Handlungsempfehlungen zur Auseinandersetzung mit islamistischem

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Die islamische Volkshochschule – ein Pilotprojekt
Ismat Amiralai
Eine Volkshochschule (VHS) ist eine gemeinnützige Einrichtung für die Erwachsenenbildung. Volkshochschulen sind keine Hochschulen, sondern in
Deutschland dem quartären Bildungsbereich der Weiterbildung zugeordnet.
Jede Volkshochschule ist eigenständig und in der Praxis verstehen sie sich
heute als kommunale Weiterbildungszentren. Das Kursangebot von Volkshochschulen besteht aus Lehrveranstaltungen verschiedener Dauer, von einmaligen Bildungsangeboten bis hin zu Kursen, in denen man über 15 Wochen
lernen kann. Zudem steht das Angebot in aller Regel allen Personen ab einem
Alter von 16 Jahren offen. Als eine demokratische und freie Bildungseinrichtung stehen die Volkshochschulen für Muslime sowie für Nichtmuslime aus
allen religiösen Richtungen und Weltanschauungen offen. Damit sind sie gut
geeignet, eine integrierende Rolle in der heterogenen Einwanderungsgesellschaft zu spielen. Durch Bildung und Aufklärung können Volkshochschulen
zudem dazu beitragen, Ängste gegenüber Muslimen und dem Islam abzubauen. Dadurch erleichtert sie den Muslimen die Integration in die deutsche
­Gesellschaft.
Im Folgenden werde ich meine Idee ausführen, eine „Islamische Volkshochschule“ einzurichten und erklären, welcher Mehrwert für ein gelingendes Zusammenleben in Deutschland daraus hervorgehen könnte. Das Angebot einer
Islamischen Volkshochschule richtet sich nicht etwa nur an Muslime, sondern
an alle, die Interesse an islamischer Kultur und Geschichte haben. Solche Bildungs- und Weiterbildungsstätten könnten eine sinnvolle und wirksame Ergänzung zu Moscheen und Kulturvereinen von Einwanderergruppen bzw. ihren
Nachfahren in deutschen Städten sein.
Die Moscheegemeinden und muslimischen Verbände haben in den vergangenen Jahrzehnten großartige Arbeit geleistet, vor allem beim Aufbau einer muslimischen religiösen Infrastruktur. Es gibt aber jenseits der etablierten Moscheen und Verbände neue Stimmen, die die Zukunft dieses Landes mitgestalten
wollen. In Zeiten, in denen sich Jugendliche radikalisieren und der Islam zur
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Abgrenzung benutzt wird, brauchen wir dringend neue, frische Akteure, die
den Islam anders interpretieren und leben.
Die Islamische Volkshochschule könnte für Jugendliche und Erwachsene
­Bildungsangebote zu folgenden Themenbereichen anbieten:
11 Kurse, Studientage, Kompaktseminare, Vorträge, Lesungen, Einzelveranstaltungen zu allgemeinen, aber auch zu spezifischen Themen, die mit muslimischem Leben zu tun haben.
11 Seminare über islamische Theologie, Geschichte, Geistesgeschichte und
Religionsphilosophie.
11 Vortragsreihen über die naturwissenschaftlichen und philosophischen Errungenschaften der islamischen Länder und ihr Einfluss auf die europäische
Zivilisation.
11 Die Diskussion kontroverser Themen wie islamischer Aufklärungs- und
­Reformdenker, deren Ideen und Theorien im Rahmen von Vorträgen, Studienabenden und Seminaren zu einem konstruktiven Meinungsaustausch
anregen.
11 Die universitären Fakultäten der Islamwissenschaften und Orientalistik leisten seit Jahrzehnten und nach wie vor wertvolle Beiträge, Abhandlungen
und Studien zur Islamforschung. Eine Aufgabe der Islamischen Volkshochschule wäre es, dieses wissenschaftliche Material der Bevölkerung außerhalb der Universitäten vorzustellen und zu diskutieren.
11 Durch Seminare und Kurse könnten die spirituellen und mystischen Lehren und Disziplinen der verschiedenen religiösen Schulen vorgestellt werden.
11 Koch- und Tanzkurse sowie praktisches Wissen rund um islamische Geschichte und Alltagskultur sowie qualifizierte Einblicke in die Musik aus den
islamischen Ländern können den Islam auf eine weniger rationale und
wissensbasierte Art und Weise näher bringen.
11 Studien- und Kulturreisen in islamisch geprägte Länder.
11 Die islamische Kultur ist vielfältig und bunt wie die muslimische Gesellschaft. Deshalb gehören Kurse über traditionelle islamische Kunst und
Kunsthandwerk der verschiedenen Völker sowie Theatervorstellungen,
Ausstellungen, Filmvorführungen und Musikveranstaltungen zum festen
Programm der Islamischen Volkshochschule.
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Die islamische Volkshochschule – ein Pilotprojekt
Mit ihrem Programm möchte die Islamische Volkshochschule einem breiten,
interessierten Publikum Grundgedanken aus dem Islam nahebringen und damit ihren Beitrag zu einem angeregten interreligiösen wie interkulturellen Dialog leisten. Gleichzeitig wollen wir aber auch allen Mitgliedern der islamischen
Gemeinde Gelegenheit geben, sich mit wichtigen religiösen und kulturellen
Wurzeln des Islams vertraut zu machen und sie für die bestehenden Debatten
über islambezogene Fragen bilden. Es ist in einer pluralen Gesellschaft wichtig,
dass Minderheiten sprachfähig werden und sich in gesellschaftliche Diskurse
einbringen können. Das gilt nicht nur, aber in jedem Fall auch für Muslime in
Deutschland.
Darüber hinaus soll die Islamische Volkshochschule mit anderen Bildungsträgern der Erwachsenenbildungsstätten in Deutschland kooperieren. Das Angebot der Islamischen Volkshochschule sollte als neuer Bestandteil an die bestehenden Volkshochschulen angeschlossen sein. Finanzieren könnte man das
neue Angebot durch fünf Säulen:
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Zuschüsse des Landes,
Zuschüsse der Kommune (Landkreis, Stadt, Gemeinde),
Einnahmen aus Teilnehmerentgelten,
Spenden – nicht zuletzt von Muslimen selbst – und
Drittmittel.
Da die Volkshochschulen nur einen Teil der Kosten durch Teilnehmerentgelte
decken müssen – ohne Gewinn zu erzielen –, sind VHS-Kurse vergleichsweise
kostengünstige Angebote und damit den meisten Bevölkerungsschichten zugänglich. Dies ist wichtig, um die genannten Zielgruppen zu erreichen.
Mein Vorschlag lautet, für die Dauer von fünf Jahren eine Pilot-Volkshochschule in einer Großstadt auszuwählen und das skizzierte Bildungsangebot zu
islambezogenen Themen einzurichten. So könnten Erfahrungen zur Tauglichkeit und Effektivität einer solchen Einrichtung überprüft werden. Im Erfolgsfall
sollte das Angebot ausgeweitet werden – im Interesse eines steigenden Wissens über den Islam in Deutschland, mehr Sicherheit im Umgang mit Muslimen
im Speziellen und religiöser Vielfalt im Allgemeinen sowie einem besseren
Kennen der vielfältigen Gegenwart Deutschlands.
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Wolf D. Ahmad Aries schrieb schon 1997 in seinem Aufsatz „Islamische Weiterbildung“: „Eine islamische Erwachsenenbildung als Ort, an dem der Minderheit lebensbegleitend die Chance offen gehalten wird, lernend zu fragen und
zu zweifeln, um das sprachlich zu ringen, was im Überfluss der Medienwelt
nicht an Worten zur Verfügung steht. Im Grunde genommen geht es in ihr um
den Widerstand der Minderheit zugunsten der Selbstbehauptung wie der
Selbstbewahrung. Das kann jedoch nicht als konservative Sicherung der Traditionen verstanden werden, sondern muss durch alle Formen des Diskurses und
selbstverantwortlichen Denkens hindurch für den Diskurs mit der Gesamtgesellschaft bereit machen. […] Der Grund dafür liegt in der Struktur dieser
­pluralen und multikulturellen Gegenwart, die zu ihrer Gestaltung nicht allein
den Diskurs fordert, sondern den Willen dazu konstitutiv voraussetzt. Hierauf
werden die Muslime zur Zeit von niemandem vorbereitet.“
Das zu tun, wäre genuine Aufgabe der Erwachsenenbildung mit und für
­Muslime sowie über islambezogene Fragen für Nichtmuslime – im Idealfall in
gemischten Lerngruppen aus Muslimen und Nichtmuslimen.
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