Schildläuse bekämpfen I, DEGA 33/2006

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PFLANZENSCHUTZ
■ Krankheiten und Schädlinge an Gehölzen
Schildläuse bekämpfen – Teil I
n praktisch allen Pflanzenarten können Schildlausarten der Unterordnung Coccina auftreten. Besonders häufig sind sie an Gehölzen, Sukkulenten und Orchideen. Ein
Besatz wird dabei oft erst recht
spät erkannt, da die unter
Schutzschichten
lebenden
Schädlinge zunächst oft nicht
als solche erkannt werden. Besiedelt werden vor allem Blätter, Triebe, Zweige und Äste,
einige Arten setzen sich auch
auf der Oberfläche von Früchten fest. Manchmal werden
auch Pflanzenwurzeln besiedelt.
Bei allen Schildläusen unterscheiden sich die männlichen
und weiblichen erwachsenen
Tiere (Imagines) so stark voneinander, dass die beiden Geschlechter oft für unterschiedliche Insektenarten gehalten
werden. Die männlichen Tiere
sind meist sehr klein, besitzen
Flügel und haben höchstens
noch zurückgebildete Mundteile. Während ihres kurzen, oft
nur wenige Stunden dauernden
Lebens nehmen die erwachsenen Männchen keine Nahrung
auf.
Meistens fallen neben den
verschiedenen Larvenstadien
nur die weiblichen Imagines
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auf, die keine Flügel besitzen
und von mehr oder weniger
derben Schutzschichten bedeckt sind. Da sich die erwachsenen Weibchen der meisten
Arten von ihrem einmal gewählten Saugort nicht mehr
entfernen, sind ihre Beine und
Fühler nur sehr kurz oder fehlen ganz. Aus dem gleichen
Grund haben die Weibchen im
Gegensatz zu den männlichen
Individuen keine Komplexaugen. Dagegen besitzen sie eine
gut ausgebildete, oft sehr lange
Stechborste, die tief in das
Pflanzengewebe
eindringen
kann und dort entweder im
Pflanzengewebe oder in den
Leitungsbahnen endet. Schildläuse, die in den Leitungsbahnen saugen, scheiden oft große
Mengen zuckerhaltigen Kot
aus, der sich als klebriger Belag
auf den Pflanzen oder benachbarten Gegenständen ablagert.
Auf diesen zuckerhaltigen Belägen siedeln sich rasch Schwärzepilze an, die die Pflanzen
zwar nicht direkt schädigen,
ihren Zierwert aber deutlich
mindern und bei sehr starkem
Auftreten auch die Assimilationsleistung der Pflanzen reduzieren können.
Die deutsche Bezeichnung
„Schildläuse“ bezieht sich auf
Schildläuse
Schädlinge mit Nutzwert
inige Schildlausarten wurden in der Vergangenheit und
werden zum Teil auch heute noch für die Produktion verschiedener Stoffe genutzt. So wird die aus Mittelamerika
stammende Echte Cochenilleschildlaus Dactylopius coccus
auf Feigenkakteen kultiviert, um den roten Farbstoff Karmin
zu produzieren. Dieser ist im Blut der Tiere enthalten, die
abgesammelt und getrocknet werden. Heute wird dieser
Farbstoff vor allem in der Kosmetikindustrie verwendet. Die
im Mittelmeerraum an Eichen saugende Kermeslaus (Kermes vermilio) wurde ebenfalls als Farbstofflieferant benutzt.
Das Hautsekret der Lackschildläuse Lacciferidae wurde in
Asien für die Schellackgewinnung genutzt.
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die unterschiedlichen Schutzschichten, die die Tiere selbst
produzieren und unter denen
sie sich aufhalten. Diese
Schutzhüllen können aus
Wachs, lackartigen Stoffen oder
Spinnseide, manchmal vermischt mit Kot und Häutungshüllen bestehen. Die Tiere finden darunter ein optimales
Kleinklima, außerdem sind sie
und ihre Eigelege vor zahlreichen Fressfeinden gut geschützt. Die Schutzhüllen können auch die Bekämpfung mit
Insektiziden erschweren.
SCHMIER- ODER
WOLLLÄUSE
Obwohl die Schmier- oder
Wollläuse der Familie Pseudococcidae keine harten Schutzschilde ausbilden, gehören sie
zur Unterordnung der Schildläuse. Als Schutz vor Fressfeinden sondern die Arten große
Mengen Wachs in Form von
Pulver oder Fäden aus. Manchmal sind die Tiere selbst unter
den pulverigen Wachsüberzügen noch recht gut zu erkennen. Sie erscheinen wie mit Puder überzogen. Andere Arten
scheiden jedoch so große Mengen Wachsfäden aus, dass die
Tiere auf den ersten Blick nicht
zu erkennen sind; erst beim
Auseinanderziehen der an den
Pflanzen haftenden kleinen
„Wattebäuschchen“ werden
die Schädlinge sichtbar. Auch
die Eigelege befinden sich in
den dichten Wachsfadenknäueln. Unter der Hülle sind die
Tiere vor ungünstigen Witterungseinflüssen und vor manchem Räuber geschützt. Viele
Schmierlausarten haben darüber hinaus eine weitere Abwehrstrategie gegen Fressfeinde entwickelt: auf dem Rücken
haben sie spaltförmige Öffnungen, aus denen sie bei Gefahr
eine zellhaltige, klebrige Flüssigkeit ausscheiden können,
um dem Angreifer die Mundwerkzeuge zu verkleben.
Schmierlausweibchen
sind
während ihrer ganzen Entwicklung mobil. Die Männchen sind
– soweit vorhanden – wenig beweglich. Schmierläuse saugen
in den Leitungsbahnen, sodass
es neben den direkten Saugschäden zu Verschmutzungen
durch Honigtau und die sich
darauf ansiedelnden Rußtaupilze kommt.
➜ Buchenwollschildlaus
(Cryptococcus fagi): Im Garten werden Schmierläuse nur
in Einzelfällen schädlich. Gelegentlich sind an Buchen ausgedehnte Kolonien der Buchenwollschildlaus zu finden. Die
nur etwa 1 mm großen, gelb gefärbten und fast runden Tiere
sitzen auf der Rinde und scheiden große Mengen Wachswolle
aus. Der direkte Saugschaden
ist eher gering, dicht von Läusen und Wachswollausscheidungen bedeckte Stämme und
Äste werden durch die Wachswollausscheidungen verunstaltet. Allerdings kann ein starker
Besatz das Auftreten der
Schleimflusskrankheit bei Buche begünstigen, wobei aber
immer noch andere Faktoren
wie zum Beispiel extreme Sommertrockenheit dazu kommen
müssen.
Bei der Buchenwollschildlaus
gibt es keine männlichen Tiere.
Die Art pflanzt sich parthenogenetisch (geschlechtslos) fort
und entwickelt nur eine Generation im Jahr. Im Hochsommer
werden die Eier unter der
Wachswolle abgelegt. Die Larven schlüpfen noch im Sommer
oder Frühherbst und wandern
auf der Rinde umher. Im Herbst
suchen sie Rindenspalten auf,
wo sie sich festsetzen und überwintern.
➜ Schmierläuse an Zimmerpflanzen
(Pseudococcus/
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Schmierlauskolonie an
Fuchsientrieb
Wachswollknäuel an
Christusdorn
Planococcus spec.): Anders,
als bei Freilandpflanzen haben
Schmierläuse im Kleingewächshaus, Wintergarten oder an
Pflanzen auf der Fensterbank
eine große Bedeutung. Betroffen sind häufig Orchideen, Kakteen oder Palmen. Das Wirtspflanzenspektrum der verschiedenen
Pseudococcus-Arten
und der Zitrusschmierlaus (Planococcus citri) reicht aber weit
über diese Pflanzengruppen
hinaus. Die Entwicklung der
verschiedenen Arten und die
von ihnen verursachten Schäden sind untereinander vergleichbar, sodass sie zusammen
beschrieben werden können.
Sollen jedoch Nützlinge zur
Bekämpfung der Schmierläuse
eingesetzt werden, ist eine genaue Bestimmung der Art erforderlich, da insbesondere die
einsetzbaren Schlupfwespenarten streng wirtsspezifisch sind.
Die erwachsenen, breitoval
geformten Schmierläuse sind
etwa 3 bis 4 mm lang, die meist
rosafarbene Körperoberfläche
ist von einer pulverigen Wachsschicht bedeckt. Insgesamt
ähneln die Tiere durch die gut
erkennbaren Körperabschnitte
entfernt einer Kellerassel. Die
jeweilige Art kann anhand der
weißen Körperfortsätze bestimmt werden, die bei der Zitrusschmierlaus kurz und dick,
bei der Art Pseudococcus longispinus dagegen am Hinterleib
sehr lang sind. Die im Gewächshaus
vorkommenden
Schmierläuse können abhängig
vom Klima zahlreiche Generationen im Jahr entwickeln.
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Rußtaupilze auf Fuchsienlaub nach Schmierlausbesatz
Häufig findet man die Eier, wie
auch Larven und Imagines, in
Blattachseln oder an anderen
geschützten Stellen der Pflanze.
Bei unter Glas kultivierten
Pflanzen können die Schmierläuse erhebliche Schäden in
Form von Wachstumsstockungen oder Laubfall verursachen,
sehr störend sind auch die starken Honigtauausscheidungen
mit nachfolgender Rußtaubesiedlung.
BEKÄMPFUNG
Schmierläuse lassen sich mit
verschiedenen
Insektiziden
bekämpfen. Sollen reine Kontaktinsektizide wie zum Beispiel Ölpräparate eingesetzt
werden, müssen die Pflanzen
sehr gründlich eingesprüht
werden und die Behandlung ist
mehrmals in kurzen zeitlichen
Abständen zu wiederholen. An
kleinen Pflanzen im Zimmer
können die Kolonien auch zuerst mit einem Borstenpinsel
mechanisch geschädigt oder zumindest von den Wachswollbüscheln befreit werden, um
anschließend mit einem Kontaktinsektizid besser an die Tiere heranzukommen. Im Freiland können auch pyrethrumhaltige Präparate wie Spruzit
Schädlingsfrei eingesetzt werden. Bei größeren Pflanzen ist
der Einsatz systemisch wirkender Insektizide wie zum Beispiel Provado 5 WG (Imidacloprid) sinnvoll. Präparate
mit den Wirkstoffen Acetamiprid und Imidacloprid können
im Wintergarten oder an Zim-
merpflanzen auch in Form von
Pflanzenschutzstäbchen oder
als Granulat zum Einarbeiten in
das Substrat eingesetzt werden.
Im Gewächshaus oder Wintergarten ist der Einsatz von
Nützlingen zur Bekämpfung
der Schmierläuse sinnvoll. Da
vor allem die Schlupfwespen
auf einzelne Schmierlausarten
spezialisiert sind, muss zuvor
die Schmierlausart bestimmt
werden. Voraussetzung für einen erfolgreichen Schlupfwespeneinsatz ist außerdem ein
frühzeitiges Ausbringen der
Tiere, bevor eine Massenvermehrung des Schädlings einsetzen kann. Auch die Klimabedingungen müssen den Ansprüchen der Schlupfwespen
genügen, so sind Temperaturen
von deutlich über 20 °C erforderlich. Auch eine hohe Luftfeuchte erhöht den Wirkungsgrad eines Schlupfwespeneinsatzes. Bei sehr starkem Besatz
durch Schmierläuse kann der
Australische
Marienkäfer
(Cryptolaemus montrouzieri) und seine Larven eingesetzt
werden. Sowohl die erwachsenen Käfer als auch die Larven
fressen die Schmierläuse. Vorsicht: die Larven ähneln sehr
den Beutetieren. Die Temperaturansprüche des Australischen
Marienkäfers sind etwas geringer als die der Schlupfwespen,
sodass auch ein Einsatz am Blumenfenster Erfolg versprechend ist.
Wachswollsack mit Junglarven
an Japanischem Ahorn
Schmierläuse und Wachswollreste an Mandevallia-Trieb
Text und Bilder:
Jochen Veser, Korntal-Münchingen
Schmierlaus
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