Die Heimat

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Die Heimat
Chronik der Familie Ratke
und ihrer Anverwandten
von Günter Ratke niedergeschrieben
Anmerkung:
Die zahlreichen polnischen Wörter sind natürlich für einen Deutschen, der diese Sprache
nicht kennt, richtige Zungenbrecher. Selbst wenn man sie in Wortmalerei übersetzt, so hat
man seine Probleme, oder wer kann schon auf anhieb Schtscheschura aussprechen? Beim
erstmaligen Erscheinen eines Wortes habe ich die deutsche Aussprache danebengesetzt. Im
Anhang, auf den ersten Seiten, ist dann auch noch eine umfangreiche Beschreibung der
polnischen Buchstaben mit Beispielen abgedruckt, die freundlicherweise Richard Rose
gefertigt hat.
Mein Rat, so wie ich es selbst halte: Akzeptiert die polnischen Wörter als Eigennamen. Wer
die Namen aber irgendwo mündlich erwähnen will, der solle sich intensiv mit der erwähnten
Anlage beschäftigen.
In eigener Sache:
Diese Chronik habe ich vor Jahren niedergeschrieben für meine eigene Familie. Es war nie
daran gedacht worden, dieses Buch in fremde Hände zu geben. Ich bin weder Wissenschaftler noch Schriftsteller, habe diese Texte nicht profeSSionell geschrieben wie eigentlich
üblich, sondern erwähne im Text, aus wessen Feder oder aus wessen Mund der Text
stammt.
Ich habe schon sehr, sehr viel Ärger mit einem Menschen gehabt, per einige dieser Texte
gesammelt und mir übergeben hat. Die Texte sind nicht aus der Feder dieser Person. Diese
Person habe ich mehrfach erwähnt und ihr gedankt. Ich weiß nicht, wie ich es anders
machen soll.
Eigentlich wollte ich aus tiefer Enttäuschung dieses Buch nicht mehr weitergeben, aber durch
die rege Nachfrage und durch viele Gespräche mit Interessierten, habe ich mich entschlossen, eine Neuauflage, das vorliegende Exemplar, in Auftrag zu geben. Die Kultur der
Weichselkolonisten stirbt aus mit dem Tod des letzten, der dort geboren wurde, aber es wird
Nachkommen geben, die fragen, woher stammten meine Vorfahren, und wie lebten sie.
Hierauf kann nur eine Chronik wie die meinige Antwort geben. Deshalb nehme ich jeden
Kummer in Kauf, bitte um Nachsicht und wünsche jedem viel Freude an diesen Texten.
Weddingstedt,
im Oktober 2000
3. Auflage 2000
erschienen im Eigenverlag
.
3
INHALTSVERZEICHNIS
VORWORT
9
ALLGEMEI1'JER TEIL
Die Geschichte
Polens
7
Die Kolonisten
Die Herkunft
20
der Kolonis ten
24
Die Bughauländer
26
Das Leben der Bauern in Polen
29
Wie eine Kolonie entstand
31
Ein Fazit
34
Babskie Budy
3S
Die Region Sadowne
38
Die ersten Jahre der Kolonisation
42
Die Kolonie Platkowniza-Sadoles
47
Das Dorf Platkowniza
48
Das Dorf SadoleS
68
"Mein Onkel Samuel aus Sadoles"
und andere Geschichten von Erna Papke geb. Kurtz
80
Das Dorf Oci~te
83
Ein Schweineschlachten
Obrockie
93
vor 100 Jahren
96
Das Dorf Sojk6wek
99
Das Dorf Zajezierze
102
Die Religion der Kolonisten
104
Geburt, Heirat, Tod
110
Verwaltung
119
und Bürgermeister
Schiffahrt
120
Das tägliche Leben
Müllds Pferd,
eine wahre Geschichte
121
Straße, Eisenbahn,
aus der Kolonie
123
Die Sprache der Kolonisten,
das Weichselplatt
Die Geschichte vom Duschke
127
Der Lebensbericht
131
125
des Reinhold Heise
141
Weiterwanderung
Nationale
Spannungen
Verschleppung
vor dem 1. Weltkrieg
der deutschen
Kolonisten
1915
144
146
Marschall Josef Pilsudski
157
Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen
160
Das Jahr 1939
164
Die letzten Tage in der Kolonie
Das Ende der deutschen Kolonie
169
173
4
UNSERE FAMILIE
Unsere Familien
177
Familie Ratke
178
Peter Ratke und seine Familie
180
Die Familie Martin Ratke
184
Johann
193
Ratke und seine Familie
Die Familie Amdt
196
Die Familie Ewald
198
Die Familie Karau
199
Familie Daniel Ratke
204
Die Familie Jabs
205
Die Fanlilie Jakob Jabs
207
Die Eheleute Johann und Pauline Jabs
209
Die Familie Rimatzki
216
Die Familie Hartmann
216
Die Semke's
219
Die Erichson's
223
Familie Ritz
231
Familie Gertz
234
Adolf und Natalie Ratke
241
NACHWORT
250
ANHANG
Eine Beschreibung
der polnischen
Sprache mit Aussprachebeispielen
Die Geschwis ter Ratke und illre Vorfahren
Ahnentafel
Urkunden
der Familie Rudolf Gertz
und Dokumente
Orts pläne der Kolonie
Landkarten
Fotos
5
VORWORT
"Roots" (Wurzeln) nannte der Schwarzamerikaner
Alexander Hailey einen Roman, den er über seine Vorfahren schrieb. Dieser Roman regte mich an, herauszufinden, wo meine Wurzeln sind, woher meine Vorfahren stammten. Viel war mir nicht bekannt, und viel konnten weder mein Vater
noch meine Großmutter beisteuern. Bekannt war nur, daß meine Vorfahren Ratke im femen Polen
als Kolonisten siedelten, daß sie schon seit vielen Jahren dort lebten, daß ihre Mundart sehr der
niederdeutschen
Sprache und besonders auch der holländischen ähnelt und daß sie Bauern waren.
Im Laufe der Zeit tauchten aus dem Nachlaß meiner Urgroßmutter alte Dokumente auf, in Frau
Mainka (Lübeck) traf ich eine Frau, die sich intensiv mit der Familienforschung
befaßt, und deren
Wurzeln auch in der gleichen Kolonie zu suchen sind wie bei mir. Sie war und ist mir eine große
Hilfe. Mein Vater Gustav Ratke, meine inzwischen verstorbene Großmutter Natalie Ratke, die
Großtante Johanna Ratke und mein Patenonkel Waldemar Ratke und viele andere haben mir durch
Erzählungen, Übersendung von Bildern und Beiträgen geholfen, daß ich nun heute in der Lage bin,
diese Chronik unserer Familie fertigzustellen.
Diese Chronik ist die Sammlung von verschiedenen Artikeln, von Recherchen und von Bildern, die
versuchen sollen, uns ein Bild zu geben von unseren Vorfahren, wie sie lebten und was sie erlebten.
Unsere Vorfahren waren Bauern und Handwerker, die vor einigen hundert Jahren nach Westpreußen und Polen auswanderten. Sie fanden ein wildes und erschreckendes Land vor, einen Urwald, in
dem Wölfe, Bären und Urrinder lebten, Sümpfe, in denen es massenweise Schlangen, Frösche und
Mücken gab. Unter großen Entbehrungen rodeten sie als deutsche Kolonisten das Land, legten die
Sümpfe trocken, erbauten sich Häuser und Ställe. Kirchen und Schulen folgten. Es war ein hartes
Leben in einer feindlichen Umwelt. Über-schwemmungen,
Epidemien, Kriege forderten ihren Preis
von den Kolonisten. Doch sie verloren nie den Mut, begannen stets wieder neu von vom, wenn
ihnen das Schicksal hart mitspielte und bewahrten ihre Eigenart, bis sie 1939 in "alle Winde verstreut" wurden.
Diese Chronik soll an diese bemerkenswerten
Menschen
erinnern, an ihr Leben, an das, was sie lei-
steten, errichteten und bewahrten. Es soll aber auch aufmerksam machen auf die Schönheit der
Region im femen Polen, die für lange Zeit Heimat unserer Vorfahren war. Und, diese Chronik soll
nachfolgende Generationen erinnern daran, daß es bis 1939 in Polen deutsche Kolonien gab, daß
dort die Wurzeln unserer Vorfahren mit den Namen Ratke,Jabs, Erichson, Semke, Karau, Rienas,
Amdt und wie sie sonst noch hießen zu suchen sind.
Ich danke allen, die mir bei meiner Arbeit geholfen haben und wünsche jedem Leser Freude an
diesem Buch. Etwaige Fehler bitte ich zu berichten. Diese Chronik ist etliche Jahre zu spät entstanden. All diejenigen, die noch bewußt über unsere Vorfahren erzählen konnten, sind verstorben,
schriftliche Unterlagen sind kaum noch vorhanden. Es werden deshalb sicher viele Irrtümer und
Fehler in diesem Buch enthalten sein, für die ich mich schon jetzt entschuldige, falls sie jemandem
auffallen.
Ein besonderer Dank geht an Richard Rose, Pastor i. R.., Nachbarsohn der Familie Ratke in Ociete, der sich bereiterklärt hatte, das Konzept zu redigieren, den Anhang dieses Buches mit der Aussprache der polnischen Wörter gefertigt und mir auch ansonsten hilfreich zur Seite gestanden hat.
Die polnische Sprache ist für uns Deutschen
Buchstabenkombinationen
und unbekannten
so fremd und andersartig, insbesonders wenn man die
Buchstaben sieht, so daß ich dem ungeübten Leser
empfehle, die Einführung in die polnische Sprache im Anhang vielleicht als erstes zu lesen. Bei
vielen Wörtern ist die deutsche Aussprache - annähernd treffend - angegeben.
Voranstellen
will ich meinem Buch das Lied 376, das Kirchenlied
mann, das bezeugt, was Generationen
fes Gottvertrauen.
Weddingstedt,
im Jahre 1998
der BaltendeutschenJulie
meiner Familie in allen Lebenslagen
empfunden
Haus-
haben: Tie-
6
~u nimm btnn mtint ]l{änbt
unb fiiqrt midy
bis an mtin sdig iEnbt
unb twiglidy.
1Jdymag alltin nidyt gt~tn.
nic~t dntn ~c~ritt:
llIu bu wirst gt~tn unb stt~tn.
ba nimm mic~ mit.
1Jnbtin iErbarmtn ~üllt
mdn sc4wac~ts ]l{tr5'
unb mac~ tS gän5'lic4stillt
in IJ1rtubunb ~c4mtr5';
lau ru~n 5'Ubtintn IJ1üutn
btin armts 1Kinb:
iEs will bit Augtn sc4litutn
unb glaubtn blinb.
Iftnn ic~ aur~ gltir~ nir~ts fii~lt
uun btintr :tIar4t.
bu fü~rst mir~ buc~ 5'umlidt
aUt~ burr4 bit Nadyt.
~u nimm btnn mdnt ]l{änbt
unb fii~rt mit~
bis an mtin sdig iEnbt
unb twiglit4!
Juhe Hausmann, 1862
7
DIE GESCHICHTE POLENS
Die Heimat unserer Vorfahren war Polen. Seit wann? Das ist mir nicht bekannt. Vielleicht gehen viele \Vurzeln unserer Familie auf polnischem Gebiet weit in geschichtliche Zeit zurück. Auf
diese Frage werde ich noch in dieser Chronik zurückkommen.
Eine Antwort auf die Frage, warum
unsere Vorfahren in Polen lebten, kann die polnische Geschichte geben. Deshalb stelle ich eine
Geschichte Polens dieser Chronik voran.
Deutsche gab es schon seit vielen Jahrhunderten
auf polnischem Staatsgebiet. In der ersten
größeren Einwanderungswelle
kamen Kolonisten mit den Ordensrittern Anfang des 13. Jahrhunderts. Dann kam es ständig wieder zu Wellen der Besiedelung durch deutsche Bauern und
Handwerker. Unsere Vorfahren sind wohl erst spät ins Kernland Polens gekommen. Sie waren alle
evangelisch, können also erst nach der Reformation deutsches Gebiet verlassen haben, möglicherweise durch die Wirren des 30jährigen Krieges, vielleicht bedingt durch Naturkatstrophen
oder
durch Probleme mit den Landesherren. Es wird wohl nie bekannt werden, weshalb unsere V orfahren ihre angestammte Heimat verlassen haben. - Anmerken will ich, daß ich unter polnischem Gebiet das sogenannte Kongreßpolen verstehe, das Kernland des heutigen Polens um Warschau bis
nach Thorn, östlich von Posen und südlich von Ostpreußen, also ohne die Gebiete, die bis 1918 zu
Deutschland gehörten. In diesen Gebieten war die Bevölkerung entweder gemischt oder von anderen slawischen Stämmen besiedelt, die sich nicht als Polen fühlten, wie die Masuren in Ostpreußen
oder die pommerschen Slawen.
"Geschichtlich"
wird Polen kurz vor der Jahrtausendwende.
Bis zu dieser Zeit war das Gebiet,
auf dem sich heute der Staat Polen befindet, von verschiedenen kleinen Slawenstämmen besiedelt,
die kein großes Staatswesen errichteten. In der Region um Posen und Gnesen entstand Ende des
ersten Jahrtausends ein Staat. Der erste bedeutende Herrscher war ~eszko
1., der nach der Heirat
mit einer böhmischen Prinzessin das Christentum an-nahm. Die im christlichen Glauben erzogene
Prinzessin Dombrowka bewog ihn dazu im Jahre 966 nach Christus - und sie bewog ihn auch dazu, seine anderen sieben Frauen zu verstoßen. Dem Beispiel des Fürsten folgte das polnische Volk,
wohl mehr gezwungen als aus eigenem Antrieb.
Unter diesem Fürsten Mieszko und unter seinen Nachfolgern wurde das Stammland Polen erheblich vergrößert. Kujawien (das Gebiet um Thorn) und Masowien (das Gebiet um Warschau)
wurden einbezogen, später auch Schlesien. Nach der Jahrtausendwende
tauchte dann auch erstmalig die Bezeichnung Polen für das Staatsgebilde auf.
Die Polanen waren ein Zweigstamm der Lechiter, die erst um 550 n. Chr. aus den Donauländem nach dem Norden zogen und sich auf dem "pole" - dem Feldland - niederließen und von den
anderen slawischen Stämmen mit der Bezeichnung "Polen" - Bewohner des Feldlandes - belegt
wurden. Sie waren aber mit den anderen Stämmen, wie den Masowiern und den Pommern stammesverwandt.
Anerkennung erhielt Polen durch den Besuch des deutschen Kaisers Otto III. im Jahre 1000 in
Gnesen beim Fürsten Bolesl aw 1. Chobry (das heißt der Tapfere), den er zum König krönte. Dieser erste polnische König eroberte sowohl Kiew in Rußland wie auch Prag in Böhmen, doch
konnten die Eroberungen nicht alle gehalten werden. Eine Vergrößerung Polens war erfolgt, und
Polen war jetzt ein großes Reich.
Doch bedingt durch Erbstreitigkeiten
zerfiel das polnische Reich in zahlreiche Kleinstaaten.
Eines dieser Länder war Masowien, regiert von dem Herzog Konrad (*1187 t1247). Sein Land wie
auch die anderen Länder wurden bedroht durch Raubüberfälle der heidnischen Pruzzen, Jadwiger
und Litauer. Konrad konnte dieser Plage nicht Herr werden und rief daraufhin den Deutschen
Ritterorden ins Land, um diese Stämme christianisieren und damit befrieden zu lassen. Dies geschah im Jahre 1225. Die Ritter wurden in der Provinz Culm angesiedelt.
Der Deutsche Ritterorden war 1190 im Heiligen Land, in Palästina gegründet worden von Lübecker und Bremer Bürgern als eine Hospitalgenossenschaft.
Sie hatte den Zweck, kranken oder
verletzten Rittern, Pilgern oder Kaufleuten zu helfen. 1198 wurde der Orden allerdings "kriegerisch" und übernahm die Verpflichtung, gegen die Heiden zu kämpfen und den Glauben zu verteidigen. Nunmehr war der Orden nicht nur im Heiligen Land tätig, sondern im gesamten Mittelmeerraum und später Osteuropa. Hierher verlagerte sich allmählich das Haupttätigkeitsgebiet
der
Ritter und wurde später sogar zu deren Stammland.
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Die Marienburg
Ein altes Foto aus der Zeit vor der Zerstörung
im Ir. Weltkrieg
Die systematische Unterwerfung der Pruzzen (preußen) wurde 1283 abgeschlossen.
terorden schaffte sich damit eine weltliche Herrschaft im Osten.
Zusammen
mit den Rittern kamen viele Handwerker
und Kaufleute
Der Rit-
mit in die eroberten
Ge-
biete. Sie wurden hauptsächlich zu Gründern der Städte, wie z. B. 1253 Posen oder 1257 Neugründung von Krakau, die sich rasch zu wehrhaften Handels- und Kulturzentren ausbildeten. Es
kam aber auch zu einer ländlichen deutschen Ostsiedlung, vor allem in Schlesien und den westlichen Gebieten Polens.
Im 14. Jahrhundert, unter der Herrschaft der Dynastie der Piasten, wurde Polen wiedervereinigt zu einem großen Reich. Es kam zu einem wirtschaftlichen Aufschwung. Die Städte, die
Transitwege wurde ausgebaut, die Kultur wurde gefördert. Polen wurde ein mächtiger Staat.
Durch die Heirat der Erbin Polens, der Prinzessin Jadwiga, Ende des 14. Jahrhunderts mit dem
heidnischen Großfürsten Jagiello von Litauen wurde das polnische Reich immens vergrößert. Jagiello konnte Polen dadurch erwerben, daß er sich taufen ließ. Dem Adel und der Geistlichkeit
mußte er allerdings viele Privilegien einräumen. Durch die Schlacht bei Tannenberg im Jahre 1410
verlor der gefährlichste Gegner Polens, der Deutsche Ritterorden, an Macht. Tannenberg - oder
wie die Polen es nennen: Grunwald - war ein Ereignis, das auch noch in der heutigen Zeit für die
Polen einen hohen Stellenwert hat. Überall in Polen findet man Denkmäler, die an diese Schlacht
ennnern.
Das Land des Ritterordens wurde als Preußen ein unabhängiger weltlicher Staat. In Polen verlor der König immer mehr Macht an den Adel, die sogenannte "Schlachta" (Ich schreibe es so, wie
9
man es spricht. Auf polnisch ist es "Szlachta") Sie sah sich zunehmend als alleiniger Vertreter und
Sachwalter des Staates an und versuchte, sich immer stärker in die Führung des Staates einzuschalten. Um 1500 kam es zur Bildung eines Parlamentes (Sejm), zu dem aber nur die Adligen Zugang hatten. Die Bauern gerieten in zunehmende Abhängigkeit von adligen Grundherren, die bald
zur vollständigen Erbuntertänigkeit
führte.
Sein "Goldenes Zeitalter" erlebte Polen im 16. Jahrhundert. Unter dem König Sigismund dem
Alten (reg. 1506 - 1548) und seinem Sohn Sigismund II. (bis 1572) erlebte Polen eine Blüte vom
Literatur, \Vissenschaft und Kunst:, die eine rasche Ausbreitung humanistischen Gedankenguts und
der Reformation begünstigte. Die zunächst sehr weitgehende Toleranz den Evangelischen gegenüber löste eine neue Wanderbewegung
meist religiös verfolgter deutscher Bauern in die Weichselniederung (im Gebiet von Danzig bis Thorn) und in die großpolnischen Waldgebiete aus. Viele
Siedler kamen auch in die Städte.
Nach dem Tode Sigismund Ir., als die Dynastie der Jagiellonen erlosch, entstand in Polen ein
neues politisches System. Polen wurde zur Republik, oder wie es auf polnisch heißt: "Rzeczpospolita".
Die tragende Säule dieser Republik war der schon erwähnte polnische Landadel, die
"Schlachta" (oder wie die Kolonisten sie nannten: Schlachtschütze). Es war eine relativ breite Bevölkerungsschicht,
die etwa 12 Prozent der Einwohner Polens ausmachte und gegen Ende des 18.
Jahrhunderts eine ß;fillion Köpfe zählte. Die Schlachta war nicht nur die herrschende Klasse im
Staat, sie war gewissermaßen der Staat selbst. Sie sah die Republik als ihr Eigentum an, genauso
wie sie die auf dem polnischen Gebiet lebenden Bauern als ihr Eigentum ansah.
Polen nannte sich wohl Republik, doch war es keine Republik im klassischen Sinne und auch
keine Monarchie, obgleich an der Spitze des Staates ein gewählter König stand. Polen besaß im
Grunde überhaupt keine Zentralgewalt und hielt doch - auf unerklärliche Weise - zusammen. Ein
Historiker nannte das polnische Verfassungsystem
"eine Art institutionalisierter
Anarchie".
Dieses System entstand 1572. Polen verwandelte sich damals in eine Wahlmonarchie,
Adelsdemokratie,
die sich ihren Staatschef selbst wählte.
in eine
Einige Anmerkungen zur Schlachta: Sie war etwas besonderes. Es war keine Herrenschicht:,
wie man sie aus anderen Ländern kennt. Die Hälfte des polnischen Adels bestand aus Mitgliedern
der untersten Schicht:, die außer ihrem Familienwappen nichts besaß. Irgendwann hatten sie ihr
Land verloren und dienten nun reichen Herren als Soldaten, Sekretäre oder als Reitknechte. Aber
sie blieben Adlige. Sie besaßen die gleichen Rechte wie ihre reicheren Verwandten, sie wurden von
denen mit "Herr Bruder" angesprochen. Ihren Adel konnten sie nur verlieren, wenn sie in die Stadt
zogen, um Geld zu verdienen. Wer Kaufmann wurde, den stieß man aus der Gemeinschaft der
Schlachta aus.
Manche dieser adligen "Armen" besaßen noch ein Stückehen Land, das sie selbst beackerten,
"barfuß, aber mit Sporen an den Füßen", wie ein Chronist des 19. Jahhunderts spöttisch schrieb.
Sie unterschieden sich von den gemeinen Bauern dadurch, daß sie "frei" waren, daß heißt:, keine
Fronarbeit für einen Gutsherrn leisten mußten.
Diesen freien Bauern konnte man an seinem Familiennamen erkennen. Von Adel war jeder,
der ein "ski" am Ende seines Namens führte: z.B. Zamoyski, Poniatowski ... Diese Namen sind
auch heute noch häufig, weisen seinen Träger als Nachkommen eines Schlachta aus. - Mit Ausnahmen natürlich. Viele der deutschen Bauern bekamen polnische Namen zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Weil die Deutschen freie Bauern waren, wurde dem einpolonisierten Namen meist ein
"ski" hintangesetzt. Aus Riemer soll z. B. Rimatski geworden sein, aus Klein Malitzki und aus
Schwarz Czarnowski, um nur einige Beispiele zu nennen.
Die mittlere Schicht der Schlachta bestand aus echten Gutsbesitzern, die über einige tausend
Morgen Land, ein paar Dörfer und die dazugehörigen Bauern verfügten - zwar nicht Leibeigene im
juristischen Sinne wie in Rußland, aber trotzdem Arbeitssklaven ohne Rechte. Oft mußten sie an
fünf von sechs Wochentagen unentgeltlich für den Herrn arbeiten.
Die wirklichen
Herren Polens waren die Magnaten,
die größten Großgrundbesitzer,
die mäch-
tigen Familien der Czartoryskis, Potockis, Radziwills, Lubornirskis, Branickis. Nur eine Handvoll
Familien zählten dazu, wenig mehr als ein Dutzend, doch sie waren die eigentlichen Träger der
Staatsmacht. Sie lenkten die Geschichte der Republik Polen. Ihr Reichtum war immens. Die Radziwills besaßen 583 Dörfer und konnten, der Legende zufolge, quer durch Polen reisen, ohne ih-
10
ren eigenen Grund und Boden verlassen zu müssen. An Glanz und Vermögen übertrafen die polnischen Magnaten viele regierende Fürstenhäuser Europas. Ihre Herrensitze waren Inseln westlicher Zivilisation und Kultur in einem noch weitgehend barbarischen Land. Es gab kaum feste
Landstraßen in Polen, aber in den Schlössern der Magnaten hingen die Werke der großen italienischen und niederländischen Meister, dort fanden Konzerte, Opernaufführungen und intellektuelle
Streitgespräche statt. Dort wurden auch die rauschendsten Feste Europas gefeiert.
Mitglieder der "Schlachta"
Eine Uthografie aus dem 19. Jahrhundert
Bemerkenswerterweise gelang es jedoch keiner der großen Magnatfamilien jemals die Alleinherrschaft zu erobern. Ernsthaft hat es auch keiner versucht. Dem Gedanken stand die alle gleichsetzende Struktur der Adelsdemokratie entgegen.
Das Macht- und Kontrollinstrument der Schlachta war der polnische Reichstag, der Sejm, eines
der ältesten Parlamente Europas. Es funktionierte seit dem Ende des 15. Jahrhunderts nach streng
demokratischen Regeln. Die Abgeordneten (nur Mitglieder der Schlachta) wurden auf den Landta-
11
gen der Provinzen (Wojewodschaften) gewählt und mit einem bindenden Auftrag nach Warschau
gesandt.
Damit nicht eine Gruppe die Macht im Sejm übernehmen konnte, wurde im Jahre 1652 die
Regel "Liberum Veto" (= ich verbiete es) eingeführt. Sie gab jedem Abgeordneten das Recht, gegen jeden beliebigen Beschluß sein Veto einzulegen, und zwar ohne Begründung. Beschlüsse
konnten seither nur noch einstimmig (oder gar nicht) gefaßt werden. Wenn auch nur ein einziger
Abgeordneter mit Nein stimmte, war nicht nur der betreffende Beschluß, sondern die ganze, nur
alle zwei Jahre stattfindende Sitzungsperiode ungültig. Der Sejm löste sich dann auf und ging nach
Haus. Es gab Fälle, da platze der Sejm über die Frage, ob im Saal Licht angezündet werden solle
oder nicht.
Doch die polnischen Adligen kamen auch mit dieser Regel zurecht. In Notfällen konnte man
das Parlament in eine "Konföderation" verwandeln, was nichts anderes war, als ein durch die Verfassung gedeckter Putsch. In der "Konföderation" galt das Prinzip der Einstimmigkeit nicht. Es
konnten Beschlüsse mit einfacher Mehrheit gefaßt werden, was natürlich alles sehr viel einfacher
machte. Allerdings bedeutete es auch, daß die Mehrheit ihren Standpunkt notfalls mit Gewalt
durchsetzen konnte, was gewöhnlich zum Bürgerkrieg führte.
An der Spitze dieses Gemeinwesens stand der König. Er wurde gewählt:, stand aber unter seinen "Kollegen" in Europa sehr bedauernswert da, denn er besaß keinerlei Entscheidungsbefugnisse und keinerlei tatsächliche Macht. Er war eigentlich nichts anderes als eine Art Dekoration, die
man brauchte, weil schließlich jemand an der Spitze des Staates stehen mußte.
Der König wurde durch die Vollversammlung der Schlachta gewählt. Es war ein in Europa
einmaliges Schauspiel, das an die alten Riten der Vorzeit erinnerte. Tausende von Edelleuten, darunter die ärmsten der Armen, versammelten sich auf dem Wahlfeld vor den Toren Warschaus und
kürten nach einem komplizierten und langwierigen Verfahren den neuen Mann, der auf Lebenszeit
die polnische Krone tragen sollte. An diesem System änderte sich nichts bis zum Untergang der
Republik Polen. Und da der angenehmste König immer ein schwacher König war, wählte die polnische Schlachta meist einen Ausländer. Er konnte sich nicht auf eine Hausmacht stützen und war
infolgedessen von vornherein auf das Wohlwollen der Magnaten angewiesen.
Der erste gewählte König war ein Franzose, Henri de Valois, regierte 1573 - 1574. Er mußte,
noch ehe er sich zur Wahl stellte, folgende für alle Zeiten geltenden Bedingungen akzeptieren: Anerkennung der Rechte des Sejm, einschließlich der Steuerhoheit und Gesetzgebung; Anerkennung
aller Rechte des Adels; Aufstellung einer begrenzenden Armee aus seinen Privatmitteln - und
schließlich eine Generalklausel, die den Adel automatisch vom Treueid auf den König entband,
falls der König die vorgenannten Bedingungen verletzte. Ob dies zutraf, entschied der Adel selbst.
Der Franzose unterschrieb alles, doch fand er sein Amt derart deprimierend, daß er bereits vier
Monate nach seiner Krönung bei Nacht und Nebel aus Krakau, der damaligen Residenzstadt, floh,
um die Krone Frankreichs anzunehmen. Die Polen setzten ihn daraufhin formell ab.
Das ganze Verfassungssystem des alten Polen hatte nur einen Zweck: Den Schutz der Freiheit
und der Macht des Adels. Doch es hatte auch seine positiven Seiten. In zwei Jahrhunderten der
Rzeczpospolita bildete sich jenes überaus starke Bewußtsein von allgemeiner und individueller
Freiheit, von Unabhängigkeit und Souveränität heraus, das später von der Schlachta auf das polnische Bürgertum ausstrahlte und die Mentalität bis heute prägt. Ein Schriftsteller sagte einmal: "Die
prickelnde Luft der Anarchie, die Polen von seinen Nachbarn unterscheidet - sie ist ein Erbe der
untergegangenen Adelsrepublik" .
Andererseits war die lange Herrschaft der Schlachta die Ursache des polnischen Unglücks. Sie
blockierte die Entwicklung des Landes in verhängnisvoller Weise. Denn es gab keine Zentralgewalt, die Polen in einen modemen Staat hätte umwandeln können. Es gab niemanden, der an der
Entfaltung des Handels, an der Gründung von Industrien, an Straßenbau, Erziehung und Volksbildung interessiert war.
In den polnischen Städten, die ohnehin zumeist von Deutschen erbaut worden waren, kam es
zu keiner Weiterentwicklung. Handel und Handwerk wurden hauptsächlich von Deutschen und
von Juden besorgt. Beide Gruppen lebten ihr eigenes Leben, isoliert vom Rest des Landes, uninteressiert an seinen politischen Affären. Ein polnisches Bürgertum existierte praktisch nicht. Um 1800
gab es mehr polnische Adlige als polnische Stadtbürger. Die Masse des Volkes, der Bauernstand,
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vegetierte unter erbärmlichen Umständen dahin, entmündigt und entmutigt,
ein Sklavendasein gewöhnt, unfähig sich aus dem Elend zu erheben.
seit Jahrhunderten
an
In Mittel- und Westeuropa gaben die aufgeklärten Herrscher ihren Ländern eine modeme
Verwaltung und förderten die Wirtschaft. Das Bürgertum blühte auf. Bedingt durch das System
bekam Polen nichts von alledem. Im Gegenteil, durch die Adelsrepublik bekamen fremde Mächte
Einfluß auf das Land. Franzosen, Preußen, Russen bestachen die Sejmabgeordneten
und lenkten
die Entscheidungen
in ihrem Sinne.
Einen Tiefpunkt erreichte Polen unter den beiden Königen aus Sachsen im 18. Jahrhundert.
August der Starke (t 1733) war wohl ein kraftvoller Mann, aber nicht im politischen Sinne - Seine
angeblich 324 unehelichen Kinder und seine Befähigung, ein Hufeisen mit bloßen Händen zusammenzudrücken
sind uns noch in Erinnerung.
- In Polen animierte er die Adligen nur zu gleichem Lebensstil.
Der zweite Sachsenkönig, August IH. (t 1763), residierte ständig in Dresden, seiner Heimat,
und kümmerte sich um Polen noch weniger, als sein Vater. Polen wurde zum Gespött Europas.
August war nur durch massiven Druck von russischer Seite vom Sejm zum König gewählt worden.
Praktisch war Polen nun ein russischer Vasall. So bestimmte dann auch die russische Zarin Kathaals Prinrina die Große (t 1796) - übrigens auch deutscher Herkunft, geboren in Stettin/Pommern
zessin von Anhalt/Zerbst
- nach dem Tode des August den Nachfolger, ihren ehemaligen Liebhaber Stanislaw Poniatowski (regierte 1764 - 1795), einen Polen aus einem alten Adelsgeschlecht.
Katharina hatte sich Poniatowski als eine gefügige Marionette gedacht. Doch Stanislaw August,
wie er sich als König nannte, begann eigene Ideen zu entwickeln. Die mächtige Familie der CZartoryskis hatten erkannt, daß der ständig fortschreitende Verfall Polens letztlich ihren eigenen Interessen schadeten und begannen, eine Verfassungsreform
durchzusetzen. Ihren Vetter, den König, gewannen sie als Verbündeten .•
Poniatowski forderte die Einführung der Erbmonarchie, forderte eine allgemeine Diskussion
über die polnischen Erzübel und gründete die erste liberale Zeitung in Polen.
J ean J. Rousseau, der französische Philosoph und Reformer war begeistert von dieser Reformbewegung in Polen und schrieb: "Polen, dieses entvölkerte, verwüstete, unterdrückte, seinen Angreifern offenstehende Land, zeigt trotz seines Unglückes und seiner Anarchie noch alles Feuer der
Jugend. Es wagt, ein Regierungssystem und eine Verfassung zu verlangen, als sei es eben erst geboren. Es fühlt in sich jene Kraft, die die Tyrannis nicht zu unterjochen vermag."
Diese Reformbewegung
war der Anlaß zur Ersten Polnischen Teilung. Die Nachbarn Rußland,
Preußen und Österreich sahen in dem bisher ohnmächtigen Polen einen gefährlichen Gegner auftauchen, der die bestehenden Machtverhältnisse
in Europa grundlegend verändern könnte. Der
russischen Zarin war ein ungeteiltes - aber von Rußland beherrschtes - Polen lieber als ein geteiltes.
Sie zwang den Sejm, den Reformern abzuschwören. Die Folge war dann aber ein Aufstand, der das
Land in einen vierjährigen Bürgerkrieg stürzte. Gleichzeitig kam es in Ostpolen zu einem Bauernaufstand, dem viele Grundherren mit ihren Familien zum Opfer fielen. Städte wurden gebrandschatzt und geplündert. Es herrschte Anarchie in Polen.
Jetzt trat der preußische König Friedrich der Große (t 1786) auf den Plan. Sein Bestreben war
gewesen, sein Stammland mit dem zweiten Stammland (Ostpreußen) zu verbinden. Noch lag das
sogenannte Pommerellen dazwischen, das Polen gehörte. Diese Landbrücke war von großer Bedeutung für Preußen, aber auch für Polen, weil es den Zugang zur Ostsee ermöglichte. So schloß
Friedrich der Große mit seiner russischen "Kollegin" Zarin Katharina im Jahre 1772 einen Teilungsvertrag, dem widerstrebend sich dann auch die österreichische Kaiserin Maria Theresia (t
1780) anschloß. Sie schrieb damals in ihr Tagebuch: "Wenn ich längst tot bin, wird man sehen, was
aus dieser Verletzung all dessen, was als heilig und gerecht galt, hervorgehen wird ... Treu und
Glauben sind für alle Zeit verloren ..."
Polen konnte sich nicht wehren. Im Gegenteil, die Verbündeten bestachen polnische Sejmabgeordnete, auf daß sie eine "Konföderation"
konstruierten und die Annexion anerkannten. Die Gesamtbestechungssumme
betrug 8000 Dukaten. Der Wojewode von Kiew, ein Fürst Lubmirski, einer der reichsten Männer des Landes, wurde mit 30 Dukaten gewonnen. - So billig ist wohl selten
ein Land verkauft worden.
Diese 1. Teilung war noch relativ harmlos. Polen verlor "nur" 30 Prozent seines Staatsgebietes.
Aber bedingt durch diese Demütigung, erwachte in Polen der Nationalstolz. Die landlose Schlachta
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und das langsam entstehende polnische Bürgertum forderten eine umfassende Staatsreform. Der
König zögerte - er wollte Rußland nicht verärgern -, daraufhin begann der Sejm selbst mit der Reform. Unterstützung erhielten die Reformer vom damaligen preußischen König Friedrich Wilhelm
Ir. Ct 1797) Der Preußenkönig beabsichtigte einen Krieg gegen Österreich und wollte sich in Polen
absichern. Rußland befand sich derzeit in einem schweren Krieg mit der Türkei.
Am 3. Mai 1791 wurde die erste polnische Verfassung verkündet. Es war die erste verabschiedete Verfassung in Europa, Frankreich folgte erst einige Monate später. Es war keine so revolutionäre Verfassung wie die französische, aber doch war sie für polnische Verhältnisse sehr freizügig.
Vor allen Dingen wurde die russische Vormundschaft abgeschüttelt, es wurde die Erbmonarchie
eingeführt und die Macht des Adels beschnitten. Auch die Stadtbevölkerung war nun im Sejm vertreten.
Für die russische Zarin war dies eine Revolution, die Rußland bedrohte. Einige konservative
polnische Adlige riefen die Zarin um Hilfe gegen die "Revolutionäre". Offiziell wurde dieser Hilferuf in der Stadt Targowica verabschiedet, tatsächlich aber in St. Petersburg angefertigt. Im Mai
1792 marschierte die russische Armee in Polen ein, im Juli kapitulierte der polnische König. Preußen verhielt sich weder neutral noch kam es den Polen zur Hilfe, sondern holte sich mit Waffengewalt auch "seinen" Anteil an Polen. - Diesen "Dolchstoß" hat Polen den Preußen nie vergessen.
In der 2. Polnischen Teilung vom Januar 1793 erhielt Rußland den größten Teil Weißrußlands
und den Rest der Ukraine, Preußen annektierte das sogenannte "Großpolen" um Posen und Gnesen, das Kernland des alten polnischen Königreiches. Danzig wurde nun eine preußische Stadt.
Von Polen war nicht mehr viel übrig. Es war nur noch eine machdose Pufferzone zwischen
Preußen und Rußland, kaum 250 Kilometer breit. Dies mochte die polnische Bevökerung nicht
hinnehmen. Der Sejm konnte sich nicht wehren. Die Abgeordneten mußten nun mit Gewalt gezwungen werden, dem Vertrag zuzustimmen. Im Volke entstanden Widerstandsbewegungen. Der
bekannteste Führer war Tadeusz KOSciuszko (gesprochen Koschtschuschko) Ct 1817), ehemaliger
Adjudant George Washingtons in Amerika. 1794 kam es zum Aufstand. In der Proklamation hieß
es: "Die Zeit ist gekommen, das Maß des Unglücks und der Leiden ist voll. Der Aufstand der Nation will Polen die Freiheit, Unversehrtheit und Unabhängigkeit zurückgeben." Erstmals kämpften
Adlige, Bürger und Bauern mit Sensen an einer Seite. Doch diese Armee hatte keine Chance. Bald
wurde diese Armee von den Russen besiegt. Kosciuszko wurde schwer verwundet. Als er vom
Pferd sank, sollen seine Worte gewesen sein: "Finis Poloniae" - "Dies ist das Ende Polens".
Damit hatte er Recht. Der russische General Suwerow zog weiter, zerstörte die Stadt Praga bei
Warschau und soll angeblich die gesamte Bevölkerung niedergemacht haben, etwa 23.000 Menschen. Polen hörte auf zu bestehen. In der 3. Polnischen Teilung wurde das Land nun vollständig
aufgelöst. Nach 800 Jahren Existenz war es von der Landkarte Europas verschwunden. Preußen,
Rußland und Österreich teilten den Rest unter sich auf. Preußen hatte z. B. durch diese Erwerbung
soviele Neubürger hinzubekommen, daß etwa die Hälfte der Einwohner Preußens polnisch sprach.
Tragisch ist, daß Polen völlig vernichtet wurde, ohne einen Krieg gegen seine Nachbarn geführt zu haben. Vernichtet nur durch die Schwäche, die das politische System verursacht hatte.
Dieses verkraftete die polnische Bevölkerung nicht - irgendwie verständlich. Man träumte von einem polnischen Reich in den alten Grenzen, ohne Bevormundung durch irgendwelche anderen
Staaten, Völker. Zuvor unterdrückt durch die Adligen, war Polen nun besetzt durch fremde Länder.
Mideid mit den Polen zeigten zahlreiche Intellektuelle im Westen Europas. Was der deutsche
Denker Heinrich Heine dazu schrieb, will ich nicht vorenthalten:
"Auch die Brust des Nichtpolen wird von Mitgefühl durchdrungen, wenn man sich die politischen Leiden aufzählt, die in einer kleinen Zahl von Jahren die Polen betroffen. Viele unserer
Journalisten schaffen sich dieses Gefühl gemächlich vom Halse, indem sie leichthin aussprechen:
Die Polen haben sich durch ihre Uneinigkeit ihr Schicksal selbst zugezogen und sind also nicht zu
bedauern. Das ist eine törichte Beschwichtigung. Kein Volk, als ein Ganzes gedacht, verschuldet
etwas; sein Treiben entspringt aus einer inneren Notwendigkeit, und seine Schicksale sind stets Resultate derselben."
Heinrich Heine 1822
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Polen war nunmehr ausgelöscht von der Landkarte. Ein Zustand, den kein Pole hinnehmen
wollte und wogegen er mit aller Macht gegenankämpfte. Doch es dauerte noch über einJahrhundert, bis Polen wieder zu einem unabhängigen Staat wurde.
Viele Polen verließen nun ihre Heimat. Ihr großes Vorbild war der französische Herrscher Napoleon Bonaparte (1769 - 1821). Im Ausland, in Frankreich und Italien, wurden polnische Legionen aufgestellt, um die Heimat zurückzuerobern.
In dieser Zeit dichtete JosefWybicki (1747 - 1822) die heutige polnische Nationalhymne.
"Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben. Was fremde Übermacht uns nahm, holen wir
uns mit dem Säbel zurück." Gesungen wurde dies Kampflied erstmalig in den italienischen Legionen, geführt vom General D::tbrowski (gesprochen Dombrowski) (t 1818). Diese Legionen wurden
Teil der französischen Armee, und so hofften die Soldaten, mit französischer Hilfe Polen befreien
zu können. "Marsch, marsch, D::tbrowski, von italienischer Erde nach Polen! Unter deiner Führung
vereinigen wir uns mit der Nation", so geht es in der Hymne weiter.
Doch vorerst zog Napoleon nicht in Richtung Polen. Er benutzte die polnischen Legionen bei
seinen Feldzügen in Italien und sogar im überseeischen Haiti, in einem mörderischen Klima, wo
viele ihr Leben ließen. Einen Triumph konnten die Polen erst im Jahre 1806 erringen, als Napoleon
gegen Moskau zog und General D::tbrowski in Warschau einzog. Doch Napoleon enttäuschte die
Polen sehr. Er errichtete nicht den polnischen Staat, sondern machte das Land zu einer französischen Provinz. Einen seiner treuesten Vasallen, den König von Sachsen, machte er zum Großherzog, einen Nachkommen der unbeliebten sächsischen Könige, die im 18. Jahrhundert den Niedergang des polnischen Staates mit verursacht hatten. Das Gebilde bekam nicht einmal den Namen
Polen, sondern wurde aus Rücksicht auf den russischen Zaren nur "Großherzogtum Warschau"
genannt. Die Polen gaben die Hoffnung trotzdem nicht auf und hielten weiter treu zu Napoleon.
1812 zog ein polnisches Armeekorps unter der Führung des Fürsten Joseph Poniatowski mit
Napoleon gegen den Zaren in Moskau. Der polnische Adel träumte davon, Napoleon würde das
alte polnische Reich mit Litauen und Weißrußland wieder aufrichten. Doch es war nur ein Traum.
Er verflog, als Napoleon von den Russen vernichtend geschlagen wurde und die Russen wiederum
Polen überfluteten. Von den 450 000 Soldaten, die Napoleon mit nach Rußland genommen hatte,
kehrten nur 15000 wieder zurück. Viele von ihnen blieben in Polen hängen. Eine Eskorte polnischer Ulanen schützte den Kaiser der Franzosen auf seinem Rückzug durch die Schlamm- und
Schneewüsten des Ostens.
Während ganz Europa von Napoleon abfiel, so hielten ihm die polnischen Regimenter die
Treue bis zum bitteren Ende. Marschall Poniatowski ertrank in der Völkerschlacht bei Leipzig, die
Reste der polnischen Truppen folgten Napoleon bis Paris. Einige polnische Offiziere gingen mit
ihm sogar freiwillig ins Exil auf die Insel Elba.
Das Großherzogtum Warschau hatte mit der Niederlage Napoleons aufgehört zu bestehen. Es
existierte nur sechs Jahre. Aber in dieser französischen Phase hatten die Ideen und Ideale der französischen Revolution von 1789 derart großen Einfluß auf die Gedankengänge der polnischen Intelligenz gewonnen, daß Frankreich für die Zukunft das große Vorbild, der große Freund und auch
das Immigrationsland wurde. Dies galt bis in unser Jahrhundert hinein. Alle anderen Nachbarn waren im Ansehen bei den Polen sehr tief gefallen.
Während Warschau bis zum Einmarsch der Franzosen zu Preußen gehörte, schlug man diese
Stadt nach dem Wiener Kongreß 1815 dem russischen Teil Polens hinzu. Auf diese Weise hatte
Preußen nun einen kleineren Teil Polens als nach der 2. Teilung.
In allen besetzten polnischen Gebieten kam es zu Aufständen, doch das Zentrum der polnischen Unabhängigkeits bewegung wurde der russische Teil Polens, wohl weil dort die Unterdrükkung am größten war.
In seinem Teil Polens wollte der russische Zar Alexander 1. (t 1825) ein anderes Staatswesen
schaffen, als er selbst in seinem Stammland hatte. Es sollte liberaler sein, mehr angepaßt den westlichen Staaten. Als Vorbilder dienten die alte polnische Verfassung von 1814. Staatsoberhaupt als
König war der russische Zar. Er leitete die Außenpolitik, ansonsten war Polen autonom. Alle Ämter, zu Anfang sogar das Amt des Vizekönigs, durften nur von Polen besetzt sein. Der Sejm erhielt
Mitspracherecht bei der Gesetzgebung. Diese Verfassung wurde am 27. November 1815 verkündet
und entstand durch den großen Einfluß eines der mächtigsten polnischen Magnaten und engen Berater des Zaren, des Fürsten Adam Czartoryski (1770 - 1861).
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An der quasi Leibeigenschaft der polnischen Bauern änderte diese Verfassung natürlich nichts.
Vorteile hatten nur die Stadtbevölkerung, die freien Bauern und der Adel. Aber auch diese Gruppen waren nicht zufrieden. Sie wollten frei sein und nicht unter der Oberhoheit des russischen Zaren stehen. Vor allen Dingen verbitterten die Polen die zahlreichen kleinen Demütigungen, die sie
hinnehmen mußten. So bestand z. B. die Anordnung, daß.jeder Wagen auf der Straße anzuhalten
habe, wenn der Großfürst - der Statthalter des Zaren - vorüberfuhr. Wer die Vorschrift mißachtete,
mußte unter dem Hohngelächter der russischen Wachposten eine Karre Pferdemist um den
Schloßplatz schieben. Ferner gab es die Zensur. "Kein Brief darf unerbrochen und ungelesen versandt oder ausgeliefert werden. An jedem Postamte sind zu diesem Zwecke der Zensur eine Anzahl Leser angestellt. Mißlingt einem Zensor das Öffnen des Couverts und zerreißt es ihm unter
der Hand, so wird der ganze Brief beiseite geworfen." So schrieb der zeitgenössische deutsche
Schriftsteller Harro Haring.
Im November 1830 kam es zur ersten großen Volks erhebung gegen die Russen. Die Geheimpolizei hatte durch Spitzel schon das ganze Jahr über ständig die Regierung vor dem drohenden
Aufstand gewarnt. In den Universitäten herrschte wachsenden Unruhe. Es gärte überall. Aber die
Staatssicherheitsorgane konnten die Anführer der Verschwörung nicht ausfindig machen. An den
Mauern tauchten antirussische Parolen auf, es kursierten Flugblätter, die zum Aufstand aufriefen.
Am Abend des 29. November 1830 kam es dann zum Aufstand. Eine Gruppe polnischer
Fähnriche unter der Führung des Leutnants Wysocki, die man eigentlich für zarentreu hielt,
stürmten den Belvedere-Palast, den Sitz des Statthalters, des Großfürsten Konstantin (1779 1831). Der Statthalter konnte im letzten Augenblick fliehen und praktisch nur das nackte Leben
retten. Er hatte schon geschlafen und war vom Aufstand völlig überrascht worden. Wer sich in den
Weg stellte, der wurde niedergemacht. Schnell schlossen sich die meisten anderen Garnisonen, die
unter russischem Oberbefehl standen, den Aufständischen an. Die polnischen Kommandeure, die
sich widersetzten, wurden von ihren eigenen Truppen niedergemacht. So soll der General Potocki
verblutend gesagt haben: "Ach, wie hart ist es, von den Händen seiner Mitbürger zu sterben."
Am nächsten Morgen bereits schon war die russische Herrschaft über Polen gebrochen. Es
herrschte ein unbeschreiblicher Siegestaumel unter den Aufständischen. - Schade war es für die
Polen, daß dies der einzige Sieg war, den sie bis in unsere heutigen Tage gegen die Russen erfochten haben. - Doch sehr schnell mußte man erkennen, daß man nur im Ziel der Niederwerfung der
russischen Unterdrückung einig war. Die einen, die Intellektuellen und niederen Adligen wollten
eine polnische demokratische Republik gründen, mit Gleichberechtigung für alle, auch für die entmündigten Bauern. Der hohe Adel dagegen haßte diese soziale Revolution mehr als die Oberherrschaft des Zaren. Diese konservativen Kräfte wollten daher den Zaren nicht erzürnen und ließen
den Großfürsten Konstantin samt den russischen Regimentern ziehen.
Der russische Zar war nicht gewillt, die Unabhängigkeit Polens hinzunehmen. "Ich bin der
König von Polen, und ich werde die Lage umkehren. Der erste Kanonenschuß, den die Polen abfeuern, wird Polen vernichten."
Nach dieser Äußerung des Zaren verloren die gemäßigten Kräfte die Oberhand, die Radikalen
übernahmen die Macht, setzten im Sejm offiziell das russische Zarenhaus als Könige von Polen ab
und erklärten offiziell die Unabhängigkeit. Dies bedeutete unweigerlich Krieg, dessen waren die
Polen sich auch bewußt. Sie fühlten sich aber als Vorkämpfer des Westens gegen die Barbaren im
Osten. Deshalb stand in der Unabhängigkeitsproklamation: "Überzeugt, daß unsere Freiheit und
Unabhängigkeit stets zum Schild für Europa gedient hat, erscheinen wir vor dem Angesicht der
Souveräne und Völker mit der Gewißheit, daß die Stimmen der Politik und der Menschlichkeit zu
unseren Gunsten sich erheben werden. Und sollte Polen in diesem Kampfe unterliegen, so werde
doch "jeder Pole sterbend den Trost mit sich nehmen, daß er bis zum Tod der bedrohten Freiheit
Europas gedient hat."
Der Krieg kam schnell und endete grausam. Der Zar schickte eine Riesenarmee unter der Führung des Feldmarschalls Hans Karl Graf von Diebitsch (1785 - 1831), eines in Schlesien geborenen
Deutschen in russischen Diensten, mit der Stärke von 115 000 Mann nach Polen, um die Rebellion
niederzuschlagen. Die Polen brachten ganze 40 000 schlecht ausgebildete Soldaten auf. Diese Situation erzeugte wiederum ein ungeheures Echo im Westen. In den durch reaktionäre Regierungen
beherrschten Ländern sahen die fortschrittlich denkenden Kräfte die Polen als Vorbild an. Ganz
besonders wurde das Verhalten der Polen in Deutschland bewundert, wo man unter dem strengen
Regime des Premierministers Fürst Metternich (1773 - 1859) zu leiden hatte. Viele Gedichte und
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lieder entstanden, die die Solidarität mit den Polen bekundeten. Besonders bekannt wurde ein
Gedicht von Ludwig Uhland (1787 - 1862), einem Dichter der Romantik, dessen Gedichte bis in
unsere heutigen Tage bekannt geblieben sind (z.B. "Ich hatt' einen Kameraden ...").
,An der Weichsel fernem Strande
tobt ein Kampf mit Donnerschall
weithin übers deutsche Lande
rollt er seinen Widerhall.
Schwert und Sense scha1ftn Klanges,
dringen her Zu unseren Ohren
und der Rtif des Schlachtgesanges:
Noch ist Polen nicht verloren!"
Ludwig Uhland
Mehr Hilfe kam nicht aus dem Westen. Die Polen waren auf sich gestellt. Ohne Konzept,
schlecht organisiert, war Polen tratz erbitterter Gegenwehr nach zehn Monaten am Ende. Zum
vierten Male in vier Jahrzehnten marschierten die Russen in Warschau ein: 1792 zerschlugen sie die
polnische Verfassungsreform, 1794 warfen sie die Erhebung Kosciuszko's nieder, 1813 kehrten sie
als Sieger über Napoleon zurück, 1831 erstickten sie den erneuten Versuch der Polen, sich von
Rußland loszureißen.
Nach dem Zusammenbruch zogen Zehntausende von Flüchtlingen in langen Kolonnen durch
Deutschland nach Frankreich. Überall auf ihrem Treck wird den Polen ein begeisterter Empfang
bereitet. Bürgerkommitees sammeln Geld und Kleidung, bewirten die Emigranten zu Hause, organisieren Wohltätigkeitsbasare und Bälle. Nie zuvor sah sich Rußland einer so erbitterten und geschlossenen Ablehnungsfront des fortschrittlichen Europas gegenüber. Doch: Polen war weit, der
Zar noch weiter, und die Regierungen im Westen waren froh, daß ein Unruheherd beseitigt war.
Bald dachte kaum noch einer an die polnische Revolution.
Die Polen wurden vom Zaren hart bestraft. Die Verfassung wurde aufgehoben, der Sejm aufgelöst, die Universität in Warschau schloß man. In Warschau errichtete man eine Zwingburg, die
Zitadelle. Viele Menschen verloren hier ihr Leben, viele verbrachten hier einen Großteil ihres Lebens. Zehntausende verbannte man nach Sibirien. Sie kehrten nie zurück.
Es sollte aber noch schlimmer kommen. Trotz der Repressalien, der Unterdrückung jeglicher
polnischer Eigenständigkeit, schafften es doch Nationalisten, eine Widerstandsbewegung aufzubauen. Im Januar 1863 war es dann wieder soweit. Als die Russen eine Zwangsrekrutierung anordneten, um die waffenfähigen Polen unter Kontrolle zu bekommen, proklamierte das Nationalkommitee den Aufstand. Es wurden "alle Söhne Polens ohne Unterschied des Glaubens und der
Nation, der Herkunft und des Standes für freie und gleiche Staatsbürger" gemacht.
Endlich waren die polnischen Bauern frei, brauchten keine Frondienste mehr für ihre Grundherrn zu leisten. Doch viel wußten sie nicht mit ihrer Freiheit anzufangen. Zu lange hatten sie in
Unfreiheit gelebt, um jetzt über Nacht als freie Bauern bestehen zu können. Eine gewisse Gleichgültigkeit und Ratlosigkeit, manche nennen es auch Faulheit, ist auch heute noch bei einigen Polen,
meist älteren, festzustellen. Sie rührt her aus der Zeit, als es Nachteile bedeutete Eigeninitiative zu
ergreifen. Im Aufstand jedoch beteiligten sich die Bauern mutig und kämpften mit ihren Sensen
gegen die verhaßten Russen.
Diese Bauernbefreiung bedeutete allerdings eine einschneidende Änderung im Verhältnis zu
und im Zusammenleben mit den deutschen Mitbürgern, den schon von jeher freien Kolonisten.
Von seiten der Polen bestand Neid den freien deutschen Bauern gegenüber. Durch die Befreiung
meinten radikale Polen, ihre Aggressionen an den Deutschen auslassen zu können, was zu Übergriffen führte. Die Deutschen dagegen hatten unter der zaristischen Regierung nicht zu leiden, sahen in den nun befreiten polnischen Bauern in einer gewissen Weise Rivalen und hatten unter anderem auch aus religiösen Gründen zumeist von Polen keine gute Meinung. Sie mochten und
konnten sich nicht mit ihnen identifizieren. Zu unterschiedlich waren diese beiden Volksgruppen.
Viele Kolonisten hielten zu den Russen, entweder aktiv, indem sie sich an der Niederschlagung des
Aufstandes beteiligten oder passiv, indem sie dem Aufruf des Nationalkommitees nicht Folge leisteten und sich am Aufstand nicht beteiligten. Allerdings waren Deutsche auch unter den Aufstän-
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dischen. Doch die Niederschlagung des Aufstandes bedeutete, daß viele deutsche Kolonisten ihre
Höfe verließen und weiter nach Osten zogen, um Repressalien ihrer polnischen Nachbarn nicht
weiter ertragen zu müssen. Hier kündigte sich der Beginn des Endes der deutschen Kolonisation in
Polen an, die endgültig durch den II. Weltkrieg endete.
Die Rebellion gegen die Russen 1863
Aufständische,
unter ihnen einige Bauern mit aus Sensenblättern gefertigten
nen russischen Personenzug angehalten.
Die Proklamation
des Aufstandes
endete mit den sehr interessanten
Spießen, haben ei-
Worten an die russische
Bevölkerung gerichtet: "Und nun zu dir, Volk der Moskowiter: Unsere Losung heißt Freiheit und
Brüderlichkeit. Deshalb verzeihen wir Dir die Ermordung unseres Vaterlandes, sogar das Blut von
Praga, die Gewalttaten in den Straßen Warschaus, die Folterungen in den Kellern der Zitadelle. Wir
vergeben Dir, denn auch Du bist im Elend, wirst unterdrückt und gefoltert. Die Leichen Deiner
Kinder hängen an den Galgen des Zaren. Deine Propheten erfrieren im Schnee Sibiriens. Doch
wenn Du Deine Taten nicht bereust, wenn du den Tyrannen unterstützt, der uns mordet und Dich
in den Staub tritt - dann wehe Dir! Dann werden wir Dich im Angesicht Gottes und der ganzen
Welt verfluchen und werden Dich herausfordern zum letzten Kampf der europäischen Zivilisation
gegen die asiatische Barbarei."
Der Aufstand war besser vorbereitet als der von 1830. Er brach fast gleichzeitig in allen Provinzstädten aus. Schlagartig wurden die russischen Garnisonen von kleinen Partisanen trupps angegriffen, die neuen Eisenbahn- und Telegraphenlinien wurden unterbrochen. Gleichzeitig trat die
Zivilbevölkerung
in einen kollektiven Hungerstreik. Das polnische Nationalkommitee
regierte aus
dem Untergrund effektiver als der russische Behördenapparat:
Es erhob von allen Polen eine "Nationalsteuer" zur Finanzierung des Aufstandes und drohte allen, die seinen Anordnungen nicht
Folge leisteten, mit dem Tode.
Es kam bald soweit, daß die russische Verwaltung zusammenbrach.
Sogar aus der Warschauer
Staatsbank desertierten drei Kassierer mit vier Millionen Rubel in den Untergrund. Fast täglich kam
es zu Terroranschlägen
gegen hohe Beamte aus Justiz und Verwaltung,
schauer Rathaus mit allen Archiven in Flammen auf.
schließlich ging das War-
Die polnische Kirche stand voll auf Seiten der Aufständischen. Die Kirchen und Klöster
dienten als Waffendepots, Verpflegungsmagazine
und als Unterschlupf für die Banden. Doch
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diesmal glaubte keiner mehr im Westen, daß es Polen schaffen könnte. So kam nicht einmal moralische Unterstützung aus dem Westen. Der italienische Revolutionär Garibaldi mahnte: "Verlaßt
Polen nicht! ... Laßt nicht das Haus eures Nachbarn brennen, wenn ihr wollt, daß man euch beim
Löschen hilft." Doch keiner half. Polen blieb verlassen.
Der russische Oberbefehlshaber, Feldmarschall Friedrich Graf Berg (1790 - 1874), ein Baltendeutscher, brauchte anderthalb Jahre, um den Aufstand niederzuschlagen. Der letzte Führer der
Aufständischen, Romuald Traugutt, wurde am 18. August 1864 in der Warschauer Zitadelle gehängt. - Aber der zivile Ungehorsam ging noch lange weiter. Die Warschauer Frauen legten demonstrativ schwarze Kleider an. Dies veranlaßte den Warschauer Polizeikommandanten, Trauerkleidung zu verbieten. Dies war aber nur eine unbedeutende Einschränkung der Polen, viel
schlimmer waren die anderen Verfügungen des Zaren. Es war regelrecht ein Strafgericht.
Der russische Zar Alexander II. (t 1881) war entschlossen, Polen zu zerstören, weil es seiner
Meinung nach nicht zu bändigen wäre. Die letzten Reste der polnischen Autonomie wurden beseitigt, die polnische Verwaltung wurde durch eine rein russische ersetzt. Russisch wurde die alleinige
Amtssprache, selbst an den Schulen wurde polnisch abgeschafft. Sie wurde nur als Fremdsprache
gelehrt, wie z.B. Deutsch. Ein polnischer Schüler, der in der Pause polnisch sprach, konnte von der
Schule verwiesen werden. Die letzten polnischen Professoren wurden entfernt. Die Polen hatten
ihre Wehrpflicht in der russischen Armee abzudienen. Man schickte sie vorzugsweise in die sibirische Garnison. Auch die polnische Kirche wurde streng bestraft. Sie verlor ihr Vermögen, die Bischöfe wurden verbannt oder eingesperrt. Zeitweilig gab es keinen polnischen Bischof mehr. Die
meisten Klöster wurden geschlossen ebenso das Priesterseminar. Mitten in Warschau ließ der Zar
eine riesige russisch-orthodoxe Kathedrale errichten (die nach dem 1. Weltkrieg abgerissen wurde).
Und als ganz besondere Strafe wurde der Name Polen abgeschafft Fortan hieß das Territorium
"Weichselgebiet".
Polen war nunmehr völlig am Ende. Der Tiefpunkt der tausendjährigen polnischen Geschichte
war erreicht. Nunmehr konnte es nur noch aufwärts gehen. Jetzt waren die Polen nicht einmal
mehr ein Kolonialvolk, der Zar hatte sie zu einem Nichtvolk degradiert. Die einzige Chance für die
Polen war jetzt nur noch: Das Zarenreich mußte von innen her zusammenbrechen.
Wir wissen heute, daß das Zarenreich zusammenbrach und daß Polen als Folge davon ein
souveräner Staat wurde. Doch es dauerte noch bis 1918, daß Polen wieder unabhängig wurde, für
zwanzig Jahre, um dann wiederum von der Landkarte zu verschwinden und um danach für Jahrzehnte wiederum ein russischer Vasall sein zu müssen.
Widerstand herrschte innerhalb Polens gegen die Russen, aber meist nur sehr verhalten und
ohne irgendwelche Auswirkungen. Einer der Untergrundführer war JosefPilsudski (t 1935), auf
den ich aber in einem eigenen Artikel ausführlicher eingehen werde. Er war es, der es schließlich
schaffte, einen unabhängigen polnischen Staat zu begründen. Verbündet war er mit den Sozialisten.
Er war im Bunde mit Leuten wie Lenin Ct 1924) und Rosa Luxemburg Ct 1919). Der erstere errichtete die Sowjetunion, die zweite scheiterte mit dem Versuch, eine Räterepublik in Deutschland
zu errichten. - Rosa Luxemburg wurde übrigens 1871 in Zamosc (Samoschtsch) geboren, in Ostpolen. Im Tausch gegen die Festung dieser Stadt erhielt der Besitzer, der Graf Zamoyski, die Ländereien am Bug, auf denen ab 1830 unsere Vorfahren als Kolonisten siedelten. - Die Tätigkeit dieser Untergrundkämpfer führte schließlich zum Niedergang des Zarenreiches und zu seinem Zusammensturz in der sogenannten "Oktoberrevolution" 1917. Zu damaliger Zeit war Polen und
Warschau von den Deutschen besetzt. 1915 waren die Russen geschlagen, ganz Polen von den
verbündeten deutsch-österreichischen Armeen besetzt. In Warschau war ein deutscher Generalgouverneur eingesetzt worden. Nun beratschlagten die Kaiser von Deutschland und Österreich,
was mit Polen zu geschehen sei, und man einigte sich darauf, ein Königreich Polen wiedererstehen
zu lassen. Es wurden keinerlei verbindliche Entscheidungen getroffen, wie das zukünftige Königreich Polen aussehen sollte. Von den bereits erhaltenen polnischen Gebieten wollten weder
Deutschland noch Österreich etwas aufgeben. So war die provisorische Regierung in Warschau
handlungsunfähig, und Polen glitt immer mehr in die Anarchie ab.
Im Jahre 1918 schrieb der Generalgouverneur von Warschau, Generaloberst Hans von Beseler
(1850 - 1921): "Auf der einen Seite das phantastische, anmaßende, um nicht zu sagen unverschämte Polentum, dem es absolut an jedem Maßstab für das Wirkliche gebricht, auf der anderen
Seite ein gegen alles Polnische voreingenommene Deutschtum, das keine andere Aufgabe kennt, als
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dieses sozusagen befreite Volk zu einer vollständigen Nichtigkeit zu verkrüppeln und zu unterdrücken."
Im Herbst 1918 brach in Deutschland und Österreich die Revolution aus. Die Herrschaft der
beiden Staaten über Polen fiel zusammen. Das Land stand vor einem politischen Vakuum. Es gab
keine polnische Regierungsgewalt. Es gab einen von den Deutschen eingesetzten Regentschaftsrat,
der aber ohne Bedeutung war, ferner eine nationalrevolutionäre "Volks regierung" in Lublin sowie
ein polnisches Nationalkommitee in Paris. Deutsche Truppen standen noch in Polen und kannten
nur noch ein Ziel, nach Hause zu kommen.
Der einzige Mann, dem man zutraute, dies Chaos zu beseitigen, war Josef Pilsudski, der Freiheitskämpfer. Zu der Zeit saß er in einem Gefängnis in Magdeburg. Eine der letzten Entscheidungen der deutschen kaiserlichen Reichsregierung war, ihn freizulassen und nach Polen zu schicken.
Pilsudski wurde akzeptiert, am 11. November 1918 zum Oberkommandierenden der Armee ernannt und drei Tage später formell zum Staatsoberhaupt Polens. Im allgemeinen wird dies als die
Geburtsstunde der neuen polnischen Republik bezeichnet.
Die ersten Konturen erhielt der neue Staat Polen schon vor den Friedensverträgen. Galizien
fiel durch den Zusammenbruch Österreich-Ungarns automatisch zurück, in Posen war die polnische Bevölkerung in einem Aufstand erfolgreich, und im Versailler Frieden erhielt dann Polen
noch Westpreußen und Teile Schlesiens hinzu. Die Art dieser Landerwerbung entsprach mehr einer Annektion und legte den Boden für die nächste Konfrontation. Durch Ungerechtigkeit und
neues Unrecht schafft man kein Fundament für einen Staat. - Bekanntlich brach der H. Weltkrieg
durch den Angriff Hitler's auf Polen aus.
Hier, mit dem Ende des 1. Weltkrieges, will ich diese Geschichte Polens beenden. Die neuere
polnische Geschichte fließt ein in die Geschichte meiner Familie. Über den weiteren geschichtlichen Verlauf komme ich bei der Schilderung des Lebens meiner Faffiilie in Polen zurück.
Die Gründung der Republik Polen war ein Schnitt, der für viele Kolonisten auch bedeutete,
daß sie ihre angestammte Heimat verlassen mußten, freiwillig oder durch Zwang.
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