____________________________________________________________________________________________________ 2 Musikstunde mit Antonie v. Schönfeld SWR2 Donnerstag, 26. Januar 2012, 9.05-10.00 „...und exercir´ er die alten Musikanten nur recht tüchtig“ Friedrich dem Großen zum 300. Geburtstag (1-5) IV. Kunst und Kriege Erlaß zum Regierungswechsel am 1. Juni 1740: „Unsere größte Sorge wird dahin gerichtet seyn, das Wohl des Landes zu befördern, und einen jeden unserer Unterthanen vergnügt und glücklich zu machen.“ Es muss ein bisschen so gewesen sein wie bei der Amtsübernahme von Barack Obama in den USA. Als Friedrich II. König wurde, seinem unpopulären Vater Friedrich Wilhelm I. auf den Thron folgte, war die Hoffnung auf Veränderung groß, im Land herrschte Aufbruchstimmung, die Menschen waren geradezu enthusiastisch. Dieser König war ein Kind der Aufklärung und tatsächlich hagelte es neue Erlässe: Verfügung Friedrichs vom 3. Juni 1740: „Seine Königliche Majestät haben resolviret, in Dero Landen bei denen Inquisitionen die Tortur gänzlich abzuschaffen, außer bei dem „crimen laesae majestatis“ und Landesverräterei, auch denen großer Mordtaten, wo viele Menschen ums Leben gebracht.“ 3 Und schließlich am 22. Juni 1740: „Die Religionen müssen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal das auge darauf haben, das Keine der andern abruch tuhe, den hier mus ein jeder nach seiner Faßon selich werden.“ Friedrich ließ die Kornspeicher öffnen und das Getreide gegen geringe Abgaben an das Volk verteilen, Friedrich lockerte die Zensur, sodass im Land bald kontrovers politisch debattiert werden konnte und neue Zeitungen gegründet wurden, und was die Kulturpolitik betraf, so leitete Friedrich mit seinem Amtsantritt eine grundsätzliche Wende ein: ________________________________________________________ Musik 1 Nicola Porpora 3´24 <1> Tu che d´ardir m´accendi aus: Siface Philippe Jaroussky, Countertenor Le Concert d´Astrée Ltg. Emmanuelle Haim Virgin 0094639524228, LC 7873 ________________________________________________________ 4 Friedrich II. war ein intellektueller Kopf: er hat sich mit Philosophie und Literatur auseinandergesetzt, er war gebildet und liebte Musik: Der aufwendige Bau der Königlichen Oper in Berlin entsprach also durchaus seinen Vorlieben, war ihm wichtig. - Philippe Jaroussky, begleitet vom Concert d´Astrée unter Emmanuelle Haim, sang gerade eine Arie aus der Oper Siface von Nicola Porpora. Im 18. Jahrhundert aber hatte die Hofmusik eines Fürsten immer auch eine Repräsentationsfunktion, und so war mit der neuen Oper in Berlin auch eine politische Aussage verbunden: Der junge König wollte den preußischen Hof glänzen lassen wie die ersten Höfe Europas - und im Vergleich zu Dresden, Wien, Paris war viel aufzuholen! Der Bau der Oper war die erste Großtat in dieser Richtung, Friedrich ließ mit den Bauarbeiten beginnen noch während des Ersten Schlesischen Krieges: (Im Dezember 1740 hatte Friedrich die Habsburger-Provinz Schlesien angegriffen und besetzt, - damit hatte niemand gerechnet. Er nutzte die Umbruch-Situation nach dem Tod Kaiser Karl VI., um Österreichs reichste Provinz - eben Schlesien - zu annektieren und Preußen mehr Macht zu verschaffen.) Auch in den folgenden Schlesischen Kriegen – der dritte ging als der Siebenjährige Krieg in die Geschichte ein – ging es darum, die Provinz Schlesien für Preußen dauerhaft zu sichern,- das Ziel: Preußen sollte Großmacht werden und bleiben. 5 Im Rückblick läßt sich - in Bezug auf alle schlesischen Kriege - eine Art „Tätigkeits-Muster“ erkennen: Immer wenn sich das Ende eines Krieges abzeichnete und ein Friedensschluss greifbar wurde, hat sich der König neuen Projekten zuhause zugewandt: Das konnten neue Bauten sein, Umbau-Ideen oder es betraf seine Hofmusik, die Einstellung neuer Musiker, die Einführung von BallettTänzern für die Oper, - immer waren es große Vorhaben, so, als ob Friedrich, der im Krieg zerstörte, das kompensieren wollte, in dem er in der Kunst Neues aufbaute. ________________________________________________________ Musik 2 Johann Adolf Hasse 1´40 CD 2 <19> Sinfonia di stromenti militari aus: Cleofide Capella Coloniensis Ltg. William Christie capriccio 10193-6, LC 8748 ________________________________________________________ 6 (Sinfonia di stromenti militari – aus der Oper Cleofide von Johann Adolf Hasse) Nach dem Ende des Ersten Schlesischen Krieges also die Oper. Nach dem Ende des Zweiten Schlesischen Krieges (1744/45) verlagerte Friedrich die Regierungsgeschäfte von Berlin nach Potsdam und trieb den Umbau des Potsdamer Stadtschlosses voran, in dem ein neues Theater und ein Konzertsaal entstanden. - Und Schloss Sanssouci wurde gebaut, das Sommerschloss, des Königs Refugium: hierhin wollte er sich zurückziehen können, hier sollte er später Voltaire ein Zimmer zuweisen und hier ließ er ein Musikzimmer einrichten mit opulenten Tapisserien und Wandverkleidungen - Schnörkel à la Rokoko. Nach dem Siebenjährigen Krieg schließlich ordnete der König im Friedensjahr 1763 den Bau des Neuen Palais an, ein großes neues Schloss, das in seinen repräsentativen Ausmaßen so gar nicht in die Nachkriegszeit zu passen schien. Auch hier wurde ein aufwendiger Konzertsaal errichtet, und dazu das reich ausgestattete Theater, das die beiden oberen Stockwerke des Süd-Flügels einnimmt, golden verzierte Säulen, roter Samt – hier kann man heute noch Aufführungen besuchen. 7 Die italienische opera seria und - später auch die opera buffa, die komische Oper, die vor allem im Potsdamer Stadtschloss aufgeführt wurde - waren Friedrich während seiner mehr als 40 Regierungsjahre durchgehend ein wichtiges Anliegen. Während der Monate und Jahre, die er auf Feldzügen war, mussten sie ruhen: Friedrichs Tätigkeit in der Rolle des Musenfürst Apoll war den Friedenszeiten vorbehalten. Dann aber konnte er Oper in vollen Zügen genießen und eine Ouvertüre von Johann Adolf Hasse beispielsweise versprach das reine Vergnügen: ________________________________________________________ Musik 3 Johann Adolf Hasse 7´45 CD 1 <1> Ouvertüre aus: Cleofide Capella Coloniensis Ltg. William Christie capriccio 10193-6, LC 8748 ________________________________________________________ 8 Johann Adolf Hasse - Cleofide - die Ouvertüre, William Christie leitete die Capella Coloniensis. Hasses Oper Cleofide war knapp zehn Jahre vor Friedrichs Regierungsantritt in Dresden uraufgeführt worden, - neben Carl Heinrich Graun wurde Hasse zu Friedrichs Lieblingskomponisten für die Oper, ihre Bühnenwerke sind regelmäßig in Berlin aufgeführt worden. Allein die ersten neuen Verfügungen, die ersten Taten, die Opernpläne und die schnelle Entscheidung zum ersten Krieg um Schlesien zeigten Friedrich als entscheidungsfreudigen Monarchen. Tatkräftig erschien er und entschlossen, vor allem schnell entschlossen – und: „schnell sein heißt modern sein“ - das ist bis heute so. Es heißt, er sei von Berlin nach Potsdam - das sind rund 30 km - in gut einer Stunde geritten - „immer Galopp und Carriere“. Und früh hat er gesagt: „Ich fange an mit Eroberungen. Gelehrte werden mir später bestätigen, dass ich im Recht war.“ -Die Musik wirkt zum Kriegerischen fast wie ein Gegenstück, -obwohl man auch hier von Eroberungen sprechen kann: Die besten Sänger an den eigenen Hof zu holen - direkt aus Italien oder anderen Höfen abzuwerben - das bedeutete sowohl Genuß für die eigenen Ohren wie auch Prestigegewinn. 9 Dass auch dieser Art Eroberung ständig Thema war in Friedrichs Kreisen, das zeigt ein Ausschnitt aus einem Brief an den Fürsten von Francesco Algarotti, einem der geistreichen Kammerherrn und Berater in Friedrichs Tafelrunde, Algarotti verleiht hier seiner Hoffnung Ausdruck, dass Friedrich bald aus dem Krieg zurückkehre, vorzugsweise siegreich und nicht zuletzt zu der Kunst: „Dass der Befreier Deutschlands, dass der Retter des Bündnisses bald die Trommeln und Trompeten gegen die Flöte und Violinen und Lobkowitz gegen Faustina vertauschen möge.“ Lobkowitz, -das war der österreichische Feldmarschall und Faustina Bordoni eine europaweit bekannte und hofierte Sängerin, Ehefrau übrigens von Johann Adolf Hasse, damals am Dresdner Hof. Friedrich sollte sein Leben lang gute Sänger geradezu jagen: Sie waren ihm viel wert, seine „chapons e poulardes“, seine „Kapaune“ und „Hühner“, seine Kastraten und Primadonnen... ________________________________________________________ Musik 4 Johann Adolf Hasse 5´31 CD 2<14> Duetto: Se mai più sarò geloso aus: Cleofide Cleofide - Emma Kirkby Poro - Derek Lee Ragin, Altus Capella Coloniensis Ltg. William Christie capriccio 10193-6, LC 8748 ________________________________________________________ 10 Se mai più sarò geloso - Bin ich je wieder eifersüchtig Emma Kirkby und Derek Lee Ragin sangen dieses Duett aus dem ersten Akt der Oper Cleofide von Johann Adolf Hasse. William Christie leitete noch einmal die Capella Coloniensis. In der Oper wie überhaupt in seiner Hofmusik duldete Friedrich kein Mittelmaß: Es hatte das Beste zu sein, was der Musikmarkt hergab: herausragende Komponisten, hervorragende Instrumentalisten und allerbeste Sänger. Seit der Eröffnung der neuen Oper 1742 wurden jedes Jahr in der Karneval-Saison zwei große Produktionen auf die Bühne gebracht, meist Werke von Graun und Hasse, -Aufführungen aber gab es während des ganzen Jahres. Die Hofkapelle aus Rheinsberg musste jetzt umstrukturiert und vor allem vergrößert werden, die Anforderungen hatten sich geändert: So kamen 1741/42 zu den 21 „Kapellbedienten“ aus der Rheinsberger Zeit 14 neue dazu, -und Friedrich überlegte sehr genau, wen er einstellte: In jeder Gruppe, bei Streichern wie Bläsern, fand sich mindestens ein Musiker von Rang, der seine Mitspieler und vor allem jüngere Musiker auch unterrichten konnte. -Tatsächlich scheint Friedrich früh an Nachwuchskräfte gedacht zu haben, die sich jeweils möglichst homogen in die bestehende Kapelle einfügen sollten. 11 Und dann wurden für die Zwischenakt-Ballette noch französische Tänzerinnen und Tänzer engagiert. - Damit haben Mitte der 1750er Jahre rund 50 Musiker zu Friedrichs Hofmusik gehört: etwa 40 Instrumentalisten und acht Gesangssolisten plus die Tänzer. Sein Anspruch, er wolle eine Oper besitzen, „die im Blick auf Klarheit und Eleganz der Stimmen keinen Vergleich zu scheuen brauchte“ wurde Friedrich über die längste Zeit seiner Regierungsjahre gerecht, er hatte Sänger unter Vertrag wie den Kastraten Felice Salembini, die berühmte Giovanna Astrua und Giovanni Carestini: Der war - im Vergleich zu Farinelli - kein reiner Singakrobat, sondern berührte mit anderen Qualitäten. Der Engländer Charles Burney schrieb über ihn: „Carestini erfreute das Auge mit der Würde, Anmut und Angemessenheit seiner Bewegungen und Gesten in gleicher Weise, wie er das Ohr durch wohlüberlegten Einsatz einiger Noten innerhalb der Grenzen seines (im Vergleich zu Farinelli) kleineren Stimmumfangs entzückte.“ „Entzückte“ beispielsweise mit einer Arie aus der Oper Orfeo von Carl Heinrich Graun: 12 ________________________________________________________ Musik 5 Carl Heinrich Graun 4´25 <12> Aria: In mirar la mia sventura aus: Orfeo Philippe Jaroussky, Countertenor Le Concert d´Astrée Ltg. Emmanuelle Haim Virgin 0094639524228, LC 7873 ________________________________________________________ In mirar la mia sventura Philippe Jaroussky sang diese Arie des Orfeo aus der gleichnamigen Oper von Carl Heinrich Graun. Er wurde begleitet von Le Concert d´Astrée unter der Leitung von Emmanuelle Haim. Friedrichs kulturpolitische Änderungen bezogen sich übrigens auch auf eine allgemeine kulturelle Bildung: Kunst sollte allen zugänglich sein! Über die Berlinischen Nachrichten ließ er 1743 ausdrücklich verkünden: „Den Fremden so wohl, als den Einheimischen, von was vor Stande sie sind, wird erlaubt seyn, ohne Endgeld, sich bey denen Opern, Comödien, und masquirten Bällen, einzufinden.“ Das klingt offener, als es in der Praxis tatsächlich der Fall war, denn zwar war der Eintritt unentgeltlich, doch wer in die Oper, ins Theater wollte, musste ein Billet erwerben und über deren Vergabe entschied die Theater-Intendantur. 13 - Der König dachte bei dieser Idee auch an die Außenwirkung seiner Oper, das zeigt die Vorgabe, dass Reisende und ausländische Gesandte bei der Kartenvergabe bevorzugt wurden: So gingen Bedienstete des Hofes in den Tagen vor einer Opernvorstellung in die Berliner Gasthöfe, erkundigten sich hier nach Fremden und brachten ihnen - je nach Wunsch - Eintrittskarten, - viele Berliner gingen dagegen leer aus. -Die Hofkapelle übrigens, die keineswegs nur Oper gespielt hat, blieb in ihrer Besetzung über viele Jahre stabil: Bereits seit der Rheinsberger Zeit gehörten dazu u.a. die Brüder Johann Gottlieb Graun und Carl Heinrich Graun, - der sich mit um den Aufbau des Gesangsensembles gekümmert hat, dazu gehörten die Brüder Franz und Johann Georg Benda, der Flötist Johann Joachim Quantz, der Cembalist Christoph Schaffrath, der Contraviolonist Johann Gottlieb Janitsch und seit 1741 als zweiter Cembalist auch Carl Philipp Emanuel Bach. Fast alle Mitglieder waren zugleich ausführende Musiker und Komponisten; in den letzten Jahren sind einige - auch der weniger bekannten - wieder entdeckt und ihre Werke neu eingespielt worden, u.a. einige Sinfonien von Johann Gottlieb Janitsch. ________________________________________________________ Musik 6 Johann Gottlieb Janitsch 2´11 <1> Allegro aus: Sinfonia Es-dur Antichi Strumenti CYP 1658, LC ? 14 Johann Gottlieb Janitsch war schon Mitte der 1730er Jahre in die Dienste des - damals noch - Kronprinzen getreten und blieb in Berlin bis zu seinem Tod 1762. Für den musikalischen Alltag der Berliner Hofmusik hat Janitsch vermutlich Ouvertüren, Concerti und Sinfonien geschrieben, - „vermutlich“, da ein Archiv mit Werken der Hofkapelle nicht überliefert ist. Manchmal aber helfen Umwege: Ein ganzes Konvolut seiner Sinfonien ist in Darmstadt gefunden worden, denn der dortige Hofkappellmeister Christoph Graupner hatte sich seinerzeit für die Berliner Hofmusik interessiert und die Sinfonien eigenhändig kopiert, - sie tragen jetzt den Zusatz „ Darmstädter Sinfonien“. Gedacht waren solche Sinfonien vor allem für die sog. „Großen Konzerte“, - die haben in der Regel stattgefunden bei den Damen des Preußischen Hofes: und zwar im Berliner Stadtschloss oder in den jeweiligen Sommerresidenzen bei der Königinmutter Sophie Dorothee, bei der regierenden Königin Elisabeth Christine oder bei Friedrichs jüngster Schwester, der Prinzessin Anna Amalia. Neben der Oper und den eher privaten Kammerkonzerten in Friedrichs Gemächern wurde bei diesen repräsentativen Konzerten Werke ganz unterschiedlicher Gattungen gespielt, auch die damals noch junge Sinfonie: Im Aufbau dieser Stücke, im Satzbau sind - in den Streichern - die Außenstimmen die wichtigen: die Melodieführung liegt in der ersten Violine, die harmonische Stütze im Bass und die Mittelstimmen werden beiden paarig zugeordnet. 15 ________________________________________________________ Musik 7 Johann Gottlieb Janitsch 2´44 <3> Andante-Allegro aus: Sinfonia Es-dur Antichi Strumenti CYP 1658, LC ? ________________________________________________________ Johann Gottlieb Janitsch - Sinfonia Es-dur, gespielt vom Ensemble Antichi Strumenti. Die Gagen, die Friedrich der Große seinen Musikern zahlte, fielen sehr unterschiedlich aus: Die Gehälter, die er einigen seiner Sänger zu zahlen bereit war, waren zum Teil in schwindelerregend hoch, vor allem im Vergleich zu manchem Salär der Instrumentalisten. Und am Gehalt - das war damals nicht anders als heute - lässt sich durchaus die Stellung eines Musikers bei Hofe ablesen, die Hofkapellrechnungen vom preußischen Hof aus jener Zeit geben uns hier wichtige Informationen: Hier kann man nachlesen, welcher Musiker wann in preußische Dienste trat, wie lange blieb und wen er gegebenenfalls mitbrachte. Diese Rechnungen erzählen auch, welcher Musiker Friedrich wie viel wert war: Es verwundert nicht, das ein Johann Joachim Quantz, der dem Prinzen das Flötenspiel beigebracht hatte, mit 2000 Talern ein hohes Jahresgehalt bekam, - Kompositionen wurden extra bezahlt! - und der Stellenwert der Sänger lässt sich daran ablesen, dass deren Gagen mit teilweise fast 5000 Talern noch um ein Vielfaches darüberlagen (- dafür griff Friedrich gerne in seine Privatschatulle). 16 Die meisten Instrumentalisten-Gehälter lag weit darunter und - durchaus im Unterschied zu seiner Kennerschaft in Bezug auf die Gesangssolisten zeigt sich, dass sich der Monarch in seiner Einschätzung und Wertschätzung Einzelner auch vertun konnte: Es mutet fast befremdlich an, dass Friedrich seinen Hofcembalisten Carl Philipp Emanuel Bach mit nur 300 Talern im Jahr geradezu „abspeiste“ und auch auf Nachfragen nicht bereit war sein Gehalt zu erhöhen. Da konnte ein unvorhergesehener Zwischenfall durchaus einmal zu einem „Nebenverdienst“ führen: - Da gibt es die Geschichte, dass sich an einem Frühjahrstag einmal der Lieblingshund des Königs - Friedrich hatte eine Leidenschaft für Windspiele entwickelt, jene tänzelnden, leicht nervösen Hunde dass also Alcmene nicht hörte, sich losriss und Monsieur Bach anfiel, der gerade in feinstem Zwirn zum Dienst erschienen war. - Es war wohl keine ernsthafte Verletzung zu beklagen, doch „für 2 Kleyder, so ihm die Mené entzwei gefreßen hat“ zahlte der König Carl Philipp Emanuel Bach 59 Taler und 12 Groschen aus seiner Privatschatulle, - das entsprach etwa einem Fünftel seines Jahresgehalts. Nimmt man die 300 jährlichen Taler aber für das, was Carl Philipp Emanuel am Hof tatsächlich zu tun hatte, nämlich 28 Jahre lang seinen Dienstherrn auf dem Cembalo begleiten, so wäre hier eher eine Relation zu erkennen: Die genialen und ausdrucksstarken Kompositionen dieses Bach-Sohns haben Friedrich kaum interessiert, - sie waren ihm vermutlich zu expressiv: 17 ________________________________________________________ Musik 8 Carl Philipp Emanuel Bach 3´05 CD 1 <10> Andante aus: Sonata a-moll Wq 128/H555 (Berlin 1740) Barthold Kuijken, Traversflöte Ewald Demeyere, Cembalo ACC 24171, LC 6618 ________________________________________________________ Für Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach, aber auch für Johann Gottlieb Janitsch und andere Mitglieder der Hofkapelle, war es ein glücklicher Umstand, dass sich um die Mitte des 18. Jahrhundert neben der höfischen auch die bürgerliche Musikkultur immer mehr etablierte. Die Musiker waren daran aktiv beteiligt: So hatte Janitsch beispielsweise schon 1738 die sog. Freitags-Akademien gegründet, zehn Jahre später entstand die Musikübende Gesellschaft: Hier trafen sich Adlige und Bürger, musikalisch ambitionierte Laien und professionelle Musiker, um vor allem die neuesten Kompositionen von Mitgliedern der Hofkapelle zu spielen. - Tatsächlich zeigte man sich hier neuen Entwicklungen gegenüber aufgeschlossener als an Friedrichs Hof. -Die Flöte übrigens war in den besseren Kreisen von Berlin sehr beliebt, gerade weil der König sie blies. - Das Andante aus der Sonata a-moll von Carl Philipp Emanuel Bach übrigens, gerade gespielt von Barthold Kuijken (begleitet von Ewald Demeyere), wird Friedrich wohl nicht selbst aufgeführt haben, - von ihm heißt es, dass er nur seine eigenen Kompositionen und die seines Lehrers Johann Joachim Quantz gespielt habe. 18 An welcher Art der Musik Friedrich der Große mehr Erfüllung fand, ob während seiner allabendlichen Kammermusiken mit Quantz, Graun, Bach usw. oder in der Oper, mit der Oper, das lässt sich wohl nicht sagen, zu unterschiedlich sind die Genres und die Anforderungen an ihn selbst: Spielte er bei den Kammerkonzerten eher privatim nur die Flöte, so hat er den Entstehungsprozess eigentlich jeder neu aufgeführten Oper in Berlin intensiv begleitet, und das von der Stoffauswahl (Friedrich hat auch Libretti geschrieben!) bis zum letzten Wort bei Besetzungsfragen und Gestaltung, -wobei er hier viele Interessen verfolgte, auch politische. Manchmal konnten selbst ihm, dem Unermüdlichen, all die Gehaltsforderungen, Sonderwünsche, Streitereien der EnsembleMitglieder untereinander zu viel werden: „Die Opernleute sind solche Canaillen-Bagage, dass ich sie tausendmal müde bin!“ äußerte er bei einer solchen Gelegenheit. Das Gegenstück aber ist seine Begeisterung für die Oper und die behält er bis an sein Lebensende. Für heute „Adieu dem König“, so wie er im Dezember 1745 an Voltaire schreibt: „Adieu; man läutet zur Vesper der Komödianten. Barbarini, Cochois, Hauteville rufen mich; ich werde sie anhimmeln gehen. Ich liebe Perfektion in allen Professionen, in allen Künsten(...)!“ 19 ________________________________________________________ Musik 9 Johann Adolf Hasse 3´08 CD 4 <15> Coro: Al nostro consolo aus: Cleofide Rheinische Kantorei Dormagen Capella Coloniensis Ltg. William Christie capriccio 10193-6, LC 8748 ________________________________________________________