Strukturbasiertes Design von Proteinbindungsstellen

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Synthetische Peptide
Strukturbasiertes Design
von Proteinbindungsstellen-Mimetika
RAIMO FRANKE UND JUTTA EICHLER
HELMHOLTZ-ZENTRUM FÜR INFEKTIONSFORSCHUNG, BRAUNSCHWEIG
Das Design und die Herstellung von Molekülen, die in der Lage sind, Proteinbindungsstellen strukturell und/oder funktionell nachzuahmen, ist
ein vielversprechender Ansatz zur Inhibition von Protein-Ligand-Interaktionen. Wir berichten über methodische Konzepte für die synthetische
Mimikry sequenziell diskontinuierlicher Proteinbindungsstellen und deren
Nutzung für das strukturbasierte Design und die Synthese von CD4-Bindungsstellen-Mimetika des HIV-1 Hüllproteins gp120.
The design and generation of molecules capable of functionally
mimicking the binding sites of proteins, represents a promising strategy
for the modulation of protein-ligand interactions.
ó Biologische Prozesse basieren auf spezifischen Bindungsereignissen, die durch molekulare Erkennung zwischen Proteinen (z. B.
Rezeptoren, Antikörper, Enzyme) und ihren
Liganden (z. B. Antigene, Hormone, Substrate) eingeleitet werden. Die systematische
Erforschung dieser Erkennungsmechanismen
auf molekularer und submolekularer Ebene
ist daher ein wichtiger Beitrag zum strukturellen Verständnis von Protein-Ligand-Interaktionen. Dieses Verständnis ist eine Voraussetzung für die gezielte Beeinflussung biologischer Funktionen, die durch die entsprechenden Interaktionen vermittelt werden.
Synthetische Moleküle, die aufgrund ihrer
spezifischen molekularen Architektur in der
Lage sind, Proteinbindungsstellen funktionell und/oder strukturell nachzuahmen, eröffnen eine aussichtsreiche Strategie für die
Erforschung und das Verständnis von Pro-
teinstruktur und -funktion. Neben ihrer
grundsätzlichen Bedeutung für das Verständnis und die Beeinflussung von ProteinLigand-Interaktionen sind solche synthetischen Proteinmimetika auch aussichtsreiche
Kandidaten für vielfältige biomedizinische
Anwendungen, insbesondere die Inhibition
von Protein-Ligand-Interaktionen (Abb. 1).
Diskontinuierliche Proteinbindungsstellen
Sequenziell kontinuierliche Proteinbindungsstellen sind in einzelnen Abschnitten
der Polypeptidkette lokalisiert. Besteht eine
Bindungsstelle hingegen aus zwei oder mehr
Abschnitten der Polypeptidkette, die in der
Primärsequenz oft weit voneinander entfernt
liegen und erst durch die Proteinfaltung in
räumliche Nähe gebracht werden, wird sie
als sequenziell diskontinuierlich bezeichnet
biologischer Effekt
biologischer Effekt
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(Abb. 2A). Während die synthetische Mimikry kontinuierlicher Proteinbindungsstellen
durch einfache, lineare, synthetische Peptide
methodisch seit längerem etabliert ist, stellt
die Herstellung synthetischer Mimetika diskontinuierlicher Proteinbindungsstellen eine
Herausforderung an die bioorganische Chemie dar, die bisher nur in Einzelfällen erfolgreich gemeistert wurde. Da jedoch eine Vielzahl biomedizinisch relevanter Proteine diskontinuierliche Bindungsstellen besitzt, ist
die Etablierung einer vielseitig anwendbaren Strategie zur synthetischen Mimikry diskontinuierlicher Proteinbindungsstellen ein
wichtiger Beitrag zur Erforschung und gezielten Beeinflussung von Protein-Ligand-Interaktionen mithilfe der chemischen Biologie.
Für die Mimikry sequenziell diskontinuierlicher Proteinbindungsstellen haben wir
ein Methodenspektrum zur Synthese gerüstgestützter Peptide entwickelt[1, 2, 3], in denen
die vom Protein abgeleiteten Fragmente, die
gemeinsam die Bindungsstelle bilden, nichtlinear und diskontinuierlich über ein molekulares Gerüst präsentiert werden (Abb. 2B).
Diese Gerüstmoleküle sind zyklische Peptide mit unterschiedlichen Ringgrößen, die trifunktionelle Aminosäuren als ortsspezifische
Anknüpfungsstellen für die Proteinfragmente sowie sogenannte spacer-Aminosäuren
(-NH-(CH2)n-CO-, n = 1–6) mit unterschiedlichen Rückgratlängen enthalten. Diese Strategie ermöglicht die Herstellung einer Vielfalt
strukturell unterschiedlicher gerüstgestützter Peptide und ist daher auf unterschiedliche Proteine mit strukturell verschiedenen
Bindungsstellen anwendbar. So ist es möglich, durch Variation der Ringgröße der
¯ Abb. 1: Unterdrückung eines biologischen Effekts durch Inhibition der zugrunde
liegenden Wechselwirkung eines Proteins
(grün) mit einem Liganden (blau) durch ein
Mimetikum der Proteinbindungsstelle (rot),
das mit dem Protein um Bindung an den
Liganden konkurriert.
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˚ Abb. 2: A, Sequenziell kontinuierliche (links) und diskontinuierliche (Mitte) Proteinbindungsstellen (rot). B, Gerüstgestütztes Peptid als synthetisches Mimetikum einer diskontinuierlichen
Proteinbindungsstelle.
˚ Abb. 3: A, Ausschnitt aus der Kristallstruktur eines Komplexes von gp120 mit D1D2-CD4[6], der
die Grenzfläche zwischen gp120 und CD4 zeigt. gp120-Fragmente: 424-433 (rot), 365-373 (gelb),
und 454-460 (grün). CDR2-ähnliche Schleife von CD4: blau. B, Gerüstgestütztes Peptid als synthetisches Mimetikum der CD4-Bindungsstelle von HIV-1 gp120. C, Kompetition eines Mimetikums
mit gp120 um Bindung an CD4 (oben) bzw. mAb b12 (unten).
Gerüstmoleküle einen großen Bereich des
konformationellen Raums abzudecken. Die
optimale Flexibilität eines Gerüstmoleküls
lässt sich dann in geeigneten Bindungsassays
anhand der unterschiedlichen Affinitäten
zum Liganden ermitteln.
Die Peptide werden durch parallele Festphasesynthese hergestellt, wodurch eine Vielzahl unterschiedlicher Moleküle gleichzeitig
synthetisiert werden kann. Darüber hinaus
ist der Bausteinsatz für die chemische Peptidsynthese nicht auf die proteinogenen Aminosäuren beschränkt, sondern kann durch
eine Vielzahl zusätzlicher Aminosäuren
erweitert werden. Dadurch lässt sich die mögliche strukturelle Vielfalt chemisch hergestellter Peptide enorm erhöhen. Außerdem
sind solche chemisch veränderten Peptide
metabolisch stabiler, da die nicht proteinogenen Aminosäuren von Proteasen nicht
erkannt werden.
CD4-Bindungsstelle von HIV-1 gp120
Trotz intensiver Arbeiten in der klinischen
und Grundlagenforschung wird die Entwicklung einer HIV-1-Vakzine nach wie vor
durch Schwierigkeiten bei der Erzeugung
einer breit neutralisierenden Immunantwort
erschwert[4]. Das Virus umgeht das Immunsystem des Wirts, indem es variable und glykosylierte Regionen auf seiner Oberfläche
exponiert, während die konservierten Bindungsstellen für seine zellulären Rezeptoren
entweder verborgen sind (CD4-Bindungsstelle) oder erst nach Bindung an CD4 exponiert werden (Korezeptor-Bindungsstelle).
Innovative Strategien beim ImmunogenDesign zur Lösung des Problems der neutralisierenden Antikörper sind daher ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung eines erfolgreichen HIV-1-Impfstoffs. Bisher wurden nur
wenige monoklonale Antikörper gefunden,
die eine Vielfalt von HIV-1-Isolaten in vitro
neutralisieren sowie gegen eine Infektion in
vivo schützen können. Ähnlich wie der CDR2like loop des zellulären Rezeptors CD4
erkennt die CDR-H3-Schleife eines dieser breit
neutralisierenden Antikörper, mAb b12[5], die
CD4-Bindungsstelle des HIV-1-Hüllproteins
gp120. Das Andocken von HIV-1 gp120 an
CD4 ist der erste Schritt in einer Kaskade
molekularer Ereignisse, die den Eintritt des
Virus in die Wirtszelle ermöglichen. Die CDRH3-Schleife von mAb b12 passt in eine vertiefte Tasche im gp120, die dessen Bindungsstelle für CD4 (CD4bs) ausmacht. Dies
konnte durch Kristallstrukturanalyse und
molekulares Modelling sowie durch ortsspezifische Mutagenese von gp120 gezeigt werden. Das Epitop für mAb b12 überlappt somit
die CD4bs von gp120, die eine konservierte
Region in diesem ansonsten hoch variablen
Protein darstellt. Synthetische Mimetika der
CD4bs sind daher vielversprechende Immunogen-Kandidaten zur Erzeugung von Virusneutralisierenden Antikörpern.
Ausgehend von der Kristallstruktur von
gp120 im Komplex mit einem extrazellulären
Zweidomänenfragment von CD4[6] konnten
die primären Kontaktpositionen des gp120
für seine Interaktion mit CD4 (D368, E370,
W427 und D457) identifiziert werden, die in
drei sequenziell voneinander entfernten
Regionen von gp120 lokalisiert sind. (Abb.
3A). Mutation dieser Positionen hebt die Bindung von gp120 an CD4 auf.
Unter Verwendung der oben beschriebenen
Methoden wurden gerüstgestützte Peptide
hergestellt, die die CD4bs-Fragmente von
gp120 (424INMWQEVGKA433, 365SGGDP
EIVT373 und 454LTRDGGN460) präsentieren und mit gp120 um Bindung an CD4 bzw.
mAb b12 konkurrieren[7] (Abb. 3B). Diese
Peptide dienten anschließend als Template
für ein rationales Immunogen-Design[8]. Dieser Ansatz beruht auf der Prämisse, dass eine
korrekte Präsentation der CD4bs in den synthetischen Mimetika die Erzeugung von Antikörpern ermöglicht, welche die CD4bs auch
im strukturellen Kontext von viralem gp120
erkennen und somit das Virus neutralisieren
können.
Folglich wurden Kaninchen mit einem synthetischen Immunogen immunisiert, in dem
ein CD4bs-Mimetikum über einen zusätzlichen Cysteinrest kovalent an das Trägerprotein KLH gebunden war. Die so erhaltenen polyklonalen Antiseren erkannten gp120
auf spezifische Weise, d. h. sie erkannten
weder die extrazelluläre Domäne eines anderen Rezeptorglykoproteins (gp130) noch das
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entsprechende Präimmunserum, das demselben Kaninchen vor der Immunisierung
entnommen wurde. Außerdem konkurrierten die Antiseren auch mit mAb b12
um Bindung an gp120, was die Anwesenheit von Antikörpern mit mAb b12-ähnlichen Bindungsspezifitäten in den Antiseren anzeigt.
Das ist ein erster wichtiger Schritt auf
dem Weg zum rationalen Design von
Immunogenen, die in der Lage sind, eine
breit-neutralisierende Immunantwort auszulösen. Die HIV-neutralisierende Wirkung der erhaltenen Antikörper muss
allerdings noch in Infektionsassays gezeigt
werden.
Diese Ergebnisse veranschaulichen die
Verwendbarkeit chemisch hergestellter
gerüstgestützter Peptide für die Mimikry
diskontinuierlicher Proteinbindungsstellen. Solche Moleküle eignen sich sowohl
als Werkzeuge für die biomedizinische Forschung als auch als Ausgangspunkt für
die Wirkstoffentwicklung.
[2] Franke, R., Doll, C., Wray, V., Eichler, J. (2004): Loops
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gp120 for the design of immunogens. Angew. Chem. 8:
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Danksagung
Korrespondenzadresse:
Dr. Raimo Franke
PD Dr. Jutta Eichler
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
GmbH
Inhoffenstraße 7
D-38124 Braunschweig
Tel.: 0531-6181 3110
Fax: 0531-6181 3499
[email protected]
[email protected]
Diese Arbeiten wurden durch das BMBFBioFuture-Programm (Projekt 0311882)
gefördert.
ó
Literatur
[1] Franke, R., Doll, C., Wray, V., Eichler, J. (2003): Solidphase synthesis of structurally diverse scaffolded peptides for the mimicry of discontinuous protein binding
sites. Protein Pept. Lett. 6: 531–539.
AUTOREN
Raimo Franke
Jutta Eichler
Jahrgang 1972. Studium
der Chemie an der Technischen Universität Braunschweig und der University
of Reading, UK. 2006 Promotion am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI), Braunschweig. 2006 Gruppenleiter bei Jerini Peptide Technologies GmbH (JPT), Berlin. Seit 2007 Wissenschaftler in der Abteilung
Chemische Biologie des
HZI in Braunschweig.
Jahrgang 1961. Studium der
Pharmazie an der Universität Greifswald, 1991 Promotion an der HU Berlin.
1991–1998 Postdoc, Research Scientist und Assistant
Member am Torrey Pines Institute for Molecular Studies
in San Diego, USA. 1998–
1999 Director of Combinatorial Chemistry, Graffinity
Pharmaceutical Design
GmbH, Heidelberg. Seit
2000 am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig, seit
2001 dort Arbeitsgruppenleiterin. 2004 Habilitation
an der TU Braunschweig.
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