2 | fachartikel AQUA & GAS N o 4 | 2013 plusenergiehaus durch energetische sanierung Dezentrale energieversorgung mit brennstoffzelle und sol aranl age Die Energiewende basiert zum einen auf dem Ausbau der erneuerbaren Energien, zum anderen auf der Verbesserung der Energieeffizienz. Kaum ein Bereich weist ein so hohes Energiesparpotenzial auf wie die bestehende Gebäudesubstanz. Das Beispiel eines Einfamilienhauses in Schaffhausen zeigt, wie ein typischer Altbau durch energetische Sanierung zum Plusenergiehaus umgewandelt wird. Unter einer ganzheitlichen Betrachtung werden Netzinfrastruktur und dezentrale Energieproduktion in das Konzept einbezogen. Das Projekt zeigt auf, welche Leistungen ein Gebäude mit einer Gasinfrastruktur erbringen kann. Matthias Sulzer; Urs-Peter Menti; Dieter Lüthi, Hochschule Luzern – Technik & Architektur Einleitung Résumé wird ins französische übersetzt: Die Energiewende basiert zum einen auf dem Ausbau der erneuerbaren Energien, zum anderen auf der Verbesserung der Energieeffizienz. Kaum ein Bereich weist ein so hohes Energiesparpotenzial auf wie die bestehende Gebäudesubstanz. Denn Gebäude verbrauchen nicht nur Energie, sie können auch Energie produzieren und/oder speichern. Das Beispiel eines Einfamilienhauses in Schaffhausen zeigt, wie ein typischer Altbau durch energetische Sanierung zum Plusenergiehaus umgewandelt wird. Unter einer ganzheitlichen Betrachtung werden Netzinfrastruktur und dezentrale Energieproduktion in das Konzept einbezogen. Das Gebäude mit Erdgasanschluss wurde in drei Schritten erneuert: –Erneuerung der Gebäudehülle und Verbesserung der passiven Solarnutzung – Aufbau aktive Solarnutzung –Erneuerung des Heizsystems: Ersatz des Gaskessels durch eine Brennstoffzelle und einen thermischen Heizungsspeicher Das Projekt zeigt auf, welche Leistungen ein Gebäude mit einer Gasinfrastruktur erbringen kann. Der aktuelle Umbruch im Energiesektor erfordert eine zukunftsorientierte Versorgungsstrategie. Diese muss einen sicheren, wirtschaftlichen und umweltverträglichen Betrieb anstreben. Die Energieversorgungsstrategie als Ganzes wird hier nicht diskutiert, sondern es wird ein Teilbeitrag zur Verbesserung der «Versorgungssicherheit» aufgezeigt [1]. Festgefahrenes Spartendenken mit Fokus auf der Strom- oder Wärmebereitstellung verunmöglicht zu oft die Entwicklung ganzheitlicher Lösungen. Systemdenken ist notwendig, auch wenn dies vorerst zu einer höheren Komplexität führt. Insbesondere in der anspruchsvollen Transformation des Gebäudebestandes bietet die ganzheitliche Betrachtungsweise aber neue Perspektiven. Eine weitere Herausforderung stellt die raumplanerische Vorgabe, Quartiere und Areal nach innen zu verdichten. Vor allem solitäre Anlagen für die thermische Energieversorgung in verdichteten Quartieren stossen an ihre Grenzen. Zum Beispiel führt der breite Einsatz von Wärmepumpen in solchen Quartieren zu Problemen bei der Energiegewinnung. Grundwasser kann nicht auf jeder Parzelle gefördert werden, Erdwärmesonden können * Kontakt: [email protected] AQUA & GAS N o 4 | 2013 Energiewende | 3 aus Platzgründen nicht bei jedem Haus gebohrt werden und Aussenlufteinheiten verursachen Lärm. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, sind Infrastrukturen notwendig, die eine ganzheitliche Energieversorgung berücksichtigen [2]. konzeptionelle lÖSUNGEN Die Infrastruktur für die elektrische Vernetzung der Gebäude ist heute weit vorangeschritten. Die Herausforderung, vermehrt stochastische Energie aus Sonne und Wind in unseren elektrischen Versorgungsmix einzubinden, erhöht den Druck, die elektrischen Netze zu Smart Grids weiterzuentwickeln. Die Stromwirtschaft nimmt einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft ein und wird oft als entscheidende Grösse in der Energiewende bezeichnet. Der Fokus auf die elektrische Energieversorgung mit 24% 1 am Endenergiebedarf der Schweiz blendet jedoch den grösseren Teil der Energieversorgung aus. Die thermische Energieversorgung für Raumwärme und Warmwasser benötigt rund 37% des Endenergiebedarfs der Schweiz [3] (Fig. 1). Konzeptionelle Lösungen für diesen Teil der Energieversorgung leisten somit ebenfalls einen wesentlichen Beitrag in der Energiewende. Mehr noch: Lösungen, welche Synergien zwischen der elektrischen und thermischen Energieversorgung nutzen, können zur Verbesserung der Versorgungssicherheit beitragen. Das Spartendenken ist in diesem Fall abzulegen! 1 50% der Prozesswärme wurde dem Energieträger Elektrizität zugeteilt. Fig. 2 Synergien elektrische und thermische Vernetzung franz. Legende WAS GEBÄUDE LEISTEN KÖNNEN Das einzelne Gebäude kann seinen Verbrauch minimieren und somit die Energieeffizienz steigern. Betrachtet man dagegen mehrere Gebäude im Versorgungsnetz, kann jedes einzelne Gebäude Dienstleistungen für die Energieversorgung anderer erbringen: Gebäude verbrauchen nicht nur Energie, sie können Energie produzieren und/oder speichern. Das einzelne Gebäude verursacht nur eine kleine Wirkung im Versorgungsnetz. Mehrere Gebäude in einem Quartier oder Areal hingegen können wirksame Systemdienstleistungen für die Versorgungsnetze z. B. in Form von Regelenergie 2 erbringen. Vor allem die thermischen Speicher im Gebäude können gewinnbringend für den Ausgleich im elektrischen Netz genutzt werden [4]. Die thermischen Speicher in Kombination mit Wärmepumpen, Kältemaschinen und/oder Wärmekraftkopplung können durch die virtuelle Aggregation mittels einer übergeordneten Steuerung für die Bewirtschaftung der Stromnetze genutzt werden (Fig. 2). Die koordinierte Betriebsweise der einzelnen Anlagen erlaubt, durch das gemeinsame Ein- bzw. Ausschalten, das Stromnetz zu be- oder entlasten und somit tertiäre Regelenergie bereitzustellen. Damit wird eine Stabilisierung der Netzinfrastruktur auf lokaler Ebene erreicht. Gebäude, die über eine Gasinfrastruktur miteinander vernetzt sind, können mittels Wärme-Kraft-Kopplung (WKK) Energie in das elektrische Netz einspeisen und einen Teil zur Bedarfsdeckung leisten. Wird die WKK mit einem thermischen Speicher gekoppelt, kann dieses System stromgeführt betrieben werden und die Abwärme dennoch bis auf geringe Speicherverluste vollständig nutzen. Auch hier können kleine WKK-Anlagen koordiniert betrieben werden und gleich wie aggregierte Wärmepumpen Systemdienstleistungen für das Stromnetz erbringen. Zusätzlich liefern solche Systeme vor allem im Winter einen wertvollen Beitrag. Wenn Solaranalgen und/oder Wasserkraftanlagen saisonal bedingt nicht ihre volle Leistung erbringen, liefern WKKAnlagen wertvollen Winterstrom. In diesem Sinn ergänzen sich Solar, Wasser und gasbetriebene WKK-Anlagen bes2 Regelenergie dient dem momentanen Ausgleich zwischen Verbrauch und Produktion im elektrischen Verbundnetz. Sie ist Bestandteil der sogenannten Systemdienstleistungen (SDL) und wird deshalb oft als solche Fig. 1 Verteilung Endenergieverbrauch Schweiz franz. Legende (Quelle: BFE 2012) bezeichnet, obwohl auch andere Dienstleistungen zu den SDL gehören. 4 | Energiewende tens: Im Sommer liefern die Solar- und Wasserkraftanlagen den grössten Teil des Stroms, im Winter können WKK-Anlagen den reduzierten Energieertrag dieser Anlagen kompensieren. Eine besser ausgeglichene Stromproduktion über das Jahr kann mit einem solchen Anlagemix bzw. Energieversorgungsystem erzielt werden. BEISPIEL PLUSENERGIEHAUS SCHAFFHAUSEN AQUA & GAS N o 4 | 2013 ziert. In die Südost-Fassade wurden grössere Fenster eingesetzt, um die passiven Solargewinne zu steigern. Stromqualität Die Elektrizitätsversorgung ist heute, und gemäss Entwurf «Energiestrategie 2050» des Bundes auch in Zukunft, eine europäische Angelegenheit. Aus diesem Grund wurde die Qualität des Stromes auf Basis des europäischen Strommixes (UCTE) beurteilt. Es ist davon auszugehen, dass der UCTE-Mix in den nächsten Jahren mit weniger CO2-Ausstoss behaftet sein wird. Gleichzeitig wird aber auch die Erdgasversorgung betreffend CO2Ausstoss besser werden, indem Biogas und/oder synthetisches Gas aus überschüssigem Strom beigemischt wird (Solar-Gas, Wind-Gas). In diesem Sinne können sich beide Energieträger qualitativ weiterentwickeln und haben das Potenzial, einen umweltverträglichen Beitrag zur Energiewende zu leisten. Aufba u ak t i v e S o lar n u t z u n g Das Dach wurde als Solardach umgebaut und die Südwest-Fassade wurde mit hybriden Solarmodulen bestückt, welche sowohl thermische wie auch elektrische Energie liefern. Erneueru n g de s He i z s y s t e ms Im Rahmen eines Pilotprojekts soll die Leistungsfähigkeit eines Gebäudes getestet werden, bei dem eine Kombination von WKK und Solar umgesetzt wurde. Zudem soll das Potenzial einer Quartierlösung mit einem solchen Energiekonzept abgeschätzt werden. Das Einfamilienhaus in Schaffhausen wurde in den 30er-Jahren als kleines und für dieses Quartier typisches Arbeiterhaus erstellt (Fig. 3). In den 70er-Jahren wurde das Gebäude durch einen Anbau ergänzt. Das Gebäude hat einen Erdgasanschluss und wurde bisher mit einer konventionellen Gasheizung beheizt. In drei Schritten wurde das EFH 2011 und 2012 erneuert: E r ne ue r ung de r G ebä udehülle und Ve r be s s e r ung de r p a ssiv en So la rnutzung Mit einer teilweise vorgehängten und teilweise kompakten Fassade wurden die Energieverluste (Transmission) redu- Der bestehende Gaskessel wurde durch eine Brennstoffzelle (1kWel und 2 kWth mit Zusatzbrenner für Lastspitzen) und einen thermischen Heizungsspeicher (1000 Liter) ersetzt. Geplant ist, dass das Gebäude in kWh (auf Stufe Primärenergie, s. Box) so viel überschüssige Elektrizität produziert, dass damit der Gasverbrauch kompensiert werden kann und so eine positive Energiebilanz über das Jahr erreicht werden kann (Fig. 4). Die Erneuerung wurde im September 2012 fertiggestellt. Seit der Inbetriebnahme der Gebäudetechnik wurde ein durch die Hochschule Luzern – Technik & Architektur begleitetes Monitoring durchgeführt. Im Monat Oktober mussten noch diverse Einstellungen und Abstimmungen am Energieversorgungssystem vorgenommen werden. Während dieses Monats konnte die Brennstoffzelle nicht Fig. 3 Einfamilienhaus Sulzer in Schaffhausen vor und nach der energetischen Sanierung franz. Legende kontinuierlich betrieben werden, was sich im noch eher bescheidenen Kennwert für die Selbstversorgung äussert. Ist die Anlage fertig in Betrieb genommen und optimiert, sollen die angestrebten Ziele erreicht werden können. In Figur 5 ist erkennbar, dass das Gebäude einen hohen Anteil an überschüssigem Winterstrom (>300%) produziert, den andere Gebäude 3 nutzen können. Wird der für die Stromproduktion notwendige Gasverbrauch in der Berechnung berücksichtigt, erreicht das Gebäude auf Stufe Primärenergie einen Selbstversorgungsgrad von rund 50%. Wenn anstelle der Brennstoffzelle eine Wärmepumpe im EFH Sulzer eingesetzt würde, erreichte ein solches Konzept auf Stufe Primärenergie einen Selbstversorgungsgrad von rund 15%. Das Konzept Brennstoffzelle und Solar erreicht in den Wintermonaten einen klaren Vorteil bezüglich Diversifikation der Energieträger und somit Versorgungssicherheit gegenüber einer konventionellen Lösung mit Wärmepumpe. Um das Thema Versorgungssicherheit differenzierter zu betrachten, zeigt Figur 6 die Auswertung der stündlichen Energiebilanzen im Januar 2013. Wäre das Gebäude in der Lage, mittels Stromspeicher den Verbrauch und die Produktion innerhalb einer Stunde vor Ort auszugleichen, 3 Der Überschuss kann den Elektrizitätsbedarf von rund drei anderen Einfamilienhäusern decken. AQUA & GAS N o 4 | 2013 Fig. 4 Energiebilanz des EFH Sulzer in Schaffhausen über ein Jahr (Planungswert) franz. Legende Energiewende | 5 würde sich die Netznutzung im Monat Januar auf insgesamt 11 kWh reduzieren. Im gleichen Zeitraum könnte das Gebäude rund 580 kWh Elektrizität ins Netz einspeisen.4 Aus dieser Überlegung wird ersichtlich, dass sich neue Möglichkeiten für die Quartier- und Arealversorgung eröffnen, wenn bei den Gebäuden nicht nur der Energiebedarf gesenkt, sondern deren Produktions- und Speicherpotenzial entwickelt wird. Interessant ist auch der Vergleich mit dem Gasverbrauch vor der Gebäudeerneuerung von Oktober bis Januar 2010. Trotz der Stromproduktion mit Brennstoffzelle konnte der Gasverbrauch um über 45% gesenkt werden.5 Der Grund dafür liegt in der verbesserten Wärmedämmung und passiven Solarnutzung. Diese ersten Auswertungen zeigen, dass ein ganzheitliches Konzept den CO2-Ausstoss reduzieren und die Versorgungssicherheit erhöhen kann, trotz oder gerade wegen der Einbindung in die Gasinfrastruktur. FAZIT, AUSBLICK Fig. 5 Selbstversorgungsgrad EFH Sulzer mit Brennstoffzelle und Solaranlagen. Als Vergleich wird die Variante dargestellt, wenn das Gebäude mittels Wärmepumpe und Solaranlagen versorgt würde (JAZ WP: 3.3) franz. Legende WKK-Anlagen mit thermischen Speichern haben das Potenzial Systemdienstleistungen für das elektrische Netz zu erbringen, indem der Betrieb unabhängig von der Wärmeanforderung gesteuert werden kann. Die thermische Flexibilität von Heizungsspeichern und Massivbauten von >3h könnte genutzt werden. Die Aggregation von solchen thermischen Flexibilitäten und deren gewinnbringenderen Einsatz in der Stromwirtschaft wird im Forschungsprojekt WARMup untersucht [4]. Die Steuerbarkeit der Brennstoffzelle ist jedoch beschränkt und eignet sich noch nicht für die Bereitstellung von Regelenergie im Strommarkt. Ein kontinuierlicher Betrieb der Brennstoffzelle ist mit der heutigen Technologie anzustreben. Damit liefert die Brennstoffzelle Bandlast und diese vor allem im Winter. Die heute vorhandene Gasinfrastruktur sollte auf keinen Fall durch kurzfristiges Denken ersetzt werden – im Gegenteil: Die Stromrechnung im 4. Quartal, vom Oktober bis 4 Dezember, belief sich auf 11.85 Franken unter Berücksichtigung der Netznutzung sowie aller Abgaben und Gebühren! Fig. 6 Energiebilanz Elektrizität (Stundenwerte). Überschüsse werden dem Netz abgegeben, Mankos durch Netzbezug ausgeglichen franz. Legende 5 Die Kosten für die Erdgaslieferung reduzierte sich gegenüber dem 4. Quartal 2011 von 1152.– auf 692.– Franken. 6 | Energiewende Verdankung Das Pilotprojekt wird von folgenden Partnern unterstützt: –EKS, Elektrizitätswerk des Kantons Schaffhausen – Hoval AG, Vaduz –SVGW, in Zusammenarbeit mit Städtische Werke Schaffhausen und Neuhausen am Rheinfall –Siemens Schweiz AG Infrastructures & Cities Sector Building Technologies, Steinhausen –Inretis AG, Chur, Vaduz, Naters, Schaffhausen Der Ausbau des Gasnetzes in dicht besiedelten Quartieren kann in einem um- AQUA & GAS N o 4 | 2013 fassenden Energieversorgungskonzept Vorteile bringen. Die Energieversorgung von Quartieren kann mit WKK mit thermischen Speichern und Solaranlagen ausgebaut werden und so einen grösstmöglichen Nutzen bezüglich Versorgungssicherheit und Netzstabilität leisten. Denn nicht die Leistungsgrösse, wie im Entwurf der Energiestrategie 2050 vermerkt, ist entscheidend für den sinnvollen Einsatz von WKK-Anlagen, sondern der Stromwirkungsgrad. Ab einem Stromwirkungsgrad der WKK-Anlagen von >40% erreichen solche Anlagen eine gleiche ober bessere Umweltverträglichkeit als andere Heizsysteme. Wird die Gasinfrastruktur zukünftig mit Biogas und/oder synthetischem Gas aus überschüssiger erneuerbarer Energie versorgt, erreichen dezentrale WKK-Kon- zepte zusätzlich eine hohe Umweltverträglichkeit [5]. Bibliographie [1] Bundesamt für Energie BFE (2011): Energieszenarien für die Schweiz bis 2050, Zwischenbericht I & II [2] Bundesamt für Energie (2012): Analyse des schweizerischen Energieverbrauchs 2000–2011 nach Verwendungszwecken [3] Sulzer, M. et al. (2011): Energieversorgung für ein Areal – Beispiel V-ZUG AG, Status-Seminar «Forschen für den Bau im Kontext von Energie und Umwelt» ETH Zürich [4] Werlen, K.; Pfaffen, S. (2012): Optimale Verwertung der Flexibilität von thermischen Speichern (WARMup), im Auftrag des BFE [5] CCEM Competence Center Energy & Mobility (2012): Forschungsschwerpunkte für Energy-Hub, Microgrid und Energy-Storage