Rede Scheffelpreisträger

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Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Lehrerinnen und Lehrer,
Und vor allem liebe Abiturientinnen und Abiturienten,
Über was soll ich bloß sprechen? Gleich nach Freude und ein bisschen Stolz war dies
der erste Gedanke, als mir mitgeteilt wurde, dass ich die Ehre haben würde am Abend
der Zeugnisverleihung die Scheffel-Preis Rede zu halten. Über was soll ich bloß
sprechen? Scheffel-Preis, heißt das: ich muss jetzt über Literatur sprechen? Es geht
ja um die Leistungen im Fach Deutsch, heißt das: ich muss jetzt anfangen öffentlich
Kafka oder Kohlhaas zu interpretieren? Immerhin, das habe ich in den letzten zwei
Jahren so unheimlich oft gemacht, es wäre bestimmt gut geworden.
Aber nach langem Überlegen, wie ich dieser Rede gerecht werden kann, bin ich am
Ende beim Offensichtlichen angelangt: dem Abitur. Ich möchte meine Rede darüber
halten, was es für mich, vielleicht für uns heißt oder heißen kann, jetzt endlich hier zu
stehen, nach 12, und zum letzten Mal 13 Jahren Schule, mit unseren Zeugnissen in
der Hand und dem Abi in der Tasche.
Denn was bedeutet dieses Abitur? Ende eines Lebensabschnitts, Ende der
vorgeschriebenen Regeln und der bekannten schulischen Strukturen. Ende mit einer
Sicherheit. Ende mit der Sicherheit genau zu wissen was wir machen sollen oder
besser sollten. Es gibt nun niemanden mehr, der uns sagt, was wir lernen müssen,
was wir können müssen, auf was es ankommt. Obwohl, auf was kommt es denn
überhaupt an im Leben? Kommt es wirklich darauf an besonders gute Noten zu
haben? Kommt es wirklich darauf an seine Leistungen von Dritten bewerten und
messen zu lassen? Kommt es allein auf ein gutes Abitur an? Ich denke, die Frage ist
unmöglich zu beantworten. Denn jeder muss am Ende selbst herausfinden auf was es
im Leben ankommt. Eine passende Antwort wäre vielleicht: auch. Es kommt auch auf
gute Leistungen und Noten an, aber bestimmt nicht nur.
Wir haben jetzt Zeit Antworten auf diese Fragen zu finden. Antworten auf die Frage
was unser Leben bestimmt. Worauf es ankommt. Denn Abitur bedeutet auch
Neuanfang. Es bedeutet Freiheit. Es bedeutet Eigenverantwortung. Es bedeutet
Selbstständigkeit. Es bieten sich uns hunderte Möglichkeiten. Uns stehen mit unserem
Abitur nun wirklich viele Türen offen. Eine Sache, die wunderschön aber irgendwie
zugleich auch ein bisschen erschreckend ist.
Warum erschreckend? Ulrich Beck, Professor für Soziologie in München prägte die
Begriffe Risikogesellschaft und Bastelbiographie. Nach dem Abitur haben wir jetzt die
Möglichkeit uns unsere Biographie, unseren Lebensweg, selber zu basteln. Wir
entscheiden wer wir sein wollen. Was wir studieren, was wir später arbeiten wollen.
Lange wurde jungen Menschen, auch nach dem Abitur, gesagt was sie zu tun und zu
lassen hatten. Vielleicht hatte die Familie einen Betrieb der übernommen werden
sollte, oder die Eltern bestimmten den Studiengang, überhaupt gab es einfach auch
weniger Möglichkeiten als heutzutage. Der Mensch hatte Traditionen, Werte und
Regeln die ihm sagten wie er sich benehmen, wie er leben sollte.
Im letzten Jahrhundert hat sich dies allerdings sehr stark geändert. Es wird von
Werteverlust gesprochen, Traditionen werden nicht mehr so geachtet und geschätzt
wie früher einmal. Die Gesellschaft ist globaler, offener, freier geworden und wir
haben mehr Möglichkeiten. Jeder von uns kann jetzt entscheiden, was er machen will
und wird. Nie zuvor hatten wir eine so große Freiheit. Nur mit Freiheit ist es oftmals
schwer umzugehen.
So fliege ich im Oktober für sieben Monate nach Neuseeland, reisen und einfach mal
Pause machen. Aber lange, wirklich lange habe ich überlegt, ob das das Richtige ist.
Die Gesellschaft gibt einem im Leben bis zur Rente fast nie wieder Zeit einfach mal
ein Jahr „Pause“ zu machen. Ein Jahr seine Wünsche zu erfüllen, ungebunden von
Schule, Studium, Ausbildung und Beruf. Ich wusste, dass ich diese Zeit nach dem
Abitur nutzen will, um ins Ausland zu gehen. Andere sind zu anderen Schlüssen
gekommen. Dennoch musste jeder von uns überlegen, hatte mehrere Optionen offen,
war so frei wie noch nie.
Und hier wird klar was Ulrich Beck mit Risikogesellschaft meint: unsere Gesellschaft
bietet so viele Optionen und Möglichkeiten, dass es auch mal sein kann, dass man
das Falsche wählt. Dass man sich unsicher über das ist, was man will.
Das Falsche. Unsicherheit. Begriffe die heutzutage leider häufig keinen Platz mehr in
dem Menschenbild unserer Gesellschaft finden. Der Mensch hat zu funktionieren, er
hat zu wissen, was er will und soll gefälligst gut sein in dem was er tut. Geld
verdienen, Leistung bringen. Das sind Maximen unserer Gesellschaft. Aber warum?
Warum sind dies die Ziele von so vielen Menschen?
Ich denke das liegt an einem stark ausgeprägten Verlangen nach Sicherheit. In Zeiten
der Globalisierung, der Finanzkrise, der größten Unsicherheit sucht jeder Mensch vor
allem nach etwas Festem. Nach Etwas, dem er Vertrauen kann. Nach Sicherheit.
Häufig wird diese durch das Geld geliefert. Wir sichern uns finanziell möglichst für
jeden erdenklichen Fall ab. Dann können wir ruhig sein.
Manchmal reicht Geld aber nicht um uns sicher zu fühlen, um zu fühlen, dass wir das
Richtige machen. Was ist, wenn wir nicht funktionieren? Was ist wenn wir die falschen
Entscheidungen treffen? Was, wenn mal kein Geld da ist, das uns Sicherheit gibt?
Was wenn ich jetzt nach dem Abi lieber was anderes machen sollte? Wenn ich
anfange zu studieren und mir fällt dann auf, dass es nichts ist? Was dann?
Wir können uns nie sicher sein, das Richtige zu tun. Wir verändern uns, die Welt
verändert sich. Angesichts der vielen Möglichkeiten die wir haben besteht nun mal das
Risiko den falschen Weg zu gehen. Wir haben die Qual der Wahl.
Was ich uns allen aber wünsche, ist, dass wir dennoch das Richtige finden. Das geht
aber nur, wenn wir den Mut haben auszuprobieren. Wenn wir den Mut haben vielleicht
auch Fehler zu begehen. Akzeptieren, dass wir uns unsicher sind. Denn ich würde
behaupten, fast niemand weiß in Allem und immer was der richtige Weg ist, zumindest
ist mir noch nie so jemand begegnet.
Wir haben nämlich nicht nur die Qual sondern vor allem die Wahl! Endlich haben wir
die Wahl zu tun was wir möchten. Das Abitur eröffnet uns unheimlich viele
Möglichkeiten und ich finde das großartig. Es mag manchmal schwer und
erschreckend sein sich unsere Optionen bewusst zu machen. Freiheit kann
einschüchternd sein, aber wenn es gelingt einen Schritt zurück zu treten, sieht man
auch das Glück das wir haben. Das Glück hier, heute Abend unsere Zeugnisse für
unser bestandenes Abitur zu erhalten. Das Glück frei entscheiden zu können was wir
machen wollen, ohne eine Regierung, oder gesellschaftliche Dogmen die uns
einschränken. Wir haben das Glück wachsen zu dürfen. Uns ausprobieren zu dürfen.
Uns kennen lernen zu dürfen. Und wenn wir Fehler machen, wenn etwas nicht klappt,
wenn wir vielleicht nicht die erforderte Leistung bringen, wünsche ich jedem von uns,
nicht nur den Abiturienten, das Gefühl, dass es Menschen gibt, Familie, Partner,
Freunde die uns lieben so wie wir sind. Unabhängig von Leistungen, Taten oder
Fehlern die wir begehen. Einfach so, ohne Gegenleistung. In Zeiten der
Risikogesellschaft und Bastelbiographien ist dies eine Sicherheit, die mehr zählt als
alles Geld. Ich wünsche uns, dass wir mit diesem Bewusstsein im Rücken den Mut
haben eigene Wege zu gehen und unabhängig von Erwartungen Dritter das zu tun
was für uns das Richtige ist.
So. Mann o Mann. Jetzt ist das alles hier doch so ernst geworden. Ich habe mir die
Rede natürlich schon vor heute Abend etliche Male durchgelesen und dabei ist mir
aufgefallen das ich dann doch manchmal sehr emotional wurde. Wahrscheinlich liegt
das daran wie wichtig mir die Sache ist. Wie wichtig irgendwie die ganze Sache Abitur
ist. Und wie wichtig mir dieser Moment dann doch ist. Der Abschied von der Schule,
von diesem Lebensabschnitt.
Und wahrscheinlich auch daran wie dankbar ich bin. Dankbar, das Abi geschafft zu
haben, dankbar die Rede endlich geschrieben und gehalten zu haben, es hat dann
nämlich leider doch länger gedauert als erwartet und erhofft, und dankbar dass auf
mich, auf uns, jetzt eine Zeit der vielfältigen Möglichkeiten und der Freude wartet. Und
natürlich bin ich auch meiner Schule hier, dem Raphael dankbar und ich denke, hier
spreche ich im Namen von allen, die hier heute Abend ihre Zeugnisse erhalten haben.
Danke an die Lehrerinnen und Lehrer, die es ermöglicht haben, dass wir unser Abitur
geschafft haben und die dafür gesorgt haben, dass wir gerüstet sind für das was jetzt
folgt, und eben nicht nur durch Leistungsabfrage, sondern auch durch Wertschätzung
auf menschlicher Ebene. Ich weiß wir hatten es nicht immer leicht mit Ihnen und Sie
nicht leicht mit uns, aber wie Charly Chaplin in der Rede zu seinem 70. Geburtstag
schon so schön sagte: „Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen,
Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten, denn sogar Sterne
knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist
das Leben!“
In diesem Sinne fürchte ich mich mal nicht vor denjenigen unter Ihnen die vielleicht
Probleme wegen der völlig übertriebenen Länge meiner Rede haben. Eine
Angewohnheit die ich noch nicht ganz ablegen konnte, schon in Deutschaufsätzen
hatte ich zur Freude meiner Lehrer immer ein Händchen für völlig überzogene
Romane. Deshalb einen umso größeren Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Und ganz zuletzt der Dank an die Wichtigsten heute Abend, an euch Stufe Abi 2012!
Ihr habt die bisher anstengendsten Jahre meines Lebens zu meinen besten
gemacht! Ich werde mich immer an die legendären Stufenpartys, die Einkehrtage, die
Wienfahrt und einfach an die beiden Hammer Jahre mit euch erinnern! Ich habe die
Zeit mit euch in vollen Zügen genossen und freue mich drauf heute Abend, morgen
beim Abiball und hoffentlich auch noch in Zukunft mit euch unser Abi, unsere Zukunft
und unser Leben zu feiern! Ich wünsche euch allen von ganzem Herzen alles, alles
Gute!
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