
Quelle: Grenzen des Wachstums, das 30-Jahre-Update, Bericht
des Clubs of Rome 2004
Die Glücksforschung erwies, dass unbegrenztes Einkommen nicht zu mehr Wohlstand führt und
die Mehrung von materiellem Wohlstand nicht auf Dauer glücklich macht.
Hoher Lebensstandard ist nicht gleichbedeutend mit hoher Lebensqualität.
Gelungenes Leben ist nicht mit Geld zu kaufen und eine große Warenvielfalt führt eher zur Verunsicherung als zur Zufriedenheit.
16
Lebenszufriedenheit entsteht durch materielle und soziale Sicherheit, der Möglichkeit an politischer
Einflussnahme und wenig Ungleichheit und ist von innerer Einstellung abhängig.
Im sozialen Bereich geht es um soziale Gerechtigkeit, sowohl innerhalb einer Generation als auch
im Hinblick auf zukünftige Generationen und kann durch vermehrte Bürgerbeteiligung (Regionalpolitik) verwirklicht werden.
Der derzeitige Kenntnisstand drängt zu einer Umgestaltung der gesamten Gesellschaft und erfordert ein generelles Umdenken.
Zukunftsfähigkeit ist nicht allein durch technischen Fortschritt, Prozess- und Produktinnovationen
zu erreichen, es bedarf vielmehr eines radikalen Strukturwandels mit veränderten Denk-, Verhaltens- und Verbrauchsgewohnheiten.
Nachfolgend werden Impulse für eine nachhaltige, zukunftsfähige Entwicklung aufgezeigt:
Der Mensch als soziales Wesen
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•
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•
•
Regelmäßige Überprüfung von Einstellungen
ressourcen- und umweltschonendes Konsumverhalten
Kauf hochwertiger, langlebiger und reparabler Produkte
Ernährung über saisonale landwirtschaftliche Produkte, bevorzugt aus Ökolandbau
anstelle der Nutzung von Dingen über Eigentum mehr Gebrauch durch Mietung oder gemeinschaftliche Nutzung von z.B. Fahrzeugen, Maschinen, Technik etc.
Entdeckung des immateriellen Wohlstandes z.B. durch Erweiterung von „konsumlosen
Freizeiterlebnissen“ (Wanderung in der Natur,etc.)
Verwirklichbare Ziele stellen, anstreben und erreichen
Innere Unabhängigkeit stärken
soziale Beziehungen pflegen
„Entschleunigung“ des eigenen Lebens mit dem Ziel, mehr Muße zu erreichen
Der Mensch als tätiges Wesen (Wirtschaft)
• Abkehr vom traditionellen Fortschritts- und Wachstumsmodell
• verstärkte Nutzung nachwachsender Rohstoffe und regenerativer Energien aus lokalen
Ressourcen unter Beachtung der natürlichen Neubildungsrate
• Effektive Nutzung von Ressourcen und Energie in Verbindung mit Stoffkreisläufen
• Ausbau der Versorgungs- und Entsorgungssysteme mit geringer Transportintensität
• möglichst kurze Entfernungen zwischen Produktion und Verbraucher
• verstärkte Kooperation dezentraler Produktionsstätten
• möglichst geringer Flächenverbrauch
• Erzeugung hochwertiger, langlebiger und reparabler Produkte
• nachfrageorientierte Produktion anstelle der Erweiterung des Angebotes
• Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung in dezentralen Anlagen
• Bauen und Sanierung von Gebäuden nach ökologischen Kriterien
• Ausstoß von Emissionen auf einem unschädlichen Niveau
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will!“
Albert Schweitzer
Leitbilder einer zukunftsfähigen Gesellschaft
Grundlegende Prämissen und Leitbilder
Für eine nachhaltige Entwicklung ist in Zukunft ein Systemwechsel mit einer übergreifenden Betrachtungsweise der Zusammenhänge von Natur- und Wirtschaftskreisläufen sowie unserem Finanzsystem zwingend erforderlich. Grundlegende Voraussetzungen werden nachfolgend beschrieben.
17
1. Ausrichtung an der Zukunftsfähigkeit unseres Ökosystems
Die derzeitige Gewinnorientierung im wirtschaftlichen Handeln verdrängt zunehmend ökologische
und soziale Wertorientierungen und gefährdet damit unsere natürliche Lebensgrundlage. Die Erhaltung der Grundlage und Vielfalt des Lebens ist eine Grundvoraussetzung für unser Überleben.
Die ökologische Tragfähigkeit darf nicht überschritten werden. Deshalb muss die Diskussion um
Nachhaltigkeit mit einer ökonomischen Debatte verbunden werden. Es ist ein durchgreifender
Wandel unserer Denk- und Handlungsmuster nötig. Wir müssen unseren Verbrauch an Ressourcen, Energie, Fläche, Umweltbelastung drastisch reduzieren.
Es bedarf einer harmonischen Einbettung der Wirtschaft in die Natur zur dauerhaften Sicherung
der Lebensbedingungen auf der Erde unter Beachtung folgender Aspekte:
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•
•
•
Begrenztheit der Ressourcen,
wechselseitige Abhängigkeiten,
Erhalt der Lebensvielfalt,
funktionierende Kreisläufe,
kooperative Wirtschaftsbeziehungen,
stabile Dynamik der Gleichgewichte
Firmen nehmen Gemeingüter (z. B. Boden, Wasser, Luft) in Anspruch, ohne ein adäquates Nutzungsentgelt oder Ausgleich für Zerstörungen zu leisten. Zugunsten monetärer Verwertungsinteressen werden schädigende Folgen des Wirtschaftens (Ressourcenverbrauch, Übernutzung,
Schadstoffe, Verunreinigungen, Entlassungen aus Renditegründen) in Kauf genommen, Gemeingüter geopfert.
Lebensdienliches Wirtschaften erfordert Regelungen, u. a. den Ausschluss von umwelt- und gesundheitsschädigenden Produkten und unsozialer Herstellung.
Wir brauchen Menschen, die konstruktiv und sensibel konkrete Aufgaben angehen, die Komplexität der Natur und der dort ablaufenden, vielgestaltigen Vorgänge wahrnehmen und sich der Verantwortung auch für kommende Generationen bewusst sind, Menschen, die diese Verantwortung
übernehmen, in diesem Sinne Initiative ergreifen und umsetzbare Konzepte praktisch gestalten.
Die ökologischen Herausforderungen erfordern eine neue Ethik, ein neues Menschenbild.
Anstelle des einseitigen selbstbezogenen Individualismus muss zukünftig ein ganzheitlich und ethisch denkender und handelnder Mensch mit Verantwortung für die Zukunft treten.
„Wir sind die Erde, die denkt, die Erde, die fühlt, die Erde, die liebt, die Erde, die weint, die
Erde, die betet, die Erde, die spricht“,
bringt es der Theologe Leonardo Boff auf den Punkt.
2. Vorrang der Menschenwürde und der Menschenrechte vor wirtschaftlichen Interessen,
Unterdrückung und Unfreiheit
Die Vermehrung von Kapital wurde zum Zweck des neoliberalen Wirtschaftens, das Erreichen
möglichst hoher Kapitalrendite trat in den Vordergrund. Während einzelne hohe Gewinne erzielen,
vergrößern sich gesamtwirtschaftlich und gesellschaftlich die Probleme. Besonders bedroht diese
Entwicklung die Möglichkeit der Menschen, die eigene Existenz zu sichern. Ökonomie darf nicht
den Menschen beherrschen, sondern muss dem Wohl und der Befriedigung der Bedürfnisse aller
Menschen dienen. Ohne Garantie für eine Sinn erfüllende Erwerbstätigkeit sinken das Selbstwertgefühl der Menschen und die Möglichkeiten einer ökonomischen, sozialen und kulturellen Mitgestaltung. Teilhabe ist ein Erfordernis der Solidarität, ein Grundrecht als Basis für eigenverantwortliches Handeln und Entwicklung der Fähigkeiten jedes Menschen.
Mit der Erklärung der Menschenrechte am 10.12.1948 wurden schon in der Präambel Freiheit,
Gerechtigkeit und Frieden in der Welt sowie die Würde, der Wert der menschlichen Person und die
Gleichberechtigung von Mann und Frau als grundsätzliche Kriterien festgeschrieben. Im Zivil- sowie Sozialpakt proklamierte die UNO 1966 zwei Menschenrechtsabkommen. Menschenwürde und
Menschenrechte müssen wieder Vorrang vor der Profitorientierung und Kapitalgewinn bekommen.
18
3. Neue Geldordnung
Probleme unseres heutigen Geldsystems sind:
1.
die von der Realwirtschaft abgekoppelte, ungebremste Geldmengenentwicklung und
2.
die leistungslose Aneignung von Geldvermögen durch das Kapitalvermehrungssystem und
die Möglichkeit der spekulativen Bereicherung.
Deshalb ist
o
die alleinige Geldausgabe durch eine staatliche Währungsbehörde nach Maßgabe einer
sorgfältig festgelegten Mengenregel in Abhängigkeit vom Leistungsvermögen einer Volkswirtschaft,
o
Beschränkung der Tätigkeit aller Banken auf bloße Kreditvermittlung, d. h. Finanzunternehmen zu reinen Dienstleistungsunternehmen umzugestalten. Banken und Sparkassen sollen
Einrichtungen der öffentlichen Hand sein, die nicht gewinnorientiert, sich betriebswirtschaftlich
selbst tragend, kundenorientiert und gemeinwohlorientiert arbeiten.
o
Festlegung eines Negativzinses bei hoch liquiden Geldmitteln (Bargeld, Girogeld) bis zur
Höhe keines oder nur sehr geringen Zinses bei längerfristig terminlich festgelegten Sparguthaben.
Damit wird der stetige Umlauf des Geldes gesichert sowie ausreichend Kreditgeld ohne zusätzliche Zinsbelastung zur Verfügung gestellt bei gleichzeitiger Wertstabilität des Geldes (Neutralgeldsystem).
4. Neue Eigentumsordnung
Zur dauerhaften Sicherung der menschlichen Lebensgrundlage, bedarf es gleichzeitig Veränderungen im Eigentumsrecht, insbesondere:
1. die Umwandlung jeglicher privatrechtlicher Eigentumsformen auf Boden einschließlich der
Natur- und Bodenschätze in Nutzungsrechte,
2. die Überführung aller gemeinschaftlich erzeugten und genutzten Güter des Gemeinwohls
und der Daseinsvorsorge (Wasser- und Abwasserleitungen, Energieleitungen, Straßen,
Bahn) in staatliche, kommunale Verwaltung oder freie gemeinschaftliche Trägerschaft,
3. die Überführung von Firmen in Stiftungen oder Beteiligung der Mitarbeiter (Genossenschaftsprinzip) als Grundsatz
4. die Abschaffung jeglichen Patentrechtes
5. Vorrang des Gemeinwohls vor wirtschaftlichen Eigeninteressen
Gemeinwohl ist der Oberbegriff für die Gesamtinteressen innerhalb einer Gemeinschaft im Gegensatz zu Einzel- und Gruppeninteressen. Menschen leben seit jeher in Gemeinschaften, die gegenseitigen Schutz und Hilfe boten und durch gemeinsames Handeln mit vereinten Kräften und Arbeitsteilung das Überleben sicherten und die zivilisatorische Entwicklung förderten.
Gemeinwohl geht über eigene, egoistische Interessen hinaus. Das bedeutet, sich zum Wohle aller
um allgemeine Dinge zu kümmern und sich dafür zu engagieren. Für ein dauerhaft gutes Leben
aller ist die Kooperation wichtiger als vordergründiges Eigenwohl Einzelner. Das Gemeinwohl basiert im Wesentlichen auf kooperativem und komplementärem Handeln, wobei ebenso individuelle
Bestrebungen, deren Basis im Eigennutz liegen kann, möglich sind. Wesentliche Kriterien für das
Gemeinwohl sind soziale Sicherheit, Kooperation, Mitbestimmung und Geschlechtergerechtigkeit.
Zur Durchsetzung bedarf es ökologischer, ethischer und sozialer Regeln, d. h. einer dem entsprechenden Verfassung und Gesetzgebung. Zur materiellen Absicherung ist ein solidarisches Steuerund Sozialsystem erforderlich zu dem alle Bürger und Firmen beitragen.
6. Vorrang regionaler Konzepte
Die Entwicklung und Umsetzung regionaler Konzepte führt zu kurzen Wegen und überschaubaren
Strukturen im Gegensatz zu global operierenden, jegliche lokale Verantwortung ablehnenden Investoren. Die Sicherung der Lebensqualität und Zufriedenheit der Menschen wird am besten durch
eine Tätigkeit im regionalen Umfeld, im Bereich des Lebensmittelpunktes, seines Wohnortes erreicht. Durch die Entwicklung regionaler Konzepte und den Aufbau lokaler Wirtschaftskreisläufe
bieten sich folgende weitere Vorteile:
- Förderung der regionalen Wirtschaft
- Sicherung sowie Schaffung von Arbeitsplätzen
- Nutzung des lokalen Potentials
- Orientierung am lokalen Bedarf
19
-
Kurze Wege
Standortbindung
Einnahmen für die Region
Neue Lebensmittelpunkte für die Menschen und Identifikation der Menschen mit der Region
Möglichkeit zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung von Versorgungsinfrastrukturen und
anderer Gemeingüter
7. Vorrang von Kooperation vor Konkurrenz
Im neoliberalen Denken wird Konkurrenz als Triebkraft, als effektivster Steuerungsmechanismus
und Hauptleitwert für die Wirtschaft und dem Wesen der Freiheit zugehörig angesehen. In der Natur überwiegen von Kooperation und Miteinander geprägte Aktivitäten.
Neue Erkenntnisse in der Neurobiologie erweisen die grundlegende Bedeutung von Bindungen,
von tragfähigen Beziehungen und Gemeinschaft. Die Spieltheorie zeigt weiterhin, dass Menschen
primär zu Kooperation bereit sind.
Wenngleich die völlige Abwesenheit von Wettbewerb zu einer wirtschaftlichen Stagnation führen
kann, erlaubt dies unter Beachtung vorgenannter Erkenntnisse nicht den Gegenschluss, dass jegliches Handeln dem Konkurrenzprinzip zu unterwerfen ist. Markt und Wettbewerb bedürfen sozialund umweltverträglicher Bedingungen. Das beinhaltet z. B. die Beteiligung aller Menschen in den
Bereichen Arbeit und Tätigkeit, Entlohnung, Steuer- und Sozialabgaben und Mitbestimmung. Kooperation muss deshalb zum Nutzen aller sowie unserer Mitwelt Vorrang vor Konkurrenz haben.
8. Neues Arbeitsverständnis
Sinnvoll ist Arbeit, die letztendlich der Gesellschaft nützt und kooperativen Zielen dient. Der Sinn
kann sich z. B. auf Qualität und Nützlichkeit der Produkte, Umweltverträglichkeit, Ausbildungsbemühungen, Unterstützung von Kultur und Wissenschaften beziehen.
Funktionen von Arbeit neben der Schaffung materieller und immaterieller Werte und der Bedürfnisbefriedigung durch Erwerbseinkünfte sind
•
Sozialer Wert: soziale Einbindung und Anerkennung, soziale Sicherheit
•
Psychischer Wert: Kreativität, Kommunikation, ganzheitliche Betätigung, Verantwortung
•
Ideelle und ethische Werte: Sinnfindung, dem Guten dienen
Die Wertschöpfung durch Arbeit, d. h. Nutzen stiftende Tätigkeiten finden in folgenden drei Bereichen statt: bezahlte Erwerbsarbeit, unentgeltliche Eigenarbeit (für Familie, Haus, Hobby etc.) und
ehrenamtliche Gemeinnutzarbeit. Nicht nur Erwerbsarbeit sollte als Arbeit betrachtet und anerkannt sein, auch andere Formen wie die Familienarbeit und Gemeinnutzarbeit tragen zum Gelingen des Gemeinsystems bei. Die Erwerbsarbeit sollte so bemessen und verteilt sein, dass jeder
arbeitsfähige Bürger an ihr Anteil haben kann und dass sie genug Raum bietet für Eigenarbeit,
Gemeinnutzarbeit und Muße.
„Es ist wichtig zu zeigen, dass die Möglichkeit eines Jenseits der kapitalistischen Gesellschaft in
deren Entwicklung selbst enthalten ist. Folgende politischen Zielstellungen sind dafür erforderlich:
Einkommensgarantie
Umverteilung der Arbeit und Wiederaneignung der Zeit
Andere alternative Arbeitsformen.“ 2
9. Leistungsgerechte Entlohnung
Ein Erfordernis besteht in einer leistungsgerechten Entlohnung sowie der Einführung von Mindestlöhnen und Höchstlöhnen. Unangemessen hohe Löhne schmälern das Gemeinwohl. Dies ist ebenso zu unterbinden wie auf der anderen Seite das Absinken von Löhnen unter die Möglichkeit
der Deckung grundlegender Lebensbedürfnisse. Das berufliche Leistungsmaximum des Menschen
liegt etwa zwischen einem Drittel und dem Fünffachen der durchschnittlichen Leistungskraft eines
voll arbeitenden Menschen. Ernst Abbe legte für die Fa. Carl Zeiss fest, dass die Höhe des Lohnes
für Führungskräfte maximal das zehnfache des Jahresdurchschnittslohnes der Arbeiter betragen
darf.
2
Andre’ Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie, Paris 1997
20
10. Grundsicherung unabhängig von Erwerbsarbeit
Es wird ein bedingungsloses Grundeinkommen angestrebt, d. h. eine soziale Grundsicherung des
Menschen unabhängig vom seinem Leistungsvermögen und ohne Anforderungen. Die bisherigen
Sozialleistungen wie Sozialhilfe, Arbeitslosengeld, Kindergeld, BafFöG, Rente entfallen. Die Höhe
soll so bemessen sein, dass sie eine soziale, menschenwürdige, existenzsichernde Grundsicherung gewährt, aber ein Anreiz zur Arbeit bleibt.
11. Primat der Politik und bürgerliches Engagement
Die Politik muss dem Gemeinwohlinteresse Sorge tragen und deshalb Vorrang vor der Wirtschaft
erhalten. Dazu ist eine Rahmensetzung erforderlich, die Wirtschaften, soziale Gerechtigkeit und
ökologische Nachhaltigkeit ermöglicht. Prämissen sind das Festlegen finanzpolitischer (Unterbindung von Spekulation, Renditedruck, Förderung ethischer Investitionen, Förderpolitik, Steuerreform) und wirtschaftspolitischer Regeln (sozial- ökologisches Wirtschaften).
Die Bürger sind darüber hinaus durch Volksentscheide zu beteiligen.
12. Entkommerzialisierung der Lebensgrundlagen
Öffentliche Güter und die strukturelle Grundversorgung der Menschen wie Verwaltung, Polizei,
Justiz, Finanzdienstleistungen, Schule und Bildung, soziale und medizinische Versorgung, Versorgung mit Wasserversorgung, Abwasser, Energie, Verkehr, Besitz an Grund und Boden, Kulturgüter
müssen staatlichen, kommunalen oder freien gemeinnützigen Trägern überantwortet und damit
dem Profitstreben entzogen werden.
13. Solidarisches Steuer- und Sozialsystem
Das Steuersystem ist so umzugestalten, dass der Verbrauch nach ökologischen Gesichtspunkten
sowie anstelle der einseitigen Belastung von Arbeitseinkommen die gesamte Wertschöpfung besteuert wird. Durch eine ökologische Ausrichtung des Steuersystems könnte ein sorg- und sparsamerer Umgang mit allen Ressourcen, ein Anreiz zur Entwicklung innovativer energie- und rohstoffsparender Verfahren erreicht werden.
Mit einer Wertschöpfungssteuer könnten sich Unternehmen nicht mehr ihrer sozialen Verpflichtung
bei einer Reduzierung von Arbeitskräften entledigen.
1. Vereinfachung (einschl. Schließen von „Schlupflöchern“)
2. Solidarprinzip (gerechte Verteilung der Lasten, Eintreten der Starken für die Schwachen)
3. Progression (insbesondere Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit)
4. Sozialpflichtigkeit des Kapitals (Unternehmen und Reiche)
5. Umweltverträglich, Ressourcen schonend
14. Verhinderung von Monopol- und Kartellbildung
Monopole und wirtschaftliche Machtkonzentrationen durch nationale und transnationale Konzerne
(z. B. Oligopole) untergraben Wettbewerb, Chancengleichheit, Politikfähigkeit, Regionalentwicklung sowie soziale und ökologische Standards. In Krisen sind diese anfälliger als kleingliedrigere
Einheiten. Deshalb sind internationale Regelungen erforderlich, die ungehemmte Oligopol/Kartellbildungen verhindern. Kleingliedrige, dezentrale und regionale Einheiten stärken einen fairen Wettbewerb. Lebensdienliche Globalisierung heißt reger weltweiter und helfender Austausch
unter Wahrung der eigenständigen und regionalen Entwicklungsmöglichkeiten.
15. Erfordernis weltweiter Regelungen
Zur Änderung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Strukturen bedarf es hinsichtlich fortschreitender Globalisierung weltweit gültiger Vereinbarungen. Dies erfordert die Einigung und Durchsetzung
verbindlicher Standards vor allem in den Bereichen Finanz-, Sozial-, Umwelt- und Steuerpolitik
sowie der Wettbewerbsordnung.
Internationale Organisationen wie die WTO (World Trade Organisation), die Weltbank, der IWF
(Internationaler Währungsfonds) und die ILO (International Labor Organisation) sind nach den Kriterien eines zukunftsfähigen, gemeinwohlorientierten Finanzsystems sowie einer nachhaltigen
Wirtschaftsordnung umzugestalten. Die UNO und die genannten Organisationen müssen der Zusammenarbeit auf der Grundlage einer internationalen Sozial-, Umwelt- und Menschenrechtspolitik
dienen.
21
16. Vernetzung und Bündnisbildung
Im gemeinschaftlichen Handeln mit gleichgesinnten Bewegungen muss entschieden für gemeinsame Ziele eintreten werden. Die Vernetzung der verschiedenen Organisationen und Gruppen
sollte nicht nur durch inhaltlichen Austausch und Diskussionen über Ziele und Handlungsmöglichkeiten, sondern auch ganz praktisch durch Kooperationen und der Verwirklichung gemeinsamer
Projekte und Aktionen erfolgen. Weiterhin bieten Netzwerke die Möglichkeit der gemeinsamen
Nutzung von Raum, Ressourcen und Mitarbeit sowie praktische Begleitung und Unterstützung in
organisatorischen und finanziellen Fragen.
Durch die Vernetzung und Bündnisbildung gelingt es Ressourcen zu bündeln und gemein-same
Aufgaben und Anliegen effizienter zu erledigen um eine neue, gemeinsame Stärke und Durchsetzungskraft zu gewinnen.
Aufbruch zu neuen Ufern
Mehr und Mehr wächst in mir der Glaube, dass
die Menschheit, die teilweise mit den Schätzen dieser Welt so sorglos und unvorsichtig umgegangen ist wie der verlorene Sohn mit seinem vorzeitig ausbezahlten Erbe ebenso wie dieser bereit
sein wird, sich zu sammeln und umzukehren.
Sobald wir wieder zur grenzenlosen Liebe Gottes
zurückgekehrt sein werden, werden wir feststellen, dass alle bisher unlösbar erscheinenden Probleme sich mit Hilfe der zahlreich entstehenden Heilungsprozesse stetig vermindern.
Darüber hinaus lebe ich in der Hoffnung, dass unsere Erfahrungen mit den Geschehnissen, die
wir auf unseren Abwegen sammeln konnten, uns dazu veranlassen werden, nicht nur „hinfort nicht
mehr zu sündigen“, sondern „alles vierfach zurückzugeben“.
Quellenangaben:
• Verlorener Sohn vgl. Lukas 15,11–32
• „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr“ vgl. Johannes 8,1-11
• „ ... und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück“ vgl. Lukas 19,8
Verwendete und weiterführende Literatur
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Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt : ein Anstoß zur gesellschaftlichen
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und Naturschutz Deutschland und Brot für die Welt, Evangelischer Entwicklungsdienst
(Hrsg.). - 3. Aufl. - Frankfurt/M. : Fischer Taschenbuch-Verl., 2009.
Broschüren des Jenaer Arbeitskreises „Zukunftsfähige Gesellschaft“:
o Segen und Fluch des Geldes
o Es sollte kein Armer unter Euch sein
o Es gibt Alternativen! – Bausteine einer zukunftsfähigen Gesellschaft
Zu erhalten als Datei (Mailadresse siehe Impressum)
Zeitschriften
o Zeitschrift für Sozialökonomie
o Humane Wirtschaft
o Fairconomy
Internet:
o www.cgw
o www.INWO.de
o www.akademie-solidarische-oekonomie.de
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