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SWR 2 Musikstunde mit Rainer Damm, 28. Februar 2012
Der legendäre Dirigentenjahrgang 1912
Erich Leinsdorf und Ferdinand Leitner (2)
Erich Leinsdorf 2
Lesen Sie Musik oder Aimez-vous Beethoven? so überschrieb Erich Leinsdorf seine
Musikalischen Gedanken, die Mitte der Siebziger Jahre in Buchform erschienen.
Diese offenbar doppelt genähte Affinität zur Musik: das Denken UND das Lieben
ist dem österreichisch- amerikanischen Dirigenten, der vor hundert Jahren geboren
wurde, immer eigen gewesen. Bisweilen hat man ihm seine selbstverständliche
analytische Klarheit, seine kapellmeisterliche Strenge, seine durchdachten
Interpretationen fast zum Vorwurf gemacht. Dass international erfolgreiche Dirigenten
außerdem noch zu geistreich - kritischem Nachdenken fähig sind, blieb in seinem
Metier eher die Ausnahme. Er war ein Glücksfall für Kenner und Liebhaber der
Musik... kein Pultstar oder Magier des Taktstocks, vielmehr ein erfahrener Könner,
dem kaum eine Partitur von Bedeutung entgangen ist.
Einen vorzüglichen musikalischen Handwerker der westlichen Welt hat man ihn
einmal genannt, einen Musiker mit jener selten gewordenen Mischung von Wissen
und Begeisterung, von nicht - elitärem Selbstbewusstsein und Ablehnung jeglicher
Andachtszeremonie im Konzertsaal.
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CD RCA 88697809452 Disc 3 track 8
ab 3‘59
5‘20
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John Browning war der Solist in diesem Ausschnitt aus dem 1. Satz von Sergej
Prokofievs Klavierkonzert Nr. 3 in C - Dur op. 26. Erich Leinsdorf stand am Pult des
Boston Symphony Orchestra.
Dieser Prokofiev - Zyklus mit den vier Sinfonien, fünf Klavierkonzerten, den beiden
Violinkonzerten, der Leutnant Kijé-Suite und einer von Leinsdorf selbst zusammengestellten Romeo und Julia Suite gehört zu den wichtigsten Schallplattenprojekten,
die unser Protagonist als Orchesterchef in Boston während der Sechziger Jahren
realisiert hat. Obwohl sein Vermächtnis auf Tonträgern bei seinem Stammhaus
RCA in den beiden letzten Jahrzehnten, und selbst anlässlich seines 100.
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Geburtstags eher stiefmütterlich behandelt wurde und wird, so ist doch zumindest
seine Prokofiev-Kassette, die Referenzqualität beanspruchen darf, kürzlich zum
Schnäppchenpreis wiederaufgelegt worden. Mein Wort darauf, dass ich weder
Provisionen in bar, noch Hotel - Upgrades und schon gar keine Gratis - Urlaube für
meine Empfehlung bekomme, aber die Anschaffung zum Preis einer Familienpizza
lohnt wirklich.
Wenn von Leinsdorfschen Großprojekten mit Pioniercharakter die Rede ist, dann
muss auch seine Gesamteinspielung der Mozart - Sinfonien mit dem Royal
Philharmonic Orchestra London erwähnt werden, die Leinsdorf - man glaubt es
kaum - in den Fünfziger Jahren bei dem schon lange untergegangenen aber
inzwischen von dem Medien - Giganten Universal aufgesogenen Westminister Label aufgenommen hat.
Als allererster, noch lange vor Karl Böhm, Karajan und den inzwischen zahllosen
nachfolgenden wie Trevor Pinnock , Christopher Hogwood, Charles Mackeras oder
John Eliot Gardiner hat Leinsdorf den Kosmos der Mozartschen Sinfonien in Gänze
in Angriff genommen. Mitte der Fünfziger Jahre !!!
Nicht nur medien- sondern auch interpretationsgeschichtlich steht diese Großtat
Leinsdorfs absolut einzigartig da. Hier wird deutlich, warum er damals ein Außenseiter unter den Mozartdirigenten bleiben musste. Er tat nämlich das, was drei Jahrzehnte später Harnoncourt und Gleichgesinnte mit Nachdruck aufgegriffen haben.
Er verschärfte die Kontraste bei der Artikulation und bei der Balance zwischen den
Instrumentengruppen. Was die Tempowahl betrifft, lässt sich der Einfluss seines
einstigen Förderers Toscanini nicht überhören. Leinsdorf schlägt einen Sturm - und
Drang - Tonfall an, der dem damals bevorzugten und eher betulichen Wiener Mozart
- Stil von Böhm oder Krips diametral entgegenstand.
In seiner Bostoner Zeit hat Leinsdorf dann noch einmal einige seiner Mozartschen
Lieblingssinfonien mit seinem Orchester aufgenommen....
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Umschnitt von Platte RCA (SWR) take 4 ab 6‘39 = 5‘25
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Das Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Erich Leinsdorf spielte das
Finale der Sinfonie Nr. 41 in C- Dur KV 551 von Wolfgang Amadeus Mozart. A
propos Mozart.... Leinsdorfs hochinteressante Cosi fan tutte Produktion aus dem
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Jahre 1967 gehört noch heute zur Grundausstattung jeder fortgeschrittenen Mozart Opernsammlung.
Denn es handelt sich um die erste Aufnahme, die den Anspruch auf Vollständigkeit
erheben kann, sowohl, was die Rezitative, wie auch die Anzahl der musikalischen
Nummern betrifft.
Die Besetzung rekrutiert sich aus den damals besten Kräften der Metropolitan Opera,
wir erleben großen Klang, der sich von den heutigen kammermusikalisch orientierten
und historisch informierten Herangehensweisen deutlich unterscheidet. Eine Lesart,
die sich nicht in hintergründigen Subtilitäten verliert, aber trotzdem überzeugend
wirkt durch die vitale Herangehensweise, a typically American approach, möchte
man sagen. Die Charaktere sind deutlich ausgeprägt, und - was mich persönlich für
diese Aufnahme einnimmt - der feine, hintergründige Witz, der hier durchscheint,
und der sich beispielsweise von Karl Böhms gewöhnugsbedürftigen und manchmal
etwas behäbigem Humorverständnis wohltuend abhebt.
Leontyne Price und Tatiana Troyanos verstehen es, genau wie in der Partitur
vorgegeben, ein sprunghaft unberechenbares Schwesternpaar zu geben, immer
voll bei der Sache, total aufgeregt und überdreht, heute so, und morgen schon
wieder ganz anders, so wie Frauen eben sind, wenn sie meinen, die ganze Welt
drehe sich nur um sie. Oder noch besser: die ganze Welt läge ihnen zu Füßen.
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CD RCA GD 86677
Disc 2, track 15 & 16
4‘40
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Prenderò quel brunettino... ich nehm den schnuckeligen, süßen Braunen - Fiordiligi
und ihre Schwester Dorabella stecken schon mal das Revier ab, melden Interesse
an und äußern Vorlieben im Hinblick auf mögliche künftige Liebhaber, obwohl sie ja
eigentlich noch mit ihren derzeitigen Verlobten verbandelt sind.....
Sie hörten Leontyne Price und Tatiana Troyanos in diesem Duett aus dem 2. Akt
von Mozarts Cosi fan tutte. Erich Leinsdorf leitete das New Philharmonia Orchestra.
Dass Leinsdorfs Mozart mit breiterem Pinsel gemalt ist und nicht so
transpararentdaherkommt, wie wir das heute von der historisch informierten
Aufführungspraxis kennen, empfinde ich nicht als Schaden. Solche Interpretationen
haben den Reiz älterer Fotographien, sind gleichsam Fenster zu einer andern Zeit,
wirken aber nicht im mindesten vergilbt. Temperament, Frische und die Liebe
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Leinsdorfs zu Mozart wird hier spürbar - und es wird, wie bei diesem Dirigenten nicht
anders zu erwarten, immer auf höchstem Niveau musiziert. Kein unnötiges Pathos,
kein Manierismus, die Klarheit der Darstellung steht im Vordergrund.
In puncto Vollständigkeit hat Leinsdorf nicht nur bei Cosi fan tutte Pionierarbeit
geleistet. Auch sein Don Giovanni, aufgenommen im Wiener Sofiensaal im Juni
1959, war die erste Gesamtaufnahme der Oper, die auch das Duett von Zerlina und
Leporello Per queste tue manine im Anschluss an Don Ottavios zweite Arie enthält.
Ein drastisches, urkomisches Kabinettstück, in dem Zerlina, unterstützt von einem
Bauern, Leporello kräftig Saures gibt, nicht nur mit Worten. Sie schleift ihn an den
Haaren über die ganze Bühne hinter sich her, und macht klare Ansagen, was
passieren wird, wenn Leporello ihren Befehlen nicht nachkommt.
Setz Dich, sonst reiße ich Dir mit diesen meinen Händen das Herz heraus und werfe
es dann den Hunden vor. Vor soviel Entschlossenheit knickt auch Leporello ein und
tut was man von ihm verlangt. Er setzt sich, und wird dann von Zerlina und dem
Bauern fest an einen Stuhl gefesselt. Als er merkt, dass es ernst wird, verlegt sich er
sich noch einmal aufs Turteln. Per queste tue manine.....um dieser deiner weißen
und zarten Händchen willen.....sei barmherzig mit mir. Säuselt er. Aber das wäre
besser ungesagt geblieben, denn solche Worte steigern Zerlinas Wut und
Empörung nur noch mehr.
Es gibt kein Erbarmen, Schurke, ich bin eine rasende Tigerin, eine Schlange, eine
Löwin. Dann kühlt sie ihr Mütchen an dem auf dem Stuhl festgebundenen Leporello,
der sich nach der unerwarteten Abreibung nur mit deutlich vernehmbarer Mühe von
den Fesseln befreien kann.
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CD Urania WS 121.124 Disc 2, track 10 von 5‘13 bis 10‘20
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Ein köstlicher Fernando Corena als Leporello, nicht ganz so farbig Eugenia Ratti als
Zerlina in dieser Szene des 2. Aktes aus Mozarts Don Giovanni mit den Wiener
Philharmonikern und Erich Leinsdorf am Pult. Eine Szene, die bis dahin auf
Schallplatte und meist auch auf der Bühne ungehört blieb. Eine Produktion wie schon
erwähnt aus dem Jahre 1959, höchstkarätig besetzt, bei den Donne wird ganz
großes Geschütz aufgefahren, Birgit Nilson als Donna Anna und Leontyne Price als
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Donna Elvira. Einen vorzüglichen Don Ottavio singt Cesare Valletti und
erwartungsgemäß überragend Cesare Siepi in der Titelrolle.
Was Leinsdorf in der finalen Komturszene an Wucht und Attacke aufbietet, das hat
es - außer bei Klemperer vielleicht - in diesen Extremwerten bei den älteren
Aufnahmen schlicht nicht gegeben, sowas hat man sich dann erst wieder in den
Achtziger Jahren getraut.
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CD Urania WS 121.124
Disc 3, track 2
6‘31
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Ein starker Auftritt, in dem der Komtur Don Giovanni zur Hölle fahren lässt,
nicht ganz, aber fast am Ende von Lorenzo da Pontes und Wolfgang Amadeus
Mozarts Dramma giocoso in due atti: Il dissoluto Punito o sia il Don Giovanni.
Erich Leinsdorf am Pult der Wiener Philharmoniker leitete das Geschehen in bis
dahin kaum erlebter Drastik. Sie hörten Cesare Siepi in der Titelrolle, Fernando
Corena als Leporello und Arnold van Mill als Commendatore.
Ich persönlich erinnere mich an einige sehr schöne, entspannte Konzerte in den
späten Achtziger Jahren in der Berliner Philharmonie mit Leinsdorf am Pult und
einer angenehm unkonventionellen Programmzusammenstellung. Ungewöhnlich an
diesen Abenden war auch, dass er in den beiden Konzerthälften mit jeweils zwei
Werken nach dem Beifall des Publikums das Podium nicht verließ, sondern „vor Ort“
blieb. Der eher zierliche Pult - Tausendsassa war niemand, dem an übertriebener
Feierlichkeit gelegen gewesen wäre. Und auch nicht an Oberflächenglamour. In
seinen auch zeitgeschichtlich hochinteressanten Memoiren, in englischer Sprache
veröffentlicht unter dem lapidaren Titel Cadenza erfahren wir, aber wirklich ganz am
Rande, dass er seit den Siebziger Jahren beschlossen hatte, in Absprache mit
seiner Frau und seinem Schneider sich vom Dirigentenfrack (Spitzname
Schwalbenschwanz) zu verabschieden, und das Podium stattdessen mit einem
bequemen und zugleich eleganten Jacket zu betreten.
Das wurde allgemein akzeptiert, nur in Madrid war man damit nicht ganz
einverstanden. Frau Leinsdorf hörte ihre Sitznachbarin im Opernhaus mit einer
Freundin tuscheln.... Na, wenn er sich schon keinen Frack leisten kann, er hätte sich
wenigstens einen borgen können.
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Aber zurück nach Berlin. Als er da an einem Abend Schumanns Frühlingssinfonie
dirigierte und aus dem Olymp des Saales unbekümmerter Applaus schon nach dem
ersten Satz aufbrauste, da fing Leinsdorf die Situation mit einer unbeschreiblich
charmant-antielitären Pantomime auf, die schwer in Worten wiederzugeben ist, aber
seine ungeheure Gelassenheit und Souveränität demonstrierte. Was ihm naturlich
spontan zusätzliche Sympathie beim Publikum sicherte, gleich ob jung oder alt.
Das sind zunächst nur scheinbar Äußerlichkeiten des Auftretens, aber sie weisen
nach innen, weil ein befreites Musizieren, das animierend auf Musiker wie auf
Zuhörer wirkt, zu lebendigeren, deutlicheren Klangbildern, Akzenten und Eindrücken
führen kann.
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CD RCA 74321 17907
track 15
4‘47
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Das Intermezzo aus der Hary Janos - Suite von Zoltan Kodaly mit dem Boston
Symphony Orchestra und Erich Leinsdorf am Pult.
Leinsdorf, der sich immer als Anwalt des Komponisten verstand, hat über sein
Verhältnis zum Publikum einem Kritiker einmal folgende hübsche Geschichte
erzählt. Als in New Yorks Carnegie Hall beim 2. Klavierkonzert von Brahms das
begeisterte
Publikum ebenfalls schon nach dem ersten Satz in frenetischen Beifall ausbrach,
beugte sich Leinsdorf diskret zu dem jungen Pianisten hinunter (es war André
Watts) und flüsterte ihm zu, er möge sich beim Publikum bedanken. Als der Dirigent
wenig später den Pianisten, der mittlerweile selbst zu großem Ansehen gekommen
war, wiedertraf, meinte dieser, sich für den Applaus an der falschen Stelle auch noch
zu bedanken, anstatt piquiert ins Leere zu starren, das sei einer der besten
Ratschläge gewesen, die er je erhalten habe....Für den starken Individualisten
Leinsdorf war diese pragmatische Einstellung eine Selbstverständlichkeit.
Wir dürfen nicht den spontanen Enthusiasmus des Publikums ersticken, sondern
müssen alles daransetzen, dass das Musikhören aus dieser unnatürlichen
Treibhausatmosphäre herausfindet. Das Thema Beifall zwischen den Sätzen oder
nicht erübrigt sich bei dem folgenden
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Ausschnitt, da es sich erstens um eine Studioaufnahme handelt, zweitens um den
Finalsatz und drittens leider auch schon wieder um unsere Schlussmusik.
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CD BMG 07863 56518 2 track 4
auf Zeit
8‘49
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SvD:
Das war die Musikstunde mit Rainer Damm. Sein Thema in dieser Woche: Der
legendäre Dirgentenjahrgang 1912. Wie schon in der gestrigen Sendung ging es um
den in Wien geborenen aber später hauptsächlich in den Vereinigten Staaten
wirkenden (Maestro) Erich Leinsdorf. Er leitete das Chicago Symphony Orchester mit
Sviatoslav Richter als Solisten beim Finalsatz ( Allegro grazioso) des
Klavierkonzertes Nr. 2 in B - Dur op. 83 von Johannes Brahms.
Fortsetzung folgt. Morgen um 9.05 in der Musikstunde auf SWR 2.
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