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Pette) Die Pathogénese der Poliomyelitis' denken gegen die These der Virusausbreitung ausschließlich auf dem Nervenwege aufkommen ließen. Man stellte fest, daß nach Verimpfung von Virus in eine ,,denervierte" Extremität Die Lehre von der Pathogenese der Poliomyelitis (P.m.) hat in den letzten Jahren eine bedeutsame Wandlung erfahien. Meine Aufgabe ist, aufzuzeigen, auf welchem Wege das P.m.Virus in den Organismus gelangt, in welchen Organen es sich mehrt und auswirkt, insbesondere aber die Beziehungen deWs Virus zum ZNS darzulegen. Es wird hier und da die Klinik gestreift werden, besonders da, wo pathogenetisthe Betrachtungen die Erklärung für eine bestimmte Krankheitsform zu aeben vermögen. Schon um die Jahrhundertwende hatten C h a r c o t in Paris und W i c k m a n in Stockholm sich um die Klärung der Patho- genese der P.m. ernsthaft bemüht. Sie hatten den Blutweg für die Ausbreitung des Virus verantwortlich gemacht. 1943 hat sich B. W a lt h a r d in Genf von anatomischen Gesichtspunkten aus erneut zu dieser Lehre bekannt, nachdem seit Beginn der expe.rimentellen Ara ab 1909 jahrelang die Lymphbahn (Land s t e in e r, L e y a d j ti u. a.) als Ausbreitungsweg angesehen worden war. 1930 haben Hurst-Fairbrother und Pette unabhängig voneinander experimentell an Affen den Nachweis geführt, daß sich das P.m.-Virus neural ausbreiten kann. 1932 haben dann Pette, Demme, Környey in einer großangelegten experimentellen Studie die Lehre von der Propagation des Virus auf dem Nervenweg (Adisenzylinder) weiter ausge- baut. Die P.m. galt von da ab als eine exquisit neurotrope Viruskrankheit. Wenn eine P.m.-virushaltige Hirn-Rüdtenmarkssuspension in einen peripheren Nerven geimpft wird, kommt der neurale Prozeß primär in den zu den Nerven gehörenden Segmenten in Gang. Wird das Virus zentral in die motorische Region injiziert, so zeigen sich die ersten Lähmungen meist in den Extremitäten der Gegenseite. Die experimentellen Befunde gaben die Basis für die Annahme, daß das P.m.-Virus unter natürlichen Infektionsverhält- nissen in arrödierten Stellen der Schleimhäute des NasenRachen-Raumes sowie des Darmtraktus an freiliegende Nerven gelange und zentralwärts wandere, um von hier aus auf dem Liquor-Lymphwege oder auch über den Achsènzylinder andere Teile des ZNS zu ergreifen. Diese 'These hatten Autoren wie S p j e 1 m e y e r und D o e r r als absolut gesichert bezeichnet, ebenso die Arbeitskreise um S a b i n, B o d i a n und H o w e, kann, und daß nach neuraler Impfung trotz Durchschneidung des Rüdcenmarkes und des Grenzstranges oberhalb gelegene Ru ckenmarkssegmente prozeßhaft ergriffen werden können, allerdings - und das erscheint in heutiger Sicht wesentlich mit verlängerter Inkubationszeit. Man lernte biologische Gesetzmäßigkeiten im Ablauf anderer Viruskrankheiten kennen (Generalisationsstadium, Organbefall), ferner inapparent und abortiv verlaufende andersartige virale Erkrankungen, bei denen es nur zu einem Generalisationsstadium und nicht zu klinisch faßbarem Organbefall kommt Schwer vereinbar mit der Annahme einer Virusausbreitung auf dem Nervenwege ist auch das gleichzeitige Auftreten von Lähmungen in weit voneinander entfernten Körperabsdinitten. Dies läßt sich nur damit erklären, daß das Virus zu gleicher Zeit an verschiedene Stellen des ZNS herangetragen wird, wofür allein der Blutweg verantwortlich gemacht werden kann (K a 1 m, L a r u e 1 1 e). Diese und andere Aspekte, weniger im Tierversuch als am Krankenbett gewonnen, veranlaßten meine Mitarbeiter (D ö r i n g, B e h r e n d, K a 1 m) und mich, 1949 die These von der neuralen Propagation des Virus aufzugeben und zu versuchen, den Beweis zu führen, daß die Virusausbreitung über das Blut erfolgen muß. Um die gleiche Zeit hat auch B r e i g klinische Argumente gegen den neuralen Weg aufgeführt, ebenso B i e 1 i n g, J u n ge b 1 u t und L a r u e 1 1 e, letzterer vor allem gestützt auf das histologische Substrat. Wenn wir heute den Blut- weg als maßgeblich für die Virusausbreitung bei einer Spontaninfektion ansehen, so schließen wir damit die Möglichkeit einer Viruswanderung auf dem Nervenwege nicht aus sie behält nach wie vor für das Tierexperiment, wenn wir uns eineg unnatürlichen Infektionsmodus (intrazerebral, intraneural) bedienen ihre Gultigk,eit wieweit uber den Blutweg hinaus auch noch für den Menschen, bleibt allerdings unentschieden. B o d i a n, der sich jüngst unserer Auffassung hinsichtlich der Bedeutung des Blutweges für die Krankheitsentstehung auf Grufld eindrucksvoller experimenteller Befunde angeschlossen hat, hä1t insoweit noch am Nervenwege fest als er annimmt daß sich das Virus, sobald es das ZNS hämatogen erreicht hat, neural ausbreitet. Wir wurden in unserer jetzigen Aüffassung durth den Virusnachweis im Blut bei einemabOrtiv verlaufenden Fall von Pin. (W a r d, H o r s t m a n n ünd M e I n i c k) bestärkt. Dieser Be- fund spricht eindeutig fur die Annahme daß das bislang in sowie Faber, Silverberg und Dong in USA. So ein- seiner Genese umstrittene sogenannte Vorstadi-um der P.m deutig das Tierexperhnent zu sein schien, so wenig fügten sich dieser Lehre gewisse Beobachtungen der menschlichen Pathologie, insofern Infiltrate oder parenchymale Veränderungen im Bulbus olfactorius und in den zu den basalen Hirnnerven gehörigen Ganglien, sowie audi im Ganglion stellatum und Ganglion coeliacum, wie rnn sie doch in Analogie zum Tierexpériment hatte erwarten mussen hauflg vermißt wurden Daruber hinaus gab es weitere Befunde, die in wachsendem Maße Be- sp e z if I s c h e r Natur ist, und sichrrnit dem Generalisationsstadium anderer ViruskrankheIten deckt. In diesem Sinne sprechen auch die bekannten Umgebungsuntersuchungen von Referat erstattet auf der Bayerischen Internistentagung in Nürn- Krankheiten mit starkem Beifall des ZNS (Lyssa, Pseudorabies, Louping-ill), für die der Virusnachweis im Blut ebenso erbracht berg am 28. 1. 1953. Camerer-Joppich und Behrend. Sind Vorstadium und neurale Erkrankung bei der P.m. Ausdruck einer Infektion mit dem gleichen Virus, so 'liegt die Annahme nahe, daß hinsichtlich Krankheitsentstehung und Krankheitsablauf kein wesentlicher Unterschied besteht gegenüber anderen viralen (1129) Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt. (G e r m a n und T r a s k) dennoch das ZNS spezifisch erkranken Von H. P e t t e Pet t e : Die Pathogenese der Poliomyelitis Dtsdi. med. Wschr., 78. Jg. worden ist, wie bei Viruskrankheiten ohne bevorzugten Befall des ZNS (Geibfieber, Pappatacifieber, Dengue, Maul- und Klauenseuche u. a.). Da bei diesen Krankheiten das Virus nur kurz, und zwar nur im ersten Stadium, im Blut verbleibt, kam idi 1949 zu der Uberzeugung, daß auch bei der P.m. eine Viramie bestehen müsse, allerdings nur im Vorstadium, nicht aber mehr im Lähmungsstadium, in dem es viele Autoren vergebens gesucht hatten. Diese Auffassung gründete sich bis dahin lediglich auf anatomische Befunde und klinische Erfahrungen, ohne daß der biologische Virusnachweis erbracht werden konnte. in 13°/o während der 7. und 8. Woche. Wiederholt ist aber auch das Virus noch bis zur 12. Woche nachgewiesen worden (S a- zyklischen Infektionskrankheiten im Sinne D o e r r s und H o r j n g s ein. D. H o r s t m a n n ist es nun 1951 gelungen, bei 7 von 10 Cynomolgusaffen und bei '3 von 4 Schimpansen 4 bis bis 7,6 sich hält und sicherlich auch mehrt, besonders bei reichlichem Trypsingehalt. Die Vorgänge, die sich auf den Schleimhäuten klinisch stumm abspielen, stellen offensichtlich einen entscheidenden Wir reihten damit die P.m. in die Gruppe der sogenannten 6 Tage nach oraler Virusverfütterung eine Virämie nachzuweisen bei einem Intervall von 3 bis 7 Tagen zwischen Auftreten der Virämie und Auftreten der Lähmungen. Gleichartige Befunde hat um die gleiche Zeit B o d i a n erhoben. Er stellte fest, daß es bei drei der von ihm auf Virämie untersuchten und positiv gefundenen Schimpansen auch zu einem Befall des ZNS gekommén war und bestätigte damit unsere Auffassung, daß dem neuralen Prozeß wahrscheinlich eine Virämie vorausgeht. Diese ist mithin eine wichtige Phase im gesamten Krankheitsablauf. Nach D. H o r s t m a n n tritt sie im Inkubationsstadium auf. Bei der humanen Erkrankung leitet sie die erste Krankheitsphase (Generalisationsstadium) ein, die klinisch durch Regulationsstörungen vegetativer Funktionen (Fieber, Kopfschmerzen, Schlaf-Wach-Störungen, Abgesthlageriheit u. a.) gekennzeichnet wird, Symptome, die auf einen Reizzustand vegetativer Zentren im Zwischenhirn schließen lassen. Ganz allgemein ein Wort zur Bewertung experimenteller Befunde bei Affen, die intrazerebral und intraneural infiziert wurden. Man kann eine auf diese Weise erzeugte P.m. hinsichtlich pathogenetischer 1ragestellungen nicht ohne weiteres mit der Spontaninfektion des Menschen identifizieren. Wir haben uns sicher jahrelang zu sehr von den bei Affen erhobenen Befunden in pathogenetischen Fragen beeinflussen lassen. Auch ist nicht zu übersehen, daß nur äußerst selten Affen spontan an P.m. erkranken; es liegen lediglich Beobachtungen bei Schimpansen vor (W. Müller, Horstmann, Melnick und Ho w e -B o d i a n). Wir selbst sahen niemals spontane Erkrankungen unter den zahlreichen von uns gehaltenen Affen. Sowohl bei den Affen, denen das Virus nasal inokuliert war, als auch bei den intrazerebral geimpften Affen konnten wir fast regelmäßig zwei Tage vor Auftreten der Lähmungen einen kurzanhaltenden Fieberanstieg neben Ailgemeinsymptomen feststellen. Es muß offenbleiben, ob diese Erscheinungen Ausdruck eines Generalisationsstadiums sind. Der prinzipielle Unterschied zwischen experimentellen und natürlichen Infek- tionen ist m. E. darin zu erblicken, daß es bei einer natürlichen Infektion einer gewissen Anlaufzeit bedarf, in welcher der Organismus für die Infektion als Krankheit vorbereitet wird. Diese Möglichkeit ist bei einer künstlich erzeugten Infektion nicht gegeben. Nach diesen Bemerkungen zur Geschichte der Pathogenese der P.m. und zur heutigen Lehre der Krankheitsentstehung, die dazu drängt, das Kapitel der Pathogenese neu zu schreiben, nunmehr zur Frage der Eintrittspiorte des Virus in den Organismus. Kling, Pettersson und Wernstedt hatten schon 1912 den Nachweis erbracht, daß das Virus mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Für uns heute kaum verständlich hat dessen ungeachtet die Lehre der Tröpfcheninfektion viele Jahre unser Denken bezüglich Entstehung und Prophylaxe der P.m. beherrscht. Immerhin hat sie auch jetzt noch eine gewisse Berechtigung, da nach den Befunden von C a s e y, F i s h b e j n und B u n d e s e n die Schleimhäute des Nasen-Rachen-Raumes einige Tage vor bis zu 2 Tagen nach Einsetzen der Lähmungen virusbaltig sind, so daß in dieser Zeit die Krankheit durch Tropicheninfektion ubertragbar sein durfte Erst ab 1938 wurde uf Grund des Virusnachweises in Darm und Fazes die Auf merksamkeit wieder mehr auf den Infektionsweg über den Oropharynx in den Magen-Darm-Traktus gelenkt. In Fäkalien gelingt der Virusnachweis in rund 70°/o während der ersten Krankheitswochen, in 50°/o während der 5. bis 10. Woche und bin-Ward, Horstmann und Wenner u.a.). Die Mög- lichkeit einer Infektion unmittelbar durch Fäkalien (Schmieroder Schmutzinfektion) ist also gegeben, um so mehr als das P.m-Virus zu den widerstandsfähigsten menschenpathogenen Viren überhaupt gehört. Das mit der Nahrung in den Magen gelangte Virus kann hier. bei einem pH unter 2,0 durch den Magensaft inaktiviert werden, bei einem pH über 2,0 aber unbeschädigt in den Darm gelängen, wo es im alkalischen Milieu bei einem pH von 6,4 Teil des Inkubationsstadiums dar. Nicht wissen wir, ob die prodromal häufig auftretenden katarrhalischen Erscheinungen, sei es im Nasen-Rachen-Raum, sei es im Darmtrakt, ausschließlich Folge der Virusauswirkung auf die Schleimhäute sind. Wir kennen Epidemien, in denen das eine Mal mehr die oberen, das andere Mal mehr die unteren Shleimhautabschnitte entzündlich affiziert waren, d. h. bald mehr katarrhalische Erscheinungen von seiten der oberen Luftwege, bald mehr enteritische Symptome. Auf alle Fälle entscheidet sich in diesem Stadium das Schicksal des Betroffenen, d. h. in welcher Form es zu einer Auseinandersetzung zwischen Virus und Organismus über die Blut-Lymph-Organe kommt. Bei einem großen Teil der zu Zeiten einer Epidemie befallenen Menschen kann die Infektion klinisch inapparent (stille Feiung) verlaufen. Bei einem kleineren Teil verläuft sie abortiv und bei einem noch kleineren Teil neural, so daß die P.m. im eigentlichen Sinne als Lähmungsform im Infektionsprozeß geradezu zur Ausnahme wird. Bei der abortiven Form der P.m. kommt es, wenn wir die von B o d j a n bei Schimpansen erhobenen experimentellen Be- funde zugrunde legen, zu einem Eintritt des Virus in das Lymph-Blut-System. Daß das Lymphsystem beteiligt sein muß, wird durch den Virusnachweis in regionalen Lymphdfüsen (W e n n e r und P a u 1, W e n n e r nd R a b e) wahrscheinlich gemacht. Das Auftreten von Antikörpern im Blut im Gefolge der ersten Fieberphase beweist, daß sich das Virus schon sehr früh mit dem Gewebe auseinandersetzt, ob von der Wand des Oropharynx, der Tonsillen, des Darms oder eines anderen Organes, ist nicht bekannt. Unbekannt ist ferner, ob sich das Virus auch im Blut, oder was wahrscheinlicher ist, in den dem Blutsystem zugehörigen Organen mehrt, Aus Befunden von S. a b i n und W a r d, die allerdings nur in einem Falle erhoben wurden, kann mit aller Vorsicht geschlossen werden, daß die Muz hieran beteiligt ist. Ein Organ der Virusvermehrung ist auf jeden Fall das ZNS. Wann und in welcher Weise es bei der klinisch inapparenten Form zur Antikörperbildung kommt, ist nicht hinreichend erforscht. Wie und wo gelangt das Virus in das Zentralnervensystem? Geht es durch die Darmepithelzellen in die Lymphbahn und von hier aus in die Blutbahn? Wir wissen nicht, welcher Art der Vorgang ist, der diesen Ubertritt ermöglicht, auch nicht, ob es nur bestimmte Darmabschnitte sind, wo dies geschieht. Sind etwa die Peyerschen Plaques beteiligt (B e h r e n d)? Daran zu denken ist, daß nur Viruspartikel in die Lymphbahn übergehen, die alsdann durch die Zelle wieder zum Voilvirus synthetisiert werden. Diese Annahme gewinnt mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit, seitdem von biochemischer Seite den Fragen der Virusvermehrung und Viruslokalisation im Rahmen von Stoff- wechselvorgängen innerhalb der Zellen besonderes Interesse geschenkt worden ist. Hier liegt zweifellos ein zentrales Problem der Virusforschung überhaupt. Wenn der neurale Prozeß, wie die K a 1 m schen Befunde leh- ren, an vielen Stellen von Hirn und Rückenmark seine Entstehung nimmt, so ist das zweifellos eine bedeutsame Stütze für die Lehre der hämatogenen Propagation. Wir können B o d i a n nicht ohne weiteres beipflichten, wenn er meint, daß das Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt. 1130 Nr. 35, 28. August 1953 tiai P e t t e: Die Pathogenese der Poliomyelitis Infektion erschöpft, d. h. nicht zu neuralen Ausfallserscheinungen, auch nicht zu einer Pleozytose des Liquors führt und 3. die Virus in der Formatio reticularis der Medulla oblongata in das ZNS einbreche und sich von hier aus auf dem Nervenwege weiter verbreite. Richtig ist, daß die Formatio reticularis zu den n e u r a 1 e F o r m, bei der es zu Lähmungen (paralytische kapillarreichsten Stellen des ZNS gehört und besonders früh Form) oder auch nur zu meningealen Reizerscheinungen (aparaund intensiv am Prozeß teilnimmt. Daraus ist aber nicht ohne lytische Form), nach der Fieberkurve beurteilt, meist biphasisch weiteres zu schließen, daß das Virus auf dem Blutwege aus- verlaufend kommt schließlith in diese Stelle einbritht. Zur Klärung dieser Frage Austria, ¿_intf/ffJ. sind weitere Untersuchungen unerläßlich. Das g1eithzeitige disseminierte Auftreten der Herde in größerem Ausmaß und das Zusammenfließen einzelner Herde in umschriebénen Arealen wird unseres Erachtens ungezwungen durch die Virusausbreitung auf dem Blutwege erklärt. Die hämatogene Viruspropagation gibt eine neue rklärungs- - Pforte / '- r pforte kas it, Lymoflk,,otei, Virm,e - basis für die Genese der sogenannten meningitischen Krank- uj' Ne,, heitsformen. Sabin-Ward und Bodian-Howe haben ¡NS deutige Befunde erhoben worden sind. Vom Experiment ausgehend ist es somit vielleicht richtiger, statt von einer meningitischen von einer aparalytischen Form der P.m. zu sprechen. Die Funktionsschädigung des Muskels ist abhängig von der Quantität der vom Prozeß ergriffenen Ganglienzellen. Wir fragen weiter: Wo erfolgt die Vermehrung des Virus? ZNS (i#be, (dis- sem( Subs/SN-- \ Lähmungen. Die histologische Untersuchung des durch Entbluten getöteten Tieres ergab das Bild einer. zwar nicht ausgedehnten, aber doch eindeutigen und charakteristischen parenchymalen Schädigung im Sinne einer P.m., vorwiegend im Zervikalmark. Befunde dieser Art lassen Zweifel aufkommen, ob es eine im histologischen Sinne rein meningeale Form der P.m. gibt. Da humane P.m.-Fälle vom meningitischen Typ bisher nicht zur anatomischen Untersuchung gekommen sind, muß die Frage unbeantwortet bleiben, auch wenn beim Affen entsprechende ein- ¿NS reg,onale Nerven und Sang/ion JrJ3 V V____ lis rel/- Aa anale Ausbreitung durci, das ¡NS und zu ipinaIgangiei so'e gelegentlich zu JynipatiiiCuJ gang/sen Die Ausbreitung des Pm. - Virus im Organismus / «Inter Verscondung einer JA,ZZe con ßodon) Abb. 1. Das Virus gelangt über die Schleimhäute des Digestionstraktus ins Blut, von hier aus in das ZNS, wo es in dissemmierter Verteilung den parenchymalen Prozeß erzeugt. Entsprechend könnep wir mit B o d j a n eine alimentäre, eine vaskuläre und eine neurale Phase unterscheiden. Während B o d I a n das Virus über die Area postrema (Substantia reticularis) in das ZNS eintreten läßt, glauben wir vorerst, daß dies gleichzeitig und an vielen Stellen über den Blutweg (disseminiert) geschieht Kopf- Kogt- siiwzm Hals- Syin!on7ali* ,Iie(,m JflbSr- E*em Wohl- +b,tinden--+ Appilil--*vJii-- Nademmtlg* sir Jthmetz,n lsslgkzlt LANNUNO Die Auffassung, daß das P.m.-Virus exquisit neurotrop sei und sich infolgedessen nur im neuralen Gewebe mehren könne, läßt sich in dieser Form nicht aufrechterhalten. En d e r s und Mitarbeitern ist es gelungen, das P.m.-Virus in der Gewebekultur, und zwar auf extraneuralem Gewebe, zu züchten. Gleiches ist jüngst L é p i n e geglückt, E n d e r s auf embryonalem (Uterus, Niere, Muskel, Haut, Affenhoden), L é p i n e auf tonsillärem Gewebe. Dies macht wahrscheinlich, daß sich auch im menschlichen Organismus das P.m,-Virus außerhalb des ZNS zu mehren vermag. Der Nachweis großer Mengen von Virus in Därm und Fäzes spricht in gleichem Sinne. W i r f a s s e n z u s a m m e n: Das oral aufgenommene P.m.- Virus mehrt sich im Darmtrakt. Von hier aus gelangt es ins Blut. In Analogie zu den zyklischen Infektionskrankheiten kommt es nunmehr zu einer Generalisation des Virus und damit auch zu einem Eintritt in das ZNS, ohne daß es sich hier prozeßhaft auszuwirken braucht. Der Prozentsatz der wirklich neural Erkrankten ist sicherlich verschwindend klein im Vergleich zur Zahl der Fälle, bei denen sich das Virus inapparent" mit dem Organismus auseinandersetzt. Da das Virus in jeder dieser Phasen inaktiv werden und da sich die in Gang gekommene Infektion erschöpfen kann, erleben wir symptomatologisch nebeneinander: inapparente Form, abortive Form und neurale Form. Entsprechend haben wir im klinischen Erscheinungsbild nach Beendigung des Inkubations- stadiums, das Tage bis Wochen dauern kann, nebeneinander 1. die sogenannte inapparente Form (kein subjek- Temp tJrur rapo r I I I I / I I I I f I I I Virus im Iruhi Yiruj fin Rchenrum VIrUS im Blur Virus im ¿NS h :: 'D-l- tilt,,, tIti, Ill Abb. 2. Prozeßablauf der Poliomyelitis (nach B o di a n). Das Virus verbleibt nur kurze Zeit im Nasen-Rachen-Raum und noch kürzere Zeit im Blut, wird aber längere Zeit mit den Fäzes ausgeschieden. Im Augenblick seines Eintrittes in das ZNS schwindet es aus dem Blut, Etwa gleichzeitig damit steigt der Antikörpe-rgehalt im Serum innerhalb weniger Tage stark an Aus dem Dargelegten ergeben sich Möglichkeiten für etwaige prophylaktische Maßnahmen, tives Krankheitsgefühl, keine objektiven Krankheitszeichen, die auch B o d i a n bereits vorgeschlagen hat, Wie bei jeder allerdings schon Antikörperbildung im Blut nachweisbar); 2. die a b o r t i y e F o r m, die sich subjektiv durch vegetative Allgemeinsymptome als Ausdruck eines Reizzustandes dienzepha- Viruskrankheit, bestimmt auch bei der P.m. der Gehalt an Antikörpern im Blut in erheblichem Maße den Krankheitsverlauf. 1er Zentren kennzeichnet und im Generalisationsstadium der Stehen diese in genügender Menge und vor allem innerhalb einer bestimmten Zeit des Infektionsablaufes zur Verfügung, Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt. gezeigt, daß P.m.-infizierte Schimpansen mit Pleozytose im Liquor, bei denen keine Lähmungserscheinungen bestanden hatten, im histologischen Bild parenchymale Veränderungen aufwiesen. Die gleiche Feststellung konnten wir jüngst bei einem Rhesusaffen machen, dem nasal Virus inokuliert war und der daraufhin lediglich eine Pleozytose im Liquor gezeigt hatte, aber keine p e t t e: Die Pathogenese der Poliomyelitis Dtsth. med. Wschr., 78. Jg. so scheint der neurale Befall verhütet oder doch zumindest ab- so wird man sich diesem Standpunkt, jedenfalls in dieser Eingeschwächt werden zu können. Dies hat jüngst gleichfalls L é - seitigkeit, kaum noch anschließen können. Auch Versuchstiere, p j n e hervorgehoben. Die im vergangenen Jahre in USA durch- insbesondere Nager, verhalten sich in den verschiedenen Legeführte Schutzimpfung mit Gammaglobulinen, den Trägern der bensphasen gegenüber neurotropen Viren (Lansing, E. St. Louis, Antikörper, über deren Ergebnis soeben H a m m o n berichtet E. japonica, Coxsackie u. a.) verschieden. Gesetzmäßigkeiten, hat, stellt in Analogie zur Anwendung von Rekonvaleszenten- die für alle Virusarten Gültigkeit haben, gibt es freilich nicht. Ein eindrucksvolles Beispiel aus der menschlichen Pathologie serum in früheren Jahren den Versuch einer passiven Immunisierung dar. Auf Grund der bisher vorliegenden Erfahrungen gibt die epidemische Enzephalitis. Das von der Infektion bevorbeschränkt sich der durch Gammaglobuline erzielte Schutz mit zugte Lebensalter waren das 3. und 4. Lebensjahrzehnt, wähSicherheit lediglich auf die 2. bis 3. Woche nach ihrer Verab- rend das Frühkindes- und das Spätalter während der Epidemie folgung, eine Tatsache, bei der einer eventuellen prophylak- Anfang der 2Oiger Jahre fast ganz verschont geblieben sind. tischen Gammaglobulinanwendung zu Zeiten einer Epidemie Dabei sei ausdrücklich betont, daß wir seit mehr als zwei GeneRechnung getragen werden müßte. Als erwiesen darf gelten, rationen zuvor kein epidemisches Auftreten dieser Krankheit daß es mittels der Gammaglobuline gelingt, die Zahl der para- erlebt haben. Ein immunbiologischer Faktor, d. h. ein durch eine stille Feiung erworbener Schutz kann hier somit ausgeschlossen lytischen Krankheitsfälle stark herabzuinindern. werden. Mit diesen Feststellungen wird die sogenannte natürIn den letzten Jahren ist bei der lithe bzw. Gewebsresistenz gegenüber Infektionserregern unErforschung des Gast-Wirt-Verhältnisses serem Verständnis nähergebratht. Jüngst hat auch S a b i n an den Eigenheiten des Virus, seiner Fähigkeit zur Mutation, sei- Hand eindrucksvoller tierexperimenteller Beispiele auf die Notner Beeinflußbarkeit durch physikalische Faktoren, der Art sei- wendigkeit hingewiesen, im Gast-Wirt-Verhältnis dem Gast ner Vermehrung, abhängig vom Zellstofiwechsel des Wirtes u. a. größere Bedeutung beizumessen, als dies bisher geschehen ist. besonderes Interesse geschenkt worden. Anders steht es um die Hinsichtlich der Klärung gewisser Faktoren, die allein in der Wirtsspezies verGestaltung des neuralen Krankheltsbildes, ankert sind und die im klinischen Begriff ,,Ausgangslage enthalten sind. Es ist beispielsweise ungeklärt, warum bei gleicher d. h. ob die Krankheit aparalytisth bleibt oder ob leichte oder Infektionsquelle gleichaltrige Kinder, auch Geschwister, in ver- schwere Lähmungen entstehen, ist schon im älteren Schrifttum schiedener Weise erkranken, das eine Mal klinisch inapparent, über Erfahrungen berichtet worden, die keinen Zweifel daran das andere Mal abortiv und das dritte Mal neural. Auch ist lassen, daß e x o g e n e N o x e n, insbesondere klimatische Einimmunbiologisch allein nicht zu erklären, warum in den letzten wirkungen (Durchkühlung, Besonnung u. a.) und körperliche BeJahren Erwachsene häufiger an P.m. erkranken als früher.. Die lastungen aus der abortiven eine neurale Krankheitsform maUrsache hierfür kann nicht ausschließlich in Eigenheiten des then können und bei Einwirkung in der meningealen Phase Virus gelegen sein. Wenn auch der jeweilige Viruscharakter die Lähmungen besonders schwer zu gestalten vermögen. AnForm und Schwere der P.m. einer Epidemie mitbestimmen mag, ders ausgedrückt: exogene Faktoren können mittels des hormoso spielt die Ausgangslage des Erkrankten für das Ausmaß der nalen Systems die Krankheit aus dem Generalisationsstadium Erkrankung eine sicherlich nicht minder große Rolle. Ihre Varia- in das Stadium des neuralen Befalles überführen. Tierexperibilität wird durch das Wechselspiel endogener und exogener mentell wurde das Problem durch L e y i n s o n, M i 1 z e r und Faktoren bestimmt: Lebensphase, anlagemäßig bedingte Eigen- L e w i n bearbeitet: Intrazerebral infizierte, körperlich belastete heiten und Störungen im Gesamtstoffwechsel einschließlich des Affen erkrankten wesentlich schwerer als infizierte Tiere ohne Hormon- und Vitaminstoffwechsels, der psychische Verhaltens- Belastung. Uber eindrucksvolle Einzelbeobachtungen ist von zustand, nicht zuletzt Belastungsvorgänge. Maßgeblich beteiligt B e h r e n d und früher auch schon von mir selbst berichtet ist jede Art von Reizsituation, die der individuell kranke worden. Besondere Beachtung gebührt den Studien R u s s e 1 s Mensch als Stress (S e 1 y e) verschieden erlebt und psychosoma- tisch ausdrückt. Es ist bekannt, daß das Hypophysen-Nebennierenrinden-System in Abhängigkeit vom Hypothalamus und vom peripheren vegetativen System den Organismus gegen jede Infektion zu schützen versucht. Die Verabfolgung von Cor- tison fördert den Infektionsgang (Hemmung der Antikörperbildung) und steigert die Schwere der Krankhéit. Pathogenetisch besteht hier Ubereinstimmung mit anderen Infektionskrank- heiten. Shwartzman undFisher gaben Hamstern, die mit einem Nager-pathogenen Virus (MEF1 [Lansing]-Stamm) geimpf t waren, Cortison. Es kam zu einer lOløøfachen Zunahme der Lähmungsfälle. Diese von S a b i n bestätigten Versuche und eine von ihm gemachte Beobachtung, daß sich bei einem mit Cortison behandelten Kind eine foudroyant verlaufende und tödlich endende Landry-Forru der P.m. entwickelte, beleuchten grell die Problematik, die den belastenden Faktoren hinsichtlich ihrer Bedeutung für den Organbefall und die Intensität des Ablaufes des neuralen Krankheitsbildes zukommt. Die Bedeutung des hormonalen Faktors für das Zustandekommen und die Intensität bestimmter Infektionskrankheiten (experimentell aufgezeigt am Cortison) läßt die sogenannte R e if u n g s t h e o r i e in neuem Lichte erscheinen. Sie läßt Zweifel aufkommen an der in letzter Zeit fast allgemein als gültig anerkannten Lehre, daß das Nichterkranken an P.m. bei Anwesenheit des Virus im Organismus Folge einer natürlich erworbenen Immunität sei. Wenn .A y c o c k vor Jahren die besonders von J u n g e b 1 u t und mir vertretene Auffassung, daß der Mensch mit zunehmendem Alter dem P.m-Virus gegenüber widerstandsfähiger werde, strikte ablehnte, indem er jede ,,Postimmunität' als Folge einer ,,Postinfektion' wertete, und Horstmanns. Von 174 Fällen Horstmanns, die vom Auftreten dr ersten klinischen Symptome an Bettruhe gewahrt hatten, erkrankten nur 62 (35°/o) mit Lähmungen gegenüber 173 Fällen, die sich nicht geschont hatten; hier traten bei 133 (77°/o) Lähmungen auf. Keinen Einfluß auf den Krankheits- verlauf hatte die Belastung während der ersten Krankheitsphase. Krasser aber noch war da Verhältnis bei den 38 bzw. 51 Fällen R u s s e 1 S; es betrug 21: 83°/o. Weiter sei auf den Einfluß einer G r avid it ä t hingewiesen. Nach einer Statistik A n d e r s o n s erkrankten Frauen während der ersten Schwangerschaltsmonate prozentual häufiger (auf 100000 berechnet, war das Verhältnis 73:47), allerdings nicht schwerer als während des zweiten Teiles der Schwangerschaft. Weinstein, Aycock und Feemster fanden bei Aus- wertung eines Krankengutes von 416 P.m.-Fällen, daß unter den weiblichen Erwachsenen die Zahl der Schwangeren dreimal größer war als bei rein zufälligem Zusammentreffen zu erwarten gewesen wäre. Diese Statistik tut weiter dar, daß die Menstruation' Frauen vermehrt für eine P.m. anfällig macht. Es zeigt sich somit, daß der hormonale Faktor pathogene- tisch von maßgeblicher Bedeutung ist. Die Be- richte über den Einfluß des Ernährungszustandes auf Häufigkeit und Gestaltung der Erkrankung sind widerspruchsvoll. Eigene Erfahrungen sprechen nicht dafür, daß ihm eine wesentliche Bedeutung zukommt In den letzten Jahren mehren sich Beobachtungen von Fällen, bei denen sich im Anschluß an ein körperliches T r a u m a eine poliomyelitische. Lähmung entwickelt hatte. Wir haben 1942 über mehrere Fälle berichtet, bei denen sich die Lähmung ausschließlich auf eine traumatisch geschädiqte Extremität (Fraktur, Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt. 1132 Nr. 35, 28. August 1953 p e t t e: Die Pathogenese dr Poliomyelitis j 133 Luxation, Weithteileitening) beschränkte. Diese Fälle stellen . (Auflösung der Nissischollen), wie sie von K u 1 e n k a m p f f meines Erathtens einen Beitrag zum Kapitel der Segmental- bei körperlich stärksten belasteten Tieren erhoben woixn pathologie im Sinne von R i c k e r und K a I b f 1 e j s c h dar. sind, bewertet werden. Diese Feststellungen tun dar, daß cer Dahin gehören auch die Fälle von bulbärer P.m. nach T o n s i 1 1 - jeweiligen Funktionsphase nicht nur ein physikalisch-dieniie k t o m j e. Dies gilt vor allem für die Fälle, bei denen sich die sches, sondern audi ein morphologisch greifbares Substrat entP.m. erst Wochen nach der Tonsillektomie oder gar noch später spricht. Dies bedeutet einen wichtigen Fortschritt für die Erentwickelt. Ich verweise hier auf die an einem großen Kranken- forschung der neuralen virusbedingten Infektionen ganz allgut errechnete Statistik von A n d e r so n und dessen Mitarbei- gemein. tern. Das Verhältnis der bulbären Erkrankung bei Tonsillekto¡st die Poliomyelitis eine virologisdi einheitliche Erkrankung? mierten gegenüber den Nichttonsillektomierten betrug 1 1 : I. Meine Aufgabe, die Pathogenese der P.m. auf breiter Basis Eine Gegenüberstellung von tonsillektomierten und nichttonaufzurollen, erfordert noch eine kurze Stellungnahme zu de sillektomierten Einwohnern Minnesotas ergab hinsiditlich des P.m.-Befalles ein Verhältnis 3 : 1. Nach den statistischen Er- Versuch, an der biologischen Einheit der menschlichen P.m. im hebungen M j 1 1 e r s (Los Angeles) kann einer Tonsillektomie, bisherigen Sinne zu zweifeln und die Lehre aufzustellen, daß P.m.-Virus mit seinen verschiedenen Stämmen nur eine die mehr als ein Jahr vor Beginn der P.m. ausgeführt wurdet das Sonderform im Rahmen anderer neurotroper Viren sei, die kein Einfluß zugestanden werden. Betrug der Zwischenraum sämtlich das klinische der Heine-Medinschen Krankheit erzwischen Operation und P.m. weniger als 30 Tage, so war die zeugen können. M o 1Bild 1 a r e t hat vor 2 Jahren mit Recht eine Zahl der P.m.-Erkrankten doppelt so groß wie in der Kontroll- Top und Wilson. Daß auch lokale Entzündungen, sowie operativ gesetzte Gewebsschäden Lokali- sation und Schwere der Lähmungen gelegentlich mitbestimmen, wird man in Analogie zum Trauma nicht ablehnen können. Vor einer Verallgemeinerung von Einzelbeobachtungen sei angesichts von Begutachtungen allerdings ausdrüddich gewarnt. Jeder Fall bedarf einer sorgfältigen Analyse. Eine lokale Disposition können auch S c h u t z i m p f u n g e n jedweder Art schaffen. Aus einer von M c C o s k e y (1951) gegebenen Zusammenstellung von 30 Kindern, die innerhalb eines Zeitraumes von 3 Monaten vor Beginn der P.m. geimpft waren, geht hervor, daß bei 15 Kranken, die eine Injektion in ein Bein rhalten hatten, 13mal (87°/o) eine Parese in der entsprechenden Extremität auftrat. Von 15 Beinen P.m.-erkrankter, aber nicht geimpfter Kinder wiesen nur il (24°/o) Lähmungserscheinungen auf. Aus England liegen gleichlautende Statistiken vor. Der Zeitpunkt der Impfung ist von gewisser Bedeutung: Das Prozentverhältnis zugunsten der Impflinge steigt an, je näher der Impftermin dem P.m.-Ausbruch gelegen ist. Auf das Problem, ob Schutzimpfungen als solche für das Auftreten einer P.m. verantwortlich zu machen sind, gehe ich nicht ein, nachdem 42 führende amerikanische Autoren im Erfahrungsaustausch 1952 zu dem Schluß gekommen sind, daß allenfalls von einem lokalisatorischen pathogenetischen Zusamfnenhang zwischen Impfung und neuralëm Krankheitsbild gesprochen werden kann, aber nicht mehr. Eine prophylaktisdae Auswertung der pathogenetisdien Erörterungen sehe ich in dem Ratschlag, Ivfenschen, die zu Zeiten einer Epidemie fieberhaft erkranken und somit auf das erste Stadium einer P.m. vérdächtig sind, w e it g e h e n d e S c h o n u n g (Einstellung der Berufstätigkeit für einige Tage, Unterlassung sportlicher Betätigung u. a.) zu empfehlen. Vieles spricht dafür, daß sich in diesem Stadium infolge der Virämie bereits Viruspartikel im ZNS befinden und daß eine Uberbeanspruchung der belasteten Muskulatur und damit auch der zugehörigen motorischen Ganglienzellen den Ganglienzellstoffwechsel so ändert, daß es nunmehr zu einer Virusvermehrung mit gleichzeitiger Schädigung der Zelle bis zur Neuronophagie kommen kann. Spezielle Untersuchungsmethoden an Ganglienzellen wie die Mikrospektrographie von C as p e r s s on und die Mikroradiospektrographie von H y d e n, sowie zyto- und histochemische Untersuchungen sind geeignet, das morphologische Substrat der Funktionspliase, in der sich jeweils die Ganglienzellen befinden, mittêls Absorption im Ultraviolettlicht oder durch Röntgenstrahlen zu objektivieren. Da wir heute wissen, daß Belástungen, insbesondere körperliche Strapazen deñ Stoffwechsel der Ganglienzellen ändern, liegt es nahe, hierin eine wesentliche Voraussetzung für die vermehrte Anfälligkeit der Zelle gegenüber einem neurotropen Virus zu erblicken. In gleichem Sinne können auch die feinhistologischen Befunde an Ganglienzellen scharfe Trennung gefordert, indem er zwischen der echten menschlichen P.m., der Pseudo-P.m. und der Para-P.m. unterschied. Es wäre wohl zweckmäßiger, bei menschlichen Erkrankungen statt von einer P.m. schlechthin von einer Heine-Medinschen Krankheit zu sprechen. J un g e b 1 u t hat in den letzten Jahren biologisch uns bis dahin unbekannte Virusstämme (Columbia-SK, -MM, -EMC u. a.) verarbeitet und gefunden, daß diese das ZNS und die Muskulatur zugleich schädigen. Er spricht von einem enzephalomyokarditischen Syndrom und ist der Meinung, daß das menschliche P.m.-Virus wie jene Viren nach Passieren des Blutweges primär die Muskulatur befällt und entzündlich verändert. Von hier aus soll es über die neuromuskuläre Synapse zum ZNS wandern. Dieser Auffassung, die uns weder biologisch noch histologisch gesichert erscheint, hat sich jüngst die Freiburger Schule (K e 1 1 e r , V i y e I 1 und G ä d e k e) angesdilossen. K a 1 m hat Gehirn und Rückenmark von 22 Affen, die in den Instituten von J u n g e b 1 u t (New York) und V e r 1 i n d e (Leyden) mit Columbia SK-Viren, mit F- und Ortlieb-Virus intrazerebral, intraperitoneal und intramuskulär geimpft worden waren, in engen Stufen untersucht und dabei festgestellt, daß alle 3 Virusarten einen Prozeß im ZNS erzeugen, der sich hinsichtlich Art und Lokalisation eindeutig von der P.m. des Menschen unterscheidet. Diese Feststellung zwingt dazu, die beim Affen erzeugten Krankheiten von der P.m. des Menschen zu trennen und darum mit Analogieschlüssen äußerst vor- sichtig zu sein. Neben dem klinischen Befund muß bei dem augen- blicklichen Stand der Kenntnisse das histologische Bild, und zwar in Feinstruktur und Topik für die Einteilung enzephalomyelitischer Krankheitsformen, seien sie infektiös oder nicht infektiös, maßgeblich sein. Wieweit Einteilungsversuche auf Grund serologischer oder elektronenop'tischer Befunde bei den viralen Infektionen zur Basis einer vorwiegend virologisch ausgerichteten Gruppierung werden können, bleibt abzuwarten. Meines Erachtens kann an der Tatsache, daß die P.m. des Menschen eine klinisch wie histologisch gut umschriebene Krankheitseinheit ist, die sich von anderen, gleichfalls durch neurotrope Virusarten erzeugten Krankheiten scharf abtrennen läßt, kein Zweifel sein. Idi gehe nicht ein auf das Coxsackie-Problem, das neuerdings in die P.m.-Forschung eingebaut wurde. Systema- lische Untersuchungen der nächsten Zeit werden zeigen, ob dem Coxsackie-Virus für die Pathogenese der P.m. wirklich die Bedeutung zukommt, die man ihr heute gern beimißt. Bis jetzt ist durch nichts bewiesen, daß das Coxsadcie-Virus von sich aus allein beim Menschen ein neural bedingtes para1ytisdie Krankheitsbild machen kann. Ein so vorsichtiger und kritischer Forscher wie D a 11 d o r f, der in Zusammenarbeit mit S i c k 1 e s das Coxsackie-Virus entdeckt hat, ist, wie ich soeben erfahre, den weitgehenden Schlußfolgerungen einzelner Autoren gegenüber äúßerst skeptisch geworden. Der Nachweis von Coxsadue-Virus im Stuhl eines neural Erkrankten besagt noch nicht, daß dieses Virus das auslösende Agens der Krankheit ist. Heruntergeladen von: Thieme E-Books & E-Journals. Urheberrechtlich geschützt. gruppe. Ähnlich ist die Gefahrenquote im Untersuchungsgut bei Uber die Verwendung des Haftglases Mein Mitarbeiter K 1 ö n e ist zur Zeit mit dieser Problematik bes&äftigt. Auch die Frage, ob P.m.-Virus und Coxsadcie-Virus in irgendeiner biologischen Beziehung zueinander stehen, etwa im Sinne des Interferenzphänomens, wie wir es selbst vor Dtsch. med. Wsdir., 78. Jg. K.: Pediatr. 6 (1950), S. 488; Science 114 (1951), S. 570. - G â d eke, R.: Virchows Arch. path. Anat. 322 (1952), 5. 563. - H a m mon, w., Coriell, L., Camden, N. J., Stokes, J. J.: J. Amer. Med. Ass. 150 (1952), S. 739. - H ö r i n g , F.: KIm. Tnfektionslehre. (Springer, Berlin 1948; Arzt!. Forschung 1948, S. 1. - H o r s t m a n n , D., kurzem noch angenommen haben, muß offenbleiben. Folgerungen Rückblickend ist zu sagen, daß wir in Fragen des Entstehungs- Melnick, J. L. Ward, R., Wenner, H. A.: modus einer P.m., ihrer verschiedenen Krankheitsformen in histologischer, klinischer und nicht zuletzt immunbiologischer Hinsicht erheblich hinzugelernt haben, ja zum Teil sogar um- Internat. Pol. Conf., Kopenhagen 1951. - H o w e , H. E., B o d i an, D.: Bull. Johns Hopkins Hosp. 69 (1941), S. 92; Amer. J. Hyg. 48 lernen mußten. Die letzten Jahre haben uns viele neue Forschungsergebnisse gebracht und damit neue Deutungsmöglichkeiten an die Hand gegeben. Nur kurz konnte ich auf die passive Immunisierung, wie sie sich aus experimentell gewonnenen Erkenntnissen ergeben hat, eingehen. Als höchstes Ziel schwebt wohl jedem, der an der forscherischen Arbeit beteiligt ist, die a k ti y e Schutzimpfung vor. An Versuchen, diese zu entwickeln, fehlt es nicht. Ehe jedoch das Ziel einer erfolgreichen und jeder Kritik standhaltenden aktiven Immunisierung erreicht ist, werden wir der Pathogenese der P.m. weiterhin unser besonderes Interesse schenken müssen. J. Amer. Med. 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