Einmischen und Fragen stellen

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Interview
Interview
Sie gilt als die öffentlichste aller Künste: Architektur. Sie geht alle
etwas an, doch wird sie in der Öffentlichkeit viel zu selten diskutiert.
Eine wichtige Aufgabe für Architekturkritiker wie Heinrich Wefing.
Einmischen und Fragen stellen
D
r. Heinrich Wefing ist Kulturkorrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in
Berlin und zählt zu Deutschlands renommiertesten Architekturkritikern.
Für seine klaren und entschiedenen
Urteile wurde er mehrfach ausgezeichnet, zuletzt im vergangenen
Jahr vom Bund Deutscher Architekten mit dem Preis für Architekturkritik. „Meilensteine“ sprach mit dem
41-Jährigen über gute und schlechte
Architektur und die Herausforderungen der Zukunft.
Meinungen über neue Bauwerke gibt
es viele, doch unter Laien gehen sie
meist nicht über ein subjektives
Gefallen oder Nicht-Gefallen hinaus.
Nach welchen Kriterien beurteilen
Sie als professioneller Kritiker
Architektur?
Wefing: Zunächst versuche ich zu
verstehen, welchen Gedanken ein Architekt mit einem Bauwerk verfolgt
hat. Steht ein Konzept dahinter? Wie
schlüssig ist es, und wie ist es verwirklicht worden? Wie fügt sich das
Bauwerk in seine Umgebung ein,
wenn es sich denn einfügen soll? Bei
Gebäuden, die dezidiert herausstechen sollen, muss man sich fragen,
ob es eine innere Rechtfertigung gibt,
sich in den Vordergrund zu drängen,
oder ob es richtiger wäre, sich in den
städtebaulichen Kontext einzufügen.
Ein gutes Gebäude hat eine Haltung,
eine Stimmung. Beispiele dafür sind
für mich etwa der von Frank O. Gehry
entworfene Neubau der DG-Bank am
Pariser Platz in Berlin oder die neue
Dresdener Synagoge der Architekten
Wandel, Hoefer, Lorch und Hirsch.
Missraten finde ich dagegen Gottfried Böhms Hans-Otto-Theater in
Potsdam: eine enttäuschende Kiste,
Meilensteine | Ausgabe 2/07 | 15.6.2007
an die Böhm den Saal nur
angeklebt hat. Im Inneren
eines Gebäudes geht es
mir um die Detaildurcharbeitung, die Qualität der
Materialien, den Fall des
Lichts. Ganz wichtig ist die
Frage: Ist ein Bau benutzerfreundlich? Auf die Spitze
getrieben: Würde ich selbst
in so einem Neubau wohnen oder arbeiten wollen?
Da wird’s dann wirklich
sehr subjektiv. Skeptisch
bin ich stets bei Gebäuden,
die auf den schnellen Effekt
setzen. So etwas verbraucht
sich rasch, und ein Haus soll
schließlich zwei bis drei Generationen an seinem Platz
stehen. So lange kann man
nicht über einen Architektenwitz lachen.
Doch nicht nur der zwanghafte Wille zur Originalität,
sondern auch deren völliges
Fehlen kann zum Problem
werden …
Wefing: Das Hauptproblem sind tatsächlich die
Bauten, die 90 Prozent der
Städte ausmachen: Shopping Center, mediokre Bürobauten und billige Hotels.
Wegwerfarchitektur, die allein ökonomischen Gesetzen gehorcht.
Glauben Sie, dass viele Architekten
selbst gern in den von ihnen entworfenen Häusern leben würden?
Wefing: Der Architekt im Architektenhaus scheint auf dem Rückzug zu
sein. Viele Architekten, die ich kenne,
leben lieber in Altbauwohnungen,
ganz so wie der Rest der Bevölkerung
„Ein gutes
Gebäude hat eine
Haltung, eine
Stimmung. “
Dr. Heinrich Wefing, Architekturkritiker für die „FAZ“
nachhaltiger bauen und die Ressourcen schonen müssen.
Gutes Beispiel für
die Umsetzung
eines schlüssigen
Konzepts: die
neue Dresdener
Synagoge
auch. So etwas hat stets mit Zeitstimmungen zu tun, aber es sollte den
Architekten doch zu denken geben.
Viele Altbauten besitzen Qualitäten
wie Sinnlichkeit, handwerkliche
Durcharbeitung, auch Geborgenheit,
die Neubauten meist fehlen.
Trotzdem schwören viele Planer auf
Fassaden aus Glas und Stahl. Wird
eine solche Bauweise vor dem
Hintergrund der Diskussion um
Energieverbrauch und Klimawandel
an Beliebtheit einbüßen?
Wefing: Ich denke, es wird eher
dazu führen, dass die entsprechenden Formelemente technisch
weiterentwickelt werden, bis Glasfassaden auch verschärften Anforderungen genügen. Aber natürlich
werden Fragen der Umweltverträglichkeit künftig in allen Bereichen
eine größere Rolle spielen. Man wird
im Sinne einer „grünen Architektur“
Meilensteine | Ausgabe 2/07 | 15.6.2007
Welche stilistischen Tendenzen
werden die Architektur in den
kommenden Jahren bestimmen?
Wefing: Wir leben mehr denn je
in einer Zeit beispielloser Pluralität
von Ideen, Stilen und Formen. Immer
noch gilt „anything goes“. Ich beobachte daher den Biomorphismus
genauso neugierig wie minimalistische Tendenzen. Ein sehr interessanter Bereich bleibt die Auseinandersetzung mit dem Neotraditionalismus als kritischer Kommentar
zur Moderne. Darin spiegelt sich der
Wunsch der Nutzer nach Werthaltigkeit, hochwertigen Materialien, nach
Identitätsstiftung in der globalisierten Welt.
Wenn so viele Menschen die Architektur der Vergangenheit schätzen,
müssten sich dann nicht viel mehr
Architekten an diesen Wünschen
orientieren?
Wefing: Der Architekturdiskurs ist
in Deutschland extrem hermetisch.
Manche prominente Architekten
scheinen sich wenig darum zu
scheren, was die Öffentlichkeit von
ihrer Arbeit hält. Sie achten – aus
nachvollziehbaren Gründen – vor
allem auf die Reaktionen der Fachkollegen. Entsprechend schlecht
ist der Ruf der Architekten in der
Bevölkerung, die oft den Eindruck
hat, sie müsse Bauten hinnehmen
wie Schicksalsschläge. Als Architekturkritiker betrachte ich es als Teil
meiner Aufgabe, bei wichtigen Projekten schon in der Entwurfsphase
auf die Mitsprache der Öffentlichkeit zu drängen. Architekten und
Bauherren müssen erläutern, was
sie vorhaben, müssen Kritik ertragen und darauf reagieren. Was sie
bauen, prägt schließlich für lange
Zeit unsere Städte.
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