Denkformen des Mythos

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Vom Mythos zum Logos1 – ein brauchbares Schlagwort?
Um den Werdegang des griechischen Denkens zu charakterisieren, bedient man sich
nicht selten dieser knappen Formel. Wie jede schlagwortartige Vereinfachung birgt
auch diese die Gefahr des Missverständnisses und der einseitigen Verkürzung in sich.
Lange Zeit galt doch der Mythos als Vorstufe zum rationalen Denken und wurde von
den Philosophen (und noch mehr von den Naturwissenschaftern) dementsprechend
gering eingeschätzt. Zu sehr war man von den eigenen Denkformen, mit denen sich
unbestreitbar großartige Erfolge erringen ließen, eingenommen. Erst durch die
Relativierung des modernen Weltbildes und durch die Kritik an der einseitigen (oft
zerstörerischen) Sicht der Welt und des Menschen schenkt man dem Mythos wieder
gebührende Beachtung.2
Der entscheidende und folgenschwere Umbruch im Denken und im Verständnis der
Wirklichkeit, welcher sich mit dem Beginn der vorsokratischen Philosophie vollzog,
wird allerdings nur verständlich, wenn wir uns zunächst die wesentlichen Merkmale
einer vom Mythos geprägten Weltauffassung vergegenwärtigen.
Auch der Mythos stellt bereits eine komplexe und rationale Form der Welterklärung
dar und darf innerhalb der Entwicklung des menschlichen Bewusstseins keineswegs
als primitive, gleichsam „praelogische“ und urtümliche Phase angesehen werden. 3
Längst hatten sich die Menschen mit Hilfe der Sprache von einer Bewusstseinsform,
die wesentlich vom „Hier und Jetzt“ geprägt war, zu distanzieren begonnen. Dieser
durch die Sprache bedingte Abstand vom unmittelbaren Erleben der Wirklichkeit
ermöglichte es, Erinnerungen wach zu halten, Phänomene zu erklären und erste
generelle Weltdeutungen4 zu versuchen.
Für diese mythische Form des Weltverständnisses lassen sich einige Merkmale
angeben:
1. Der Mythos ist vor allem und zuerst mündlich tradierte Erzählung (μῦθος =
Wort, Erzählung). Die Handlungsträger sind Lebewesen mit personenhaften
Zügen (Götter, Menschen, Tiere). Hauptakteure sind Götter, besonders
auserwählte Menschen und Helden. Diese Erzählungen sind von großer
1
So lautet der Titel eines vielbeachteten Werkes von W. Nestle, das seit seinem Erscheinen im Jahre 1940
vielfach neu aufgelegt wurde.
2
Einen entscheidenden wissenschaftlichen Impuls gab dazu das Werk Kurt Hübners „Die Wahrheit des
Mythos“, München 1985. Etwa parallel zur Neubewertung des Mythos im Bereich der Philosophie erreichen
auch Nacherzählungen und andere Formen der literarischen Rezeption auf dem Büchermarkt unerwartet hohe
Auflagezahlen. In der bildenden Kunst und der Psychoanalyse erfreute sich der Mythos dagegen ständiger
Wertschätzung.
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In der Kulturentstehungstheorie, die der gefesselte Prometheus (im gleichnamigen Drama des Aeschylos)
darlegt, wird der Mensch von ihm aus dem Dunkel der Höhle, das heißt aus dem vorbegrifflichen Bewusstsein
hinausgeführt ins Licht. Der Mensch, zuvor „sehend und doch nicht sehend, hörend und doch nicht hörend“
beginnt dank der Hilfe des Gottes die Zusammenhänge zu erkennen, zu benennen und sich so in der Welt
Abhilfe zu schaffen. Vgl. dazu das oft zitierte Wort Kants „die reine Anschauung ohne Begriffe ist blind.“
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Ich denke dabei z. B. an die großen Erzählungen des Vorderen Orients
Derndorfer Heribert
Vom Mythos zum Logos – einbrauchbares Schlagwort?
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Anschaulichkeit geprägt, der Mythos ist eine Art „Sprechen, Berichten und
Deuten“ innerhalb von Szenen und Bildern.5
2. Das mythische Denken versucht durch das Verstehen des sichtbaren und
anschaulichen Einzelfalles das zunächst Unbegreifliche, Unsichtbare und Ferne
zu erfassen. Vergleiche, Gleichnisse und Denken in Analogien können somit
als weiteres Merkmal angesehen werden.6
3. Dieses Denken in Analogien, in Projektionen und Reprojektionen lässt sich
noch etwas feiner ausdifferenzieren und mit Beispielen erhellen:7
Technomorphe Analogien:
Die Frage, wie denn etwa die Sonne ihre Bahn ziehen könne, wie sie im Westen
untergehen und im Osten wieder neu aufgehen könne wird durch das Bild einer
Fahrt über das Himmelsgewölbe bzw. einer Schifffahrt im Ozean analog zur
(von der menschlichen Techne erfundenen) Wagenfahrt erklärt. Der plötzlichen
Tod (ohne äußere Einwirkung) lässt sich mit der Rede von den unsichtbaren,
aber wie sichtbare wirkenden Pfeilen Apolls oder der Artemis verstehen.
(Analogien vom Näheren zum Ferneren, vom Sichtbaren zum Unsichtbaren)
Anthropomorphe und (z.T.) theriomorphe Analogien:
a) Soziomorphe Analogien: Wie die Städte (πόλεις) auf der Erdscheibe von
Menschen mit all ihren Schwächen bewohnt und verwaltet werden, so wird
auch der gesamte Kosmos von göttlichen Mächten regiert und durchwaltet.
Wie bei den Menschen gibt es bei den Himmlischen verschiedene Formen
der Sozialisation wie. z.B. Hierarchien, Versammlungen, Zuteilungen von
Aufgaben, Ehe etc.
b) Thymomorphe Analogien:
Götter können wie Menschen voll des Zornes sein, von
Liebesleidenschaften erfasst, von Trauer überwältigt werden, sie spielen
etwas salopp ausgedrückt mit denselben emotionalen Registern wie wir.
Blitze, Meer- und Erdbeben, das Erwachen des Frühlings etc. werden so
verstehbar.
Einerseits werden bei dieser Art, Welt zu erklären, fernerliegende oder
unsichtbare Vorgänge durch eine Projektion verständlich gemacht,
andererseits werden durch eine Rückprojektion z.B. Einwirkungen aus dem
Kosmos oder wirkmächtige, aber unsichtbare Prozesse verstehbar gemacht.
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Dieser bildhafte und szenische Charakter des Mythos macht ihn u. a. auch für die Rezeption in der
darstellenden Kunst, dem Theater und dem Film so geeignet.
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vgl. dazu etwa die homerischen Dichtungen, besonders die Ilias!
7
Ein dazu grundlegendes Werk verfasste E. Topitsch (aus der Position eines radikalen Aufklärers) unter dem
Titel „Vom Ursprung und Ende der Metaphysik“, Wien 1958. (Auf seine Terminologie und Ausführungen
beziehe ich mich in den folgenden Zeilen)
Derndorfer Heribert
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4. Die Übergänge zwischen dem Sicht- und Unsichtbaren, Belebtem und
Unbelebtem sind fließend, die Grenzen zwischen Göttern, Menschen und
Tieren nicht unüberwindlich, Kontakte zwischen Göttern und Menschen
durchaus üblich, der Fortlauf der Welt wird eher als Verwandlung, nicht als
(evolutionärer) Prozess verstanden. Der Mensch ist nur Teil der Weltordnung,
die ganze Welt ist von Göttern durchwaltet und daher gewissermaßen ein
„locus sacer“. Das „Eingreifen in Welt“ wird stets als potentielle Verletzung
göttlicher Sphären verstanden. Jegliches Handeln (Jagen, Ernten, Kriegsführung
etc.) muss stets mit Respekt und Rücksicht auf diese „heilige Ordnung“
begangen werden. Verletzungen dieser Ordnung werden konsequent und oft
grausam geahndet. Mit Opferhandlungen, Bitt- und Dankgebeten, Segens- und
Verwünschungsformeln und einem Verhalten, das den Göttern gefällt, versucht
man des Geschehen der Welt zu beeinflussen und die Götter günstig zu
stimmen.
5. Im Mythos begegnet uns eine Bewusstseinsform, die sich noch nicht auf ein
reflexives ICH focussiert hat. Viele psychische und mentale Vorgänge, die wir
heute im ICH - Bewusstsein ( oder noch präziser im Gehirn) lokalisieren, haben
in den homerischen Dichtungen noch ihren Platz in anderen
Körperorganen8oder werden noch als außerhalb des Körpers befindlich
wahrgenommen und im Bereich der Götter und daimonischer Kräfte
angesiedelt.9
Der Erzähler als Künder göttlicher Wahrheit ist noch nicht zum distanzierten
Betrachter geworden, die Welt bietet in ihrer Göttlichkeit viel Wunderbares zum
Schauen und Erzählen. Staunen ist auch dem homerischen Menschen (wie eben
den ersten Philosophen) eine vertraute psychische Reaktion, radikale Skepsis
gegenüber tradierten Antworten aber, tiefe Erkenntnisnot, die eben aus dem
Zusammenbruch der „alten Erzählungen“ entstanden ist, kühnes Fragen und eigene
Beobachtungen, die zu einem völlig neuen Aufbau des Weltverständnisses
zwingen, werden erst ein Merkmal der vorsokratischen Denker sein. Dieses Ringen
um Erkenntnis der Wirklichkeit, das Entwickeln eigener Begriffe und Theorien, die
Ich denke etwa an Ausdrücke wie φένες, θυμός, ἦτορ, κῆρ, κραδίη etc. Gerade in schwierigen und kritischen
Momenten befiehlt plötzlich der Thymos zum entschlossenen Handeln oder treibt ein Daimon zur Tat. Hierher
gehört natürlich auch die zunächst als befremdlich empfundenen Formeln wie „Muse, künde mir ...“. Der
Dichter empfindet sein Künden noch als Rede der Göttin, er ist nur das Sprachrohr für das göttliche Wissen.
Viele seelische und mentale Vorgänge werden bei Homer also noch in der 3. Person ausgedrückt, die im Laufe
der Fokussierung des Ich - Bewußtseins in die erste Person übergeführt werden. Schöne Beispiele für diese
Intensivierung des Ich-Bewusstseins findet man nicht nur bei den vorsokratischen Philosophen, sondern auch in
der frühen Lyrik.
9
Eine interessante Darlegung dieser Problematik findet sich etwa bei Julian Jaynes, Der Ursprung des
Bewusstseins, Hamburg 1997, S 88 ff. und 311 ff. [rororo Sachbuch 9529]. Das in englischer Sprache bereits
1976 erschienene Werk des anerkannten Princeton-Professors gehört m.E. trotz manch umstrittener Punkte zu
den interessantesten und originellsten Werken zum Themenkreis „Entwicklung des Bewusstsein“. Für die
Entwicklung innerhalb Griechenlands ist Bruno Snells „Die Entdeckung des Geistes“ (Studien zur Entstehung
des europäischen Denkens bei den Griechen), Göttingen 1986 6 , mittlerweile längst zum unverzichtbaren
Klassiker geworden.
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Relativierung menschlicher Einsicht und ethischer Normen sowie die
Schwierigkeit, feste Bezugspunkte zu finden, werden von nun ab zum ständigen
Begleiter für jeden, der sich in intellektuell redlicher Weise um Wissen und
Einsicht bemüht. In diesem Sinn wird man bei diesem für die Geschichte des
Menschen folgenschweren Umbruch tatsächlich von einem Paradigmenwechsel
sprechen können.
Das Gefühl, weitgehend fremdbestimmt und nur Teil eines größeren
Gesamtzusammenhangs zu sein wird nun zumindest teilweise verdrängt durch das
Bewusstsein der Autonomie in der Erkenntnis, der Selbstbestimmung im Handeln
und des eigenen Gestaltungswillens.10 Von sich aus und auf sich gestellt muss der
Mensch von nun ab seinen Fragen Antwort geben11.
Dieser Weg wird, wenn auch mit Unterbrechungen und nicht immer mit derselben
Radikalität seit Beginn der Philosophie beschritten. Große Chancen, aber auch
ungeheure Bedrohungen liegen in dieser „anthropozentrischen Freiheit“, die
weitgehend mit der Überwindung des Mythos verbunden ist.
Für den Verfasser dieser Zeilen stellt sich die Frage, ob nicht eine Rückbesinnung
auf manche Momente des Mythos die eine oder andere seelische Not, noch mehr
aber die kollektive Bedrohung, die uns aus unserem eigenen ungehemmten
Handlungspotential12 erwächst, zum Besseren wenden könnte. Dass wir diese
bewusste Selbstbescheidung des Menschen verbunden mit der Offenheit zur
Neuorientierung als notwendend und heilsam erkennen können, ist freilich
wiederum ein Merkmal des λόγος13. Hier also zeigt sich die reflexive Struktur
unseres aufgeklärten Bewusstseins, und wir werden, wie immer wir es auch
anstellen wollten, dem λόγος nicht mehr entlaufen können und der Zugang zum
Mythos wird in Zukunft nur mehr auf einer Metaebene möglich sein.
Wir werden, soweit wir als Kulturgemeinschaft existieren wollen, in Zukunft nie
mehr in unseren Diskursen auf das Argument, auf das von uns erworbene Wissen,
auf von uns im offenen Dialog entworfene Wert- und Verhaltensmuster verzichten
können. Die Vorsokratiker haben dafür das entscheidende Fundament gelegt. So
verstanden, kann man das Fragezeichen am Beginn des Abschnittes getrost dem
Cursor und Returntaste anvertrauen.
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Der Mythos vermittelte dem Menschen noch das Gefühl, seinen festen Platz im Kosmos zu haben, in einer
Ordnung zu stehen, die nicht vom ihm definiert ist, ein Wissen zu besitzen, das nicht bloß ein Meinen ( do/koj )
darstellt, ein Wissen von der Welt, das weit mehr als irgendeine noch so kluge Theorie, eben Ausfluss göttlicher
Offenbarung ist. Mit dem Heraustreten aus dieser Welt beginnt natürlich auch die oft zitierte Entzauberung des
Kosmos und eine Entfremdung gegenüber der zum Objekt gewordenen Welt und gegenüber sich selbst.
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Die entscheidende Phase der sogenannten Aufklärung fand also bereits in der Zeit der Vorsokratiker statt.
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Die Griechen kannten dafür den Begriff der ὕβρις.
13
Wenn uns schon der Gott von Delphi entschwunden zu sein scheint, so sollten wir wenigstens noch den
Nachhall seines Spruches, der uns zur Selbsterkenntnis auffordert, vernehmen.
Derndorfer Heribert
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