Rausch im Niemandsland - Deutschlandradio Kultur

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DeutschlandRadio
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Rundfunkzwecke darf das Manuskript nur mit Genehmigung von
DeutschlandRadio Kultur / Literatur
Sonntag, 15.5.2005, 0.05 Uhr
Deutschlandradio Kultur
Redaktion: Sigried Wesener
Der Rausch im Niemandsland
Zum siebzigsten Geburtstag des Schriftstellers Fritz Rudolf Fries
Von Helmut Böttiger
Autor
Zitator
Zitator 2
O-Ton Fries 1-23 auf DAT
Musik:
Charlie Parker Quintett, Jazz at Massey Hall. Live in Toronto 1953
Dizzy Gillespie: The Complete RCA & Victor-Recordings
Charlie Parker: Bird of Paradise
Charlie Parker: Lover Man
Billie Holiday: Passion Flower
Thelonius Monk: Ruby, My Dear
Thelonius Monk: Crepuscule with Nellie
___________________
Regie:
Musik: Charlie Parker Quintett, Jazz at Massey Hall: Perdido
Autor (über Musik):
Leipzig, Ende der fünfziger Jahre, eine Dachkammer im Vorort Leutzsch. Da, wo der Boden
bereits sumpfig zu werden beginnt. Es ist Mitternacht, und es brennt noch Licht. Paasch, ein
angehender Zahnarzt, hört Radio. Er nimmt die Sendungen von Willis Conover auf, seinem
Lieblingsmoderator bei AFN.
1
Zitator:
Charlie Parker, Miles Davis setzten unisono zum Thema an, dann Bud Powell, der sich einen
Chorus lang nicht zurechtfindet und vergebliche Läufe diametral zum Thema schickt. Man
merkt, dass hier ein gebrochener Mann spielt.
Regie:
Klavier kurz stehenlassen
Autor:
Paasch hat viel mit Bud Powell zu tun, dem berühmten Bebop-Pianisten, der
dreiundvierzigjährig als Morphinist starb. Auch Paasch ist ein gebrochener Mann. Die Palette
an Drogen ist für ihn allerdings nicht so groß wie für die Bebopper an der amerikanischen
Ostküste. Erreichbar ist nur der „Kahlbaum“, der billigste Schnaps vom Konsum an der Ecke.
Zitator:
Paasch kaufte eine Flasche Kahlbaum, trat dann wieder durch die Tür und seinen Weg an, die
Flasche im Arm, deren Inhalt gegen runde Wände stieß, melodisch auf und ab schwappte wie
die ewige Wiederkehr des Wellengangs an der Meeresküste.
Autor:
Fritz Rudolf Fries hat seinen Roman „Der Weg nach Oobliadooh“ Anfang der sechziger Jahre
heimlich unter dem Schreibtisch der Ostberliner Akademie der Wissenschaften geschrieben.
Während er oberhalb des Schreibtischs so tat, als würde er irgendwelche wissenschaftliche
Arbeiten über das späte spanische achtzehnte Jahrhundert verfassen. Nach ein paar Jahren
hatte er tatsächlich einen etwa dreißigseitigen Aufsatz zu Stande gebracht, der in einem
dickleibigen Sammelband veröffentlicht wurde, unter dem Namen Fritz Fries, noch ohne den
Break mit dem Rhythmuswechsel „Rudolf“ dazwischen. Aber gleichzeitig war auch der
dreihundertseitige Roman fertiggeworden, an dessen Erscheinen in der DDR nicht zu denken
war. „Der Weg nach Oobliadooh“ wurde, auf Vermittlung Uwe Johnsons, 1966 im Suhrkamp
Verlag Frankfurt am Main veröffentlicht. Doch auch dort wusste niemand, was es mit diesem
„Oobliadooh“ auf sich hatte.
O-Ton 1: 00’26-1’07:
Das ist ein Phantasiewort, was nicht ganz korrekt in der Schreibweise wiedergegeben wird. Es
ist ein Jazztitel von Dizzy Gillespie: Ich kannte eine schöne Prinzessin im Lande Oobliadooh.
Als er sie zum Traualtar führt, hat man sie ihm ausgetauscht und er hat die Falsche geheiratet.
Ich fand das eigentlich sehr magisch, das Wort Oobliadooh, zumal es – also in der Zeit gab es
eine Reihe von Hollywoodfilmen, die alle irgendwie hießen „Der Weg nach Bahia“ oder „Der
Weg nach Sansibar“. Da dachte ich mir: Der Weg nach Oobliadooh ist vielleicht auch der
Weg in eine unbekannte Zukunft.
Regie:
Musik: Dizzy Gillespie: In the land of Oo-bla-dee, CD 2, Track 17
Zitator:
Paasch sang: I knew a wonderful Princess in the land of Oobliadooh... Astern und
Heuschrecken fielen ihm vor die Füße, letzter Schwalbenflug segelte unter die Dächer, unter
deren eines Arlecq aus einem Fenster im ersten Stock sah. Der leitete den Morgen lyrisch ein,
wachend oder träumend. Ich träum als Kind mich zurücke, im neunzehnten Jahrhundert.
Paasch, unsichtbar hinter Bäumen und Büschen, das Lied von der Prinzessin, elle est partie,
zwischen Gaumen und Zunge, Oobliadooh, blieb am defekten Zaun des Sportplatzes hängen.
2
O-Ton 2: 1’28-1’55:
Ich hab es im Radio gehört, mit meinem Freund Klaus Paasch – so heißt er im Roman. Wir
waren Jazzfans in der Leipziger Zeit und haben diesen Titel eigentlich erkoren zu einer Art
Erkennungsmelodie, und wir haben es versucht, nachzuspielen. Er spielte Klavier, ich leider
nur Blockflöte, was natürlich nicht so passend dazu war.
Autor:
Was Fries mit seinem Lobgesang auf den Bebop in der DDR angerichtet hätte, ist unschwer
auszumalen. Man braucht nur das einschlägige Kapitel im „Musiklexikon der DDR“ aus dem
Jahre 1966, dem Erscheinungsjahr von „Oobliadooh“, nachzulesen. Unter dem Stichwort
„Bebop“ steht da:
Zitator 2:
Wie die Musik, so zeigen auch ihre Spieler ausgeprägt snobistische Neigungen: Mißachtung
des Publikums, Negierung der eigenen Tradition, Neigung zu individuellen Verstiegenheiten.
Die Bop-Improvisation ist eine Flucht aus der Wirklichkeit, ein ekstatisch-neurotisches SichAustoben einsamer Individuen. Der Bop ist eine Anti-Volksmusik, eine verzweifelte Musik,
eine Musik von Snobs gegen das Publikum.
Zitator:
Nur so ein Stück um die Ecke, guter Mann, sagte Paasch im Tonfall des älteren Biedermanns,
in einem Winkel des Fonds hockend, die Beine angewinkelt, die Hände auf der entengelben
Schirmkrücke. Aus dem Radio klingelte und schnarrte es jetzt südamerikanisch. Kein
Verständnis für Cool unter der Masse, sagte Arlecq, die Hände in den Taschen der
maßgefertigten Jacke aus dem Snob- und Neureichenatelier am Markt.
Regie:
Musik: Live at Massey Hall, Perdido
O-Ton 3: 2’07-2’57:
Wir haben AFN gehört, sehr früh, die Stimme Amerikas, auf Kurzwelle, ziemlich spät. Die
bekannte Jazzsendung von Willis Conover „This is Jazz“, mit dem wunderbaren Motto von
Duke Ellington „Take the A Train“. In der Oberschule waren wir vielleicht zwei, drei Leute,
die sich für Jazz begeisterten. Nun war es ja so, dass die frühe DDR den Jazz ja verketzerte
als Musik der Dekadenz. Das ging Hand in Hand mit einer Verdammnis der modernen Kunst
schlechthin, der Malerei – und wir haben eigentlich so alles, was verboten war oder nicht gern
gesehen war, doch erst einmal an Land gezogen.
Regie:
Musik: Massey Hall, Perdido
Autor (auf Musik):
Der Bebop ist für Arlecq und Paasch, die beiden Hauptfiguren im „Weg nach Oobliadooh“,
ein Fluchtraum vor dem sie umgebenden Alltag mit der Kalinin-Mensa und den
melancholisch tristen Ladenräumen. Das ritualisierte Sprechen von Arlecq und Paasch
entspricht dem „Boptalk“, der Redeweise im Kreis um die Musiker des Bebop: sie hatte ihre
eigenen Gesetze und zeigte nach außen, wie die Kleidung und überhaupt die Stilisierung von
Äußerlichkeiten, einen Außenseiterstatus an. Paaschs Zeichen dafür ist das kurze Rücken an
seinem Brillenbügel, und er hat aus Statusgründen auch immer seinen Schirm dabei, einen
schwarzen mit einer entengelben Krücke.
3
O-Ton 4: 10’29-10’33:
Es war die Zeit der Ringelsocken, der Kreppsohlenschuhe.
Regie:
Musik: Massey Hall, Perdido
O-Ton 5: 10’36-11’03:
Das war ja auch ein Zeichen – wenn man Kreppsohlenschuhe trug oder Ringelsocken – dass
man irgendwelche Westkontakte hatte. Die mussten ja eine Tante oder Verwandte in
Westdeutschland haben. Ich hatte einen Onkel in Amerika, der mich ja auch mit Platten und
mit Ringelsocken versorgte – das war schon auch ein kleiner Affront gegen das Blauhemd.
Autor:
Arlecq und Paasch lernen sich bei einem Konzert der „Vorstadt Syncopaters“ in „Schäfers
Ballhaus“ kennen. Zu fortgeschrittener Stunde kündigt die Kapelle den „Saint James
Infirmary“ als „Heimweh des Negersklaven“ an, um keine Scherereien mit der
Gaststättenleitung zu haben. Die ersten Worte, die zwischen Arlecq und Paasch fallen, lauten,
von Paasch ausgesprochen:
Zitator:
Bebop ist da und wird bleiben!
Regie:
Musik, Charlie Parker: Bird of Paradise
O-Ton 6, 5’54-6’08:
Ein Beispiel ist Charlie Parkers Musik. Der natürlich immer wieder Schlagermusik
genommen hat, die entzweigeschlagen und daraus ganz eigene Melodien geschaffen hat.
Regie:
Musik, Charlie Parker: Bird of Paradise
Autor: (auf Musik)
Und dann spielt Paasch auch noch selbst Klavier.
Zitator: (auf Musik)
Der lange, schwarze Gang, der viermal um die Ecke ging, vorbei an Spiegeln, die endlos das
Schwarz des Ganges spiegelten, vorbei an den leeren Garderobehaken, an denen die Schatten
der Garderobefrauen hingen und mit den Garderobemarken Domino spielten: der Saal, der
Vorhang, der die Bühne schloß, die Stühle im Parkett: schwankten, wippten, schaukelten, das
ganze große Haus bis in die Turmspitze mit der Aufschrift ZOO drehte sich um den Garten
mit den Käfigen.
O-Ton 7, 3’10-3’36:
Hinzu kam, dass Westberlin für uns noch erreichbar war, noch vor dem Bau der Mauer, und
wir weitgehend, wenn wir das bezahlen konnten, die großen Jazzauftritte - Miles Davis, Stan
Getz, Louis Armstrong, Mahalia Jackson nicht verpasst haben. (...)
12’24-13’03 Die Badewanne war natürlich ein Paradies für uns. Man kam ja für ganz wenig
Geld hinein. Wenn ich mich erinnere, konnte man einen Teil des Eintrittsgelds für ein Cola
vertrinken. Und man kann sich natürlich vorstellen: zwei Pennäler, etwas schüchtern, linkisch,
4
aus Leipzig, kommen in diesen verräucherten Keller! Die Kellnerin war zum Glück auch eine
aus dem Osten, die uns sofort erkannte als Ostdeutsche, und die uns dann Zigaretten oder ein
Bier oder ein Cola kostenlos über den Tisch brachte.
Autor:
Für Ekkehard Jost, der eine „Sozialgeschichte des Jazz“ geschrieben hat, dient die zur Schau
getragene Andersartigkeit der Bebopper vor allem als Schutz. Sie ist ein
Zitator 2:
Rettungsanker zur Stabilisierung des eigenen musikalischen Selbstwertgefühls. Es ist weniger
Ausdruck von Arroganz als eine Art von verzweifeltem Mut zum Nun-Gerade.
Autor:
Auch hinter dem „Oobliadooh“-Entwurf lauert ein Abgrund, und er kann durch das kapriziöse
Spiel mit dem Alltag und den Normen nicht auf Dauer überdeckt werden. Arlecq und Paasch
ahnen das. Der lange, schwarze Gang, in dem Paasch Klavier spielt, führt in etwas
Ungewisses, in etwas Dunkles, und wie um diesen Gang ins Unbewusste jäh ins Licht zu
führen, hoch hinaus, weit über die Köpfe der Menschen hinweg, spielt Paasch immer weiter.
Arlecq beobachtet das. Er nippt an seinem Glas,
Zitator:
indes Paasch sich auf das Dach des Hochhauses emporspielte, die zeitschlagenden Zyklopen
verdrängte, das Klavier an die Stelle der Glocke setzte, in der Leere des Herzens, welche der
Zustand des Weisen ist, sich selbst, Name, Stand, Berufs- und Familiensinn, in der
erhebenden Wirkung der Musik auflösend.
Regie:
Musik, jubilierende Trompete (aus Perdido oder A Night in Tunisia)
O-Ton 8: 13’38-14’04:
Wenn man von der Nürnberger Straße zum Bahnhof Zoo lief oder bis zum Alex – wir sind
dann viel gelaufen durch Berlin, nachts: Am Wege gab es da auch noch andere Jazzlokale, die
wir nicht kannten, wo auch sehr viele GI’s verkehrten, auch Schwarze. Und da so einen Blues
zu hören, der aus der offenen Tür dringt, da kam man sich natürlich schon vor wie in Harlem
oder sonstwo.
Autor:
Dass ein Roman wie „Der Weg nach Oobliadooh“ Anfang der sechziger Jahre in der DDR
geschrieben werden konnte, ist im Grunde unvorstellbar. Gerade eben war der „Bitterfelder
Weg“ ausgerufen worden. „Greif zur Feder, Kumpel!“ hieß es da, und die Schriftsteller
sollten in die Betriebe gehen, um das Voranschreiten der sozialistischen Produktion minuziös
nachvollziehen und beschreiben zu können. Es herrschte ein unbedingtes Realismusgebot.
Alles, was mit einer bürgerlichen Moderne zu tun hatte, war als dekadent verschrien und galt
als „formalistisch“. Fries stand mit seinem Roman genau da, wo die Bebopper in der
zeitgenössischen Jazzszene standen: mit dem Rücken zur Wand. Überall hörte man den
gleichmäßig stampfenden Bigband-Swing, mit den immergleichen Rhythmen und den genau
abgezirkelten Soli, da klangen die Bebopper mit ihren komplizierten Arrangements wie
Außerirdische. Genauso fühlen sich auch Arlecq und Paasch. Ihre Namen kommen aus der
Commedia dell’arte, Arlecchino und Pasquariello. Einmal führt Paasch einen Slapstick auf,
der seiner Herkunft aus der Commedia dell’arte alle Ehre macht. Er läuft mitten in der Nacht,
nach dem Jazzrausch, nach Hause in seinen Vorort Leutzsch:
5
Zitator:
Er hätte gern den Rest der Melodien, den Bodensatz orgiastischer Begeisterung, der in seinem
Kopf war, abgeschüttelt, zertreten. Immer von neuem dieses Intervall, der Sprung in die
Höhe, aus SALT PEANUTS. Saltpeanutssaltpeanutssaltpea. NUTS. Unmöglich, das
loszuwerden. Immer wieder die Straßenbahnen auf der schmalen Doppelspur. Paasch hatte die
Brücke noch vor sich. Rechts trat er auf SALT, links auf PEANUTS. Da der Ton bei PEA
aber gewaltig emporgerissen wurde, steil anstieg, sich im Unendlichen verlor, empfand er
links einen Zwang, das Bein hochzureißen, sich mit der Fußspitze links vom Boden
abzuschnellen, SaltPEAnuts. Er versuchte, mit dem zum Spazierstock degradierten
Regenschirm auszugleichen. Jetzt ging es. Aber die Mühe war unsagbar.
Regie:
Musik, Massey Hall: Salt Peanuts
Autor:
Oobliadooh, der utopische Ort, der von Gillespie mit mäandrierenden Notenlinien umspielt
wird, er ist für Fries das Land der Literatur. Denn ist seinem Roman geht es nicht nur um
Jazz. Er baut sein System aus Anspielungen und literarischen Orten auf wie die Bebopper ihre
Themen, ein Kunstgeflecht, das sich immer mehr von der vorgegebenen Realität abhebt und
in die Unwägbarkeiten der Lüfte entschwebt, da, wo auch die Ätherwellen zu Hause sind, die
man nur um Mitternacht in den Dachkammern von Leipzig-Leutzsch für kurze Momente
erhaschen kann. „I play for musicians only“, „ich spiele nur für Musiker“: der vielzitierte
Ausspruch Gillespies, drückt die Außenseitersituation des Beboppers aus – er wird als
Künstler nur von Künstlern verstanden. Fries’ Texte schlagen denselben Weg ein.
Zitator:
Vor dem Peterstore neben der Kirche spannt’ er seine azotenen Flügel aus.
Autor:
Tatsächlich, Arlecq fliegt. Aber er fliegt wie der Luftschiffer Giannozzo bei Jean Paul.
Zitator 2:
Vor dem Peterstore neben der Kirche spannt’ ich meine azotenen Flügel aus. Aber ich strecke
meine Arme dank-betend gegen dich aus, göttliche Sonne, und danke dir, daß ich dir näher
bin und ferner von den Menschen, sowohl von den Sachsen als von allen anderen!
Autor:
Jean Paul ist nur einer der Autoren, die im Assoziationsnetz von „Oobliadooh“ aufscheinen.
Fries zitiert wie nebenbei fast alle Manifeste der literarischen Avantgarde. Der Satz „Bebop
ist da und wird bleiben“, mit dem Paasch Arlecq begrüßt, verweist auf die Ursprünge der
Dada-Bewegung in Zürich. Lautréamont, die Nähmaschine auf dem Operationstisch, Marcel
Duchamp – alles geht drunter und drüber, und schließlich wird auch Benjamins „Engel der
Geschichte“, der in weißer Kreide auf der Straße zu erkennen ist, vom Reifen eines
vorbeifahrenden Autos mitgenommen und getilgt. Fries war, als er an „Oobliadooh“ schrieb,
noch nicht einmal Dreißig, aber er hatte die verfemten Autoren alle gelesen, Proust natürlich,
die Surrealisten, und vor allen Dingen alle möglichen exzentrischen Spanier. Der Roman
beginnt mit einem „Südlichen Vorspiel“, und das klingt so, als hätte der Autor zur fraglichen
Zeit nicht im schütteren Ostberlin gesessen, sondern in Paris im Quartier Latin oder in Madrid
mit dem Geist Garcia Lorcas korrespondiert:
6
Zitator:
Dieser Sommer südlich der eigenen Stadt. Arlecqs Blick reicht weiter als über Dächer, die
gesunken im Meer liegen, verstreut, einzeln auftauchend, Blick aus der Mansardenkammer
für fünf Mark erstanden durch Quittung beim Reisebüro. Er hatte den bibliophilen Blick, der
reicht durch Jahrtausende, begrenzt sich an den Seiten des Quartformats: Las flores del
romero nina Isabel hoy son flores azules manana seran miel. Er könnte sie Isabel nennen. Sie
hieß aber Maria Dolores te mueves mejor que las olas. Der Refrain des Liedes ging ihr nach
wie ein schlechter Ruf. Und bibelfest waren wohl nur noch die Großmütter der Emigranten.
Autor:
Fritz Rudolf Fries ist am 19. Mai 1935 in Bilbao als Sohn eines deutschen Kaufmanns
geboren. Seine Großmutter war eine Spanierin, die bis an ihr Lebensende kein Wort Deutsch
sprach – obwohl sie 1941, mitten in den Kriegswirren, mit der Familie nach Leipzig
übersiedelte. Dort wuchs Fries auf, doch sein spanischer Hintergrund blieb prägend und ließ
ihn in einem rein sächsischen Umfeld ziemlich auffallen.
O-Ton 9: 23’35-24’25:
Die Großmutter kam nach Leipzig, weil sie dort drei Töchter hatte, also meine Mutter und die
beiden Schwestern. Die ältere Schwester hatte schon vor dem Krieg nach Leipzig geheiratet.
Zwischen den beiden Familien entstand so eine spanische Kolonie. Die Familiensprache
musste Spanisch sein, um die Großmutter nicht draußen zu lassen. Und das hat mir viel
gegeben, weil ich ja zwar in beiden Sprachen als Kind eingeführt wurde. Das Spanische,
natürlich durch den Zwang mit der Oma Spanisch reden zu müssen, dann mehr gegeben hat,
als man das einfach so als Kind hat.
Regie :
Musik, Massey Hall: Perdido, Anfang
Autor (auf Musik):
Das „Südliche Vorspiel“ ist im „Weg nach Oobliadooh“ ein Sehnsuchtsraum, und der Name
Isabel drückt ihn aus – Arlecq trifft sie in Dresden, das von Leipzig gesehen zwar nicht
unbedingt südlich liegt, aber mit seinem Beinamen „Elbflorenz“ der schnöden Handels- und
Messestadt doch etwas voraus hat.
O-Ton 10: 25’36-25’57:
Die Möglichkeit, quasi von der einen in die andere Sprache auszuweichen – emotional, oder
in der Familie – das ist ganz reizvoll gewesen. Hat mir auch eine Art von Fremdsein, von
Fremdbleiben gegeben.
Autor:
Isabel in Dresden und die Jazzekstasen mit Paasch in Leipzig, das liegt ungefähr auf derselben
Wellenlänge, und es hat mit der DDR scheinbar überhaupt nichts zu tun. Doch ach, die
Realität greift auch im „Weg nach Oobliadooh“ aus. Man kann nicht immer darüber
hinwegsehen, dass man im DDR-Alltag sein Dasein fristen muss. Zuerst trifft es Paasch.
Seine Realität heißt Brigitte. Sie will die Ehe und einen Mann, der einen ordentlichen Beruf
hat.
Regie:
Musik, Anfang „All the things you are“ (Massey Hall)
Zitator:
7
Eine schlankere Hand versucht die Lautstärke zu regulieren, zu mindern, damit von der
Zukunft gesprochen werden kann, denn Liebe will eine Zukunft haben. Paasch aber findet
Genüge an der Gegenwart, baut lieber Mauern um sie, daß sie nicht hinauswächst in die
Zukunft. Doch schon tritt sie über die Ufer, etwas geschieht. Bud Powell findet sich nicht
zurecht, das Thema ist ihm entglitten, man merkt, wie hier sich einer abmüht, quält, in den
Abgrund schaut, in den er getrieben wird.
Regie:
Musik, Bud Powell, Massey Hall, Klavierstelle in Hot House oder A Night in Tunisia.
Autor:
Paasch hat Brigitte versehentlich an der Ostsee geschwängert, das fordert seinen Tribut. Und
Arlecq geht es nicht besser. Es gibt zwar Isabel in Dresden, doch dann zeigt sie ihm plötzlich
einen Pass und verschwindet nach Paris. Aber es gibt auch die blonde, blasse Anne, die ihm
immer näherrückt und die letztlich doch eher das Realitätsprinzip verkörpert als die
glutäugige Schwarze. Allein der Unterschied, was die Haare der beiden Mädchen anbelangt!
Über Isabel heißt es:
Zitator:
Ihr Haar schlängelt den Nacken hinab, tänzelt bis auf die Knöchel in der Bewegung ihres
lautlosen Gangs.
Autor:
Aber dann:
Zitator:
Anne, das Mädchen mit dem im Nacken verknoteten Haar und dem blassen Gesicht, kam
nach Hause, lud ihn ein, zu Besuch zu kommen, nach Grüneiche.
Autor:
Von dem Schlängeln und Tänzeln der Haare zum Verknoteten: das ist die Entwicklung des
Romans. Arlecq und Paasch, die beiden Commedia dell’arte-Figuren, bewegen sich weg von
der Kunst, weg vom Jazz und hinein in die DDR. „Der Weg nach Oobliadooh“ ist auf diese
Weise ein sarkastischer Kommentar zu einer neuen Parole, die Anfang der sechziger Jahre an
die Literatur ausgegeben wurde: „Ankunft im Alltag!“ Arlecq und Paasch kommen im Alltag
an, in der herunterregulierten Lautstärke, im Verknoteten, der eine landet im
Alkoholikerheim, der andere im Irrenhaus, und als sie wieder herauskommen, schmerzt es sie
eher, wenn sie Jazz hören. Sie lesen und schreiben danach auch realistischer. „Der Weg nach
Oobliadooh“ hat viele Facetten. Es gibt keinen vergleichbaren Roman der DDR, der sich so
souverän und behende über alle Vorgaben hinwegsetzt und sie umspielt.
O-Ton 11: 3’55-4’08:
Eines meiner letzten großen Erlebnisse war ein Auftritt des Modern Jazz Quartet in Berlin –
und dann war natürlich die Mauer da und der Jazz rückte in weite Ferne.
Regie:
Musik. (Etwas Langsames, Charlie Parker „Lover Man“) Länger stehenlassen, um einen
Szenenwechsel einzuleiten.
Autor: (zuerst auf Musik)
Petershagen, ein Ort im Niederbarnim. Spärlich bewachsene Senken und kleine Wellen, die
8
von Berlin nach Osten hin auslaufen, locker hingewürfelte Häuser, wo altgewordene
Plastikstühle und Holzbänke viel Regen aufgenommen haben und Wochenendstimmung. Und
am Bahndamm von Petershagen liegt ein kleiner Weiher, er ist in den Sandboden eingebettet
und weist auf größere nordische Seen und Kiefern voraus. Fritz Rudolf Fries hat in einer
seiner Prosaskizzen beiläufig beschrieben, wie sich hier die S-Bahn-Gleise verlieren,
heimgeholt werden von einer vergessenen Landschaft, in der keine Hochhäuser die Abende
verdunkeln und die Dämmerung sich zwischen die leeren Felder und Flachbauten setzt.
Zitator:
Es wächst Gras diesseits von Lichtenberg.
Regie:
Musik. (Langsam, getragen. Wieder Lover Man.)
Autor:
Fries hat sich hier auf paradoxe Weise in die DDR zurückgezogen. Nach dem „Weg nach
Oobliadooh“ verlor er seine Stelle an der Akademie der Wissenschaften und schlug sich vor
allem als Übersetzer durch. Eine Ausreise in den Westen war zu dieser Zeit, 1966, noch nicht
denkbar; erst im Laufe der siebziger Jahre gab es für unbotmäßige Schriftsteller verschiedene
Optionen dieser Art. Und Fries war nicht berühmt, er war kein großer Name – sein Roman
war auch für das bundesdeutsche Literaturverständnis allzu unkonventionell und ästhetisch zu
sehr aufgeladen. So richtig passte „Oobliadooh“ in keine Zeit, weder in die im Osten noch in
diejenige im Westen. Es ging um die Rettung durch die Kunst, und nicht um eine politisch
eindeutig zu interpretierende Haltung. So blieb Fries in Petershagen sitzen, im Hintergrund
das dunkel suggestive Altsaxophon Charlie Parkers, und er spann weiter an den
lateinamerikanischen Literaturen wie am spanischen Ritterroman. Und er nahm sich ein
Beispiel an Jean Paul. Dessen Quintus Fixlein sah es nach großen Höhenflügen als das
Vernünftigste an,
Zitator 2:
gerade herabzufallen ins Gärtchen und da sich so einheimisch in eine Furche einzunisten, daß,
wenn man aus seinem warmen Lerchennest heraussieht, man keine Wolfsgruben, Beinhäuser
und Stangen, sondern nur Ähren erblickt.
Autor:
Petershagen, das Lerchennest des Fritz Rudolf Fries. Er brauchte diesen Ort kaum zu
verlassen, um in der Welt zu sein – an den Wänden, in den Regalen, im Kopf: sich ständig
entziehende Welten, nur zu bannen auf dem Papier.
O-Ton 12: 37’12-38’54:
Es ist merkwürdig, dass sich in diesen Vororten oder in diesen Halbdörfern gerne Leute
ansiedeln, die irgendeine Theorie entwickeln oder irgendetwas Metaphysisches bis hin zur
Sektenbildung überdenken. Es gab hier in Petershagen einen leider verstorbenen guten Freund
von mir, der war Maler und Arzt, Otto Zestermann. Der ganz merkwürdige Ansichten äußerte,
zurückgezogen lebte und ein Modell für mich war, wie man mit wenig Geld und ohne eine
feste Anstellung sich durchbringen kann und seine Sachen weiterbetreiben kann. Für eine
Zeitlang hatten wir einen sehr guten Kontakt. Ich hab es bewundert, wie er und seine Frau, sie
waren längst noch keine Rentner, sich über Wasser halten konnten. So gibt es im
Verborgenen eine Reihe voll von seltsamen Existenzen, die natürlich in der Abgeschiedenheit
sich entwickeln kann. Die nicht die Verführung haben, die ein Leben in der Großstadt doch
immer hat.
9
Regie:
Musik, Billie Holiday (langsam: Passion Flower oder Gloomy Sunday)
Autor:
Fries übersetzt das Jahrhundertwerk von Julio Cortázar, „Rayuela“, er schreibt zahllose
Nachworte zu Büchern aus dem hispanischen und lateinamerikanischen Raum, die für sich
genommen fast schon eine kleine Literaturgeschichte darstellen, und ehrt in einem fast schon
identifikatorischen Aufsatz den großen kubanischen Autor José Lezama Lima. 1969 erscheint
auch ein schmaler, unscheinbarer Band mit Erzählungen von Fries in der DDR: „Der
Fernsehkrieg“. Das ist ein anderer Ton als der „Oobliadooh“-Ton. Es geht um kleine Prosa
aus dem Alltag und um Geschichten aus dem Leipzig der Nachkriegszeit. Sie tarnen sich
dadurch, dass sie fast so daherkommen wie kleine Miniaturen aus dem sozialistischen
Realismus.
O-Ton 13: 31’35-33’11:
Das ist natürlich der bekannte Schritt vom Ich zum Wir. Oobliadooh war ist ein subjektiver
Roman, das ist ganz klar. Mit einem zweiten Buch ist die Erfahrung, die man gewonnen hat,
so groß nicht, dass man auf der Strecke des Ich weiterschreiben könnte. Ein Experiment in
Rollenprosa, dachte ich, war schon gegeben. Was sicher dahintersteckt auch ist natürlich: die
Prügel, die ich bekommen habe nach Oobliadooh. Ich hab meine Arbeitsstelle verloren, ich
war eine Zeit mit Arbeitsverbot (das Wort gab es nicht, aber die Wirkung war dieselbe)
belegt, und in den Westen zu gehen war 1966 noch nicht üblich, das hätte nicht funktioniert.
Ich war an der Akademie der Wissenschaften, diese Karriere war abgebrochen durch
Rausschmiss. Und wenn ich weiterschreiben wollte, musste ich einen Weg finden, ohne mich
zu prostituieren, mal etwas anzubieten. Da entstehen diese Geschichten, zu denen ich heute
doch noch eigentlich stehe. So eine Sache wie der Fernsehkrieg, der den Krieg in Vietnam
meint, das ist nicht verjährt.
Regie:
Musik, leise, lateinamerikanisch angehaucht (Dizzy Gillespie)
Autor: (auf Musik)
1974 taucht in einer Erzählung wieder Arlecq auf, und er hat sich der „Fernsehkrieg“Situation angepasst. Er ist offenkundig von Leipzig nach Berlin gezogen, weg aus der
Provinzstadt in die Hauptstadt, wie er sinniert, aber er zieht es vor, auch die Hauptstadt eher
von außen zu betrachten.
Zitator:
Ich wollte eine Stadt erobern, nun streicht ein Palmenblatt über mich hin.
Autor:
So richtig sozialistisch-realistisch sind diese Prosastücke, die Fries nach „Oobliadooh“
schreibt, aber gar nicht. Der Autor wurde nach wie vor ziemlich skeptisch beäugt – immerhin
war er ein Paradebeispiel dafür, was in den Hochzeiten des Stalinismus als
„Kosmopolitismus“ wütend verdammt wurde. Fries’ Horizont war weiter als der, den man in
der DDR gewohnt war, und das war zwischen den Zeilen immer mal wieder zu erkennen.
Schon, dass er als Weintrinker galt, machte ihn verdächtig. Immer wieder taucht das magische
„Weinrestaurant Ganymed“ am Bahnhof Friedrichstraße in Fries’ Texten auf, ein ziemlich
zwiespältiger Ort. Denn Wein war in der DDR-Literatur eigentlich verpönt. In Hermann
Kants DDR-Legitimationsschrift „Die Aula“ heißt es systemstabilisierend so:
10
Zitator 2:
Robert hatte sich angewöhnt, zwischen denen zu unterscheiden, die 'bei einem Glas Bier'
sagten und denen, die 'eine Flasche Wein' dafür in Aussicht nahmen, und er hatte sich
vorgenommen, die Weinleute zu meiden, nicht nur, weil er ein Glas Bier immer noch jedem
Wein vorzog, sondern vor allem, weil er argwöhnte, Leute, die Wein für das angemessene
Getränk bei einem solchen Gespräch hielten, könnten nicht mehr die alten Kumpel sein.
Autor:
Fritz Rudolf Fries hingegen schrieb den Roman „Alexanders neue Welten“, und da heißt eine
der beiden Hauptfiguren Ole Knut Berlinguer: ein Lebemann, dessen Freude an sinnlichen
Genüssen allzuoft mit den Realitäten des sozialistischen Staatswesens kollidiert. Besonders
ärgert er sich über das Weinangebot selbst in den exklusiven Delikat-Läden:
Zitator:
Alles Biertrinker, entschied Berlinguer, die dieses Zeug einkaufen, das nach Kirschsaft mit
Weinhefe schmeckt.
Autor:
Bier macht plump, dumpf und arbeitsam. Es lähmt die Wahrnehmung und bringt den
einzelnen dazu, sich übergeordneten Strukturen zu fügen. Das wurde in der
Frühindustrialisierung in England, wo der Proletarier sich als Nahrungsaufnahme an der
Maschine betrank, wie im Sozialismus der DDR ausgenutzt. Nach dem stimulierenden Genuß
des Weines muß dagegen noch irgendetwas kommen. Da ist das Blut ins Kreisen geraten und
verlangt nach mehr, da gerät etwas ins Uferlose, nicht außer Kontrolle: das Feurige des
Weines bewirkt eine Entgrenzung. Da entweicht Sichergeglaubtes. Kein Wunder, daß
Hermann Kant, eingebunden in eine Sicherheit versprechende Proletarier-Ideologie, davor
zurückschreckt. In der DDR wurde alles dafür getan, die Eigendynamik des Weines zu
verhindern. Fries hat darunter immer sehr gelitten.
O-Ton 14: 56’18-56’38:
Es gab allerdings – das ist das Problem – es gab nicht genug guten Rotwein. Das ist heute
mein Verhängnis, die vielen Rotweinsorten. (...) Im berühmten Ganymed gab es auch nur
zwei, drei Rotweinsorten.
Zitator:
Ein glas klirrt die flasche ist leer hier schließe ich mit freundlichen grüßen dein ganz
ergebener übrigens willis conover sendet auch über langwelle
Regie:
Musik, In the land of Oo-bla-dee.
Autor:
Die Zeit nach „Oobliadooh“, das waren die Mühen der Ebene. Sie hielten lange an. Mehr als
ein Dutzend Jahre nach seinem himmelstürmenden Erstlingsroman schreibt Fritz Rudolf Fries
in einem Porträt der Stadt Leipzig:
Zitator:
In den Zimmern, wo wir Hemingway und Benn lasen, Diderot und Cervantes, Francoise
Sagan und Charles Morgan, Joyce und Proust, Kafka und Malaparte, geben heute die Mütter
des Leutzscher Stadtbezirkes ihre Kinder ab.
11
Autor:
Untergründig aber rumort etwas. Wenn etwas so angefangen hat, lässt es sich nicht auf Dauer
zurückdrängen. „Alexanders neue Welten“ erscheint 1983, und es ist der definitive DDRRoman von Fries: Mit ihm erreicht er wieder die ästhetische Höhe des „Wegs nach
Oobliadooh“, angereichert von den Ernüchterungen des Alltags und Familienlebens. Ole Knut
Berlinguer ist eine gewaltige Phantasie, die die DDR-Verwalter nicht nur wegen ihrer
ungeheuren Sinnlichkeit irritierte, sondern auch deswegen, weil der verhasste Freund von den
italienischen Eurokommunisten genau diesen Namen trug: Enrico Berlinguer. Dass ihn Fries
auch noch mit einem skandinavischen Vornamenduo ausstattet, begründet er im Roman zwar
mit komplizierten Familienkonstellationen, aber natürlich war diese europäische
Weitläufigkeit vor allem ein Schlag ins Gesicht der DDR-Oberen. Zudem betreut Berlinguer,
spät nachts im Programm von DDR 2, eine Sendung über Jazz. Und da packt er aus. Es ist fast
so wie bei Arlecq und Paasch. Gemeint ist immer die DDR.
Zitator:
Und wenn es ihm die Produzentin nicht anstrich, beklagte sich O.K. über all die Versuche,
den Jazz weißer und weißer zu färben, ihn zu einem Jedermanns Ausdruck zu machen, ihn
aufzuklären und mit den Chemikalien aus Hotelküchen, Intershops und Musikschulen zu
verdünnen. Und verabschiedete sich mit Salt Peanuts, Massey Hall.
Regie:
Musik, Salt Peanuts, nur die kurze Schluss-Sequenz.
O-Ton 15: 4’20-4’34:
Ich habe selber in den siebziger Jahren ein paar Mal im DDR 2-Radio, das war ja der
Vorläufer der heutigen Kulturradios, Jazz-Sendungen gehabt. Mit der grotesken Erinnerung,
dass ich in den meisten Fällen Platten mitbringen musste, die ich wiederum auf wenigen
Westreisen durch den Zoll geschmuggelt habe.
Regie:
Musik, Billie Holiday, Passion Flower
O-Ton 16: 17’54-18’18
Ich habe sehr gern gemacht Billie Holiday, da konnte man die Texte auch ein bisschen
interpretieren oder deuten, ich habe gemacht Miles Davis (...) – viel Blues. Charlie Christian,
den Gitarristen. Swing weniger.
Regie:
Musik: Billie Holiday, Passion Flower
O-Ton 17: 19’01-19’08:
Für mich bleibt einfach – Billie Holiday ist eine der ganz großen Interpretinnen des Jazz.
Regie:
Musik, Billie Holiday, Passion Flower
Autor:
In „Alexanders neue Welten“ tritt wieder ein Doppelgespann auf, im guten alten romantischen
Sinn, wie bei E.T.A. Hoffmann oder bei Jean Paul. Die Figuren heißen jetzt nicht mehr
Arlecq und Paasch, sie sind erwachsen geworden: neben Ole Knut Berlinguer agiert Dr.
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Alexander Retard. Dieses Doppelgängermotiv, die Aufspaltung der Hauptperson in zwei
literarische Erscheinungsformen ist eine bewährte frühbürgerliche Finte. Sie hat in der
Geschichte der Sekundärliteratur den gesamten Hass von Georg Lukács über Alfred Kurella
und Kurt Hager bis hin zu Marcel Reich-Ranicki auf sich gezogen: derlei literarische
Verselbständigungen sind bei den Ideologen des Kleinbürgertums und des gesunden
Menschenverstands nie gut gelitten. Berlinguer ist ein mit allen Wassern gewaschener
Weltenbummler und Frauenvernascher. Retard hingegen arbeitet bei der Akademie der
Wissenschaften der DDR, immer im Dienst der Aufklärung und der sozialistischen
Menschengemeinschaft. Der Autor Fritz Rudolf Fries aber – der steht irgendwo dazwischen.
O-Ton 18: 1’04’01-1’04’17
Literatur ist ja doch immer eine Aufspaltung der eigenen Person in verschiedene Figuren. Da
hast du’s natürlich einfach – dann kannst du immer dem einen das geben, was du als eine
Stimme als Autor dir nicht zu sagen getraust.
Autor:
Berlinguer ist seit einer ominösen Flugzeugentführung verschollen und taucht auch nie mehr
in einem späteren Roman von Fritz Rudolf Fries auf. Dr. Alexander Retard aber gibt
Berlinguers Geschichte zu Protokoll und wird ab jetzt in jedem Roman von Fries in
irgendeiner Weise sein Unwesen treiben. Die Dialoge der beiden ungleichen Brüder in
„Alexanders neue Welten“ gehorchen keinem Filmdrehbuch, sie sind eher in den Labyrinthen
von Jorge Luis Borges oder in der sagenhaften Bibliothek von Alexandria zu Hause.
Zitator:
Ein wenig mehr Sprachkritik, lieber Aufklärer, auch an deiner Sektion, vielleicht daß wir
dann wieder zusammenkämen.
Gut, daß uns hier keiner hören kann, sagte Retard. Man könnte denken, du hättest mit Mach
gefrühstückt oder mit André Glucksmann dein Bier getrunken.
Oder mit Foucault im Irrenhaus gesessen, sagte Berlinguer.
Autor:
Dass so etwas in der DDR gedruckt wurde, zeigt mehr von der Absurdität des Systems als
etliche hehre Feldstudien. Denn wo gab es dort schon Bücher von Ernst Mach? Oder von
André Glucksmann? Oder gar von Foucault?
Regie:
Musik. Thelonius Monk. (z.B. Ruby, My Dear. Szenenwechsel. Länger stehenlassen)
Autor:
Wenn Berlinguer seine nächtliche Jazzsendung im Radio moderiert, überlegt er sich seine
Stücke sehr genau. Das Auflegen einer neuen Platte, das ist immer wieder
Zitator:
die suche nach einer neuen qualität, Thelonius Monk, der von den zinnen des Empire State
Building in die tiefe springt und nicht springt und dann die feuerwehrleiter nimmt, zwei, drei
stufen auslassend.
Regie:
Musik: Thelonius Monk, z.B. Crepuscule with Nellie.
O-Ton 19: 21’27-22’21:
13
Beim Jazz ist da ja immer eine Nähe zur Sprache, zur Literatur, zu einem Gespräch. Du hast
eine Gruppe von sechs Musikern, die unterhalten sich praktisch. Jeder sucht den richtigen
Ton, den richtigen Ausdruck. Bei Monk, dieses Danebentreffen ist unheimlich reizvoll. Das
gibt ja einen kubistischen Effekt, wo dann mehrere Seiten – im Kubismus werden gleichzeitig
mehrere Seiten eines Gesichts oder einen Gegenstands dargestellt. Hier sucht die Musik auch
durch Annäherung etwas zu erreichen, was natürlich weit weg gehen will von einer
langweiligen Schönheit. Vollkommenheit ist immer doch fragwürdig.
Autor:
Thelonius Monk nimmt die Feuerwehrleiter. Das ist nicht nur ein treffendes Bild für das
schleppende, verquere, allen Gesetzen der Harmonik und Rhythmik trotzende Klavierspiel
von Thelonius Monk. Die Wendung von den feurigen Bebop-Stößen des Trompeters Dizzy
Gillespie hin zu den schwer verhangenen Läufen von Monk entspricht dem sich langsam
verändernden Lebensgefühl in der DDR. Natürlich will man auch in den frühen achtziger
Jahren noch alles. Aber man kriegt es immer schwerer.
Regie:
Musik: Thelonius Monk, Crepuscule with Nellie.
Autor:
1976 kommt eine entscheidende Zäsur in der Biographie von Fries. Es war die Zeit, in der er,
nach zehn Jahren Taktieren, Ausweichen und Lavieren – was in den Akten nachzulesen eine
ziemliche Qual ist – dann doch den „Pakt mit dem Teufel“ schloss, wie er es nennt. Er ließ
sich endgültig auf die Stasi ein, die ihn seit 1966, der Veröffentlichung des „Wegs nach
Oobliadooh“, bearbeitet hatte. Den Ausschlag gab wohl, dass Fries dadurch zum ersten Mal
wieder nach Spanien reisen konnte. In den Stasi-Akten von Fries nehmen die Berichte über
seine Auslandsreisen den größten Raum ein: Hunderte von Seiten mit Auskünften über die
politische Situation des Gastlandes, über die Presse und die Strukturen der Öffentlichkeit.
Meist sind das Extrakte dessen, was ohnehin in den Tageszeitungen stand. Es gibt von Fries
keine schriftlichen Berichte. Er sprach mit seinem Führungsoffizier, der die Gespräche auf
Tonband mitschnitt und dann in seiner Amtsstube zusammenfasste.
O-Ton 20: 40’01-41’14:
Das ist einfach eine Entwicklung, die zehn Jahre gebraucht hat, mich da zu Fall zu bringen.
Ich will’s mal anders ausdrücken. Es war eine gewisse Neugier: Was sind das für Leute? Was
wollen die? Hinzu kam natürlich die Kehrseite der Isolation in Petershagen. Ich war nicht in
der Partei, ich war damals noch nicht im Verband, nicht im PEN – ich hatte also keinen
großen Kontakt zur Kulturpolitik. Und diese Möglichkeit, etwas unter die Decke zu gucken,
die haben mir die Genossen von der Staatssicherheit natürlich absichtlich gewährt. Und es
war nicht ein Spiel, was ich in der Hand hatte. Wer mit dem Teufel frühstücken will, der
braucht einen langen Löffel. Den hatte ich nicht. Also ich bin heute noch davon überzeugt,
dass ich mich einigermaßen wacker geschlagen habe.
Regie:
Musik: Thelonius Monk, Crepuscule with Nellie.
Autor:
Thelonius Monk nimmt die Feuerwehrleiter. Das ist eine sehr verwickelte Geschichte.
O-Ton 21: 41’29-41’53:
14
Es ist grotesk: ich bin, glaube ich, der einzige DDR-Autor, der es geschafft hat, seinen
Führungsoffizier – und ich bin ja nicht der einzige, der mit der Stasi zu tun hatte – zu
beschreiben in einem Roman. Was bei Erscheinen des Buches großes Aufsehen erregt hat:
weil es ja eine Art von Dekonspiration war, man war ja wiedererkennbar.
Autor:
In „Alexanders neue Welten“ taucht eine Figur namens Piet Hagen auf. Piet Hagen – dieser
Mann kommt aus Petershagen, dem verdämmernden Ort im Niederbarnim, den sich Fritz
Rudolf Fries als sein Jean Paulsches Lerchennest auserkoren hat, das hört man schon am
Namen. Und so ähnlich, mit einem spanischen Akzent nämlich, mit Pedro Hagen, hat Fritz
Rudolf Fries Mitte der siebziger Jahre seine Einwilligung unterschrieben, als IM für die Stasi
zu arbeiten.
Zitator:
Die Tatsache, dass ich (Dr. Alexander Retard) später so genau anzugeben wusste, wer mit
wem und wann und zu welcher Stunde wo zusammengesessen war, irritierte einen Mann wie
Piet Hagen. Heute kann ich zugeben, dass ich auch nicht alles wusste. Und was der Genosse
Hagen von mir wissen wollte, als ich in seinem Büro saß, vor der mit Fähnchen abgesteckten
Weltkarte, bestärkte mich einmal mehr in dem Vorhaben, Berlinguers Nachlass zu ordnen und
zu bestimmen. Denn Hagens Neugier, sozusagen auf Minute und Sekunde wissen zu wollen,
wann die unsterbliche Marquise aus dem Haus gegangen war, schien mir in seinem Falle
absurd. (...) Vor Hagen sagte ich immer weniger, es hätte mir gefehlt, ausgerechnet von ihm
den Auftrag zu bekommen, dieses Manuskript herzustellen. Er sollte sehen, wo er seine Akten
herbekam. Wie er da an seinem aufgeräumten Schreibtisch saß, immer die Ruhe selber, der
polierte Kahlkopf leuchtete, ein noch jugendlicher Mann mit einer Glatze wirkt immer wie
von einem anderen Stern“.
Regie:
Musik: In the land of Oo-bla-dee
Autor:
Im Jahr 2002 hat Fritz Rudolf Fries seine Erinnerungen veröffentlicht – in einem entlegenen
Verlag, der sich auf eine verschmockte DDR-Nostalgie spezialisiert hat und höchstens ein
paar Nischen zwischen zusammengefalteten Sofakissen in Plattenbauten erreicht. Nach dem
Bekanntwerden seiner Stasi-Geschichte winkten die größeren literarischen Verlage ab. Fries’
Erinnerungen heißen „Diogenes auf der Parkbank“. Solch eine Bank findet sich im Garten des
Autors: aus knorrigem Holz rund um einen Walnussbaum; es ist das erste, was man sieht,
wenn man die Tür zum Garten geöffnet hat. Die Parkbank, sie kehrt leitmotivisch wieder, sie
spielt im frühen Leipzig der fünfziger Jahre eine zentrale Rolle, im Clara-Zetkin-Park gegen
Ende des Studiums, als sich alles im Ungefähren zu verlieren droht, aber auch an
exzentrischen Orten wie Paris oder Moskau.
Regie:
Musik, Billie Holiday, Passion Flower
Autor:
Fries leidet unter einer seltenen Knochenkrankheit, er ist kleinwüchsig und geht mittlerweile
an Krücken. Die Parkbank, das Innehalten in den großen Städten, die Ruhe im Sturm – sie ist
nicht nur eine ästhetische Größe, sie geht aus seinem Alltag hervor.
Regie:
15
Musik, Billie Holiday, Passion Flower
Autor:
„Oobliadooh“, das war ein Niemandsland. Und mitten in diesem Umschlag, von einer
unerreichbaren Utopie in ein immer enger werdendes Lerchennest, in dem man doch nicht so
unbeobachtet war, wie es den Anschein hatte – im Jahr 1978 schrieb Fries eine kleine
Erzählung. Sie heißt „Rausch im Niemandsland“ und überführt das Unwirkliche der DDR in
eine fulminante Nicht-Handlung. Da betrinkt sich ein einsamer Reisender, schwankend
zwischen Ost und West, auf dem exterritorialen Gelände des Bahnhofs Friedrichstraße mit
Intershop-Alkohol. Ein prägnanteres Bild für die Definition des DDR-Schriftstellers ist nie
gefunden worden.
Zitator:
Als ich an die Tür will, sehe ich mich schwanken. Wankend rolle ich übers Niemandsland, die
kahle preußische auszementierte Weite, spanische Reiter in der Attacke und dazwischen ein
Wassergraben, und werde bewegt und kann nicht verlorengehen. Denn zwei uniformierte
Schutzengel, die mich unschlüssig haben einsteigen sehen, haben herübertelefoniert, und als
ich zögernd fremden Boden betrete – Heine, here I come! singe ich in der, wie ich meine,
richtigen Sprache - , fassen mich zwei Schutzengel sanft, aber nachdrücklich an, geben mir so
ein Gefühl von Kumpanei, haken sich bei mir unter, ich bei ihnen, und hast du nicht gesehen
tragen sie mich zurück ins Abteil des ausfahrenden Zuges, und eh’ ich mich umschauen kann,
bin ich auf der anderen Seite, die meine Seite war und wieder ist, und falle denen in die Arme,
die solidarischen Parolen türkischer Gastarbeiter in den Wind schlagend, stolpere und werde
zurückgeschoben, ein Missverständnis, denn sicher hat man inzwischen herübertelefoniert,
entkomme ins nächste Abteil, fahre und werde gefahren, halte meinen Pass mit den vielen
richtigen Stempeln hoch, rezitiere allen mein Gedicht Willkommen und Abschied, und frage
mich, aus welchen Paradiesen mich diese Engel, die so verdammt ähnlich grinsen, denn
immerzu vertreiben wollen.
Regie:
Musik: In the land of Oo-bla-dee
Autor:
Die Idylle ist trügerisch geworden. Die S-Bahn fährt weiter nach Petershagen, aber sie ist
schneller geworden. Das Fremde hat seine Pflöcke eingeschlagen, unübersehbar. Am Weg,
den Giebelsee entlang, da wo die Buden mit „Backwaren“ und „Fleischwaren“ standen, sind
jetzt nur noch Baracken auszumachen, mit verschmierten, dumpfen Fensterscheiben. Und der
„Pappelwirt“, der an der Kreuzung stand und mit seinen Bockwürsten und seinem Bier
biedermeierliches Behagen verströmte, steht da nicht mehr, mitsamt seinen Pappeln. Wie ein
gestrandetes Raumschiff erheben sich hier die Betonfertigteile eines Supermarktes, und um
die Kurven sausen die neuen Autos, die die Pflastersteine unter sich hinwegzufegen scheinen.
O-Ton 22: 22’16-22’36:
Vollkommenheit ist immer doch fragwürdig. Wenn ein Roman aufgeht wie ein Puzzle, dann
stimmt irgendetwas nicht. Da müssen noch ein paar Fäden am Ende zu sehen sein, die der
Leser oder der Hörer dann in die Hand bekommt.
Zitator:
Tempus fugit, sagte Retard und legte entgegen seinen Gewohnheiten eine Platte von Ornette
Coleman auf: The Monk And The Nun.
16
Regie:
Musik, Thelonius Monk: Ruby, My Dear
Autor:
Fritz Rudolf Fries ist immer ein Spieler gewesen, und er spielte ernsthaft, wie es nur ein
Bebopper kann. Er war eine Zeitlang berühmt. Da rissen sich die westdeutschen Feuilletons
um ihn. „Alexanders neue Welten“, zeitgleich in beiden deutschen Staaten gedruckt, erhielt
überall große, begeisterte Rezensionen. 1990 bekam Fries den Bremer Literaturpreis, der
immer als die Vorstufe zum Büchner-Preis galt, dem renommiertesten deutschen
Literaturpreis – zwei drei Jahre noch, ein Roman, und kein Weg mehr hätte an ihm
vorbeigeführt. Doch daraus wurde nichts. Auf einen Schlag wollte kein Feuilleton mehr etwas
von ihm wissen. Der Fall Fries ist ein Lehrstück für das Verhältnis von Ästhetik, Moral und
Medien. Das Skandalon war, dass Fries sich äußerst trotzig zeigte. Wie die Medien sich als
Hüter der Moral begriffen, war für ihn eine schlechte Komödie. Nicht nur das verbindet Fries
mit Heiner Müller. Doch dessen Fähigkeit, sich eine schlechte Komödie virtuos anzueignen
und sich in ihr zu bewegen, war Fries versagt.
O-Ton 23: 1’00’05-1’00’56:
Ein Anlass zu schreiben ist immer eine private Verletzung. Man schreibt, um sich zu
orientieren, man schreibt, um eine Verletzung im Schreiben zu heilen. Die Anlässe kommen
primär aus dir selbst, aus dem privaten Wollen. Aus einer Hilflosigkeit, die man behielte,
wenn man nicht schreiben würde. Schreiben ist eine Krücke! Und da ich sowieso nicht mehr
laufen kann, brauche ich also die Bücher mehr denn je, um da zu sein.
Zitator:
Wie Proust sah auch der um eine Generation jüngere José Lezama Lima den Roman als eine
totale Gattung, lebendiger als die Kritiker, die ihn totsagten, ein Medium wie ein Schwamm,
fähig, das Leben des Autors im doppelten Sinn aufzusaugen, seine Erfahrung wie seine
Energie mitzunehmen.
Autor:
2004 erschien Fries’ Roman „Hesekiels Maschine oder Gesang der Engel am Magnetberg“.
Der Prophet Hesekiel aus dem Alten Testament spielt eine entscheidende Rolle, Dantes
„Göttliche Komödie“ mit ihren Vorstellungen von Hölle und Paradies taucht auf, und
unversehens befinden wir ins im berüchtigten Hotel Lux, dem Moskauer Hotel der
Emigranten zur Stalinzeit – ein wahrer Hexentanz der Allegorien ist das, ein rauschhaftes
Treiben, das sich alle erdenklichen Epochen und Stile einverleibt. Und es gibt vor allem
Engel, die irgendetwas mit einem Geheimdienst zu tun haben. Sie führen die Hauptfigur
Daniel Abesser in immer neue Versuchungen. Er merkt ziemlich schnell: Das Moskauer Hotel
Lux ist die Hölle. Doch oben, im sechsten Stock, befindet sich auch das Paradies. Ganz am
Ende des Romans kommt er in seine Nähe. Die Tür geht auf, und zwei Dienstengel führen ihn
hinein:
Regie:
Musik (das folgende Zitat unterlegen mit Billie Holiday, Passion Flower)
Zitator:
Und so geschah es, wir luden ihn ein, in zwei Musiker verwandelt, die auf die Gelegenheit
eines gigs warteten, indes ihre Kollegen im Halblicht auf der Bühne spielten, hinter Schwaden
von Tabakrauch und in den leisen Passagen in ihrer Musik beinahe zugedeckt von den
unbekümmert geführten Gesprächen am Tisch, die ein Ostinato waren, durchaus anregend
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gedacht wie die ständige Begleitung auf dem Schlagzeug, unterbrochen oder gesteigert durch
das Klirren eine zerbrochenen Glases, das Aufschlagen der Bestecke auf einem geleerten
Teller und der unerwartet in die Höhe steigenden Spirale eines Lachens, das auch das der
Sängerin sein konnte, die auch heute auf ihre Gardenie im Haar nicht verzichtet hatte und
deren abgezehrter Körper unmöglich diese Stimme beherbergen konnte, die stammelte wie
ein kleines Mädchen und dann wieder stöhnte wie eine auf den Wogen der Lust reitende
Geliebte, und die ihre Kollegen animierte, aus ihren Trompeten und Saxophonen, Gitarren
und Bässen die letzten Geständnisse herauszupressen, die sie der Sängerin und uns machen
wollten, an diesem Abend und dann nie wieder.
Regie:
Musik, Billie Holiday, Passion Flower.
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