Dietrich Herzog . Politische Karrieren

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Dietrich Herzog . Politische Karrieren
Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche
Forschung der Freien Universität Berlin
ehemals Schriften des Instituts für politische Wissenschaft
Band 25
Dietrich Herzog
Politische Karrieren
Selektion und Professionalisierung politischer Führungsgruppen
Westdeutscher Verlag
© 1975 Westdeutscher Verlag GmbH, Opladen
Satz: Klaus Grüßner, Krefeld
Alle Rechte vorbehalten. Auch die fotomechanische Vervielfältigung des
Werkes (Fotokopie, Mikrokopie) oder von Teilen daraus bedarf
der vorherigen Zustimmung des Verlages.
ISBN 978-3-531-11275-6
ISBN 978-3-322-93821-3 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-322-93821-3
Vorwort
Die vorliegende Untersuchung ist in zweifacher Hinsicht ein "exploratives" Unternehmen: substantiell, indem sie versucht, nicht lediglich einen Teilaspekt, sondern
den Gesamtprozeß der politischen Führungsauswahl in der Bundesrepublik Deutschland unter Einbeziehung der wesentlichen Bedingungen der politischen Organisationswirklichkeit, der beruflichen Strukturen und politischen Motivationen zum Gegenstand einer systematischen Analyse zu machen; und methodisch, als eine spezielle
Verfahrensweise der Informationsgewinnung und -auswertung zu entwickeln war. In
beiden Gebieten befinden sich die in der politisch-soziologischen Elitenforschung
bisher geleisteten Vorarbeiten noch im Anfangsstadium. Während in anderen
Forschungsbereichen, wie zum Beispiel in der Parteien- oder in der Wahlforschung,
bereits ein Kanon analytisch verwertbarer Grundbegriffe, Hypothesen und Theorien
vorliegt, sind die Verläufe und Bedingungen personeller Auswahlprozesse ein noch
weithin unerforschtes Gebiet. Eine hier ansetzende Untersuchung steht deshalb vor
der Aufgabe, genauere Einsichten in den Prozeß der politischen Führungsauswahl zu
gewinnen und daraus erste Ansätze zu einer allgemeineren, theoretischen Perspektive
zu entwickeln.
Daß die Voraussetzungen für eine nüchterne wissenschaftliche Beschäftigung mit
"Führung" und "Führungsauswahl" in der deutschen "politischen Kultur" nicht
gerade günstig sind, liegt auf der Hand. Schon die Begriffe sind historisch-ideologisch
belastet. Zudem leisten die modernen Massenmedien einem personalisierten PolitikVerständnis Vorschub, nämlich der Vorstellung, daß politische Entscheidungen nur
mehr vom "guten Willen", von der "Fortune" oder von einer sogenannten
"Führungsstärke" bzw. ,,-schwäche" einzelner prominenter Politiker abhängig seien,
- während doch tatsächlich die sich ständig vervielfachenden staatlichen Regulierungsaufgaben ohne ein entsprechend differenziertes System funktional spezialisierter Führungsgruppen gar nicht mehr bewältigt werden könnten. Aber auch das andere
Extrem ist in den Sozialwissenschaften weit verbreitet: die Reduktion von Politik auf
abstrakte "Bedingungen", "Herrschaftsstrukturen" , "ökonomische Gesetze", "Sachzwänge", unter denen politische Führung nur noch ein mechanischer Vollzug
gesellschaftlicher Funktionsanforderungen zu sein scheint. Beide Aspekte, der
personalistische ebenso wie der soziologistisch-ökonomistische, hemmen die Weiterentwicklung der politisch-soziologischen Elitenforschung in der Bundesrepublik und
vermindern zugleich die Chance, den Anschluß an die internationalen Forschungsstandards zu gewinnen. Ein Ziel der vorliegenden Untersuchung ist daher, politische
Führungsauswahl nicht nur als Summe individueller Aufstiegserfolge oder als bloßes
Substrat gesellschaftlicher Bedingungen, sondern als einen Prozeß des Handeins von
Personen im Kontext sozialstruktureller und organisatorischer Möglichkeiten zu
verstehen und zu analysieren.
6
Vorwort
Die empirischen Daten, auf denen die vorliegende Studie beruht, wurden speziell für das
Forschungsprojekt erhoben. Sie stammen aus der systematischen Auswertung biographischer und organisationsgeschichtlicher Dokumente sowie aus einer Intensiv-Befragung. Die Feldforschung wurde 1968 durchgeführt.
Wenn auch die Verantwortung für das gesamte Forschungsprojekt allein der Verfasser
trägt, so ist er doch denjenigen Kollegen besonders verpflichtet, von denen er
während der Arbeit an der Studie mannigfaltige Hilfe erfahren hat und die mit
Kooperationsbereitschaft, Kritik und Anregung das Projekt wesentlich unterstützt
haben; das sind in erster Linie die Kollegen aus dem Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin, insbesondere der "Parteienforschungskreis" , und die Mitglieder des Committee on Political Sociology der
International Sociological Association.
Dank gebührt vor allem aber dem langjährigen wissenschaftlichen Leiter des Instituts,
atto Stammer. Seine für die neuere politisch-soziologische Forschung im Nachkriegsdeutschland bahnbrechenden Arbeiten, insbesondere auch über die Elitenproblematik, haben die vorliegende Studie stärker beeinflußt als es durch ausdrückliche
Verweise zum Ausdruck kommen kann. Zu danken ist auch den Projektmitarbeitern
Sigrid Herzog, Rolf-Peter Lange, Alf Mintzel, Harald Preugschat und Annemarie
Tröger, die an der methodischen Vorbereitung, an der mit vielen Mühen verbundenen
Feldforschung oder an der Materialauswertung beteiligt waren. Rita Koscielski hat
sich mit großer Sorgfalt und Umsicht der Schreibarbeiten angenommen. Für die
redaktionelle Überarbeitung bin ich Frauke Burian zu besonderem Dank verpflichtet.
Das Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung hat die notwendige organisatorische Unterstützung gegeben. Zusätzliche Forschungsmittel gewährte das Landesamt für Forschung beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen. Das
Seminar für politische Wissenschaft der Universität Bonn stellte während der
Interviewphase in großzügiger Weise Arbeitsmöglichkeiten und Sekretariatshilfen zur
Verfügung, ohne die die schwierigen Interview-Vereinbarungen im hektischen Betrieb
der Bundespolitik kaum möglich gewesen wäre.
Gedankt sei schließlich allen denjenigen Politikern, die sich trotz ihrer knapp bemessenen Zeit für zum Teil ausgedehnte und freimütige Interviews bereit fanden.
Berlin, im April 1975
D.H.
Inhalt
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . .
5
I. Probleme politischer Führungsauswahl in
komplexen demokratischen Systemen
ll. Zur Kritik traditioneller Ansätze in der empirischen
Rekrutierungs[orschung . . . . . . . . . . . . . .
1.
2.
3.
4.
Kandidatennominierung als Entscheidungsprozeß
Die biographische Methode . . . . . . . .
Der "stratifikationstheoretische" Ansatz .
Der "persönlichkeitstheoretische" Ansatz
lll. Eine Theorie politischer Karrieren
1. Die Dynamik personaler Entwicklungsverläufe
2. Zum Begriff der Karriere . . . . .
3. Umrisse eines analytischen Modells
IV. Die Methode der Untersuchung . . .
1.
2.
3.
4.
Datenerhebung für Längsschnitt-Analysen
Die Erhebungsgruppe . . . . . . . . . . .
Untersuchungsbogen und Interview-Leitfaden
Befragung und Auswertung . . . . . . .
V. Strukturmuster politischer Karriereverläu[e
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
Organisationssoziologische Bedingungen
Der Parteiwechsel . . . . . . . . . . .
Innerparteiliche Karrieren . . . . . . .
Der Weg über die Jugendorganisationen
Konstanz und Richtung politischer Karrieren
Parteilaufbahn und parlamentarische Karriere
Karrierebedingungen der Kommunalpolitik
9
17
17
18
19
30
36
36
39
46
53
53
55
57
60
62
62
65
67
75
79
83
85
VI Zusammenhänge zwischen Beru[slaujbahn und
politischer Karriere . . . . . . . . . . . . . .
94
1. Der Beruf als verlaufssoziologische Kategorie
94
Inhalt
8
2. Berufsphasen und Rekrutierungsfelder
3. Biographische Profile
a) Der Beamte
b) Der Rechtsanwalt
c) Der Verbandsfunktionär
d) Der Unternehmer / Manager
e) Der Landwirt
f) Der Journalist
g) Der Arbeiter .
4. Rekrutierung und Selbstverständnis hauptamtlicher
Parteifunktionäre . . . . . . . . . . . . . . . . . .
5. Der Wechsel zwischen privat-beruflichen und politischen
Spitzenpositionen (cross-over) . . . . . . . . . . . . .
VJI. Drei Entwicklungsphasen
I.
2.
3.
4.
Analytische Probleme
Politische Sozialisation
Politische Rekrutierung (Parteibeitritt)
Politische Professionalisierung
VJII. Karriere-Erwartungen und Rollen verständnis des
Berufspolitikers . . . . . . . . . . . . . . . .
I. Karriere-Interpretationen . . . . . . . . . .
2. Verhaltensstil, Persönlichkeitsmerkmale und
Qualifikationsanforderungen
3. Politische Vorbilder
4. Machtverständnis . . . . . .
IX. Schlußfolgerungen und Perspektiven
Bibliographie
97
108
108
114
119
123
127
128
133
138
150
161
161
164
175
181
191
191
196
205
209
218
228
Anhang
I Erhebungsgruppe . . . . . . . . . . . .
11 Interview-Leitfaden (Fragebogen)
III Glossar der "Persönlichkeitsmerkmale"
234
239
244
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . .
246
I. Probleme politischer Führungsauswahl in komplexen
demokratischen Systemen
Es ist sicher kein Zufall, daß die neuere politisch-soziologische Elitenforschung
begonnen hat, sich zunehmend mit Fragen der politischen Führungsauswahl zu
beschäftigen.) Nachdem die traditionellen Fragestellungen der aristokratischen
Elitentheorie obsolet und der Ausgangspunkt der radikaldemokratischen Oligarchiekritik unrealistisch geworden sind, tritt nun die Notwendigkeit um so schärfer hervor,
die Probleme politischer Führungsauswahlprozesse unter den Bedingungen der
gegenwärtigen, organisatorisch komplexen, hochgradig bürokratisierten und interessenmäßig differenzierten Demokratien neu zu konzipieren. Einerseits hat der
Zusammenbruch etablierter gesellschaftlicher Wertordnungen im Zuge der Wandlung
zur ideologisch pluralistischen Massendemokratie der Frage nach einer aristokratischen "Auslese der Besten" schon seit langem den Boden entzogen. Andererseits aber
kann auch das rousseauistische Modell einer Identität von "Herrschern" und
"Beherrschten" mit seinen Prämissen der unmittelbaren Volkswahl und jederzeitigen
Abberufbarkeit politischen Führungspersonals in einer durch fest strukturierte
Großorganisationen charakterisierten modernen Gesellschaft nicht mehr als realistische Perspektive zur kritischen Erfassung tatsächlicher Selektionsprobleme dienen.
Statt dessen hat die Ausweitung der Regulierungsfunktionen - und damit des
Machtpotentials - strategischer politischer Eliten, die Spezialisierung und Verfachlichpng politischer Entscheidungsvorgänge bei gleichzeitiger Verringerung unmittelbarer Kontroll- und Einflußmöglichkeiten durch Wähler und Betroffene, der Frage
nach den Mechanismen, die in einem solchen politischen System den Prozeß der
Führungsauswahl steuern, eine neue demokratietheoretische Relevanz gegeben. 2
Zwei Aspekte vor allem sind dabei von Bedeutung: erstens die Diskrepanz zwischen
dem Funktionswandel parlamentarischer Repräsentativorgane - in einen gewissen
Sinne damit vergleichbar ist auch derjenige gewählter Führungsgruppen in Großorganisationen, wie beispielsweise in den politischen Parteien - und der Verharrschung konventioneller Muster der Personalrekrutierung; zweitens die "Offenheit"
des Selektionssystems, oder genauer: die trotz formaler Chancengleichheit im
politischen Auswahlprozeß tatsächlich wirksamen Restriktionen, die unter verschiedenen Sozialgruppen ungleiche Kandidaturchancen bedingen. Beide Gesichtspunkte
1 Siehe Bibliographie.
2 Über Rolle und Funktion von Eliten in demokratischen Gesellschaftsordnungen der Gegenwart
siehe insbesondere Otto Stammer, "Das Elitenproblem in der Demokratie", in: Schm.Jb., 71
(1951), S. 1-28; ders., "Zum Elitenbegriff in der Demokratieforschung", in: Politische
Soziologie und Demokratieforschung, Berlin 1965; ders. und Peter Weingart, Politische
Soziologie, München 1972, insbes. Kap. 4, "Elitenbildung und Bürokratisierung".
10
Probleme politischer Führungsauswahl
werden im folgenden mit Bezug auf die Bundesrepublik kurz behandelt. Aus ihnen
ergeben sich sowohl die substantiellen als auch die methodischen Problemstellungen
der vorliegenden Untersuchung.
Hinsichtlich der sozialstrukturellen Analyse des Deutschen Bundestags hat Gerhard
Loewenberg einen der interessantesten Versuche unternommen, Funktionsbedingungen und Rekrutierungsmuster in ihrem Wirkungszusammenhang zu erfassen. 3Auf der
Grundlage verschiedener vorangegangener Untersuchungen deutscher Parlamente ist
auch seine Fragestellung auf die historischen Wandlungen bzw. Beharrungstendenzen
in der personellen Repräsentation sozialer Schichten gerichtet, jedoch aus einer
neuen Forschungsperspektive heraus. Während in früheren Arbeiten die disproportionale Repräsentation sozialer Schichten entweder als Ausdruck unterschiedlichen
politischen Engagements gedeutet oder - mehr deskriptiv - als Erklärungsgrundlage
für standes-, berufs- oder klassenmäßige Bedingungen parlamentarischer Entscheidungen beschrieben wurde 4 , geht Loewenberg von dem Funktionswandel des Parlaments
im politisch-administrativen System aus. Danach ist seit dem Reichstag im Verfassungssystem der konstitutionellen Monarchie eine Funktionsveränderung des Parlaments von einem Organ der sozialen Interessenrepräsentation zu einem Organ der
politischen Führung und der politischen Kontrolle der Verwaltung eingetreten. Mit
der Vervielfachung staatlicher Einflußbereiche in Verbindung mit der allen gegenwärtigen Demokratien offenbar innewohnenden Tendenz zur Zentralisierung mußte
zwangsläufig auch eine Differenzierung von Führungsfunktionen erfolgen. Ohne eine
Aufgabenverteilung, und das heißt: ohne eine Spezialisierung von Abgeordneten in
jeweils einzelnen Entscheidungsbereichen wären moderne Parlamente überhaupt
nicht mehr arbeitsfähig. Die Kontrolle hochgradig arbeitsteiliger Verwaltungen, voran
der Ministerialbürokratie mit ihrem Primat der Entscheidungsvorbereitung, macht
zudem eine entsprechende "Verfachlichung" parlamentarischer Arbeit zwingend. Die
Einrichtung parlamentarischer Hilfsdienste und Expertenstäbe zur Entlastung der
Politiker von Detailfragen verschiebt jenen Zusammenhang lediglich auf eine andere
Ebene, ohne damit den Zwang zur fachlichen Spezialisierung parlamentarischer
Mandatsträger aufzuheben. Die allgemeine, an programmatisch-ideologischen Leitlinien orientierte politische "Richtungskontrolle" kann ohne zusätzliches Fachwissen
nicht mehr genügen. Die zunehmende Langfristigkeit politischer Entscheidungen, die
sowohl die Zeit der Entscheidungsvorbereitungen als auch die Entscheidungsziele und
die Entscheidungsfolgen mit einschließt, ist ein zusätzliches Moment, das den
fachlich spezialisierten, nach Möglichkeit längerfristig amtierenden - und damit erst
zur wirksamen politischen Kontrolle langfristiger Planungen befähigten - Parlamentarier erfordert.
Damit ist der "Gentleman-Politiker" des 19. Jahrhunderts als Typ des Parlamentariers zur marginalen Figur geworden. Die neuen Funktionen des Parlaments
bedingen den "Fachmann" und "Berufspolitiker" , dessen wichtigstes, wenn auch
3 Gerhard Loewenberg, Parlamentarismus im politischen System der Bundesrepublik Deutschland, Tübingen 1969.
4 Vgl. L. Rosenbaum, Beruf und Herkunft der Abgeordneten 1847 - 1919, Frankfurt/M. 1923;
Walther Kamm, Abgeordnetenberufe und Parlament, Karlsruhe 1927; K. Demeter, "Die soziale
Schichtung des deutschen Parlaments seit 1948", in: Vjschr. f. Sozial- u. Wirtschaftsgesch., 39
(1951), S. 1-29.
Probleme politischer Führungsauswahl
11
nicht einziges Arbeitsfeld der Parlamentsausschuß darstellt. Darauf hatte bereits Max
Weber hingewiesen. 5
Wie Loewenberg hervorhebt, ist den Funktionswandlungen des Parlaments tatsächlich noch keine entsprechende Veränderung personeller Rekrutierungsmuster gefolgt.
Noch immer stellen die "Repräsentanten von Interessengruppen" einen Großteil der
Abgeordneten (zwischen 1957 und 1961 rund 30 Prozent). Ihre parlamentarischpolitische Erfahrung ist gering, ihre Teilnahme an Debatten interessenspezifisch
beschränkt. Die etwa gleich große Gruppe der sogenannten nebenberuflichen
Abgeordneten rekrutiert sich vornehmlich aus akademischen, insbesondere juristischen Berufen. Auch sie agieren überwiegend auf der Interessengrundlage ihrer
Berufsgruppe und stellen häufig das Bindeglied zwischen den parlamentarisch-gouvernementalen Führungsgruppen und der Parteibasis dar. Wichtiger für die parlamentarische Arbeit sind die Angehörigen des öffentlichen Dienstes. Entscheidend jedoch ist
die relativ kleine Gruppe der Berufspolitiker, die die eigentlichen Führungspositionen
besetzen. Ihrer relativen Freiheit von speziellen Interessenten-Einflüssen steht ihr
Hang zur Bürokratisierung und Hierarchisierung des parlamentarischen Betriebs
gegenüber. Ihre dominierende Rolle beruht nicht so sehr auf den besonderen
Einflußmöglichkeiten, die durch institutionalisierte parlamentarische Führungspositionen gegeben sind; vielmehr stammt die Dominanz der Berufspolitiker aus ihrer
langjährigen praktischen Erfahrung im politischen Bereich, - also aus ihrer
spezifischen politischen Karriere.
Folgt man dieser These Loewenbergs, so stellt sich die Frage, wie sich die
Rekrutierung dieser wichtigen Gruppe von Berufspolitikern vollzieht. Dabei ist davon
auszugehen, daß in einem durch freie Konkurrenz um politische Mandate gekennzeichneten - also nicht durch Ernennung oder formalisierte Laufbahnen bestimmten
- personellen Auswahlprozeß der Berufspolitiker nicht schon als solcher seine
politische Karriere beginnt. Vielmehr ist die Rolle des Berufspolitikers gleichsam das
Ergebnis eines Rekrutierungsvorganges, dessen Strukturen, Bedingungen und Konsequenzen (für das Rollenverhalten) zum Gegenstand der empirischen Analyse zu
machen sind.
Das zweite, eingangs erwähnte Problem politischer Führungsauswahl in einer
gegenwärtigen demokratischen Ordnung ergibt sich aus der allgemeinen Frage nach
der "Offenheit" des Selektionsprozesses. Dies ist gleichsam der komplementäre
Aspekt; Führungsauswahl in dieser Perspektive nicht konzipiert von "oben" her, also
von der Besetzung von Führungspositionen, sondern gewissermaßen von "unten",
also von den Möglichkeiten, die Angehörige der verschiedenen Sozialgruppen haben,
um selbst zu kandidieren. Wie steht es also um die Partizipationschancen verschiedener sozialer Schichten, nicht nur als Wähler, sondern eben auch als Kandidaten und
eventuelle politische Repräsentanten am Auswahlprozeß teilzunehmen?
Verfassungsintention und Gesetzeslage sind eindeutig. Abgesehen von gewissen
Mindestvoraussetzungen (Alter, Staatsangehörigkeit usw.), die jeder Kandidat- für
öffentliche Wahlämter erfüllen muß, ist der Zugang prinzipiell für jedermann offen.
Eindeutig ist auch das demokratische Credo: "Führungsauslese aus allen Gruppen der
5 Max Weber, "Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland" und "Politik als
Beruf', in: Gesammelte Politische Schriften, München 1921.
12
Probleme politischer Führungsauswahl
Gesellschaft". 6 Doch formale Offenheit ist bekanntlich in allen demokratischen
Systemen eine Fiktion, bestenfalls ein Postulat. In Wirklichkeit ist der Prozeß der
politischen Führungsauswahl restriktiv. Die soziale Disproportionalität zwischen
Repräsentanten und Repräsentierten, ein Widerspruch, der bereits Robert Michels
(mit Blick auf die sozialdemokratischen Parteien) irritierte und zu seinen Untersuchungen über das Oligarchie-Phänomen stimulierte, ist der durchgehende Tatbestand aller demokratischen Repräsentativorgane. Das belegen eindrucksvolle Statistiken 7 , die hier nicht wiederholt zu werden brauchen, auch für die deutschen
Parlamente. Die (steigende) Überrepräsentation der aus dem öffentlichen Dienst
kommenden Parlamentarier, die extreme Unterrepräsentation der Arbeiter, der unter
10 Prozent bleibende Anteil weiblicher Abgeordneter, der Trend zur steigenden
"Akademisierung" der Parlamente und andere Tatsachen mehr gehören zur Standardkritik der politischen Publizistik und sind ständiger Beobachtungsgegenstand der
sozialwissenschaftlichen Statistik. Wo also liegen aus der Sicht demokratietheoretischer Elitenforschung die Ursachen dieser "selektiven Disproportionalität"?
Freilich ergibt die Frage allein noch kein theoretisch-analytisches Problem. Auch die
Gegenüberstellung von (demokratischem) Anspruch und (restriktiver) Realität ist für
wissenschaftliche Erkenntnisse zu simpel. "Offenheit" der Führungsrekrutierung muß
als politisch-soziologisches Problem spezifiziert werden, und das ohne die Kurzschlüsse der "aristokratischen" oder der rousseauistischen Elitenphilosophie. 8
Ein historisch idealisiertes Bild politischer Repräsentation als Ausgangspunkt hilft
vermutlich nicht sehr viel weiter. Arbeitsfähige Parlamente sind wohl niemals ein
Aggregat von wie immer hoch-qualifizierten Individuen gewesen, die der Metaphorik
einer Repräsentation "des Volkes" oder "des allgemeinen Wohls" entsprochen
hätten. Selbst vor dem Entstehen der modernen Parteiorganisationen waren
Parlamente Ausdruck politischer Kräfteverhältnisse in der Gesellschaft. Die von
Gerhard Leibholz 9 vor dem Hintergrund eines idealisierten Modells eines Honoratioren-Parlaments kritisierte Wandlung zur (plebiszitären) "parteienstaatlichen Demokratie", in der der Abgeordnete nicht mehr "freie repräsentative Persönlichkeit",
sondern "Exponent der politi.schen Partei" ist, läßt sich besser als Klärungsprozeß der
tatsächlichen politischen Rolle des Parlaments und seiner Fraktionen verstehen.
6 Otto Stammer hat dies als eine der wichtigsten Forderungen an die demokratische
Elitenbildung besonders hervorgehoben; siehe auch F. Pfetsch, "Robert Michels als Elitentheoretiker", in: PVS, 7 (1966), S. 223. Dazu auch Otto Stammer, "Das Elitenproblem in der
Demokratie", in: SchmJb., 71 (1951), S. 1-28.
7 U.a. Viola v. Bethusy-Huc, Die soziologische Struktur deutscher Parlamente. Ein Beitrag zur
Theorie der politischen Elitenbildung, Diss. Bonn 1958; dies., Das politische Kräftespiel in der
Bundesrepublik, Wiesbaden 1965; Klaus v. Beyme, Die politische Elite in der Bundesrepublik
Deutschland, München 1971; Strukturelle Gliederung des Deutschen Bundestages 1.- VI.
Wahlperiode, Dt. Bundestag, Materialien Nr. 25, Bonn 1971.
8 Die "aristokratische" Elitenphilosophie (Le Bon, Ortega y Gasset, Mannheim, Schumpeter)
kritisiert den Verlust an Handlungsspielraum und Geschlossenheit strategischer Eliten im Zuge
der Herausbildung der demokratischen "Massengesellschaft". Umgekehrt argumentiert die
"rousseauistische" Richtung (Michels, Mills, Bottomore, Bachrach); für sie ist die Herrschaftsstruktur in modernen Demokratien durch Oligarchisierung und Machtkonzentration und von
daher einer ständigen Verringerung direktdemokratischer Einflußmöglichkeiten gekennzeichnet. Siehe dazu auch William Kornhauser, The Politics of Mass Society, Glencoe 1959.
9 Gerhard Leibholz, Die Repräsentation in der Demokratie, Berlin 1973.
Probleme politischer Führungsauswahl
13
Dadurch, daß die Fraktionen nicht mehr als scheinbar variable Cliquen angeblich nur
selbstverantwortlicher Repräsentanten verkannt werden können, Fraktionen also in
der parteienstaatlichen Demokratie nun auch offensichtlich Ausschüsse (wenn auch
"leitende" Ausschüsse) ihrer Parteien sind, wird der politische, d.h. partei-programmatische und politisch-ideologische Kern parlamentarischer Entscheidungen auch
institutionell klargestellt. Mit der parteilichen Bindung des Parlamentariers, und das
heißt auch: mit der öffentlichen Verantwortlichkeit der Parteien für das Verhalten
ihrer Parlamentarier, ist der parlamentarische Entscheidungsprozeß nicht mehr
Reservat individueller, nur dem eigenen Gewissen oder dem "allgemeinen Wohl"
verantwortlicher - also in praxi überhaupt nicht öffentlich kritisierbarer Entscheidungsträger. Dementsprechend ist auch der personelle Auswahlprozeß nicht
mehr als individuelle "Auslese", als ein geheimnisvolles "Sich-Durchsetzen" der
Besten, als eine Herauslösung besonders Qualifizierter aus der Masse der Gesellschaft
zu begreifen. Es sind vielmehr die politischen Parteien, die den personellen
Rekru tierungsprozeß "kanalisieren". Sie stellen in der modernen parlamentarischen
Demokratie die - wie es in der anglo-amerikanischen sozial wissenschaftlichen
Terminologie heißt - politischen "Rekrutierungskanäle" dar. Ihre interne Organisation in Verbindung mit ihrer externen Verkoppelung mit Verbänden und Institutionen bestimmt den Grad an "Offenheit" des politischen Führungsauswahlprozesses
entscheidend. Deshalb ist es notwendig, politische Führungsauswahl zuerst und (vom
Erkenntnisziel her) primär im Kontext der Parteiorganisationen zu analysieren.
"Organisation" ist hier freilich differenzierter zu verstehen als etwa bei Robert
Michels. Auch Michels gründete seine Parteianalysen auf dem für ihn zentralen
Konzept der Organisation. 10 Die Tatsache der Organisation stellte für ihn das
wichtigste Merkmal der gewandelten Struktur sozialistischer Parteien dar, die ehemals
als soziale Bewegungen entstanden waren. In ihrer Organisierung entdeckte Michels
zugleich ihre interne Funktionsdifferenzierung, die Herausbildung hierarchischer
Kompetenz- und Machtverteilungen und schließlich die Ursache der Oligarchie. Seine
Grundorientierung an der Mosca'schen Elitentheorie jedoch verbaute ihm den Zugang
zum tatsächlichen Verständnis des neuen Phänomens der Organisation moderner
Massenparteien. Wie James H. Meisel zu Recht hervorgehoben hatli, verschwand
Michels' organisationssoziologischer Ansatz schließlich hinter der seinerzeit im
Vordergrund stehenden Elitenproblematik, der Herrschaft kleiner, in sich "organisierter" Minderheiten über die "unorganisierte Masse". Die Konsequenz war, daß
Elitenselektion dann lediglich auf Kooptation, auf die taktisch-manipulative oder
durch zufälligen Druck von "unten" erzwungene Aufnahme einzelner in den
oligarchischen Führungszirkel hinauslief. Der Prozeß der politischen Führungsauswahl gerinnt damit zu einer Frage nach der Macht von Eliten: Sind sie stark genug,
neue Anwärter abzuweisen? Sind sie flexibel genug, personell unumgängliche
Zugeständnisse zu machen? Sind sie fähig, Neuankömmlinge in ihrem Kreis zu
assimilieren?
10 Rabert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie, 2. Aufl.,
Stuttgart 1957.
11 James H. Meisel, The Myth of the Ruling C1ass. Gaetano Mosca and the "elite", Ann Arbar
1962.
14
Probleme politischer Führungsauswahl
Zweifellos gehören diese Fragestellungen zur gegenwärtigen Problematik politischer
Führungsauswahl, jedoch nicht als einzige und nicht einmal als wesentlichste. Was bei
Michels - als Komplementärbegriff zur Führungsoligarchie - als "Masse" (der
Parteimitgliederschaft), wenn auch als soziologisch heterogenes "Klassengemengei" ,
erscheint, ist in Wirklichkeit (vom "einfachen" Parteimitglied abgesehen) ein
außerordentlich differenziertes Gefüge von Positionen. Sowohl in der vertikalen
Organisationsgliederung der Parteien, als auch in der horizontalen und funktionalen
Dimension 1 2 existiert unterhalb der Zentrale eine Vielzahl von "Funktionären" mit
jeweils eigener Legitimationsgrundlage, "Hausmacht" oder Qualifikation. Hinzu
kommen Ämterverbindungen mit legislativen oder exekutiven Positionen auf den
verschiedenen staatlichen Ebenen, was das Machtgefüge innerhalb einer Parteiorganisation zusätzlich differenziert. Spricht man von den Parteien als "Rekrutierungskanälen", so darf dieser Begriff also nicht zu einem simplifizierten Bild ihrer
tatsächlich äußerst komplexen Organisationsstruktur verleiten. Wie dann aber
strukturiert diese Organisation den personellen Auswahlprozeß? Gibt es in ihr
bestimmte Aufstiegswege über bestimmte Positionen (also Karrieren als organisatorisch bedingte Aufstiegsmuster)? Wo liegen innerhalb der Parteiorganisationen die
restriktiven Faktoren, die die Offenheit des politischen Selektionsprozesses insgesamt
einschränken?
Zu dieser organisationssoziologischen gesellt sich die sozialstrukturelle Problemstellung. Auch hier ist die soziale, insbesondere die berufliche Gliederung repräsentativer
Organe als Frageansatz notwendig, reicht aber nicht aus. Von Repräsentanten und
Repräsentierten zu sprechen, setzt bereits problemspezifische Kriterien für die
Erfassung gesellschaftlicher Stratifikation voraus. Mit der zunehmenden Differenzierung der modernen Industriegesellschaft in zahlreiche Sozialgruppen mit zum Teil
überlappenden Interessen und Bedürfnissen wäre nicht einmal auf dem Papier ein
gleichsam ideal proportional zusammengesetztes Parlament zu entwerfen. Jede
Kategorisierung von Sozialgruppen und -schichten setzt Maßstäbe voraus, die
ihrerseits von jeweiligen theoretisch-analytischen und/oder politisch-gesellschaftlichen Wertprämissen bedingt sind. 13 Geht man also vom Konzept disproportionaler
Repräsentation aus, so sind konkrete Ungleichgewichtigkeiten zwischen Wählern und
Gewählten als Problem für die Untersuchung der sie verursachenden restriktiven
Bedingungen zu berücksichtigen. Einer dieser konkreten Ansatzpunkte ist die starke
Unterrepräsentation von Arbeitern. Selbst nach Einführung des allgemeinen Wahlrechts und trotz des Anwachsens der parlamentarischen Vertretung von linken und
Arbeiterparteien ist der geringe Arbeiteranteil in den deutschen/westdeutschen
12 Unter "horizontal" gegliederten Organisationseinheiten versteht man solche, die eine
durchgehende Organisationsstruktur (meist mit eigener Mitgliedschaft, eigenem Beitragswesen
und einer weitgehenden Satzungsautonomie) haben, wie Partei-Jugendorganisationen,
Frauen-Organisationen u.a. "Funktionale" Einheiten sind z.B. Beiräte, ständige Ausschüsse
oder Partei-Institutionen (Verlage, Wissenschaftliche Institute usw.).
13 In sozialstatistischen Analysen politischer Führungsgruppen (social background analysis)
gehören z.B. Beruf, Alter, Konfession, Geschlecht, Gruppenzugehörigkeit zu den traditionell
benutzten Variablen. Dabei wird selten begründet, weshalb gerade diese analytischen
Dimensionen verwendet werden. Auch setzt deren jeweilige Aufgliederung, z.B. die
Klassifikation von Berufen oder Altersgruppen, eine Theorie über die Relevanz der
Klassifikation ftir das Forschungsproblem voraus.
Probleme politischer Führungsauswahl
15
Parlamenten auffallend konstant geblieben: Je nachdem, ob vom erlernten oder zur
Zeit der Wahl ausgeübten Beruf ausgegangen wird, geben die Statistiken für die
verschiedenen Legislaturperioden einen Anteil von null bis etwa vier Prozent an, bei einem Anteil an den Berufstätigen insgesamt von knapp der Hälfte.! 4
Nun hängt die Vertretung sozialer Interessen im Parlament nicht unbedingt von der
Stärke der personellen Repräsentation ab. Der Einfluß von Interessengruppen auf
parlamentarische Entscheidungen ist bekanntlich nicht unbedingt eine mathematische Funktion der Zahl ihrer Vertreter im Parlament.! 5 Auf der anderen Seite kann
kein Zweifel darüber bestehen, daß sozioökonomische Interessen und kulturelle
Werte sozialer Gruppen und Klassen über deren personelle Repräsentanz in
politischen Führungsorganen auch in die Entscheidungen eingehen, die durch diese
Organe getroffen werden. Insofern hängt die demokratische Legitimität namentlich
von Parlamenten (aber auch von anderen Führungsgremien) mit davon ab, ob in
solchen Organen nicht einseitig nur bestimmte - zumal gesellschaftlich ohnehin
bereits privilegierte - Sozialgruppen vertreten, andere vielleicht überhaupt nicht
repräsentiert sind. Jedoch würde man die Funktion moderner Repräsentativorgane
grundlegend verkennen, wollte man die soziale Zusammensetzung ihrer Mitglieder
zum einzigen oder auch nur wichtigsten Kriterium ihrer demokratischen Legitimität
machen. Die negativen Erfahrungen mit sogenannten Wirtschaftsparlamenten zeigen
dies eindringlich. Wenn man deshalb die Frage nach der "Offenheit" des Führungsauswahlprozesses demokratietheoretisch stellt, so ist dieser Prozeß unter dem
Gesichtspunkt der politischen Partizipation zu thematisieren. Woran liegt es, so wäre
zu fragen, daß Angehörige verschiedener Sozialgruppen offensichtlich unterschiedliche Chancen der Kandidatur für politische Führungspositionen haben? Dabei ist
vorausgesetzt, daß der Erfolg eines Mandatsbewerbers von seinen politischen
Fähigkeiten, eine Vertrauensbasis in seiner jeweiligen Wählerschaft zu gewinnen,
sowie von der jeweiligen parteipolitischen oder parlamentarischen Konstellation
abhängt. Führungsauswahl vollzieht sich insofern in einem öffentlichen Wettbewerb
um Wählermehrheiten, und es wäre absurd zu erwarten, daß in einem demokratischen
Auswahlprozeß jeder Kandidat gleichsam dasselbe Anrecht haben müsse, in Spitzenpositionen delegiert zu werden. Worum es bei dem Problem der "Offenheit" des
Führungsauswahlprozesses in einer demokratischen Ordnung geht, ist vielmehr die
Frage, ob und inwiefern nicht-politische Gründe die Teilnahme an der Konkurrenz
um Mandate von vornherein ausschließen oder jedenfalls erheblich erschweren, beispielsweise Bildungsvoraussetzungen, beruflicher Status, Einkommen, soziale
Sicherheit usw.
Darüber hinaus ist "Offenheit" der politischen Führungsauswahl ein allgemeines
Problem in modernen Gesellschaften, das nicht allein die Kandidaturchancen dieser
oder jener Sozialgruppe betrifft. Grob formuliert, läßt es sich als ein Auseinanderklaffen von Politik und Beruf kennzeichnen. Auf der einen Seite sind die
Anforderungen an den politischen Funktionär seit den Zeiten des Honora1iorenParlaments und der noch lockeren Parteigruppierungen beträchtlich gestiegen.
Während die bloße Teilnahme an Parteiveranstaltungen oder auch die Aktivität in
Repräsentativorganen in kleinen Gemeinden für den Einzelnen keine besonders
14 Vgl. Strukturelle Gliederung d. Dt. Bundestages.
15 Siehe hienu u.a. Dtto Stammer et al., Verbände und Gesetzgebung, Köln und Dpladen 1965.
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Probleme politischer Führungsauswahl
hohen zeitlichen Belastungen (oder finanzielle Kosten) verursachen, weil es sich dabei
gleichsam um "Politik nach Feierabend" handelt, erfordert die Kandidatur für - und
die Ausfüllung von - Führungspositionen ein beträchtliches Maß an kontinuierlicher,
zeitlich über den ganzen Arbeitstag verstreuter politischer Aktivitäten. Vorbereitende
Besprechungen, Kontakte mit der Presse, Verhandlungen mit Verbänden, Recherchen
bei Verwaltungsstellen, offizielle Reisen und zahlreiche andere Verpflichtungen
politischer Mandatsinhaber sind nur bei einem hohen Maß beruflicher Abkömmlichkeit möglich.
Auf der anderen Seite setzt die Routinisierung zahlreicher Berufstätigkeiten vor allem
dort, wo in wirtschaftlichen Großorganisationen ein weitgehend fremdbestimmter
Arbeitsrhythmus eingehalten werden muß, der politischen Abkömmlichkeit enge
Grenzen. Das trifft zunehmend auch auf selbständige Gewerbetreibende zu, die
angesichts ihrer schwachen Konkurrenzsituation gegenüber den sich ausbreitenden
Großfirmen kaum Gelegenheit zu intensiverer politischer Mitarbeit haben. Demgegenüber sind in den freien Berufen mit beschränkter Konkurrenz (z.B. bei Rechtsanwälten) oder geregelter Abkömmlichkeit (z.B. Verbandsgeschäftsführern oder öffentlich
Bediensteten) zumindest von einer höheren Leitungsposition an die politischen
Partizipations- und damit Karrierechancen vermutlich groß. Insgesamt kann man
hypothetisch davon ausgehen, daß die Bedingungen der modernen Berufswelt und die
Anforderungen an den politischen Aktivbürger, insbesondere an den politischen
Mandatsträger, eine Schere bilden, durch die die "Offenheit" des Zugangs zu
politischen Mandaten beträchtlich vermindert wird. Damit stellt sich für die
Forschung das Problem, welcher Art diese Hindernisse sind und wie sie jene
"disproportionale Selektivität" im Prozeß der politischen Führungsauswahl bedingen.
Soweit die zentralen inhaltlichen Problemstellungen der vorliegenden Untersuchung.
Um sie in einem kohärenten Zusammenhang empirisch bearbeiten zu können, ist ein
theoretischer Bezugsrahmen zu entwickeln, der den Gesamtprozeß politischer
Führungsauswahl analytisch erfaßbar macht.
11. Zur Kritik traditioneller Ansätze in der empirischen
Rekrutierungsforschung
Für die Analyse politischer Personalauswahlprozesse bieten sich unterschiedliche
Vorgehensweisen an. Jede dieser Methodologien geht von speziellen F~agestellungen
aus und bedarf spezieller empirischer Forschungstechniken. Wichtig ist, welche
Ausschnitte der Wirklichkeit jeweils erfaßt und welche theoretischen Einsichten in
die Bedingungen politischer Führungsrekrutierung dabei gewonnen werden können.
Da jeder methodische Ansatz den Erkenntnisgegenstand strukturiert und damit
zwangsläufig auch begrenzt, ist eine kritische Durchsicht bisheriger Vorgehensweisen
notwendig, bevor der für die Problemstellung der vorliegenden Untersuchung
entwickelte Forschungsansatz begründet werden kann.
1. Kandidatennominierung als E1ltscheidungsprozeß
Namentlich von politikwissenschaftlicher Seite wird ein starkes Gewicht auf die
Analyse von Entscheidungsprozessen gelegt, die hinsichtlich bestimmter Sachentscheidungen oder Personalentscheidungen forschungsrelevant sein können. Häufig
sind beide Aspekte miteinander verbunden, wie beispielsweise bei der Analyse
kommunaler Machtstrukturen. Speziell für die Auswahl von Parlamentskandidaten
hat sich die Entscheidungsprozeßanalyse als ein Verfahren bewährt, das detaillierte
Einsichten in intra- und interorganisatorische Vorgänge erlaubt. 1 Die Kandidaturchancen werden vornehmlich als Resultat formaler und informaler Machtbeziehungen
innerhalb der politischen Parteien untersucht. Aber auch die Rolle von Interessengruppen und ihr Einfluß auf den Nominierungsprozeß sind gerade für demokratietheoretische Fragestellungen von wesentlicher Bedeutung.
Andererseits wird die Entscheidungsanalyse dadurch begrenzt, daß sie sich auf eine
einzelne Phase im Gesamtprozeß der Führungsauswahl konzentriert. Bodo Zeuner
weist in diesem Zusammenhang auf die sowohl "unterhalb" als auch "oberhalb" der
Kandidatenaufstellung wirksamen Bedingungen hin. 2 Bereits vor der eigentlichen
Nominierung findet ein Auswahlprozeß statt, der sich nicht nur im Parteibeitritt und
in der Aktivierung des Parteimitgliedes äußert, sondern bereits in der Phase der
1 Siehe hierzu u.a. Karlheinz Kaufmann, Helmut Kohl und Peter Molt, Die Auswahl der
Bundestagskandidaten 1957 in zwei Bundesländern, Köln/Beriin 1961; Bodo Zeuner,
Kandidatenaufstellung zur Bundestagswahl 1965. Untersuchungen zur innerparteilichen
Willensbildung und zur politischen Führungsauslese (Studien zur Regierungslehre und
Internationaler Politik, Bd. 2), Den Haag 1970.
2 Vgl. Zeuner, Kandidatenaufstellung, S.4.
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Zur Kritik traditioneller Ansätze
politischen Sozialisation des Jugendlichen, in der die Einflüsse der Familie, des
Ausbildungssystems oder politischer Jugendgruppen von beträchtlicher Bedeutung
fiir die politische Motivation sein können. "Oberhalb" der Kandidatennominierung
stellt sich unter anderem die Frage, unter welchen Bedingungen, mit welchen
Methoden und aufgrund welcher Qualifikationen (gewählte) Abgeordnete nunmehr
in einzelne Führungspositionen gelangen. Dieser Teil des Rekrutierungsprozesses
findet formell im Parlament statt, aber zweifellos spielen dabei Parteigruppen,
Interessenverbände und andere außerparlamentarische Einflußgruppen eine Rolle.
Zudem sind die beruflichen Voraussetzungen von Abgeordneten eine der wichtigsten
Determinanten politischer Karrierechancen. 3
Somit erfaßt die Analyse der N 0minierung von Parlamentskandidaten lediglich einen bestimmten Punkt im Gesamtprozeß politischer Führungsrekrutierung.
2. Die biographische Methode
Anders verhält es sich mit der biographischen Methode. Hier bilden die Lebensläufe
insgesamt den Forschungsgegenstand. Politische Lebenswege werden als zusammenhängende Prozesse erfaßt. Obwohl auf individuelle Karrieren bezogen, stellt die
biographische Methode grundsätzlich einen wichtigen Forschungsansatz fiir die
Untersuchung politisch-gesellschaftlicher Bedingungen der Führungsauswahl dar,
sofern die individuelle Biographie in diesen Kontext sozialer Klassen, Organisationen
und Machtstrukturen gestellt wird. Ein Beispiel dafiir aus jüngerer Zeit ist Arnold J.
Heidenheimers Adenauer-Biographie. 4
Freilich mangelt es der biographischen Methode noch weitgehend an theoretischen
Grundlagen, die sie fiir eine mehr systematisch-generalisierende denn literarischindividualisierende,
politisch-soziologische Elitenforschung geeignet
machen
könnten. 5 Gerade das gleichsam natürliche Interesse des wissenschaftlichen Biographen an Lebensläufen exzeptioneller Personen erschwert die Möglichkeit, allgemeine Aussagen über Selektionsprozesse zu treffen; die Untersuchung weniger
prominenter Mitglieder politischer Führungsgruppen würde vermutlich eher generalisierbare Erkenntnisse einbringen 6 , ist aber naturgemäß für den Forscher von
geringerem Reiz. Davon abgesehen steht die biographische Methode in besonderem
Maße vor der Schwierigkeit, individuelles Verhalten und sozialen Kontext in einen
systematischen Zusammenhang zu bringen. Da er nur einen einzelnen Akteur und
keine "Kontroll-Personen" von anderer sozialer Herkunft, anderer Ausbildung,
anderem Berufsweg, anderer Motivation usw. zum Thema hat, ist es für den
Biographen schwer, hinlänglich zu begründen, was diesen politischen Lebenslauf
bedingt hat: die gesellschaftliche Situation oder die individuellen Fähigkeiten, um
nur die beiden extremen Erklärungsmodelle zu erwähnen. Ansätze wie die von Lewis
3 Vgl. Kaufmann, Auswahl, S. 205 ff.
4 Amold J. Heidenheimer, Adenauer and the CDU, Den Haag 1960.
5 Siehe dazu Lewis J. Edinger, "Political Science and Political Biography", in: J. Pol., 26 (1964),
S. 423-439, 648-676.
6 Als Beispiel daftir siehe J.T. Salter, Boss Rule. Portraits in City Politics, New York/London
1935.
Der "stratifikationstheoretische" Ansatz
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J. Edinger 7 , mit Hilfe einer psychologisch gefaßten Rollentheorie der biographischen
Methode einen Platz in der systematischen politikwissenschaftlichen Forschung zu
verschaffen, verdienten zweifellos eine kritische Rezeption. Doch führt die von ihm
vorgeschlagene Hereinnahme gesellschaftlicher Strukturen in die biographische
Analyse qua deren Perzeption durch den Akteur eher auf den Weg psychologischer
Erklärung, denn zu einer soziologischen Theorie politischer Führungsrekrutierung.
Neben diesen beiden Forschungsmethoden verdienen zwei weitere Ansätze eine
ausführlichere Kritik, bei denen Führungsrekrutierung als Gesamtprozeß verstanden
und dafür generelle theoretische Erklärungen angewendet werden. Der eine wird als
"stratifikationstheoretischer Ansatz" bezeichnet, weil hier von einem Zusammenhang
zwischen sozialer Schichtung und Elitenzusammensetzung ausgegangen wird. Dieser
Ansatz unterliegt der "Herkunftsanalyse" (im Englischen als social background
analysis bekannt). Er stellt gleichsam die Standardmethode der Elitenforschung dar,
ist am weitesten verbreitet und hat auch die längere wissenschaftsgeschichtliche
Tradition. Der zweite Ansatz stellt den Prozeß der Elitenrekrutierung in einen
psychologischen Bezugsrahmen. Hier sind es vor allem Persönlichkeitsmerkmale, die
als bestimmende Variablen zur Erklärung politischer Mobilität gelten. Er wird
deshalb "Persönlichkeitstheoretischer Ansatz" genannt. Auch sein Ursprung liegt in
den Anfängen der Elitentheorie, namentlich bei Vilfredo Pareto, läßt sich aber sogar
bis zu Machiavelli zurückverfolgen. Als analytische Theorie ist er jedoch erst von
Harold D. LassweIl und seine Schule zu einem Instrument systematischer Forschung
entwickelt worden. Größere Bedeutung erlangte er bisher nur in der amerikanischen
Po litik wissenscha ft.
3. Der "stratifikationstheoretische" Ansatz
Donald R. Matthews hat als erster versucht, die social background analysis in der
Elitenforschung zu systematisieren; er hebt drei Anwendungsmöglichkeiten hervor:
I. Einstellungen und Verhaltensweisen von Angehörigen politischer Führungsgruppen
können mit Hilfe dieses Ansatzes auf persönliche Lebenserfahrungen zurückgeführt
werden, die ihrerseits von dem sozialen Kontext (soziale Schicht, kulturelles
Milieu, Ausbildungsniveau, Beruf usw.) geprägt sind, aus denen die Elitenmitglieder jeweils stammen.
2. Die soziale Zusammensetzung politischer Führungsgruppen läßt Rückschlüsse auf
die gesellschaftlichen Bedingungen des politischen Auswahlprozesses zu.
3. Veränderungen des SozialprofiJs von Eliten indizieren bestimmte Wandlungen der
Sozialstruktur und des gesellschaftlich-politischen Systems. 8
Hieraus wird deutlich, daß für Matthews Merkmale der sozialen Herkunft für sich
allein keinen Aussagewert haben. Sie stellen vielmehr kritische Variablen zur Analyse
7 Lewis J. Edinger, Kurt Schu1TUJcher (deutsche Ausgabe), Köln-Opladen 1967. Diese Studie
erklärt das politische Handeln und die politische Karriere Schumachers vornehmlich aus den
Erfahrungen seiner Jugendzeit. Zur Kritik dieses Ansatzes siehe Susanne Miller, "Ein
Amerikaner zeichnet das Bild Schumachers", in: Vorwärts vom 25.5.1966, S. 13.
8 Donald R. Matthews, The Socüzl Background o[ Political Decision·Makers, Garden City 1954,
S. 2 ff.
20
Zur Kritik traditioneller Ansätze
des Zusammenhanges zwischen Sozialstruktur und Elitenstruktur dar, d.h. sie sollen
der Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen des Prozesses der Elitenauswahl und
öamit auch des Elitenwandels dienen.
Tun sie dies aber wirklich? Sind die von Matthews formulierten Annahmen
hinreichend begründet? Und kann die social background analysis tatsächlich den mit
ihr verknüpften Erwartungen gerecht werden?
Unter den zitierten drei Anwendungsmöglichkeiten haben die beiden letztgenannten
die bisher wohl größte Rolle in der Forschung gespielt. 9 Die außerordentlich
reichhaltige Literatur um faßt Untersuchungen insbesondere über Parlamente, Regierungen, Parteiführungsgremien und gesamte Führungsschichten.' 0 Dabei wurde die
social background analysis entweder allein oder in Verbindung mit der Analyse
organisatorischer Strukturen und Ideologien von Eliten angewandt. In jedem Fall
liegt der Untersuchung sozialer Herkunftsmerkmale die Absicht zugrunde, Elitenbildung und Gesellschaftsstruktur in Zusammenhang zu bringen. Die Frage ist, wie der
vermutete, Zusammenhang theoretisch gefaßt werden kann.
Tatsächlich ist die theoretische Grundlage der social background analysis trotz ihrer
weiten Verbreitung noch immer recht vage. Läßt man für den Augenblick die
spezielle Frage nach dem Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und politischen
Einstellungen von Elitenangehörigen außer Betracht, so findet man in den verschiedenen Untersuchungen über die sozialstrukturellen Bedingungen der Führungsrekrutierung zwei unterschiedliche Modelle, die freilich nicht immer explizit deutlich
gemacht sind. Das eine Modell ist kausal, das andere final konstruiert. Anknüpfend an
Kenneth Prewitt'l kann man das eine als "Stratifikationsmodell" , das zweite als
"Funktionsmodell" bezeichnen. Beide erscheinen unmittelbar plausibel, weisen
jedoch bei näherer Betrachtung nicht unwesentliche Mängel auf.
Mit dem Stratifikationsmodell wird angenommen, daß die politischen Aufstiegschancen einer Person abhängig sind von ihrer Herkunft aus einer bestimmten sozialen
Schicht, Subkultur, Religionsgemeinschaft, Berufskategorie, Altersgruppe usw. Dementsprechend sind Individuen sozial - und folglich auch politisch - unterschiedlich
privilegiert. Sie haben - um mit Max Weber zu sprechen - unterschiedliche
"Lebenschancen" , die auch die politischen Partizipationsmöglichkeiten umschließen.
Herkunftsmerkmale von Eliten indizieren also privilegierte Gruppen oder Schichten.
9 Diese zwei Punkte können zusammengefaßt diskutiert werden: Bei beiden geht es um die
Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen der Elitenauswahl - lediglich im ersten Fall
unter einer strukturellen, im zweiten unter einer historischen Perspektive.
10 Siehe dazu u.a. v. Bethusy-Huc, Soziologische Struktur; Philip W. Buck, Amateurs and
Professionals in British Politics 1918-1959, Chicago 1963; Mattei Dogan, "Les filieres de la
carriere politique en France", in: Rev.[r. soc io I. , 8 (1967), S. 468-492; Lewis J. Edinger,
"Continuity and Change in the Background of German Decision-Makers", in:
West.Pol. Quart. , 14 (1961), S. 17-36; W.L. Guttsman, The British Political Elite, London
1963; Harold D. Lasswell/D. Lerner (Hrsg.), World Revolutionary Elites, Cambridge/Mass.
1965; Peter C. Ludz, Parteielite im Wandel, Köln-Opladen 1968; F.G. Moquette, "Het
Nederlandse parlemtmt", in: Acta polit., 1 (1965/66), S. 112-153; Stein RokkanlK. Salhus,
"Changes in the Channels of Recruitment to Parliament", UNESCO, 1968; Giovanni Sartori,
"Italy: Members of Parliament", in: Decisions and Decision-Makers in the Modem State,
UNESCO, Paris 1967.
11 Siehe Kenneth Prewitt, "Political Socialization and Leadership Selection", in: Annals
Am.Ac.Pol.Soc.Sc., 361 (1965), S. 96-111.
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