WORKING PAPERS 04 theories & commitments «Aber ich bin eben auch ein Mensch» Zum Umgang mit ethischen Fragen im Wissenschaftsalltag Daniel Bischur, Clemens Sedmak University of Salzburg/Austria Poverty Research Group FWF (AUSTRIAN SCIENCE FUND): RESEARCH PROJECT Y 164 Dezember 2003 “Theories and Commitments” is the Series of Working Papers of an interdisciplinary research group. Editor: Clemens Sedmak "Theories and Commitments" is the Series of Working Papers of an interdisciplinary research group. We are focussing on a) analyzing the foundations of theories and the construction of theories in the humanities and the social sciences b)exploring the connection between theories and (both epistemic and ethical) commitments c) tackling questions of interdisciplinarity and comparative epistemology These Working Papers are intended to be points of reference for discussion: "Administrative and bureaucratic practice has disseminated the terms ‚working papers' or, notably in American idiom, ‚position papers'. These terms could be useful in defining a certain stage and style of intellectual argument. A 'working' or a 'position' paper puts forward a point of view, an analysis, a proposal, in a form which may be comprehensive and assertive. It seeks to clarify the 'state of the art' at some crucial point of difficulty or at a juncture from which alternative directions can be mapped. But its comprehension and assertiveness are explicitly provisional. They aim at an interim status. They solicit correction, modification, and that collaborative disagreement on which the hopes of rational discourse depend. A 'working paper', a 'position paper', is one which intends to elicit from those to whom it is addressed a deepening rejoinder and continuation" (George Steiner) In this sense, we would be grateful for any comments and feedback. Contact: Prof. Clemens Sedmak Department of Philosophy Franziskanergasse 1, A – 5020 Salzburg, Austria/Europe [email protected] Please visit our homepage: www.sbg.ac.at/phi/projects/theorien.htm ISSN 1728-0494 Vorwort......................................................................................................................5 1. Einleitung..........................................................................................................7 1.1. Die Perspektive einer dichten Wissenschaftsethik...........................8 1.2. Ethik und Ethos in den Wissenschaften ......................................... 12 1.3. Verantwortung in den Wissenschaften ............................................ 14 1.4. Ethik im Wissenschaftsalltag. Plädoyer für eine empirische Perspektive ......................................................................... 16 1.5. Pluralitäten: Die Ausdifferenzierung der Wissenschaften und Rollenkonflikte ............................................................................... 18 1.6. Das transepistemische Feld als Ort ethischer Auseinandersetzungen der Wissenschaftler.................................... 20 1.7. Die Untersuchung ................................................................................ 23 2. Allgemeine ethische Probleme in den Wissenschaften............... 29 2.1. Das Wissenschaftsethos ........................................................................ 31 2.2 Ethik in der wissenschaftlichen Lehre............................................... 43 3. Verantwortung in den Wissenschaften............................................... 51 3.1 Ethik in den theoretischen Naturwissenschaften ........................... 51 3.2. Ethik in den Biowissenschaften ......................................................... 58 3.3. Ethik in den psychologischen Wissenschaften.............................. 69 3.4. Ethik in den Sozialwissenschaften .................................................... 75 3.5. Ethik in den Rechtswissenschaften................................................... 82 3.6 Ethik in den Kulturwissenschaften & der Theologie.................... 88 4. Zusammenfassende Interpretation...................................................... 96 5. Anhang...........................................................................................................102 »Aber ich bin eben auch ein Mensch!« Zum Umgang mit ethischen Problemen im Wissenschaftsalltag Daniel Bischur, Clemens Sedmak Vorwort Eine »dichte Wissenschaftsethik« zu entwickeln, ist Teil jenes weiter angelegten Forschungsprojekts über den Zusammenhang von »theories« und »commitments«, in dem diese Working Paper Reihe steht. Die vorliegende Studie stellt die Ergebnisse einer Interviewserie vor, die Daniel Bischur im Sommersemester 2003 an der Universität Salzburg im Rahmen und Auftrag des Forschungsprojekts durchgeführt hat. Wissenschafterinnen und Wissenschafter aus verschiedenen Disziplinen wurden über ethische Fragen und Probleme in ihrem wissenschaftlichen Alltag befragt. Sie wurden eingeladen, von jenen Situationen und Aspekten ihrer wissenschaftlichen Arbeit zu erzählen, die sie als ethisch relevant empfinden. Es ging also nicht darum, auf einem allgemeinen und abstrakten Niveau über allgemeine Werte nachzudenken, sondern darum, Beispiele und Geschichten, Details und Blickwinkel aus dem individuell und fachlich spezifischen Wissenschaftsalltag zu sammeln. Auf diese Weise sollte Material für eine »dichte, komparative und empirische« Wissenschaftsethik gesammelt werden. Diese Idee liegt mir besonders am Herzen. Sie hängt auch mit der Rolle der Philosophie als »Hörerin des Wortes«, wenn ich das so sagen darf, zusammen. Paul Konrad Feyerabend hat das mit dem Bild der Spinnen, die vom Leben der Hunde keine Ahnung haben, aber darüber Aussagen machen, etwas weniger dezent ausgedrückt. Wie auch immer, die Philosophie ist wohlberaten, bescheidener zu werden und eine Dienstfunktion auch durch den Primat des Hörens vor der Rede auszuüben. In diesen Interviews wurde sehr viel zugehört. Dieses Working Paper versucht, dem Zuhören eine andere Qualität zu geben. Die Auswertung der Interviews versteht sich als Versuch, Bausteine für eine dichte Wissenschaftsethik zusammenzutragen. Im Forschungsprojekt, in das die Inter- 6 viewreihe eingebettet ist, verzahnen sich erkenntnistheoretische und ethische Fragen. Ich bedanke mich in diesem Zusammenhang sehr herzlich bei den Interviewpartnerinnen und –partnern für ihre freundliche Bereitschaft, Zeit und Reflexionsarbeit zu investieren. Clemens Sedmak 7 1. Einleitung • Eine Kulturanthropologin studiert die Adoleszenz in Samoa und kommt zu kühnen, klaren und aufregenden Thesen über das unbeschwerte und freie sexuelle Leben in diesem Teil der Erde. 60 Jahre später weist ein Kollege nach, dass die Resultate auf unseriöser Feldarbeit beruhen und nicht aufrecht erhalten werden können. Ein Fall von Betrug? Ein »Kavaliersdelikt«? • Ein Mediävist wird mit der Herausgabe der Schriften eines mittelalterlichen Theologen betraut. Um die Reputation des betreffenden Theologen als eines rechtgläubigen Mannes zu erhalten, klassifiziert er in der Edition der Handschriften gewisse umstrittene Textteile als inauthentisch und verbannt sie in den Appendix. Kluge Vorsicht? Verrat an der Sache? • Ein Historiker hat die delikate Aufgabe übernommen, die Geschichte eines Landes mit einer totalitären Vergangenheit aufzuarbeiten. Er steht vor der schwierigen Frage: Wie soll er – angesichts des labilen politischen Gleichgewichts, das keine Eskalation der Kräfte vertragen würde – mit den Informationen umgehen, die er erarbeitet hat? • Eine Medizinsoziologin erstellt Studien über die Langzeitfolgen von in–vitro Fertilisation. Sie weiß, dass die Ergebnisse »politisch korrekt«, aber auch »politisch inkorrekt« sein können. Wie soll sie damit umgehen? • Ein Jurist erforscht das Rechtssystem eines totalitären Regimes. Er fühlt große Hemmungen, Positives über das Rechtssystem auszusagen. • Ein Philosoph spielt ein Gedankenexperiment in Auseinandersetzung mit der wandelnden Altersstruktur der Gesellschaft durch: Welche sozialen Konsequenzen hätte eine staatliche Verordnung, dass jede/r Staatsbürger/in zum Zeitpunkt der Vollendung des 75. Lebensjahres unter staatlicher Kontrolle »eingeschläfert« werden würde. Ist ein solches Gedankenexperiment zulässig? Oder nur unklug? Oder nicht einmal das? • Ein Nuklearexperte muss Empfehlungen über Grenzwerte für die Kontamination von Milch abgeben. Plädiert er für Nullkontamination, wie das Mütter von kleinen Kindern fordern? Oder setzt er den Grenzwert hinauf, wie das Bauern und Molkereibesitzer verlangen? 8 • In der wissenschaftlichen Arbeit stellen sich ethische Fragen. Im wissenschaftlichen Alltag treffen wir auf schwierige Situationen, die ethisch beurteilt werden müssen. Soll dieses Experiment unternommen werden? Darf jenes Ergebnis veröffentlicht werden? Welcher Begriff soll zur Beschreibung eines Sachverhalts verwendet werden? Wie ist die Beziehung der wissenschaftlichen Tätigkeit zum wissenschaftlichen Umfeld auszugestalten? Fragen der Begegnung von »Wissenschaft« und »Ethik« werden in der Wissenschaftsethik behandelt. Ethik beschäftigt sich in erster Linie mit Handlungen bzw. mit jenen Bereichen des menschlichen Lebens, die handelnd gestaltet werden können. Von einer Handlung sprechen wir dann, wenn der Akt, um den es geht, gesetzt oder auch unterlassen werden kann. Ethik ist dort gefragt, wo ein Spielraum zur Verfügung steht, in dem Entscheidungen getroffen werden können oder gar getroffen werden müssen. Wissenschaftsethik wird umso relevanter sein, je stärker der Handlungsbezug von Wissenschaften (etwa über das Verständnis von Wissenschaft als Lebensform) betont wird. Wissenschaftsethik interessiert sich für soziales Handeln (Handeln mit mehr als nur einem Beteiligten), insofern Wissenschaft als öffentliches und gemeinschaftliches Unterfangen in den Blick genommen wird. In dieser Hinsicht ist die Wissenschaftsethik auf die Wissenschaftssoziologie und die Wissenssoziologie angewiesen. So verwundert es nicht, dass die vorliegende Studie in der Zusammenarbeit zwischen einem Soziologen (Daniel Bischur) und einem Philosophen (Clemens Sedmak) entstanden ist. 1.1. Die Perspektive einer dichten Wissenschaftsethik Die Wissenschaftsethik scheint für viele eine angeschlagene Disziplin. Denn Wissenschaftsethik wird in der Regel »vom Lehnstuhl aus« betrieben. Philosophinnen und Philosophen sagen den Einzelwissenschafterinnen und –wissenschaftern, was sie tun sollen und was sie nicht dürfen, ohne in vielen Fällen eine genaue Kenntnis dessen zu haben, was in den einzelnen Disziplinen nun eigentlich geschieht. Hier kann die Wissenschaftsethik am besten von den Betroffenen lernen: Es scheint sinnvoll, Wissenschafterinnen und Wissenschafter selbst zu befragen. Diese Tugend einer »Einbeziehung von Betroffenen« ist gerade für delikate Fragen, wie es ethische Fragen nun einmal sind, da es hier um die Verhaltensab- 9 stimmung zwischen Menschen geht, nahe liegend, hat doch Ethik auch sehr viel mit »Fingerspitzengefühl«, einem Sinn für Prioritäten und der Sensibilität gegenüber Situationen zu tun. In den Interviews wurde immer wieder erwähnt, dass man in konkreten Situationen mit Hausverstand und anhand ungeschriebener, informeller, impliziter Regeln zu entscheiden habe. Das entspricht auch dem Eigengewicht, das jede Disziplin und wohl auch jede Situation für sich beanspruchen können. Hier stoßen wir auf Grenzen allgemeiner Prinzipien, wie sie die Philosophie anbieten könnte. Das heißt aber nicht, dass philosophisch moderierte Diskussionen über ethische Fragen hinfällig wären: Ungeschriebene Regeln setzen ein selbstverständlich geteiltes Fundament voraus. Wenn und dass ein solches Fundament brüchig wird, zeigt sich in Konfliktfällen, etwa im Fall der Wehrmachtsausstellung, im Fall der Rudolf Burger-Debatte, im Fall der Diskussion um die Enola Gay-exhibition in den USA. Konflikte dieser Art und auch Wissenschaftsskandale (man denke an die Forschungsskandale um Margaret Meads Studien in Samoa oder an Napoleon Chavignons Impfstoffexperimente in Venezuela) lassen die impliziten Regeln explizit hervortreten und zur Diskussion stellen. Hier zeigen sich Standards politischer Korrektheit und über diese Standards kann und soll explizit diskutiert werden. Dieses Regelwerk an ethischen Überzeugungen kann zwar nicht vom philosophischen Studierkämmerlein verordnet und auch nicht vom Lehnstuhl aus studiert werden, aber ist doch immerhin diskussionswürdig. Eine »dünne Wissenschaftsethik« anhand von formalen Prinzipien kann in konkreten Situationen nur bedingt Orientierung stiften. Eine »dichte« und »komparative« Wissenschaftsethik, die anhand von Beispielen aufgebaut wird, die aus den Erfahrungen in den einzelnen Disziplinen gewonnen werden, und – ähnlich wie die vergleichende Literaturwissenschaft, wie sie George Steiner versteht – über Vergleiche Bezugspunkte schafft, scheint hier aussichtsreicher. Das ist auch der Hintergrund der in diesem Working Paper vorgestellten Interviewreihe. Es wurden Gespräche mit Wissenschafterinnen und Wissenschaftern aus verschiedenen Disziplinen geführt, die auf eine je eigene Weise mit wissenschaftsethischen Fragen konfrontiert werden und dadurch eine je spezifische Kompetenz im Umgang mit ethischen Fragen erworben haben. Denn im wissenschaftlichen Alltag stellen sich ethische Fragen. Aus diesen Fragen kann man das breite Spektrum der Sorgen, Nöte, Hoffnungen und auch Ängste 10 erkennen, das den wissenschaftlichen Alltag mitprägt. Die Interviewpartner/innen wurden nach ethischen Problemen im wissenschaftlichen Alltag befragt. Sie wurden gebeten, nicht über abstrakte Begriffe zu spekulieren, sondern anhand von Beispielen und Situationen anzugeben, wo sie ethische Probleme in ihrem Arbeitsalltag erfahren. Ich gebe einige Beispiele aus den geisteswissenschaftlichen Bereich: Standards politischer Korrektheit bestimmen »screening«-Verfahren bei Sammelbandprojekten oder Konferenzpapers; im Bereich der jüdischen Studien stößt man immer wieder auf sensible Bereiche (» heiße Geschichte«), auf implizit geregelte Tabuthemen, auf Ressentiments; eine Politikwissenschafterin stellt sich selbst die Frage, wie sie redlich mit dem Gegenstandsbereich »Demokratie« als Demokratieforscherin umgehen kann, wenn sie hier eine klare weltanschauliche Position (Demokratie als bestes Modell zur politischen Organisation) vertritt; ein Sprachwissenschafter, der mit Texten arbeitet, die im Hinduismus als heilig gelten, fragt sich, inwieweit das religiöse Ehrgefühl derjenigen, die diesen Text als heilig ansehen, zu berücksichtigen ist; in der Pädagogik tritt die Schwierigkeit auf, mit Fallgeschichten zu arbeiten, die »richtiges« bzw. »falsches« Verhalten exemplifizieren sollen (nach welchen Standards?); in der Kunstgeschichte tritt mitunter der Konflikt »Denkmalschutz« versus »Menschengemäßheit« auf, etwa in der Frage nach behindertenfreundlichen Zugängen zu denkmalgeschützten Gebäuden. Die Gespräche haben nicht nur Fragen und Problemstellungen, Beispiele und Geschichten hervorgebracht, sondern auch ethische Reflexionen, ein Nachdenken über Entscheidungskriterien, ein Ansprechen von Maßstäben. Menschen, die mit bestimmten Fragen umgehen müssen, eignen sich ein spezifisches »local knowledge« an, das gerade in der ethischen Theorienbildung von großem Wert ist. Es ist sinnvoll, Wissenschaftsethik zu betreiben, allerdings als eine »dichte« und »komparative« Wissenschaftsethik, die nicht »in the armchair« betrieben werden kann. Das Projekt einer »dichten Wissenschaftsethik« soll noch kurz kommentiert werden: Eine dichte Beschreibung gibt die Tiefenschichten eines Kontextes wieder, wie dies Clifford Geertz in seinem Zugang zu »thick descriptions of culture« versucht und eingemahnt hat. 1 Die Unterscheidung zwischen »dicht« und »dünn«, die ur- 1 C. Geertz: The Interpretation of Cultures. New York: Basic Books –1993, 6ff. 11 sprünglich von Gilbert Ryle stammt2, spielt auch in der gegenwärtigen Moralphilosophie eine nicht unerhebliche Rolle. Begriffe wie »Gerechtigkeit« sind auf einer allgemeinen Ebene mit hohem Abstraktionsgrad »dünne Begriffe«, die nicht auf Beispiele und Geschichten und die Besonderheiten eines je spezifischen Kontextes zurückgreifen können. Wird dieser Begriff aber in die Problemlage und Partikularität eines bestimmten Kontexts hineinübersetzt und wird dieser Begriff mit Erfahrungen verbunden, so bekommt dieser Begriff eine Plastizität, eine »Dichte«, die mit Details und Besonderheiten aufgefüllt wird. Dünne Begriffe haben in der Moralphilosophie eine begrenzte Reichweite. Um in einer konkreten Situation konkrete Entscheidungen entwickeln zu können, braucht es dichte Begriffe, die auf die Besonderheiten dieser Situation Rücksicht nehmen. Dabei entsteht eine eigenartige Dialektik zwischen Allgemeinheit und Besonderheit, zwischen dünnen Begriffen und dichten Beschreibungen: Es braucht nämlich den allgemeinen Begriff, um in einer konkreten Situation einen »Fall von etwas« identifizieren zu können. Dieser allgemeine Begriff wird dann aber durch dichte Beschreibungen im skizzierten Sinn verfeinert und verdichtet. Durch diese Verdichtung wird allerdings auch der allgemeine Begriff, der dann in anderen Kontexten angewandt wird, modifiziert und kann dann in einer modifizierten Form auf eine neue Situation angewandt werden. Besondere Bedingungen werden also mit Hilfe von allgemeinen Begriffen analysiert und dadurch auf ein bestimmtes Reflexionsniveau gehoben, wobei die gebrauchten Begriffe durch die Anwendung in ganz bestimmten und besonderen Situationen verfeinert werden. Diese Dynamik, die auch Clifford Geertz beschrieben hat 3, hat Ähnlichkeiten mit der Reflexionsdynamik zwischen allgemeinen Prinzipien und den besonderen Anforderungen einer Situation, die auf einander abgestimmt werden müssen, eine Abstimmung, die John Rawls mit dem Begriff des »Überlegungsgleichgewichts« gekennzeichnet hat. Um dieses Überlegungsgleichgewicht, diesen Ausgleich zwischen dünnen Begriffen und dichten Beschreibungen, diesen Dialog zwischen allgemeinen Reflexionen und besonderen Erfahrungen ist diese Studie bemüht. Sie stellt einen Versuch einer »dichten Wissenschaftsethik« dar, die auf der Grundlage der »Einbeziehung von Betroffenen«, die Beispiele und Geschichten, 2 3 G. Ryle: The Thinking of Thoughts. Collected Papers II. London – 1971, 480-496. C. Geertz: loc. cit., 21. 12 Fragen und Themen liefern, vorsichtig und behutsam allgemeine Überlegungen zur Begegnung von Wissenschaft und Ethik anstellt. Dieses Unterfangen kann, wie gesagt, nicht vom Lehnstuhl aus betrieben werden. Diese Form der Wissenschaftsethik hat eine »empirische Komponente«, eine Dimension von Feldarbeit. Hier ist die Philosophie, die ja ohnehin nicht ohne den Input der Einzelwissenschaften seriös operieren kann, auf soziologische Mitarbeit angewiesen. Der Wert einer dichten Wissenschaftsethik scheint im Bemühen um »appropriateness« in Bezug auf spezifische Kontexte zu bestehen; der Preis einer solchen dichten Wissenschaftsethik ist die Langsamkeit Bescheidenheit und Behutsamkeit, ein Verlust an Sicherheit, denn die dünnen Begriffe und allgemeinen Prinzipien können durch die dichten Beschreibungen in Frage gestellt werden. 1.2. Ethik und Ethos in den Wissenschaften Wissenschaftsethik beschäftigt sich vor allem mit zweierlei: a) mit dem Ethos der sicentific community (»fairness«, etc.) und b) mit Fragen der Erzeugung und Verwendung von Wissen (Forschungsethik, Grenzen der Forschung, etc.). So gesehen behandelt die Wissenschaftsethik Fragen nach Ethik (Handlungsgestaltung) und Ethos (handlungsanleitende und gewohnheitsbildende Grundeinstellungen). In der wissenschaftsethischen Diskussion wird mitunter die Frage gestellt, ob Wissenschaftsethik als eine Form der angewandten Ethik eine »Sonderethik« darstelle, oder lediglich die Anwendung der allgemeinen Ethik, die ja auch für andere Bereiche relevant ist, auf einen bestimmten Kontext sei. Die Untersuchung, die wir durchgeführt haben, zeigt nun, dass zwar die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht wirklich eine Sondermoral als Wissenschaftler beanspruchen, jedoch selbst im alltäglichen ethischen Konflikt darunter leiden, dass sie mit zwei unterschiedlichen und im konkreten Konfliktfall logisch inkommensurablen Normensystemen fertig werden müssen und Entscheidungen treffen müssen, die wissenschaftsextern ethisch zu verantworten sind. So müssen Biowissenschafter entscheiden, ob sie persönlich verantworten können, dass sie Tiere im Tierversuch nicht nur töten sondern darüber hinaus auch leiden lassen, um die von der wissenschaftlichen Sorgfalt geforderten Mortalitätsdaten zu erhalten. Es geht um die Naturwissenschaftler, die in ihrer öffentlichen Beratungstätigkeit Entscheidungen auf Basis ihres fachspezifischen Wissens um Gefähr- 13 dungspotentiale treffen müssen, ohne die sozialen, wirtschaftlichen oder psychischen Folgen ihrer Entscheidung abschätzen zu können. Das Dilemma, in dem sich diese Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler befinden, geht zurück auf die Inkommensurabilität ihres Berufsethos und einer allgemeinen Verantwortungsethik, die auf allgemeine humanistische Prinzipien zurückgeht. Max Weber hat dieses Dilemma in Bezug auf den Beruf des Politikers beschrieben. Demnach geht dem ethischen Diskurs eine prinzipielle Entscheidung darüber voraus, ob man sich einer Gesinnungsethik oder einer Verantwortungsethik verpflichtet fühlt. Ersteres ist durch absolute Werte eines Ethos, zweiteres über eine Werteabwägung der Folgen und Nebenfolgen eines Handelns definiert. 4 Bei der Unterscheidung des wissenschaftlichen Ethos und der Wissenschaftsethik fällt auf, dass das interne Kontrollsystem der Wissenschaft insbesondere dort versagt, wo der einzelne Wissenschaftler nicht in seiner Rolle als Forscher, sondern in einer seiner zahlreichen »Nebenrollen«, wie es Gernot Böhme beschrieb, auftritt. 5 Demnach erfolgt die Sozialintegration des Wissenschaftlers insbesondere über dessen Nebenrollen als Lehrender, als Berater, Gutachter, Sachverständiger, Problemlöser, etc. Dabei tritt der Wissenschaftler kraft seiner wissenschaftlichen Expertise in wissenschaftsfremde soziale Systeme ein. Und hier zeigen die Interviews deutlich die Brüchigkeit des wissenschaftlichen Normensystems. Die sachliche Entscheidung des Physikers kann in ihrer sozialen und politischen Dimension nicht mit dem fachlichen Spezialwissen des Physikers abgeschätzt werden. Die Verantwortung des einzelnen Wissenschaftlers bleibt auf seine Rolle des Experten reduziert, obwohl er als Mensch deutlich wahrnimmt, dass er Entscheidungen trifft, die in ihren Folgen in Bereiche vordringen, die er nicht verantworten kann, weil er sie nicht einschätzen kann. Der Wissenschaftler ist zum einen den Normen des wissenschaftlichen Berufsethos verpflichtet – Universalismus, Kommunalismus, organisierter Skeptizismus und persönliches Nichtinteresse– ist aber zugleich zunehmend mit den Folgen und Nebenfolgen seines wissenschaftlichen Handelns konfrontiert. Ethische Entscheidungen im wissenschaftlichen Alltag zeigen sich in der Folge als Abwägungsentscheidungen, in denen 4 5 Siehe: M. Weber: »Politik als Beruf«; nach: Max Weber: Gesammelte Politische Schriften, Tübingen: J.C.B. Mohr – 21958, 536-540. Siehe: G. Böhme: »Beiläufigkeit – Probleme der Rollentheorie in der Wissenschaftssoziologie«; in: G. Böhme: Am Ende des Baconschen Zeitalters, Frankfurt/M. – 1993, 378-382. 14 die negativen Folgen wissenschaftlicher Erhebungsmethoden mit dem Nutzen der zu erwartenden Forschungsergebnisse abgewogen bzw. gerechtfertigt werden, wobei Abstriche in der wissenschaftlichen Sorgfalt in Kauf genommen werden, um gewisse negative Folgen gering zu halten. Der Widerspruch wird über diese Minimierungsmechanismen beruhigt, nicht aber aufgehoben. Ethische Fragen entpuppen sich als »Stachel im Fleisch«. Der Preis einer dichten Wissenschaftsethik besteht wohl auch darin, dass ethische Probleme nicht auf philosophischen Kissen zur Ruhe kommen können. 1.3. Verantwortung in den Wissenschaften Der Kernbegriff der Wissenschaftsethik ist der Begriff der Verantwortung. Es ist ein »dünner Begriff«, der in entsprechenden Kontexten entsprechend verdichtet werden muss. Ein Beispiel: Der Historiker David Chandler erforscht die Geschichte des Geheimgefängnisses der Roten Khmer in Kambodscha.6 Welche Verantwortung hat er während dieser Forschungsarbeit? Erstens: Verantwortung in welcher Rolle? Trägt er Verantwortung als Historiker? Oder trägt er Verantwortung als Mitglied der akademischen Gemeinschaft? Oder als Staatsbürger? Oder als Mensch? Und: sind die Unterschiede zwischen den Rollen, die er einnimmt, überhaupt relevant? Zweitens: Verantwortung wofür? Verantwortung für die Gediegenheit der Arbeit? Verantwortung für die Bedingungen der Rezeption? Verantwortung für die Art der Veröffentlichung? Verantwortung für die Korrektheit der Daten und die Angemessenheit der Interpretation der Daten? Drittens: Verantwortung gegenüber wem? Verantwortung gegenüber denjenigen, die ihm die Information beschaffen? Verantwortung gegenüber den Opfern? Verantwortung gegenüber all jenen, die in die Geschichte des Gefängnisses involviert waren, gleichgültig in welcher Funktion und Rolle? Verantwortung gegenüber seinen Fachkolleginnen und –kollegen? Verantwortung gegenüber dem Fach, das er vertritt? Verantwortung gegenüber den Leserinnen und Lesern seines Buches? Dies sind Fragen, die sich in der Beschäftigung der Verantwortung von Historikerinnen und Historikern stellen. Fragen der Verantwortung sind aber für wissenschaftliches Arbeiten allgemein von Relevanz. Der 6 D. Chandler: Voices from S-21: terror and history in Pol Pot’s secret prison. Berkeley/CA – 1999. 15 Begriff der Verantwortung impliziert also (i) ein Subjekt, das Verantwortung trägt, (ii) einen Bereich, für den Verantwortung übernommen wird, und (iii) eine Instanz, der gegenüber Verantwortung wahrgenommen wird. (i) Als Verantwortungsträger kommt nur ein Subjekt in Frage, das sein Handeln planen kann und damit in seinem Handeln vor Alternativen steht. Der Verantwortungsträger muss sowohl zurechnungsfähig als auch zuständig sein und über Kompetenz und Mandat in Bezug auf den Verantwortungsbereich verfügen. Ist das Subjekt immer nur ein Individuum (der einzelne Wissenschafter, die einzelne Wissenschafterin?) oder auch eine Gemeinschaft, etwa: die scientific community? (ii) Der Bereich der Verantwortung ist in der Regel ein Fall menschlichen Handelns, der in seinen Wirkungen betrachtet wird. Handlungen wiederum sind Verhaltensweisen, die der willentlichen Kontrolle unterliegen. Das haben wir bereits eingangs gesagt. Auch durch ein Unterlassen kann gehandelt werden. Eine Handlung, so könnte man sagen, ist eine Form des Verhaltens, die unterlassen oder zu der man aufgefordert werden kann. Von Handlungen kann sinnvollerweise nur dann gesprochen werden, wenn das Verfolgen von Zwecken unterstellt werden kann, wobei Alternativen (hinsichtlich der unterstellten Zwecke: die handelnde Person könnte auch andere Zwecke verfolgen); und/oder hinsichtlich der Mittel zum Zweck: die Person könnte auch ein anderes Mittel wählen, um den Zweck zu verfolgen) anzunehmen sind. Machen wir es noch komplizierter: Mit einer Handlung haben wir es also dann zu tun, wenn im Rahmen einer bestimmten Situation ein Verhalten (eine Tätigkeit) vorliegt in der Absicht, einen bestimmten Zustand herbeizuführen aufgrund der Überzeugung, dieser Zustand komme nicht zustande ohne das entsprechende Verhalten (die entsprechende Tätigkeit). Von einer Handlung soll also dann und nur dann gesprochen werden, wenn ein tätiges Wesen X einen Zustand Z herbeiführen möchte und erstens davon ausgeht, sich in der Situation S zu befinden, und zweitens der Überzeugung ist, dass in dieser Situation das Unterbleiben einer Tätigkeit p auch das Unterbleiben des Zustands Z nach sich zieht. Hier müssen wir uns fragen: Wie groß ist der Spielraum, den eine Wissenschafterin hat? Welche Zwecke verfolgt ein Wissenschafter mit seiner Arbeit? Reicht es aus, wenn man sagt, dass Wissenschaft Neugier befriedigt? (iii) Verantwortung wird gegenüber einer bestimmten Instanz eingenommen. Diese Instanz ist in der Regel von der handelnden Person unabhängig. Die Frage nach der Instanz wird in der Ethik kontro- 16 vers diskutiert: trägt man Verantwortung gegenüber Vorfahren oder gegenüber künftigen Generationen? Trägt man Verantwortung gegenüber Institutionen und Ideen oder lediglich gegenüber anderen handelnden Wesen? Trägt man Verantwortung gegenüber abstrakten Einheiten wie »der Natur« oder »der Gesellschaft«? Was bedeutet es, dass eine bestimmte Wissenschafterin Verantwortung gegenüber ihren peers hat oder gegenüber »der Gesellschaft«? Hier zeigt sich jedenfalls bereits, dass es hier zu Rollenkonflikten kommen kann, zu Zwängen und Drücken von verschiedenen Seiten. Dies ist in den Interviews auch deutlich zur Sprache gekommen – die unterschiedlichen Verantwortungen gegenüber peers und Studierenden, Universität und lokaler Gesellschaft, globaler Gesellschaft und Menschheit. Wie ist hier abzuwägen? 1.4. Ethik im Wissenschaftsalltag. Plädoyer für eine empirische Perspektive. Das empirische Moment einer dichten Wissenschaftsethik wurde bereits angesprochen. Um die ethischen Dimensionen wissenschaftlichen Handelns angemessen verstehen und erklären zu können, ist es notwendig den Konstruktionsprozess wissenschaftlicher Produkte im Kontext wissenschaftlicher und transwissenschaftlicher (oder eben epistemischer und transepistemischer) Selektionsverfahren zu erfassen. Karin Knorr Cetina legt diese Produktionsprozesse in ihrer Laborstudie dar, wobei der Einfluss des situativen Rahmens auf den naturwissenschaftlichen Arbeitsalltags dargestellt wird.7 Wie wir in dieser Arbeit zeigen wollen, sind ethische Probleme, die Auseinandersetzung damit und deren Bewältigung durch Abwägungsentscheidungen der einzelnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein spezifischer Teil dieses transepistemischen situativen Rahmens und als solcher in diesem Rahmen zu lokalisieren. In den geführten Interviews wurden teilweise konkrete Situationen geschildert, in denen die jeweiligen Wissenschaftler sich ethischen Fragen zu stellen hatten. Unsere Analyse dieser Erzählungen liefert uns spezifische situative Rahmen, in welchen ethische Fragen eine Rolle spielen und die den jeweiligen Umgang der Wissenschaftler mit diesen Fragen bestimmen. Es handelt sich um eine Rahmen-Analyse im Sinne Erving Goffmans, welche die Organisationsprinzipien sozialer Ereignisse und der Definition der Situa7 K. Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. Zur Anthropologie der Naturwissenschaften, Frankfurt/M.: Suhrkamp – 22002. 17 tion dieser Ereignisse durch die Akteure sichtbar zu machen sucht. 8 Goffman geht davon aus, »daß Menschen, die sich gerade in einer Situation befinden, vor der Frage stehen: Was geht hier eigentlich vor? Ob sie nun ausdrücklich gestellt wird, wenn Verwirrung und Zweifel herrschen, oder stillschweigend, wenn normale Gewißheit besteht – die Frage wird gestellt, und die Antwort ergibt sich daraus, wie die Menschen weiter in der Sache vorgehen«. 9 Der Ausspruch eines, von uns befragten Wissenschaftlers, »Aber ich bin eben auch ein Mensch!« ist der Ausdruck für das ethische Dilemma des einzelnen Wissenschaftlers, der sich des außerwissenschaftlichen Einflusses auf sein wissenschaftliches Handeln bewusst wird und die Herkunft seiner moralischen Selbstbeschränkung in seiner eigenen Humanität erkennt. Der Umgang mit ethisch problematischen Handlungen innerhalb des wissenschaftlichen Alltags ist maßgeblich von der Auseinandersetzung des Wissenschaftlers mit sich selbst geprägt; sein Handeln als Wissenschaftler, das unter Einklammerung alltagsrelevanten Wissens steht, wird von seiner eigenen humanistischen Rationalität befragt. Als Mensch bringt er die ethischen Aspekte des außerwissenschaftlichen Rahmens seines wissenschaftlichen Handelns in die Erwägungen ein, welche der Entscheidungsfindung seines wissenschaftlichen Handelns zugrunde liegt. Hier kann es zu einer Überlappung von Normensystemen kommen. Dem alltäglichen Humanismus stellt sich das Normensystem der Wissenschaft entgegen: universell und rational nachvollziehbare Aussagen und Argumente, nach denen konkrete Prinzipien formuliert und fundiert werden, welche als Grundlage für Handlungsentscheidungen innerhalb der wissenschaftlichen Wissensproduktion liefern. Merton fasste das Normensystem in den Grundsätzen der Verallgemeinerbarkeit – ›Universalismus‹ – ; des systematischen Zweifels – ›Skeptizismus‹ –; der persönlichen Nichtinteressengebundenheit – ›Desinteressiertheit‹ – und der öffentlichen Gemeinschaftsorientierung – ›Communalismus‹ – zusammen.10 8 9 10 E. Goffman: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, Frankfurt/M: Suhrkamp – 1980, 19. vgl. auch: Karin Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. loc. cit. 82-85. E. Goffman: loc. cit., 16. Siehe: R. K. Merton: »Science and the Social Order«; nach: R. K. Merton, Social Theory and Social Order, New York – 1968, 595; FN 16; R. K. Merton: »Science and Democratic Social Structure«; nach: R. K. Merton, Social Theory and Social Order, New York – 1968, 604-615. 18 In den Worten Mertons: »The ethos of science is that affectively toned complex of values and norms which is held to be binding on the man of science. The norms are expressed in the form of prescriptions, proscriptions, preferences and permissions. They are legitimized in terms of institutional values.«11 Diese Normen dienen der Stabilisierung der Wissenschaftsinstitutionen. Durch die dabei erreichte Selbstkontrolle vermag die Wissenschaft eine gewisse Autonomie gegenüber Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zu bewahren, sofern das darin enthaltene Wertesystem eine gewisse Entsprechung zum Wertesystem der Gesellschaft enthält. 12 »Conflict becomes accentuated whenever science extends its research to new areas toward which there are instiutionalized attitudes or whenever other institutions extend their area of control.« 13 Diese Einschätzung Mertons muss ergänzt werden durch jene Konflikte, die sich aus der Ausdifferenzierung der Wissenschaften ergeben. Die, durch das wissenschaftliche Normensystem in Selbstkontrolle eingebundenen wissenschaftlichen Handlungen werden durch ein externes Normensystem, dem der handelnde Wissenschafter nicht als Experte, sondern als »Mensch« unterworfen ist, durchbrochen. Hier wird die Verschränkung der internen und externen Verantwortung des Wissenschaftlers deutlich, den Hans Lenk in die Bereiche des wissenschaftlichen Ethos und der Wissenschaftsethik unterschieden hat. 14 1.5. Pluralitäten: Die Ausdifferenzierung der Wissenschaften und Rollenkonflikte Emile Durkheim hat von sozialer Arbeitsteilung, Hilary Putnam von linguistischer Arbeitsteilung und Michael Walzer von moralischer Arbeitsteilung gesprochen. Alle Typen von Arbeitsteilung sind für den Wissenschaftsbetrieb wichtig und auch ethisch relevant. Im Kontext der Ausdifferenzierung der Wissenschaften in Expertengruppen entsteht ein auch von den Wissenschaftlern selbst wahrgenommenes ethisches Defizit. Dies lässt sich anhand der von Gernot Böhme beschriebenen Ausdifferenzierungsprozessen beschreiben. Demnach etablieren die Expertengruppen 11 12 13 14 R. K. Merton: »Science and Democratic Social Structure«; loc. cit., 605. Siehe: R. K. Merton: »Science and the Social Order«; loc. cit., und R. K. Merton: »Science and Democratic Social Structure«; loc. cit.. R. K. Merton: »Science and Democratic Social Structure«; loc. cit., 615. Wissenschaften«; in: H. Lenk (Hg.): Wissenschaft und Ethik, Stuttgart (Reclam) – 1991, 54-75. 19 eine eigene Diskursgemeinschaft mit einer spezifischen Sprache und spezifischen Argumentationszusammenhängen. 15 Der für die Behandlung der ethischen Probleme der jeweiligen Wissenschaften notwendige Argumentationszusammenhang fällt jedoch aus diesen spezialisierten Diskursen heraus und berührt bestenfalls dessen Ränder. Der Wissenschaftler als Mensch fühlt dann die Unzulänglichkeit des disziplinären Wissens. »Ich wäre sehr für einen interdisziplinären Ansatz ... Denn wir können – und machen es auch nicht – [es uns nicht] anmaßen ethisch richtige Entscheidungen zu treffen. Wir können sachlich richtige Entscheidungen treffen. Aber ob die gesellschaftspolitisch-sozial vertretbar sind, ob die ethisch haltbar sind, ich glaube, da würde uns sehr gut tun, wenn da ein interdisziplinärer Diskurs stattfinden würde.« (021, 229-234). Dieser geforderte Diskurs stößt jedoch auf Schwierigkeiten, weil er die beidseitige Expertise verlangen würde. »Und der kleine Club der Fachleute – wie ich gesagt habe – so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er nur selten an ethisch-moralischen Prinzipien, wenn eher am Rande [eingeht].« (021, 241-243). Die Ausdifferenzierung der Wissenschaften geht mit der allgemein-gesellschaftlichen Entwicklung zur Ausdifferenzierung einher. Auch hier ist ein ethischer Preis für Pluralität zu bezahlen, der bereits mit dem Stichwort »Nebenrollen« angedeutet wurde. Wenn der Berufsalltag des Wissenschaftlers empirisch betrachtet wird, wird schnell deutlich, dass dieser von den verschiedenen Nebenrollen des Wissenschaftlers dominiert wird. Wie Gernot Böhme sich diesbezüglich ausdrückt: »Vielmehr ist die relational definierte Wissenschaftler-Rolle in der Regel von untergeordneter Relevanz, so sehr, dass ›Wissenschaft zu treiben‹ für viele Lehrer, Industrie–Wissenschaftler u d. g. wieder in den Status privatgelehrter Tätigkeit zurückfällt.«16 Die gesellschaftliche Integration des Wissenschaftlers besteht hauptsächlich über dessen Nebenrollen als (1) Hochschullehrer, (2) Berater, 15 16 Siehe: G. Böhme: »Wissenschaftssprachen und die Verwissenschaftlichung der Erfahrung«; »Die soziale Bedeutung kognitiver Strukturen. Ein Handlungstheoretisches Konzept der Scientific Community«; und »Die Ausdifferenzierung wissenschaftlicher Diskurse«; alle in: G. Böhme, Am Ende des Baconschen Zeitalters. Studien zur Wissenschaftsentwicklung, Frankfurt/ M. (Suhrkmap) – 1993. Vgl. auch: D. Bischur, K. Krenn: Scientific Communities und Wissenschaftliche Schulen als soziale Träger konkurrierender Theorien und Paradigmen in den Wissenschaften (SFB F012 Forschungsmitteilungen, 13), Salzburg 2000. Gernot Böhme: »Beiläufigkeit – Probleme der Rollentheorie in der Wissenschaftssoziologie«; loc. cit., 384. 20 Fachmann, Sachverständiger, als (3) Innovator, Problemlöser, als (4) Beobachter, Kontrolleur, Planer. 17 In vielen der dieser Studie zugrunde liegenden Interviews werden solche Nebenrollen, mehr oder weniger stark akzentuiert, erwähnt. So werden in den Kultur– und Sozialwissenschaften, wie auch der Theologie vor allem Tätigkeiten im Rahmen der universitären – manchmal auch der außeruniversitären, d.h. Akademien und Erwachsenenbildung (siehe: 040, 12-14) – Lehre und damit zusammenhängend die Betreuung von Studierenden und Organisationsverpflichtungen innerhalb der universitären Strukturen erwähnt. So dreht sich etwa die erste Hälfte des Gespräches im Interview 008 um Themen der universitären Lehre, was sich in Formulierungen wie die folgenden widerspiegelt: »... in den Hörsaal bringen muss.« (008, 16-17); ..., wenn ich aktuelle Themen im Hörsaal behandle ...« (008, 45) oder »Wenn ich in den Hörsaal gehen muss ...« (008, 66-67); oder im Interview (008, 027): »Ich unterrichte meist mehr als üblich.« (2) 18 Weitere Nebenrollen sind Arbeiten im Rahmen einer Beratung oder als Gutachter – »... nachdem ich nebenberuflich sehr viel als Beraterin, Organisationsentwicklerin ... tätig bin, ...« (003, 11-14) – sowie fachliche Beiträge in öffentlichen Medien – eine Fachkolumne in einer Zeitung (017, 12-18), oder Radiosendungen (020, 269-270). In den Rechtswissenschaften sind die meisten Wissenschaftler auch als Verfasser von Rechtsgutachten tätig, während in den theoretischen Naturwissenschaften die fachliche Beratung von Firmen – »so Consulting–Projekte« (024, 198) – oder öffentlichen Stellen im Vordergrund (021) nebenberuflicher Tätigkeiten stehen. Dieser Umstand erzeugt bei den jeweiligen Personen Rollenkonflikte, die insbesondere dann ethische Dimensionen erlangen, wenn Anforderungen einer ihrer Nebenrollen mit den autonomen Normen der Wissenschaft in Konflikt stehen. 1.6. Das transepistemische Feld als Ort ethischer Auseinandersetzungen der Wissenschaftler Karin Knorr Cetina weist darauf hin, dass der Handlungsraum eines Wissenschaftlers sich nicht auf den engeren Raum seiner wissenschaftlichen 17 18 Ibid., 378-379. Vgl. auch: Interview 026, 6-8 und 16-21; 038, 22-26; 028, 2-10; 031, 2-10. 21 Tätigkeit reduzieren lässt. Diese Außenbeziehungen des Wissenschaftlers haben dabei auch Einfluss auf wissenschaftliche Entscheidungen. »Womit wir es zu tun haben, sind Handlungsarnenen, die sowohl transepistemisch als auch transwissenschaftlich sind.« 19 Knorr Cetina versteht hier unter dem ›transepistemischen‹ Feld jene Kriterien und Argumente, die Wissenschaftler für wissenschaftliche Entscheidungen berücksichtigen, welche aber selbst nicht auf die wissenschaftliche Wahrheitssuche bezogen sind. So ist die Entscheidung eine bestimmte Untersuchungsmethode anzuwenden häufig von, zur Verfügung stehenden Ressourcen abhängig. Dieses Kriterium, das hier in die Entscheidungsrationalität des Wissenschaftlers einfließt, widerspricht gegebenen Falls der wissenschaftlichen Norm, die beste Methode zur Wahrheitsfindung zu verwenden. Wie anhand der Interviews deutlich gemacht werden kann, knüpft der Umgang der Wissenschaftler mit ethischen Problemen ihrer Forschungspraxis an den transepistemischen Aspekten wissenschaftlichen Räsonierens an. Dabei bildet die moralische Integrität des Wissenschaftlers einen eigenen Teil dieses transepistemischen Feldes. Unter ›transwissenschaftlichem‹ Feld versteht Knorr Cetina den Einfluss eines Personenkreises für wissenschaftliche und technische Entscheidungen, welche außerhalb des Kreises der Spezialisten bzw. der Wissenschaftler der jeweiligen Disziplin stehen. Gemeint ist zum Beispiel der Einfluss den maßgebliche Stellen über Bewilligungsverfahren für Forschungsprojekte auch auf die inhaltliche Konzeption von wissenschaftlichen Forschungsprojekten haben.20 Der ethische Umgang der Wissenschaftler ist auch eng mit dem transwissenschaftlichen Feld verknüpft. Das zeigt sich etwa in der Notwendigkeit der Konsultation von Ethikkommissionen für die Bewilligung von Forschungsmethoden. Darüber hinaus konfrontieren aber auch Tätigkeiten der Wissenschaftler im transwissenschaftlichen Feld – zum Beispiel als Berater einer Firma oder einer öffentlichen Verwaltung – die Wissenschaftler mit einer eigenen Art ethischer Konflikte. Wie schon oben dargestellt ist der Wissenschaftler in seinem Arbeitsalltag neben seiner Rolle als Forscher mit zahlreichen professionellen Nebenrollen konfrontiert. Er ist häufig zugleich Forscher, Lehrer, Manager, Standesvertreter, Berater, Gutachter, Kommentator und derglei19 20 Karin Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis ... loc. cit., 154. Siehe: ibid., 154-155. 22 chen mehr. Darüber hinaus bleibt er auch als Wissenschaftler immer auch Mensch – »Aber ich bin neben Physiker eben auch Mensch.« (021, 134). Die hier zitierte Aussage eines Physiker ist insofern bemerkenswert, als sie deutlich das Dilemma des Wissenschaftlers im Umgang mit ethischen Konflikten zum Ausdruck bringt. Da der Wissenschaftler qua Wissenschaftler selbstreferentiellen Normen verpflichtet ist – er muss der Wissenschaftlichen Sorgfalt entsprechend, innerhalb der Scientific Community allgemein nachvollziehbare Erkenntnisse über den Gegenstand seiner Forschungen liefern und im Kontext der jeweiligen Wissenschaftssprache argumentativ beweisen. Für den wissenschaftlichen Zusammenhang sind, so die Ideale der Wissenschaft, wie sie in der Wissenschaftstheorie festgelegt wurden, weitere Faktoren – sofern sie nicht selbst Gegenstand der Forschung sind – irrelevant. Der Wissenschaftler ist jedoch immer noch mehr als nur Wissenschaftler und er ist dies – in der Regel – gleichzeitig. Er ist eben auch Mensch, wenn er als Wissenschaftler handelt. Und als Mensch nimmt er dieses Defizit wahr und muss nicht nur erkennen, dass sein wissenschaftliches Handeln sogenannte ›Nebenfolgen‹ hat, sondern vielmehr, dass er auch persönlich für sein Handeln verantwortlich ist. Der Biologe sieht das Versuchstier leiden und sterben. Hierbei handelt es sich um ethische Aspekte des von Karin Knorr Cetina beschriebenen transepistemischen Feldes. Nicht als Wissenschaftler sondern als Mensch wird der Wissenschaftler innerhalb seines wissenschaftlichen Arbeitsalltag mit der thematischen Relevanz außerwissenschaftlicher Kriterien ethischer Dimension für konkrete Handlungsentscheidungen seines wissenschaftlichen Handelns konfrontiert. Und, wie man anhand der Aussagen verschiedener Wissenschaftler auch zeigen kann, erhalten auf diese Weise ethische Fragestellungen innerhalb der wissenschaftlichen Alltagsroutine eine Bedeutung und einen konkreten Ort für das wissenschaftliche Handeln. Diese Form der Integration ethischer Kriterien in die wissenschaftliche Alltagsroutine ist jedoch maßgeblich von der jeweiligen Wissenschaftskultur abhängig. Sowohl die Thematiken als auch der Umgang ethischer Fragen in den Wissenschaften ist abhängig von den, in dem jeweiligen Wissenschaftsgebiet gültigen theoretischen und methodischen Definitionen und Paradigmen. Die Interviews zeigen ganz deutlich, dass die Wissenschaftler trotz ihres Dilemmas, die Normen der Wissenschaft gegen die Menschlichkeit ihres wissenschaftlichen Handelns abwägen zu müssen, keine Sondermoral 23 für sich beanspruchen. 21 Sie argumentieren zwar im Sinne des Baconschen Programms für die Rechtfertigung ihrer Forschungstätigkeit, aber zugleich achten sie auch auf ihre menschliche Sensibilität im Umgang mit ihrem wissenschaftlichen Gegenstand. Diese Entscheidungsprozesse im Umgang mit ethischen Problemen im Wissenschaftsalltag mögen zwar nur einen geringen Teil ihres Arbeitsaufwandes bilden – z.B. reflektiert der Zoologe das Problem Tiere töten zu müssen im Augenblick der Entnahme der Tiere, wenn er sie also töten muss, nicht aber wenn er die Materialproben im Elektronenmikroskop untersucht – nicht desto trotz sind sie bewusste Entscheidungen. 1.7. Die Untersuchung Die Untersuchung wurde im Rahmen eines FWF-Forschungsprojekts durchgeführt. In diesem Projekt wird die Frage nach dem Zusammenhang von »theories« und »commitments« gestellt, also die Frage, inwieweit »Commitments« in die Theorienbildung einfließen. Das Projekt interessiert sich besonders für a) den Spielraum, der bei der Theorienbildung zur Verfügung steht, etwa hinsichtlich der verfolgten Fragestellung, der gewählten Methoden, der benutzten Begriffe, der entwickelten Kategorien und b) für den Zusammenhang zwischen ethischen Verpflichtungen und Theorienbildung. Damit sind Fragen der Begegnung von Wissenschaft und Ethik von Interesse. Diese Begegnung sollte sozusagen in einem Pilotversuch getestet werden, auf dem Weg zu einer dichten Wissenschaftsethik, die zugleich erkenntnistheoretische Einsichten hinsichtlich der Spielräume in der Theorienbildung und wissenschaftlichen Arbeit liefert. Zwischen März und Juni 2003 wurden für die Untersuchung 45 narrative Interviews mit wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller vier Fakultäten der Universität Salzburg durchgeführt, auf Minidisk aufgenommen und (bis auf ein Interview, das aufgrund mangelnder Tonqualität nicht verwendet werden konnte) transkribiert. 22 Vor dem Inter21 22 Siehe: Hans Lenk: »Moralische Herausforderung der Wissenschaft?«; in: Hans Lenk (Hg.): Wissenschaft und Ethik, Stuttgart: Reclam – 1991, 16. Die Transkription der Interviews erfolgte nicht nach den strengen Kriterien der Konversationsanalyse, da wir es in dieser Studie mit einer inhaltsbezogenen Datenanalyse zu tun haben, für die eine vereinfachte Transkriptionsmethode gerechtfertigt erscheint. (Vgl. dazu auch Karin Knorr Cetina: Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Frankfurt/M.: Suhrkamp – 2002, 9.). Die Interviews wurden wörtlich je- 24 view wurden alle Interviewpartner über den Zweck der Untersuchung hingewiesen und um Unterzeichnung einer Bestätigung ihres Einverständnisses für die Verwendung der Interviews im Rahmen unserer wissenschaftlichen Untersuchung unter Wahrung der Anonymität der Beteiligten gebeten (siehe Anhang 1). Das Interesse an der Fragestellung der Untersuchung wie auch die Bereitschaft an der Untersuchung teilzunehmen war erfreulich hoch, auch wenn es an manchen Instituten eher schwierig war jemanden zu erreichen und das eine oder andere Interview an den vollen Terminplänen der betreffenden Personen scheiterte. Insgesamt wurden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von 40 der 52 Institute der Universität Salzburg befragt. Die Institute Philosophie (geisteswissenschaftliche Fakultät) und Philosophie (katholisch-theologische Fakultät) wurden bewusst aus der Befragung herausgenommen, um rein theoretischen Aussagen zur Ethik aus dem Weg zu gehen. Die Verteilung der geführten und ausgewerteten Interviews nach Fakultäten ist wie folgt: Tabelle 1: Verteilung der Interviews nach Fakultäten Fakultät Anzahl der Institute Befragte Personen insgesamt davon befragt Senior Fellowsb Junior Fellowsc gesamt Theologiea Rechtswiss. Geisteswiss. a Naturwiss. 6 14 16 14 4 9 15 12 3 6 8 8 2 4 9 4 5 10 17 12 gesamt 50 40 25 19 44 a) Angaben ohne den Instituten »Philosophie« bzw. »Philosophie (Theologie)«, die nicht in die Befragung einbezogen wurden. b ) Die »Senior Fellows« gliedern sich in O.-Professoren (12) und Professoren des Mittelbaus (11). doch ohne getreue Angabe von Überlappungen oder Pausen niedergeschrieben. Dialektale Ausdrücke wurden gegebenenfalls ins Hochdeutsche übertragen und einzelne Gesprächsteile, die allzu weit von der inhaltlichen Fragestellung der Interviews abwichen, wurden teilweise gekürzt oder weggelassen. Auf die Interviews wird unter Angabe der Interviewnummer und den Zeilen verwiesen. Wegen der Anonymisierung der Interviews können wir die Transkripte selbst nicht veröffentlichen, da aufgrund des Gesamtkontextes eines ganzen Interviews Rückschlüsse auf die Identität der Befragten nicht auszuschließen sind. Als Beispiel für ein Transkript siehe Anhang 3. 25 c) Die »Junior Fellows« gliedern sich in Univ.–Assistenten (17), Vertr.–Assistenten (2) und Forschungsassistenten (2). Die Gespräche wurden anhand eines groben, in drei Bereiche gegliederten Frageleitfadens (siehe Anhang 2) offen geführt. Als Einstiegsfrage wurde nach dem Wissenschaftsalltag und Anknüpfungspunkte zur Wissenschaftsethik gefragt. Neben diesem ersten eher allgemeinen Bereich interessierten uns vor allem konkrete Erfahrungen mit Problemen oder Konflikten innerhalb der wissenschaftlichen Tätigkeiten, die ethische Fragen berühren und Erfahrungen bzw. Meinungen, wie die Befragten persönlich und die Wissenschaftliche Gemeinschaft als solche mit solchen Themen und Problemen umgehen. Die Verläufe der einzelnen Interviews variieren erheblich. Dies zeigt sich nicht nur in der Länge der Interviews – bei einer Durchschnittslänge von ca. 32 Minuten war das kürzeste Interview 11:27 und das längste Interview 1:11:05 lang. Während zum Beispiel im Interview 034 der Befragte sozusagen aus eigenem Antrieb zu erzählen begann, musste man anderen Interviewpartnerinnen mögliche Problem- oder Konfliktfälle erläutern, um das Gespräch aufrecht zu erhalten. Dies war durch drei Merkmale der befragten Personen beeinflusst: die wissenschaftliche Erfahrung der Befragten, das persönliche Interesse an ethischen Fragen und die jeweilige Wissenschaftskultur. Vor allem Assistentinnen und Assistenten, die erst seit kurzem ihre wissenschaftliche Tätigkeit ausüben und häufig in einem begrenzten Spezialgebiet arbeiten, hatten meist noch wenig Erfahrung mit ethischen Problemen ihres Faches und dem Umgang damit (etwa Interview 001, 005, 016, 037). »Also habe ich zumindest noch nicht mitgekriegt. Ich mein, so lange bin ich ja noch nicht da.« (016, 68-69); oder »Aber sonst kann ich leider nicht so viel erzählen. [...] , weil ich, wie gesagt erst kurz da bin.« (037,159-163). Auch die Persönlichkeit der Befragten hatte deutlichen Einfluss auf die Bereitschaft zu erzählen. Hier stachen vor allem besonders engagierte Wissenschaftler hervor (z.B. 023, 032, 034, 030, 026, 040), die sofort zu erzählen anfingen. Der entscheidende Einfluss kommt jedoch von der jeweiligen Wissenschaftskultur selbst. Die Methoden, der Gegenstand und die Organisation des Forschungsprozesses haben wesentlichen Einfluss darauf, mit welchen ethischen Problemen die Wissenschaftler konfrontiert werden und wie sie individuell und kollektiv damit umgehen. Sowohl der Stellenwert als auch der Umgang mit ethischen Problemen im Arbeitalltag von Wis- 26 senschaftlern variiert erheblich. Hierbei kristallisieren sich konkrete Typiken der ethischen Betroffenheit und auch des Umgangs mit ethischen Problemen entlang von unterscheidbaren Wissenschaftskulturen heraus. Das heißt konkret, dass das Verständnis des Empirischen, die Art der Realisierung von Objektbeziehungen und die Konstruktion und Form sozialer Arrangements, die für die jeweilige Produktion von Wissen typisch ist, 23 auch die Sensibilität im Umgang und in der Wahrnehmung ethischer Probleme beeinflusst. Knorr Cetina macht deutlich, dass die Differenzierung der Wissenschaften nicht mehr durch Disziplinen und Fachgebiete hinereichend erfasst werden kann, sondern dass sie vielmehr auf die konkreten technischen, sozialen und symbolischen Elemente der Praxis der Wissensproduktion und -vermittlung bezogen werden muss.24 Auf der empirischen Ebene erhält man ein pluralistisches Feld, in dem verschiedene wissenschaftliche Kulturen voneinander abgegrenzt werden können. 25 Die jeweils spezifisch institutionalisierte Wissensproduktion und – vermittlung einer wissenschaftlichen Expertengruppe bilden eine Ordnung spezifischer Bedeutungsbestände. Diese Bedeutungsbestände konstituieren eine Kultureinheit, welche eine Orientierungsmatrix für die jeweiligen wissenschaftlichen Handlungen darstellen. 26 Der Wissenschaftsalltag steht in einem, für das jeweilige Fachgebiet spezifischen Bedeutungszusammenhang, der maßgeblich die spezifische Wissenschaftskultur bestimmt. Deutlich werden diese differenzierten Bedeutungszusammenhänge in den jeweiligen Wissenschaftssprachen als Ausdruck der Diskursgemeinschaft einer Wissenschaft. Sie bestimmt was innerhalb einer bestimmten Disziplin (oder einen Teilbereich) relevant ist, wie argumentiert wird und mit welchen Methoden welche Aufgaben und Ziele erreicht werden können. Sie Spezifizierung der Kommunikation stellt demnach 23 24 25 26 Siehe: Karin Knorr Cetina: Wissenskulturen. Ein Vergleich naturwissenschaftlicher Wissensformen, Frankfurt/Main: Suhrkamp – 2002, 11. Ibid., 13. Siehe: J. Huber, G. Thun: »Divergente wissenschaftliche uns soziale Milieus«; in: J. Huber, G. Thun (Hg.): Wissenschaftsmilieus. Wissenschaftskontroversein und soziokulturelle Konflikte, Berlin: Edition Sigma – 1993, 7. Siehe: T. Luckmann: »Gesellschaftliche Bedingungen geistiger Orientierung«; in: T. Luckmann (Hg.): Moral im Alltag. Sinnvermittlung und moralische Kommunikation in intermediären Institutionen, Gütersloh: Bertelsmann Stiftung – 1998, 19-21. 27 eine Spezifizierung der Erfahrung und eine Normierung der Arten des Zugangs zum Gegenstand dar.27 Die geführten Interviews wurden in sieben Wissenschaftskulturen eingeordnet: (1) theoretische Naturwissenschaften (5) (2) Biowissenschaften (7) (3) Psychologische Wissenschaften (2) (4) Sozialwissenschaften (7) (5) Rechtswissenschaften (10) (6) Kulturwissenschaften (8) (7) Theologie (5) Generell muss zur Klassifizierung der einzelnen Interviews gesagt werden, dass einige der Fachbereiche sich methodisch und thematisch in Grenzbereichen der verschiedenen Wissenschaftskulturen befinden und von daher schwer einzuordnen waren. Bei zwei Interviews (008 und 015) handelt es sich um philosophische Fächer. Da wir jedoch keine Interviews mit Wissenschaftlern der philosophischen Institute geführt haben, schien es zweckmäßig zu sein, die beiden Interviews im Kontext ihrer fakultären Zuordnung (Theologie, bzw. Rechtswissenschaften) zu belassen. 27 Siehe: G. Böhme: »Wissenschaftssprachen und die Verwissenschaftlichung der Erfahrung«; in: Gernot Böhme, Am Ende des Baconschen Zeitalters …; loc. cit., 92-113. Vgl.: D. Bischur, K. Krenn: loc. cit., 9-12. 28 Abbildung 1: Die Wissenschaftskulturen – Einteilung & Zuordnung Oben stehende Graphik gibt einen Überblick über die Einteilung und Zuordnung der Fachbereiche der Interviews in die 7 Wissenschaftskulturen. Die theoretischen Naturwissenschaften zeichnen sich dadurch aus, einerseits den naturwissenschaftlichen Methoden (Experiment, Labor) verpflichtet zu sein und andererseits eine Hilfestellungsfunktion einzunehmen. Letzteres zeigt sich zum einen in ihrer Rolle als Hilfswissenschaften, zum anderen in der Beratungsfunktion der als Experten fungierenden Wissenschaftlern (z. B. im Falle des Physikers, Computerwissenschaftlers und Geologen). Der Fachbereich Geographie fällt etwas aus der Klassifizierung heraus, konnte am ehesten diesem Bereich zugeordnet werden. Den Biowissenschaften haben wir alle Fachbereiche zugeordnet, die sich mit lebenden Organismen als Gegenstand ihres Faches auseinandersetzen. Das sind die Molekularbiologen (Genetik und Biochemie); die biologischen Fächer, die sich mit Tieren beschäftigen (Zoologie und Schulbiologiezentrum); die biologischen Fächer, welche die pflanzliche Umwelt untersuchen (Pflanzenphysiologie und Botanik), sowie der Sonderbereich der Sportwissenschaften. Dieser wurde aufgrund der naturwissenschaftlichen Ausrichtung den Biowissenschaften zugeordnet. 29 Die psychologischen Fächer (Psychologie und Pädagogik) werden aufgrund ihrer besonderen ethischen Thematiken als eigene Wissenschaftskultur behandelt, da sie weder den Sozialwissenschaften noch den Biowissenschaften eindeutig zugeordnet werden konnten. Die sozialwissenschaftliche Wissenschaftskultur gliedert sich in zwei Bereiche. Einem historischen Bereich (Geschichte, Zeitgeschichte und Alte Geschichte) und einen sozialwissenschaftlichen Bereich (Soziologie, Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft). Die sprach– und kulturwissenschaftlichen Fächer wurden als Kulturwissenschaften zusammengefasst, auch wenn manche Spezialgebiete, insbesondere empirisch ausgerichtete Linguistik (006 & 041) methodisch teilweise sozialwissenschaftlich orientiert sind. Damit haben wir hier drei Gruppen: die empirische Linguistik, die allgemeine Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaften, sowie die Kulturwissenschaften (Musikwissenschaft und Kunstgeschichte). Alle Interviews der rechtswissenschaftlichen Fakultät wurden von uns der rechtswissenschaftliche Wissenschaftskultur eingegliedert. Die verschiedenen Spezialfächer reichen dabei vom Europa–, Handels– und Privatrecht über Sozialrecht bis zum Verfassungs– und Völkerrecht. Im Bereich der Theologie finden sich zum Teil recht heterogene Fachbereiche. So ist das Kirchenrecht (017) als theologisches Fachgebiet methodisch juristisch orientiert, während die Sozialethik (008) philosophische Fragen behandelt. Generell unterscheiden sich die theologischen Fächer nur wenig von den kulturwissenschaftlichen. In einem Interview (003) kommen aufgrund des organisationspsychologischen Arbeitsschwerpunktes Themen zur Sprache, die typisch für die psychologische Wissenschaftskultur sind; diesbezüglich wird dieses Interview als Teil der psychologischen Wissenschaftskultur diskutiert werden. 2. Allgemeine ethische Probleme in den Wissenschaften Die Diskussion wissenschaftsethischer Fragen ist notwendig. Denn in der Wissenschaft stellen sich ethische Probleme. Wir könnten ein Gedankenexperiment anstellen: Wie muss die Welt beschaffen sein, damit sich keine wissenschaftsethischen Fragen stellen? Mir würden drei Szenarien einfallen: erstens eine Welt, in der Wissenschaft als l’art pour l’art betrieben 30 wird (man könnte hier an das Szenario denken, das James Hilton in seinem Roman »Der letzte Horizont« entwickelt oder an Hesses Glasperlenspiel); zweitens eine Welt, in der die Wissenschafterin außerhalb jeder Gemeinschaft, auf die sie Rücksicht nehmen müsste, arbeitet; drittens eine Welt, in der alles nach festen Regeln organisiert ist und der Erkenntnisvorgang dem Kopieren gleicht, wo es also keinen Spielraum in der Art der Erkenntniserzeugung gibt. Alle drei Szenarien lassen sich für die Welt, in der unsere wissenschaftliche Arbeit gemacht wird, nicht nachweisen. Das erste Szenario (l’art pour l’art) ist aufgrund der Kontextualität von wissenschaftlicher Arbeit unplausibel; der Wissenschafter ist, nach einem Wort Max Webers, nicht nur »denkender Forscher«, sondern auch »wollender Mensch«. Wissenschaftliche Handlungszusammenhänge sind mit außerwissenschaftlichen Handlungszusammenhängen verbunden. Dies kann etwa im Rahmen einer kulturalistischen Wissenschaftstheorie deutlich gemacht werden. Das zweite Szenario (kein Gemeinschaftsbezug) geht an der Faktizität von Gemeinschaft vorbei: Die Wissenschafterin arbeitet im Rahmen einer scientific community, der gegenüber sie auch Rechenschaft schuldet, und auch im Bezug auf eine weitere, außerwissenschaftliche Gemeinschaft, die infrastrukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen bereitstellt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Reflexion auf eine »Ethik der Gemeinschaft«, wie sie sich etwa auch in gängigen Ethikkodizes vieler Disziplinen, in denen von der Verantwortung für das »bonum commune« und gegenüber den »peers« die Rede ist. Das dritte Szenario schließlich (kein Erkenntnisspielraum) wird dem Entscheidungsspielraum, den die Wissenschafterin in der Theorienbildung hat, nicht gerecht. Vernunftgebrauch eignet ein irreduzibel kreatives Moment, das auch mit Sensibilität, einem Sinn für Prioritäten und bestimmten Intuitionen zu tun hat. Die Selektion der verwendeten Begriffe und Klassifikationen deutet ebenso auf diesen Spielraum hin wie die Rede von epistemischen Tugenden, Rechten und Pflichten, eine Rede, die nur dann sinnvoll ist, wenn der Erkenntnisvorgang gerade eben nicht einem Kopiervorgang gleicht. Die Reflexion auf wissenschaftsethische Fragestellungen ist daher kein Luxus. Dabei können wir zwischen allgemeinen ethischen Problemen in der Wissenschaft und speziellen Problemen unterscheiden. Allgemeine ethische Probleme einer Wissenschaft betreffen die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Werten mit den hier etwa gängigen Unterscheidungen zwischen internen und externen Werten, die Frage nach dem Ver- 31 hältnis von Wissenschaft und Gesellschaft und die Frage nach dem Ethos des Wissenschafters und der Wissenschafterin. Israels »National Council for Research and Development« hat beispielsweise im Januar 1998 sechs Grundwerte bzw. Prinzipien (»values and principles«) in seinem »Statement and Code of Ethics: The Ethics of Scientific Research« angeführt: Wahrheit, Freiheit, Verantwortung, Integrität, Zusammenarbeit und Professionalismus. Dies sind allgemeine Werte, die für wissenschaftliches Tätigsein im Allgemeinen gelten. Daneben können für spezielle Wissenschaften spezielle ethische Überlegungen angestellt werden. Und darüber hinaus gibt es eine allgemein-menschliche Dimension einer allgemeinen Ethik des Gemeinwohls, die u.a. auch für die Wissenschaft relevant ist. So haben wir eine Dreidimensionalität von Ethik in der Wissenschaft, die man – wenn man den speziellen Kontext einer individuellen Forscherin berücksichtigt – auf eine Vierdimensionalität ausbauen kann: (i) Die Dimension der allgemeinen menschlichen Werte, die u.a. auch für die Wissenschaft gelten; (ii) die ethischen Aspekte von Wissenschaft im Allgemeinen; (iii) ethische Aspekte, die sich aus der Spezifität einer Wissenschaftsdisziplin ergeben; (iv) ethische Aspekte im Leben einer Wissenschafterin, die in einem je besonderen Kontext ein je individuelles Leben führt und ethische Entscheidungen nicht an abstrakte Regeln delegieren kann. Auf diesem Hintergrund kann für eine vierdimensionale Wissenschaftsethik plädiert werden. Diese Vierdimensionalität kommt in den Interviews deutlich heraus. 2.1. Das Wissenschaftsethos Wissenschaft kann mit guten Gründen als eine Lebensform verstanden werden. Als solche greift sie auf Strukturen und gewohnheitsbildende und damit handlungsstiftende Einstellungen zurück (Begriff des »Habitus«), die zu dem führen, was man »behavioral patterns« und »value attitudes« von Wissenschafter/innen nennen könnte. Beides kann unter dem Begriff des »Ethos« der Wissenschafterin und des Wissenschafters zusammengefasst werden. Überlegungen über das Ethos von Wissenschafter/innen sind notwendig, muss doch das Verhalten verschiedenen »players« miteinander koordiniert werden. Ethik ist ein Instrument zur erforderten Verhaltensabstimmung. In diesem Sinne sind Überlegungen über die Höflichkeit durchaus relevant für den Aufbau der Wissenschaftskultur. Es verwundert 32 von da her auch nicht, dass John Henry Newman in seinen Vorträgen über »The idea of a university« auf den Bildungsauftrag der Universitäten verwiesen hat, der u.a. darin besteht, dass eine Universität »gentlemen« herausbilde, Menschen mit Takt, die wissen, wann sie zu reden und wann sie zu schweigen haben. »Die Bildung, die Zucht, durch die man sie gewinnt, und der Geschmack, der sie formt, neigen von Natur dazu, den Geist zu verfeinern und ihm eine ganz natürliche, wirkliche Abneigung, ja mehr als das, einen Abscheu und Ekel einzuflößen gegen die Ausschreitungen und Ungeheuerlichkeiten des Bösen.« 28 Im Lichte dieser postulierten ethischen Aufgaben der Universität im Sinne einer moralischen Arbeitsteilung zwischen Individuum und Institution plädiert Newman denn auch sowohl für die Gemeinschaft zwischen Studierenden und Lehrenden als auch für die Aufgabe der Lehrenden, Rollenmodell zu sein. Selbst wenn man nun nicht Anhänger einer kulturalistischen Wissenschaftstheorie ist und Wissenschaft als Lebensform versteht, wie das etwa Jürgen Mittelstrass tut 29, wird man doch nicht abstreiten können, dass Wissenschaft mit Handlungen und Handlungen mit Verhaltenskoordination und Verhaltenskoordination mit Regeln und Regeln mit Handlungsgewohnheiten – und damit: Ethos! – zu tun haben. Aspekte dieses Wissenschaftsethos wurden in den Interviews zur Sprache gebracht. Generell wird in allen Wissenschaftskulturen auf die Einhaltung einer gewissen wissenschaftlichen Sorgfalt geachtet und vereinzelt vorkommende Verstöße dagegen als unethisch kritisiert. Im wesentlichen werden diesbezüglich in den Interviews drei Bereiche erwähnt, wo es zu Verstößen gegen die wissenschaftliche Sorgfalt kommt, bzw. wo es in manchen Fällen schwer ist der entsprechenden Sorgfalt in allen Fällen gerecht zu werden: (1) die Überprüfung der Seriosität von Daten und Quellen; (2) seriöser Umgang mit den erhobenen Daten auch dann, wenn einzelne erhobene Daten den theoretischen Annahmen und Hypothesen der eigenen Forschung widersprechen; und (3) die sorgfältige Angabe verwendeter Quellen, d.h. korrektes Zitieren. Neben diesen Verstößen gegen die wissenschaftliche Sorgfalt und den allgemeinen Normen der Wissenschaft kommt es zu Verletzungen der wissenschaftlichen Normen auch aufgrund von Konflikten zwischen ein28 29 J.H. Newman, Vom Wesen der Universität. Werke V. Mainz 1960, 187. In diesem Zusammenhang sei auf den Beitrag von Robert Deinhammer im Working Paper Nummer 3 in dieser Reihe verwiesen. 33 zelnen Wissenschaftlern bzw. Wissenschaftlerteams. Hintergrund dieser Konflikte bildet der Konkurrenzdruck, dem die einzelnen Wissenschaftler ausgesetzt sind, wobei es zu Verletzungen wissenschaftlicher Normen kommen kann. Es werden vor allem drei Formen solcher Konflikte in den Interviews angesprochen: Die zunehmende Arbeitsteilung in den Wissenschaften und die damit verbundene Teamarbeit in wissenschaftlichen Forschungsprojekten führt in fast allen Wissenschaften zu Konflikten bezüglich der (4) Autorenschaft, bzw. der Reihung der Autoren in der Publikation der wissenschaftlichen Ergebnisse. Spannungen zwischen Wissenschaftlern können über persönliche Konflikte hinaus auch zu (5) Marginalisierung, Stigmatisierung bis hin zur Isolation einzelner Wissenschaftler, bzw. wissenschaftlicher Randthemen führen. Eine dritte Form der Austragung von Konflikten, welche aufgrund des Konkurrenzdruckes innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft entstehen, sind (6) gegenseitige Behinderungen in der Benützung gemeinsamer Infrastruktur. 2.1.1. Die Seriosität von Quellenmaterial Vor allem in kulturwissenschaftlichen Wissenschaften kann es zu Problemen in der Beurteilung der Seriosität von Quellenmaterial kommen. Solche Probleme tauchen verstärkt in Bereichen auf, wo man auf Datenmaterial aus dem Internet angewiesen ist, weil man auf die aktuellen Entwicklungen Rücksicht nehmen muss (008, 25-42). Direkt mit Fälschungen sind mitunter Kulturwissenschaftler konfrontiert, wenn von außen Material herangetragen wird. Aus dem Bereich der Musikwissenschaften wurde mir in einem Interview ein solcher Fall berichtet. »Es hat da vor ein paar Jahren einmal den Fall gegeben, dass HaydnSonaten – angebliche Sonaten von Haydn – entdeckt worden sind, wo es ähnlich war, dass der Besitzer die Quelle, die Hauptquelle nicht rausrücken wollte, sondern nur Fotokopien ... Und es stellte sich heraus, dass das eine Fälschung war. Und leider sind einige doch sehr bedeutende Wissenschaftler darauf reingefallen. Es wurde dann publiziert in den Zeitungen. Sie standen dann ziemlich dumm da damit.« (014, 175-181). Es ging darum, man wusste, dass es diese Sonaten gibt, weil sie von Haydn in ein Werkverzeichnis eingetragen wurden. »... und natürlich hat der Fälscher dieses Werkverzeichnis genommen, diese Werkanfänge abgeschrieben und dann weiter komponiert und in einem Stil, wo man – ein Stil, der ganz 34 deutlich die These von einem Wissenschaftler belegen konnte. Offenbar kannte er diese These. Und dann hat er das diesem Wissenschaftler sehr geschickt untergejubelt, indem er das zugeschickt hat und gesagt: ›Er wüsste nicht, was das wäre und er sollte das mal identifizieren.‹ Und dann hat der Wissenschaftler den Rest der Arbeit für diesen Fälscher sozusagen selbst gemacht, nicht.« (014, 189-196). Der war glücklich, den Beweis für seine Theorie gefunden zu haben und war daraufhin zu unkritisch, die Fälschung zu erkennen. Die Scientific Communty reagierte auf diesen Fall eher mit Amüsement als Empörung und die Auseinandersetzungen über die wissenschaftliche Sorgfalt in der Überprüfung des Materials ist »eine normale wissenschaftliche Auseinandersetzung« und »noch kein ethisches Problem« (014, 237-239). 2.1.2. Mangelnder Umgang mit ›störenden‹ Daten in der Interpretation Problematischer wird es in Fällen, wo die mangelnde Sorgfalt der Wissenschaftler die Interpretation der Daten betrifft; wenn es um die Entscheidung geht, wie man mit Daten umgeht, die der gewünschten Interpretation entgegenstehen, oder deren Aussagekraft nicht eindeutig ist. Lässt man sie ganz weg, oder werden sie in die Darstellung der Ergebnisse mit eingebracht? Vor allem in empirischen Bereichen, in denen es verschiedene sich widersprechende Theorien gibt, wie im Fall der empirischen Linguistik: »die Testergebnisse entsprechen nicht den, durch die Hypothese vorausgesagten Ergebnissen und kommen dann zu dem Schluss: Die Hypothese ist aber trotzdem richtig. Es muss irgend etwas in der Methodik falsch gewesen sein.« (006, 82-85). Wobei hier auch ein gewisser Druck von der Scientific Community gesetzt ist, die theoriegeleitete Forschungen verlangt und somit die Wissenschaftler oft schon zwingt von vornherein eine Position einzunehmen. Wenn sich diese Position jedoch durch die dann erhobenen Daten nicht eindeutig belegen lässt, der Wissenschaftler aber zwei, drei Jahre Forschung investiert hat, wird derjenige schon aus pragmatischen Gründen einen ›kreativen Umgang mit den Daten‹ einschlagen (006, 101-113).30 Es sind im speziellen alle empirischen Wissenschaften (sowohl in den Natur- als auch den Sozialwissenschaften) die mit solchen Problemen im 30 Vgl. auch die Interviews: 009, 022, 026 und 031. 35 Umgang mit dem erhobenen Datenmaterial haben. So erklärte ein Naturwissenschaftler: »Wenn sie [die Daten] einer These widersprechen, dass man sie weglässt. Das ist sicherlich ein Thema bei allen analytischen Bereichen, weil man sich nicht sicher ist, ist jetzt etwas in der Analytik passiert – Fehler, die man gemacht hat – oder man muss Ursachenforschung betreiben, oder widerspricht es jetzt wirklich einer These.« (024, 117-121). Aber einmal publiziert, ist so was kaum mehr nachprüfbar. »Das kriegt man außerhalb des Labors nicht mit. Und ja – in keinem Labor. Ich glaube, das gilt ganz generell für alle Bereiche, die analytisch arbeiten. ..., da kann man zwar gute Laborbücher alles nachvollziehbar für Außenstehende führen, aber ich habe noch keinen wirklichen Fall erlebt, wo sich einer die Mühe gemacht hat, das komplett nachzuvollziehen. (024, 145150). So verweist Knorr Cetina, dass Laborprotokolle nicht mehr als formelhafte Ereignis– und Ergebnisfesthaltungen sind, aus denen ohne Kenntnis der tatsächlichen Interaktionen die tatsächlichen Ereignisse im Labor nicht rekonstruiert werden können. Dazu benötigt man das entsprechende Verfahrenswissenskapitals der beteiligten Wissenschaftler.31 2.1.3. Verstöße gegen die Angabe verwendeter Quellen und Plagiate in den Wissenschaften Am deutlichsten wurde das Thema wissenschaftliche Sorgfalt jedoch in Bezug auf die Verpflichtung zur Angabe der verwendeten Quellen – also dem Zitieren – angesprochen, bzw. deren Verletzung durch ungenaues Zitieren bis hin zu Plagiaten. Gerade in den Kulturwissenschaften ist es oft problematisch zu entscheiden, welche Angaben vorausgesetzt werden können und welche nicht. »Welchen Lexikonartikel kann ich jetzt streichen und welchen kann ich nicht streichen? Dann erklärt mir der Professor XY, ›Den können Sie streichen, weil der ist eh selbstverständlich‹ und der Professor Z sagt, ›Den doch nicht, der ist nicht selbstverständlich, das ist der Herr Soundso aus Deutschland und den kenne ich, den muss man zitieren‹.« (038, 115-119). Auf der anderen Seite kann das Zitieren dann recht weitmaschig werden (013, 225). Eine andere unfaire Methode unkorrekter Quellenabgabe besteht darin, »dass der andere dann die ganze Sekundärliteratur zu einem Problembereich schon aufbereitet findet und 31 Siehe: K. Knorr Cetina: »Das naturwissenschaftliche Labor als Ort der ›Verdichtung‹ von Gesellschaft«; in: Soziale Welt, 17 (1988) 2, 99. 36 in seinem eigenen Beitrag quasi nur diese Literatur zitiert, die er zwar durch mich bekommen hat, aber kann mich vollkommen marginalisieren dabei. ... und kann dann wieder 30 Autoren, die ich in einen Zusammenhang gebracht habe, wieder direkt zitieren, ohne zu sagen oder darauf hinzuweisen, dass da eigentlich der größte Teil der vorarbeiten eigentlich schon von jemanden anderen gemacht worden ist.« (041, 589-597). Obwohl hier die wissenschaftliche Sorgfalt und Fairness deutlich verletzt wird, sieht in solchen Fällen die Scientific Community keine Sanktionsmöglichkeiten vor. »Also das sind so Sachen, wo man sich ärgert und mit dem Kollegen innerlich bricht oder sehr böse ist, aber was man nicht einklagen kann.« (041, 587-599). Aber selbst bei echten Plagiatsfällen kommt es innerhalb der Scientific Community nur selten zur Anwendung von Sanktionen. »Oder dass man – das was ich fast noch eine ärgere Sauerei finde – ist, wenn Professoren, so ist es ja meistens, Arbeiten von Assistenten und Studierenden anfertigen lassen und unter ihrem Namen erscheinen lassen. Das halte ich für eine Schweinerei, ...« (039, 214-217) Auf meine Frage, wie die Scientific Community darauf reagiert, kam dann die Antwort: »Das wird nicht öffentlich gemacht. Es wird – ... – totgeschwiegen.« (039, 223-224). »Freilich könnte ich mich jetzt hinstellen und in einem Zeitungsinterview oder so irgendetwas sagen, diese Sauerei anprangern. Nur gefährde ich meine Karriere – was habe ich davon. ... Aber ich habe nicht vor, mich als Michael Kohlhaas zu stellen.« (039, 228-233). Deutlicher wird dieser ›pragmatische‹ Umgang mit Plagiaten, wenn sie von etablierten Wissenschaftlern begangen werden, in einem anderen Beispiel aus unseren Interviews. »Wir hatten in Berlin mal einen Fall, dass wir eine Konferenz organisiert haben und dort ein Professor einen Vortrag gehalten hat, den wir hinterher publizieren wollten und dann kam raus, der Vortrag war nicht von ihm, sondern war eine Hauptseminararbeit, die jemand bei ihm geschrieben hatte. ... Wir konnten das natürlich nicht veröffentlichen. Die Folge davon war, dass für diesen ganzen Kongress keine Veröffentlichung rauskam, weil das den Leuten zu peinlich war, darüber zu reden. Und man hätte begründen müssen, warum ausgerecht der Vo rtrag, der relativ gut war, dann weggelassen [werden] sollte.« (014, 246-257). Sie konnten es auch nicht unter dem Namen des Studenten publizieren, weil »dann hätten es die Leute gemerkt. [...] Ja dann hätte man es gemerkt und es ist eben – der Professor ist eine Koryphäe und ein Institutsvor- 37 stand und alles. Und dem wollte man das offenbar nicht antun, das jetzt so öffentlich zu machen.« (014, 260-264). Der Hierarchieunterschied zwischen dem Professor und Institutsvorstand, der einfach die Arbeit eines Studenten als seine Arbeit vorstellte und den Studenten, welche die Konferenz veranstalteten, erlaubte es ihnen nicht, gegen diese offensichtliche Verletzung des wissenschaftlichen Ethos vorzugehen – sie konnten es dem Professor nicht antun. 2.1.4. Autorenschaft Die Problematik der Autorenschaft bei Publikation von wissenschaftlichen Ergebnissen, die von Teams gemeinsam erarbeitet wurden. Dazu ist generell zu sagen, dass die meisten Befragten darauf hinweisen, dass es hier zwar potentiell zu Konflikten kommen kann, jedoch die Praxis dahin geht, es durch Kommunikation schon am Beginn des Projektes abzuklären, wodurch die meisten Spannungen verhindert werden können. Die Problematik stellt sich recht unterschiedlich in den verschiedenen Wissenschaftskulturen. Am dringendsten ist sie in den Biowissenschaften, in denen aufgrund der hohen Spezialisierung der analytischen Forschungsverfahren Forschungsprojekte in Teamarbeit durchgeführt werden, wobei der Arbeitsanteil, den einzelne Wissenschaftler im Team für eine Publikation erbringen, nicht immer leicht gewichtet werden kann. »Ja wirklich, es ist immer Teamwork. Also keiner von der gesamten Gruppe kann die gesamten Methoden beherrschen. Sondern jeder spezialisiert sich auf bestimmte Methoden, ... Das führt eben dann dazu, dass alle, fast alle Arbeiten als Gruppenarbeiten veröffentlicht werden. Da tauch ein Problem immer auf, das vielleicht in ethische Fragen immer hineingeht – also Autorenreihenfolge.« (024, 21-27). Eine andere Interviewpartnerin schildert etwas detaillierter die Schwierigkeiten in der Beurteilung des Arbeitsanteils der beteiligten Wissenschaftlerinnen: »Aber wie gesagt, das hängt wirklich vom Beitrag ab, wenn ich feststelle so für mich oder im Gespräch mit dem Kollegen, dass der oder diejenige mehr als die Hälfte beigetragen hat zu dem publizierten Werk, dann hat der oder diejenige die erste Autorenschaft. Aber es ist immer ein bisserl eine ungute Sache. Auf der einen Seite braucht es die Kompetenz und Erfahrung des Wissenschaftlers, um in eine anerkannte Zeitschrift zu kommen. ... – man muss einfach schon eingreifen und durcharbeiten und deshalb ist es schon gerechtfertigt, dass 38 man bei solchen Arbeiten die Erstautorenschaft beansprucht. Aber es ist bei mir da immer eine Frage des Beitrages, den ich geleistet habe.« (045, 548-563). Die Gewichtungsproblematik stellt sich ganz besonders bei Publikationen von Diplomarbeiten, die einerseits die ersten Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern darstellen, andererseits jedoch unter Umständen stark von den Betreuern beeinflusst sind; »Wir hatten auch vor kurzem ... eine relativ breite Diskussion, wo einzelne Mitglieder [des Gremiums des Studiendekans] gefordert haben, ja wenn etwas aus einer Diplomarbeit publiziert wird, Teilergebnisse, dann sollte auf jeden Fall der Professor auch Erstautor sein, oder der Betreuer auch Erstautor sein können.« (013, 76-80). Aber auch in den Kulturwissenschaften kommt es – zumindest in Einzelfällen – zu ähnlichen Konflikten. So berichtete mir eine Professorin, die bei einer Arbeit bei der zwei Mitarbeiterinnen viel beigetragen haben, beide als Koautorinnen aufführen wollte: »... da habe ich zwei Damen, die mit mir mitgearbeitet haben und zwar anteilig etwas weniger als ich, aber ich wolle sie dann beide reinnehmen, das war dann zu ein einem Zeitpunkt, wo mir das egal war,, und dann hat die zweite gesagt, wenn wir zu dritt sind, dann wird sicher meist nur noch › **** und andere‹ zitiert, obwohl es ja eigentlich erst ab vier anfängt. Und hat mich indirekt genötigt die Dritte, die ganz wenig gemacht hat, aus – nicht auf derselben Stufe zu haben. Und die hat das sehr geärgert, weil die war länger am Projekt dabei, hat zwar nachweislich weniger gemacht, aber das hat über Jahre Ärger gegeben, bis heut eigentlich fühlt sie sich dadurch sehr zurück gesetzt.« (041, 524-533). Aus diesen Erfahrungen heraus ist es für sie bei jeder Publikation erneut eine Frage die sich stellt; »weil die Anteile der Arbeit oder so sind ja nie ganz gleich.« (041, 549-550). Für den Umgang mit der Problematik der Autorenreihenfolge bei Publikationen mit mehreren Autorinnen und Autoren wird von den meisten betroffenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf die Kommunikation innerhalb des Teams verwiesen. Eine Assistentin einer Kulturwissenschaft erklärte ihre Vorsicht bezüglich Weitergabe von Ergebnissen und Daten mit ihren Erfahrungen als Forschungsassistentin in einem Projekt: »Ahem – also die dezidierte Bitte von unserem Projektleiter, wir mögen ihm eben unsere Unterlagen geben, stichwortartig, er wird dann schon einen Artikel daraus machen. Und wir haben das einfach hinausgezögert, haben miteinander geredet und haben uns geweigert. Und 39 haben im Endeffekt fertige Teile mit unseren Namen darauf gegeben und haben ihm das auch dazu gesagt. Und das war dann auch kein Problem, also es hat dann keinen Streit gegeben, keinen Skandal oder sonst was.« (038, 76-82). Vor allem die interviewten Biowissenschafter verweisen darauf, dass es zwar »Reibereien« gibt, aber »Das macht man sich dann untereinander aus. Machen wir einmal das, und das. Das eine mal steht der vorn ... das ist ja kein Problem.« (025, 211-212). »Zu Beginn eines Projektes muss auch klar sein, wer publiziert und wer ist auf der Autorenliste und dann gibt es die Probleme eher nicht.« (044, 134-136). Die Tendenz geht in den letzten Jahren in Richtung Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, wobei etablierte Wissenschaftler nicht mehr so vehement auf ihre Erstautorenschaften bestehen und die Chancen für die Jungen in den Vordergrund stellen; »... und die Nachwuchswissenschaftler sollten auf ihre Rechnung kommen.« (024, 50-51). »Ich habe mich persönlich sehr stark auf den Standpunkt gestellt, dass es sich in den Fällen meistens um den ersten – um die erste Publikation des sozusagen Jungwissenschaftlers handelt. Und dass man mit einem pragmatisierten Job eigentlich – aus Sicht der betreuenden – durchaus die Erstautorenschaft doch freundlich weitergeben sollte in solchen Fällen.« (013, 81-85). Dies deckt sich im wesentlich mit dem, von der Max-Planck-Gesellschaft vorgeschlagenen Umgang für dieses Problem,32 wobei es zum einen darum geht, »sicherzustellen, dass für eine wissenschaftliche Publikation nur Personen als Autoren genannt werden können, die auch für den Inhalt und das Konzept verantwortlich sind«33; des weiteren sollte der Hauptautor stets als Erstautor genannt sein. 34 Zum Andern halten sie aber auch fest, dass Nachwuchswissenschaftlerinnen frühzeitig in den Prozess der Herstellung von Veröffentlichungen eingebunden werden sollten. 35 32 33 34 35 Max-Planck-Gesellschaft: Verantwortliches Handeln in der Wissenschaft. Analysen und Empfehlungen (Max Planck Forum, 3), München – 2002 [auch: http://www.mpforum.de], 49-63. Ibid., 51. Ibid., 54. Ibid., 55. 40 2.1.5. Marginalisierung, Stigmatisierung und Isolierung einzelner Wissen schaftler Vereinzelt kommt es in verschiedenen Wissenschaften zur Marginalisierung und Stigmatisierung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich thematisch oder auch aufgrund außerwissenschaftlichen Engagements gegen den Mainstream der jeweiligen Disziplin stellen. Dies hängt eng mit den wissenschaftsinternen Kontrollmechanismen zusammen. Edith Efron beschrieb diese Sanktionsmechanismen in der Wissenschaftsgemeinschaft im Zusammenhang der Krebsforschung. In ihrem Buch »Die Apokalyptiker. Krebs und die große Lüge« beschrieb sie, wie ein Paradigma der Krebsforschung – dass Krebs vor allem von Umwelteinflüssen hervorgerufen wird – trotz zum Teil dem Paradigma widersprechenden Ergebnissen der Forschung, öffentlich aufrechterhalten bleibt. Ihre Frage, warum die Wissenschaftler nicht gegen die Ideologie auftreten würden, wurde ihr schließlich mit Hinweise auf Kuhns Paradigmenbegriff36 erklärt: »Es ist einem Wissenschaftler freigestellt, innerhalb der einmal abgesteckten Grenzen des jeweils herrschenden Paradigmas so viel Kritik zu üben, wie es ihm beliebt, und gelegentlich sogar einmal auf kleine Schwachstellen des Modells selbst hinzuweisen, aber er ist schlecht beraten, wenn er das Modell selbst in Frage stellt.« 37 Die Sanktionen der Wissenschaftsgemeinschaft bestehen aus Ausschluss aus der Wissenschaftlergemeinschaft, Prestigeverlust bei Kollegen, zunehmende Kritik an den Ergebnissen seiner Arbeiten und Widerstand gegen Veröffentlichungen seiner Arbeiten; Einladungen zu Symposien, Gastvorträgen und Gastprofessuren bleiben aus; sowie Schwierigkeiten in der Allokation von Geldmittel für eigene Forschungsprojekte; kurz: Wissenschaftler, die sich dem Mainstream einer Disziplin entgegenstellen werden marginalisiert und isoliert. 38 Auch bei den von uns befragten Wissenschaftler wurde von solchen Grenzen der Kritikfähigkeit der Wissenschaftsgemeinschaft berichtet: »Und wenn man so was macht [Infragestellung der Sinnhaftigkeit und 36 37 38 Siehe: T. S. Kuhn: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Frankfurt/M.: Suhrkamp – 1979. E. Efron: Die Apokalyptiker. Krebs und die große Lüge, München: Goldmann – 1986, 25. Siehe: Ibid., 25-26. Allgemein zu den sozialen Techniken der ›Stigmatisierung‹ siehe: E. Goffman: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt/M.: Suhrkamp – 111994. 41 Konsequenzen von Methoden in der Wissenschaft], dann erntet man eigentlich durchaus Kopfschütteln. ›Das ist doch ein Zerstörer des Faches‹.« (013, 316-317); oder » ... – ist ein sehr starkes Randgebiet. ... Also da muss man sehr aufpassen sozusagen, dass man also hier nicht irgendwie stigmatisiert wird.« (035, 44-45). Neben Kritik am etablierten Paradigma bzw. Arbeit an Randgebieten abseits des Mainstreams kommt es mitunter auch beim politischen Engagement außerhalb des eigentlichen Wissenschaftsdiskurses zu Konflikten mit der Wissenschaftsgemeinschaft, wenn etwa eine öffentliche Unterstützung einer Anti–Irak–Kriegs–Initiative dazu führt, auf der Universität zur Rechenschaft gezogen zu werden: » ›Warum erstens einmal im Namen einer solchen Institution ich bereit bin, so etwas sinnloses zu tun, wie meinen Namen da drauf setzen zu lassen‹.« (015, 114-115). Während die oben genannten Beispiele zwar Kritik an der Haltung des Wissenschaftlers zum Ausdruck bringt, die Ansätze einer Marginalisierung bieten, wurde mir in einem Fall von einer weitgehenden Marginalisierung und Isolierung des betreffenden Wissenschaftlers berichtet. Dessen Habilitation ist in der nationalen Wissenschaftlergemeinschaft seines Faches auf Granit gestoßen, wie er sich ausdrückte. »Sie wird vollkommen außen vor gehalten, weil ich – weil mir damals vorgeworfen worden ist, dass ich eben so an dem traditionellen **** vorbei geschrieben habe, dass es sich nicht gelohnt hat, auf seriöse Weise mit der Arbeit auseinander zusetzen. Und entsprechend sind auch einige – Gott sei Dank hat es auch andere gegeben – einige Buchbesprechungen auch so ausgefallen. Und auch das Verfahren der Rekrutierung der Druckkostenzuschüsse war daher massiv belastet.« (030, 165-171). »Vor allem das Geld zu stoppen. Also es ist dann aufgetaucht, wer die Gutachter waren, bei den verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen, die Fördertöpfe verwalten und die kennt man ja persönlich. Da hat man sich auch schnell zusammenreimen können, warum ein Gutachten in einer bestimmten Weise ausgefallen ist. Und das ist – das Ganze – muss ich schon sagen – der Tribut, den ich für diese Art Freigeisttum, das ich mir bewahrt habe und das ist der größte Erfolg, den ich in der wissenschaftlichen Karriere zu verbuchen – wahrscheinlich auch der einzige – dass diese freie – dass der Tribut für diesen Freigeisttum eben die Isolation bedeutete.« (030, 174-183). 42 2.1.6. Konkurrenz und gegenseitige Behinderung Wissenschaft schafft Kultur (»Wissenschaftskultur«) und erzeugt eine Form von Gemeinschaftlichkeit (»scientific community«). Kultur entsteht durch die gemeinsame Arbeit an geteilten Gütern. Mitgliedschaft in einer Kultur ist selbst ein geteiltes Gut, an dem gemeinsam gearbeitet wird, da die Identität des einzelnen und die Identität einer Kultur und Gemeinschaft wechselseitig verschränkt sind. Gemeinschaft wird aufgebaut durch die Arbeit an gemeinsamer Kultur. Kultur lässt sich »als der Bereich all dessen verstehen, was dadurch mehr wird, daß wir es teilen. Die äußeren Güter des Lebens sind von der Art, daß sie vereinzeln.« 39 Kultur »gehört allen«, wird durch das Teilen mehr, entsteht erst durch das Teilen. Das gilt auch für die epistemischen Güter, die in der Wissenschaft geteilt werden. Wir könnten zwischen kooperativen und kompetitiven Gütern unterscheiden. Kooperative Güter sind solche, die durch Zusammenarbeit nicht nur entstehen, sondern auch durch Teilen mehr werden. Eine Wissenschafterin, die ein Werk verfasst, schafft ein Gut, das mehr wird dadurch, dass es geteilt wird. Dieses Werk verdankt sich der Gemeinschaft, die Strukturen und Vorarbeiten geliefert hat und stiftet Gemeinschaft dadurch, dass es eine Diskursgemeinschaft ermöglicht. Ein Werk schafft eine »Mitte«, um die sich Gemeinschaft formen kann. Es sind kooperative Güter, die Gemeinschaft aufbauen. Es ist durchaus nicht neu, dass – wohl auch aufgrund der ausgeprägten Hierarchien, Gratifikationsstrukturen und Leistungsnachweiserfordernissen – die scientific community in vielen Bereichen wie eine kompetitive Gemeinschaft funktioniert. So kommt es auch zu gegenseitigen Behinderungen in der Benützung gemeinsamer Infrastruktur; d. h. es gibt Fälle, in denen konkurrierende Teams sich in der Nutzung eines Labors oder Gerätes gegenseitig durch Sabotage oder Zugangsbeschränkungen behindern. »... – was ein bisserl überhand nimmt, hört man sehr viel an deutschen größeren Instituten, ..., dass die Rivalität um die Jobs derart intensiv ist, dass man sich nicht mehr ganz sicher sein kann, vor kleinen Sabotageakten. Auch solche Dinge passieren.« (032, 852-855) Ein anderer Interviewpartner erklärt: »Also zum Beispiel, wenn Großgeräte benutzt werden von mehreren Institutionen, also gleichzeitig, parallel, da kann man natürlich andere in einer bestimm39 H.G. Gadamer, Lob der Theorie. Frankfurt/Main 1983, 15. 43 ten Weise behindern, wenn das Gerät nicht richtig funktioniert. Oder da werden Messzeiten eingeteilt, z.B. wer benutzt von bis und dann kommt die nächste Gruppe dran. Und dann hat es insgesamt – kenne ich schon Fälle von Institutionen außerhalb von uns, wo halt immer wieder das Gerücht geht, dass ja, dass sich die Leute dann gegenseitig paralysieren. Das heißt dass sie – das Gerät funktioniert nicht, wenn der andere misst, oder bestimmte Dinge fehlen auf einmal. Und da ist sozusagen die grundlegende technische Kenntnis halt notwendig, dass man das alles beherrscht, das man das lösen kann und kann es – da gibt es sicherlich Probleme, die dann eher – die dann Vorgesetzte abstellen müssen.« (024, 487-499). Karin Knorr-Cetina beschreibt in ihrer Untersuchung über die naturwissenschaftliche Forschung in Labors über die Macht, die Gruppenleitern von Großlabors zukommt, wenn es darum geht, den an und für sich vertraglich gesicherten Zugang zum Labor auch für andere Forschungsteams zu regeln. »In der Praxis funktionierte die Organisationsregel nicht. ... Neben seiner offiziellen Zuständigkeit schien er aber auch persönlich daran interessiert, die Nutzung des Labors effektiv zu kontrollieren. Unter den Wissenschaftlern ging die Rede, er mache es jedem außerhalb seiner Gruppe extrem schwer, die Einrichtung zu benutzen.« 40 Nach den Aussagen der Interviewten scheinen diese Konflikte jedoch zahlenmäßig eher Einzelfälle zu sein, die gegebenenfalls in der Auseinandersetzung hochgepuscht werden. »Auch solche Dinge passieren. Aber das sind wirklich Marginalien. Die werden hochgespielt dann.« (032, 855-856). 2.2. Ethik in der wissenschaftlichen Lehre Zeitlos sind Augustinus’ Gedanken »De Magistro«. Was macht einen guten Lehrer aus? Ein guter Lehrer muss über die entsprechenden Kommunikationsfähigkeiten verfügen (aus diesem Grund ist es auch unschwer erklärbar, warum »De Magistro« als die erste systematische Semiotik der Antike angesehen werden kann). Wissenschaftliche Lehre macht im Universitätssystem einen wesentlichen Teil des wissenschaftlichen Alltags, um den es ja in dieser Studie geht, aus. Lehren ist mit Handlungen verbunden, die geplant und entwickelt, über die beraten und geurteilt werden kann. Daraus ergibt sich die ethische Signifikanz von Lehrsituationen, sicherlich 40 Karin Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis ... loc. cit., 86. 44 auch dadurch, dass Lehre Menschen prägen kann. Daraus ergeben sich ethische Verpflichtungen gegenüber den Studierenden, die Paul Feyerabend oder Ivan Illich auf ihre Art deutlich gemacht haben. Ethische Verpflichtungen entstehen in Lehr- und Lernsituationen aber auch auf Seiten der Studierenden. Bereits im Hippokratischen Eid (ca. 400 v.Chr.) wird davon gesprochen, dass derjenige, »der mich diese Kunst gelehrt hat … meinen Eltern gleich[zu]stellen« ist. Karl Popper spricht davon, dass der Studierende »gegenüber seinen Lehrern, die ihn bereitwillig und großzügig an ihrem Wissen und an ihrer Begeisterung teilhaben lassen, zur Loyalität verpflichtet ist.« 41 Aus dem Munde eines kritischen Rationalisten dürfen wir das schon richtig verstehen und nicht im Sinne einer reaktionären und doktrinären »normal science«. Kein Zweifel also: Lehr– und Lernsituationen sind ethisch relevant. Ethisch relevant sind Fragen der intellektuellen Redlichkeit in der Vorbereitung und Durchführung von Lehre, in der Beurteilung von Leistungen und in der Förderung von Lernerfahrungen. Es besteht weitgehend Konsens darüber, dass es in der Wissenschaft nicht darum gehen kann, »Wissen« in jemanden hineinzuschütten, als ob es sich um ein ablösbares Stück Materie handle, das dem Einzelnen wie ein Armband oder eine Halskette umgehängt werden könne. Wissen muss, damit es nachhaltig ist, persönlich angeeignet und in die Lebensform integriert werden. Ian Hackings Hinweis darauf, dass wir verschiedene Erkenntnisstile unterscheiden können, und Michael Polanyis bekannte Rede von »personal knowledge« geben Anlass zur Vermutung, dass jeder und jede eine persönliche Art und Weise hat, sich Wissen anzueigenen, einen besonderen Wissensstil. Wollte man eine Lehr– und Lernsituation mit der Situation des Übersetzens vergleichen, so käme dieses Plädoyer für die persönliche Aneignung von Wissen der vielrezipierten Übersetzungstheorie George Steiners entgegen. 42 Damit soll nicht einem Subjektivismus in der wissenschaftlichen Erzeugung epistemischer Güter das Wort geredet werden, aber doch deutlich gemacht sein, dass Lernsituationen dann fruchtbar sind, wenn den Lernenden ein Spielraum eingeräumt und ermöglicht werden. Lehre so, dass die Handlungsfähigkeit der Lernenden dadurch erweitert wird. So könnte man diesen Gedanken verstehen. Es 41 42 Karl Popper: Die moralische Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers; in: K. Eichner, W. Habermehl (eds.): Probleme der Erklärung sozialen Verhaltens. Meisenheim 1977, 294-304, hier 297. Vgl. G. Steiner, After Babel. Oxford: OUP – 1975. 45 geht in Lehr- und Lernsituationen in erster Linie um »Ermächtigung zum Handeln und Urteilen« (empowerment), um den Zugang zu Fähigkeiten (»capabilities«) und nicht um den Zugang zu epistemischen Gütern. Lehr– und Lernsituationen sind ethisch relevant. Es sollen nur beispielhaft einige »Fallen« aufgezählt werden: Fallen der Lehre: Eitelkeit und der Versuch, durch rhetorische Effekte den Anschein von Tiefe oder Vielwissen erwecken oder auf diese Weise Lücken kaschieren zu wollen; Verschweigen von relevanten Gegenargumenten oder –positionen; mangelnde Berücksichtigung der aktuellen Forschungslage; mangelnde Anerkennung von »ownership«; bewusstes Nichtlehren von Methoden und Techniken (etwa zur Wahrung der eigenen Überlegenheit); bewusstes Herbeiführen, Belassen oder Verstärken offensichtlicher Fehleinschätzungen von Studierenden. Fallen des Lernens: Abschreiben, Schummeln, Kopieren, Auswendiglernen, »Ausstellen ungedeckter Schecks« in Prüfungssituationen (d.h. das Tätigen von Aussagen, die nicht hinreichend verstanden wurden und auch nicht eingeordnet werden können). Die Listen ließen sich fortsetzen. Anstöße für solche Listen kamen durchaus aus den Interviews. 2.2.1. Konkurrenz unterschiedlicher Standards in der Leistungsbeur teilung Im Rahmen der Leistungsbeurteilung treten Konflikte mit Kollegen auf, die einen niedrigeren Standard in der Beurteilung der Leistung Studierender haben und Lehrveranstaltungsleiter mit strengeren Kriterien unter Druck setzen. »Es gibt Kollegen – da kann ich jetzt keine Namen nennen – die also Scheine wirklich mehr oder weniger schenken. Wir sind ein sehr kleines Institut und müssen, weil es sich jetzt immer um Höherzahlen dreht und so, haben wir nicht die Möglichkeit so zu tun, wie man halt selbst will. Ich mein, man kommt da doch in einen gewissen Zugzwang, wenn man einen gewissen Leistungsanspruch hat, ... Jetzt stellt sich die Frage: Bestehe ich weiter darauf und nehme in Kauf, dass ich weniger Hörer habe, weniger Abschlüsse usw.« (035, 153-167). 46 2.2.2. Fairness und Gerechtigkeit in der Leistungsbeurteilung Die Prüfungssituation selbst wird generell als problematisch angesehen. Es sind dabei vor allem Jungwissenschaftlerinnen mit wenig Erfahrung in der Beurteilung, die ihr Nachdenken über Fairness und Gerechtigkeit in der Beurteilung der Studenten als ethisches Problem ihrer Arbeit ansehen. »... also ethische Probleme ... spielen einmal rein bei der Prüfungsethik – also wenn ich Studenten prüfe. Da hat man ja gewisse moralische Ausgangspunkte von die man ausgehen soll: Fairness, Gerechtigkeit. Das es da natürlich subjektive Färbungen geben kann und öfters geben wird, ist mir klar.« (001, 4-8). »Jetzt die Prüfungen ..., das ist eine sehr schwierige Sache. [...] Da überlege ich oft, mache ich das richtig, bin ich ruhig genug – das bereitet mir, Gott sei Dank, viele Gedanken. Aber richtig machen, kann man das eh nicht, da macht man sicher genug Fehler.« (039, 259-274). Während in den Rechtswissenschaften bezüglich der Prüfungsethik die Fairness und Gerechtigkeit der Benotung auf die Neutralität gegenüber den Studierenden, ob sympathisch oder nicht, in den Vordergrund gestellt wird, werden von Sozialwissenschaftler vermehrt auch die sozialen Folgen ihrer Beurteilung in die Überlegungen über Fairness und Gerechtigkeit bei Prüfungen miteinbezogen. »Fairness und Chancengleichheit. Also das Schwierige ist, Chancengleichheit für alle herzustellen und fair für jene zu sein, die außerhalb, vermeintlich außerhalb der anderen stehen, weil sie eben gerade ein Stipendium brauchen etc. Und es ist immer schwieriger bei einer so großen Anzahl von Studierenden diese Alltagsethik zu wahren. Man bemüht sich halt nach Kräften danach. Aber auf der anderen Seite kann man nicht nur Ausnahmen machen, weil dann würde man die Regel nicht mehr einhalten.« (028, 28-34). Der Prüfer muss dann Abwägen: »inwieweit er bestimmte Regeln überschreiten kann, um jemanden das Studium weiterhin zu ermöglichen.« (028, 37-38); »Kann ich noch ein ›genügend‹ vertreten, oder muss ich ein ›nicht genügend‹ geben, mit der Konsequenz, dass sie eventuell nicht abschließen kann.« (031, 31-33) – wobei manchmal »das Überschreiten der Fairness auch ausgenützt« wurde (028, 47-48). 47 2.2.3. Weitergabe wissenschaftlicher Normen und Probleme der wissen schaftlichen Sozialisation Im Kontext der wissenschaftlichen Lehre stellen sich eine Reihe von Problemen, die mit der wissenschaftlichen Sozialisation des wissenschaftlichen Nachwuchses in Zusammenhang stehen. Zunächst sind vor allem junge Wissenschaftlerinnen – speziell in den Kulturwissenschaften – zunehmend mit dem Problem konfrontiert, dass es immer schwerer fällt, den Studierenden das notwendige Bewusstsein für die wissenschaftliche Sorgfalt beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten näher zu bringen. »Die Lehre betrifft in erster Linie die Plagiate, die vielen, mit denen wir im täglichen Alltag zu kämpfen haben. Die zeigen sich in Proseminararbeiten, Seminararbeiten, Diplomarbeiten vermutlich auch in Dissertationen – einfach Leute – ah – teilweise bewusst, aber auch unbewusst, wo’s es nicht merken – andere Quellen zu großen Teilen wiedergeben ohne dass sie sich bewusst sind, dass das auch ein ethisches Problem ist – ein ethisches Wissenschaftsproblem.« (006, 5-11). Als ethisch problematisch wird vor allem das zum Teil gänzlich fehlende Problembewusstsein wahrgenommen. »Mit dem Problem sind wir, glaube ich, zunehmend konfrontiert. Dadurch – da ist auch häufig gar kein Problembewusstsein da und wenn ich den Studierenden beim Abschreiben erwischt habe, wenn ich denen dann sage, dass sie das gemacht haben und dass das nicht korrekt ist – also einmal hatte ich den Fall, da hatte der Betreffende bei mir abgeschrieben, meinen eigenen Artikel und hat offenbar nicht gesehen, dass da mein Name drunter stand ...« (014, 22-29). Dramatisch verstärkt hat sich dieses Problem vor allem auch durch die Möglichkeiten der Neuen Medien. Das Internet dient zunehmend als Quelle für alle möglichen Daten und die moderne Textverarbeitung ermöglicht einfaches ›copy & paste‹, sodass die Quellen nicht einmal mehr abgeschrieben werden müssen. »Also entweder das Problembewusstsein ist einfach nicht da, dass die Leute das Gefühl haben, sie können das machen. Es ist glaube ich durch das Internet so gekommen, weil man im Internet hat Inhalte hat, die man nie überprüfen kann und wo auch selten, selten Quellenangaben dabei stehen.« (014, 32-35). Die berechtigte Verärgerung – »Wenn ich da jemandem draufkomme, werde ich böse.« (039, 202) – weicht dann jedoch bald Erwägungen, wie man den Studierenden die notwendige wissenschaftliche Sorgfalt näher 48 bringen kann. »Aber wenn ich sage: das ist unethisch, das zu machen, dann gucken die Leute doch oft schräg. Also das ist meine Erfahrung in den Lehrveranstaltungen. Und es gibt auch Leute, die mich dafür angreifen, dass ich das so auf eine moralische Ebene heben würde und sie sozusagen zu ›Bösewichtern‹ machen würde – also dieses Wort ist jetzt nicht gefallen, aber in die Richtung geht das. Und das Problem ist, im letzten Semester haben wir uns stark gewachsen – unser Institutsdirektor dazu ein so Memorandum gemacht hat und rausgehängt hat, dass wir also Proseminararbeiten, in denen nachweislich abgeschrieben ist – und man kann das ja wenn man – man kann das ja relativ gut nachweisen. Wenn mehr als ein Satz identisch ist, dann muss das abgeschrieben sein. Die Zufälle gibt es sonst nicht. Wenn das passiert, werden die Proseminararbeiten abgelehnt, ohne die Möglichkeit, das noch mal zu machen. Also insgesamt ist dann das Proseminar nicht bestanden.« (014, 57-69). Doch wird das Problem nicht nur sanktioniert sondern darüber hinaus auch als pädagogische Aufgabe gesehen. »Das sehe ich, was die Studenten betrifft nicht als ethisches Problem sondern – also wenn die wissenschaftliche Methode nicht ausgeprägt ist, ist es unsere Aufgabe, das zu lehren.« (043, 176-178). Der pädagogische Ansatz versucht dann vor allem den Studierenden die Angst vor eigenen Gedanken und Ideen zu nehmen, weil »... ein weiteres Problem ist, dass sich viele Leute gar nicht mehr zutrauen eigene Ideen selbst zu formulieren, dass sie dann lieber auf Fremdes zugreifen, was ja anerkannt ist, in dem Maß, dass es veröffentlicht ist und dadurch eben schon eine Anerkennung erfahren hat.« (014, 38-41). »Es ist eine Angst, eigene Ideen zu äußern. Und das ist ja eigentlich das, worauf es bei unserer Wissenschaft ankommt. Ich denke, dass es also – für mich ist es eine ethische Frage, ob man das. Aber ich glaube eben, dass das für die Studierenden als ethisches Problem – die Studierenden, die das machen – ist natürlich nur eine Minderheit – dass es für die eigentlich nie als ethische Frage aufgekommen ist. Und – ich habe auch den besten Erfolg mit dem Argument, zu sagen: dass das ein Copy–Right–Problem sei. Dass das – das wird irgendwie akzeptiert. Nicht dass da irgendwie vielleicht finanzielle Ansprüche sein könnten und deswegen im Berufsleben nicht so arbeiten dürften.« (014, 43-51). Deshalb wird versucht – innerhalb der wenigen Zeit, die in der Lehre dafür bleibt – eine Art Textschulung zu machen. »Aber das ist etwas, wo – find ich – wo man also selbst an sich schauen muss, dass man das also möglichst vermeidet und dass 49 man also zu seinem eigenen – ja, es geht eigentlich um eigene Textschulung, dass man das also lernt, wie fasst man andere Quellen selbst, selbständig zusammen. Dass man eigene Gedanken reinbringt und nicht einfach – selbst auch eine Phrasierung, die ist in Ordnung nicht, aber auch hier, dass man also seine eigene Arbeit mit einfließen lässt und nicht nur wiederkaut, was andere geben.« (006, 29-36). Generell kann festgestellt werden, dass es die allgemeine Aufgabe der wissenschaftlichen Lehre ist, dem wissenschaftlichen Nachwuchs die wissenschaftlichen Normen, die entsprechend sorgfältige Arbeit, aber auch die menschliche Sensibilität im Umgang mit dem Forschungsgegenstand weiter zu geben. »Und da ist es dann im Bereich der Lehre. Wo man dann einfach doch anhand von praktischen Beispielen herausgefordert ist, gewisse Grundhaltungen zu vermitteln, ja. Indem selber entweder diese Haltung einnimmt, ja. Und damit indirekt weiterzugeben versucht. Oder – wie eben das wirklich gute Beispiel – wo man dann herausgefordert ist, es zu thematisieren. Und damit eigentlich Bewusstsein zu schaffen versucht.« (015, 142-148). Das ist ganz besonders in den Biowissenschaften ein ganz wichtiger ethischer Aspekt der wissenschaftlichen Lehre. »Das tragen wir weiter. Alle unsere, meine Mitarbeiter, meine Postdocs, die alle auch Ausbildung machen, tragen das weiter. Das ist, glaube ich, ein Grundprinzip, das hier vermittelt wird. Und wir vermitteln auch in den Lehrveranstaltungen den Leuten vielleicht ein bisserl was, damit Sie eine Vorstellung haben, was sie in den verschiedenen wissenschaftlichen Sparten erwartet. Also ich sage den Leuten immer, den Studenten, wer Immunologie dieses Zuschnitts macht, der rein molekular orientierte komplexe Immunologie macht, der wird früher oder später damit konfrontiert werden, eigenhändig Mäuse töten zu müssen. Und man sollte sich das gut überlegen, schon von vornherein die Wissenschaft, nicht weil es faszinierend ist, weil es einen wissenschaftlich auf einer Metaebene interessiert und ich glaube es ist auch wichtig für uns Ausbildner, hier klar zu machen, mit welchen persönlichen Schritten das dann später zu tun hatte. Es gibt einige Leute, die gesagt haben: ›Ich würde es so gerne machen, aber aus diesem Grunde nicht. Ich werde keine Tiere töten.‹ Ich finde, das ist wirklich berechtigt ...« (032, 515-530). Die Wissenschaftler sehen sich somit auch gegenüber dem wissenschaftlichen Nachwuchs dahingehend verantwortlich, sie auch mit den ethischen Aspekten ihrer zukünftigen Arbeitsfelder vertraut zu machen. 50 2.2.4. Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses Die Verantwortung gegenüber dem wissenschaftlichen Nachwuchs beinhaltet auch eine gewisse Förderung ihrer Karrieren. Die etablierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind hierin einerseits dem jungen Wissenschaftler, dem sie zu einer wissenschaftlichen Karriere ermuntert haben und andererseits auch der Wissenschaftsgemeinschaft als solcher verpflichtet, einen entsprechend gut ausgebildeten und motivierten Nachwuchs in die Gemeinschaft einzuführen. »Ich selber, nachdem ich ja selber schon lange im Wissenschaftsbetrieb drinnen bin, stehe auf dem Standpunkt, dass man eben Nachwuchsleute fördern sollte und die haben es auch notwendig. Also da jetzt bei der Autorenreihenfolge ist immer ein Dissertant erster und der um dessen Sache es geht.« (024, 42-47). Neben Förderung der Publikationstätigkeit geht es auch um Bereitstellung adäquater wissenschaftlicher Arbeitsstellen im Rahmen von Forschungsprojekten und Stipendien. »... – also was auch sicherlich ein Punkt ist, ist – wenn ich das noch sagen darf – ich denke, dass die – dass ein weiterer Anspruch darin besteht, das man versuchen muss auf der universitären Hierarchieebene und sofern ich das kann – in dem sehr bescheidenen Rahmen – zum Beispiel jungen aufstrebenden Wissenschaftlern dazu zu verhelfen, dass sie eine Karrieremöglichkeit bekommen – im weitesten Sinne ist das für mich auch ein ethischer Anspruch, dass ich sage: jemand der das geschafft hat und vielleicht auch pragmatisiert ist, trägt auch Verantwortung für andere. Man muss schauen, dass man in der Form von Stipendiaten, Forschungsarbeiten aber auch Teams möglichst vielen auch wieder eine Chance gibt. Das würde ich auch – im weitesten Sinne – als einen ethischen Anspruch sehen.« (007, 118-129). Die Bedeutung der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses wird generell in der Wissenschaftsgemeinschaft hoch eingeschätzt, weil es immer auch um neue Entwicklungen geht. Die zehnte Publikation eines etablierten Wissenschaftler, in der er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zum x-ten Male erneut beschreibt und belegt, sind weniger interessant als neue Ideen, welche von jungen Wissenschaftlern entwickelt werden, auch wenn sie vielleicht noch etwas unbeholfen formuliert werden. »Weil Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses also ganz generell also weltweit, – in meinem Bereich – als wichtiger Punkt angesehen wird; auch neuen Ideen.« (024, 77-79). 51 3. Verantwortung in den Wissenschaften »Verantwortung« ist ein dünner Begriff, der mit Blick auf die Vierdimensionalität der Wissenschaftsethik in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich verdichtet wird. Dabei werden auch Unterschiede zwischen den einzelnen Wissenschaftskulturen deutlich. Dies hängt mit den Handlungsstrukturen zusammen, die eine bestimmte Wissenschaftskultur konstituieren. Hochgradig arbeitsteilig vorgehende Disziplinen, die sich etwa ausschließlich in Form von Forschungsgruppen weiterentwickeln können, unterscheiden sich von Disziplinen und Zugangsweisen, bei denen das Individuum mit seiner Expertise im Zentrum steht. Eine dichte, komparative und empirische Wissenschaftsethik kann die Nuancen, die sich aus den unterschiedlichen epistemischen Kulturen, wie sie von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen konstituiert werden, aufzuzeigen versuchen. Dies wird aus Beispielen deutlich. 3.1. Ethik in den theoretischen Naturwissenschaften Uns liegen leider nur wenige Interviews zu den theoretischen Naturwissenschaften vor, wobei diese wenigen recht heterogen sind. Dennoch zeigt vor allem ein Interview die spezielle Problematik hochspezialisierter theoretischer Naturwissenschaften auf, die sich vor allem darin äußert, dass sie einen Forschungsbereich bilden, der nur noch einer relativ kleinen Gruppe von Fachspezialisten verständlich ist. Ethische Grundsätze und Kriterien werden daher in solchen Bereichen autonom von der Gruppe der Spezialisten selbst erarbeitet und umgesetzt. »Wir arbeiten nach Prinzipien, wie wir uns selbst geben. Ein dritter versteht es nicht. Da sind wir auf uns selber angewiesen. Das heißt wir haben eine Eigenkontrolle. Wir haben eigene Gremien, die diese Prinzipien ausarbeiten. Sind aber – ich würde sagen in 99% der Fälle – nicht in Kontakt mit anderen, um die Richtigkeit zu überprüfen.« (021, 155-159). »Ich gebe Ihnen ein Beispiel, dass das konkreter wird: Der Einsatz von Radioaktivität kann man und darf man nur dann stattgeben, wenn das Rechtfertigungsprinzip angewandt und erfüllt würde. Das heißt: kann diese Handlung, diese Technologie durch nichts anderes mit den gleichen Zielen erfüllt werden, wenn man nicht Radioaktivität anwendet. ›Muss ich wirklich, brauch ich die Radioaktivität? Kann ich es mit etwas anderem 52 machen, wo man keine Strahlung freisetzt?‹ Erst wenn diese Frage mit ›Ja‹ beantwortet ist – es geht nur mit radioaktivem Material – ,darf ich es anwenden. Das ist Rechtfertigungsprinzip.« (021, 160-168). »Aber die Diskussion um den Einsatz dieser rechtmäßige. Die hat nur in Fachkreisen stattgefunden. Nie außerhalb. Also hier wurde keine kirchliche Gruppe damit betraut; keine philosophische Gruppe, sondern es waren Atomphysiker unter Atomphysiker, die sich darauf geeinigt haben.« (021, 169-173). 3.1.1 Verantwortung in der Beratungstätigkeit von Naturwissenschaftlern Diese autonome Selbstkontrolle der Wissenschaft funktioniert jedoch nur im abgeschlossenen System der Spezialistengemeinschaft. Dies wird deutlich, wenn der Spezialist als Fachexperte aus dem ›geschützten‹ Bereich des Labors heraustritt und im Rahmen seiner Beratungstätigkeit in der Gesellschaft mit ethischen Problemen konfrontiert wird, die mit der speziellen wissenschaftlichen Expertise allein nicht mehr beurteilt werden kann. Das Dilemma des Wissenschaftlers, Entscheidungen treffen zu müssen, deren Konsequenzen über den eigentlichen Kompetenzbereich seiner Expertise hinausgehen, wird hier ganz deutlich dadurch zum Ausdruck gebracht, wenn er feststellt »Ich habe da ja keine Ausbildung und dadurch eben auch wenig Verständnis dafür. Aber ich bin neben Physiker eben auch Mensch.« (021, 134). Die Menschlichkeit stellt dabei jedoch nicht die eigentliche wissenschaftliche Entscheidung in Frage; »Wir haben wissenschaftlich reproduzierbar gehandelt, nach klaren wissenschaftlichen Entscheidungen.« (021, 123-124). »Wir haben sachlich richtig entschieden.« (021, 137). Das Problem, dem sich der betreffende Wissenschaftler hier zu stellen hatte, besteht darin, dass er als Mensch negative Nebenfolgen seiner wissenschaftlichen Entscheidung wahrnimmt, die sich auf Konsequenzen seiner Entscheidungen bezieht, die sich der Rationalität seiner wissenschaftlichen Disziplin vollständig entziehen. »Ob wir auch sozial-verträglich entschieden haben, bin ich mir nicht so sicher.« (021, 137-138). »Also manchmal sind es so Zufälligkeiten. Wo man in solche Dinge hineingerät.« (024, 208-209). »Ah – Österreichische Firmen bauen sehr viel im Ausland, also österreichische Baufirmen sind sehr im Ausland beschäftigt und da geht es um Machbarkeit von bestimmten großen Bauprojekten. Also ich habe z. B. im letzten Jahr ein Projekt gemacht, also wo 53 ich schon bei der Grenze dessen war, wo ich gedacht habe, ist es sinnvoll. Und zwar ein Bauprojekt, wo ich zu Rate gezogen wurde als [es] große Schwierigkeiten in der Planung gegeben hat. [...] Wie man eine bestimmte Tunneltrasse legt für ein ****. Also ganz was Normales, was in Österreich in x-Bereichen gemacht wird. Und deshalb kompliziert, weil das von der Geologie her, von den Grundlagen her große Schwierigkeiten gemacht hat und x-Mal zurück gestellt wurde.« (024, 215-226). »Ich habe gesagt, ›Ja, ich kann hingehen und schauen, ob ich mit meinem Kenntnissen, [eine] zusätzliche Information herauskrieg[e]‹. Und dann stellt sich heraus: mitten in einem Nationalpark. Also es war schon so, dass das rechtlich völlig abgedeckt war, aber wo natürlich der Streit war – der Tunnel geht unter dem Nationalpark durch und beeinflusst eindeutig den Nationalpark – ... Und das andere: es ist mitten im Zentrum der ***–Region [Region einer unterdrückten Minderheit], wo der Streit war, macht die Regierung jetzt dieses Bauprojekt, um die **** [Minderheit] sozusagen unter Druck zu setzen. Das war auch das Zentrum der Aufstandsregion, wo sich die *** [Minderheit] zum Schluss zurück gezogen haben. Und das natürlich völlig vom Militär kontrolliert war, also auch heute noch kontrolliert wird. Und da ist, hat es sich für mich einfach gelöst, weil ich natürlich jetzt mit den lokalen Personen auch in Kontakt gekommen bin, ...«(024, 227-239) Der betreffende Wissenschaftler konnte das Gelände in Begleitung des Militärs und eines Vertreter der lokalen Bevölkerung (Minderheit) begehen. »Das war eine eigenartige Erfahrung mit Militär und ihren Gegenspielern gemeinsam eine Woche sozusagen durch die Gegend zu stiefeln und dann darüber etwas zu sagen.« (024, 247-249). »Meine Hoffnung ist, dass man das, dass das nicht gebaut wird. Also die *** [Minderheit] sind schon dafür, weil sie einen wirtschaftlichen Auf schwung dadurch sehen. Aber es zerstört natürlich auch ihre Landschaft. Und deshalb eine Abwägung – ah – eine politische Abwägung.« (024, 242-246). Auch hier wird ein Naturwissenschaftler mit spezifischer Expertise über diese hinaus mit Konsequenzen seiner Beratung konfrontiert. Während das erste Problem, dass das Projekt die Ökologie eines geschützten Landschaftsgebietes gefährdet noch innerhalb der Expertise als Geologe behandelt und begutachtet werden konnte, fällt das zweite Problem, die Konsequenzen eines solchen Projektes auf den politischen und sozialen Konflikt einer zentralistischen Regierung mit der, in dieser Gegend lebenden unterdrückten Minderheit, vollkommen aus dem Gegenstandsbereich 54 des betreffenden Wissenschaftlers. Wie der Physiker, ist hier der Geologe als Mensch angesprochen, Stellung zu nehmen. Der Betreffende hat dies dadurch gelöst, dass er in seinem Gutachten diese Fragen offen ansprach »das Umfeld mit berücksichtigt und in dem Fachbericht auch erwähnt« hat (024, 267-268), wobei es sich dann herausstellte, dass diese Probleme den Mitarbeitern der Firma nichts Neues war. »Es hat auch da in dem Betrieb, der das in Auftrag gegeben hat, gibt es die selben Meinungen.« (024, 270271). »Und die beiden Gruppen, diese beiden Meinungen hat es durchaus gegeben, ...« (024, 273-274). »Aber sie hätten mich vorher informieren müssen.« (024, 258-259). Schwieriger wird diese gesellschaftliche Verantwortung des Wissenschaftlers in Beratungstätigkeiten, die unmittelbar von verschiedenen, widerstreitenden Interessen beeinflusst sind. »Diese sind z. B. die Überschreitung eines Grenzwertes – für Radioaktivität in Nahrungsmittel z. B. – müssen Sie abwägen, ist das Risiko hier beinhart die Einhaltung des Grenzwertes zu beachten und zu fordern – das damit verbundene Risiko – möglicherweise größer als wenn man bereit wäre den Grenzwert geringfügig zu überschreiten und dadurch a) die betroffene Bevölkerung weiter ernähren kann und b) den Betroffenen Produzenten der Lebensmittel – sprich den Bauern, die Lebensmittelindustrie, die Molkerei – nicht vor einen finanziellen Bankrott zu stellen. D. h. Sie müssen entscheiden, als Wissenschaftler, in wieweit eine Grenzwertüberschreitung, die natürlich niemand will, in einer Extremsituation, wie zum Beispiel bei Tschernobyl, nach Tschernobyl, wir sehr konkret hier in Salzburg, Österreich, in Europa die Aufgabe hatten; wir haben Grenzwerte und jetzt wird der um 1%, 5% und 10% um 50%, 100% überschritten. Wo muss hier die Abwägung des Gefahrengutes gegenüber dem Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung, gegenüber dem latenten Krebsrisiko – das muss hier einander gegenüber gestellt werden zum Beispiel.« (021, 19-34). Erschwert wird dies durch den enormen Druck, dem der Wissenschaftler von verschiedenen Interessensgruppen ausgesetzt ist: »Also das sind dann sehr große Interessensgruppen, die hier sich sehr, manchmal sehr lautstark bemerkbar machen. Das kann reichen von besorgten Müttern, die eine Nullkontamination fordern in Nahrungsmitteln und bis hin zu einem Molkereibetrieb, der sagt: Wenn er diesen Grenzwert, der gesetzlich vorgeschrieben ist, beinhart einhält, dann muss er zu- 55 sperren und es gehen 500 Arbeitsplätze verloren. Das sind die Wertebereiche mit denen ich mich beschäftige.« (021, 83-89). Konkret schildert mir der Wissenschaftler die Situation dann folgendermaßen: »Ja, Sie sitzen in einer Landesregierung als Berater. Sie haben vor der Türe des Sitzungszimmers eine aufgebrachte Bauernschaft, die sagt: »Herr **** ruiniert uns die Landwirtschaft, mit seinen Vorschriften von sauberen Lebensmitteln.« Und Sie haben im Hof vor der Landesregierung Hunderte verzweifelte Mütter, die sagen: »Wie wollen eine atomfreie Zukunft für unsere Kinder. Wir fordern Null-Radioaktivität.« Da drinnen müssen Sie entscheiden: Gibt es morgen Milch in Salzburg? Gibt es morgen kontaminierte Milch? Gibt es morgen importierte Milch? Oder gibt es morgen gar keine Milch? als ein kleines Beispiel.« (021, 92-100). 3.1.2. Ethische Fragen in der Zusammenarbeit mit Firmen »Und als Mathematiker, wenn man so will, in einem Elfenbeinturm, mit einer schönen heilen Welt, aber in einem echt guten Institut mit hochkarätigen – ich habe gute Lehrer gehabt, hochkarätig. Und damals haben wir nicht viel darüber nachgedacht, was kann man eigentlich mit diesen mathematischen Resultaten alles anfangen. Heute weiß ich, man kann mit allem etwas anfangen.« (034, 139-145) In Konflikt ist er dadurch geraten, dass er als pazifistisch eingestellter Mensch in einem Betrieb gearbeitet, der auch an militärischen Projekten beteiligt war. »Ich war damals in der Firma **** in einen Konflikt hineingeraten. Ich habe zwar niemals an einem militärischen Projekt mitgearbeitet oder mitarbeiten müssen. Nie. Aber ich habe um mich herum alles mitbekommen. Stellen Sie sich vor: wenn ein Kollege im selben Büro wie ich – der war Ingenieur – der hat 1,2 Mill. Mark vom Verteidigungsministerium zur Verfügung – natürlich, diese Firmen akquirieren Gelder – weil die Studien in Auftrag bekommen, dann ist das für sie leicht verdientes Geld. Die 1,2 Mill., da hat die Firma **** viel daran verdient. Weil der **** hat vielleicht gekostet in der Zeit 100.000 Mark. Das Thema seines Auftrags war: eine Studie zu machen über »Future Airweapon Systems«. Future Airweapon Systems – alle mögliche Technologie. Wie sieht ein modernes Cockpit aus, ja. Und da verwenden die Sachen, wie sie auf der Ars Electronica gemacht werden. »Virtual Reality Technologien« usw. « (034, 148-161). »Ich bin in einen persönlichen Konflikt geraten bei der Firm ****, weil sage, o.k., jetzt sehe 56 ich es, was wirklich los ist. Ich habe Diskussionen mitgehört von Leuten, die für die Artillerie Systeme gearbeitet haben. Über Gefechtsfeldsszenarien, da ist es mir zum Teil, da hat es mich geschaudert, ja. Aber das ist die Realität. Und ich weiß inzwischen, dass gerade in der Militärtechnik – und da sind die Amerikaner ganz vorne daran – dass dort alles von Interesse ist; dass das wirklich High–Tech ist, was dort gemacht wird. Und dass die Bereitschaft dort Geld zu investieren, ja gerade in Amerika, extrem hoch ist.« (034, 169-177) . Für den betreffenden Wissenschaftler war die Erkenntnis, dass auch ganz abstrakte mathematische Erkenntnisse praktische Anwendung in der Hochtechnologie findet, die vor allem in der Rüstungsindustrie entwickelt werden, ein persönliches Problem. »Ich war wirklich in einem Konflikt. Was soll ich jetzt machen. Soll ich jetzt – ich kann kündigen, gut, ja – aber da habe ich nichts geändert. Ich muss – mir wird irgendwann klar, ich muss für mich das Problem lösen. Und ich kann nicht – ich werde es nie erreichen, dass die Bundesregierung den Militäretat auf Null herunter bringt oder so etwas.« (034, 181-186). »Ich habe mir dann ein Gedankenexperiment überlegt: Wenn ich jetzt beschließe, nichts mehr zu publizieren, ja, ich werde, obwohl es mir unheimlich viel Spaß macht und es mich interessiert und ich viele Ideen habe, ich werde nichts mehr herauslassen, also können sie auch nichts mehr damit anfangen. Wird mir sehr schwer fallen. Und dann, was mache ich dann? [...] Das Experiment hat mir wirklich geholfen, zu sagen, das Problem ist nicht entscheidbar. Also muss ich ad hoc entscheiden, was ich tue. Ich mache weiter, weil ich mit meinem ›nichts mehr tun‹, bewirke ich überhaupt nichts. Ich muss ad hoc entscheiden, wenn zu mir jemand sagt: Löse mir diese Gleichung, weil ich diese Kanone damit ausrichten will. Muss ich mir überlegen, ob ich es mache oder nicht mache.« (034, 194-211) Heute verhandelt dieser Wissenschaftler mit diesem Konzern über langfristige Kooperationen, weil sich damit Forschungsprojekte umsetzen lassen, in denen er Nachwuchswissenschaftler anstellen und ihnen Karrieremöglichkeiten anbieten kann. »Und ich erkläre denen [den Studenten] auch, ich sage denen am Anfang immer, wenn ich mich vorstelle, dass ich High–Tech Kontakt habe, und erkläre denen was die **** ist usw. Und sage Ihnen, dass die Firma, wo ich war, die arbeiten auch sehr stark im militärischen Bereich, aber sie arbeiten auch im zivilen Bereichen. Und das was militärisch entwickelt wird, ist auch zivil anwendbar und umgekehrt. 57 Ja, gerade Informatik-Studenten muss man das sagen. Ingenieuren würde ich das auch sagen, dass das alles, was sie machen, ist verwertbar, in allen Varianten verwertbar.« (034, 236-244). Anderen Kollegen ist das oft vollkommen egal, woher das Geld kommt. »Wir haben über das Thema geredet und über den Konflikt. Der **** hat so unverblümt gesagt, ja, dass ihm das völlig egal ist, woher er das Geld bekommt, wenn er nur seine Wissenschaft so weiterführen kann, wie er das will. Und das ist kein Einzelfall.« (034, 387-390). »Und ein guter Freund und Kollege von mir, ... der ... hat das alles auch mitbekommen und hat gesagt: ›Du, pass’ auf, wenn die Dir Geld geben für Deine Projekte, dann ist das doch gut, dann wird Deine Arbeit gefördert, Deine wissenschaftliche und die haben das Geld nicht mehr für militärische Zwecke.‹ – Das ist alles, einfach nur so – da macht sich froh mit, das ändert nichts.« (034, 391-396). Diese Argumentationen dienen der Beruhigung des Gewissens ohne den Konflikt selber zu lösen oder tatsächlich als Rechtfertigung ausgegeben zu werden. Aber es ist halt beruhigend, wenn man das Geld, das eigentlich für militärische Entwicklungen gedacht ist, für friedliche wissenschaftliche Forschung einsetzt und dafür nimmt man mitunter in Kauf, mit Rüstungskonzernen Forschungskooperationen einzugehen. Im Zusammenhang mit Forschungsaufträgen bei großen Betrieben ist es wichtig, wie mir berichtet wurde, von Anfang eine gute Vertrauensbasis aufzubauen, da man es dort auch häufig mit Daten zu tun hat, die im Interesse des Betriebes vertraulich zu behandeln sind. Im betreffenden Interview ging es konkret um zwei Projekte, bei denen die Computersysteme der jeweiligen Betriebe getestet werden sollten. In einem Fall handelte es sich um ein großes Luftfahrtunternehmen und im anderen um eine Bank. »In allen solchen Kooperationen ist für mich wichtig, dass eine gewisse Vertrauensbasis existiert und dass man auch das Gefühl hat, jeder hält sich daran; dass keine Tricksereien passieren. Die Firma muss das Gefühl haben, mit denen kann ich zusammenarbeiten, die halten sich an die Geheimhaltung und wenn eine Geheimhaltung wichtig ist, wird man das schriftlich fixieren und in den Vertrag mit aufnehmen und so. Und dann ist die Sache geklärt und ich sorge dafür, dass meine Leute keinen Unsinn damit anstellen. Und am besten ist auch so, dass die keine brisanten Daten rausrücken, sondern Daten verfälschen. Man kann ja Daten verfälschen und trotzdem damit Tests machen.« (034, 316-325). Vor allem bei den 58 Tests im Kreditinstitute, wo es um darum ging, neuronale Netze für Überprüfungen der Kreditwürdigkeit von Kunden anzuwenden, wurden nur noch simulierte Daten verwendet. »Das war klar – da wird alles verfälscht. Da darf nie ein Bankkunde sichtbar werden.« (034, 333-334). Hier werde die Daten schon vor der Bearbeitung anonymisiert, um jede Form des Datenmissbrauches auszuschließen. Das System kann auch mit fiktiven Daten getestet werden. So gesehen hat man hier auch keine wissenschaftlichen Probleme zu erwarten. 3.2. Ethik in den Biowissenschaften Die Wissenschaftler biowissenschaftlicher Fächer sind sich im Allgemeinen ihrer ethischen Verantwortung sehr bewusst. Gerade in jenen Bereichen ihrer Forschungen, in denen sie unmittelbar mit ihren ›lebenden‹ Forschungsobjekten in Berührung kommen, sind sie mit den Folgen ihres wissenschaftlichen Handelns und deren Rechtfertigung konkret konfrontiert. In den von uns geführten Interviews spielten vor allem vier Bereiche für die ethische Konfrontation der Biowissenschaftler eine Rolle, von denen drei mit dem verantwortlichen Umgang mit lebenden Organismen als Gegenstände ihrer Forschungstätigkeit zu tun haben: (1) der Umgang mit Tieren im allgemeinen und als Versuchsobjekte im speziellen; (2) Der Umgang mit Menschen als Probanden der Forschung; und (3) der Umgang mit der (pflanzlichen) Natur in der naturwissenschaftlichen Feldforschung. (4) Der vierte Bereich bezieht sich auf das verantwortliche Handeln des Biowissenschaftlers in seiner Beratungstätigkeit, in dessen Folge er politische und soziale Effekte seiner Expertise zu vertreten hat, bzw. im Interesse der Umwelt seine wissenschaftliche Expertise einzusetzen hat. 3.2.1. Das Problem von Tierversuchen in der wissenschaftlichen Forschung »Und ich denke, diese Dinge sind sehr wichtig auch in der Wissenschaft, gerade in einer Wissenschaft, wie wir machen, die sehr stark hoch technologisiert ist und von ihrem Image her so ›wichtig‹ ist, ..., wir arbeiten in so ›wichtigen‹ Probleme, dass das Einzelschicksal einer kleinen weißen Maus. Aber ich denke, in Summe über die Wissenschaft gesehen, genau hier die Entscheidung getroffen werden, wie menschlich noch Wissenschaft ist und noch sein kann.« (032, 475-482). 59 Das Dilemma wird klar. Der Wissenschaftler muss – das ist ihm von den Methoden der Wissenschaft und ihren Normen auferlegt – für seine Versuche Tiere verbrauchen. Dieser Verbrauch von Tieren wird von dem selben Wissenschaftler als Entwürdigung des Lebens dieser Maus wahrgenommen. Als Mensch, der er ja auch ist, muss er diesen Verbrauch von Leben verantworten. Zunächst trägt er diese Verantwortung gegenüber sich selbst, denn dieser Verbrauch von Leben wird zunächst – und in vielen Fällen bleibt es dabei – von ihm selbst, der diese Tiere leiden und sterben sieht, wahrgenommen.43 »... es ist immer ein persönliches Problem für jeden Wissenschaftler. Für uns und mich, für meine Mitarbeiter war es immer ein Problem, Immunologe zu sein. Uns fasziniert die Wissenschaft. Wir wissen, wie wichtig sie auch ist und schätzen ihren Wert. Es ist einfach eine Wissenschaft die einfach jeden Menschen betrifft. [...] Auch wenn wir Tierversuche machen, ist die Akzeptanz dieser Tierversuche auch in der Bevölkerung hoch, muss man dazu sagen. Aber es ist immer trotzdem ein persönliches Problem mit Tieren zu arbeiten und sozusagen auf dem Rücken der Tiere Erkenntnisse zu gewinnen. Das ist für mich persönlich das größte Problem.« (032, 400-413). Auf den Punkt gebracht: »... ich bin mit Leib und Seele Immunologe, leide aber darunter, dass es in der Immunologie, der komplexen Immunologie, wo es wirklich um Phänomene des Gesamtorganismus geht, keine Alternativen gibt, Tierversuche zu umgehen.« (032, 413-417). Wobei die Tierversuche in vielen Fällen bedeuten, dass diese Tiere schwer krank werden, unter Schmerzen leiden und sterben. Da steht der Wissenschaftler, bzw. das Team von Wissenschaftlern persönlich vor der Entscheidung: »... hat man noch Mitgefühl mit diesen Wesen, die wirklich schwer krank sind und elend zugrunde gehen oder entscheidet man sich sozusagen, den vielleicht noch eher weniger sauberen wissenschaftlichen Weg, weil die Aussagekraft vielleicht nicht mehr so ganz sauber ist, weil Sie die ... Sterberate nicht mehr in die Statistik einbringen können, und tötet die Tiere bevor sie leiden.« (032, 458-463). 43 Das ausgesprochen hohe Maß an ethischem Bewusstsein und ethischer Verantwortung, das in den hier analysierten Interviews deutlich wird, wurde auch von Klaus Amann in seinen Beobachtungsstudien an mikrobiologischen Instituten hervorgehoben. Siehe: Klaus Amann: »Menschen, Mäuse und Fliegen. Eine wissenschaftssoziologische Analyse der Transformation von Organismen in epistemische Objekt«; in: Zeitschrift für Soziologie, 23 (1994) 1, 31; FN 26. 60 Gernot Böhme macht mit seiner Analyse der Wissenschaften auf einen zentralen Problempunkt der heutigen Wissenschaftsethik aufmerksam. Dies ist eng verknüpft mit dem Ideal des Baconschen Programms, dem die modernen Wissenschaften nominell nach wie vor verpflichtet sind. Indem mit Bacon der wissenschaftlich, technische Fortschritt als Voraussetzung und Bedingung eines allgemeinen humanen und gesellschaftlichen Fortschritts betrachtet wurde, entzieht sich die Wissenschaft prinzipiell der allgemeinen Ethik und unterwirft sich einer wissenschaftlichen Sondermoral, in der die, von der Wissenschaft selbst gesetzten Normen, die Prinzipien der Verantwortung der Wissenschaften festlegen. 44 Aus diesem Grunde muss Hans Lenk nun fordern, dass auch für Wissenschaftler und wissenschaftliches Handeln eine allgemeine Ethik zu gelten hat, dass es eine wissenschaftliche Sondermoral nicht gibt.45 Die Beruhigung des Gewissens wird über zwei Argumentationsstränge geleistet. Zum einen wird die Verantwortung gegenüber den Tieren von einer Minimierungsstrategie der auftretenden Effekte getragen – die Anzahl der ›verbrauchten‹ Tiere als auch das Leiden jedes einzelnen Tieres werden möglichst gering gehalten (vgl. 032 und 036). Zum anderen wird das Baconsche Programm zur Legitimation der Fo rschung herangezogen, indem der zu erwartende Nutzen der Forschung für die gesamte Menschheit aufgezeigt wird. 46 »Das geht sogar so weit, dass man sagen muss, das Wirkungsprinzip dieses neuen Impfstoffes ist derartig faszinierend erfolgreich, dass man zur Zeit eigentlich für Bedrohungsszenarien wie Malaria, Tuberkulose, HIV mit den herkömmlichen Impfstoffen eigentlich am Ende angelangt ist. [...] Und aufgrund der immunologischen Mechanismen, die dem neuen Impfstoff zugrunde liegen und echt berechtigte Cha ncen sieht, diese bedrohlichen Krankheitsformen auf der Erde in den Griff zu bekommen. Noch dazu eben wahrscheinlich unter Voraussetzungen, die sich auch Länder – Dritte Welt Länder – leisten werden können. Und deshalb ist es natürlich unter Wissenschaftlern außer Zweifel, dass diese Methode verfolgt werden müssen.« (032, 120-131). 44 45 46 Siehe: G. Böhme: »Am Ende des Baconschen Zeitalters«; in: Gernot Böhme: Am Ende des Baconschen Zeitalters. ... loc. cit., 7-31. H. Lenk: »Moralische Herausforderung der Wissenschaft?«; in: H. Lenk (Hg): Wissenschaft und Ethik ... loc. cit. 15-18 und H. Lenk: »Zu einer praxisnahen Ethik der Verantwortung in den Wissenschaften«; in: ibid., 54-75. Siehe: Gernot Böhme: »Am Ende des Baconschen Zeitalters« ... lit. cit. 7-31. 61 Zudem wird – je nach Art der Tierversuche – auch das Leiden der Tiere mitunter relativiert, wenn etwa darauf verwiesen wird, dass die Anzahl der für ein bestimmtes Forschungsprojekt mit ›sanften‹ Mitteln getöteten Tiere oft in keiner Relation zu der für den Konsum bestimmten Tiere steht. So berichtet ein Biowissenschafter von einem Forschungsprojekt von Kollegen über Blutgefäße und Behandlungsmöglichkeiten von Anarismen (Gefäßanomalien im Gehirn). »Ist das gerechtfertigt? – Nicht, das Kaninchen leidet garantiert enorm unter diesen Forschungsansätzen. Das Problem ist; darf man das machen, um die Humanmedizin voran zu bringen? Das ist ein unlösbares Problem an sich. Weil wenn ich sage: ›Nein‹ – dann schade ich den Menschen, denen damit geholfen werden kann. Sage ich: ›Ja‹ – dann schade ich dem Kaninchen.« (036, 276-280). Das Projekt wird dann im nächsten Satz damit verteidigt, dass Kaninchen sonst mit einem Holzprügel erschlagen, abgehäutet und in die Pfanne gehauen werden. »Dann frage ich mich halt, na ja, wenn der das so machen darf, dann darf ich vielleicht zehn Karnickel für den anderen Zweck verbrauche; noch dazu, wo das ja ein guter Zweck ist. Da kommen wir in ein Dilemma, ...« (036, 285-287). Diese Argumente dienen der Beruhigung des Gewissens und sind zugleich aber auch Ausdruck des prinzipiellen Verantwortungsbewusstseins der jeweiligen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die selbst das moralische Dilemma, in dem sie stehen, erkennen, aber nicht lösen können. Es ist ihnen immer wieder und aufs Neue persönlich ein Problem Tierversuche durchführen zu ›müssen‹ und dabei Tiere leiden zu sehen und zu töten. »Darum habe ich natürlich auch mit meinen Fischen nicht unbedingt ein solch völlig einheitlich positiv – durchgehend positives Gefühl, wenn ich jetzt da meine Fischembryonen in einer chemischen Lösung fixiere und damit natürlich umbringe, letztendlich. Das ist klar.« (036, 141-144). Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die meisten Tierversuche in der Projektplanungsphase bei sogenannten Ethikkommissionen eingereicht und genehmigt werden müssen. 47 Otfried Höffe stellt in seiner Stu47 Zur Arbeit sogenannter Ethikkommission siehe vor allem: Wolfgang van den Daele, Heribert Müller-Salomon: Die Kontrolle der Forschung am Menschen durch Ethikkommissionen (Reihe: Medizin in Recht und Ethik, 22), Stuttgart: Enke – 1990. Vgl. auch: Matthias Kettner: »Überlegungen zu einer integrierten Theorie von Ethik-Kommissionen und Ethik–Komitees«; in: Jahrbuch für Wissenschaft und Ethik, Bd.7, Berlin, New York: de Gruyter – 2002, 53-71. 62 die über die Argumentationsstruktur in der Debatte für und wider wissenschaftlicher Tierversuche fest: »Die Berufung auf die Gesundheit und das Leben des Menschen, das sowohl sachlich als auch rhetorisch stärkste Argument zugunsten der Tierexperimente, darf nicht übersehen, dass danach sehr viele, vielleicht sogar die überwiegende Zahl von wissenschaftlichen Tierversuchen sittlich illegitim sind. Dass sie trotzdem durchgeführt werden, beweist auf unübersehbare Weise, wie sehr unsere Zivilisation von anderen als sittlichen Maßstäben beherrscht wird.«48 Höffe spricht hier ein Dilemma innerhalb des ethischen Diskurses über Tierversuche an, das den betroffenen Wissenschaftlern eher intuitiv gegenwärtig ist; dass ein begründeter wissenschaftlicher und/oder wirtschaftlicher, sozialer etc. Fortschritt von sich aus die ethische Problematik von Tierversuchen nicht begründet, denn das individuelle Leid des betroffenen Tieres bleibt Teil des wissenschaftlichen Handelns und wird als solches auch wahrgenommen. »Aber auf das einzelne Individuum bezogen ist das natürlich schon ein Unterschied, ob der Fisch die Chance hat sich zu entwickeln. [...] Aber trotzdem, ich meine, für den einzelnen Fisch, den ich aufziehe und dann für meine Sache töte, weil man muss das so nennen, weil das ist so, für den ist das [gemeint ist hier die Relativierung, dass der natürliche Feind täglich das vielfache von dem verspeist, was der konkrete Wissenschaftler für seine Versuche ›verbraucht‹] wurst, weil der ist dann tot, weil ich dort eingreife.« (036, 239-249). Der Umgang mit dieser Problematik des Biowissenschaftlers steht in engem Zusammenhang mit der Verwandlung des Gegenstandes der biologischen Forschung in ein epistemisches Objekt. Klaus Amann zeigt am Beispiel molekularbiologischer Laboratorien auf, auf welche Weise materiale und symbolische Transformationen ›natürliche‹ Objekte in epistemische Dinge verwandelt werden.49 Organismen werden dabei zu ›Technofakte‹, d.h. sie werden gezüchtet, verkauft und ›verbraucht‹. Die lebenden Organismen, die hier Gegenstand der wissenschaftlichen Experimente sind, sind komplexen Modellierungsprozessen unterworfen, deren Pro48 49 Otfried Höffe: »Der wissenschaftliche Tierversuch: eine bioethische Fallstudie«; in: Elisabeth Ströker (Hg.): Ethik in der Wissenschaft? Philosophische Fragen (Ethik in der Wissenschaft, 1), München ea.: Fink – 1984, 127. Klaus Amann: »Menschen, Mäuse und Fliegen. Eine wissenssoziologische Analyse der Transformation von Organismen in epistemische Objekt«; in: Zeitschrift für Soziologie, 23 (1994)1, 22-40. 63 dukt von der lebensweltlichen Natur – etwa der Hausmaus – abstrahiert ist. 50 »Die zweite Natur im Labor bildet die lokale stabilisierte Umwelt für den epistemologisch bedeutsamen Übergang von der Maus als lebensweltlichem Organismus zu einem Modellsystem mit dem Namen Maus. In den letzten Zuckungen eines getöteten Tieres liegen die letzten sichtbaren Ähnlichkeiten biologischen Materials mit dem lebensweltlich erkennbaren Tier.« 51 Im Rahmen dieser Abstraktion des epistemischen Gegenstands vom lebenden Organismus wird aber auch das Wissen um diesen Gegenstand verändert. Der lebensweltliche Erfahrungshorizont vom Lebendigen wird gleichsam eingeklammert. Innerhalb des Labors werden die Organismen als solche nahezu irrelevant.52 »Ich mein, wenn man das Präparat von diesem Tier einmal hat, das ist ja tot – töter geht es nicht. Das ist zwar falsch formuliert, sprachlich. Was wir da tun, führt zum absoluten Ende jeder Lebensprozesse. Das ist ja Absicht. Wenn man etwas für die Elektronenmikroskopie präparieren – also das ist so tot, da geht nichts mehr. Dann ist uns das, der Aspekt ziemlich wurst. Weil da geht es dann eher um technische Fragen: Wie schneiden wir das in Scheiben, die wir brauchen können? Wie färben wir das an? Wie kriegen wir unsere Antikörper zum reagieren? ...« (036, 342-349). Es handelt sich dabei um eine Einklammerung lebensweltlicher Relevanzen im Rahmen der wissenschaftlichen Zuwendung des Forschers auf seinen Forschungsgegenstand im Sinne Edmund Husserls ›epoché‹. Eine solche Einklammerung ist aber nur als vorübergehende Ausblendung bestimmter Sinnstrukturen zu verstehen, die im Kontext der wissenschaftlichen Zuwendung irrelevant sind. In ihrem Mensch-Sein behält das Lebendige der untersuchten Organismen seine lebensweltliche und damit auch ethische Relevanz und den Wissenschaftlern wird diese Relevanz an den Übergangsstellen des beschriebenen Transformationsprozesses deutlich. Konkret heißt das: »Am häufigsten bei mir bei der Probennahme selber.« (036, 351); »..., weil da muss ich die Viecher fangen, überhaupt wenn sie schon schwimmen.« (036, 353); der ganze Prozess der Präparierung stellt dann für den Wissenschaftler jedes Mal eine Herausforderung dar. »Und da denke ich eigentlich jedes Mal nach.« (036, 365-366). Das Bewusstsein um die ethische Relevanz im Umgang mit lebenden Organismen im eigenen Forschungshandeln findet an 50 51 52 Ibid., 29-30. Ibid., 29. Ibid., 29. 64 dieser Schnittstelle der Präparation von Organismen zu epistemischen Gegenständen statt, weil das Töten und Präparieren des Lebendigen selbst anschaulich präsent ist und damit thematisch relevant wird. In der Bearbeitung des derart hergestellten Technofakts im biologischen Labor verschwindet diese Präsenz und die ethische Relevanz wird vom Forscher eingeklammert. Hieraus erklären sich auch Unterschiede der ethischen Sensibilität verschiedener Forscher, da im Rahmen der naturwissenschaftlichen Arbeitsteilung diese Transformationsarbeiten nicht von allen Mitarbeitern vollzogen werden, bzw. in manchen Bereichen der naturwissenschaftlichen Forschung fertig präparierte Produkte von eigenen Firmen angekauft werden.53 »Und nachdem das hauptsächlich ich mache, bin ich eigentlich der Hauptbetroffene von der Arbeitsgruppe zu diesen Fragen.« (036, 370-372). In einem Interview (032) wird das besondere Problem der Tierversuche mit Primaten angesprochen, an denen Versuche der medizinischen Forschung vorgenommen werden, bevor diese in die klinische Phase – das sind Tests mit menschlichen Probanden – gehen können. Dem besonderen Status der Primate für die wissenschaftliche Forschung wurde nun auch das Tierschutzgesetz gerecht – wie mir erleichtert mitgeteilt wurde. »Und Gott sei Dank ist es jetzt auch so gekommen, dass die Primaten, in erster Linie natürlich Schimpansen, mit denen man sehr viel gemacht hat, als wirklich letztes Stadium vor dem Versuch an dem Menschen, dass diese Schimpansen auch Personenrechte bekommen haben. Das heißt, sie wurden nicht getötet nach den Versuchen. Sozusagen wenn die Tiere nicht mehr gebraucht wurden, wurden sie in eine Art Pension übernommen.« (032, 354-360), wo sie artgerecht gehalten und resozialisiert werden. »Das ist auf den Druck der Öffentlichkeit auf die Wissenschaft hin entstanden.« (032, 369-370). Der Umgang ist im Prinzip der gleiche. Auf der einen Seite steht das hohe Bewusstsein des Wissenschaftlers über die Problematik seines Handelns, auf der anderen Seite die wissenschaftliche Notwendigkeit solche Tierversuche durchzuführen. Das solcherart beunruhigte Gewissen wird beruhigt, indem man auf den – nun auch rechtlich verankerten – hohen Standard im Umgang mit diesen Tieren verweist und zugleich die Anwendung solcher Versuche zahlenmäßig gering zu halten bemüht ist. 53 Siehe: ibid., 30-31. 65 3.2.2. Der Mensch als Proband in der wissenschaftlichen Forschung In vier Interviews wurden verschiedene Aspekte angesprochen, in denen der Mensch als Proband wissenschaftlicher Forschung dient. (1) in der medizinischen Forschung; (2) in der Bewegungsleistungsforschung der Sportwissenschaften; (3) sowie in der psychologischen und pädagogischen Forschung. Der Umgang und die Problematik ist in den hier genannten Bereichen recht unterschiedlich. Auf den dritten, der hier genannten Bereichen, werden wir später gesondert eingehen, wenn wir die ethischen Themen und Probleme der psychologischen Wissenschaften behandeln, da dies doch ein sehr spezieller Bereich der Forschung mit Menschen ist. 54 Im Bereich der medizinischen Forschung ist der Umgang mit den Menschen als Probanden besonders problematisch. Hier begegnet man, wie im Falle der Tierversuche einem Konflikt zwischen wissenschaftlichen Normen und ethischer Verantwortbarkeit wissenschaftlicher Handlungen. »Eigentlich sind die Bedingungen – das ist sogar ein – also hier steckt man von der wissenschaftlichen und der medizinischen Seite in einem echten Dilemma: Die Bedingungen, um neue Methoden am Menschen testen zu können, sind derart rigide, dass wahrscheinlich – würde ich mir trauen zu sagen – vieles an wirksamen Produkten und Methoden rein aus formalen Gründen nie irgendwo in Wirksamkeitsprüfungen kommt.« (032, 212218). Zum einen entstehen bei der Entwicklung z. B. eines Impfstoffes bis er marktreif ist, an die ein bis zwei Milliarden Schillinge (Deshalb – ein anderes ethisches Problem in dem Bereich der Forschung – ist die Bereitschaft der großen Konzerne auf neue Methoden und Technologien umzusteigen relativ gering. Erst wenn die enormen Kosten abgeschrieben sind, werden neue Mittel entwickelt und hergestellt.). Zum anderen gibt es strenge Zulassungsverfahren für klinische Tests, »um die Auflagen, um an eine medizinische Studie zu gelangen, sind extrem hoch. Die Ethikkomitees. Es ist nicht nur das wissenschaftliche ›proof of principle‹ ist ganz wichtig. Sie müssen das publiziert haben in einer renommierten Zeitschrift. Sie müssen die Wirkmechanismen verstehen und erklären können, Wissenschaftlern und Medizinern. Und dann erst können Sie durch die Ethikkommission durch, die beschränkt Phase 1 extrem stark.« (032, 265271). Ein weiteres wissenschaftliches Problem liegt dann noch darin, dass 54 Siehe: unten, Seite 72. 66 bestimmte Behandlungen mit hohem Risiko – wenn man etwa Tumorimpfstoffe testen will – nur an sogenannten ›Terminalpatienten‹ getestet werden dürfen. »Terminalpatienten sind Menschen mit einer Lebensdauer von meistens 4 Wochen, 6, 8, 10 Wochen. Das heißt todkranke Menschen. Ganz einfach ausgedrückt, die sowieso keine Chance mehr haben. Hier bestünde die Chance einer Heilung – nur mehr einer Heilung – alles andere ist sowieso statistisch abgesichert, dass die sterben müssen. Das Problem aus wissenschaftlicher Sicht ist aber hier, natürlich auch aus ethischer Sicht, dass diese Menschen, weder das Immunsystem noch die Physiologie der Menschen in irgendeiner Form noch funktioniert. Und teilweise auch das Wirkungsprinzip nicht mehr funktioniert und die Aussagekraft von Phase 1 Studien sehr klein ist. Das heißt ein Impfstoff der wirken könnte im Anfangsstadium eines Tumors, wirkt natürlich nicht mehr bei einem Spätstadium des Tumors.« (032, 279-290). Im Bereich der Sportwissenschaften werden leistungssteigernde Methoden meist an Spitzensportlerinnen und Spitzensportlern getestet, wobei das Einverständnis der/des vom Wissenschaftler aufgeklärten Sportlerin/Sportler vorausgesetzt ist. »Aber ... der Spitzensportler ist primär an seiner Leistung interessiert und ist bereit da viel zu tun. Es ist die Frage, soll man das alles akzeptieren.« (044, 53-55). Die Verantwortungsproblematik des Wissenschaftlers liegt dabei vor allem in der Folgenabschätzung. »Wenn es darum geht bestimmte Methoden tatsächlich zu überprüfen, weiß man am Beginn in vielen Fällen nicht, wie reagieren einzelne Personen darauf und die Wahrscheinlichkeit, dass das biopositiv sein wird, ist meistes hoch. Aber es gibt zumindest auch die Gefahr, dass es negative Auswirkungen auf Gesundheit, Befindlichkeit im weitesten Sinn haben kann. Und da stellt man sich die Frage: ist das zumutbar oder nicht.« (044, 15-21). Die Schwierigkeit liegt insbesondere darin, dass viele Effekte sich erst langfristig einstellen und mögliche negative Folgen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Die Entscheidungen darüber, was gemacht wird oder nicht, liegt dann meistens beim Forscher selbst, bzw. werden in problematischen Fällen auf jeden Fall Ethikkommissionen damit befasst. Heikel wird es im Umgang mit Spitzensport. Auf der einen Seite ist der Hochleistungssport besonders reizvoll. »Auf der anderen Seite weiß man, dass der Hochleistungssport in vielen Sportarten heute alles eher ist als frei von unerlaubten Mitteln, die zur Leistungssteigerung beitragen – Stichwort ›Doping‹. Und hier ist zu überlegen, soll ich trotzdem 67 in dieser Richtung mit Athleten versuchen zu forschen. Lehne ich einfach Spitzensport ab, weil ich weiß, dass hier sehr viel mit unerlaubten Mittel gearbeitet wird.« (044, 43-48). Die Wissenschaftler sehen sich in diesem Bereich der Forschung großen Hürden gegenüber, die als notwendige Regulierung der Forschung betrachtet werden, obwohl sie auch möglichen humanen Fortschritt behindern können. Doch während bei Tierversuchen das Einzelschicksal des Tieres – durch mehr oder weniger rationalisierte Argumente – für den humanen oder wissenschaftlichen Fortschritt dann doch – wenn auch unter Umständen schwermütig – geopfert werden, wird eine solche Argumentation, wenn es um Menschen geht, nicht mehr in Erwägung gezogen. 3.2.3. Der engagierte Biologe zwischen wissenschaftlicher Neugier und Naturschutz Das ethische Problem, das wir mit den Tierversuchen im Umgang mit lebenden Organismen als Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung aufgeworfen haben, lässt sich im Wesentlichen auch auf die ganze Natur verallgemeinern. Biowissenschafter, die im Bereich der pflanzlichen Umwelt tätig sind, stehen ebenso dem ethischen Dilemma gegenüber, für ihre analytischen Forschungsmethoden lebende Organismen töten zu müssen. »Ich komme in Konfliktsituationen, wenn ich Flechten, wenn ich, sagen wir z. B. Hitzeresistenzuntersuchungen mache und ich weiß genau, die werden das nicht überleben. Das ist für mich in gewisser Weise, das ist für mich ein ethisches Problem, weil ich hier genau weiß, die Organismen überleben das nicht, aber ich bin gezwungen aufgrund der Methode, dies einfach so zu bestimmen und ich muss die auf die Weise denen den Gar ausblasen in gewisser Weise und den Gar ausmachen.« (023, 147-153). Und auch hier wird wieder nach dem selben Schema argumentiert: »Aber das mache ich mit solchen Organismen, wo ich genau weiß, dass die sich erstens relativ rasch vermehren und zweitens dass sie in genügender Zahl zuhanden sind.« (023, 153-155). Es ist allgemeine Praxis, dass man nur Organismen untersucht, »wo man weiß, dass die eben auch in entsprechender Anzahl, in entsprechende Menge zur Verfügung sind, also nicht, dass man da irgendwelche Populationen ausrotten.« (023, 167-170). Darüber hinausgehend entnimmt man von seltenen Arten »nur ganz kleine Fussel und den Rest, den muss ich stehen lassen.« (023, 172-174). 68 Das geht so weit, »dass wenn ich irgendwo seltene Flechten finde, dass man dann Fundorte nicht so klar angibt. Denn normalerweise ist das so, dass man heute Fundorte genau definiert mit dem GPS – ... – und das gibt man auch ein. [...] da stehen dann genau die Daten und das kann man dann genau fast auf den Meter genau nachvollziehen und finden. Und das schreibt man dann bei sehr, sehr seltenen Dingen nicht drauf, wo man nur ein gröberes Raster nimmt. Da nehme ich die Sekunden nicht mehr dazu.« (023, 200-209). Der Umgang mit dem Dilemma, durch sein wissenschaftliches Handeln möglicherweise indirekt zur Ausrottung einer seltenen Art beizutragen, besteht darin, es mit der Datenangabe nicht so genau zu nehmen. Damit verstößt man zwar gegen den wissenschaftlichen Grundsatz, die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit der Allgemeinheit zu teilen, indem man einen Fundort nicht genau angibt, wird aber dem Interesse gerecht, das Fundobjekt im Sinne des Naturschutzes zu schützen. In der Ökologieforschung findet man solche Selbstbeschränkungen der Forschergemeinschaft in Bezug auf Naturschutzgebiete. »... – es ist für mich undenkbar oder unmöglich, dass ich mit einer Exkursion in ein streng geschütztes Naturschutzgebiet hineinlatsche. Ich gehe bis zum Rand und sage: ›So Leute – bis daher und nicht weiter.‹.« (025, 293-296). Es kann diesbezüglich auch nicht zu einer generellen Ausnahme für Wissenschaftler kommen – »da muss man ethische Kriterien unbedingt ansetzen.« (025, 305-306). Ausnahmegenehmigungen durch die Behörden kann es nur unter sachlicher und moralischer Begründung geben: »… das muss auch entsprechend nicht nur sachlich, sondern ich muss das auch moralisch begründen können für mich. Oder ich gehe – der Rest ist tabu.« (025, 315-316). »Aber da muss ich schon sagen, da muss ich Prioritäten setzen, weil wenn ich sage, wenn ich jetzt eine wissenschaftliche Neugierde erwecke, der dann eine Diplomarbeit eiern davon machen will, dann sehe ich kein Problem, dass man ansucht um eine Betretgenehmigung. Nicht aber wenn ich zwanzig Studenten irgendetwas demonstriere, das kann ich woanders auch. ... Das ist nicht notwendig. Das muss ich schon abwägen: Muss das dort sein?« (025, 318-324). 3.2.4. Beratung und Auftragsforschung in den Biowissenschaften In diesem Beispiel geht es im Wesentlichen, ähnlich wie im sozialwissenschaftlichen Bereich darum, dass wissenschaftliche Fachgutachten in der 69 Politik nicht berücksichtigt werden, wenn sie einer politischen Meinung nicht genehm sind. »... wir können nur ein Fachgutachten geben, wenn die Politiker dann sich darüber hinwegsetzen, wie es ja oft der Fall ist – das war jetzt nicht in Salzburg, aber ich kann mir diese prekäre Situation damals in Tirol, wo sie einfach ein Naturschutzgebiet aufgehoben haben, damit sie dort einen Schilift bauen können. Innerhalb einer Woche ist das gegangen. Interessanterweise kurz vor Gemeinderatswahlen. Dann ist das natürlich für mich schon ein Argument, dass da eigentlich grundlegende ethische Prinzipien anscheinend oder scheinbar nicht berücksichtigt werden. Das sind dann so Sachen, wo ich sage: da gehe ich auf die Barrikaden.« (025, 154-163). Hierbei geht es um Konflikte mit politischen Entscheidungsträgern, welche das wissenschaftliche Fachgutachten in ihrem Entscheidungsprozess nicht oder nicht hinereichend berücksichtigen. Der Wissenschaftler dringt sozusagen mit seiner gesellschaftlichen Verantwortung in der Gesellschaft nicht durch. 3.3. Ethik in den psychologischen Wissenschaften Da in der psychologischen Forschung aufgrund der Methode und dem Gegenstand der Forschung ein ganz eigener Bereich der wissenschaftlichen Verantwortung feststellbar ist, haben wir die Psychologie aus dem Bereich der Naturwissenschaften und die Pädagogik aus dem Bereich der Sozialwissenschaften herausgenommen und als eine eigene Wissenschaftskultur ausgewertet. Zusätzlich haben wir auch die relevanten Teile eines theologischen Interviews (003) für die Interpretation der Rollenkonflikte von Psychologen hier herangezogen. In der psychologischen Forschung ist der Wissenschaftler vor allem mit drei typischen Problemfelder konfrontiert: (1) Aufgrund der besonderen Nähe der psychologischen Forschung mit psychologischen Therapien sind die Wissenschaftler der psychologischen Wissenschaften einem eigenen Rollenkonflikt ausgesetzt, wenn sie auch als Therapeut beansprucht werden. (2) Die psychologische Forschung unterscheidet sich von den Sozialwissenschaften auf der einen Seite und den Biowissenschaften auf der anderen Seite in der Art, wie hier Menschen als Objekte der Forschung herangezogen werden. (3) Und auch der Umgang mit zum Teil sehr persönlichen Daten stellt sich für die psychologischen Wissenschaften anders als für die Sozialwissenschaften. 70 3.3.1. Therapeut oder Wissenschaftler – ein Rollenkonflikt Eine besondere Art des Rollenkonfliktes, der ethische Konflikte mit sich bringt, haben Wissenschaftler psychologischer Fachrichtungen, wenn im Rahmen ihrer Lehre Studierende, bzw. im Rahmen ihrer Forschung Probanden, aus der Thematisierung psychischer Themen heraus den lehrenden oder forschenden Wissenschaftler therapeutisch beanspruchen (Fachrichtungen Psychologie (045), Pädagogik (011) und z.T. auch in der Theologie (003)). Dieser Rollenkonflikt sticht hervor, weil der darin enthaltene ethische Aspekt für die betroffenen Wissenschaftler besonders deutlich hervortritt. Zum einen ist hier ein Mensch, der psychisch leidet und um Hilfe bittet und ein Wissenschaftler, der diesen Menschen in seinem psychischen Leiden angesprochen hat, aber aufgrund seiner Rolle als Lehrender oder Forschender, die Hilfe nicht geben kann, um die hier gebeten wird. »... und der Spagat, was wiederum auch mit meinem Fach zu tun hat, zwischen Theologie, Psychologie, Psychotherapie, Seelsorge, wo diese Connections und – was weiß ich – der Bereich der Kirche als Organisation anzuschauen. Und was das für meine Rolle heißt, ist, dass manchmal auch aufgrund von bestimmten Lehrveranstaltungen, wo es um den Erwerb sozialer Kompetenzen und das ganze geht, ich schon vor die Lage gestellt wurde, dass Studenten bei mir so eine Art Coaching, Supervision bis in therapeutische Begleitung hinein wollen. Das ist sozusagen ein Rollenkonflikt, den ich dahingehend löse, dass das nicht geht. [...]« (003, 87-96).55 Der Interviewte erzählt von einer Lehrveranstaltung, in der bestimmte pädagogisch-psychologische Theorien über Selbsterfahrung verglichen werden. »[E]s wird auch berichtet, dass sie manchmal eine gewisse Sperre haben, über sich da was zu schreiben, obwohl sie es ja anonymisieren, aber natürlich ist es meistens von ihnen selber im Vergleich zu anderen oder so und dass sie aber im Zuge des Schreibens also, wie beim Führen eines Tagesbuches, einfach immer mehr Gefallen daran finden. Und auf Sachen darauf kommen, theoriegeleitet auf Sachen darauf kommen über sich, die sehr wichtig sind. Sie es noch gar nicht gesehen haben, ohne dass da jetzt eine Therapie stattfindet. Und ich verweigere auch die Therapie, indem ich sage: das hat keinen therapeutischen Zweck, das ist mir eher 55 Für ein anderes Beispiel bei dem psychologische, therapeutische Aspekte in die theologische Lehre einfließen: Interview 040, 81-118. 71 unangenehm sozusagen. Wenn jetzt eine Person zu mir kommt und mit mir das weiter führen möchte, dass ist nicht ...« (011, 106-116). »Ja und dann bin ich überfordert, nicht. Das hat einen anderen Zweck.« (011, 118119). »Na also an sich lauft das gut, und ich kann mich nur daran erinnern, dass ich mich ab und zu wehren musste, weil Leute dann irgendwie mehr persönliche Zuwendung, nicht – quasi dann eine Problemverankerung gefunden [haben] – eine soziale – in mir, nicht – und das kann ich nicht betreiben.« (011, 129-133). »... wenn das so bewusst, unbewusst an mich herangetragen wird, dann verweise ich schon auf vielleicht professionelle Hilfe, nicht. Es gibt eine Therapie, es gibt Therapeuten, das ist professionell und das ist nicht mein Geschäft und würde mich völlig überfordern und auch die ganze Methode in Frage stellen, grundsätzlich.« (011, 136-140). Am deutlichsten wird dieses Problem im Fachbereich Psychologie besonders dann, wenn der Wissenschaftler selbst ausgebildeter Therapeut ist, wie in diesem Falle. Während in den oben genannten Beispielen eine therapeutische Beziehung sofort unterbunden wird, fühlt sich der Psychologie mit therapeutischer Ausbildung stärker dazu verpflichtet, seine therapeutischen Erfahrungen und Fähigkeiten in krassen Fällen zumindest soweit einzusetzen, dass mit dem Betreffenden ein klärendes Gespräch geführt wird, das demjenigen helfen soll anderweitige professionelle Hilfe zu suchen und anzunehmen. »Sie wissen ja, in der klinischen Psychologie da ist man immer so in ... der Gefahr der Mehrfachbeziehungen. Also das ist etwas, dass ich persönlich versuch sehr stark zu kontrollieren oder zu vermeiden. Also ich meine, es gibt so die persönliche Beziehung zu den Studenten, aber dann gibt es natürlich auch so Situationen, wo ein Student zu jemanden kommt, oder eine Studentin und über etwas Persönliches reden will. Solange das nur in einem Kontakt bleibt, ist das für mich kein Problem. Aber schwierig wird das, wenn daraus z. B. quasi eine therapeutische Beziehung würde, also dass würde ich nicht weiter verfolgen.« (045, 124-133). »Oder früher habe ich empirische Seminare gemacht ... und da habe ich auch Skalen, die schwere und belastende Ereignisse erfassen, die Studenten bearbeiten lassen, damit sie da ein bisserl einen Bezug kriegen, wie das in der Psychologie ausschaut. Und da ist es schon hin und wieder vorgekommen, ohne dass ich das gewollt hätte, ..., dass mir jemand sehr freimütig über Abtreibung, über schwere Verkehrsunfälle usw. berichtet hat, wo ich dann sozusagen als Lehrveranstaltungsleiter mit ganz intimen Da- 72 ten konfrontiert bin, wo ich mehr – also in einem zweiten Durchgang habe ich das dann ganz anders gemacht, weil ich gesehen habe, da kommt man in ein Näheverhältnis zu einem Menschen, das der Rolle des Lehrveranstaltungsleiters nicht entspricht.« (045, 346-357). »Zum Teil therapeutische Rolle, aber dann einfach diese Rollenkonfusion zwischen – ich muss den ja bewerten, ich muss dem ja eine Note darauf geben, aber gleichzeitig gibt der mir aber sozusagen sein Innerstes Preis.« (045, 359-361). In seiner Rolle als Psychotherapeut kann er, wenn das Gespräch gesucht wird, diesem Gespräch nicht ganz aus dem Weg gehen, weil er das psychische Leid der Person sieht und weiß, diese Hilfe geben zu können. »Also ich habe in den Fällen, wo es wirklich sehr persönlich war, habe ich das persönliche Gespräch gesucht und habe versucht, das eine auf der Bewerten oder Lehrendenebene zu lösen und das andere in einem persönlichen Gespräch anzusprechen. Das war halt meine Rolle als Psychotherapeut oder ist mir meine Funktion als Psychotherapeut auch zu Hilfe gekommen, aber ich habe das immer bei einem Gespräch belassen, also das habe ich nicht weiter verfolgt.« (045, 364-371). Dennoch muss er die therapeutische Beziehung nach einem Gespräch abbrechen um nicht in Konflikte mit seiner wissenschaftlichen Rolle zu geraten. 3.3.2. Der Mensch als Proband psychologischer Forschung Im Bereich der psychologischen Forschung hat man zunächst – ähnlich wie in den Sozialwissenschaften – mit den Persönlichkeitsrechten der untersuchten Personen zu tun. Dies impliziert die üblichen Anonymisierungsverfahren im Umgang mit persönlichen Daten von Personen. Darauf werden wir bei den Sozialwissenschaften näher eingehen. Jedoch kommt bei psychologischen Erhebungen und Tests, wie man sie in der psychologischen und auch pädagogischen empirischen Forschung durchführt, noch ein weiteres ethisches Problem hinzu: Die Problematik – wie wir sie in den Biowissenschaften allgemein im Umgang mit organischen Material als Untersuchungsgegenstand haben –, dass mit solchen Tests in das psychische Wohlergehen von Personen eingegriffen wird und der einzelne Wissenschaftler diese Effekte seines Forschungshandelns verantworten muss. »Und da geht es um negative, belastende Erfahrungen. Und da ist zum Beispiel die Frage, wie weit darf man da gehen? – ja. Wie weit kann man da gehen und wie weit darf man da etwas aufreißen, was man sozusa- 73 gen da nicht mehr – ... das ist ein ethisches Problem.« (045, 60-65). Bei einer Studie über Menschen, die einen plötzlichen Schweren Verlust durch den Tod eines engen, nahen Angehörigen zu verarbeiten hatten, »aber da stellt sich natürlich [die Frage]: Was löst eine Studie, eine Befragung aus?« (045, 85-86). »Auch das ist die Frage, wie weit darf man an jemanden herantreten, der eine Psychotherapie beendet hat und inwieweit ist das wie ein unzulässiger Eingriff in das Leben des Menschen, weil er mit dem noch einmal konfrontiert wird, was ihm damals vielleicht nicht gut getan hat, oder wo es ihm nicht gut gegangen ist damit.« (045, 92-96). Besonders krass wird es mit Methoden wie dem Konflikt-Interview, bei dem man von zwei Partnern verlangt über die schwierigste Situation des letzen Monats zu reden. »…. und da stellt sich schon die Frage, was passiert da, wenn die – weil da entsteht ziemlich schnell ein ziemlicher Konflikt. Und da könnte es, jetzt gerade bei Patienten, wo man weiß, dass zwischenmenschliche Partnerbeziehungskonflikte, dass die eine aufrechterhaltende Funktion für die Depression haben, kann es natürlich passieren, dass das hinterher weiter getragen wird.« (045, 173-178). Auch in der psychologischen Forschung kann es zwischen dem ethischen Verständnis des Wissenschaftlers und den, von der Wissenschaft verlangten Normen zu Konflikten kommen. Wenn etwa in einer Evaluierungsstudie der Erfolg einer therapeutischen Maßnahme mit einer Kontrollgruppe verglichen werden sollte, wobei der Forscher jenen Probanden, die zufällig in die Kontrollgruppe geraten sind, von den positiven Effekten der therapeutischen Maßnahme ausschließen muss. »..., ist es ethisch gerechtfertigt einer Person oder einem Patienten, einer Patientin, die eine Depression hat, oder eine andere, einen anderen psychischen Leidenszustand hat, für, was weiß ich, ein Jahr oder noch länger keine Therapie zu geben, weil sie zufällig gerade in die Wartekontrollgruppe oder die Vergleichsgruppe fällt.« (045, 216-221). Der Umgang mit solchen ethischen Dilemmata ist – ähnlich wie in den biologischen Fächern – der, dass versucht wird, die negativen Effekte der Testanordnung möglichst gering zu halten. In dem konkreten Fall heißt das, dass man Personen, die sich in einer psychischen Notlage befinden, nicht in die Kontrollgruppen gibt, sondern nur Personen in die Kontrollgruppe einordnet, deren Leiden nicht so akut oder schwerwiegend ist, wodurch man natürlich methodisch angreifbar wird, weil die Kontrollgruppen nicht mehr ganz vergleichbar sind. 74 Prinzipiell gilt in diesem Bereich der Forschung, dass der Wissenschaftler nichts leichtfertig tun darf, was zum Schaden einer Person sein könnte. »Aber trotzdem, wir sind sensibilisiert und daher gelten für uns [Pädagogen] eigentlich die selben Prinzipien wie für alle Sozialwissenschaftler, dass Untersuchungen nicht zum Schaden sein dürfen.« (011, 215-218). Konkret sieht das so aus, »[d]ass da immer eine Person dabei ist, die was lernt, nicht und dabei in sich etwas entwickelt und wenn das zu seinem Schaden ist, dann dürfte de Versuch nicht stattfinden, müsste abgebrochen werden, so was dürfte dann nicht wiederholt werden. Auch wenn dadurch wichtige Erkenntnisse nicht beigebracht werden können. Also steht bei den Pädagogen schon sehr viel mehr [als bei den Psychologen] im Vordergrund.« (011, 223-228). 3.3.3. Umgang mit persönlichen Daten in der psychologischen Forschung In der psychologischen Forschung und Ausbildung hat man es sehr oft mit Fallbeispielen zu tun, die sehr detailliert in intime Bereiche der jeweiligen Person hineingehen. Dabei stellt sich das Problem der Behandlung dieser persönlichen Daten im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Veröffentlichungen noch schwieriger als in den Sozialwissenschaften in denen dies in etwas anderer Form eine erhebliche Rolle spielt (dazu mehr im Folgenden). Im Bereich psychologischer Forschung müssen die Fallbeispiele nicht nur anonymisiert werden, sondern die Beispiele selbst so weit abgewandelt werden, dass aus den Erzählungen keine Rückschlüsse mehr auf die Identität der erzählenden Person getroffen werden können. Der Psychologie muss also die konkreten Fallgeschichten zu ›typischen‹ Fallbeispielen kondensieren bevor er sie in seinen Publikationen zitieren kann. »Ja – das ist bei Fallberichten ein ganz großes Problem. Also das ist, das beschäftigt mich in einem anderen Kontext, also nicht in einem wissenschaftlichen sondern in meiner Funktion als Ausbildungsleiter eines Ausbildungsinstituts. Wir machen ja – oder üblicherweise werden Psychotherapieausbildungen mit einem bis vier, fünf Fallberichten abgeschlossen. Da müssen also die Therapeuten über ihre Therapien berichte schreiben. Und da ist es ganz wesentlich oder auch in meiner Lehre. Ich unterrichte Diagnostik und Begutachtung und die Studenten müssen da Tests und Gutachten durchführen und erstellen und da ist es natürlich wichtig, dass man die Person schützt, dass man die Darstellung sozusagen so verändert, dass 75 zwar nichts verlogen wird oder verzerrt wird aber gleichzeitig die Identität und der private Rahmen der Person geschützt werden.« (045, 314-326). Denselben ethischen Kriterien in der Behandlung von Fallbeispielen begegnet man auch in der angewandten Organisationspsychologie, wenn Konflikte innerhalb einer Organisation untersucht werden. Auch hier werden die Daten nicht nur anonymisiert, sondern darüber hinaus auch im Rahmen typischer Muster so weit verändert, dass die untersuchte Organisation und die beteiligten Personen auch aus dem Zusammenhang nicht mehr erkennbar sind. Ein Beispiel dazu wurde mir aus dem Bereich der Theologie beschrieben. »...– nachdem ich ... sehr viel als Beraterin, Organisationsentwicklerin im kirchlichen Bereich tätig bin, krieg ich dort natürlich sehr viel Daten – zur Verfügung, die ich dann entsprechend meistens anonymisiere natürlich und je nach Zielgruppe – also an wenn das dann hinaus geht, oder die, die das dann lesen – noch einmal inhaltlich was verfälsche. Wenn ich eine bestimmte Geschichte in einer kirchlichen Einrichtung – sei es Konfliktgeschichte oder sei es andere Themenstellungen, dann muss man das auch inhaltlich so verfälschen, meines Erachtens ja, dass es – dass man nicht über den Inhalt auf die entsprechende Einrichtung, Pfarrei oder sonstiges kommt.« (003, 12-22). 3.4. Ethik in den Sozialwissenschaften Ethische Überlegungen sind in den Sozialwissenschaften durchaus Teil des reflexiven »mainstream«. Der »Code of Ethics« der American Sociological Association, um nur ein Beispiel zu geben, formuliert fünf Kernprinzipien, die das ethische Gerüst der Handlungsbewertung abgeben sollen: »professional competence«, »integrity«, »professional and scientific responsibility«, »respect for people’s rights, dignity and diversity«, »social responsability«. Dass hier – wie in anderen Ethikkodizes auch – mehrere Stoßrichtungen gleichzeitig verfolgt werden und es durchaus vorkommen kann, dass sich eine Wissenschafterin in »situations of divided loyalities« findet, zeigt die angesprochene Vierdimensionalität der Wissenschaftsethik auf. Die Sozialwissenschaften haben eine eigene – sehr erhellende – Geschichte von »Skandalen« (z.B. Margaret Mead in der Sozialanthropologie, Daniel Goldhagen in der Geschichtswissenschaft) , die ethische Positionen deutlich werden ließen. 76 Innerhalb der Sozialwissenschaften bilden die historischen Wissenschaften aufgrund ihres Gegenstandes und ihren Methoden eine eigene Untergruppe, in welcher der Umgang mit den ethischen Fragestellungen eine leichte Abweichung erfahren. Generell ist festzustellen, dass in den Sozialwissenschaften vor allem der Umgang mit befragten Personen, deren Personenrechte und der Umgang mit den erhobenen Daten den Kern ethischer Aspekte ihrer wissenschaftlichen Arbeit ausmachen. Verantwortung in den Sozialwissenschaften bezieht sich daher vor allem auf einen verantwortungsbewussten und sorgfältigen Umgang mit persönlichen Daten. Neben diesem Bereich der Verantwortung sind Sozialwissenschaftler auch als Berater für Betriebe, aber vor allem auch öffentliche Ämter und öffentlichen Beratungsstellen tätig. In diesem Tätigkeitsfeld gibt es zahlreiche Konfliktfelder, deren Umgang auch im weiteren Sinne ethische Aspekte beinhalten können. 3.4.1. Verantwortung in den Sozialwissenschaften Mit Ausnahme historischer Arbeiten wird in den Sozialwissenschaften allgemein mit anonymisierten Daten gearbeitet. Dies ist zum Großteil so selbstverständlich, dass es nicht mehr thematisiert wird, außer in Fällen, wo solche Anonymisierungen gescheitert sind. Dies kann vor allem bei kleinen Untersuchungseinheiten dann auftreten, wenn sich also die untersuchte Gruppe sehr gut kennt und die Fallgeschichten eine hohe Typizität aufweisen. In einem solchen Beispiel führte das dazu, dass der Forschungsbericht letztendlich nicht publiziert werden konnte. »Ich habe mit der Frau *** einmal eine sehr interessante Studie gemacht über Assistentinnen an der Universität Salzburg. Also Berufsaussichten und diese Sachen. Haben wir so ausführliche Gespräche geführt im Rahmen eines großen Praktikums mit den Leuten. Haben dann einen Bericht erstellt und haben gesagt, wir werden den publizieren, aber jeder darf ihn einmal anschauen. Und das interessante war, dass sich ungefähr zwei Drittel dagegen ausgesprochen haben, das zu publizieren, weil sie der Meinung waren, sie würden da wiedererkannt. Und das interessante war, jeder hat sich wieder erkannt, weil die Situation so ähnlich war. Und jeder hat gemeint, was da drinnen steht, sei genau ihr Fall, was aber – es war die Realität aller so. Und dann haben wir von der Publikation abstand genommen. Also nur ein kurzer Bericht einmal im Jahrbuch erschienen.« (031, 210-222). 77 Es wird jedoch auch darauf hingewiesen, dass oft das Interesse daran, was mit den erhobenen Daten passiert, was die Forscher mit dem Datenmaterial nach Abschluss des Forschungsprojektes damit machen, sehr gering ist. Dies ist in manchen Fällen durchaus problematisch, weil das gesamte Material unter Umständen doch Rückschlüsse auf die befragten Personen oder Gruppen möglich machen könnten. »Und es ist die Sensibilität äußerst, äußerst gering auch von Seiten möglicher Auftraggeber. [...] Und ich habe nie eine Anfrage bekommen, was zum Beispiel mit den Fragebögen passiert, was mit den Daten weiter passiert, was man damit macht, ob man die weiterverwertet, ob man die ...« (022, 129-136). »Ob die Fragebögen vernichtet werden, ob die archiviert werden, ob die einfach in den normalen Papiercontainer landen, ob die – ob mit die sonst irgendwas passiert. Weil teilweise doch nicht unproblematische Angaben drauf wären. Also da ist auch von Seiten der Öffentlichkeit relativ geringer – relativ geringes Interesse oder relativ wenig problematisiert das Ganze.« (022, 139-143). Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen gehen letztlich vom Wissenschaftler, der damit konfrontiert wird aus. Der jeweilige Wissenschaftler sucht – zur Beruhigung seines Gewissens – einen für ihn vertretbaren Umgang mit dem Material. »Ja [sehr zögerlich!] – wir – ich problematisiere es für mich, aber nicht gegenüber dem Auftraggeber. Ich gehe jetzt nicht hin und sage: was sollen wir mit den Fragebögen machen? Ich mache halt mit die irgendwas, damit ich guten Gewissens leben kann.« (022, 146-149). Die Rationalität solcher Entscheidungen greift letztlich auf den ethischen Hausverstand zurück. » Ja – im Prinzip kann man das mit ein bisserl ethischen Hausverstand auch lösen. Man muss die Unterlagen, Fragebögen oder so Daten halt verwahren, dass sie nicht zugänglich sind für Dritte. Beziehungsweise, wenn man es dann weghaut, Daten kann man dann eh löschen – oder richtig löschen nicht nur irgendwo ... oder Papierfragebögen, dass man sie in einen Reißwolf haut und nicht in einen normalen Altpapiercontainer. Oder wenn man den Computer ausrangiert, den alten, dass man die Festplatte wirklich formatiert und nicht die dann ausbaut und dann verscherbelt mit sämtlichen Daten oben. Das sind im Prinzip ganz selbstverständliche oder sollten ganz selbstverständliche Sachen sein. In unserem Bereich.« (022, 151-160). Die neueren technischen Entwicklungen von Computernetzwerken und dem Internet bringen in der sozialwissenschaftlichen Forschung neue 78 Problematiken im Umgang mit Daten mit sich. »Aber weil es dort eine Menge von Informationen gibt, die mit aufgezeichnet werden und das den Befragten in der Regel gar nicht bewusst ist. Also es wäre möglich zum Beispiel Computer relativ gut zu identifizieren über IP–Nummer, über die Hosts, wo man dann bis zum Standort des Computers alles registrieren kann. Man könnte auch den Computer ausspionieren. Man machte es nicht in der Regel, aber es wäre möglich und es wird teilweise auch gemacht in der Branche. Meist aus lauteren Motiven. Weil man sagt: ›Die Teilnahmerate an solchen Befragungen, wie hängt die zusammen mit technischer Ausstattung. usw.; Modem, Computersystem, verwendete Bildschirmauflösung‹ – weil das auch methodische Effekte zu beobachten gibt. Und das ist sicher ein nicht unproblematischer Bereich.« (022, 23-34). In dem Bereich arbeitet man auch mit Coockies, um mögliche Mehrfachteilnahmen zu verhindern. Es werden also kleine Programme für den Teilnehmer unsichtbar auf dessen Computer gebracht. Obwohl man einerseits annehmen könnte, dass Internetbenutzer prinzipiell wissen müssten, dass solche Sachen passieren, sobald sie sich im Internet bewegen. »Jetzt kann man natürlich sagen, das betrifft nicht unmittelbar meinen Bereich, wenn jemand im Internet unterwegs ist mit dem Computer herumhantiert, müsste er sich selbst darum kümmern, dass er sich da auskennt und weiß was da passiert. Aber im Prinzip ist (es) auch eine Art von Ausnützen von Unkenntnis, wenn man es macht.« (022, 50-55). Ähnlich wie in den anderen Bereichen der Wissenschaft auch, wird hier der Hinweis auf den möglichen Nutzen der Studie – also das Baconsche Ideal vom Nutzen des wissenschaftlichen Fortschritts – herangezogen, um solche Vorgehensweisen zu rechtfertigen, bzw. das eigene Gewissen zu beruhigen. »Die Frage ist immer natürlich, wozu man es macht. Ob das, ob das jetzt wissenschaftlich lautere Gründe sind. Oder ob man damit irgendwie einen Vorteil verschaffen will.« (022, 56-58). Doch ist wiederum darauf hinzuweisen, dass die betroffenen Wissenschaftler sich generell bewusst sind, dass solche Argumente keine Rechtfertigung in einem streng logischen Sinne darstellen können, sondern Elemente einer rationalen Abwägungsrationalität bilden, die eine gewisse Verhältnismäßigkeit gewährleisten soll, und damit die daraus resultierenden Handlungen für den einzelnen Wissenschaftler verantwortbar machen. Sie können aber kein endgültiges Urteil über solche ethischen Fragen geben. So können anhand eines Rasters verschiedener ethischer Prinzipien verschiedene Konse- 79 quenzen solcher Abwägungsentscheidungen von Wissenschaftlern aufzeigen, wie Weichbold und Siegetsleitner sie für Internetbefragungen entwickelt haben. Aber wie sie selber betonen: »Mit dem verwendeten Ansatz gibt es keine ›ethisch korrekte‹ Konzeption und Durchführung einer Befragung und daher auch kein Patenrezept. [...] Das vorgestellte Analyseraster macht mögliche Problemfelder bewusst. Eine Entscheidung kann und will es dem Forscher aber nicht abnehmen.«56 Der Umgang mit den Personenrechten und persönlichen Daten im Rahmen historischer Forschungen weicht darin vom Umgang in den anderen Sozialwissenschaften ab, dass Historiker mit personifizierten Daten arbeiten. Vor allem die sogenannte ›Oral History‹ arbeitet mit Lebensgeschichten, die sich dadurch weitgehend einer Anonymisierung entziehen. Daher ist der sorgfältige Umgang mit dem Material und den Menschen hier besonders thematisiert. Anhand eines konkreten Beispiels kann deutlich gemacht werden, wie der Sorgfältige Umgang mit den Menschen und dem persönlichen Material in diesem Bereich der Wissenschaften gestaltet wird. »Die Situation war so: wir haben einen Film gemacht, eigentlich über Opfer. D.h. Ein jüdisches Opfer, der in Argentinien in der Emigration war. Und der hat dann eine Frau geheiratet, die beim BdM war. Und wir haben jetzt die zu zweit interviewt. Er hat sie sehr beschützt. [...] Und sie erzählt jetzt die eine Geschichte, ..., wo sie im Kriegsende – KZ – einen KZ -- wie man sie damals genannt hat Todesmärsche nach Ebensee gesehen hat – sie war nämlich in Wels – und sie hat KZ–Überlebende – also Menschen, die auf dem Todesmarsch waren oder wie man das bezeichnen soll – was zu essen gegeben. Und ein anderer, den sie gekannt hat, ist da hin gegangen und hat dann diesem – KZler – über die Finger gehaut, dass die Finger einfach runtergehängt sind. Und sie erzählt das wirklich irrsinnig bildlich. Und wir haben das dann in einer größeren Sequenz in dem Film verwendet. Und was die beiden halt nicht ausgehalten haben ist, dass sie – oder was ihnen große Probleme gemacht hat –, dass sie irrsinnig emotional war; dass sie die Geschichte einfach nicht von vorn nach hinten erzählen hat können, weil das einfach alles auf sie reingestürmt ist ... [...] ... sie wollten die Geschichte draußen haben aus dem Film. Und ich hab gesagt, dass ist eine wichtige Geschichte. Wir haben ihnen eh noch den 56 M. Weichbold, A. Siegetsleitner: »Ethische Aspekte einer Online-Befragung«; in: K.J. Jonas, ea (eds.): Perspektives on Internet Research: Concepts and Methods, – 2001 (www–Dokument erhältlich: http://www.psych.uni-goettingen.de/congress/gor-2001/). 80 Film zuerst gezeigt. Also wir haben ihn nicht öffentlich gezeigt, sondern wir sind hingegangen und haben ihnen den Film gezeigt. Es geht schon darum, dass die damit leben können und bei solchen Auseinandersetzungen geht’s für mich schon auch drum, dass wir – dass man erkennt, dass es meine Geschichte ist, dass es nicht ihre Geschichte ist, dass ich die auch gestaltet habe und dass mir oft andere Sachen wichtiger sind. Das ist schon immer ein extrem schwieriger Anpassungsprozess.« (002, 24-56). Der betreffende Wissenschaftler hat die Situation dadurch gelöst, dass er das Gespräch gesucht hat und letztlich die interviewten Personen davon überzeugen konnte, dass diese Szene im Film behalten werden kann. »... – also wir haben das dann drinnen gelassen – ... Trotzdem, also ich denk, wir haben das ausdiskutiert und sie haben’s dann akzeptiert und wir haben sie dann mit ins Kino genommen und sie haben es dann Raum vom ›Das Kino‹ gesehen unter lauter jungen Leuten. Sie haben’s dann akzeptiert. Aber es war nicht leicht für sie und es war für mich nicht leicht, das so durch zu diskutieren. Das ist so ein Grenzbereich dann gewesen. Also ich hätte es natürlich rausnehmen müssen, wenn die das nicht ... hätte ich natürlich auch gemacht. Aber es war mir wichtig es durch zu argumentieren.« (002, 71-81). Wenn die historische Arbeit nicht so sehr auf die Lebensgeschichten von Personen bezogen ist, sondern auf bestimmte soziale und politische Entwicklungen werden auch von Historikern Daten anonymisiert. Insbesondere dann, wenn es sich um historisch brisante Aussagen handelt. »Wobei es mir jetzt auch nicht so darum geht, jetzt den , des in das Persönliche zu bringen. Jetzt irgend welche Namen heraus zu stellen. Und solche Sachen. Meine Taktik ist so, dass ich sozusagen die Privaten anonym lasse und privat lasse. Wenn mir jetzt jemand in einem Interview sagt: ›Der Anschluss, der Tag des Anschlusses war der schönste Tag meines Lebens.‹ – dann schreibe ich beim Interview meistens anonymisiert hin.« (020, 34-39). Dies gilt jedoch nicht, wenn es sich um Personen handelt, die in einer öffentlichen Funktion tätig waren. »Anders ist es, wenn jemand eine öffentliche Funktion bekleidet hat. Dann schreibe ich den Namen sehr wohl hin. Schreib hin wer der Ortsgruppenleiter war, wer der Bürgermeister war und so weiter und so fort. Das ist etwas anderes. Aber ich habe da noch nie irgendein Problem gehabt.« (020, 40-44). Dieser Umgang mit persönlichen Daten ist weitestgehend in die wissenschaftliche Routine eingebettet. Es ist zwar eine ethische Frage da- 81 mit verbunden, doch ist der Umgang ein impliziter Teil der wissenschaftlichen Methode, so dass es nur in Ausnahmefälle zu einer Hinterfragung kommt. Wie in den anderen Sozialwissenschaften bewegt sich auch der Historiker in einem Grenzbereich des Datenschutz, da es der Sozialwissenschaftler meist mit persönlichen Daten zu tun hat und aus wissenschaftlichen Gründen mehr Daten haben möchte, als ihm zugänglich sind. »Und für einen Historiker ist das natürlich ein Problem der Datenschutz, nicht. Der hätte am liebsten keinen Datenschutz. Und wenn ich aber jetzt sag: Ich darf das verwenden. Man kann sich das ausmachen. Dann aber nur anonymisiert. Um auch die Leute zu schützen. Und dann stellt sich die Frage eh nicht bei den Archivalien, ob ich da jetzt Namen nenne. Aber ich kann Beispiele anführen, ich kann Fälle anführen und muss des jetzt auch so machen – wie Du das jetzt bei den Interviews machst – auch so machen, dass das nicht nachvollziehbar ist.« (020, 81-88). 3.4.2. Ethik der sozialwissenschaftlichen Beratungstätigkeit Sozialwissenschaftlerinnen beklagen häufig, dass ihre Studien – gerade wenn sie für öffentliche Stellen erstellt wurden – eine Art Alibifunktion erfüllen. Sie werden, wenn die Ergebnisse nicht den politischen Wünschen entsprechen, bezahlt und der Vergessenheit anheim gegeben – d.h. weder berücksichtigt, noch veröffentlicht. »Also das Sozialministerium vergibt ein Projekt, gerade zu dem heiklen Thema: Arbeitslosigkeit, Wiedereingliederung von Arbeitslosen, familiäre Situation bei Langzeitarbeitslosigkeit, also was auch Konfliktlagen betrifft.« (026, 328-331) »Und die ganze Geschichte [hat] den Beamten des Hauses sehr gut gefallen, aber die aus dem Kabinett offenkundig – also ich kann das nicht beweisen – die Order kam, dass das nicht publiziert wird.« (026, 333-335). »... [da] haben wir einmal für eine Stadt in **** einen großen Sozialplan erarbeitet. Und haben eigentlich hohe Erwartungen, dass das, was wir vorgeschlagen haben – es ging vor allem um die Sozialeinrichtungen der Stadt – dass das realisiert wird. Und es ist eigentlich überhaupt nichts passiert. Es ist schubladisiert worden.« (031, 160-164). »..., es war nicht der politische Wille da, man hat ja eigentlich dann auch keinen Einfluss. Das ist ja auch, dass wir eher die Funktion einer Stabstelle haben, die Informationen liefert.« (031, 172-174). 82 Generell ist das Problem der Einflussnahme der Auftraggeber auf die Ergebnisse der Forschung in den Sozialwissenschaften größer als in anderen Wissenschaftsbereichen. Das drückt sich dann meist darin aus, dass der Auftraggeber, bzw. die verschiedenen Gruppen der Beteiligten einer Studie verschiedene Änderungswünsche einbringen. »Natürlich ist es dann oft schon so gewesen, dass Ergebnisse herausgekommen sind, die den Betroffenen in dieser Form nicht gepasst haben. Da sind natürlich Änderungswünsche gekommen. Gelegentlich haben wir manches etwas abgeschwächt – das ist schon vorgekommen – oder – rausgestrichen eigentlich nicht, eher differenzierter dargestellt.« (031, 129-134). Größere Konflikte werden in solchen Studien durch Kommunikation mit den Beteiligten vermieden. »Also es stellt sich ja in der Soziologie – so weit ich das sehe – hauptsächlich das Problem bei der Auftragsforschung.« (031, 78-79) »Das ist eigentlich etwas, das ich vom *** gelernt habe, also meinem früheren Chef in ****. Da haben wir sehr viel Forschung in der Industrie gemacht. Und da war es eigentlich immer so, bei all diesen Projekten, dass er immer gesagt hat, man muss immer beide Seiten einbeziehen: sowohl die Betriebsleitung als auch die Gewerkschaften bzw. den Betriebsrat. Es müssen eigentlich alle einverstanden sein.« (031, 116-122). Wenn eine solche Einbindung der verschiedenen Beteiligten funktioniert, gelingt es mitunter, auch sehr kritische Ergebnisse zu veröffentlichen, wie anhand einer Evaluierung einer Beratungseinrichtung des Landes erläutert werden kann. »Die Initiative ging also vom Land aus. [...] Und wir haben gesagt, ›Ja gut, wir machen das, aber es müssen alle Mitarbeiter dieser Stelle einverstanden sein und es muss vorher mit ihnen abgeklärt werden, dass sei zu diesen Gesprächen bereit sind und auch über die Form der Veröffentlichung.‹ [...] Und das ist in diesem Fall ganz erfolgreich gewesen.« (031, 83-93). Die Studie, die in mancher Hinsicht sehr kritisch ausgefallen ist, konnte dann auch mit Einverständnis aller Beteiligten und Betroffenen publiziert werden. 3.5. Ethik in den Rechtswissenschaften Die Rechtswissenschaften nehmen eine eigene Stellung zu ethischen Themen ein. Als Wissenschaft des Rechtssystems, also einem normativen Ordnungssystem, hat sie zwar mit Normen zu tun und damit auch mit ethischen Themen, wie sie in der Gesellschaft eine Rolle spielen. Der ge- 83 nerelle Umgang in den Rechtswissenschaften geht jedoch von einer strikten Trennung normativer und wertneutraler Aussagen aus. Besonders deutlich wurde diese Position im Interview 042 vertreten: »Ich glaube, dass das ja primär rechtliche Fragen sind. Das was hier quasi zu überlegen wäre ist, in wie weit diese Fragestellung über die rechtlichen Ansätze hinaus, die zur Beantwortung aller dieser Fragen vorhanden sind, noch eine zusätzliche für den einzelnen Forscher entscheidungsrelevante Dimension haben. Ich glaube, dass das nicht der Fall ist. [...] Ich glaube daher, oder in dem Sinn, wie Sie die Frage stellen, müsste ich verneinen, dass ich in meiner Arbeit mit ethischen Fragen konfrontiert bin.« (042, 28-42). »Also unabhängig davon, ob ich jetzt sage, dass sind eigentlich Rechtsfragen. Auch wenn ich sage, das sind ethische Fragen, diese Fragen stellen sich für den Juristen nicht. Der Grund hierfür wird darin lieben, dass wir eine durchaus abstrakte Wissenschaft betreiben, die zwar sicher Auswirkungen auf die Menschen hat, der große Fortschritt oder eigentlich der Kern der Rechtswissenschaft besteht darin, dass man diese Probleme auf eine rationale Ebene zu bringen versucht.« (042, 45-52). 3.5.1. Verantwortung in den Rechtswissenschaften Jedoch lassen sich auch innerhalb der Rechtswissenschaft erhebliche Unterschiede in der generellen Einstellung zu ethischen Fragestellungen feststellen, die vor allem vom jeweiligen Spezialgebiet abhängig ist. Abhängig von der Bedeutung der Rechtsdogmatik bzw. der Auseinandersetzung mit den politischen und gesellschaftlichen Hintergründen des jeweiligen Rechtssystems gibt es Gebiete innerhalb der Rechtswissenschaften, in denen die Auseinandersetzung mit ethischen Problemen der Gesellschaft einen wichtigen Aspekt der wissenschaftlichen Arbeit bildet. In den von mir geführten Interviews sind insbesondere zu nennen: das Arbeits- & Sozialrecht (030), das Völkerrecht (030), das Strafrecht (043) und mit Einschränkungen das Wirtschaftsrecht (018). Im Interview 018 lässt sich aufzeigen, wie eine ethisches Bewusstsein für mögliche und tatsächliche Auswirkungen rein juristischer Auslegungen unter Aufrechterhaltung des rechtswissenschaftlichen Standpunktes einer wertneutralen Wissenschaft auf Basis eines persönlichen Interesses an den gesellschaftspolitischen Auswirkungen rechtswissenschaftlicher Rechtsauslegungspraxis möglich ist. »Und das sind Themenbereiche [gemeint ist 84 das Europäische Wirtschaftsrecht], die potentiell, wo juristische Fragestellungen und Entscheidungen, in die eine oder andere Richtung, potentiell natürlich ein sehr hohes wirtschaftliches, sehr große wirtschaftliche Auswirkungen haben können, für die davon Betroffenen.« (018, 4-7). Ob Monopole aufgebrochen werden müssen oder nicht und ähnliches. »Also das sind Dinge, die politisch sehr umstritten sind. Wo man aber den rechtlichen Hebel oft dazu benutzen könnte – ja – zu Liberalisieren, also Monopole, im weitesten Sinne wirtschaftlich geschützte bereiche aufzubrechen, weil das ja die Politik der Kommission ist, mit rechtlichen Mitteln, das zu tun.« (018, 13-17). »Und das ist natürlich, das hat eine Implikation für unseren Wissenschaftsbetrieb, weil man sich natürlich bewusst sein muss, wenn man gewisse Probleme aufzeigt, oder sich für die eine oder andere Richtung entscheidet, also ob das jetzt zulässig ist oder nicht so geschützte Bereiche beizubehalten oder nicht – sage ich einmal ganz allgemein.« (018, 18-22). Der Interpretationsspielraum ist in diesem Bereich des Rechts sehr hoch und lässt bis zu einem gewissen Grad zu, weltanschauliche Gesichtspunkte in die Rechtsauslegung einfließen zu lassen. »Und ich meine, also ich bin mir dessen schon immer auch bewusst, dass das worüber ich schreibe, was ich aufgreife auch Konsequenzen hat. Dem ist auch so. Zwar natürlich immer recht unmittelbar. Es ist dann natürlich schon so, man ist dann in einem Bereich, wo die Konsequenzen dessen, was man tut, sehr mittelbar sind. Irgendwo führt das dann irgendwo zu Gerichtsentscheidungen. Da bringt das ein Anwalt irgendwie, irgendwas zu tun ...« (018, 328-334). Die Entscheidung selbst liegt zwar beim Richter, aber der stützt seine Argumente wiederum auf Expertenmeinungen. Der einzelne Rechtswissenschaftler hat somit eine gewisse Verantwortung, dass seine Rechtsauslegung konkrete Auswirkungen für Betroffene haben kann, wenn ein Richter sich bei seinem Urteil auf dessen Auslegung stützt. »Wobei für mich in der täglichen Arbeit – man ist sich dessen schon bewusst, dass gewisse Entscheidungen in die eine oder andere Richtung wirtschaftliche Konsequenzen haben, aber ich mache meine Auslegung oder meinen Interpretationsspielraum davon nicht abhängig – jetzt unmittelbar von diesen Entscheidungen. Ich mache das eben so, wie ich eben glaube, dass es richtig ist.« (018, 358-363). Das zweite Beispiel, auf das wir näher eingehen, ist das Strafrecht, das uns im Interview als ›ethisches Minimum einer Gesellschaft‹ vorgestellt wurde. »Also wenn man mit Strafrecht zu tun hat, stehen dahinter immer 85 ethische Probleme.« (043, 16-17). Im Kontext des Wissenschaftsalltag ist der Wissenschaftler mit ethische Fragen in diesem Bereich der Rechtswissenschaften vor allem dann konfrontiert, wenn danach gefragt wird, was verboten werden soll und was nicht. Neben der rechtsdogmatischen Arbeit der Auslegung des Strafrechts bildet die Rechts- und Kriminalpolitik einen weiteren Aufgabenbereich, in dem der Wissenschaftler als Gutachter und Berater mit seinem Expertenwissen an Gesetzesentwürfen mitarbeitet. »Ja – also Abtreibung, Euthanasie sind sicher Bereiche, wo die ethische Diskussion mit zu berücksichtigen ist, weil es da um das höchste Rechtsgut geht einerseits, aber andererseits verbreitete Vorstellungen um eine Straffreistellung oder sogar Liberalisierung eintreten.« (043, 28-32). Die Situation wird zwar nicht als problematisch eingeschätzt, »[a]ber natürlich muss man sich fragen, wenn man in einer Publikation oder in einem Vortrag dazu Stellung nimmt, ob Euthanasie in gewissem Rahmen entkriminalisiert werden sollte oder überhaupt für rechtsmäßig erklärt werden sollten, dann muss man sich der Verantwortung bewusst sein, welche Äußerungen man diesbezüglich macht, weil man dort, wo man das tätigt, doch einen gewissen Einfluss hat.« (043, 35-41). Beide kurz dargestellten Beispiele, die noch durch weitere ergänzt werden könnten, 57 zeigen, wie in den Rechtswissenschaften ethische Fragen in Form von Verantwortungsethik in die wissenschaftliche Arbeit hineinreichen können und von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bewusst angenommen werden können, ohne dem methodischen Selbstverständnis der Trennung von Rechtsauslegung und Stellungnahme zur Rechtspolitik selbst in Frage stellen zu müssen. 3.5.2. Verantwortung rechtswissenschaftlicher Beratungstätigkeit Wie auch schon in den Biowissenschaften und theoretischen Naturwissenschaften ist auch der Rechtswissenschafter ethischen Konflikten im Rahmen seiner Beratungstätigkeit ausgesetzt. Die rechtswissenschaftliche Beratung betrifft vor allem zwei Formen – das juristische Fachgutachten, in dem einer juristischen Partei Argumente auf wissenschaftlicher Basis ausgearbeitet werden; und die Mitarbeit von Juristen in öffentlichen Ar57 Siehe: 030 und 033. Auf die spezielle Position der sogenannten Grundlagenwissenschaften der Rechtswissenschaften (wie die Rechtsphilosophie, Rechtspolitik oder Rechtssoziologie) gehen wir an dieser Stelle nicht näher ein. 86 beitsgemeinschaften oder Kommissionen, in denen Vorschläge zu Gesetzesänderungen ausgearbeitet werden. Die gutachterliche Tätigkeit von Juristen stellt vor allem aufgrund der grundsätzlichen Parteilichkeit solcher Gutachten ein wissenschaftliches, aber auch ethisches Problem dar.58 »Sondern das ist eigentlich eine Rechtsberatung für einen Mandanten. Das ist eigentlich nicht mehr Teil einer wissenschaftlichen Arbeit. Aber das hat natürlich Implikationen für die wissenschaftliche Arbeit. Weil wenn man einmal in einem Gutachten eine bestimmte Meinung vertreten hat, und die ist nicht unbedingt und nicht immer aus der Sicht des neutralen Wissenschafters sondern – in dem Fall auch meines Erachtens legitimer Weise – aus der Sicht eines Mandaten oder dass man sich da bemüht – und das ist in einem Gutachten durchaus, durchaus ethisch vertretbar – jene Argumente besonders zu betonen, die für die Ansicht des Auftraggebers sprechen und die andere natürlich zu versuche zu entkräften. Das ist in Gutachten – meines Erachtens legitim.« (018, 82-93). Zum Problem wird das Gutachten erst dann, wenn man wissenschaftlich mit der gleichen Thematik konfrontiert wird. »Und dann stellt sich natürlich die Frage, kann man in einem Aufsatz eine andere Meinung vertreten oder auch in einem Forschungsprojekt eine andere Meinung vertreten, wie man sie in einem Gutachten vertreten hat. Da beginnen dann die ethischen Fragestellungen.« (018, 95-99). Da jedoch der einzelne Wissenschaftler die Möglichkeit hat, Aufträge für Gutachten abzulehnen, für die er keine Verantwortung übernehmen bereit ist, ist dieses Problem relativ leicht vom Wissenschaftler kontrollierbar, insbesondere wenn er finanziell von diesen Aufträgen nicht abhängig ist. »Ich mein, ich kann natürlich abschwächen dadurch, dass man – also ich würde zum Beispiel in einem Gutachten, nie eine Meinung vertreten, die ich jetzt selber nicht – der ich selber nicht zustimmen könnte.« (018, 102-104). »Wenn ich ein Gutachten über etwas erstelle, dann also wenn es offizielle Stellen sind, dann hat man erstens – oder dann wird man das Gutachten nach bestem Gewissen und Wissen frei erstellen können. Wenn man von privater Seite ein Gutachtens-Auftrag bekommt, dann wird man sich vorher schon überlegen, ob man den annimmt oder nicht. Wenn man dem Auftraggeber nicht dienlich sein kann, dann wird 58 Vgl.: D. Wandschneider: »Das Gutachterdilemma – Über das Unethische partikularer Wahrheit«; in: H. Lenk (Hg.): Wissenschaft und Ethik ... lit. cit., 248-267. 87 man ihn nicht annehmen. Und das – die Ablehnung eines Auftrags würde mir keine ethischen Schwierigkeiten bereiten.« (043, 58-65). Es lässt sich jedoch beobachten, dass in speziellen Bereichen der Rechtswissenschaften mit einem kleinen Expertenkreis brisante Themen wissenschaftlich einfach nicht bearbeitet werden, die dann zu der Vermutung eines befragten Juristen führte: »,dass die maßgeblichen Experten eben durch eine gutachterliche Tätigkeit bereits gebunden sind. Die haben bereits gutachterlich beraten und gehen dann dem Zielkonflikt, den ich vorhin erwähnt habe – kann ich die Meinung im Gutachten eigentlich wissenschaftlich vertreten – gehen, entgehen dem offenkundig dadurch, dass sie auf eine veröffentlichte wissenschaftliche Debatte, oder auf einen Beitrag in der öffentlichen wissenschaftlichen Debatte überhaupt verzichten. Nur dadurch kann ich mir erklären, dass es zu hoch relevanten wirtschaftspolitischen Fragestellungen, die im Europarechtlichen Hintergrund haben, in Österreich kaum irgendwelche Diskussionen gibt.« (018, 135-146). Im anderen Bereich der juristischen Beratungstätigkeit – der Mitarbeit in Kommissionen und Arbeitsgemeinschaften – besteht meist wenig Druck vom Auftraggeber, in eine bestimmte Rechtsauslegung zu tendieren. Insbesondere in oft recht brisanten Themenkreisen, wie der Entschädigung von Opfern des Nationalsozialismus oder der Reformierung der österreichischen Gesetzgebung der ›Spätabtreibungen‹ berichten die Wissenschaftler von einer recht freien Mitarbeit. »[I]im letzten Jahr habe ich teilgenommen in einer Arbeitsgemeinschaft im Sozialministerium, die der Sozialminister auch initiiert hat und wo es um die Problematik der Spätabtreibungen gegangen ist und der relativ großzügigen Straffreistellungen im österreichischen Recht, die also allgemein als Problematisch empfunden wird und wo man überlegt, wie man sie eindämmen könnte.« (043, 66-72). »Ja aber, was ich sagen wollte, wenn man an solchen Arbeitsgruppen teilnimmt, dann ist man ganz frei in der Äußerung seiner Meinung. Und in dieser Arbeitsgruppen sind auch unterschiedliche Meinungen angesprochen worden und ist versucht worden, von allen Seiten das Problem zu beleuchten und eine möglichst breit akzeptierte Lösung zu finden.« (043, 83-88). Dabei kommt es zwar vor, dass man seine Meinung im Sinne einer Kompromisslösung adaptiert, man hat jedoch immer die Möglichkeit einen eigenen Standpunkt mittels eines ›Sondervotums‹ festzuhalten. Auch ein Abweichen von bestimmten wissenschaftlichen Standpunkten kann im Rahmen etwa einer diplomatischen Vermittlungsarbeit durch- 88 aus mit der wissenschaftlichen und persönlichen Integrität des Wissenschaftlers vereinbar sein. »Also ein konkretes Beispiel: Bei der Konzeption des Friedensvorschlages für **** ist es in einer heißen Verhandlungsrunde darum gegangen, schafft man militärische Garantien. Und das widerspricht ja meinem völkerrechtlichen Grundverständnis, nicht. Wenn ich vertrete, dass ich Streitigkeiten friedlich lösen kann, brauche ich streng genommen keine militärischen Garantien, weil die militärischen Garantien absurd sind. Da war so ein Fall, wo ich mich darauf einlassen hab müssen, dann letztlich, weil ich gesehen habe, dass bei den beiden Parteien konsensmäßig kein anderer Konsens erreichbar ist, als sich einmal dieser Frage zu öffnen und ...« (030, 112-120). Auch in diesem Fall handelt es sich um Entscheidungen des wissenschaftlichen Experten im Kontext seiner Beratung im außerwissenschaftlichen Bereich, im Sinne der Lösung des Problems außerwissenschaftliche Kriterien einzubeziehen und damit teilweise den rein wissenschaftlichen Standpunkt zu verlassen. Die Frage ist dabei immer – wie im Falle des Naturwissenschaftlers – in wie weit der jeweilige Fachexperte über die dafür notwendigen Kompetenzen verfügt. Es handelt sich dabei um die, von Knorr Cetina in der Laborarbeit beobachteten Verschiebungen von Entscheidungen in ein transepistemisches Feld; um eine Übersetzung, welche die wissenschaftlichen Entscheidungsprobleme in die Handlungsarenen außerhalb des Labors übertragen.59 Wenn wir – ganz im Sinne von Knorr Cetina – das ›Labor‹ in einem weiteren Sinne verstehen als »Idee einer Rekonfiguration natürlicher und sozialer Ordnungen und ihrer Relation zueinander ..., aus der in einer Wissenschaft epistemischer Gewinn erzielt werden kann.« 60, können wir die Probleme der Beratungstätigkeit von Wissenschaftlern im Kontext der Übersetzung epistemischer Erkenntnisse in Problemlösungen in der sozialen Realität betrachten. 3.6. Ethik in den Kulturwissenschaften & der Theologie In den Kulturwissenschaften und der Theologie spielen ethische Fragestellungen nur eine sehr geringe Rolle im Wissenschaftsalltag, da der me59 60 Siehe: K. Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. ... lit. cit., 161-162. Karin Knorr Cetina: Wissenskulturen. ... lit. cit 45. Vgl. auch: K. Knorr Cetina: »Laborstudien. Vorwort zur Neuauflage«; in: K. Knorr Cetina: Die Fabrikation von Erkenntnis. ... lit. cit., XI-XXIV. 89 thodische und meistens auch der thematische Rahmen nur in seltenen Fällen mit kontroversiellen oder ethisch problematischen Situationen verbunden ist. Ethische Verantwortung wird hier zumeist in der allgemeinen wissenschaftsinternen Verantwortung – die schon behandelt worden ist – wahrgenommen. Einzelne spezielle Bereiche ethischer Verantwortung in den Kulturwissenschaften und der Theologie beziehen sich, wenn überhaupt, auf sehr spezifische Probleme des jeweiligen Fachgebietes. Sowohl die Fachgebiete als auch die angewandten Methoden sind in den Kulturwissenschaften und – in sehr ähnlicher Weise – der Theologie sehr unterschiedlich. Daher ist es zweckmäßig den Umgang mit speziellen Problemen der Ethik in vier Gruppen zu besprechen. Zum einen haben wir Interviews mit Linguistinnen und Linguisten geführt, welche in ihrem Arbeitsbereich sozialwissenschaftliche Methoden – in einem Fall quantitative und im anderen Fall qualitative Methoden – anwenden. Die zweite Gruppe bilden vier Interviews mit Sprachwissenschaftlerinnen, deren Arbeiten textbezogen – d.h. literaturwissenschaftlich, grammatikalisch oder etymologisch – sind. Als dritte Gruppe werden die ›eigentlichen‹ Kulturwissenschaften – Musikwissenschaft und Kunstgeschichte – behandelt. Die vierte Gruppe – die theologischen Fächer – werden jeweils je nach Thematik unterschiedlichen Wissenschaftskulturen zugeordnet. So ist zum Teil die Bibelwissenschaft stark sprachwissenschaftlich, die praktische Theologie teilweise psychologisch, die christliche Sozialethik philosophisch orientiert, mit den jeweils damit verbundenen Problematiken. Dennoch gibt es spezifische Problematiken der theologischen Forschung, die durch die doppelte Verpflichtung der Wissenschaftler gegenüber der Wissenschaftsgemeinschaft einerseits und der Kirchenorganisation andererseits bedingt sind. 3.6.1. Literaturwissenschaften Ein Interviewpartner hat sehr treffend gesagt: »Die allgemeine Sprachwissenschaft ist einfach – da geht’s halt einfach um erstellen einer abstraktern Grammatik, das schadet niemanden etwas.« (005, 67-69). Weder das bearbeitete Material noch die Methoden der allgemeinen Sprachwissenschaft bringen in der Regel ethische Probleme mit sich. »Das, was wir Literaturwissenschaftler machen, führt ja nicht in irgendwelche ethischen Grenzbereiche.« (027, 163-164). Die Arbeit mit der Sprache, mit Texten und mit 90 Literatur an sich wird von den Wissenschaftlern als konfliktfreie, akademische Arbeit wahrgenommen, deren Resultate auch in deren Verwertung nicht ethisch relevant erscheinen. Es stellt sich dann noch am ehesten die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen der eigenen Arbeit. » ... – da würde ich das Problem eher anders ansetzen: Wozu soll das gut sein. Wenn man sich gegen diesen Vorwurf wehren muss. Also ist jetzt in einer Nützlichkeitsethik Literaturwissenschaft heute zu rechtfertigen, ja ?« (027, 164-167). Solche Fragen – die für die eigene Arbeit nur wenig bedeutsam erscheinen – werden mit einem allgemeinen Hinweis auf das humanistische Aufklärungsideal beantwortet. »Es geht zwar – was weiß ich – Forschung fürs Wörterbuch oder auch Unterricht, wenn wir einen Sanskritkurs geben, dann hat das schon etwas für die Gesellschaft. Weil was für einen Unsinn oft über diese altindischen Gebräuche und ... Heilmittelchen verbreitet wird, dann find ich’s schon gut, wenn wenigstens ein paar Leute sich sagen: ›Ja gut, ich will jetzt einmal – nur jetzt zum Beispiel in unserem kleinen Bereich – Sanskrit lernen und schau mir das selber an, was da wirklich dahinter steckt.‹ Und grad in dieser Modeströmung mit diesen anderen Kulturen, wo man sich ein paar nützliche Sachen heraus picken will, ist es da sicher gut, wenn man die Leute dazu bringt, dass sie die Sachen klarer sehen, nüchterner.« (005, 99-108). 3.6.2. Kulturwissenschaften Ähnlich wie in den Literaturwissenschaften gibt es in den Kulturwissenschaften kaum Probleme mit ethischer Relevanz, wenn man von den allgemeinen Konflikten des Wissenschaftsethos absieht. »Aber – ich meine als Musikwissenschaftler, was macht man mit meinen Resultaten. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass da irgendwelche moralischen Probleme entstehen könnten, dass ich jetzt meine Resultate publiziere. Jetzt direkt aus meinen Resultaten.« (014, 90-93). Die Kulturwissenschaftler fühlen sich auch kaum bei Auftragsforschungen unter Druck gesetzt. Der Kulturwissenschaftler dient dabei als Lieferant von Wissen über kulturelle Güter mit deren Veröffentlichung sich öffentliche Auftraggeber darzustellen versuchen. Die Freiheit des Wissenschaftlers wird dabei nicht in Frage gestellt. »Zum Beispiel habe ich an einem Kongress teilgenommen in Rimini über Antonio Dragi. Antonio Dragi war Hofkapellmeister in Wien lange 91 Zeit Ende des 17. Jahrhunderts und hatte also fast 200 Opern geschrieben. Und das ist so der große Sohn Riminis, nicht. Antonio Dragi und das erste – oder eben nicht –, denn das erste Referat, das mit sehr viel Geld und sehr viel Sorgfalt vorbereiteten Kongress gehalten wurde, war von **** aus Wien und er teilte lakonisch mit, dass er festgestellt habe, dass er eben in keinem der Taufregister da in der Stadt Rimini der Name Antonio Dragi auftaucht. Also vermutlich zwar in Rimini gelebt hat bevor er berühmt wurde und deswegen immer ›aus Rimini‹ bezeichnet wird, aber dass er vermutlich nicht in Rimini geboren worden ist. Das ist aber auch im Kongressband so veröffentlicht worden und das mag vielleicht den einen oder anderen der Geldgeber etwas enttäuscht haben, aber es ist niemand unter Druck gesetzt worden deswegen und oder irgendwie oder es ist auch nichts unterdrückt worden. Also das steht in dem Kongressband nachzulesen. Ein Kongressband der eben immerhin ›Antonio Dragi e Rimini‹ heißt, also ›Antonio Dragi aus Rimini‹. Das gehört eben auch dazu.« (014, 362-377). Schwieriger wird es auch für Kulturwissenschaftlerinnen, wenn sie in Bereichen öffentlichen Interesses als engagierte Wissenschaftlerinnen auftreten, wie etwa im Bereich des Denkmalschutzes. »Ein Punkt ist bei unserem Fach – Kunstgeschichte – immer, wenn es darum geht sich für bestimmte Projekte ein zu setzen oder nicht ein zu setzen. Was auch für den Alltag dazu gehört. Und da gehört es halt schon zur Ethik dazu, sich zu fragen, was ist mir wichtiger: mich unbeliebt zu machen auf politischer Ebene meinetwegen oder unbeliebt zu machen aber im Sinne der Sache, die man gelernt hat zu arbeiten.« (010, 3-8). So kann der Einsatz für die Sache – für die Kunst –, unter Umständen nicht nur zu Konflikten in der politischen Öffentlichkeit führen sondern darüber hinaus auch zu einem persönlichen Konflikt. »Wem wird man eher gerecht, der Denkmal – dem denkmalpflegerischen Aspekt oder dem Aspekt des lebensfähigen – sagen wir einmal so. Es müssen ja immer in bestimmten Gebäuden Menschen leben, müssen auch mit Kunstwerken leben. Und da muss man sich dann entscheiden für das Kunstwerk oder für die Menschen.« (010, 24-28). Hierbei muss die einzelne Wissenschaftlerin ihre eigene persönliche Einstellung dazu finden; ihre eigene Verantwortung für die Sache und für die Menschen. Ein ethisch relevantes Sonderthema innerhalb der Kulturwissenschaften bildet der Umgang mit der NS–Vergangenheit. Die Aufarbeitung des 92 Nationalsozialismus wird in verschiedenen Disziplinen als ethisches Thema angesprochen, wenn etwa die Rolle von Wissenschaftlern im Dritten Reich zum Thema der fachlichen Reflexion wird. »War schon einmal schwierig. Erstens einmal hat man dann immer Schüler irgendwo im Haus oder im Fachkollegenkreis, Schüler jener Personen. Die natürlich von ihren Lehrern genauso geprägt sind oder begeistert sind, wie andere. Und inwieweit zerstört man denen das Weltbild. Inwieweit leben noch Angehörige. Und dann bei unserem großen Seniorenanteil muss man dann natürlich auch mit deren Geschichte umgehen können. Und manchen sehen also – hmm ich habe da keine Probleme gehabt, muss ich dazu sagen – aber manchmal hat man das Gefühl, man nimmt jemanden ein Stück Geschichte weg. Eigene Geschichte. Das kommt hinzu.« (010, 67-76). 3.6.3. Empirische Sprachwissenschaften In den Sprach- und teilweise auch den Kulturwissenschaften werden mitunter auch sozialwissenschaftliche Methoden angewandt. So arbeitet die empirische Linguistik mit quantitativen Tests, mit denen Sprachfähigkeiten gemessen werden können. In diesem Zusammenhang sind die Wissenschaftler mit ähnlichen Problemen konfrontiert, wie empirische Sozialwissenschafter. In anderen Bereichen der Linguistik und Literaturwissenschaft werden spezielle qualitative Interviewformen für die Analyse gesprochener Sprache verwendet, wobei auch hier die möglichen ethischen Probleme mit jenen der qualitativen Sozialforschung vergleichbar sind. Es geht insbesondere um den verantwortlichen Umgang mit den interviewten Personen und dem von den Personen zur Verfügung gestellten Material. Problematisch ist hier vor allem die Verwendung des Materials. »Ich dachte – die Sachen sind nämlich in ein sprachwissenschaftliches Archiv gekommen; das sind sie auch komplett digitalisiert worden und da werden sie auch bleiben. [...] Und da habe ich mir aber gedacht: wenn die dann so frei verfügbar sind – ich möchte das nicht für jeden x-beliebigen Zweck analysieren lassen.« (041, 190-197). 93 3.6.4. Sonderprobleme der theologischen Fächer Die Theologie bildet innerhalb der Wissenschaften einen besonderen Bereich. Es handelt sich dabei um eine Reihe von – zum Teil höchst divergenten – Wissenschaften, deren Untersuchungsgegenstand eine komplexe Wertegemeinschaft ist. Doch mehr noch wird die lebensrelevante Interpretation des Wertekerns dieser Gemeinschaft von der Kirchenorganisation kontrolliert. Dadurch sind die Wissenschaftler der theologischen Fakultät zwei unterschiedlichen internen Normensystemen unterworfen. Neben dem üblichen wissenschaftlichen Normensystem sind sie auch der Katholischen Kirche verpflichtet. Dieser Umstand wirkt sich auf zwei sehr unterschiedliche Weisen auf den typischen Umgang mit ethischen Problemen in den theologischen Fächern aus. Zum einen sind die Theologen in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit explizit mit Werten beschäftigt. Ihre Verpflichtung gegenüber den christlichen Werten und deren Weitergabe bildet teilweise das innere Selbstverständnis der einzelnen Wissenschaftler. Zum anderen bildet diese doppelte Verpflichtung in manchen Fällen – insbesondere bei der Arbeit in Randgebieten der Theologie – mitunter auch zu Konflikten. Zum einen können wir somit die Thematisierung christlicher Werte selbst unter ethische Fragestellung in der Theologie feststellen. Zunächst in der Reflexion auf das eigene Handeln des Wissenschaftlers. »Nachdem ich nicht zu den Theologen gehöre, die es zustande bringen, sich vom Inhalt wirklich ganz zu distanzieren, geht auch nicht, denn die Bibel wollte das überhaupt vom ganzen Ansatz her nicht, sondern das ist eine beleh ... ahh ... bewährte, also durch Jahrhunderte hindurch ausprobierte Botschaft bevor man es aufgeschrieben hat. Und im Deutoronomium heißt es ganz deutlich, man hätte sich auf die Hand im Judentum, die Gebete des Judentums auf die Hand zu binden, auswendig zu lernen und sie der kommenden Generation wieder weiter zu geben. Und nachdem ich Wissenschaftler zu sein versuche, das was dort steht zum mindesten unverfälscht versucht zu verstehen und weiterzugeben, kann ich das nicht sagen, dass ist irrelevanter Lernstoff, sondern der Text wollte von Anfang an darauf hin, dass die Worte in sich ernst nimmt und dann auch als solches weitergibt und für sein eigenes Leben bestimmend sein lässt.« (040, 29-42). Die Thematisierung der christlichen Werte wird aber auch in anderen Kontexten als ethisch relevant betrachtet, wenn etwa die christliche Sozi- 94 allehre als »christliche Moralhilfe« (007, 169) beansprucht wird, oder öffentlich wirksam die Bedeutung religiöser Erziehung dargestellt wird (040, 141-159). Dies wird zwar als ethisch relevant angesehen, weil es sich um die Lehre und Weitergabe christlicher Werte handelt, aber nicht eigentlich als ethisch problematisch. Konflikte im Kontext der doppelten Verpflichtung beziehen sich zum Beispiel auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse, welche die Interpretation christlicher Werte oder Standpunkte verändern. »Und da sehe ich schon, das sind handlungsrelevante und ethisch sehr relevante Inhalte allein bei der Überprüfung eines biblischen Textes, ja. [...] Hier ist die Forschung schon herausgefordert wieder das zu sagen, was eigentlich im Basistext vorkommt. Weil in der Tradition hat man eine sehr schöne Erziehungsrute erfunden. Behauptet, das stünde in der Bibel und was in der Bibel steht ist für uns absolut verbindlich. Ich bin dafür, dass das absolut verbindlich ist, aber wir haben nur das zu nehmen, was wirklich in der Bibel steht. Und dann komme ich in den einzelnen Forschungen dahinter, das ein guter Teil dessen, was eins – ... – sondern gegen die ganze Tradition stehen. Und da hat man schon auch – ich habe es auch schon geschrieben und sonst etwas um die Ergebnisse der Forschung der Gesellschaft anzubieten und faktisch oder potentielle Fehlentwicklungen von hier aus zu verhindern.« (040, 175-190). Der Konflikt besteht hierbei vor allem darin, dass solche Erkenntnisse nicht hinreichend wahrgenommen werden, bzw. es dauert sehr lange, bis Korrekturen der Lesart der Bibel konkret umgesetzt werden in der kirchlichen Praxis. »Das Problem ist jetzt nicht so sehr, dass ich irgendeinen Konflikt habe, dass – kein Bischof oder irgendjemand hätte mich jemals behindert, das Gegenteil zu sagen in der Bibel steht das so. Der Konflikt besteht darin, dass man das nicht zur Kenntnis nimmt, nicht.« (040, 196-199). Kritischer wird es, wenn Wissenschaftler direkt mit der Organisation der Kirche in Konflikt geraten. Es wurden in den Interviews zwar keine konkreten Beispiele solcher Fälle genannt, doch wurde das Prinzip sogenannter ›nihil obstat‹-Verfahren – »das sind Regelungen, wo jemand von kirchlicher Seite keine Lehrbefugnis bekommt« (007, 220-221) – dahingehend kritisiert, dass es »keine Parteienhörung der Angeschuldigten oder problematischen Fälle gibt, dass hier sehr autoritär gehandelt wird.« (007, 216-218). Es kann aber auch zu Konflikten mit einzelnen Gruppen innerhalb der Kirche kommen, wenn man sich als Theologin zur tagespoliti- 95 schen Situation äußert; »[d]ann hat man die Gefahr, dass man sich in eine konfliktträchtige Situation begibt.« (017, 216-217). Aber auch in diesen Bereichen werden die Probleme als nicht sehr hoch eingeschätzt. Nun, die Liste der Eindrücke ließe sich fortsetzen. Wittgenstein hat jedoch einmal über seine Art zu philosophieren, gesagt, dass man jederzeit aufhören könne. Denn die Untersuchungen, die durchgeführt werden könnten, sind nicht auf eine bestimmte Zahl beschränkt. Ähnliches lässt sich auch in Bezug auf die Eindrücke von Gesprächen sagen. Sowohl die Interpretationen der Gespräche als auch die Gespräche selbst ließen sich jederzeit fortsetzen – die Verdichtung der »dünnen Begriffe der Wissenschaftsethik« ließe sich weiter fortsetzen, sozusagen nach einem Ziehharmonikaprinzip. Die Verdichtung kann aber auch, wenn die Richtung, in der man weitergehen könnte, hinreichend klar geworden ist, auch abbrechen. Das wollen wir hier tun. 96 4. Zusammenfassende Interpretation Das Ende einer Interpretation ist immer auch ein Anfang. Mit Blick auf die aufgeworfenen Aspekte, gesammelten Bemerkungen, referierten Beispiele und zitierten Geschichten kann nur festgestellt werden, dass diese Studie in erster Linie den Anfang eines Forschungsweges und nicht das Ende eines Forschungsprozesses darstellt. Sie gibt mehr als nur eine Momentaufnahme ethischen Fragens an der Universität Salzburg im So mmersemester 2003 wieder. Diese Studie stellt einen Versuch dar, Bausteine zu einer komparativen und dichten, empirischen und benützer/innen–orientierten Wissenschaftsethik zusammenzutragen. Mit diesen Bausteinen ist weiter zu bauen. Die Idee einer dichten Wissenschaftsethik beruht auf dem Versuch, die Innenperspektive der Betroffenen einzubringen und Begriffe auf der Grundlage von je spezifischen Beispielen in einem bestimmten Kontext zu verdichten. Die Rede von der »Einbeziehung von Betroffenen« ist aus der Armutsforschung sehr bekannt. Sie sollte auch einen besonderen Platz in der Philosophie und gerade eben auch in der Wissenschaftsethik haben. Die Interviews sind nicht als Illustrationen, sondern als echte Quelle von ethischen Fragen zu sehen. Es handelt sich damit um einen »locus philosophicus« (wenn das, in Anlehnung an die etablierte und wohlbekannte Rede von den »loci theologici«, so formuliert werden darf). Im Lichte der Interviews soll abschließend auf vier Aspekte auf merksam gemacht werden: (i) Wissenschaft als Lebensform; (ii) Wissenschaftsalltag; (iii) Menschsein; (iv) ethisches Fragen. (i) Wissenschaft als Lebensform zu verstehen, bedeutet, den Aspekt des Handelns und den Aspekt der mit diesen Handlungen verbundenen Überzeugungen in den Vordergrund zu rücken. Man könnte die »Idee der Wissenschaft« von den Manifestationen der Wissenschaft unterscheiden. Man könnte die Unterscheidung von »Kompetenz« und »Performanz« bzw. zwischen »langue« und »parole« hinzuziehen, um deutlich zu machen, dass sich Wissenschaft in spezifischen Handlungszusammenhängen manifestiert. Vielleicht ist es sinnvoll, verschiedene Aspekte von Wissenschaft zu unterscheiden, etwa einen epistemischen Aspekt (Wissenschaft erzeugt Wissen und das in sprachlicher Form kann im Sinne von »sets of propositions« erfasst werden), einen affektiv-existentiellen Aspekt (Wissenschaft gibt der Wissenschafterin Identität, die sie auch bereit ist, zu schützen, zu 97 verteidigen und zu legitimieren), einen sozio–kulturellen Aspekt (Wissenschaft hat eine soziale Gestalt und erzeugt verschiedene Formen von Kultur), einen pragmatisch-technischen Aspekt (Wissenschaft hat mit Handlungen zu tun, die auf methodische Weise, d.h. in Form von systematischen und damit regelgeleiteten Schritten Wissen erzeugen). Diese verschiedenen Aspekte können miteinander in Konflikt geraten. Konfliktpotential ergibt sich auch aus den unterschiedlichen Kontexten, über die sich die Lebensform der Wissenschaft erstreckt: Hier haben wir es etwa mit dem Kontext der Institution, mit dem Kontext der Berührungsflächen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft, Politik und dem Kontext der »scientific community« (peers) zu tun. Diese Pluralität von Bezügen wurde auch mit dem Stichwort von der Vierdimensionalität der Wissenschaftsethik angesprochen. Wissenschaftsethische Überlegungen werden nicht absehen können von einer Ethik der Institution, einer Ethik der Kommunikation zwischen der Welt der Wissenschaft und der außerwissenschaftlichen Welt und einer Ethik der Gemeinschaft. Für eine Ethik der Institution könnten die Überlegungen von Avishai Margalit über anständige Institutionen hilfreich sein.61 Dieses Ringen mit der Institution (Stichworte: Hierarchien, Nachwuchsförderung, Fairness, Veränderung) ist in den Interviews deutlich zum Ausdruck gekommen. Ebenso deutlich wurde in den Interviews die Notwendigkeit einer Ethik der wissenschaftlichen Gemeinschaft. »Ownership issues« nahmen einen wichtigen Stellenwert in den Gesprächen ein, ebenso Fragen der Nachwuchsförderung, der Positionierung und Marginalisierung im Rahmen der scientific community. Die ethische Hauptfrage lautet hier wohl allemal: Welche Mechanismen bestimmen über die Mitgliedschaft in der wissenschaftlichen Gemeinschaft? Denn das höchste Gut, das eine Gemeinschaft wie die scientific community zu vergeben hat, ist das Gut der Mitgliedschaft. Was die Ethik der Kommunikation zwischen wissenschaftlicher und außerwissenschaftlicher Welt angeht, wurde dies vor allem unter den Aspekten der Politikberatung und der Kooperation mit Firmen bzw. (im Falle der Theologie) der Einbettung in die Kirche angesprochen. Diese Aspekte der Begegnung zwischen wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Handlungszusammenhängen sind auch für die Ethik der Institution relevant, wurden doch in den Interviews im61 A. Margalit, The Decent Society. Cambridge/MA: Harvard UP – 1996. 98 mer wieder auch Zwänge und Drücke erwähnt, denen die Universität oder ein bestimmtes Institut ausgesetzt ist. Das Verständnis von Wissenschaft als Lebensform wurde durch diese Interviews jedenfalls gestärkt, ergibt sich doch aus diesem Verständnis die Berücksichtigung all jener Aspekte, die Strukturen eines Alltags erzeugen und das Menschsein ausmachen. Wir können nicht vergessen, dass es Menschen sind, die Wissenschaft betreiben – und das handelnd, wollend, entscheidend und sorgend. Ethische Fragen stellen sich im wissenschaftlichen Alltag deswegen, weil es Menschen sind, die Wissenschaft betreiben – Menschen, die einen Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum haben bzw. im Falle einer Einschränkung gerne hä tten und die in verschiedenen Kontexten und Rollen tätig sind, sodass sich aus den unterschiedlichen Loyalitäten heraus Konflikte ergeben können. Hier bedarf es einer Ethik der wissenschaftlichen Lebensform, die gerade auf die Strukturen des Alltags Rücksicht nimmt. Eben das kann eine »dünne Wissenschaftsethik« nicht leisten. (ii) Wissenschaft bildet einen Alltag aus. Wissenschaftsalltag erzeugt Routinen, ermöglicht die Herausbildung eines Habitus, verlangt nach verlässlicher Infrastruktur und funktioniert nur aufgrund eines Netzwerks von Regeln, die insofern reflexionsentlastend sind, als man nicht jeden einzelnen Schritt neu überdenken muss. Der Wissenschaftsalltag wird nicht auf beliebige Weise erzeugt, sondern gibt das Weltbild und die lebenstragenden Grundüberzeugungen, also das, was im Rahmen der wissenschaftlichen Tätigkeit außer Streit steht, wieder. Eine dichte Wissenschaftsethik wird sich besonders um diese Rekonstruktion des Alltags bemühen müssen, denn die speziellen Situationen, die in vielen Fällen für wissenschaftsethische Diskussionen (etwa: Dilemmasituationen) verwendet werden, bilden nicht das Rückgrat von Selbstverständlichkeiten, auf das sich die wissenschaftliche Arbeit stützt. Man könnte sich überlegen, ob nach dem Beispiel der Mikrosoziologie Erving Goffmans auch das Projekt einer Mikroethik verfolgt werden könnte, nicht im Sinne einer Situationsethik, sondern im Sinne einer ethischen Reflexion auf Alltagssituationen, die prima facie vielleicht nicht ethisch problematisch erscheinen mögen. Es kann durchaus Aufgabe der Wissenschaftsethik sein, für ethische Fragen zu sensibilisieren. Hier zeigt sich auch eine mögliche Verzerrung, die durch die Interviews gegeben sein könnte: Wir haben nach Beispielen gefragt, nach Beispielen für ethisch relevante Situationen, in denen 99 sich eine Wissenschafterin/ein Wissenschafter befunden hat und/oder befindet. Als Antwort auf diese Frage werden in der Regel so genannte »beste Beispiele« genannt 62, die als Prototypen zwar sehr aussagekräftig sind, aber den Blick auf den Alltag verschleiern. Hier wird man über die Technik der Interviews hinausgehen müssen, sich aus dem Armstuhl erheben und ins Feld gehen, d.h. rekonstruieren, wie denn die Strukturen des Wissenschaftsalltags beschaffen sind. Auch in diesem Fall scheint eine Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Soziologie sinnvoll zu sein. (iii) Wissenschaft hat mit Mensch-Sein zu tun. »Aber ich bin eben auch ein Mensch«, lautet das Leitmotto dieses Working Paper. Die Wissenschafterin ist »Mensch unter Menschen«, der Wissenschafter ist nicht nur denkender Forscher, sondern auch wollender Mensch. Eben daraus ergeben sich ethische Fragestellungen, die ja ganz entscheidend mit der Verhaltensabstimmung zwischen Menschen zu tun haben. Eine dichte Wissenschaftsethik ist deswegen auch auf eine Anthropologie verwiesen. Was macht das Menschsein aus? Welche Gestalt hat die menschliche Lebensform? Man könnte fünf minimale Punkte zur Charakterisierung der Conditio Humana vorschlagen: Körperlichkeit, Entwicklung, kognitive Fähigkeiten, Gemeinschaft und Individualität. Diese fünf Ecksteine scheinen universal. Alle Menschen leben eine leibliche Existenz, machen eine körperliche, seelische, geistige und moralische Entwicklung durch, haben kognitive Fähigkeiten wie Wahrnehmen, Denken, Urteilen, Fühlen, sind auf eine Gemeinschaft hingerichtet und sind doch unverwechselbare Individuen. Diese fünf Punkte können mit der Lebensform der Wissenschaft in Beziehung gesetzt werden. Menschen betreiben Wissenschaft auf der Basis ihrer Körperlichkeit, im Rahmen einer Entwicklung, in Ausübung komplexer und vielfältiger kognitiver Fähigkeiten, in Hinordnung auf eine Gemeinschaft und doch in einer je individuellen Weise, die wissenschaftliches Arbeiten als bestimmtes und besonderes wissenschaftliches Arbeiten in den Blick nehmen lässt. Es sind Menschen, die Wissenschaft betreiben. Daraus ergibt sich etwa eine Berücksichtigung der Rolle von Emotionen im Kognitionsprozess63 oder eine Berücksichtigung des nichtregelhaften Aspekts menschlicher Sprache, die Spielraum für die Herausbildung eines 62 63 Vgl. C. Sedmak, Erkennen und Verstehen. Grundkurs Erkenntnistheorie und Hermeneutik. Innsbruck: Tyrolia – 2003, 51. Vgl. M. Nussbaum, Upheavals of Thought. Cambridge: Cambridge UP – 2001. 100 je individuellen Stils lässt. 64 Daraus könnte sich aber auch ein Plädoyer für eine Wissenschaftskultur ergeben, »as if people mattered« – ein Plädoyer für eine »Wissenschaft mit menschlichem Antlitz«. Es scheint unklug zu sein, wenn die Latte für wissenschaftliches Arbeiten so hoch gelegt wird, dass niemand mehr diese Latte überqueren kann. Damit sei nichts gegen das Ideal – als regulatives Ideal allerdings nur – einer »Sicht von Nirgendwo« gesagt. Eine Wissenschaftsethik »as if people mattered« wird allerdings auch die nichtsubstituierbare Rolle von Subjekten mit ihren irreduzibel subjektiven Momenten berücksichtigen. Diese Sehnsucht nach einer menschlichen Lebensform der Wissenschaft ist in den Interviews mitunter durchgeklungen. Von einer philosophischen Perspektive wird es auch erlaubt sein, auf diesem Hintergrund der Frage nach dem Menschsein die Frage nach dem Leben als Ganzen und damit nach einem geglückten Leben zu stellen. Diese Frage ist zentral für eine Wissenschaftsethik, »as if people mattered« – sie führt zur Frage nach dem »Warum« und »Wohin« von Wissenschaft. (iv) Die Interviews haben den Wert ethischen Fragens vor Augen geführt. Die Bereitschaft zum Gespräch war sehr hoch. Wenn es nicht so oberlehrerhaft klingen würde, könnte man sagen, dass wir ein Bedürfnis nach der Diskussion ethischer Fragen und der eigenen wissenschaftlichen Arbeit geortet haben. Eine dichte Wissenschaftsethik »as if people mattered« wird sich um eine Kultur ethischen Fragens bemühen müssen. Diese Fragen sind zu wichtig, um allein den Spezialistinnen und Spezialisten überlassen zu werden und diese Fragen sind zu wichtig, um allein auf nichtsystematische Weise behandelt zu werden. Ethik hat mit Maßstäben zu tun. Und Maßstäbe mit einem Sinn für Prioritäten und Sensibilität in Bezug auf Gewichtungen. Der Dialog über die Disziplinen hinweg, die durch gemeinsame ethische Anliegen und Fragen miteinander verbunden sind, kann hier helfen. Eine dichte Wissenschaftsethik wird sich nicht mit der Aufzählung einer Reihe von Beispielen begnügen können. Es geht auch um gemeinsame Kernanliegen von wissenschaftlicher Arbeit überhaupt, unbeschadet der Disziplin oder institutionellen Ausgestaltung. Solche Kernaspekte betreffen etwa das Verständnis von »intellektueller Redlichkeit«« oder das Verständnis der Ethik der Lebensform der Wissenschaft. Ein Verdienst der Philosophie kann hier darin bestehen, Fragen zu stellen, 64 Vgl. H.J. Schneider, Phantasie und Kalkül. Frankfurt/Main: Suhrkamp – 1992. 101 Begriffe zu klären, Unterscheidungen einzuführen – und damit Entscheidungen vorzubereiten. Dies kann nur im Dialog mit den betroffenen Personen und Disziplinen geschehen. Dieser Primat der Frage vor der Antwort, dieser Primat des Hörens vor der Rede ist im genus communicativum der offenen Interviews zum Ausdruck gekommen. Der geschilderte Prozess der Verdichtung dünner Begriffe ist ein Kommunikationsprozess, bei dem Begriffe durch Beispiele Plastizität gewinnen und Beispiele durch Begriffe Klärung erfahren. Das Überlegungsgleichgewicht, das sich auf diese Weise herausbildet, ist stets ein vorläufiges. Anhang 1 - Bestätigung für die Verwendung der Interviews: BESTÄTIGUNG Hiermit räume ich Dr. Daniel Bischur und dem FWF Projekt Y 164, in dessen Rahmen Dr. Bischur arbeitet, die Rechte bezüglich einer Verwendung des mit heutigem Datum geführten Interviews zum Thema „Ethik im wissenschaftlichen Alltag“ für wissenschaftliche Arbeiten, vor allem für eine Publikation im Rahmen der Serie „Working Papers: Theories and Commitments“, ein. Das Interview kann ausschnittweise wörtlich in schriftlicher Form verwendet werden, wobei die Identität des /der Interviewpartners/in geschützt werden muss und der/die Interviewpartner/in nur in anonymisierter Form angeführt werden darf. Der Interviewer und die Leitung des FWF-Projekt Y164 sichern zu, dass die Tonbandaufzeichnungen nur für die oben angeführten wissenschaftlichen Arbeiten im Rahmen des FWF-Projekts Y164 unter Wahrung der Anonymität der Befragten Personen verwendet werden, nicht an dritte weitergegeben werden dürfen und Versuche einer Deanonymisierung verhindert werden. Der/die Interviewte/r verliert damit jedoch nicht das Recht auf Verwertung, Publikation bzw. Ausstrahlung. Ort/ Datum des Interviews: Name der/ des Interviewten: Unterschrift Name des Interviewers: Dr. Daniel Bischur c/o FWF Projekt Y 164 /Franziskanergasse 1/IV) Unterschrift: 103 Anhang 2 - Fragenleitfaden für die Interviews: Fragenkatalog Wissenschaftsalltag o Ihr » Wissenschaftsalltag« o Zusammenhang zu »Ethik « o Rolle von ethischen Überlegungen ? o Bedeutung von ethischen Fragen ? o Verständnis von » Wissenschaftsethik « ? o welche Rolle spielt Wissenschaftsethik in Ihrem Arbeitsverständnis ? o Hat Wissenschaft etwas mit Ethik zu tun ? o Welche Berührungspunkte sehen Sie ? o Welche Werte würden Sie jungen Wissenschafter/inne/n für Ihr Artbeitsleben mitgeben wollen ? Konkrete Erfahrungen o Beispiele ethsicher » Dilemmata « / Situationen o Gewissenskonflikte o Konkrete Erfahrungen mit ethischen Konflikten o Heutige Einschätzung dazu o Häufigkeit solcher Situationen o Erfahrungen mit KollegInnen Ethik in der Disziplin o Wissenschaftsethische Diskussion in ihrem Feld o Wissenschaftsskandale in ihrer Disziplin o Ethikkodex o Einstellung dazu ? o Sinnhaftigkeit ? o Eckpunkte einer » Wissenschaftsethik ihres Faches « 104 Anhang 3 - Beispiel für ein Transkript: 105