Schädelöffnung nach Schlaganfall rettet auch älteren Patienten das

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Tumorentwicklung: Das Woher ist entscheidend
n Von Krebs befallene Gewebe enthalten wichtige Informationen, durch
die die Entwicklung eines Tumors besser nachvollzogen werden kann. Sie
erhöhen die Wahrscheinlichkeit, einen
Tumor operativ komplett entfernen
und eine anschließende Strahlentherapie vermeiden zu können. Die
Erkenntnis ist nicht nur auf den Gebärmutterhalskrebs anwendbar, sondern universell auf die Behandlung
aller Krebserkrankungen. Dazu sind
neue Erkenntnisse von Forschern der
Universitätsmedizin Leipzig im Fachmagazin „The Lancet Oncology“ erschienen.
Bösartige Tumoren folgen spezifischen
Ausbreitungsmustern. Die Geweberäume,
die ein Krebsbefall im Verlauf seiner Ausbreitung (maligne Progression) einnimmt,
entsprechen den Stadien der Embryonalund Fetalentwicklung des betroffenen
Gewebes. Diese bahnbrechende Erkenntnis stammt von Prof. Michael Höckel, Direktor der Leipziger Universitätsfrauenklinik, der seit 15 Jahren zur Behandlung
von Gebärmutterhalskrebs forscht.
Zerstörerische Tumoren wachsen, indem
sie pathologisch reaktivierte Entwicklungsprozesse in rückwärtiger Abfolge
durchlaufen. Dabei nehmen sie fest definierte Geweberäume, sogenannte Kompartimente, ein.
Auf der Grundlage dieser Erkenntnis hatte
Höckel für den Gebärmutterhalskrebs bereits die totale mesometriale Resektion,
eine neue Operationsmethode in Form
Foto: Stefan Straube
Leipziger universitätsmediziner veröffentlichen erkenntnisse im Fachmagazin „the Lancet Oncology“
Prof. Michael Höckel (schwarzes Hemd) leitet am UKL die Frauenklinik.
der Kompartimentresektion, entwickelt.
Bei der Operationsmethode wird das tumorbefallene Gewebe präzise entlang seiner embryonalen Entwicklungsstruktur
entfernt. Gewebe, das sich aus anderen
Vorläuferstrukturen entwickelt hat, kann
trotz unmittelbarer Nähe zum Tumor geschont werden. Eine zusätzliche Strahlentherapie ist nicht mehr erforderlich, da
mit der Kompartimentresektion die gewebliche Voraussetzung für den lokalen
Tumorrückfall beseitigt wird. Nach dieser
Operationsmethode an der Universitäts-
frauenklinik Leipzig ist der Krebs in 95
Prozent der Fälle nicht wieder aufgetreten.
Bei konventionellen Operationsmethoden
liegt die Quote bei 85 Prozent. Auch die
Nachwirkungen des Eingriffs haben sich
verringert: Das Komplikationsrisiko ist
von 28 auf 15 Prozent gesunken.
Die Wissenschaftler belegen, dass die
Kompartimenttheorie nicht nur auf die
frühen Krebsformen, sondern auch auf
die fortgeschrittenen Krebserkrankungen
anwendbar ist. Eine neue aus der Kompartimenttheorie abgeleitete Stadien-
einteilung, das „ontogenetische Tumorstaging“, konnte die Prognose der
Erkrankung signifikant besser einschätzen
als die konventionelle Stadieneinteilung.
Onkologische
Behandlungsergebnisse
können durch Umsetzung der Theorie
nachhaltig verbessert werden, meint Höckel: „Die Arbeiten ermöglichten ein neues Verständnis für das Wesen der Krebserkrankung,
das
die
klinischen
Manifestationen besser erklären kann,
nämlich: Krebs ist eine pathologisch reaktivierte Entwicklung im Rückwärtsgang.“
Krebs tritt als fortschreitender Befall des
Organismus mit neugebildetem Gewebe
auf. Krebszellen wandern in gesundes Gewebe ein und zerstören es. Bislang wurde
der Tumorbefall als ein chaotischer Prozess angesehen, bei dem sich die Tumorzellen ungerichtet und ohne Beeinflussung
durch Gewebegrenzen immer weiter ausbreiten. Entsprechend dieser Vorstellung
besteht das Prinzip einer konventionellen
Operation in der Entfernung des Tumors
mit einem allseitigen Rand tumorfreien
Gewebes, die sogenannte weite Exzision.
Trotz sorgfältiger Durchführung kommt
es aber nicht selten im ehemaligen Operationsgebiet zum Tumorrückfall. Mit einer
zusätzlichen Bestrahlung wird bei dieser
Methode versucht, das Rückfallrisiko zu
verringern. Das Herausschneiden gesunden Gewebes und die zusätzliche Bestrahlung können jedoch erbliche Schäden verursachen. Deshalb haben Höckel und sein
Team die Kompartimentresektion entwickelt, die sich in der klinischen Praxis bewährt.
Diana Smikalla
Schädelöffnung nach Schlaganfall rettet auch
älteren Patienten das Leben
n Ein operativer Eingriff innerhalb von 48
Stunden nach einem Schlaganfall verbessert die Überlebenschancen bei Patienten
über 60 Jahren. Eine Gemeinschaftsstudie
unter Beteiligung von Leipziger Wissenschaftlern belegt, dass die Entfernung eines Teils der Schädeldecke Betroffenen
das Leben rettet, sie jedoch nicht vor
schwerer Behinderung bewahrt. Die Studie wurde im hochrangigen„New England
Journal of Medicine“ veröffentlicht.
Patienten, die älter als 60 Jahre alt sind und
einen sehr schweren Schlaganfall erlitten haben, profitieren davon, die Schädeldecke über
dem betroffenen Gewebe vorübergehend zu
entfernen, um den Druck vom Hirn zu nehmen (im Fachausdruck Hemikraniektomie).
Dadurch werden ihre Überlebenschancen fast
um die Hälfte erhöht. Allerdings behalten die
Betroffenen starke Behinderungen zurück
und sind in der Regel pflegebedürftig. Diese
Erkenntnisse sind das Ergebnis einer Studie
von 13 deutschen Schlaganfallzentren, darunter die Neurologie und Neurochirurgie der
Leipziger Universitätsmedizin.
Vor einigen Jahren hatte eine Studie bereits
hervorgebracht, dass Schlaganfallpatienten
unter 60 deutlich häufiger überleben, wenn
ein solcher Eingriff vorgenommen wird. Ist
die Schwellung zurückgegangen, wird der
Schädelknochen nach drei bis sechs Monaten
wieder eingesetzt. Bei jüngeren Patienten
steigt die Überlebenschance durch diese Methode um das Dreifache und Behinderungen,
die zu einer dauerhaften Bettlägerigkeit führen, bleiben seltener zurück. Deshalb ist die
Operation bei ihnen seit Jahren ein Standardverfahren in Schlaganfallzentren.
In der aktuellen Studie wurden nun erstmals
die Vor- und Nachteile einer Hemikraniektomie für ältere Patienten untersucht. „Bislang
lag die Überlebenschance für ältere Patienten
bei konservativer intensivmedizinischer Betreuung bei etwa 30 Prozent. 70 Prozent der
Patienten verstarben innerhalb weniger Tage.
Durch die Operation wird die Sterblichkeitsrate auf 33 Prozent verringert“, so Prof. Dr.
Jürgen Meixensberger, Direktor der Klinik
und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Leipzig. Allerdings bleibt
nach der Operation ein Drittel der Patienten
pflegebedürftig.
„Die Patienten können nun auf Grundlage
gesicherter Erkenntnisse über die Risiken dieser Operation und dem zu erwartenden Behinderungsgrad wesentlich besser aufgeklärt
werden“, ergänzt Dr. Carsten Hobohm, Neu-
Foto: Stefan Straube
Wissenschaftler der universitätsmedizin Leipzig an studie von 13 deutschen schlaganfallzentren beteiligt
Auf der „Stroke Unit“ des Uniklinikums Leipzig werden Patienten nach einem Schlaganfall behandelt.
rointensivmediziner in derselben Einrichtung.
„Im Arztgespräch gilt es, gut abzuwägen, denn
für Betroffene und Angehörige ist es eine
schwere Entscheidung.“
In die Multicenterstudie unter Federführung
der Universitätsklinik Heidelberg wurden insgesamt 112 Schlaganfallpatienten zwischen 61
und 82 Jahren einbezogen.
DS
|
Liebigstrasse aktueLL
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