Das Ende des Opernrummels

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Das Ende des Opernrummels.
Einige kulturpolitische Gesichtspunkte zur Jonny-Affäre.
In: NFP, 6.1.1928, S. 1-2 [ungezeichneter Leitartikel]
Wien hat schon zu lange keinen Mordprozeß gehabt […] Es kann doch nicht im Sinn
der ewigen Gerechtigkeit liegen, daß sich diese Stadt ins Normale zurückverirre, daß sie sich
auch einmal an sachlichen, vielleicht sogar an politischen und wirtschaftlichen Dingen
erhitze, die uns doch wahrlich stark genug an Leben, Ehre und Eigentum berühren. Aber da
wird schon immer rechtzeitig vorgesorgt und kaum hat man das nachtröpfelnde
Schmutzwasser des Falles Grosavescu verschwinden sehen, die Auspressung des Interesses
bis zu dem letzten Restchen, bis zur gänzlichen Schamvergessenheit, da beschert uns der
Himmel wieder etwas Neues, etwas wirklich Ungewohntes, nämlich einen solennen
Opernrummel mit aller Verrohung, mit aller Niedertracht, die ja eine solche geistige Rauferei
mit sich bringt. Gewisse Herrschaften können nicht vertragen, daß man anderer Meinung ist
als sie […] daß unser Musikkritiker nicht seit gestern, sondern seit Jahren und Jahren den
Standpunkt strenger Ablehnung gegen die Orgiasten des Mißklangs einnimmt; gegen jene,
die alles, was bisher auch dem kühnsten Musiker heilig war, in Grund und Boden stampfen
und höchstens als billige Zutat für ihre Verstiegenheiten benützen. Das Klampfelanhängen,
das böse Getratsch, das Altweibergewäsch mögen auch die alten Weiber männlichen
Geschlechtes sein, das gehört offenbar zu der Atmosphäre von Wien. Auch verdiente
Züchtigungen würden an diesem Zustand nichts ändern.
Aber nicht von solchen Häßlichkeiten wollen wir sprechen. Was uns interessiert, das
sind die Ursachen der grenzenlosen Ueberbewertung einer Arbeit, die so gar nichts Geistiges
zu bieten vermag, so gar nicht den Kontakt sucht mit den mächtigen Problemen unserer
Epoche, so wie sie wirklich ist und nicht wie sie neckische Fratzerei so gerne haben möchte.
Ist diese Epoche wirklich auch nur durch eine Szene getroffen, die in dieser Oper gespielt
wird? Alle großen Opernschöpfer seit Gluck, seit Beethoven, seit Myerbeer und Wagner
haben versucht, den Stoffkreis zu erweitern, neue, mächtige Leidenschaften zu schildern,
soweit sie Tragiker in der Musik gewesen sind, oder durch den Reichtum an Erfindung, durch
den Glanz der Melodien, durch die innere Süße zu bestricken, soweit sie das musikalische
Lustspiel zum Vorwurf nahmen. Sind neue Leidenschaften in dem Werke, das die Oper zur
Einleitung des Schubert-Jahres dem Publikum gespendet hat? Wir haben nichts davon
bemerkt […]
Worin sollte auch die Neuigkeit bestehen? Darin etwa, daß Elemente der Revue sich
in die Oper drängen und daß statt Walzer und anderer Phantasietänze nun auch Modernes
und Modernstes in diese Sphäre eindringt? Wir glauben nicht, daß die Lorbeeren des Jonny
so bald wieder irgendeinen Komponisten von Rang und Namen, von innerer seelischer
Machtentfaltung verlocken werden. Denn die Erweiterung des Stoffkreises hat doch nur
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dann einen Sinn, wenn sie produktiv ist; wenn die höhere Kunstform neu befruchtet wird
durch Elemente des Naturhaften und Urwüchsigen, wenn die höhere Kunst die Kraft hat,
diese Elemente an sich zu ziehen, sie zu assimilieren, sie gleichsam zu verdauen, um dadurch
an Frische zu gewinnen und innerer Gesundheit. […] Im Musikalischen war es insbesondere
der Walzer, der aus dem Dörflichen ins Städtische gezogen, der von Schubert durchseelt
worden ist, sowie er von Lanner und Strauß beflügelt und emporgehoben wurde in die
Sphäre der sinnlich-übersinnlichen Berauschung, immer im Rahmen des Gesetzes, immer
hoch//gehalten durch die nicht zu bezweifelnde Urgewalt eines beispiellosen Könnens.
Nun werden manche behaupten, dasselbe Experiment sei in der neuen Oper versucht
worden und dem dürfe man nicht entgegentreten. Aber genau das Umgekehrte ist der Fall.
Es gibt Negermusik, die so seelenhaft, so tiefgefühlt, so ergreifend ist wie das Adagio eines
klassischen Meisters. Haben wir von diesen Ergießungen armer gequälter Herzen auch nur
den kleinsten Abglanz in dem Werke des Opernrummels? Ja selbst dort, wo die originale
Negermusik wie ein Katarakt durcheinander schwirrender Tonfiguren ist, selbst bei den ganz
gewöhnlichen und tausendfach abgespielten Tänzen ist viel mehr Temperament innerhalb
des Minderwärtigen herauszuspüren, viel mehr zischender, zappelnder Rhythmus, viel mehr
handfeste, freche Energie als in dem matten Aufguß, den uns diese Oper zu servieren sucht.
Weder ist also Idealisierung versucht worden, ein Empor aus dem Dschungel des
Afrikanertums, die Europäisierung des Niggerwesens, noch ist auch nur jener prickelnde,
wenn auch unkünstlerische Reiz erweckt, den der musikalische Affenkäfig Jazzband
hervorzubringen vermag. Bleiben also die Szenenbilder, bleibt der Spaß, daß eine
Lokomotive auf die Bühne kommt, bleibt die Uebersetzung der Automobil- und
Eisenbahnstimmung ins Musikalische. Und das soll eine neue Epoche sein? Deswegen bricht
ein Rummel los, als müßten sich die Schleußen des Himmels öffnen? Nein, wir glauben, daß
solche Bocksprünge keinerlei Apotheose verdienen, daß sie durchaus nicht würdig sind,
aufgeplustert zu werden als Erzeugnisse des Weltgeistes. Amerika ist keineswegs mehr der
Kontinent, wo Jonny regiert, und wer nur eine Spur von Kenntnis hat von den tiefgreifenden
Veränderungen der intellektuellen Atmosphäre dieses Landes, der wird schon deswegen die
Flachheit und Anmaßung dieses eingebildeten Amerikanismus belächeln. Ein Werk wie die
amerikanische Tragödie von Theodor Dreiser1, Romane wie sie Sinclair Lewis geschaffen hat,
die Lebensarbeit eines Menschen, sie beweisen das Gegenteil, wie sehr die Gebildeten sich
freimachen wollen von dem Ideal oberflächlicher Clownerien, von dem Geist der reinen
Quantität; wie sehr sie nach psychologischer Entfaltung, nach ernster durchgreifender Kritik
ihres Kulturzustandes streben. Der große Opernrummel ist zu Ende. Aber der
Nachgeschmack ist schal und bitter. Das Schubert-Jahr hätte schöner anfangen können als
mit der Ouvertüre zur Entweihung des Hauses.
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Theodor Dreiser (1871-1945): An American Tragedy (1925). Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien
1927 im Wiener Zsolnay Verlag.
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