Junge Russlandexpertinnen vor großen Herausforderungen

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IFAIR
Young Initiative on Foreign Affairs and International Relations (IFAIR) e.V.
Auftaktveranstaltung des Forums Junger Russlandexperten
Nachdem während der Ära Gorbatschow eine Welle des „Russland-Enthusiasmus“ durch Deutschland ging, hat das Interesse an unserem großen östlichen Nachbarn, mit seinen oftmals undurchsichtigen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen rapide abgenommen. Parteien, Organisationen und Unternehmen mangelt es deshalb an fachkundigen, politisch, kulturell und ökonomisch
versierten Russlandexperten, die für die Entwicklung der immer wichtiger und gleichzeitig komplexer
werdenden europäisch-russischen Beziehungen dringend benötigt werden.
Neue Wege und Arbeitsformen gesucht
Um einen Beitrag zur Lösung dieses Problems zu leisten hat das Team des Regionalbereichs
„Russland & GUS“ von IFAIR am 31. März 2012 Nachwuchskräfte aus Wissenschaft und Praxis zur
Auftaktveranstaltung des „Forums junger Russlandexperten“ nach Berlin eingeladen. Die
Veranstaltung
wurde
von
der
Studienstiftung des deutschen Volkes,
dem Bildungswerk Berlin der HeinrichBöll Stiftung sowie der gemeinnützigen
Hertie Stiftung unterstützt. Unter dem
Titel „Russland im Umbruch: Wahlen,
WTO und web2.0“ diskutierten 26 zuvor
ausgewählte
TeilnehmerInnen
aus
Mittel- und Osteuropa über die
politische,
wirtschaftliche
und
gesellschaftliche
Lage
Russlands,
tauschten sich aus und vernetzten sich
untereinander.
Die Impulsvorträge von sieben jungen und drei erfahrenen Russlandexperten waren die Grundlage
für eine angeregte Debatte über Russlands Gegenwart und Zukunft. Im Zeichen des politischen Wandels in Russland bestimmten innovative und unkonventionelle Themen die Auftaktveranstaltung.
Russlands Außenpolitik in zwischen harten und weichen Konzepten
Für einen kontroversen Auftakt sorgte Anastasia Stepanovich mit einem Vortrag über die Rolle der
Cultural Diplomacy in der russischen Außenpolitik. Die Studentin der Europauniversität Viadrina arbeitete konkrete Schritte für die Entwicklung einer Russian Soft Power heraus und provozierte damit
den Widerspruch einiger TeilnehmerInnen, die einer Übertragung des Konzeptes auf Russland skeptisch gegenüberstanden. Hieran knüpfte die European Studies Studentin Insa Nieberg mit einem Vortrag über die derzeitige russische Außenpolitik gegenüber den Staaten des Nahen Ostens an. Anhand
einer übersichtlichen Checkliste beleuchtete sie die ausschlaggebenden Motive, Möglichkeiten und
Grenzen für Russlands Politik in dieser Weltregion. Das außenpolitische Modul wurde durch die renommierte Wissenschaftlerin Dr. Susan Stewart von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ab-
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geschlossen. Sie analysierte die
russische Rolle im postsowjetischen
Raum: „Die Eurasische Union ist ein
geopolitisches Instrument der russischen Elite. Eine solche Konkurrenz
zum Integrationsmodell der EU ist
ökonomisch wenig sinnvoll und
bremst Russlands Modernisierung
aus“. Dem widersprach ein Teilnehmer: „Die Eurasische Union
wurde von Kasachstan initiiert und
ist daher kein imperiales Projekt“.
Das gemütliche gemeinsame Mittagessen bot die Möglichkeit, die belebten Diskussionen des ersten
Moduls fortzusetzen, sich gleichzeitig aber auch ganz persönlich über das Leben und Arbeiten in
Russland auszutauschen.
Die erwachende Bürgerschaft und mächtige Eliten
Das zweite Modul zur russischen Innenpolitik leitete Ilja Kalinin mit einer ungewöhnlichen These zur
russischen Innenpolitik ein: Der Doktorand des
Heidelberger Instituts für politische Wissenschaft
charakterisierte Putins Machtvertikale als „temporäre Hilfskonstruktion“ die gar als politische und
sozialpsychologische Voraussetzung für ein zukünftiges demokratisches Regime gesehen werden
könne: „Putin hat unter Berücksichtigung der russischen Realitäten wirtschaftliche, politische und
gesellschaftliche Voraussetzungen für den aktuell
stattfindenden Wertewandel geschaffen, der eine
Verwandlung der sowjetisch geprägten Bevölkerung in eine demokratische Bürgergesellschaft
nach sich ziehen wird“, so Kalinin.
Im
Anschluss
beschäftigte
sich
Anton
Himmelspach humorvoll mit der Renaissance der
politischen Satire in Russland. Der Doktorand der
Uni Vechta verschaffte den TeilnehmerInnen einen
Eindruck davon, wie Russland ganz in der Tradition der in der Breschnew-Ära entstandenen „Küchengespräche“ die autoritären Züge des heutigen Regimes satirisch verarbeitet. Sarah Weigel gab im
Anschluss Einblick in ihre Forschungsergebnisse zu den derzeitigen russischen Eliten in Wirtschaft
und Politik. Die Seminarassistentin im Auswärtigen Amt postulierte ein „Primat der Eliteforschung“,
wonach bei der Untersuchung von Prozessen in Politik und Ökonomie die herrschenden Eliten stets
eine zentrale Rolle spielen. Auch dieses Modul wurde von einem anerkannten Russlandkenner abge-
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schlossen: Alexander Rahr, Programmdirektor des Berthold-Beitz Zentrums für Russland, Ukraine,
Weißrussland und Zentralasien von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP)befasste
sich unter anderem mit der schwierigen Rolle jener Experten die sich als Vermittler zwischen Russland und Europa verstehen. Durch seine langjährige Erfahrung im Umgang mit zentralen Entscheidungsträgern aus der russischen Wirtschaft und Politik konnte Alexander Rahr wertvolle Einblicke in
die aktuellen Umwälzungen des Machtgefüges in der russischen Regierung und den Parteien gewähren.
Ganz besonders freuten sich die Teilnehmerinnen über die von Ilja
Nemerchicki leidenschaftlich dargebotene Führung durch die russische Botschaft in Berlin. Der Botschaftssekretär führte die gesamte
Gruppe durch die prunkvollen und
üppigen Räumlichkeiten der Botschaft, die seit dem frühen 19. Jahrhundert zu diplomatischen Zwecken
genutzt werden. Dabei erörterte er
zahlreiche Details über die Hauptkuppel der Botschaft, die das Brandenburger Tor um wenige Zentimeter
überragt, die im Herrensalon ausgestellten Kriegstrophäen aus dem im Krieg eroberten Reichstag
sowie die mächtige Marmortreppe, deren Material einst der Errichtung eines nationalsozialistischen
Siegesdenkmals im eroberten Moskau bestimmt war. Herr Nemerchicki gewährte der Gruppe Zugang
zu den zahlreichen Räumen, in denen auch heute noch Politik „hinter verschlossenen Türen“ gemacht wird und sich der russische Präsident mit den hohen Repräsentanten der deutschen Politik
trifft.
Russland als innovativer Wirtschaftsstandort?
Im wirtschaftspolitischen Modul thematisierte Steffen Bünau Russlands enormes Potenzial für die
Produktion grünen Stroms. Bünau erläuterte überzeugend, weshalb regenerativer Strom aus Russland eine echte Alternative zur viel gepriesenen und von zahlreichen Größen der europäischen Energiewirtschaft unterstützten DESERTEC-Initiative in Nordafrika sein könnte.
Michael Lebacher verschaffte den Teilnehmerinnen anschließend einen Überblick über den deutschrussischen Außenhandel und konnte so auch die „Knackpunkte“ des europäisch-russischen Warenaustausches beleuchten: “Russland beliefert Deutschland hauptsächlich mit Rohstoffen und erhält
hierfür gefertigte Produkte – dies klingt nach Austausch, bleibt aber hinter den Möglichkeiten beider
Partner zurück. Russland braucht eine echte Technologiepartnerschaft mit Deutschland und Europa“.
Der E-Commerce-Experte Tobias Schubert rundete das wirtschaftspolitische Modul mit einem Vortrag über die soziale und kommerzielle Dimension des russischen Internets ab: „Das Runet hat das
Potential, die russische Wirtschaft grundlegend zu verändern und der Größe des Landes etwas ent-
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gegenzusetzen“. Denn gerade die ländlichen Regionen profitierten vom „online-Marktplatz“, der die
Menschen nicht mehr zwinge, große Strecken in die Zentren zurückzulegen. Zudem stelle das Runet
einen von staatlicher Seite kaum regulierten Raum des freien politischen Austausches dar und avanciere deshalb zur Grundlage der aufblühenden Zivilgesellschaft. „Der Staat kann seine Macht gut in
der anaolgen, „realen Welt“ ausspielen – der neuen digitalen Bürgergesellschaft vermag er allerdings
noch wenig entgegenzusetzen“, so Schuberts Analyse.
„Dynamischer als vergleichbare Projekte“
Im Anschluss an die Veranstaltung entstanden vielerlei Ideen zum wissenschaftlichen und praktischen
Austausch. Auch die TeilnehmerInnen hießen die
Idee intensiver Kooperation erfahrener Experten mit
Nachwuchskräften aus Ost und West willkommen.
Besonders die Verbindung deutscher und osteuropäischer Perspektiven erwies sich als fruchtbar – knapp
die Hälfte der TeilnehmerInnen haben osteuropäische Wurzeln. Auch die erfahrenen ExpertInnen lobten die Idee des Formates ausdrücklich. Alexander
Rahr befand die Initiative im Vergleich zu anderen
Projekten als „wesentlich dynamischer“ und lud zur
Kooperation mit der Zukunftswerkstatt des
Petersburer Dialogs ein. Dr. Susan Stewart betonte
besonders den Netzwerkgedanken des Forums,
durch den in der Russlandforschung eine „entscheidende Lücke“ gefüllt werden könnte.
Vor dem Hintergrund des erfolgreichen und gehaltreichen Auftakts, ist es nun besonders wichtig gemeinsam neue Ideen zu sammeln und innovative Konzepte zu entwickeln, denn in Zukunft sollen
neben der Fortsetzung und dem Ausbau des „Forums junger Russlandexperten“ auch zusätzliche
themenbezogene Projekte durchgeführt werden. Hierzu haben sich schon erste Subgruppen zusammengefunden, die ihre Arbeit bereits aufgenommen haben. Um die Ideen und die Tatkraft der TeilnehmerInnen und aller Interessierten in die Konzipierung und Durchführung kommender Formate
einbeziehen zu können, soll das Organisationsteam in den nächsten Wochen erweitert werden.
Wir danken unseren Veranstaltungspartnern, Förderern und ReferentInnen, die eine spannende Auftaktveranstaltung ermöglicht und damit geholfen haben den Grundstein für zukünftigen wissenschaftlichen und beruflichen Austausch zu legen.
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