Falk Gastro-Kolleg Oberer GI-Trakt

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Falk
Gastro-Kolleg
Oberer
GI-Trakt
Gastroenterologische Funktionsdiagnostik – klinischer Einsatz,
Grenzen und Fehlermöglichkeiten
von Atemtests, pH-Metrie und
Manometrie
Dr. L. Helmstädter
Prof. Dr. R. Jakobs
Medizinische Klinik C
Klinikum Ludwigshafen gGmbH
Bremserstr. 79
67063 Ludwigshafen
Zusammenfassung
Funktionelle Störungen des Gastrointestinaltrakts ohne Nachweis pathologisch-anatomischer Veränderungen geraten zunehmend in den Fokus des Interesses. Sie machen
einen nicht unerheblichen Anteil der täglichen Arbeit des Gastroenterologen aus.
H2-Atemtests eignen sich zur Abklärung verschiedener Kohlenhydratmalabsorptionen,
zum Nachweis einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms oder zur Bestimmung
der orozökalen Transitzeit.
Der 13C- oder 14C-Harnstoff-Atemtest stellt eine hochsensitive und -spezifische nichtinvasive Untersuchungsmöglichkeit zum Nachweis einer Infektion mit Helicobacter
pylori dar, die nicht nur im Rahmen einer Ulkuskrankheit, sondern auch bei funktionellen
Beschwerden eine Rolle spielt. Aufgrund seiner Radioaktivität wird 14C-Harnstoff nur noch
selten eingesetzt.
Die Langzeit-pH-Metrie gilt als Standardverfahren zur Quantifizierung einer Säurebe­
lastung des Ösophagus. Ihre diagnostische Sensitivität wird jedoch häufig überschätzt,
der Grund hierfür ist eine hohe von-Tag-zu-Tag-Variabilität des Refluxes.
Motilitätsstörungen des oberen und unteren Ösophagussphinkters sowie der tubulären
Speiseröhre können mittels einer manometrischen Untersuchung des Ösophagus sicher
identifiziert werden. Die Manometrie des Anorektums wird im Rahmen der Diagnostik
bei Inkontinenz und Obstipation eingesetzt.
Fragebeantwortung unter
www.falkfoundation.de
Falk Gastro-Kolleg
Titelbild: Ösophagusmanometrie bei Verdacht auf Achalasie
28
Sämtliche Funktionsuntersuchungen bedürfen einer kritischen Interpretation immer in
Zusammenschau mit der klinischen Symptomatik, um letztendlich zur richtigen Diagnose
zu gelangen.
Schlüsselwörter
Funktionsdiagnostik | Atemtest | pH-Metrie | Manometrie
Gastroenterologische Funktionsdiagnostik –
klinischer Einsatz, Grenzen und Fehlermöglichkeiten
von Atemtests, pH-Metrie und Manometrie
Einleitung
Im Rahmen der Abklärung von Schmerzen des Abdomens und des Thoraxraums sind
seit einigen Jahren zunehmend Erkrankungen in den Fokus des Interesses gerückt, die
ohne pathologisch-anatomische Veränderungen einhergehen und am wahrscheinlichsten funktioneller Natur sind. Sie machen einen nicht unerheblichen Teil der Arbeit
des Gastroenterologen in der täglichen Praxis aus.
Zur Diagnostik stehen verschiedene Atemtests (H2, 13C-/14C-Harnstoff ), die LangzeitpH-Metrie sowie die Manometrie des Ösophagus und Anorektums zur Verfügung, die
teils hochsensitiv und -spezifisch sind, jedoch auch ihre Grenzen und Fehlermöglichkeiten bergen und einer sorgfältigen Interpretation in Zusammenschau mit den
­k linischen Befunden bedürfen.
H2-Atemtests eignen sich zur Abklärung verschiedener Kohlenhydratmalabsorptionen, die durch Gärprozesse zu erheblichen abdominellen Schmerzen, Meteorismus
und Diarrhöen führen können. Sie lassen sich aber auch zum Nachweis einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms oder zur Bestimmung der orozökalen Transitzeit einsetzen.
Der 13C- oder 14C-Harnstoff-Atemtest stellt eine hochsensitive und -spezifische nichtinvasive Untersuchungsmöglichkeit zum Nachweis einer Infektion mit Helicobacter
pylori dar, die nicht nur im Rahmen einer Ulkuskrankheit, sondern auch bei funktionellen Beschwerden eine Rolle spielt.
Langzeit-pH-Metrie und Ösophagusmanometrie können insbesondere bei der Abklärung nicht-kardialer Thoraxschmerzen, jedoch auch zur Überprüfung des Therapie­
erfolgs bei säureblockierender Therapie oder bei bereits endoskopisch vermuteten
Motilitätsstörungen des Ösophagus eingesetzt werden. Die Manometrie des Anorektums wird im Rahmen der Diagnostik bei Inkontinenz und Obstipation eingesetzt.
Der folgende Artikel soll die klinischen Einsatzmöglichkeiten, jedoch auch Grenzen
und Fehlerquellen der genannten Tests aufzeigen.
P Funktionelle Störungen des Gastro­
intestinaltrakts sind zunehmend
in den Fokus des Interesses gerückt.
H2-Atemtests
Grundlagen
Die in der Nahrung enthaltenen Zucker (Mono-, Di- und Polysaccharide) werden über
unterschiedliche Mechanismen in den Körper aufgenommen. Glukose wird in der
­Regel vollständig aktiv über die Mukosa im Dünndarm resorbiert und gelangt nicht
bis in den Dickdarm.
Fruktose wird über Carrier-Proteine, insbesondere den Transporter GLUT-5, aufgenommen. Bei Zufuhr in üblicher Menge wird ebenfalls nahezu die gesamte Fruktose resorbiert, sodass keine relevanten Mengen den Dickdarm erreichen.
P Verschiedene in der Nahrung
enthaltenen Zucker werden über
unterschiedliche Mechanismen
vom Körper aufgenommen.
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Disaccharide wie Laktose (Milchzucker, bestehend aus Galaktose und Glukose) oder
Saccharose (Rohrzucker, bestehend aus Fruktose und Glukose) bzw. Polysaccharide
(Stärke) müssen zunächst durch die entsprechenden Enzyme gespalten werden, bevor sie resorbiert werden können.
Lactulose (bestehend aus Galaktose und Fruktose) kann vom Körper selbst nicht verarbeitet werden und erreicht das Kolon in der Regel unverdaut.
Grundlage der H2-Atemtests ist die Fermentierung der verschiedenen Zucker durch
Darmbakterien im Kolon. Während der hierbei stattfindenden Gärprozesse kommt es
zur Bildung von Wasserstoffgas (H2). Eine ausreichend hohe Anzahl von Bakterienkolonien findet sich normalerweise nur im Kolon. Der Gastrointestinaltrakt ist der einzige
Entstehungsort von Wasserstoffgas im menschlichen Körper. Dieses wird zum überwiegenden Teil über Flatulenz ausgeschieden, jedoch werden ca. 10–20% durch Diffusion resorbiert und über die Lunge abgeatmet [1] und können somit in der Aus­
atemluft nachgewiesen werden. Gemessen wird in ppm (parts per million). Nüchterne,
gesunde Personen haben in der Regel einen niedrigen Ausgangswert zwischen 5
und 15 ppm. Ein Anstieg um mindestens 20 ppm bzw. bei erhöhten Ausgangswerten
oder eine Verdoppelung der Werte gilt als positives Testergebnis. Der Zeitraum zwischen Wasserstoffbildung und der Nachweisbarkeit in der Exspirationsluft beträgt
ca. 4–8 Minuten [2, 3]. Mit modernen Messgeräten ist der Test in single-breath-Technik
einfach, schnell und spezifisch durchführbar.
P Grundlage der H2-Atemtests ist die
Fermentierung von Zuckern durch
Bakterien der Darmflora mit konsekutiver Bildung, Resorption und Abatmung
von Wasserstoffgas.
Laktosetoleranztest
Disaccharidasemangel ist die häufigste Ursache für eine Laktoseintoleranz. Insbesondere in Asien, Afrika und Südamerika ist die Laktoseintoleranz weit verbreitet und betrifft nahezu die gesamte Bevölkerung, dagegen ist sie in Westeuropa, Nordamerika
und Australien bei lediglich 5–15% anzutreffen (s. Abb. 1).
P Die Laktose­intoleranz ist der
häufigste Disaccharidasemangel.
Abb. 1
0–20%
20–40%
40–60%
60–80%
80–100%
Weltweite Verbreitung der Laktoseintoleranz (Quelle: Verein für Laktoseintoleranz e.V./Die Zeit)
Besteht ein Laktasemangel, wird nicht die gesamte Laktose im Dünndarm gespalten
und resorbiert, sondern ein relevanter Anteil erreicht das Kolon und wird dort von der
Bakterienflora unter Bildung der erwähnten Gärprozesse fermentiert, was konsekutiv
zu Symptomen und einem messbaren Anstieg der H2-Konzentration in der Ausatemluft führt. Normalerweise geht die Fähigkeit, Laktose zu spalten, nach dem Säuglings­
alter verloren. Es wird jedoch angenommen, dass sich in Erdteilen mit bereits seit
­langer Zeit bestehender Milchwirtschaft Mutationen durchgesetzt haben, welche die
Fähigkeit der Laktosespaltung auch über das Säuglingsalter hinaus erhalten.
30
Der Atemtest wird in der Regel mit einer Dosis von 50 g Laktose durchgeführt und
erreicht im Vergleich zum Goldstandard, der endoskopischen Biopsie mit Bestimmung
der Laktaseaktivität, eine Sensitivität und Spezifität von bis zu 100% [4]. Jedoch ist die
Dosis von 50 g, insbesondere unter Berücksichtigung von Symptomen, nicht unumstritten, entspricht sie doch ca. 4–5 Portionen (1 Portion = ca. 1 Tasse) Milch, Joghurt
oder Eiscreme. Das ist deutlich mehr als eine Person normalerweise zu sich nimmt.
Auch lässt sich nicht immer eine Korrelation von einem positiven Testergebnis mit
den angegebenen Symptomen bzw. von Symptomen mit der Aufnahme von Milchprodukten herstellen und so kann durchaus eine normale Menge Laktose (z. B. 1 Tasse
Milch) trotz positivem Atemtest ohne Symptome vertragen werden. Die ätiologische
Rolle der Laktoseintoleranz bei Reizdarm und anderen funktionellen gastrointestinalen Symptomen wird bei uneinheitlicher Studienlage ebenfalls kontrovers diskutiert [5].
Das Testergebnis sollte daher immer in Zusammenschau mit der Klinik unter Aufnahme durchschnittlicher Mengen Laktose bewertet werden.
P Normale Mengen Laktose können
trotz positivem Test auf Laktose­
intoleranz durchaus ohne Symptome
vertragen werden.
Bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms
Eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms kann sich sehr unterschiedlich präsentieren. Beobachtet werden Steatorrhö (durch Dekonjugation von Gallensäuren),
makrozytäre Anämie (Vitamin-B12-Mangel), fleckige Schleimhautläsionen im Dünndarm mit verplumpten Zotten oder unspezifischer chronischer Diarrhö. Sie wird durch
Änderungen der Magensäure (z. B. bei Fehlen nach Gastrektomie), ver­zögerten Transit
(z. B. bei Diabetes, systemischer Sklerose) sowie chirurgische (z. B. blinde Schlingen,
Verlust der Ileozökalklappe) oder sonstige (z. B. große Dünndarmdivertikel) Änderungen der Anatomie begünstigt. Über ein Drittel der Patienten mit exokriner Pan­
kreasinsuffizienz zeigen eine bakterielle Fehlbesiedelung [6]. Eine weitere Gruppe mit
erhöhter Prävalenz sind ältere Patienten, möglicherweise durch eine Achlorhydrie [7].
Aber auch bei Patienten ohne prädisponierende Faktoren mit chronischen gastrointestinalen Symptomen lässt sich bei bis zu 32% eine bakterielle Fehlbesiedelung des
Dünndarms nachweisen [8].
P Eine bakterielle Überwucherung des
Dünndarms kann sich mit sehr unterschiedlicher Symptomatik präsentieren.
Der Goldstandard zum Nachweis einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms
ist die Kultur aus Jejunalsaft. Hierbei gilt ein Nachweis von mehr als 106 koloniebildender Einheiten (KBE) als pathologisch. Die Gewinnung von Jejunalsaft ist jedoch aufwendig und invasiv. Atemtests hingegen sind einfach durchführbar, nicht-invasiv und
ausreichend akkurat. Für einen H2-Atemtest können letztendlich sämtliche bakteriell
fermentierten Zucker verwendet werden (Glukose, Laktose, Lactulose, Fruktose etc.).
Verwendet wird in der Regel Glukose in einer Dosierung von 50 g, da hier keine Ver­
fälschung der Testergebnisse wie z. B. durch einen Disaccharidasemangel bei Laktose­
intoleranz auftritt.
Normalerweise wird Glukose vollständig im proximalen Dünndarm resorbiert, erreicht
daher nicht den Dickdarm und führt dementsprechend zu keinem Anstieg von H2
in der Atemluft, selbst bei Patienten mit Gastrektomie und verkürzter Transitzeit. Bei
­bakterieller Fehlbesiedelung des Dünndarms wird die Glukose jedoch bereits im
Dünndarm durch Bakterien verstoffwechselt und bedingt daher eine Bildung und
Nachweisbarkeit von H2 in der Atemluft. Charakteristisch ist bereits der erhöhte Ausgangswert von 20 ppm oder mehr, der bei ca. einem Drittel der Patienten mit bakterieller Überwucherung des Dünndarms gefunden werden kann (s. Abb. 2).
P Bei bakterieller Fehlbesiedelung
des Dünndarms wird Glukose bereits
im Dünndarm durch Bakterien
fermentiert, bevor sie vollständig
resorbiert werden kann.
31
Abb. 2
Glukose-H2-Atemtest
[ppm]
70
60
50
40
30
20
10
0
0 min10 min20 min
30 min40 min
50 min
Verlauf des H2-Atemtests bei bakterieller Fehlbesiedelung. Charakteristisch ist der erhöhte
Ausgangswert.
Weitere H2-Atemtests
Bei der Fruktosemalabsorption, nicht zu verwechseln mit der hereditären Fruktose­
intoleranz, bei der die Fruktose nicht abgebaut werden und dies bereits früh zu
schweren Stoffwechselstörungen führen kann, liegt ein Defekt oder eine verminderte
Aktivität des spezifischen Transporters in der Dünndarmmukosa vor. Somit besteht
eine eingeschränkte Resorptionskapazität und nach Aufnahme üblicher Mengen von
Fruktose erreicht ein relevanter Anteil das Kolon und wird dort unter Bildung von Wasserstoffgas fermentiert. Je nach verabreichter Menge von Fruktose lässt sich z. B. bei
Kindern bei bis zu 100% eine Diarrhö auslösen, wenn der spezifische Carrier für Fruktose übersättigt ist und keine weitere Fruktose mehr resorbiert werden kann (sogenannte „Apfelsaftdiarrhö“), im Sinne einer eingeschränkten Fruktosetoleranz. Aus diesem Grund werden für den Test in der Regel 25 g Fruktose verwendet.
Zur Bestimmung der orozökalen Transitzeit werden nicht resorbierbare Zucker eingesetzt, z. B. Lactulose, die erst nach Erreichen des Kolons und der hier einsetzenden
Fermentierung durch Darmbakterien zu einem H2-Anstieg führen. Zu bedenken ist
jedoch, dass die osmotische und laxierende Wirkung der Lactulose nicht unbedingt
die physiologische Passagezeit wiedergibt. Die mit Lactulose gemessene Transitzeit
korreliert mit der Substratmenge. Die Bestimmung der Transitzeit mittels Atemtest ist
gegenüber radiologischen und nuklearmedizinischen Methoden der Dünndarmverfolgung bezüglich der Aussagekraft vergleichbar, jedoch biologisch nicht belastend
und einfach durchführbar.
Da Lactulose nicht resorbiert wird und immer das Kolon erreicht, lassen sich hiermit
sogenannte „Non-Producer“ identifizieren, welche kein Wasserstoffgas bilden. Der
­Anteil der H2-Non-Producer bei gesunden Personen wird mit ca. 5–20% angegeben
[9, 10]. Ursachen können eine Veränderung der Milieus (z. B. durch Therapie mit Lactulose, Senkung des pH) oder eine Alteration der Darmflora (z. B. durch antibiotische
Vorbehandlung) sein. Lässt sich nach Belastung mit Lactulose kein Anstieg von H2
nachweisen, spricht dies für einen H2-Non-Producer.
Der D-Xylose-Test zur Diagnostik einer Malabsorption wird selten durchgeführt. Eine
Resorptionsstörung lässt sich gezielter durch Bestimmung der Serumspiegel oder des
Resorptionsverhaltens der entsprechenden Substrate nachweisen.
P Weitere H2-Atemtests dienen zur
Diagnostik einer Fruktosemalabsorp­
tion, zur Bestimmung der orozökalen
Transitzeit sowie zur Identifizierung
von H2-Non-Producern.
32
Patientenvorbereitung und mögliche Fehlerquellen
Da in allen Patienten eine gewisse Menge an Wasserstoffgas gebildet wird, ist eine
adäquate Vorbereitung unabdingbar. 12 Stunden vor dem Test sollten Mahlzeiten mit
unfermentierbaren Kohlenhydraten wie Nudeln, Brot oder ballaststoffreiche Getreide
vermieden werden. So ist z. B. eine Mahlzeit mit Reis, welcher vollständig resorbiert
wird, und Fleisch ohne weitere Kohlenhydrate empfehlenswert. Damit ist gewähr­
leistet, dass zum Zeitpunkt des Tests keine nennenswerte H2-Produktion mehr statt­
findet.
Da körperliche Betätigung und Rauchen zur Hyperventilation und damit zu einer
möglichen Verfälschung des Testergebnisses führen können, sind sie mindestens
2 Stunden vor dem Test zu vermeiden.
Erkrankungen mit einer deutlich beschleunigten Dünndarmpassage (z. B. Kurzdarmsyndrom) können ein falsch-positives Testergebnis bedingen, da eventuell nicht ausreichend Zeit bleibt, die entsprechenden Zucker zu spalten bzw. zu resorbieren und
damit relevante Mengen das Kolon erreichen. Daher sind H2-Atemtests bei solchen
Erkrankungen nur sehr eingeschränkt verwertbar.
Andererseits kann bei Messung der orozökalen Transitzeit eine bakterielle Fehlbesiedelung eine schnelle Dünndarmpassage vortäuschen. Zudem ist, wie bereits erwähnt,
bei Gabe von Lactulose die osmotische und laxierende Wirkung mit konsekutiver Beschleunigung der Dünndarmpassagezeit zu beachten. Dementsprechend korreliert
die Passagezeit mit der verabreichten Menge Lactulose.
Eine bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms kann zu falsch-positiven Ergebnissen, z. B. beim Laktose- oder Fruktose-H2-Atemtest, führen. Daher sollte bei entsprechend positiven Testergebnissen über den Ausschluss einer bakteriellen Fehlbesiedelung mittels Glukose-H2-Atemtest nachgedacht werden.
Eine weitere mögliche Fehlerquelle ist ein frühzeitiger, meist nur mäßiggradig ausgeprägter Anstieg der Werte, bedingt durch Fermentierung des Testsubstrats in der
Mundhöhle. In seltenen Fällen kann dieser Anstieg hoch ausfallen und somit zu einer
Fehlinterpretation im Sinne eines falsch-positiven Ergebnisses führen.
Ein falsch-negatives Ergebnis findet sich, wie bereits erwähnt, bei sogenannten
Non-Producern, die aufgrund einer alterierten Darmflora oder eines veränderten
­Mikromilieus nicht in der Lage sind, Wasserstoffgas zu produzieren. Zum Ausschluss
kann daher ein Atemtest mit Gabe von Lactulose durchgeführt werden, da hier in
­jedem Fall ein Anstieg der Werte zu erwarten ist. Bleibt dieser aus, ist die Diagnose des
Non-Producers gesichert.
P Bei H2-Atemtests sind sowohl falschpositive als auch falsch-negative
Ergebnisse möglich. Sie sollten daher
immer kritisch interpretiert werden.
Harnstoff-Atemtests
Grundlagen
Harnstoff-Atemtests sind im Vergleich zum aktuellen Goldstandard der Endoskopie
mit Biopsieentnahme eine nicht-invasive, hochsensitive und -spezifische sowie relativ
günstige Alternative zur Diagnostik einer Infektion mit Helicobacter pylori. Die Grundlage des Tests ist die Bildung des Enzyms Urease durch H. pylori, wodurch Harnstoff
unter Bildung von Ammoniak und Kohlendioxid verstoffwechselt wird. Letzteres wird
resorbiert und abgeatmet. Verwendet man nun im verabreichten Harnstoff markierten Kohlenstoff, so lässt sich dieser im CO2 der Atemluft nachweisen. Zum Einsatz
kommen hier die Isotope 14C und 13C. Ersteres ist radioaktiv, daher nicht bei Kindern
und Schwangeren einsetzbar, und ist aus diesem Grund weniger verbreitet. Das stabile, nicht radioaktive Isotop 13C lässt sich mittels eines Isotopenverhältnis-Massenspektrometers nachweisen bzw. es wird das Verhältnis von normalem 12C zum Isotop 13C
(δ13C/12C) gemessen. Proben der Atemluft werden unmittelbar vor und 30 Minuten
nach Verabreichung des Harnstoffs genommen und der Anstieg des Verhältnisses
δ13C/12C bestimmt und in DOB (Delta Over Baseline) angegeben. Ein Wert von 5‰
oder mehr gilt definitionsgemäß als positiv. Da das Isotop 14C aufgrund seiner Radioaktivität nur noch selten verwendet wird, soll hier lediglich der 13C-Harnstoff-Atemtest
besprochen werden.
P Harnstoff-Atemtests basieren auf der
Synthese des Enzyms Urease durch
Helicobacter pylori und stellen somit
einen indirekten Nachweis dar.
33
13
C-Harnstoff-Atemtest
Verabreicht werden 75 mg Harnstoff. Die Gabe einer Testmahlzeit vor Einnahme des
Harnstoffs wurde empfohlen, um die Magenentleerung zu verzögern und damit die
Kontaktzeit des Harnstoffs mit der bakteriellen Urease im Magen zu verlängern. Hierfür eignen sich fettreiche Mahlzeiten oder Zitronensäure, welche durch Senkung des
duodenalen pH-Werts zu einer Relaxation des Fundus und einer reduzierten antralen
Motilität im Magen führt [11]. Eine einfache Lösung mit Zitronensäure scheint die optimale Testmahlzeit zu sein, jedoch sind die Ergebnisse mit dem häufig verwendeten
Orangensaft als Quelle der Zitronensäure etwas schlechter [12]. Eine weitere Verein­
fachung des Tests bietet die Möglichkeit, den Harnstoff in der entsprechenden Testmahlzeit mit Zitronensäure zu lösen, ohne hierdurch die Genauigkeit des Tests zu verschlechtern [13].
P Die optimale Testmahlzeit für
Harnstoff-Atemtests ist eine Lösung
aus Zitronensäure, vermengt
mit dem Harnstoff.
Sensitivität und Spezifität des Harnstoff-Atemtests werden jeweils mit 85–95% angegeben [13, 14]. Alternative Tests zur Diagnostik einer Infektion mit Helicobacter pylori
und deren Performance sind in Tabelle 1 aufgeführt.
Testverfahren zur Diagnostik einer Infektion mit Helicobacter pylori
(nach [15])
Tab. 1
Sensitivität (%) Spezifität (%)
Invasive
Methoden
Nicht-invasive
Methoden
Kultur
70–90
100
Histologie
80–98
90–98
Urease-Schnelltest
90–95
90–95
PCR
90–95
90–95
Harnstoff-Atemtest
85–95
85–95
Stuhl-Antigentest auf der Basis
monoklonaler Antikörper
85–95
85–95
IgG-Antikörpernachweis im
Serum
70–90
70–90
Im Vergleich zu den invasiven Testverfahren ist der Harnstoff-Atemtest nicht-invasiv
und einfach durchführbar. Die Anlage einer Kultur eignet sich vor allem zur Resistenzbestimmung nach Versagen einer Eradikationstherapie und wird, wenn eine erneute
Endoskopie erfolgt, bereits nach dem ersten Therapieversagen, ansonsten nach dem
zweiten Therapieversagen, empfohlen [15]. Die histologische Bestimmung sowie der
Urease-Schnelltest haben den Nachteil des „sampling error“, da ein Befall der Magenschleimhaut fleckförmig auftreten kann und möglicherweise durch die Biopsie­
entnahme nicht erfasst wird. PCR-Verfahren zum Nachweis von H. pylori sowie von
resistenzassoziierten Mutationen sind aufwendig und derzeit wenig verfügbar. Die
Bestimmung von IgG-Antikörpern gegen H. pylori im Serum ist zwar möglich, kann
jedoch nicht zwischen aktiver und abgelaufener Infektion unterscheiden.
P Der Harnstoff-Atemtest ist nichtinvasiv und bezüglich Sensitivität
und Spezifität vergleichbar mit
möglichen alternativen Tests.
Patientenvorbereitung und mögliche Fehlerquellen
Ob die Patienten nüchtern sein sollen, ist in der Literatur nicht einheitlich geklärt. Eine
Nüchternphase von 4 Stunden vor dem Test wird generell empfohlen. Eine Studie
fand einen Anstieg der falsch-negativen Ergebnisse, wenn die Patienten nicht nüchtern waren [16], wohingegen 2 weitere Studien keinen Unterschied feststellen konnten [17, 18].
P Eine PPI-, Eradikations- oder sonstige
Antibiotikatherapie sollte vor Durch­
führung eines Harnstoff-Atemtests
entsprechend lange abgesetzt werden.
34
Eine vorbestehende säuresupprimierende Therapie sollte nach Möglichkeit zuvor abgesetzt werden. Bis zu 33% der H. pylori-positiven Personen unter Therapie mit einem
Protonenpumpeninhibitor (PPI) zeigten in einer Studie mit 93 Patienten ein negatives
Ergebnis im Harnstoff-Atemtest. Bei wiederholten Tests 3, 7 und 14 Tage nach Ab­
setzen der PPI-Therapie wurden 91, 97 und 100% erneut positiv. Daher wird generell
ein Intervall von mindestens 14 Tagen zwischen Absetzen einer PPI-Therapie und
Durchführung des Harnstoff-Atemtests empfohlen, um die Ausbeute des Tests zu
­maximieren. Ob eine H2-Blockertherapie einen Effekt auf das Testergebnis hat, bleibt
kontrovers.
Für eine vorausgegangene Eradikations- oder sonstige Antibiotikatherapie wird nach
aktueller Leitlinie ein Intervall von mindestens 4 Wochen zwischen Therapieende und
Test empfohlen [15], da ansonsten eine vorübergehend signifikant reduzierte Keimzahl dem Nachweis entgehen kann. Möglicherweise wäre ein Intervall von 2 Wochen
jedoch ausreichend [19].
Eine Magenteilresektion führt aufgrund der reduzierten Fläche der Magenschleimhaut zu einer Erniedrigung der Sensitivität [20] der Harnstoff-Atemtests.
Falsch-positive Ergebnisse für die Testverfahren mit Nachweis der Urease (HarnstoffAtemtest, Urease-Schnelltest) können in seltenen Fällen durch eine bakterielle Überwucherung des Magens mit Urease-bildenden Keimen, z. B. Staphylococcus capitis
urealiticum, verursacht sein [21].
Nach der aktuellen Leitlinie der DGVS werden für eine zuverlässige H. pylori-Diagnostik 2 positive Testergebnisse gefordert, lediglich beim Ulcus duodeni rechtfertigt bereits 1 positives Ergebnis die Eradikationstherapie. Sollten sich bei 2 Tests diskrepante
Befunde ergeben, so ist ein drittes Testverfahren hinzuzuziehen [15].
P Außer beim Ulcus duodeni werden
aktuell mindestens 2 positive
Testergebnisse zum Nachweis von
Helicobacter pylori zur Rechtfertigung
einer Eradikationstherapie gefordert.
Langzeit-pH-Metrie des Ösophagus
Grundlagen
Im Rahmen der Diagnostik einer gastroösophagealen Refluxkrankheit (GERD) wird
die pH-Metrie als Standardverfahren zur Quantifizierung einer Säureexposition der
Speiseröhre angesehen. In aller Regel erfolgt sie als Langzeit-pH-Metrie mit einer Aufzeichnung über mindestens 24 Stunden. Empfohlene Indikationen für die Durchführung einer Langzeit-pH-Metrie sind die präoperative Sicherung einer pathologischen
Säureexposition der Speiseröhre vor geplanter Fundoplicatio/Anti-Refluxoperation
sowie fortdauernde Beschwerden, trotz einer adäquaten Anti-Refluxtherapie [22]. Zusätzlich kann eine pH-Metrie bei Patienten ohne endoskopische Veränderungen der
Speiseröhre mit Symptomen einer Refluxkrankheit, nicht kardial bedingten Thoraxschmerzen, laryngopharyngealen Symptomen mit möglicher refluxbedingter Genese, chronischem Husten und Asthma bronchiale, epigastrischen Schmerzen und anderen dyspeptischen Symptomen sowie mit lingual gelegenen Zahnerosionen,
außerdem beim Barrett-Ösophagus sinnvoll sein [22]. Die Deutsche Gesellschaft für
Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) reduziert die Indikationen jedoch
lediglich auf die Diagnostik bei denjenigen Patienten, deren Refluxbeschwerden gegenüber einer Therapie mit PPI in üblicher Dosis refraktär sind [23]. Grund hierfür ist
die Überschätzung der diagnostischen Sensitivität aufgrund einer hohen von-Tag-zuTag-Variabilität des Refluxes. Denn bei bis zu 25% der Patienten mit einer nachgewiesenen erosiven Refluxösophagitis (ERD) und bei einem Drittel der Patienten mit nichterosiver Refluxerkrankung (NERD) muss mit quantitativ normalen Werten gerechnet
werden. Zudem entgehen Patienten mit einem hypersensitiven Ösophagus, d. h. refluxbedingten Beschwerden bei quantitativ „physiologischem“ Reflux, der pH-metrischen Messung, wenn kein Symptomenindex (s. u.) erstellt wird [24].
P Die Langzeit-pH-Metrie gilt als
Standard zur Quantifizierung der
Säurebelastung des Ösophagus.
Die Sensitivität wird jedoch aufgrund einer hohen Variabilität
des Refluxes überschätzt.
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Für die Langzeit-pH-Metrie werden eine Sonde mit einer oder mehreren Messelektroden (Glas oder Antimon), ein tragbares Gerät zur Datenspeicherung sowie Hard- und
Software zur computergestützten Auswertung benötigt. Glaselektroden bieten im
Vergleich zu Elektroden aus Antimon eine höhere Sensitivität und Mess-Stabilität, ein
schnelleres Ansprechen sowie eine längere Haltbarkeit, sind jedoch dicker (ca. 3 vs.
1,5 mm) und steifer, somit unangenehmer sowie teurer in der Anschaffung. Die ­höhere
Flexibilität der Antimonelektroden bedingt jedoch ein leichteres Umschlagen der
Sonde bei der Platzierung.
P Für die Langzeit-pH-Metrie stehen
Sonden mit Glas- sowie Antimon­
elektroden mit jeweils spezifischen
Vor- und Nachteilen zur Verfügung.
Vorbereitung und Durchführung
Um eine Aspiration bei eventuellem Würgen und Erbrechen während der Sonden­
einlage zu vermeiden, sollten die Patienten nüchtern sein. Eine säuresuppressive Therapie muss, sofern vertretbar, zum Nachweis einer Korrelation von Symptomen und
Reflux pausiert werden, z. B. PPI für ca. 1 Woche. Bei erneut auftretenden bzw. persistierenden Symptomen unter einer säureunterdrückenden Therapie wird die Medika­
tion zum Nachweis der Effektivität bzw. eines Nicht-Ansprechens beibehalten [22].
P Je nach Fragestellung wird die
Langzeit-pH-Metrie nach Absetzen
oder unter beibehaltener säuresupprimierender Therapie durchgeführt.
Nach entsprechender Information und Instruktion des Patienten über den Untersuchungsablauf (Vorgehen beim Legen der Sonde, Verhalten während der Messung,
Bedienung der Symboltasten am Aufnahmegerät bzw. Führen eines Tagebuchs) und
Vorbereitung des Mess-Systems wird die Sonde transnasal eingeführt. Dies sollte aufgrund einer möglichen Fehlanlage in die Trachea durch ärztliches Personal bzw. zumindest unter ärztlicher Aufsicht erfolgen [22]. Mangelnde Kooperation des Patienten,
Ösophagusdivertikel und -stenosen sowie größere Hiatushernien können die Sonden­
einlage erheblich erschweren oder unmöglich machen. Komplikationen sind selten.
Vereinbarungsgemäß wird die Sonde 5 cm oberhalb des Oberrandes des unteren
Ösophagussphinkters platziert. Bei tieferer Lage besteht die Gefahr der bewegungs-/
atemabhängigen Dislokation in den Magen. Liegt die Sonde höher, hat dies einen
negativen Einfluss auf die Sensitivität. Zur Bestimmung des Oberrandes des unteren
Ösophagussphinkters wird daher immer zuerst eine Ösophagusmanometrie empfohlen. Alternativ kann die Sonde auch anhand des pH-Wertsprungs zwischen Magen
und Ösophagus platziert werden.
Nach dem Gebrauch sind die Sonden aktuellen Empfehlungen gemäß zu desinfizieren. Hygienisch am unbedenklichsten sind inzwischen erhältliche Mess-Sonden mit
Antimonelektroden zum Einmalgebrauch.
P Die Einlage der pH-Metrie-Sonde
sollte durch einen Arzt bzw. unter
ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Auswertung und Beurteilung
Johnson und DeMeester waren die ersten, die bei gesunden und symptomatischen
Probanden die Säureexposition des Ösophagus quantitativ untersuchten [25]. Seit
­ihrer Beschreibung des Konzepts des physiologischen Refluxes fällt es zunehmend
schwerer, die Grenze des pathologischen Refluxes zu definieren. Hierfür können aus
den pH-metrischen Daten verschiedene Refluxwerte und -scores errechnet werden,
von denen der DeMeester-Score [26] der am weitesten verbreitete ist. Der Wert solcher Score-Systeme wird jedoch zunehmend angezweifelt, da die wesentlich einfacher zu bestimmende kumulative Refluxdauer (% pH < 4) gesamt und getrennt in
aufrechter und liegender Position für die Praxis ausreichend genau erscheint [23]. Die
Aufzeichnung muss demnach mindestens 12 Stunden dauern und eine Schlaf- bzw.
Liegendperiode enthalten. Tabelle 2 gibt die empfohlenen Normwerte an.
36
Empfohlene Normwerte für die 24-Stunden-pH-Metrie des Ösophagus
(nach [22])
Zeitanteil mit pH < 4, insgesamt
≤ 5,8%
Zeitanteil mit pH < 4, Position aufrecht
≤ 8,2%
Zeitanteil mit pH < 4, Position liegend
≤ 3,5%
Gesamtzahl der Refluxepisoden
≤ 46
Zahl der Refluxepisoden > 5 min
≤4
Längste Refluxepisode
≤ 19 min
Tab. 2
Die Sensitivität der Methode kann durch Korrelation von Symptomen mit Refluxepisoden erhöht werden, hierbei wird ein sogenannter Symptomenindex erstellt. Insbesondere Patienten mit einem „hypersensitiven Ösophagus“ mit quantitativ normalem
Reflux können so erfasst werden. Nicht immer gelingt jedoch die Korrelation von Beschwerden und Reflux oder steht eine optimale Software zur Erstellung eines solchen
Indexes zur Verfügung. Außerdem wurden sämtliche Scores bisher nur retrospektiv an
kleineren Patientenkollektiven evaluiert [23].
P Der Wert von Score-Systemen
bei der Auswertung der pH-Metrie
ist zunehmend umstritten.
Zu bedenken ist, dass die pH-Metrie nur sauren Reflux erfasst. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Säureexposition, Mukosaschädigung und Symptomen ist nicht
geklärt [27]. Eine Säureexposition scheint demnach nicht der einzige Auslöser von
Symptomen zu sein, es müssen weitere Faktoren in der Speiseröhre oder dem Refluat
angenommen werden. Hierfür stehen weitere Methoden wie die Bilimetrie zur Er­
fassung eines duodeno-gastroösophagealen Refluxes und die kombinierte Mehr­
kanal-Impedanzmessung und pH-Metrie (MII-pH) zur Verfügung, die jedoch bisher
nicht in der Breite angewendet werden und deren Aussagekraft teilweise ebenfalls
nicht eindeutig geklärt ist [28].
P Die pH-Metrie erfasst nur sauren
Reflux, der Wert weitergehender
diagnostischer Verfahren ist jedoch
bisher nicht eindeutig geklärt.
Die Einlage einer transnasalen Sonde bei der Standard-pH-Metrie für den Zeitraum
von 24 Stunden wird oft als unangenehm empfunden und führt möglicherweise zu
Einschränkungen der normalen täglichen Aktivitäten, wodurch die Messung beeinflusst werden kann. Eine Alternative bietet hier die Bravo®-Kapsel, die nach gastroskopischer Untersuchung und Bestimmung des gastroösophagealen Übergangs 6 cm
oberhalb desselben in der Mukosa verankert wird. Über einen Sender werden die
­Daten an einen tragbaren Empfänger übermittelt. Die Aufzeichnung erfolgt über
48 Stunden, im Gegensatz zur Standard-pH-Metrie mit 24 Stunden Aufzeichnungszeit. Der Stellenwert bleibt derzeit jedoch umstritten [29, 30], zudem sind teils starke
­thorakale Schmerzen sowie Perforationen [31] beschrieben.
Mögliche Fehlerquellen der pH-Metrie sind Fehllagen/-funktionen oder eine falsche
Kalibrierung.
P Eine Alternative zur Sonden-pHMetrie ist die Bravo®-Kapsel, ihr
Stellenwert ist jedoch umstritten.
Manometrie des Ösophagus und Anorektums
Grundlagen
Motilitätsstörungen des Gastrointestinaltrakts gehören zu den am längsten bekannten
und wichtigsten funktionellen Veränderungen. Die Manometrie ist das Standard­
verfahren zum Nachweis von Motilitätsstörungen der Speiseröhre und des Anorektums.
Für die Ösophagusmanometrie stehen 2 grundsätzliche Systeme zur Verfügung. Seit
den 60er-Jahren wird die Perfusionsmanometrie mit kontinuierlich perfundierten
­K athetern angewendet. In den 80er-Jahren wurden stabile Miniaturaufnahmegeräte,
sogenannte solid-state-Transducer, eingeführt, die sogar eine ambulante Langzeitmessung erlauben, da sie perfusionsungebunden sind. Bei der Manometrie des Anorektums werden ähnliche Sonden in Kombination mit einem Ballon zur Dehnungs­
stimulation verwendet.
P Manometrische Untersuchungen
sind der Goldstandard zum Nachweis von Motilitätsstörungen von
Ösophagus und Anorektum.
37
Indikationen zur Durchführung einer Ösophagusmanometrie [32]
Tab. 3
zur Etablierung der Diagnose Dysphagie nach endoskopischem
Ausschluss morphologischer Veränderungen
Empfohlen
vor Platzierung anderer intraluminaler Instrumente, z. B.
pH-Metrie-Katheter, wenn die Platzierung von funktionellen
Orientierungspunkten, z. B. dem Oberrand des unteren
Ösophagussphinkters, abhängig ist
für die präoperative Einschätzung vor Anti-Refluxchirurgie zur
Klärung einer möglichen alternativen Diagnose, z. B. Achalasie
Fakultativ
zur präoperativen Beurteilung der Peristaltik vor Anti-RefluxChirurgie
zur Diagnostik bei Patienten mit Dysphagie nach Anti-RefluxChirurgie oder Behandlung einer Achalasie
zur Bestätigung einer vermuteten Refluxkrankheit
Nicht indiziert
als initiale Untersuchung zur Abklärung von Thoraxschmerzen
aufgrund der geringen Spezifität der Ergebnisse sowie der
geringen Wahrscheinlichkeit einer klinisch relevanten Motilitätsstörung
Die anorektale Manometrie wird im Rahmen der Abklärung einer Stuhlinkontinenz
und einer Obstipation empfohlen, sie ist nicht indiziert bei Reizdarmsyndrom oder der
klassischen Proctalgia fugax (idiopathisches anales Schmerzsyndrom, Levator-aniSyndrom) [33]. Auch hat eine präoperativ durchgeführte anorektale Manometrie keinen hinreichenden Vorhersagewert für eine postoperative Inkontinenz.
Vorbereitung und Durchführung
Für die Ösophagusmanometrie sollten die Patienten ebenfalls nüchtern sein, da hierbei der Katheter, ähnlich der pH-Metrie, meist transnasal eingeführt wird und somit
vergleichbare Risiken bestehen. Verschiedene Medikamente, wie z. B. Nitrate, können
die Untersuchung beeinflussen und sollten ggf. entsprechend lange vorher pausiert
werden. Die Ösophagusmanometrie erfolgt in der Regel als Durchzugsmanometrie,
wobei über mindestens 4 Messpunkte am Katheter nacheinander, im Rahmen des
langsamen Rückzugs der Sonde, die Drücke im Bereich des unteren und oberen Ösophagussphinkters sowie der tubulären Speiseröhre registriert werden.
Für die Durchführung einer anorektalen Manometrie muss die Rektumampulle frei
werden. Dies sollte nach Möglichkeit durch eine spontane Stuhlentleerung erfolgen.
Abführende Maßnahmen, z. B. ein Klistier, sind mit ausreichendem zeitlichen Abstand,
d. h. 1–2 Stunden, durchzuführen. Eine Proktoskopie sollte nicht unmittelbar vor einer
anorektalen Manometrie erfolgen.
Fehlermöglichkeiten sowohl der ösophagealen als auch der anorektalen Manometrie
ergeben sich aus einer falschen Kalibrierung, Sondenfehllage oder Fehlinterpretation
verschiedener Befunde/Phänomene während der Messung.
P Das Ergebnis manometrischer
Untersuchungen des Ösophagus oder
Anorektums kann durch begleitende
Medikation oder vorausgehende
Untersuchungen beeinflusst werden.
Auswertung und Beurteilung
Während der manometrischen Untersuchung wird eine Vielzahl von Parametern, wie
z. B. Sphinkterdrücke, peristaltische Wellen, Reflexe oder Perzeptionsschwellen, erfasst
und in die Beurteilung mit einbezogen, auf die aufgrund ihrer Komplexität und Vielzahl hier nicht im Einzelnen eingegangen werden kann. Für Details sei auf die ausführliche Fachliteratur verwiesen.
Bei der Ösophagusmanometrie können primäre (z. B. Achalasie) oder sekundäre Motilitätsstörungen diagnostiziert werden. Die anorektale Manometrie kann auch komplexe Störungen, wie z. B. eine Beckenbodendyssynergie, aufdecken. Jedoch auch die
P Die Findung einer definitiven
Diagnose sollte nicht allein durch
manometrische Untersuchungen
erfolgen.
38
manometrisch erhobenen Befunde sollten immer in Zusammenschau mit der klinischen Symptomatik und evtl. weiteren, z. B. endoskopischen Befunden, interpretiert
werden, um eine definitive Diagnose mit z. T. invasiven therapeutischen Konsequenzen
zu stellen.
Fazit
Funktionelle Störungen des Gastrointestinaltrakts sind ein häufiges Phänomen und
machen einen nicht unerheblichen Teil der täglichen gastroenterologischen Praxis
aus. Mithilfe von Atemtests können verschiedene Kohlenhydratmalabsorptionen,
bakterielle Fehlbesiedelungen, Infektionen mit Helicobacter pylori usw. erkannt werden. Bei adäquater Vorbereitung und Durchführung zeigen sie eine hohe Sensitivität
und Spezifität. Ein großer Vorteil ist ihre einfache Durchführung.
Die pH-Metrie hat ihren Stellenwert in der Diagnostik der gastroösophagealen Refluxkrankheit. Die Sensitivität wird jedoch meist überschätzt, da teils große von-Tagzu-Tag-Schwankungen vorliegen können. Ob die Bravo®-Kapsel-pH-Metrie mit einer
48-Stunden-Messung hier einen Vorteil bringt, wird kontrovers diskutiert. Bei der
­K apsel-pH-Metrie sind jedoch in Einzelfällen schwere Komplikationen mit Perfora­
tionen beschrieben worden.
Manometrische Untersuchungen sind in der Regel komplex, da eine Vielzahl von
­Parametern, die in die Interpretation mit einbezogen werden müssen, während der
Untersuchung erfasst wird. Sie erlauben jedoch auch die Diagnose komplexerer
­Funktionsstörungen, wie z. B. eine Beckenbodendyssynergie.
Sämtliche genannten Funktionsuntersuchungen bieten eine Fülle von Fehlermöglichkeiten. Die erhobenen Befunde sollten daher immer kritisch bewertet und in Zusammenschau mit der klinischen Symptomatik und weiteren Befunden aus anderen
Untersuchungen interpretiert werden, um die richtige Diagnose zu stellen. Hieraus
können sich möglicherweise invasive therapeutische Konsequenzen, wie z. B. eine
Ballondilatation bei Achalasie, ergeben.
P Die in der gastroenterologischen
Funktionsdiagnostik zur Verfügung
stehenden Verfahren sind in der Regel
hochsensitiv und -spezifisch, bieten
jedoch viele Fehlinterpretations­
möglichkeiten und sollten daher
immer kritisch interpretiert werden.
39
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42
Fragen zur gastroenterologischen
Funktionsdiagnostik
Frage 1:
Welcher Mechanismus ist für die Entstehung von Wasserstoffgas
(H2) aus Kohlenhydraten im menschlichen Körper verantwortlich?
Falk
Gastro-Kolleg
Oberer
GI-Trakt
wEnzymspaltung
wFermentierung durch Darmbakterien
wResorption und Verstoffwechselung
wBildung von Speicherglykogen unter Abspaltung von H2
wBindung an den Resorptions-Carrier unter Abspaltung von H2
Frage 2:
Wozu können H2-Atemtests nicht eingesetzt werden?
Bitte beachten Sie:
Bei der Beantwortung der Fragen
ist immer nur 1 Antwort möglich.
wZum Nachweis einer Laktoseintoleranz
wZum Nachweis einer Fruktosemalabsorption
wZum Nachweis einer Fruktoseintoleranz
wZur Bestimmung der orozökalen Transitzeit
wZum Nachweis einer bakteriellen Fehlbesiedelung des Dünndarms
Die Beantwortung der Fragen und
Erlangung des Fortbildungszertifikats
ist nur online möglich.
Bitte gehen Sie dazu auf unsere Homepage
www.falkfoundation.de.
Unter dem Menüpunkt Falk Gastro-Kolleg
können Sie sich anmelden und die Fragen
beantworten.
Bitte diesen Fragebogen nicht
per Post oder Fax schicken!
Frage 3:
Wodurch lassen sich sogenannte H2-Non-Producer eindeutig
identifizieren?
wGlukose-H2-Atemtest
wLaktose-H2-Atemtest
wFruktose-H2-Atemtest
wD-Xylose-H2-Atemtest
wLactulose-H2-Atemtest
Frage 4:
Ein 71-jähriger Patient mit Ileozökalresektion vor Jahren stellt sich
wegen abdomineller Beschwerden und chronischer Diarrhö vor.
Nebenbefundlich zeigt sich eine mäßiggradige hyperchrom-makrozytäre Anämie. Gastroskopie und Koloskopie mit PE-Entnahme
sind unauffällig. Der Laktose-H2-Atemtest ist positiv. Wie sollte
das weitere Prozedere aussehen?
wKeine weitere Diagnostik erforderlich, die gesicherte Laktoseintoleranz erklärt die
Symptomatik
wDurchführung eines Fruktose-H2-Atemtests, um eine begleitende Fruktosemal­
absorption zu sichern/auszuschließen
wDurchführung eines D-Xylose-H2-Atemtests, um die Resorptionskapazität
abzuschätzen
wDurchführung eines 13C-Harnstoff-Atemtests, um eine Infektion mit
Helicobacter pylori zu sichern/auszuschließen
wDurchführung eines Glukose-H2-Atemtests, um eine bakterielle Fehlbesiedelung
des Dünndarms zu sichern/auszuschließen
Wichtig:
Fragebeantwortung unter
www.falkfoundation.de
Falk Gastro-Kolleg
Frage 5:
Welche Testmahlzeit scheint beim Harnstoff-Atemtest optimal zu sein?
wLösung aus Zitronensäure
wFettreich
wKohlenhydratreich
wProteinreich
wOrangensaft
43
Frage 6:
Wie lange sollte eine PPI-Therapie vor einem Harnstoff-Atemtest
mindestens pausiert werden?
w3 Tage
w7 Tage
w14 Tage
w21 Tage
w28 Tage
Falk
Gastro-Kolleg
Oberer
GI-Trakt
Frage 7:
Was ist keine empfohlene oder mögliche Indikation für eine
Langzeit-pH-Metrie?
wFortdauernde Beschwerden trotz adäquater Anti-Refluxtherapie
wPatienten mit Refluxsymptomen ohne nachweisbare endoskopische Veränderungen
wPräoperative Sicherung einer pathologischen Säureexposition des Ösophagus vor
Anti-Refluxoperation
wBuccal gelegene Zahnerosionen
wNicht-kardialer Thoraxschmerz
Frage 8:
Welche Aussage zur Langzeit-pH-Metrie trifft nicht zu?
wDie ösophageale Messelektrode sollte bei der Sonden-pH-Metrie 5 cm oberhalb
des Oberrandes des unteren Ösophagussphinkters zu liegen kommen
wGlaselektroden bieten eine höhere Sensitivität und Mess-Stabilität, ein schnelleres
Ansprechen sowie eine längere Haltbarkeit im Vergleich zu Antimonelektroden,
sind jedoch unangenehmer, weil steifer
wPatienten mit einem „hypersensitiven Ösophagus“ können auch ohne Erstellung
eines Symptomenindexes identifiziert werden
wDie Sondenanlage sollte durch einen Arzt, jedoch zumindest unter ärztlicher
Aufsicht erfolgen
wDie Aufzeichnung muss mindestens 12 Stunden dauern und eine Schlaf- bzw.
Liegendperiode enthalten
Frage 9:
Eine Ösophagusmanometrie ist nicht indiziert
wZur präoperativen Beurteilung der Peristaltik vor Anti-Refluxchirurgie
wZur Diagnostik bei Patienten mit Dysphagie nach Therapie einer Achalasie
wZur Etablierung der Diagnose Dysphagie nach endoskopischem Ausschluss
morphologischer Veränderungen
wAls initiale Untersuchung zur Abklärung von Thoraxschmerzen
wVor Platzierung anderer intraluminaler Instrumente, z. B. pH-Metrie-Katheter
Frage 10:
Welche Aussage zu manometrischen Untersuchungen trifft zu?
wEine präoperativ durchgeführte anorektale Manometrie hat keinen hinreichenden
Vorhersagewert für eine postoperative Inkontinenz
wDie anorektale Manometrie ist bei Proctalgia fugax indiziert
wFür die Durchführung einer Ösophagusmanometrie muss der Patient nicht
nüchtern sein
wWenn zusätzlich eine Proktoskopie erforderlich ist, sollte diese unmittelbar vor
einer anorektalen Manometrie erfolgen
wEine Medikation mit Nitraten beeinflusst die Ösophagusmanometrie nicht
44
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