Gundobad und Brunichilde

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Gundobad und Brunichilde
Von Claude Longchamp, Hinterkappelen
Einleitung
Unsere zwei Hauptfiguren des heutigen Abends sind
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Gundobad, lateinisch Gundobadus, französisch Gondebaud, und
•
Brunichilde, deutsch Brunhilde, französisch Brunehaut.
Gundobad ist der erste König der Burgundia; er stirbt im Jahre 516 nach Christus. Brunichilde ist fränkische Königin und die erste Frau, die über fast das
ganze Frankenreich regiert, zu dem Burgund 534 kommt. Brunichilde stirbt 613
nach Christus.
Gundobad ist heute kein Held mehr; die meisten Menschen haben ihn in den 1500
Jahren seit seinem Tod vergessen. Ganz anders verhält es sich mit Brunichilde:
In verwandelter Form ist sie vielen noch geläufig, denn sie ist der Star der Nibelungen, dem germanischen Nationalepos, und das beginnt so:
"Uns ist in alten Mæren wunders vil geseit
von Helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ír nu wunder hœren sagen..."
Meine Absicht ist es jedoch nicht, eine weitere Sage zu erfinden, sondern den
geschichtlichen Zusammenhang aufzuzeigen, denn der verweist uns auf die Ursprünge Burgunds. Ihren Ursprung hat die Burgundia in der Ansiedelung des
germanischen Stammes der Burgundiones auf römischem Gebiet zwischen 413
und 443. Mit dem rechtlichen Niedergang des Kaiserreiches im Jahre 476 dehnt
sich dessen Herrschaftsgebiet ins Rhone- und Sâonetal aus. Seit 501 steht es
unter der alleinigen Führung von König Gundobad.
Nach 534 verschwindet es als unselbständiges Königreich und kommt unter fränkische Herrschaft, geleitet durch Unterkönige aus der Dynastie der Merowinger, die im untergehenden römischen Kaiserreich ebenfalls ein Königreich aufgebaut haben, das als Frankenreich zum erfolgreichsten werden und auf dem westeuropäischen Festland die Nachfolge des römischen Kaiserreiches antreten wird.
Gundobad, rex Burgundionum
Der Aufstieg der Burgunden im römischen Reich
Die Burgundiones stammen aus dem Gebiet der Ostsee. Früher glaubte man, sie
seien aus dem heutigen Schweden oder von der heute dänischen Insel Bornholm
gekommen. Daran zweifelt man heute. Man ordnet die Burgundiones den Ostgermanen zu, die sich in ihrer Südwanderung seit dem 3. Jahrhundert zwischen
Weichsel und Oder aufhielten, vorübergehend ins römische Reich einfielen, besiegt wurden und sich danach im Gebiet des Mains niederliessen, wo sie sich mit
den Alamannen um die Gunst der Römer als Grenzvolk stritten.
Unter König Gundahar drangen die
Burgundiones 406 erneut ins römische Kaiserreich ein. Diesmal
gelang es ihnen zu bleiben. 413
gründeten sie rund um Worms ihr
erstes Königreich auf römischem
Boden. 434 wollten sie unter ihrem neuen König Gundowech jedoch mehr; die ehemalige Kaiserstadt Trier war ihr Ziel. Doch das
misslang den Burgundiones. Sie wurden vom Statthalter des Kaisers, General
Aetius, militärisch besiegt, und sie wurden 443 in der Saupadia angesiedelt.
„Sapaudia“ heisst eigentlich nichts anderes als "Waldgegend". Und diese gab es
damals vielerorts, weshalb man lange darüber spekulierte, wohin die besiegten
Burgundiones geführt worden waren. Heute nimmt man aufgrund archäologischer
Funde an, dass es das Gebiet zwischen Jura und Lac Léman war. Die Burgundiones wurden hier angesiedelt, um die ehemals römisch beherrschte Gegend, die
seit Mitte des 3. Jahrhunderts stark entvölkert war, vor Vorstössen der Alamannen in der Grenzregion nach Süden zu schützen.
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In der Saupaudia wurden die Burgundiones von einem zweiten König, Chilperich,
regiert. Er siedelte seine Sippen in den Wäldern der Sapaudia an, denn man erhielt einen Drittel des unbebauten Landes, liess es kräftig abholzen und lieferte
die Ware nach Genf und Lyon. Chilperich tat das gut, und die Burgundiones wurden so zu einem rasch wachsenden Volk, das willig mit den Römern zusammenarbeitete. König Chilperich schaffte es sogar, selber ins grösste regionale Zentrum, Genava, dem heutigen Genf, zu ziehen und von hier aus zu regieren.
Die Völkerwanderung unter dem Eindruck der Hunnen
Die Zeit, in der die Ansiedlung der Burgundiones geschah, zählt man zur germanischen Völkerwanderung. Dies war eine der grossen Herausforderungen des Römischen Reiches, und es sollte im Westen auch daran scheitern.
Gewandert sind nie alle Germanen
miteinander, sondern nur einzelne
Stämme - und das in verschiedenen
Wellen. 375 ist eine neuerliche
Wanderungswelle durch den Einfall
der asiatischen Hunnen ausgelöst
worden, die aus der Mongolei über
die Steppenstrasse nach Westen
kamen, sich in Pannonien, dem westlichsten Teil der Steppe, niederliessen und von hier aus zahlreiche
Germanenstämme ausserhalb des Kaiserreiches unterwarfen. Wer das vermeiden
wollte, suchte - wie die Westgothen - Einlass ins Kaiserreich. Sie drangen vom
Schwarzen Meer über die Donau in die Nähe Konstantinopels, dem zweiten Rom,
vor, siegten gegen Kaiser Valens und wurden vorerst in Makedonien angesiedelt.
Als sie sich nach Rom aufmachten, geriet der ganze Westen in Aufruhr, und die
Römer zogen ihre Truppen von Britannien und Germanien ab, um Italien zu schützen. Doch damit gaben sie die Rheingrenze frei.
Nicht nur die Burgundiones nützten diese Gelegenheit, auch die Wandalen drangen ins Kaiserreich ein, das sie in kleinen Gruppen rasch nach Süden durchquerten, um in Südspanien und Nordafrika ein wandalisches Königreich zu errichten.
Die Westgothen wurden ihnen, nachdem sie Rom geplündert hatten, im Auftrag
Roms auf die Fersen geheftet, und sie liessen sich schliesslich rund um Toulouse
in Acquitanien nieder. Im Norden waren schliesslich die germanischen Franken
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auf römisches Gebiet in Toxandrich vorgestossen, und sie beherrschten den
Rhein nördlich von Mainz beidseitig.
Zwischen 430 und 450 hatte General Aetius, der das Westreich
nördlich der Alpen kontrollierte,
mit den Hunnen einen Pakt geschlossen. Er bezahlte die Hunnen
dafür, dass sie ihm halfen, ausserhalb und innerhalb des Kaiserreiches die Germanen in Schach zu
halten. 450 endete diese Zusammenarbeit jedoch, denn die Römer
bezahlten unter ihrem neuen Kaiser Valentian III. die Hunnen nicht mehr, sondern rüsteten sich zum Kampf. Die Hunnen bliesen ihrerseits zum Angriff und
überquerten den Rhein. So geriet das römische Reich im Westen ganz in Schieflage, und Aetius organisierte all seine verbündeten Germanen, die Westgothen
im Osten, die Franken im Norden und die Burgunden im Süden, um die Hunnen zu
bekämpfen.
Auf den Katalaunischen Feldern, die man heute mit der Gegend von Chalons-surMarne identifiziert, kam es zum grössten Kräftemessen des Jahrhunderts.
Schliesslich scheint niemand gewonnen zu haben, doch das war für Aetius schon
so etwas wie ein Sieg, denn die Hunnen galten unter ihrem Khan Attila als unbesiegbar. Schnurstracks beanspruchte er, neuer Kaiser zu werden, was er mit dem
Leben bezahlte. Der Kaiser brachte ihn höchstpersönlich um, doch auch dieser
überlebte das nicht, denn die Schergen von Aetius erstachen ihrerseits den Kaiser auf offener Strasse. So haben die Weströmer zwar nicht auf dem Schlachtfeld verloren, aber sich unmittelbar danach selber weitgehend eliminiert.
Die Burgundia entsteht im untergehenden weströmischen Reich
Im politischen Vakuum, das in Gallien so entstand, begannen sich die Burgunden
auszudehnen. Rasch besetzten sie nach Genève auch Vienne, Lyon und Besançon.
Lyon machten sie zu ihrer neuen Hauptstadt, und Genf, das vorher diesen Rang
hatte, blieb Hauptstadt im ursprünglichen Kerngebiet. Jetzt besass man drei
Landstriche in Gallien:
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•
die Sapaudia, die dem alten Helvetien von Aventicum gleichkam,
•
die Sequana, die mit dem Gebiet auf der anderen Seite des Juras identisch war, sowie
•
das mittlere Rhonetal- und Sâonetal, das heisst die nördlichen Teile der
Lugdunensis.
Der Eingang von Norden war südlich von Strassburg zwischen den Vogesen und
dem Jura, - eine Ebene, die bis heute Burgunderpforte heisst.
Die Burgundiones nutzten ihre
starke Stellung im Rhonetal, wo der
Handel noch funktionierte, und
machten Druck auf den römischen
Kaiser. Dieser war nur noch ein
Hampelmann, denn er hing auf
Biegen und Brechen von den
germanischen Heeren in Italien ab.
Wichtigster Germanengeneral in
römischen Diensten war seit Aetius
Ricimer, der Kaiser ernannte und
absetzte, wie es ihm passte.
472 schloss sich Gundobad Ricimer
an, mit dem er verwandt war.
Gemeinsam griffen sie mit ihren
Soldaten Rom an und plünderten es. Ricimer verschied hierbei, und Gundobad
übernahm den Posten des patricius, wie der oberste General der kaiserlichen
Truppen hiess. Auch er ernannte einen weströmischen Kaiser, den drittletzten,
zog sich danach aber aus Rom zurück. In diesen Jahren endete auch die
kaiserliche Herrschaft in Westrom. In Ostrom herrschte dagegen unvermindert
Kaiser Zenon, und dieser übernahm jetzt auch rechtliche Herrschaft über
Westrom.
Gundobad und seine drei Brüder auf Bewährungsprobe
Nach dem Tod seines Vaters Gundowech, der noch den burgundischen Angriff
auf Trier geleitet hatte, trat Gundobad, wie es bei den Germanen Sitte war, die
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Nachfolge als burgundischer Unterkönig an. Noch hatte er den alten Chilperich,
der den Aufstieg in der Sapaudia begleitet hatte, über sich. Und Gundobad
hatte auch drei Brüder an seiner Seite, die auch ohne römische Titel gleiches
burgundisches Recht für sich beanspruchen konnten.
Die vier Unterkönige teilten sich die vier burgundischen Zentren auf: Gundobad
nahm Lyon, sein Bruder Godomar bekam Vienne, Giselbert regierte in Besançon,
und Chilperich II. ging nach Genf. 7 Jahre regierte man unter der formellen
Herrschaft des alten Chilperich I. gemeinsam bis dieser im Jahre 480 starb.
Jetzt mussten die Brüder beweisen, was sie konnten. Das germanische Recht
verlangte von einem Prinzen, dass er neues Land erobere und so den Reichtum
des Volkes mehre. Gab es mehrere Prinzen, sollte der, der das am besten tat,
neuer König werden. Unter den Bedingungen, welche die Burgunden im untergehenden römischen Reich vorfanden, war das gar nicht so einfach. Gundobad
hatte nur eine Chance, und er nutzte sie: Er überquerte die Alpen und eroberte
Ligurien mit der Hauptstadt Pavia. Die kräftige Bevölkerung der Ligurier
schleppte er als Sklaven in sein Königreich ab. Gundobad konnte dies deshalb nur
tun, da in Oberitalien ein Machtvakuum herrschte, das die Ostgothen, vormals
von den Hunnen beherrscht, erst langsam zu füllen begannen. Alles andere wäre
mit erheblichen Konsequenzen verbunden gewesen, die Gundobad mied. So blieb
ihm und seinen drei Brüdern nichts anderes übrig, als sich untereinander zu bekriegen, um herauszufinden, wer unter ihnen der Stärkste war.
Zuerst ermordete Gundobad gemeinsam mit seinem Bruder Godegisel ihren
gemeinsamen Bruder Godomar, der in Vienna herrschte. Dann hatten sie es auf
Chilperich abgesehen, der in Genf die Nachfolge seines Onkels angetreten hatte.
Auch ihn brachten Gundobad und Godegisel um, liessen aber seine Töchter am
Leben. Godegisel kümmerte sich um ihre Erziehung, vor allem auch um jene von
Chrodechilde.
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Für eben diese Chrodechilde interessierte sich der König der Franken Chlodwig.
Er hielt um ihre Hand an und führte die Nichte Gundobads an seinen Hof in Paris.
Seinerseits versprach Chlodwig eine Tochter aus erster Ehe dem Ostgothenkönig Theoderich in Ravenna, und dieser gab Gundobad seine Tochter Ariadne zur
Frau. So war man miteinander verbandelt, und das half, dass nicht mehr jeder
gegen jeden kriegte.
Nicht in dieses System der germanischen
Königreiche auf römischem Boden passten die
Alemannen im Schwarzwald als Kerngebiet. Doch
auch sie forderten ihren Teil und drangen vom
Schwarzwald aus ost- und westwärts vor. Als sie
sich auch nordwärts den Rhein entlang auszudehnen
versuchten, gerieten sie mit den Franken in
Konflikt. Diese besiegten die Alemannen militärisch
bei Zülpich, in der Nähe des heutigen Bonn, und
betrachteten sie fortan als ihre Untertanen.
Chlodwig fühlte sich nun als etwas Besseres. Er sah
die Chance, der eigentliche Chef unter den Germanenkönigen auf römischem Boden zu werden. Dazu
fehlte ihm jedoch eines: Er war nicht Katholik, und
die römische Bevölkerung kannte das Christentum
seit dem 4. Jahrhundert als Staatsreligion. Ein
neuer römischer Staat ohne Katholizismus liess sich kaum bauen und so liess er
sich nach dem Sieg über die Alemannen in Reims taufen.
Nicht ohne Wirkung dürfte dabei gewesen sein, dass Chrodechilde, seine burgundische Frau, schon katholisch war. Sie hatte sich nach dem Tod ihrer Familie
in der burgundischen Fehde taufen lassen, und sie war als Katholikin zu Chlodwig
nach Paris gegangen. Denn die Franken waren wie die Westgothen und Burgunder
Arianer. Das waren zwar auch Christen, aber nicht solche, welche die orthodoxe
katholische Kirche des Papstes anerkannte hatte. Die katholische Kirche hat es
Chrodechilde gedankt, dass sie den Frankenkönig und mit ihm 3000 seiner wichtigsten Krieger von der katholischen Taufe überzeugen konnte. Sie hat sie als
Clotilde heilig gesprochen, und sie ruht heute noch in Paris.
Nach der Taufe setzte Chlodwig auf die grosse Karte. Er spannte eine unglaubliche Hinterlist gegen die Burgunder auf. Im Geheimen verhandelte er mit
Gundobad und Godegisel einzeln und gab beiden vor, mit ihnen die Stadt Dijon
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erobern zu wollen. Beide Burgunderkönige setzten zur Verteidigung der Stadt
an, im Glauben, dass Chlodwig mit ihnen verbündet sei. Doch als sie vor der Stadt
Stellung bezogen hatten, musste Gundobad erkennen, dass sich Chlodwig für
Godegisel und gegen ihn entschieden hatte. Dieser wandte seine Truppen gegen
die des Bruders, dem nur noch die Flucht nach Avignon, ganz im Süden seines
Herrschaftsgebietes, blieb. Dort stützten ihn die verbündeten Westgoten, und
es gelang Gundobad, den Abzug der fränkischen Truppen zu erwirken. Kaum
waren diese weg, revanchierte er sich an seinem Bruder, der Vienne besetzt
hielt. Über das Aquädukt drang Gundobad überraschend in die belagerte Stadt
ein und beseitigte Godegisel.
Gundobad, Alleinherrscher über die Burgundia
Jetzt hatte Gundobad drei Brudermorde auf dem Gewissen, aber er war alleiniger burgundischer König. Nach germanischer Sitte hatte er sich durchgesetzt
und beanspruchte zu Recht, burgundischer König zu sein. So gab er seinem Volk
das erste Gesetz, und er liess seine 32 Stellvertreter im Rang eines Grafen den
Eid darauf ablegen. Dieses erhielt den Namen Lex Romana Burgundionum, besser
bekannt als Lex Gundobada oder auch als Loi Gombetta.
Es war eines der ersten Male, dass ein germanisches Volksrecht aufgeschrieben wurde. Es
zeugt davon, wie gut die königliche Jagd geschützt war, und wer wie bestraft wurde,
wenn er dagegen verstiess. Man kann daraus
auch ablesen, wer wie viel Wert in der Gesellschaft hatte, und wie man Taten wie
Diebstahl und Todschlag bestrafte. Freilich
ist die Lex Gundobada nicht rein germanisch,
denn Gundobad war bemüht, die Germanen im
Rhonetal den Galloromanen mit seinem Gesetz
gleich zu stellen. Hierfür musste er Konzessionen machen, etwa im Eherecht, das im germanischen und romanischen nicht gleich war.
Gundobad machte sich mit seinem Gesetz auch zum Herrn über die Kirchen. Er
führte die arianischen und katholischen Bischöfe in den spätantiken Zentren.
Einfacher wäre es gewesen, wenn auch Gundobad zum Katholizismus übergetreten wäre. Doch das unterliess er. Zu stark wäre das aus seiner Sicht ein Nachgeben an die Adresse der Franken gewesen, die ihn einmal angegriffen hatten.
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Denen half er zwar, die Westgoten zu bekämpfen, und in der Tat wurden sie mit
Ausnahme eines schmalen Streifens am Mittelmeer aus dem Gebiet nördlich der
Pyrenäen vertrieben. Aber Gundobad
machte keine weiteren Konzessionen, und
das hatte seine Ursache im grossen Gegenspieler Chlodwigs. Der Ostgothenkönig
Theoderich hatte ausgehend von Ravenna
in Italien ein ebenso prächtiges germanischen Königreich aufgebaut wie Chlodwig
in Gallien, und er stand Gundobad näher,
denn auch er war Arianer und vermittelte
wie er zwischen Germanen und Romanen.
Theoderich bedankte sich für den Ausgleich bei Gundobad. Er anerkannte ihn
als Ehrenkonsul, nannte sein regnum offiziell Burgundia, und beschenkte Gundobad
mit der technischen Errungenschaft seiner Zeit. Gundobad erhielt 507 als erster in ganz Gallien eine Wasseruhr, mit
der man die Zeit messen konnte, auch ohne dass die Sonne schien.
Das war die beste Zeit Gundobads. Nach dem konfliktreichen Aufstieg hatte er
nun zwei Verbündete in Gallien und Italien auf jeder Seite, die darauf bedacht
waren, das Gleichgewicht der Macht nicht aus der Balance zu bringen, denn
gemeinsam verwaltete man nun wesentliche Teile des ehemaligen weströmischen
Kaiserreiches.
Nachfolgeregelung mit Gundobads Söhnen Sigismund und Godomar
Gundobad machte sich jetzt daran, seine Nachfolge zu regeln. Er bestimmte seinen ältesten Sohn Sigismund, den er mit seiner Frau Carétène hatte, zum Unterkönig, der in Genf über die alte Sapaudia regieren sollte, während Gundobad in
Lyon blieb und das untere Rhonetal kontrollierte. Gundobad hatte keine Freude,
dass Sigismund auf Druck der Bischöfe zum Katholizismus übergetreten war,
aber er tolerierte es. Sigismund sollte die Kontakte zu den katholischen Franken
sichern, während Gundobad die Verbindung mit den arianischen Ostgothen
pflegte. Immerhin, Gundobad gelang es so, das alte Germanenrecht in der Nachfolge, das ihm während seines Aufstiegs so viel Schwierigkeiten bereitet hatte,
zu überwinden. Godomar, sein zweiter Sohn, wurde nur Stellvertreter Sigismunds und nicht gleichberechtigter Unterkönig.
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Sigismund profilierte sich denn auch so,
wie man es von einem katholischen Prinzen
erwartete. Er ging nach Rom, besuchte den
Papst, traf in Ravenna seinen Schwiegervater Theoderich, den Ostgotenkönig, und
kehrte als frommer Mann nach Genf zurück. Er förderte den Märtyrerkult in seinem Land und gründete hierfür ein Kloster
in Agaune im Rhonetal. Gestiftet wurde es
St. Maurice, der der Legende nach aus
Ägypten stammte, Christ war und in einer
römischen Armee diente, die man nach Gallien geschickt hatte, um gegen die Christen
vorzugehen. Maurice soll seine Truppen zurückgehalten haben, als er davon erfuhr, und dafür von den damals noch heidnischen Römern umgebracht worden sein. Genau dort, wo das geschehen sein soll,
liess Sigismund nun das Kloster aufbauen, dessen Gebäude bis heute da stehen.
Nur ein Jahr danach starb Gundobad, und das markierte eine Wende im Burgunderreich. Denn der Katholik Sigismund wurde nun einziger König der Burgunder.
Sigismund scheint indessen weniger ein Mann der Tat gewesen zu sein als ein
Mann der Religion. Er bekam das Burgunderreich nie im gleichen Masse in den
Griff wie sein Vater. Er blieb von den mächtigen Bischöfen in Vienne und Lyon
abhängig. Und er war deutlich weniger geschickt im Umgang mit seinen Nachbarn, auf die er angewiesen blieb. Von seiner ersten Frau, der Ostgothin, liess er
sich trennen, und als seine zweite Frau, einer Dienerin aus seinem Hof, deren
Sohn Sigerich verklagte, gegen den Vater einen Putschversuch vorzuhaben, liess
ihn Sigismund kurzerhand umbringen. Er bereute die Tat im Affekt umgehend,
und auf Anraten des Bischofs von Vienne zog er sich auch ins Kloster St. Maurice zurück, um Busse zu leisten.
Die Ostgothen unter Theoderich verziehen den Tod ihres jungen Verwandten
nicht, und in Paris hatte Chrodechilde immer noch eine Rechnung wegen ihren
Eltern offen, die einmal Genf beherrscht hatten, offen. Sie schickte ihre drei
Söhne Chlodomir, Chlothar und Chilperich auf die germanische Bewährungsprobe,
und sie sollten die Burgundia erobern. Jetzt leisteten die Ostgothen nochmals
Hilfe an die Burgunder. Godomar gelang es, einen der drei Unterkönige der
Franken, Chlodomir, im Kampf von Vézorance im Val d'Isère zu besiegen. Die
beiden anderen zogen sich darauf zurück, ermordeten aber ihrerseits den gefangenen Sigismund und die Königsfamilie, indem sie sie Kopf voran in einen
Brunnen in Orléans stürzten. Seither gilt Sigismund selber als Märtyrer, und
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auch er wurde zum Lokalheiligen. Seine Gebeine wurden später nach St. Maurice
überführt, wo sie weitgehend noch heute aufgebahrt sind.
Der Sieg Godomars blieb jedoch nur
eine
Episode.
Theoderich,
der
Ostgothenkönig, starb nur wenig später eines natürlichen Todes, und die
Franken besiegten Godomar in Autun
militärisch. Godomar kam dabei ums
Leben, und damit endete auch burgundische Königsdynastie, die mit Gundowech in Worms begonnen hatte, mit
Chilperich den Aufstieg in der Sapaudia erlebt hatte, mit Gundebad den
ersten grossen Krieger und König
kannte, und schliesslich mit Sigismund
einen Heiligen in ihren Reihen weiss. Die Burgundia hörte auf, ein selbständiges
Königreich zu sein.
Die geteilte Herrschaft über Burgund übernahm die beiden überlebenden Eroberer und ihr Halbbruder Theuderich. Dieser war mit Sigismund verschwägert
gewesen und hielt sich deshalb zurück, als man in Chrodechildes Auftrag die
Burgundia eroberte. Während die Halbbrüder Burgund bekämpften, machte er
sich die Auvergne eigen, für die er jetzt eine Verbindung brauchte. Er bekam
534 dafür das ganze Mittelland bis Genf.
Das hatte aber Folgen ungeahnten Ausmasses: Das schweizerische Mittelland,
wo sich die Burgundiones ursprünglich als römische Föderaten niedergelassen
hatten, wurde jetzt fränkisch, und innerhalb des Frankenreiches kam es unter
den Einfluss der Könige von Reims. Diese waren aber auch die Herren über die
besiegten Alamannen, und sie begannen damit, auch diese im Mittelland anzusiedeln. Die fränkischen Herzöge, die Alemannien jetzt regierten, wählten Aventicum zum Zentrum südlich des Rheins, und sie nannten die ehemalige Römerstadt jetzt Wiflisburg.
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Brunichilde, regina Francorum
Grosse Aenderungen
Das Jahr 535 war für die Zeitgenossen ein Einschnitt. Aus Gründen, die bis
heute nicht geklärt sind, verdunkelte sich die Welt, die Sonne schien noch halb
so viel und im Sommer lag in Europa Schnee. Doch es änderte sich nicht nur das
Klima, auch die geopolitische Lage im römischen Reich hatte sich geändert.
Theoderich
der
Grosse,
der
Ostgotenkönig, war nicht mehr, und
seine Schwester Amalswinta, die als
Ostgotenkönigin
regierte,
verfügte
nicht über die militärische Macht,
Einfluss zu nehmen. Zudem herrschte in
Konstantinopel seit geraumer Zeit
Kaiser Justinian mit seiner Heräterin
Theodora. Denen missfiel die unerwartete Stellung der Wandalen in
Africa und der Ostgoten in Italien, und sie schickten ihre Feldherren Belisar und
Narses aus, den Germanenreichen auf römischem Boden ein Ende bereiten. Es
scheint ganz so zu sein, dass sie dafür das Frankenreich, das in den 50 Jahren
seit dem Untergang Westroms entstanden war, akzeptieren würden.
Die Frankenkönige von Reims, die mit Theuderich, heute würde man sagen:
Dietrich - drei Generationen lang als Nachfahren von Chlodwig über den Ostteil
des Reiches regiert hatten, und die sich schon weitgehend verselbständigen
konnten, wurden aber von der 557 auf ausbrechenden Pest gestoppt. Diese war
die stärkste der Spätantike, und sie beendete auch die fränkische Expansion bis
in die Mitte des 8. Jahrhunderts. Chlothar I., der
Soissons regierte, avancierte dabei zum König aller
Franken.
Mit Chlothars I. baldigen Tod im Jahre 561 ging auch
so etwas wie die Spätantike im ehemaligen Gallien zu
Ende. Caesar hatte das reiche keltische Gebiet bis
52 vor Christus erobert und zum Teil der römischen
Republik gemacht. Diese ging mit seiner Diktatur
unter, und sein Nachfolger, Octavianus, regierte das
Reich von 30 vor Christus an als Kaiser. Dieses erste
Kaiserreich ist 260 an den Kriegen mit den Persern
und Germanen untergegangen, unter Kaiser Diokletian
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284 aber neu entstanden. Die Rolle Roms war relativiert, denn es gab jetzt in
der Regel zwei Kaiser, einen im Westen gegen die Germanen und einen im Osten
gegen die Perser. Entlang dieser Abgrenzung wurde das Kaiserreich 390
definitiv geteilt, der Osten überlebte zunächst als oströmisches, dann als
byzantinisches Reich bis 1453, während der Westen wie wir gesehen haben 451
faktisch, 476 auch rechtlich unterging. Nur vorübergehend konnte Justinian die
Germanen stoppen, und in Gallien hatten sie sich bleibend festgesetzt. Die
Macht von Chlothar I. gründete jedoch auf brutaler Gewalt, gegenüber seiner
Familie genau so wie seinen Untertanen, gegenüber anderen Königen wie auch
ihren Töchtern. Chlothar war es auch, der die Polygamie in der Merowinger Sippe
zum Machtsymbol gemacht hatte. Insgesamt hatte er sechs Frauen.
Das Frankenreich unter den Söhnen Chlothars I.
Seine Nachfolge regelte Chlothar nach fränkischer Sitte unter seinen vier Söhnen: Chilperich erhielt den Norden mit Sitz in Soissons, Charibert den Westen
mit Sitz in Paris, Guntram den Süden mit Sitz in Chalons-sur-Sâone und Sigibert
den Osten mit Sitz in Metz. Chilperich war
jedoch nur der Halbbruder der drei
anderen Könige. Nur väterlicherseits war
man verbrüdert, während Chilperichs
Mutter die Schwester der Mutter der
drei anderen Könige war. Chilperich erhielt
den Norden mit Soisson als Hauptstadt.
Charibert residierte in Paris, Guntram in
Orléans und Sigibert in Metz. Charibert,
der älteste, starb schnell und damit war
Guntram, der von Orléans aus Burgund
regierte der Doyen unter den Königen.
Die Grenze Burgunds zu Sigibert, dessen
Herrschaftsgebiet jetzt Austrasien genannt wurde, zog man neu. Der ducatus
ultraioranorum kam wieder zu Burgund, bezog sich aber nur noch auf die Gebiete
des Mittellandes links der Aare. Rechts der Aare war jetzt der ducatus alemanorum, und der gehörte zum Königreich von Austrasien. Das hatte seinen
besonderen Grund: Links der Aare war die burgundische Bevölkerung aus der
Zeit der Sapaudia vorherrschend geblieben, während sie rechts der Aare kaum
mehr vertreten war.
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Sigibert, der dritte im Bunde, richtete sein Augenmerk nach Osten. Dort bekam
er eine neue Aufgabe, hatten sich doch in Pannonien die asiatischen Awaren, wie
seinerzeit die Hunnen sehr gute Reiter, und mehr noch als diese Herren der
krummen Säbel, niedergelassen. Sie verdrängten die Langobarden aus Pannonien,
die sich nach dem Tode Justinians als Nachfolger der Ostgothen in Italien
installierten. Das alles verlangte von Sigibert, die Front im Westen, wo er auch
über die Auvergne regierte, zu befrieden, und genau das tat der junge König
auch.
Der Krieg zwischen Austrasien und Neustrien
Entgegen der Sitte im fränkischen Könighaus hatte Sigibert keine Konkubinen,
die er aus den Dienerinnen des Hofes auswählte. Er hielt um die Hand der Tochter von Anthanagild, dem westgotischen König, an, und er heiratete mit viel
Pomp, das der führende Geistliche des Frankenreichs, Gregor von Tours, organisiert.
Seine Auserwählte war Brunichilde, die in
Spanien eine gute Bildung erhalten hatte.
Beide waren so etwas wie das Vorbild im
Frankenreich. Vor allem gefielen sie den
katholischen Bischöfen. Nicht zuletzt
hatten sie ihre Freude, dass Brunichilde
deswegen, als sie Sigibert heiratete, dem
Arianismus abgeschworen hatte und
Katholikin geworden war.
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Das Powercouple in Metz konnte jedoch König Chilperich in Neustrien nicht leiden. Umgehend hielt er beleidigt um die Hand der Schwester Brunichildes, Galswintha, an, und er erhielt sie, selbst wenn sich ihr Vater beschwerte, da Chilperich schon einmal verheiratet gewesen war und auch eine Konkubine zur Frau genommen hatte. Chilperich schwor, fortan nur noch eine Frau zu haben, und so
willigte man in die Hochzeit ein.
Die Freude dauerte jedoch nicht lange. Galswintha wurde innert Jahresfrist erwürgt, denn Chilperich fand keinen Gefallen an ihr, und man hat Fredegunde, die
ehemalige Geliebte Chilperichs dafür verantwortlich gemacht. Der Verdacht fiel
auf sie, denn sie wurde kurz nach Galswintas Tod Chilperichs Gattin und die neue
Königin von Neustrien.
Brunichilde, die erst drei Jahre am austrasischen Hof lebte, musste für ihre ermordete Schwester Rache nehmen, und das
hiess Krieg. Doch das war mehr als der
Bruderkrieg, wie man ihn in den germanischen Königreichen gekannt hatte. Es war
der Krieg zwischen Austrasien und
Neustrien, die jetzt um die Vorherrschaft
im ganzen Frankenreich buhlten.
Sigibert war zu Beginn erfolgreich, und er
eroberte Paris. Damit bedrohte er
Chilperich und Fredegunde unmittelbar. Doch soweit kam es nicht: Als er zum
König von Neustrien erhoben werden sollte, wurde er von den Getreuen Fredegundes umgebracht. Brunichilde wurde jetzt sogar verhaftet und Chilperich und
Fredegunde vorgeführt. Sie wurde zuerst eingekerkert und dann nach Rouen in
die Verbannung geschickt. Doch was jetzt geschah, hatte niemand erwartet:
Brunichilde gelang es Merowech, Chilperichs Sohn aus erster Ehe, der sie in
Rouen observierte, zu verführen und auch zu ehelichen. Chilperich war erneut
ausser sich, als er das erfuhr, und er liess Merowech zuerst in ein Kloster
stecken, dann ganz beseitigen. Typisch barbarisch würde man sagen.
Brunichildes erwies sich dagegen als Strategin. Ihr zweiter Coup lies nicht lange
auf sich waren, war aber entscheidend: Die zweifache Witwe heiratete nicht
mehr, kehrte aber an den austrasischen Hof zurück und übernahm für ihren
unmündigen Sohn Childebert die Regentschaft. Aus letztlich nicht geklärten
Gründen starb kurz darauf auch König Chilperich, und wieder machte es die
Runde: Fredegunde habe jetzt sogar ihren Mann umgebracht, um mit Brunichilde
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im Kampf um das Frankenreich gleich zu ziehen. Denn auch sie hatte mit
Chlothar einen Sohn, der das Erbe antreten konnte, aber der minderjährig war.
Er war noch nicht einmal ein Jahr alt, als sein Vater starb, sodass auch Fredegunde die Regentschaft für ihn übernehmen würde.
Nur in Burgund war mit König Guntram
ein fränkischer König verblieben. Jetzt
ruhten alle Hoffnungen auf ihm, und er
übernahm sowohl für Childebert wie
auch für Chlothar die Patenschaft. Doch
war es Childebert, der Burgund erben
sollte, weil er der ältere war, denn Guntram hatte seine beiden Söhne während
einer Seuche an seinem Hof in Châlons
verloren. Nach Guntrams Tod nahm
Childebert den Titel eines Königs der
Franken an, denn er regierte über
Austrasien und Burgund. Auch hatte er
zwei Söhne, Theudebert und Theuderich, und alles schien sich so zu entwickeln,
wie man es sich erhofft hatte.
Doch auch Childebert war nicht lang Herrscher. Er überlebte seine Königskrone
nur um drei Jahre. In dieser Zeit hatte er es aber nicht unterlassen, seine
Nachfolge durch seine beiden Söhne zu regeln, wobei er merkwürdigerweise den
jüngeren Theuderich bevorzugte. Er legte nämlich fest, dass dieser einmal Burgund erben sollte, und Theudebert in Austrasien König werden sollte. Doch sollte
Theudrich von Theudebert auch das Moselland, das Elsass und Alemannien bekommen. Der docuatus alemannorum wurde so wieder burgundisch. Die Serie
austrasischer Herzöge über Alemannien, die auch über das schweizerische Mittelland regierten, nahm hier ihr Ende. Der Bischof von Aventicum/Wiflisburg,
Marius, verliess seinen Sitz und installierte ihn neu in Lausanne, das hoch auf der
Burg von den Alemannen besser geschützt, denn man fürchtete, dass die Alemannen neuerliche Kriegszüge unternehmen würden.
Zunächst mussten jedoch beide Jungs, die als Könige vorgesehen waren, volljährig werden, weshalb die Grossmuter Brunichilde die Regentschaft ein zweites
Mal übernahm. Das war ihr dritter Coup. Jetzt regierte sie aber nicht nur über
Austrasien wie nach dem Tod ihres ersten Mannes Sigibert, sondern auch über
Burgund, das ihr Sohne Childebert von Gunther geerbt hatte.
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Brunichildes Regentschaft über Theudebert und Theuderich
Nur 70 Jahre nachdem der stolze
Krieger Chlowig, der Reichgründer,
gestorben war, hatten sich seine
Nachfahren gegenseitig soweit ausrangiert und umgebracht, dass
jetzt zwei Frauen an die Spitze des
Frankenreiches traten. Das passte
den Bischöfen, die dem König unterstellt waren, gar nicht. An einer
ihrer Bischofskonferenzen erörterte man nämlich die Frage, ob
denn Frauen auch Menschen seien,
und ob sie damit berechtigt seien,
direkt in den Himmel zu kommen.
Krasser hätte man es nicht sagen
können. Und man sorgte vor: Zuerst verfügte man, dass die Bauern nach der Regel der Bibel leben müssten, und der Sonntag arbeitsfrei sein sollte. Was man an
den sechs anderen Tagen der Woche produzierte, das sollte zu einem Zehntel
auch an die Kirche gehen, die sich immer mehr als eigene Organisation im Frankenreich verstand.
Für Brunichilde war das die schwerste Zeit. Im Osten stand Austrasien im Krieg
mit den Awaren, und im Innern brodelte es in den Kirchen. Sie setzte auf ein
rasches Ende des Krieges, und hielt die Awaren mit Tributzahlung vor weiteren
Angriffen ab. Das schwächte aber ihr Ansehen, und ihr Einfluss am Hof in Metz
ging zurück. Auch Theudebert tat nicht so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Der
Junge spielte mit der Sklavin Bilichilde, die ihm die Grossmutter auf dem Markt
gekauft hatte, nicht nur, er heiratete sie gleich, als er volljährig wurde. Und Bilichilde zog den ganzen Hof an sich, der vorher Brunichilde zu Füssen gelegen
hatte. Entnervt wandte sich die ausgetrickste Strategin von Metz ab und
Orléans zu, wo Theoderich war. Doch auch der war nicht minder aktiv gewesen in
ihrer Abwesenheit, und hatte schon als Minderjähriger vier Söhne mit Konkubinen gezeugt. Um König der Franken zu werden, war das keine gute
Voraussetzung.
Da griff Brunichilde zum vierten Mal an. Sie forderte Columban, den irischen
Missionar in Burgund auf, Theuderichs Söhne aus den Verbindungen mit den Konkubinen katholisch zu taufen. Der aber dachte nicht daran, die Bastarde, wie er
sie nannte, zu legitimieren. Er zog es vor, Burgund zu verlassen, nicht ohne mit
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dem verfeindeten Hof in Neustrien Kontakte mit einer neuen Mission bei den
Alemannen geknüpft zu haben. Eine Verschwörung der Kirche und der Neustrier
gegen Brunichilde deutete sich an.
Der Krieg zwischen Austrasien und Burgund
Jetzt wollte Theudebert, der König von Austrasien, die Zurücksetzung Austrasiens an der Mosel, im Elsass und in Alemannien nicht mehr akzeptieren, und er
wiegelte die Bevölkerung, die unter der Herrschaft Burgunds stand, auf. Uncelin,
der Herzog in Burgunds Diensten über die Alemannen, ging nach Châlons und
brachte dort den Hausmeier Protadius um. Der war aber gleichzeitig auch Brunichildes Geliebter gewesen. Brunichilde revanchierte sich dafür mit dem fünften
Coup. Gegen Theudebert baute sie eine Intrige auf: Er sei gar nicht der Sohn
Childeberts, sondern vom seinem Gärtner gezeugt worden, und nur Theuderich
habe den Anspruch, Childeberts Erbe weiter zu führen. Deshalb sei er im Erbvertrag vom König auch benachteiligt worden.
In Seltz, im Elsass, trafen sich die beiden Brüder 610 zu einer Aussprache.
Theudebert kam jedoch gleich mit seinem Heer angerückt, sodass Theuderich
nachgeben musste. Jetzt war Krieg zwischen Austrasien und Burgund. Die Alemannen fielen im Elsass und im schweizerischen Mittelland über die burgundische Bevölkerung herein. An der Aare kam es zum grossen Gefecht bei Wangan.
Das könnte Wangen an der Aare gewesen sein, aber auch Niederwangen bei Bern,
genau weiss man es nicht. Es siegten die Alemannen, und sie drangen weit über
die Aare ausgreifend in burgundisches Siedlungsgebiet ein. Sie zerstörten Aventicum, oder was davon noch stand, und sie machten das Kloster Romainmôtier im
burgundischen Jura dem Erdboden gleich. Nur St. Maurice, das in Stein gehauene Kloster am Eingang ins Wallis, blieb stehen.
.
Auch wenn die Alemannen im schweizerischen Mittelland damit ihre Vorherrschaft sichern konnten, war es für sie kein grosser Sieg. Ihr König, Theudebert,
wurde nämlich durch Vorstösse der Awaren an die Ostgrenze gerufen, und
Theuderich nutzt die Abwesenheit des Königs, um das Heer Austrasiens in Tours
zu besiegen. Jetzt ging er aufs Ganze: In Zülpich kam es zu einer zweiten
Schlacht, die Theuderich wieder gewann, und er nahm jetzt den herbei geeilten
Bruder gefangen. Damit war Brunichilde fast am Ziel. Ihr Lieblingsenkel Theuderich würde bald der alleinige der König sein.
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Doch es kam ein letztes Mal anders, als man
es erwartet hatte. König Theuderich starb
am Hof in Metz an einer Seuche, vielleicht
an Pest. Kurz vor ihrem Ziel, griff Brunichilde deshalb zum äussersten, was es je
gegeben hatte: Sie machte sich zum dritten
Mal zur Regentin, und kürte Theuderichs
minderjährigen Sohn Sigibert II. zu seinem
Nachfolger.
Doch jetzt sollte ihr Ende nahen. In
Austrasien war ihr Einfluss soweit zurückgegangen, dass sich die Bischöfe gegen den
unmündigen Thronfolger erhoben. Unter
Arnulf von Metz und Pippin von Landen formierte sich der Aufstand des austrasischen
Adels, und Brunichilde wurde vertrieben.
Sie flüchtete von Koblenz, und wollte in burgundische Gebiete. Vorübergehend
versteckte sie sich in Orbe, und wollte von da mit dem Thronerben nach Châlons
ins Burgund.
Doch jetzt hatte sich auch Chlothar II., der Sohn Chilperichs und Fredegundes,
der König von Neustrien, dem Aufstand in Austrasien angeschlossen, und er
nahm die alte Dame und das junge Kind gefangen. Königin und König von Burgund
wurde der Prozess gemacht. Chlothar bracht Sigibert II. um, und klagte Brunichilde an, für den Tod seines Vaters Chilperich und für jenen von 9 weiteren Königen des Frankenreichs verantwortlich zu sein. Für Brunichilde war das das definitive Ende. Sie wurde drei Tage lang gefoltert, dann halb entblösst den Soldaten vorgeführt und schliesslich auf schändlichste Art hingerichtet. Chlothar II.
wurde nun via seinen Grossvater Chlotar I. König der Franken.
Würdigung und Ausblick
Fast das Ende der Merowinger
Der Aufstieg der ersten fränkischen Dynastie zur Macht hatte damit ein
schreckliches, vorläufiges Ende genommen. Die austroburgundische Königsfamilie
war ganz ausgerottet, und in Neustrien hatte sich gerade noch Chlothar halten
können.
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Das fränkische Erbrecht, das die Teilung der Güter des Königs unter seine
Söhne vorsah, war in Zeiten, als das Reich expandieren konnte, von Vorteil gewesen. Das hatten Chlodwig und seine Söhne bewiesen. Die Franken waren im Nordosten des ehemaligen römischen Reiches zur führenden Macht aufgestiegen, und
hatten vom oströmischen Kaiser die Anerkennung bekommen. Jetzt, wo die Ablösung des weströmischen Kaisers durch das Ende der Völkerwanderung an ihre
Grenze gestossen war, erwies sich das germanische Erbrecht als explosive Mischung, die sich auch nach Innen wenden konnte. Die Kombination mit der Blutrache zwischen Brunichilde und Fredegunde führte zu barbarischem Verhalten in
der Königssippe und schwächte diese letztlich entscheidend.
Die Geschichtsschreibung ist sich bis heute
nicht einig geworden, wie sie die beiden
Frauen bewerten soll. Gregor von Tours,
der heilig gesprochene Bischof, der Sigibert und Brunichilde getraut hatte und als
erster die Geschichte der Franken auszeichnete, steht hinter Brunichilde. Er
sieht in ihr eine kraftvolle, politisch denkende Person, die allen Widerwärtigkeiten
zum Trotz an einem starken Königtum im
Frankenreich gearbeitet habe. Hätte sie
das geschafft, wäre sie als Überwinderin
des
problematischen
fränkischen
Erbrechts bekannt geworden. Vielleicht
würde man dann ihren Sohn Childebert
statt Karl dem Grossen als den Vorzeigefranken feiern. Fredegar, der ebenfalls
eine Chronik der Franken geschrieben hat
und das Pseudonym für einen Mönch im Burgund ist, sieht in Brunichilde die
fremde Hetzerin gegen die Prinzipien des Frankenreichs, die in ihren Exzessen
der Liebe, des Streits und des Mordes nur dank der katholischen Kirche gebremst wurde. Bis heute scheiden sich daran die Geister.
Dies ist nicht zuletzt eine Folge davon, dass es ausser den beiden genannten
Chroniken keine zeitgenössische Geschichte der Franken gibt, vielmehr die
mündliche Tradition das Geschichtsbewusstsein prägte. Aus dieser sind 500 bis
600 Jahre später die isländische Edda und das deutsche Nibelungenlied entstanden, in den alle Personen, die hier vorgestellt wurden, weiterleben, wenn sich
auch in ihren Taten und Leben reale Begebenheit und freie Erzählung mischen.
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Und in diesen wurde Brunichilde zum ersten weiblichen Star des frühen Mittelalters.
Noch mehr Mühe hat die Geschichtsschreibung mit den Merowingern überhaupt.
Die katholische Kirche hat in ihnen die ersten Christen gesehen, womit viele
Mitglieder der Merowingersippe heilig gesprochen wurden. Die französischen
Könige und auch Kaiser Napoléon haben sich auf Chlodwig und seine Nachfahren
berufen. Napoléon selber nutzte den Thron Dagoberts, als er sich an seine
Truppen wandte. Die Revolutionäre von 1798 konnten mit den Meros gar nichts
mehr anfangen; sie haben sie, allen voran Dagobert mit Kinderliedern lächerlich
gemacht, und den Adel vor der Revolution pauschal als seiner Nachfolger
beschimpft, während das Volk die Nachfahren der wahrhaft tapferen Gallier sei.
Interessant ist aber, dass auch die französischen Konterrevolutionäre in den
Verdacht gerieten, Nachfahren von verwandten der Burgundiones zu sein. "Vandalismus" ist seit dieser Zeit der stehende Begriff für blinde Zerstörung, und
bezieht sich direkt auf die Erinnerung an die Invasion von Barbaren, wie man aus
römischer Sicht die Völkerwanderung sieht.
Aus heutige Sicht ist klar: Es waren sehr raue Zeiten. Es galten andere Sitten,
und es gab nicht mehr die römische Herrschaft, aber auch noch nicht die hochmittelalterliche mit der Symbiose von Papst und Kaiser. Es war ganz offensichtlich eine unruhige Zeit, in denen sich die Regionenbildung vollzog, die kulturell so
entscheidend werden sollte. So sind die Merowinger heute keine Vorbilder mehr,
aber Teil der Geschichte unseres Raumes. Neustrien, Austrien und Burgund
waren zwar Teil des fränkischen Königreiches, das sich nach 561 als Monarchie
über verschiedene Vaterländer verstand. Und als patria galten damals eben
dieses Austrien, dieses Neustrien und dieses Burgund. Das waren untrügerische
Zeichen, dass das römische Reich mit seinen Provinzen, seinen Städten und
seinen Völkern nicht mehr war.
Verlierer und Gewinner ihrer Zeit
Den Streit in der merowingischen Königssippe des späten 6. Jahrhunderts bezahlt haben in erster Linie die Völkerschaften, deren Zuordnung zu einem der
drei Teilreiche Austrien, Neustrien und Burgund, aus denen das Frankenreich
zwischenzeitlich bestand, nicht eindeutig war. Das Beispiel des schweizerischen
Mittellandes zeigt, wie prägend die Konflikte zwischen Austrasien und Burgund
werden konnten. Zunächst war alles klar, denn die Burgunder waren südlich des
Rheins die ersten germanischen Siedler. Dann wurden sie mit dem Untergang des
Königreichs Burgund getrennt, und sie gerieten in den Einflussbereich Austra-
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sien. Erstmals orientierte sich das Mittelland damit nicht nach Westen wie bei
den Kelten oder nach Süden wie bei den Römern, sondern nach Norden. Schliesslich einigte man sich auf die Aare als herrschaftliche Grenze, doch die Nachbarschaft der zwei ungleichen Völker vertrug sich nicht.
Das hatte mehrere Gründe: Die burgundischen Siedler mit Genf als Hauptstadt
hatten die spätantike Kultur aufgenommen. Sie waren Romanen geworden, gehörten zum Königreich der Burgunderkönige Chilperich und Gundobad, und sie waren
unter König Sigismund Christen geworden. Auf der anderen Seite standen die
ewigen Verlierer, zuerst von Römern besiegt und als Föderaten gegen die Franken ausgetauscht, dann von diesen besiegt und als unselbständiges Volk betrachtet, gelang es ihnen nie, ein eigenes Königtum zu etablieren. Im austrasisch-burgundischen Krieg von 610 bis 613 erlebte man im schweizerischen Mittelland
erstmals, was es heisst, im Schussfeld gegensätzlicher Kräfte zu sein. Diese
Gegensätzlichkeit sollte noch mehrfach zurückkehren, wenn das fränkische
Königtum schwach war.
Vorerst aber stieg ein neuer Machtfaktor im Frankenreich auf. Der eigentliche
Gewinner der Auseinandersetzung um Brunichilde war Austrasien. Hier ordnete
der neue Hausmeier, Pippin von Landen, die Macht, und er machte seinen
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Verbündeten in der Revolte gegen Brunichilde, Arnulf von Metz, zum Bischof der
Hauptstadt. Die beiden gelten denn auch als die Stammväter der Karolinger, die
140 Jahre später selber Könige von Frankreich wurden. Vorerst aber regierten
er und seine Nachfahren als Kanzler am austrasischen Hof mit Strenge über ihr
Land. Eben die Hausmeier führten jetzt auch die Armee, und Austrasien
eroberte 687 so Neustrien.
Nun brauchte es nur noch eines, dass der austrasische Adel das ganze Frankenreich für sich beanspruchen konnte: den Islam. Dieser dehnte sich unter Mohammeds Nachfolgern, den Kalifen, rasant über Afrika nach Spanien aus, brach
das westgotische Reich zu Fall und dehnte sich im Frankenreich über Acquitanien
und Burgund aus. Jetzt setzten die Hausmeier unter Karl Martell 737 zum
entscheidenden Gegenschlag an, vertrieben die Mohammedaner aus ihrem Reich
und eroberten Burgund zurück. Sein Bruder Karlmann eroberte 747 auch
Alemannien zurück, und so wurde Karl Martells Sohn, Pippin der Jüngere, 751
fränkischer König, und der Papst bemühte sich erstmals über die Alpen, um ihn
auch als Teil der christlichen Gemeinde Rom aufzunehmen. Damit gingen das
päpstliche Rom und das Frankenreich der Pippinien eine Symbiose ein, aus dem
das weströmische Kaiserreich noch einmal, als lateinisch-fränkischen Kaiserreich
entstehen sollte. Im Jahre 800 wurde Pippins Sohn, Karl, der das Frankreich
geeint und erweiterte hatte, zum römischen Kaiser gekrönt.
Burgund war jetzt wieder ganz eingedeckt durch das mächtige Frankenreich.
Gundobads erben sollten jedoch die nächste Krise der Franken nutzen, um ihr
burgundisches Königreich wieder auferstehen zu lassen!
Claude Longchamp, Historiker, Politwissenschafter / Dezember 2005
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